{"id":103112,"date":"2015-09-15T00:56:08","date_gmt":"2015-09-14T22:56:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103112"},"modified":"2022-05-22T07:59:22","modified_gmt":"2022-05-22T05:59:22","slug":"ein-respektabler-einstand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/09\/15\/ein-respektabler-einstand\/","title":{"rendered":"Ein respektabler Einstand"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum eine Literaturform erregt so vorhersehbar den Verdacht wie der Aphorismus. Kritiker r\u00fcgen seine Eitelkeit, die Besserwisserei, die Pointensucht, den Tonfall \u00fcberlegener Altersweisheit. Es verwundert daher nicht, dass viele zeitgen\u00f6ssische B\u00e4nde vorsichtshalber unter falscher Flagge segeln und im Titel oder Untertitel \u201eAufzeichnungen\u201c, \u201eNotizen\u201c, \u201eNotate\u201c und \u00e4hnliche Bescheidenheiten verhei\u00dfen. Philip Kovce jedoch bekennt sich zum Aphorismus und ist vom Jahrgang her (1986) einer der j\u00fcngsten Autoren in diesem Metier. Was k\u00f6nnte unzeitgem\u00e4\u00dfer sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMit Abstand gesehen ist so manches naheliegend\u201c, lautet einer der fast 500 knappen S\u00e4tze in der Anfang des Jahres ver\u00f6ffentlichten Sammlung. Die Aussage klingt paradox, r\u00fccken doch mit zunehmender Distanz die Dinge in die Ferne. Kovce geht es um einen Abstand zeitlicher wie ideeller Art, der zwar zur Revision bef\u00e4higt, die aber ihrerseits Irrt\u00fcmern unterliegen kann. Gedanken, Pl\u00e4ne oder Sicherheitsvorkehrungen, die zun\u00e4chst als zu weit hergeholt verworfen oder in der Betriebsamkeit des Alltags \u00fcberhaupt nicht bedacht wurden, erscheinen sp\u00e4ter als einleuchtend, wenn nicht sogar als unverzichtbar. Ob sie das tats\u00e4chlich sind, bleibt offen; diese Unbestimmtheit enth\u00e4lt bereits das Wort \u201enaheliegend\u201c. Es greift n\u00e4mlich zu kurz, wenn man die Sentenz nur als Lob des Abstands auslegt. Aus borniert-gegenw\u00e4rtiger Perspektive, die die historischen Umst\u00e4nde au\u00dfer Acht l\u00e4sst, dr\u00e4ngt sich auch das als naheliegend auf, was einst \u2013 aus gutem Grund \u2013 unvorstellbar war. Die leicht pejorative Formulierung \u201eso manches\u201c ist dann ein Platzhalter f\u00fcr \u201ezu vieles\u201c. Kurz darauf im Buch hei\u00dft es: \u201eSich entfernen: sich ann\u00e4hern.\u201c Abermals betont Kovce den Widerspruch. Anders als im ersten Beispiel kommt dieser aus eigener Kraft nicht \u00fcber sich hinaus, was den Rezensenten zweifeln l\u00e4sst, ob es sich um einen schw\u00e4cheren Einfall handelt oder doch nur um eine fl\u00fcchtige Notiz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Gottesbeweis: eine Quadratur des Teufelskreises\u201c \u2013 so typisch abgewandelte Phraseologismen f\u00fcr die k\u00fcrzeste Prosaform sind, so untypisch sind sie f\u00fcr Kovces Aphoristik. Diese satirische Definition sei daher als Ausnahme zitiert und als ein gelungenes Exemplar einer modifizierten \u201eKreisquadratur\u201c. M\u00f6glicherweise spielt die Einsicht \u201eAn Werte glauben die, die nicht nach ihnen handeln\u201c auch auf eine Vorlage an. Goethes <em>Maximen und Reflexionen <\/em>k\u00f6nnten Pate gestanden haben: \u201eDer Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.\u201c Das Verh\u00e4ltnis von Gesinnungs- und Verantwortungsethik ersch\u00f6pft sich aber nicht in einer blo\u00dfen Opposition. Weder werden die Theoretiker der Weltfremdheit bezichtigt noch die Praktiker der Heuchelei \u00fcberf\u00fchrt. Vielmehr verlieren letztere gerade deshalb den Glauben an die Werte, weil sie ihn zu leben versuchen und dabei Ern\u00fcchterungen, Selbstzweifel und Entt\u00e4uschungen aushalten m\u00fcssen. Wer nicht zum Handeln gezwungen ist, kann in aller Seelenruhe ethische Postulate aufstellen. Wie ist ein hingegen ein Verbrecher einzustufen? Er handelt \u2013 aber gegen die Werte. Glaubt er an sie? Zu unterscheiden sind philosophische Geltung und allgemeine Verkehrsgeltung. Fehlt letztere, gibt es keine Vertrauensbasis, was bestimmten Arten des Betruges den Boden entzieht. Zumindest der Betr\u00fcger erweist sich als <em>praktischer <\/em>Ethiker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wesentlich vertrackter ist diese Behauptung: \u201eHinter grob verfehlten Antworten steckt Unverm\u00f6gen, hinter den pr\u00e4zise verfehlten Fragen Teufelswerk.\u201c In der Struktur eines Parallelismus sto\u00dfen immerhin gleich drei Gegens\u00e4tze aufeinander: grob vs. pr\u00e4zise, Antwort vs. Frage sowie Unverm\u00f6gen vs. Teufelswerk. Aber ist die Konstellation zwingend? W\u00e4re nicht auch eine grob verfehlte <em>Frage <\/em>eine journalistische oder didaktische Dummheit? W\u00e4re eine pr\u00e4zise verfehlte <em>Antwort<\/em>, etwa eine gut getarnte Halbwahrheit, nicht gleicherma\u00dfen diabolisch? Obwohl dieser Aphorismus zum Weiterdenken anregt, erschlie\u00dft sich nicht ganz, weshalb Frage und Antwort in diesem Kontext gegen\u00fcbergestellt werden.<br \/>\nAls Anthroposoph, der u. a. zu Rudolf Steiner und dem Kunstwissenschaftler Michael Bockem\u00fchl publizierte, ist Kovce nat\u00fcrlich die Zahl 3 wichtig. Vermutlich gab dies den Ausschlag, als er Folgendes notierte: \u201eAller guten Dinge sind drei: Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit.\u201c Ob die Vermutung zutrifft, kann dahinstehen. So oder so gewinnt diese Erg\u00e4nzung dem bekannten Motto der Franz\u00f6sischen Revolution keinen neuen Aspekt ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit <em>Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall. Aphorismen <\/em>hat Kovce ein Deb\u00fct vorgelegt, das zwar nicht in jedem \u201aEinzelfall\u2019 \u00fcberzeugt, aber doch zu Entdeckungen einl\u00e4dt und die eingangs erw\u00e4hnten Vorurteile gegen die kurze Form widerlegt. Abschlie\u00dfend sei ohne weiteren Kommentar einer der st\u00e4rksten und zugleich unscheinbarsten S\u00e4tze in diesem Band hervorgehoben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer sich f\u00fcr andere einsetzt, ist fehl am Platz.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall, Aphorismen von <\/strong>Philip Kovce. Futurum Verlag 2015<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kaum eine Literaturform erregt so vorhersehbar den Verdacht wie der Aphorismus. Kritiker r\u00fcgen seine Eitelkeit, die Besserwisserei, die Pointensucht, den Tonfall \u00fcberlegener Altersweisheit. 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