{"id":103087,"date":"2022-06-20T00:01:26","date_gmt":"2022-06-19T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103087"},"modified":"2022-05-18T18:03:39","modified_gmt":"2022-05-18T16:03:39","slug":"laecheln-als-kapitulation-begreifen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/20\/laecheln-als-kapitulation-begreifen\/","title":{"rendered":"L\u00e4cheln als Kapitulation begreifen"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich noch in Berlin lebte, wurde ich oft gefragt, ob ich dort gl\u00fccklich sei. Meine ehrliche Antwort lautete: \u201eNein.\u201c Berlin ist h\u00e4sslich, laut, marode, stinkend. Berlin ist ein Schweinestall mit Bordellbeleuchtung. Es gibt keinen Grund, Berlin mit \u201eGl\u00fcck\u201c zu assoziieren. Gut, es lebten dort einige nette Leute, deshalb hatte ich mich entschieden, in diese Stadt zu ziehen. Aber \u201eGl\u00fcck\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin auch jetzt nicht \u201egl\u00fccklich\u201c. Ich bin im gro\u00dfen und ganzen zufrieden. Mal bin ich besser drauf, mal nicht so gut. Mein Leben war und ist nicht einfach, meine Zukunft ist ungewiss, und die politische Situation erleichtert das auch nicht gerade. \u201eGl\u00fcck\u201c ist eine alberne und kitschige Kategorie. \u201eGl\u00fcck\u201c ist ein v\u00f6llig \u00fcbersch\u00e4tzter Begriff.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau hier setzt Juliane Marie Schreiber mit ihrem Buch \u201eIch m\u00f6chte lieber nicht\u201c an. Das Buch hat den Untertitel \u201eEine Rebellion gegen den Terror des Positiven\u201c, und ich muss ehrlich sagen: ein gutes Buch, ein treffendes Buch. Gut recherchiert, flott geschrieben. Einige unkritische und unsachliche Stellen, aber insgesamt ist das Buch sehr empfehlenswert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles kommt vor: die Verdummung durch Optimismus; Martin Seligman, der Begr\u00fcnder der \u201epositiven Psychologie\u201c; \u201eGl\u00fcck\u201c als psychische Krankheit; der Deppenslogan \u201eScheitern als Chance\u201c; das panische Selbst-Inszenieren der Happiness-Junkies; der st\u00e4ndige moralische Imperativ (\u201eL\u00e4chle! Leuchte! Strahle! Sei wunderbar! Sei ganz du selbst!\u201c); die schamlose Abzocke, die von der Gl\u00fccksindustrie betrieben wird; und auch die krankhafte und ungesunde Verdr\u00e4ngung von Schmerzen und Tod in dieser Happy-Hippo-Gesellschaft. Im zweiten Teil des Buches wird dann u.a. mithilfe von Statistiken und Studien dargelegt, dass \u201edepressive Realisten\u201c zurechnungsf\u00e4higere Zeitgenossen sind als bedingungslose Optimisten, weil sie die Welt nicht st\u00e4ndig rosa verf\u00e4rbt wahrnehmen und auch das weniger Sch\u00f6ne akzeptieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Positivismus verbl\u00f6det. Positivismus macht die Menschen unkritisch, unpolitisch, gef\u00fcgig und leicht zu manipulieren. Ein Arbeitnehmer, der sich dem Positivismus verschrieben hat, wird nie eine Gehaltserh\u00f6hung fordern, denn: arme Menschen sind laut Positivismus gl\u00fccklicher als reiche. Wenn er dennoch nicht gl\u00fccklich ist, ist er daran somit selbst schuld. Die positive Psychologie ist ein perfides Machtinstrument, sie arbeitet mit Gehirnw\u00e4sche und h\u00e4lt die Sch\u00e4fchen sch\u00f6n in ihrer Kiste, indem sie jedem einzelnen die Verantwortung f\u00fcr sein komplettes Leben selbst aufb\u00fcrdet. Damit werden politische und wirtschaftliche Probleme internalisiert und relativiert. Wer arbeits- und