{"id":103141,"date":"1995-09-19T06:10:59","date_gmt":"1995-09-19T04:10:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103141"},"modified":"2022-05-29T16:54:37","modified_gmt":"2022-05-29T14:54:37","slug":"die-zehnte-muse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/09\/19\/die-zehnte-muse\/","title":{"rendered":"Die zehnte Muse"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen. Der Zeitzeuge Erich M\u00fchsam \u00fcber eine Anthologie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie zehnte Muse\u00ab ist der Titel einer Anthologie humoristischer Gedichte und Chansons, die es zu au\u00dferordentlich hohen Auflagen brachte, und mit der Maximilian Bern sich selbst und vielen jungen Dichtern einen guten Platz in der deutschen Literatur zu sichern suchte. Bern war regelm\u00e4\u00dfiger Gast bei den \u00bbKommenden\u00ab und im Caf\u00e9 des Westens. Er hatte den sehr sympathischen Ehrgeiz, als F\u00f6rderer der j\u00fcngsten Generation in die Literaturgeschichte einzugehen, und erw\u00e4hnte man nur irgendeinen bekannten oder Bekanntheit pr\u00e4tendierenden Dichternamen vor ihm, so konnte man mit Sicherheit h\u00f6ren: \u00bbDen hab&#8216; ich doch entdeckt!\u00ab Mir war Maximilian Bern nicht sehr gewogen, und von meinen Versen hat keiner in seiner dickleibigen Sammlung Aufnahme gefunden; aber daran trug ich selbst die Schuld. Als mich n\u00e4mlich der Allerweltsprotektor einmal aufforderte, ich solle ihm doch Gedichte zur Pr\u00fcfung einsenden, gab ich ihm die patzige Antwort: \u00bbLassen Sie das man, Herr Bern, \u2013 ich entdecke mich selbst.\u00ab Es war vielleicht recht t\u00f6richt von mir, dem durchaus uneigenn\u00fctzigen braven Mann die Freude zu verderben, mich in die Herde aufzunehmen, die auf seinem Ruhmesanger weiden durfte, und es ist wohl m\u00f6glich, da\u00df Berns F\u00f6rderung mir manche Schwierigkeit erspart h\u00e4tte. Sicher ist, da\u00df meine dichterischen Spr\u00f6\u00dflinge, soweit sie von der zehnten Muse gewiegt wurden \u2013 und das sind diejenigen, <a id=\"page61\" title=\"Evo\/gary\" name=\"page61\"><\/a> welche ihrem Erzeuger nahrhaftere Dankbarkeit erweisen als die zarten Sch\u00f6nheiten elegischer Sehns\u00fcchte \u2013, (statt des einfachen Weges vom Buch zur \u00f6ffentlichen Kritik den komplizierteren gehen mu\u00dften: vom Vortrag \u00fcber die \u00f6ffentliche Kritik zum Buch. Zum Gl\u00fcck war ein Podium, von dem aus meine Humoristika und Satiren ausgespritzt werden konnten, in den sich als dernier cri der Moderne eben etablierenden Kabaretts vorhanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem \u00dcberbrettl, mit dem Ernst von Wolzogen 1901 der zehnten Muse die erste \u00f6ffentliche Trib\u00fcne in Deutschland schuf, bin ich selbst noch nicht zu Worte gekommen. Doch verkehrte ich viel und gern in dem K\u00fcnstlerkreis, der seinen Mittelpunkt im Wolzogen-Theater in der K\u00f6penicker Stra\u00dfe hatte, sa\u00df bei jedem neuen Programm im Parkett und sah in dem vom Architekten Endell mit chinesisch anmutenden Drachenornamenten verzierten Bau zum erstenmal auch hinter die Kulissen eines Theaters. Die Pers\u00f6nlichkeiten, die mit Tanz, Gesang und Rezitation abends bis elf Uhr in Biedermeiertracht das Publikum erfreuten, sa\u00dfen h\u00e4ufig nachher noch bis drei oder vier Uhr nachts am K\u00fcnstlertisch im Caf\u00e9 des Westens mit den