{"id":103103,"date":"2009-11-28T07:07:22","date_gmt":"2009-11-28T06:07:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103103"},"modified":"2022-05-22T07:11:40","modified_gmt":"2022-05-22T05:11:40","slug":"die-variation-der-variation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/28\/die-variation-der-variation\/","title":{"rendered":"Die Variation der Variation"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Jerusalemer Autor Elazar Benyoe\u0308tz hat inzwischen \u00fcber 30 deutschsprachige Aphorismenb\u00e4nde vorgelegt. Enthielten die ersten nach dem Deb\u00fct 1969 vornehmlich \u201eEins\u00e4tze\u201c, so wechseln sich in den sp\u00e4ten k\u00fcrzere und l\u00e4ngere Textformen ab. Zudem l\u00e4sst Benyoe\u0308tz seit <em>Treffpunkt Scheideweg <\/em>(1990) in Zitaten die Stimmen religi\u00f6ser, philosophischer und sprachkritischer Denker wie Ludwig Wittgenstein, Fritz Mauthner, Margarete Susman oder Paul Engelmann zu Wort kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der im Herbst 2009 bei Braum\u00fcller publizierte Band <em>Scheinhellig. Variationen \u00fcber ein verlorenes Thema<\/em>, welcher Susman, Engelmann sowie Erwin Loewenson gewidmet ist und sich auf den ersten Blick unauff\u00e4llig in das Alterswerk einreiht, ist durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet. Zum einen handelt es sich um sein erstes Buch in einem Verlag mit Sitz in \u00d6sterreich, also in jenem Land, das Benyoe\u0308tz, der 1937 in Wiener Neustadt geboren wurde und 1938 mit seiner Familie nach Tel Aviv fl\u00fcchtete, als \u201edas fernste\u201c gilt. Zum anderen erschien bereits 1997 im Hanser Verlag ein Aphorismenband, der den Untertitel des vorliegenden als Obertitel trug. Gem\u00e4\u00df seinem Anspruch \u201edie B\u00fccher m\u00fcssen immer wieder geschrieben werden\u201c konnte es Benyoe\u0308tz nicht bei unwesentlichen \u00c4nderungen belassen. Schon der Gesamtumfang hat sich um rund die H\u00e4lfte erweitert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUngl\u00e4ubig ist, wer sich seine Zweifel zugute h\u00e4lt\u201c (S. 225), einer der neu aufgenommenen Aphorismen, ist ein Glanzlicht, das v\u00f6llig zu Recht als Zyklus\u00fcberschrift kursiv hervorgehoben steht. Dass typische Gegensatzpaare wie Glaube und Zweifel sich als aphoristische Sujets eignen, ist eine weit verbreitete Annahme. Das Problem dabei: Sie ist nicht einmal falsch. Jedoch f\u00fchrt solcherlei Verwendungslogik zu Simplifikationen. Schon die vorschnelle Gewissheit, dass zwischen Glaube und Zweifel ein blo\u00dfer Gegensatz besteht, engt den Blick ein und macht es schwer, geistiges Neuland zu erschlie\u00dfen. Auch in dieser Hinsicht kann man von einem \u201everlorenen Thema\u201c sprechen. Innerhalb der deutschsprachigen Gegenwartsaphoristik, die ohnehin unzureichend rezipiert wird, sind es bezeichnenderweise eher die unbekannteren Vertreter, etwa Paul Mommertz, Michael Rumpf, Stefan Brotbeck, J\u00fcrgen Gro\u00dfe oder Jacques Wirion, die in diesem Themenkreis zuweilen Benyoe\u0308tz\u2019 Niveau erreichen. Im zitierten Beispiel geht es ihm um die ungl\u00e4ubige <em>Haltung<\/em>: Sie beweist sich eben nicht in den Zweifeln selbst, sondern im Stolz auf diese. Setzt man f\u00fcr Zweifel die ihnen z zugrunde liegende Ratio ein, so wird eine unterschwellige Kritik am allgemeinen Wissenschafts- und Erkenntnishochmut vernehmbar, die diesem Aphorismus eine zun\u00e4chst nicht erwartete Aktualit\u00e4t verleiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inwiefern ist Benyoe\u0308tz ein provokanter Autor? Barsche Worte findet man bei ihm nur selten. Eine Ausnahme bildet das Credo auf S. 83, doch auch hier gleicht der Gedankengang einem \u2013 durchaus reizvollen \u2013 Umweg. Statt eine Absage an das moderne \u201aselbstverwirklichte\u2019 Subjekt zu formulieren, das munter Pl\u00e4ne schmiedet, unterminiert er dessen Machbarkeitsd\u00fcnkel: \u201eErwartungen sind der P\u00f6bel im Reich der Hoffnung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine provokante Wirkung auf manche Leser entfaltet, obgleich nicht so intendiert, m\u00f6glicherweise Benyoe\u0308tz\u2019 Auffassung von Sprache. Im Einklang mit der j\u00fcdischen Tradition gilt sie ihm als die Quelle der gesamten Sch\u00f6pfung. Wie schon im Band <em>Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche <\/em>(2001) zitiert er aus dem Midrasch, der rabbinischen Bibelauslegung, zum ersten Buch Mose: \u201eGott schaute in die Tora und schuf die Welt nach diesem Plan. Auch Gott muss sich am Buch orientieren\u201c und kn\u00fcpft hier direkt an: \u201eSprache \u2013 das ist der Baum des Lebens, der \u00fcber Nacht zum Baum der Erkenntnis auswuchs\u201c (S. 37). Das l\u00e4uft jeder kruden Kommunikationstheorie zuwider, die Sprache zum blo\u00dfen Austauschmedium zwischen Sender und Empf\u00e4nger reduziert, und die wohl eher dem intellektuellen Zeitgeist entspricht als Benyoe\u0308tz\u2019 Sprachmagie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Keine Worte zu verlieren <\/em>(2007), der Festschrift zum 70. Geburtstag, weist Kurt Oesterle zu Recht darauf hin, \u201edass nicht nur die Religion das \u201averlorene Thema\u2019 ist, sondern auch die Sprache, eine genaue und wahrhaftige&#8230;\u201c Der Aufgabe, \u201eihr zu ihrem wahren Sinn zu verhelfen und sie vor blo\u00dfer Bedeutungstr\u00e4gerei zu sch\u00fctzen\u201c, ist sich Benyoe\u0308tz wie kaum ein anderer Aphoristiker bewusst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Scheinheilig<\/strong>, Variationen \u00fcber ein verlorenes Thema. Aphorismen von Elazar Benyoe\u0308tz. Braum\u00fcller 2009<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Jerusalemer Autor Elazar Benyoe\u0308tz hat inzwischen \u00fcber 30 deutschsprachige Aphorismenb\u00e4nde vorgelegt. 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