obdachlos wird, sucht die Schuld bei sich statt bei den Umst\u00e4nden und strebt auch nicht danach, die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern, sondern frickelt nur an sich selbst herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist seltsam: die Spr\u00fcche \u201eJedem das Seine\u201c und \u201eArbeit macht frei\u201c der Nazis empfinden wir als menschenverachtend \u2013 aber die Spr\u00fcche \u201eJeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied\u201c und \u201eWer an sich glaubt, kann alles erreichen\u201c des Positivismus nicht, obwohl sie es genauso sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Was passiert, wenn in einer Gesellschaft, in der alle nur noch um sich selbst und ihren Wohlf\u00fchl-Index rotieren, eine wirkliche Krise ausbricht, hat man in den letzten zwei Jahren gesehen. Da taucht man mal wieder auf aus seiner Schmuseblase und muss feststellen: Corona, Krieg, Inflation. Wie konnte das passieren? Habe ich nicht positiv genug gedacht? Dass es zu solchen Aussetzern kam wie dem Applaus f\u00fcr die Krankenpfleger oder der Aktion \u201eLicht aus gegen Putin\u201c, daran hat auch die Gehirnwaschanlage der positiven Psychologie ihren Anteil. Ich warte noch auf die Aktion \u201eKatzenvideos gegen Putin\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit der Corona-Lockdowns empfanden viele als \u201espannende\u201c Zeit, sie vertieften sich in abseitige Projekte oder \u201eg\u00f6nnten\u201c sich mehr \u201eMe-Time\u201c. Vermutlich ist 2020\/21 der Aussto\u00df schlechter Lyrikb\u00e4ndchen stark angestiegen. Kaum einer schien sich Gedanken dar\u00fcber zu machen, was diese Zeit politisch und wirtschaftlich bedeutete, kaum einer schien sich zu \u00fcberlegen, wie es nach den Lockdowns weiterging. Es war wie im Kindergarten: alle spielen fr\u00f6hlich Blindekuh, bis die\u00a0 Kinderg\u00e4rtnerin in die H\u00e4nde klatscht, dann d\u00fcrfen alle gemeinsam in den Garten gehen. Ich rede hier nicht vom Nutzen der Corona-Ma\u00dfnahmen, sondern davon, dass kaum jemand gewillt war, \u00fcber sie hinauszublicken. Auch in Interviews mit diversen Prominenten las ich inflation\u00e4r oft \u201eIn der Krise muss man auch mal lachen d\u00fcrfen\u201c und \u00e4hnliches und dachte mir: \u201eWieso \u201aauch mal\u2018, die sollten lieber auch mal wieder aufh\u00f6ren zu lachen und zurechnungsf\u00e4hig werden!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat die bleierne Zeit unter Merkel oft als \u201eNeo-Biedermeier\u201c bezeichnet, und auch Juliane Marie Schreiber zieht in ihrem Buch mehrfach diese Parallele. Wobei: das Wort \u201eBiedermeier\u201c ist nicht stark genug. Der geballte R\u00fcckzug in die Innerlichkeit, der besonders w\u00e4hrend Corona zu beobachten war, ist \u201eBiedermeier Extralarge\u201c. Zur\u00fcck in die Infantilit\u00e4t, zur\u00fcck ins Teletubbie-Land, das f\u00fchlt sich gut an, Trallala und Hoppsassa, Katzenbildchen, Netflix, Schmink-Videos, Kuschelzone \u2013 Verbl\u00f6dung pur. So viele M\u00f6glichkeiten zur Kollektiv-Regression hatten die Leute um 1815, im echten Biedermeier, nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ich pers\u00f6nlich an dem Buch deplatziert finde, ist das Kapitel \u201eSch\u00f6ner Schimpfen\u201c. Schreiber schl\u00e4gt darin vor, statt des ewigen Gut-Drauf-Sein-M\u00fcssens das Gegenteil zu praktizieren: st\u00e4ndig meckern. Schimpfwortkaskaden bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten, Fluchen und