alln\u00e4chtlichen Stammg\u00e4sten beisammen, und dort debattierten wir \u00fcber Kunst und Kultur, \u00fcber Theaterdirektoren und Buchverleger, \u00fcber politischen und pers\u00f6nlichen Klatsch. Der Bildhauer Max Kruse, immer w\u00fcrdig und zugekn\u00f6pft, predigte statt der ethischen die \u00e4sthetische Kultur; sein lustiger Bruder, der Maler Oskar Kruse, am\u00fcsierte sich \u00fcber die Witze des Architekten Ernst Rossius-Rhyn, der sich selbst kurz \u00bbdas Ro\u00df\u00ab, und Wolzogens sp\u00e4tere Frau, die mit ihren Liedern zur Laute uns alle begeisternde Elsa Laura Seemann, \u00bbdie essigsaure Lehmann\u00ab nannte. Das \u00dcberbrettl war durch Ernst von Wolzogen selbst, durch Hanns Heinz Ewers, Robert Koppel, Bozena Bradsky, den Komponisten <a id=\"page62\" title=\"Evo\/gary\" name=\"page62\"><\/a> Oscar Straus und andere vertreten. Manchmal kam auch Arthur Pserhofer an den Tisch, und dann wurde in der f\u00fcrchterlichsten Weise \u00bbgepserhofert\u00ab, d. h. seine Spezialit\u00e4t, sich mit der zehnten Muse zu vergn\u00fcgen, ge\u00fcbt; denn es war zu einer wahren Epidemie geworden, den bekannten Pserhoferschen Vorbildern nachzueifern: \u00bbEs gehen mehr Leute ins Theater hinein als hineingehen\u00ab \u2013 oder: \u00bbEs gibt im Menschenleben Augenblicke, wo es im Augenblicke Menschenleben gibt\u00ab usw. Unter den regelm\u00e4\u00dfigen Tischgenossen nenne ich noch den Kunstkritiker Fritz Stahl, den Turgenjew-\u00dcbersetzer Theodor Comichau, Wilhelm Meyer-F\u00f6rster, dessen \u00bbAlt-Heidelberg\u00ab damals den gewaltigsten Theatererfolg erlebte, zu dem es je ein deutsches B\u00fchnenwerk gebracht hatte. Meyer-F\u00f6rster kam meistens mit seiner jungen, liebensw\u00fcrdigen, sehr klugen und anmutigen Frau, und als dann ganz unerwartet die Nachricht kam, da\u00df Elsbeth Meyer-F\u00f6rster nach kurzer Krankheit gestorben war, blieb auch der Gatte fort, und es lag lange der schmerzliche Druck der Verwaistheit \u00fcber dem Caf\u00e9haus-Stammtisch; die Verarmung, die unsere Gesellschaft durch den Verlust Elsbeth Meyer-F\u00f6rsters erlitt, ist nie wieder ausgeglichen worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bed\u00fcrfnis, zur Pflege heiterer Kunst Zusammenk\u00fcnfte zu organisieren, war, seit die \u00dcberbrettl in Mode gekommen waren, allenthalben bemerkbar. In privaten Zirkeln, in der sogenannten Boheme, in den Ateliers wurden Ulkvortr\u00e4ge, Schnellmaler-Produktionen, Brettllieder zur Gitarre und Groteskt\u00e4nze \u00fcblich. Beg\u00fcterte B\u00fcrger erlie\u00dfen Abendbrot-Einladungen nicht mehr blo\u00df an die ber\u00fchmten Heldenten\u00f6re der Oper, sondern auch an junge K\u00fcnstler und Literaten, deren Darbietungen die H\u00f6rer nicht zwangen, ihre Anspr\u00fcche aus Schicklichkeitsgr\u00fcnden gewaltsam in die H\u00f6he zu schrauben, die <a id=\"page63\" title=\"Evo\/gary\" name=\"page63\"><\/a> im saloppen Stra\u00dfenanzug kamen und froh waren, au\u00dfer einem guten Essen und reichlich Wein ein Zehn- oder Zwanzigmarkst\u00fcck als Douceur zu bekommen. Besonders der Maler Paul Haase hatte gro\u00dfes Geschick darin, freundwillige Familien zu derartigen Einladungen anzuregen, den k\u00fcnstlerischen Invasionstrupp zusammenzustellen und uns vorher zu belehren, wie wir uns zu benehmen h\u00e4tten, n\u00e4mlich so ungesellschaftlich wie m\u00f6glich. Ich h\u00f6re ihn noch, wie er mich nach so einem Souper zusammenputzte: \u00bbMensch, du bist nich ordin\u00e4r jenuch; dir kann man ja nirjends mitnehmen!