{"id":103074,"date":"1991-11-10T00:01:06","date_gmt":"1991-11-09T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103074"},"modified":"2022-05-16T16:27:32","modified_gmt":"2022-05-16T14:27:32","slug":"der-erste-abend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/11\/10\/der-erste-abend\/","title":{"rendered":"Der erste Abend"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie hatte nicht mehr viel am Leibe.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer, frecher Baum, der hing<\/p>\n<p>Mit allen Bl\u00e4ttern an der Scheibe,<\/p>\n<p>So nah, so nah, wie\u2019s eben ging.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie faltete, halb nackt, die H\u00e4nde<\/p>\n<p>Und schmiegte sich im Sessel ein.<\/p>\n<p>In s\u00fc\u00dfem Schauder schwang behende<\/p>\n<p>Ihr kleiner Fu\u00df, so fein, so fein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2013 Ich sah die Zweige sich beleben<\/p>\n<p>Und einen kleinen Strahl vergn\u00fcgt<\/p>\n<p>Ihr L\u00e4cheln, ihre Brust umschweben, \u2013<\/p>\n<p>Ein Bienchen, das um Rosen fliegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2013 Ich k\u00fc\u00dfte ihre zarten F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p>Sie lachte perlend und brutal<\/p>\n<p>In klaren Trillern voller S\u00fc\u00dfe<\/p>\n<p>Ein h\u00fcbsches Lachen aus Kristall.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die kleinen F\u00fc\u00dfe, sie entflohen<\/p>\n<p>Rasch unter\u2019s Hemd: \u201eIch werd dir gleich \u2026!\u201c<\/p>\n<p>\u2013 Doch konnte dieses Lachen drohen,<\/p>\n<p>Da mir verziehn der erste Streich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2014 Mit einem Kusse konnt ich finden<\/p>\n<p>Ihr Augenlid, das pulsend schlug:<\/p>\n<p>\u2013 Verschmitzt warf sie den Kopf nach hinten:<\/p>\n<p>\u201eNa, jetzt ist\u2019s aber wohl genug! \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Freund, ich mu\u00df dir eines sagen \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u2014 Ich warf den Rest in ihre Brust<\/p>\n<p>Mit einem Ku\u00df, der ohne Zagen<\/p>\n<p>Sie lachen lie\u00df mit guter Lust.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2014 Sie hatte nicht mehr viel am Leibe.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer, frecher Baum, der hing<\/p>\n<p>Mit allen Bl\u00e4ttern an der Scheibe<\/p>\n<p>So nah, so nah, wie\u2019s eben ging.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103064 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Rimbaud-228x300.png\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" \/>Vor 100 Jahren starb Arthur Rimbaud. KUNO erinnert an den Nonkorformisten mit einem Gedicht. Es besteht aus 8 Strophen von jeweils vier Zeilen mit Kreuzreim. Es beginnt und endet mit zwei identischen Strophen, wobei vereinzelte minimale Varianten der Typographie (Gedankenstriche) in den verschiedenen Textausgaben dem jeweiligen Herausgeber, Drucker bzw. Korrektor geschuldet sein d\u00fcrften. Das Gedicht selbst entspricht in der Form generell noch den Regeln klassischer franz\u00f6sischer Poesie. Das Versma\u00df besteht durchgehend aus Achtsilblern (<i>octosyllabes<\/i>). Allerdings gibt es S\u00e4tze, die l\u00e4nger sind als der Vers, was erlaubt, den typischen Versrhythmus zu brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht beginnt und endet mit zwei \u2013 fast \u2013 identischen Strophen: eine skurrile Landschaftssituation mit einem weiblichen Wesen; \u201efort d\u00e9shabill\u00e9e\u201c l\u00e4sst auf ein M\u00e4dchen schlie\u00dfen, das sich gleichsam die Kleider vom Leibe riss, w\u00e4hrend indiskrete B\u00e4ume sich neugierig an die Fensterscheibe dr\u00e4ngen. Gleichzeitig spielt Rimbaud hier mit der Doppeldeutigkeit des Wortes \u201efort\u201c. Dieses kann \u201estark\u201c, \u201evehement\u201c bedeuten, aber als Substantiv ebenso \u201eFestung\u201c. Hier gilt es eine Festung zu nehmen, die des Weibes, der Weiblichkeit und ihrer Reize, denen der Autor in seiner jugendlichen Hilflosigkeit mit einer Allegorie, ja, mit einer gewissen Verklemmtheit begegnet. Den B\u00e4umen. Sein Blick schweift aus dem Fenster zu Vertrautem, zum Hort des knabenhaften Spiels. Und um der deutlich erotischen Situation gewachsen zu sein, konzentriert er sich mittels der B\u00e4ume wiederum weg von dem eigentlichen Sexus und dem nun bevorstehenden Akt hin zu den Bl\u00e4ttern der B\u00e4ume. Sie werfen ihre Bl\u00e4tter ab und landen bei den F\u00fc\u00dfen des M\u00e4dchens, deren \u00c4derungen denen der Bl\u00e4tter gleichen, \u201eso zart, so zart\u201c (<i>si fins, si fins<\/i>). Dieses unbestimmt Unsichere bleibt uns, wiederholt sich ewig im Umgang mit der Weiblichkeit, eine ewig wiederkehrende Schleife der Neueroberung und Kapitulation vor der pl\u00f6tzlich nackten Frau und ihrem Geschlecht. Die letzten vier Zeilen wiederholen die Furcht des jugendlichen Mannes. Die Frau, ein sexuell anziehendes Wesen, das be\u00e4ngstigt. Die letzten vier Zeilen wiederholen die Furcht des jugendlichen Mannes. Gleichzeitig bringt der letzte Vers ein Versprechen und eine Sehnsucht zum Ausdruck: Die erste Liebe, ein ewiger Versuch. Der Refrain soll uns kl\u00fcger machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rimbaud greift auch in diesem Gedicht seine Lieblingsmotive Brust, Zuflucht und der Blumen-<i>Immondices<\/i> (etwa: Blumen-M\u00fcll) auf. In dem Bild von der Brust, \u201eFliege zur Rose\u201c, hat die Anspielung auf die Brust emotionalen Wert. Es ist das Kind, das der Z\u00e4rtlichkeit beraubt ist, das sich symbolisch entw\u00f6hnt f\u00fchlt. Diese Brust, die ihn in den ersten Texten und besonders in diesem Gedicht fasziniert, wird dann mit den gemeinen Worten Brustwarze, Nippel zur\u00fcckgewiesen. Die ungew\u00f6hnliche \u201eRosenfliege\u201c gibt dieser Blume eine Konnotation der Verwesung, die die Assimilation der Blume an das Fleisch best\u00e4tigt. Wir finden auch in der Beschreibung des halbnackten M\u00e4dchens ebenso eine Allegorie des \u00dcbergangs zu den biographischen Frustrationen und Entt\u00e4uschungen des Schriftstellers (vor allem durch die Mutter). Dennoch wird der Ton sentimental, wenn er in der letzten Strophe vom Baum spricht, der als Urklang und Repr\u00e4sentant der Natur sich dem tastenden Knaben und der Geliebten gleichsam aufdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie hatte nicht mehr viel am Leibe. 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