lautes Beschweren w\u00fcrden, so schreibt sie, die Seele befreien, und man k\u00e4me mit Schmerzen besser zurecht. In den USA scheint das der neue Trendsport zu sein: es nennt sich \u201eKvetching\u201c. Doch damit f\u00e4llt Schreiber auf ihre eigenen Argumente herein. \u201eSchimpfen, weil es sich gut anf\u00fchlt\u201c ist auch nur ein Manipulationsmechanismus, mit dem man seine Stimmung so beeinflussen will, dass man mit den Gegebenheiten wieder besser zurechtkommt. Und das ist genau das, was Schreiber an der positiven Psychologie kritisiert. Es stimmt zwar, dass es in der Gesellschaft keine Ver\u00e4nderung geben kann, wenn die B\u00fcrger nicht lauthals ihren Unmut \u00e4u\u00dfern \u2013 aber das ist dann echter Unmut, echte Wut, eine echte Emotion und keine reproduzierte und ritualisierte Fake-Emotion zur Stimmungsmanipulation. Die Bastille wurde nicht von Leuten erst\u00fcrmt, die demonstrierten, weil sich das gut anf\u00fchlt, sondern von Leuten, die demonstrierten, weil sie Hunger litten. Es ging um Existenzfragen und nicht darum, auf Instagram trendy zu wirken. Das ist ein wesentlicher Unterschied, und genau da hakt die moderne Zivilisation aus. Und insofern ist auch nicht Meckern der Motor der Gesellschaft, sondern nach wie vor das Handeln. Die Gesellschaft wird nicht von N\u00f6rglern ver\u00e4ndert, sondern von denen, die handeln statt zu n\u00f6rgeln. Das exaltierte Schimpfen, das Schreiber propagiert, wirkt auf mich genauso aufgesetzt wie das exaltierte L\u00e4cheln und Strahlen, das sie kritisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Worte \u201eResilienz\u201c, \u201eEmpathie\u201c und \u201eAchtsamkeit\u201c las man noch um 2005 haupts\u00e4chlich in esoterischen B\u00fcchern \u2013 heute grassieren sie inflation\u00e4r selbst in seri\u00f6sen Tageszeitungen. Die Emotionalisierung der \u00d6ffentlichkeit hat teils unertr\u00e4gliche Ausma\u00dfe angenommen, weshalb Juliane Marie Schreibers Appell zum \u201eNein\u201c dringend n\u00f6tig ist. Es ist ein \u00fcberf\u00e4lliges Zur\u00fcck zur Sachlichkeit, zur N\u00fcchternheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Schmerzen wie Angst und Trauer evolution\u00e4r wichtige Funktionen haben, davon spricht Schreiber in ihrem Buch \u00f6fters. Es hat aber auch das L\u00e4cheln eine evolution\u00e4re Funktion: Schimpansen, die \u201el\u00e4chelten\u201c, sagten damit: ich ergebe mich, ich kapituliere, du kannst mit mir machen, was du willst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern sendet eigentlich die ganze \u201eKeep smiling\u201c-Society nur ein Signal aus: sie hat kapituliert. Sie hat sich kampflos ergeben. Sie hat keinerlei Anspr\u00fcche mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6ren wir also mal wieder auf zu l\u00e4cheln, nehmen wir uns und unser Leben mal wieder ernst. Es ist wirklich an der Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich m\u00f6chte lieber nicht<\/strong> von Juliane Marie Schreiber, Piper Verlag M\u00fcnchen 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103088 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Ich-mo\u0308chte-lieber-nicht_Cover-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Als ich noch in Berlin lebte, wurde ich oft gefragt, ob ich dort gl\u00fccklich sei. Meine ehrliche Antwort lautete: \u201eNein.\u201c Berlin ist h\u00e4sslich, laut, marode, stinkend. Berlin ist ein Schweinestall mit Bordellbeleuchtung. 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