\u00ab Der gute Paul Haase! Er war ein Prachtkerl, ein richtiger Berliner Prolet, der er als bedeutender K\u00fcnstler geblieben war, verl\u00e4\u00dflich und solidarisch als Kamerad in Bruch und Not, \u2013 aber da\u00df er ordin\u00e4r genug war, um sich in jeder Berlin-W-Gesellschaft zeigen zu k\u00f6nnen, das mu\u00dfte ihm der Neid lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der interessante Galan der leichten Muse in unserem Kreise war wohl Donald Wedekind. Ich verkehrte viel mit ihm, noch ehe ich seinen \u00e4lteren Bruder Frank kennenlernte. Manche Nacht habe ich mit ihm in recht verschiedenartiger Gesellschaft durchbummelt. Bald sa\u00dfen wir mit Peter Hille zusammen im \u00bbVierzehntel-Topp\u00ab, einer Destille am Potsdamer Platz, oder im Caf\u00e9 Austria, bald zogen wir mit dem Lyriker Franz Evers, dem polnischen Bildhauer Franz Flaum, einem Freund Przybyszewskis, oder dem gro\u00dfen norwegischen Maler Edvard Munch durch die Friedrichstadt von einer Kneipe zur anderen, bald begegneten wir uns in dem Atelierhaus an der M\u00f6ckernbr\u00fccke, wo Flaum seine an Rodin geschulten d\u00e4monisch-erotischen Skulpturen schuf und wo sich dann gew\u00f6hnlich noch der Redakteur des \u00bbMagazins f\u00fcr Literatur\u00ab Carl Philipps und mein alter Freund, der Stirnerianer Johannes Gaulke einfanden. Bei den von <a id=\"page64\" title=\"Evo\/gary\" name=\"page64\"><\/a> Haase protegierten Veranstaltungen in B\u00fcrgerh\u00e4usern war Donald Wedekind ein vor allen beliebter Gast. Er sang die Chansons seines Bruders zugleich mit dem einschmeichelnd klangvollen Bariton seines Organs und der harten, fast unmodulierten Aussprache seiner schweizerischen Sprechweise, wobei er sich meisterhaft auf der Klampfe begleitete. Die Frauen waren von dem Zauber seines Vortrags v\u00f6llig fasziniert, wozu freilich seine gro\u00dfe schlanke Erscheinung, die hohe Stirn, die st\u00e4hlernen Augen und der geschwungene Mund mit dem herabh\u00e4ngenden blonden Schnurrbart nicht wenig beitrugen. Beim Singen vergn\u00fcgte er sich damit, seine Zuh\u00f6rerinnen nacheinander rot werden zu lassen. Er machte das so, da\u00df er irgendein junges M\u00e4dchen starr ansah, sich immer weiter \u00fcber sein Instrument weg zu ihr vorbog und sie zumal mit den gewagtesten Textstellen der Lieder zu hypnotisieren schien. Das arme Opfer wand sich f\u00f6rmlich unter seinem einbohrenden Blick und wurde schlie\u00dflich puterrot. Hatte er es soweit, wandte er sich einer anderen zu, mit der gleichen, absolut sicheren Wirkung. Donald Wedekind schrieb Novellen mit haarstr\u00e4ubend eindeutiger Laszivit\u00e4t, die er zu B\u00e4ndchen mit den Titeln \u00bbB\u00e9b\u00e9 Rose\u00ab und \u00bbDas interessante Buch\u00ab sammelte. Als diese Hinweise auf den Inhalt nicht mehr zogen, nannte er die dritte Sammlung harmlos \u00bbO, du mein Schweizerland!\u00ab Seine Landsleute, die das Buch in dem Glauben kaufen mochten, darin ihre heimatlichen Berge gepriesen zu finden, werden recht verwundert gewesen sein, als sie die derbsten Geschichten lasen, die auf alle m\u00f6glichen erotischen Scherze, nur nicht auf die Sch\u00f6nheiten der Schweiz Bezug hatten. Dabei war Donald Wedekind nicht nur gl\u00e4ubiger Katholik, sondern sogar fanatischer Eiferer seiner Religion. Sein einziges Werk, das literarischen Wert hat, ist der Bekenntnisroman <a id=\"page65\" title=\"DaoH\/gary\" name=\"page65\"><\/a> \u00bbUltra montes\u00ab. Als er sich 1909 eine Kugel in den Kopf scho\u00df, machte er Ferdinand Hardekopf zum Vollstrecker seines literarischen Testamentes, das von der einzigen Sorge erf\u00fcllt war, dem Roman die Resonanz zu schaffen, die der Verfasser seinem dichterischen Wert und seiner werbenden Kraft sichern wollte. Der religi\u00f6se Fanatismus Donald Wedekinds kam bei den seltsamsten Gelegenheiten und oft in der bizarrsten Weise zum Vorschein. Wir sa\u00dfen eines Nachts im Vierzehntel-Topp beisammen, hatten jeder ein M\u00e4del neben uns, und es ging bei recht viel Alkohol recht ungezwungen zu. Da unterbrach er pl\u00f6tzlich die Unterhaltung und fuhr mich ganz unvermittelt an: \u00bbIch wollte dir schon l\u00e4ngst einmal sagen, wir beide haben im Grunde gar nichts miteinander zu schaffen: du glaubst ja nicht einmal an einen Gott!\u00ab Ich erwiderte ihm kurz mit dem bekanntesten aller Goethe-Zitate und bekam zur Antwort: \u00bbDas kannst du leicht verlangen, aber es schafft deinen Unglauben nicht aus der Welt.\u00ab Dann ging Trinken und Unterhaltung weiter wie zuvor. Wir waren noch oft beisammen, ohne da\u00df dies Intermezzo wieder erw\u00e4hnt worden w\u00e4re. Als ich aber sp\u00e4ter einmal mit Hardekopf in Z\u00fcrich war und Donald Wedekind aufsuchen wollte, lie\u00df er sich verleugnen. Ich reiste ab, ohne ihn gesehen zu haben, erhielt aber tags darauf eine fidele Karte von beiden zusammen. Hardekopf berichtete mir dann, Donald habe ihm erkl\u00e4rt, er w\u00fcnsche mit mir nicht mehr zusammenzukommen. Die Gr\u00fcnde habe er mir vor Jahren im Vierzehntel-Topp auseinandergesetzt. Die Br\u00fcder Wedekind habe ich nur ein einziges Mal zusammen gesehen, das war etwa 1906 in M\u00fcnchen. Auch da ging es vergn\u00fcgt her, bis Donald auch hier die allgemeine Ausgelassenheit mit der ganz zusammenhanglosen Bemerkung unterbrach: \u00bbWir wollen doch \u00fcber alledem nicht vergessen, da\u00df ein Gott im <a id=\"page66\" title=\"Evo\/gary\" name=\"page66\"><\/a> Himmel lebt, welcher \u00fcber unsere Taten wacht &#8230;\u00ab Der Bruder sah ihn von unten herauf ernsthaft und mi\u00dfbilligend an und meinte dann: \u00bbDonald, ich verstehe dich nicht; jeder Mensch geht mit der Mode, jeder Schneider geht mit der Mode \u2013 nur du gehst nicht mit der Model\u00ab Darauf wurde weiter getrunken und weiter gesungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Abends schleppte mich Paul Haase ins Hinterzimmer der italienischen Weinstube von Dalbelli an der Potsdamer Br\u00fccke. Dort hatte der Maler Max Tilke das erste Berliner Kabarett er\u00f6ffnet; wenn ich mich recht erinnere, hie\u00df es: \u00bbZum hungrigen Pegasus.\u00ab Ich traf eine Menge junger K\u00fcnstler, die ich zum Teil schon kannte. Der Raum war mit ulkigen Zeichnungen dekoriert, die Kabarettisten sa\u00dfen mit den aus dem Restaurant nach hinten geeilten G\u00e4sten am Tisch, es gab weder ein Programm noch einen Conferencier. Wer etwas vorzutragen hatte, trat aufs Podium, und nachher wurde eine Tellersammlung vorgenommen, und der Ertrag, sofern er nicht sofort gemeinsam verjuxt wurde, unter den Mitwirkenden verteilt. Diese sorglose Gesch\u00e4ftsgebarung wurde allerdings recht bald durch kaufm\u00e4nnischere Methoden ersetzt. Die Besucher mu\u00dften sich den Eintritt mit einer Mark erkaufen, doch blieb die Honorierung der K\u00fcnstler dieselbe: kameradschaftliche Teilung. Man erfuhr nun aber schon von den gro\u00dfen Einnahmen der Elf Scharfrichter in M\u00fcnchen, es entstanden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Hauptbeteiligten, und da diese Differenzen sich nicht auf die Dinge der Kunst beschr\u00e4nkten, sondern auf Angelegenheiten der Liebe \u00fcbergriffen, konnte eine Spaltung nicht ausbleiben. Georg David Schulz etablierte im Weinrestaurant des Theaters des Westens das Kabarett \u00bbIm siebenten Himmel\u00ab und engagierte neben vielen anderen <a id=\"page67\" title=\"DaoH\/gary\" name=\"page67\"><\/a> auch mich mit einem festen Honorar von f\u00fcnf Mark, einmal in der Woche. Schulz selbst gl\u00e4nzte in allen K\u00fcnsten, dichtete, komponierte und sang seine Vortr\u00e4ge allein, machte den Conferencier und betrieb das Unternehmen als Gesch\u00e4ftsmann. Der Star des Kabaretts war die vom \u00bbHungrigen Pegasus\u00ab mit ausgewanderte spanische T\u00e4nzerin Marietta de Rigardo, nach ihrer Verheiratung mit dem Direktor \u00bbMarietta Schulz de Rigardo\u00ab, sp\u00e4ter Frau Ludwig Thoma, deren Kastagnettent\u00e4nze damals etwas v\u00f6llig Neues in Berlin waren. Im \u00bbSiebenten Himmel\u00ab lernte ich u. a. auch Roda Roda kennen, ferner den Humoristen Johannes Cotta und noch manchen, der so wie ich selbst das zur merkantilen Einrichtung gewordene Kabarett nie als etwas anderes betrachtet hat denn als eine Einkunftsquelle. Ich habe in den vielen Jahren, in denen ich l\u00e4ngere oder k\u00fcrzere Zeit als Kabarettist aufgetreten bin, niemals etwas anderes vorgetragen als Wortspiele und andere Gleichg\u00fcltigkeiten. Die Rezitation ernsthafter Produktion vor einem zahlenden Am\u00fcsierpublikum habe ich stets, auch wenn es ausdr\u00fccklich von mir verlangt wurde, verweigert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfangs 1903 fragte mich Peter Hille, ob ich ihm helfen wolle, ein Kabarett zu gr\u00fcnden, wo er regelm\u00e4\u00dfig seine Dichtungen vortragen und anderen ebenfalls dazu Gelegenheit geben k\u00f6nne. Ich ging mit ihm zu Dalbelli, und in dem Raum, wo Tilke seinen hungrigen Pegasus geritten hatte, produzierte sich nun allw\u00f6chentlich das \u00bbCabaret zum Peter Hille\u00ab. Das war eigentlich keine St\u00e4tte der zehnten Muse. Es war oft ganz gro\u00dfe Kunst, was dort zu Geh\u00f6r kam. \u00dcber Peter Hilles eigene Dichtungen, mit deren Vorlesung er trotz seiner r\u00fchrenden Hilflosigkeit in aller rezitatorischen Technik tief ersch\u00fcttern konnte, braucht hier nichts mehr gesagt zu werden. Wir alle, die wir dort teilnahmen, betrachteten dieses Kabarett als <a id=\"page68\" title=\"DaoH\/gary\" name=\"page68\"><\/a> einen Ort h\u00f6chster k\u00fcnstlerischer Anspr\u00fcche, und Peter Hille hielt selbst streng darauf, da\u00df sein Musentempel nicht von profanen und albernen Produktionen entheiligt w\u00fcrde. Den damals sehr popul\u00e4ren Kabarettisten Danny G\u00fcrtler hat er einmal energisch aus dem Vortragszimmer hinausgeworfen. G\u00fcrtler kam polternd herein, br\u00fcllte mit seiner Riesenstimme: \u00bbHoch der Humor\u00ab! und wollte, den betroffen in seiner Vorlesung innehaltenden Dichter leutselig beg\u00f6nnernd, die Regie des Abends \u00fcbernehmen. Da stellte sich der schm\u00e4chtige Peter Hille breit vor den kolossalen Menschen hin und donnerte ihn an: \u00bbGehen Sie in Ihre Spelunke! Bei uns haben Sie gar nichts zu suchen!\u00ab G\u00fcrtler wollte mit gutm\u00fctigem Lachen einlenken, aber Peter blieb mit ausgestrecktem Finger vor ihm stehen und wiederholte nur immer: \u00bbHinaus mit Ihnen!\u00ab, bis der andere verlegen und besiegt abzog. Im Grunde war das \u00bbCabaret zum Peter Hille\u00ab kein Kabarett; es war nichts anderes als das Postament einer gro\u00dfen Dichterpers\u00f6nlichkeit, die sich um jeden Preis Geh\u00f6r schaffen wollte und in kindlicher Einfalt mit der zartesten melodi\u00f6sen Stimme in eine ganz grobe Trompete blies. Im Fr\u00fchjahr 1904 kam ich von einer l\u00e4ngeren Fu\u00dfreise zur\u00fcck, die ich im Dienste anderer als literarischer Ideen unternommen hatte. Ich ging zu Dalbelli, um vor meiner Abreise in die Schweiz Peter Hille in seinem Kabarett zu begr\u00fc\u00dfen. Dort h\u00f6rte ich, er sei erkrankt und m\u00fcsse diesmal aussetzen. Am anderen Tage schrieb ich ihm, w\u00fcnschte gute Besserung und stellte meine R\u00fcckkehr f\u00fcr den Herbst in Aussicht. Wenige Tage sp\u00e4ter erhielt ich in Lausanne eine Postkarte von Paul Scheerbart mit der Mitteilung, da\u00df Peter Hille gestorben sei. Ein knappes halbes Jahr sp\u00e4ter w\u00e4re er f\u00fcnfzig Jahre alt geworden. Da sollten zum ersten Male seine Gedichte gesammelt erscheinen <a id=\"page69\" title=\"Evo\/gary\" name=\"page69\"><\/a> unter dem Titel \u00bbBl\u00e4tter vom f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Baum\u00ab. Es ist ein Trost, da\u00df sein sonderbares Kabarett sein letztes Lebensjahr noch mit einer gewissen Befriedigung seines berechtigten Geltungsdranges bereichert hat. Peter Hille war gewi\u00df ein Liebling aller neun Musen, sie beschenkten ihn reich mit den Gaben des Geistes und der Seele. Als sein Genius aber reales Futter begehrte, da fand er es erst bei ihrer verleugneten Stiefschwester, der zehnten Muse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98331 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/ErichMu\u0308hsam-160x171.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vorbemerkung der Redaktion: Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen. Der Zeitzeuge Erich M\u00fchsam \u00fcber eine Anthologie: \u00bbDie zehnte Muse\u00ab ist der Titel einer Anthologie humoristischer Gedichte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/09\/19\/die-zehnte-muse\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":104,"featured_media":98331,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1237],"class_list":["post-103141","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-erich-muhsam"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103141","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/104"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103141"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103141\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103274,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103141\/revisions\/103274"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98331"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103141"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}