{"id":103044,"date":"2023-01-17T00:01:27","date_gmt":"2023-01-16T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103044"},"modified":"2022-09-27T16:48:33","modified_gmt":"2022-09-27T14:48:33","slug":"lakonisch-oder-malerisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/17\/lakonisch-oder-malerisch\/","title":{"rendered":"lakonisch oder malerisch"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bernd storz aus reutlingen, in ravensburg geboren, schreibt theaterst\u00fccke, h\u00f6rspiele, kriminalromane, drehb\u00fccher, kabaretttexte und journalistische texte, letztere oft \u00fcber bildende k\u00fcnstler, und gibt als gastdozent f\u00fcr szenisches erz\u00e4hlen seminare an den universit\u00e4ten konstanz und freiburg. studiert hatte er p\u00e4dagogik, psychologie und soziologie. das spricht f\u00fcr einen menschen, der etwas bewegen und bewirken will. seine gesammelten gedichte formulieren erkenntnisse zunehmender lebenserfahrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">dem gedichtband \u00bbSommergespr\u00e4che\u00ab ist ein zitat des mexikanischen dichters, und auch lesenswerten essayisten, octavio paz vorangestellt: \u00bbGegen das Schweigen und das Get\u00f6se \/ erfinde ich das WORT\u00ab. es kommt bernd storz auf das bedachte wort an. \u00bbAus den Zwischenr\u00e4umen \/ antwortet \/ das Ungesagte.\u00ab viele seiner gedichte leben von ihren tragenden ideen. es sind meist n\u00fcchterne, lakonische, aufs wesentliche konzentrierte momentaufnahmen, die kein wort zuviel verwenden. motivisch enthalten sie h\u00e4ufig regionales, wozu auch die w\u00e4lder und gesteine seiner lebenslandschaften geh\u00f6ren, und alltagsbeobachtungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zugleich denkt er \u00fcber das momentane hinaus, indem er in die, auch eigene, geschichte zur\u00fcckblickt und das gewordensein des heutigen reflektiert. so sieht er fl\u00fcchtlinge und einwanderer historisch, wie im gedicht \u00bbButtenhausen\u00ab: \u00bbDie bemoosten Grabsteine. An der Auffahrt \/ stand die Synagoge. \/\/ Judenkinder, Christenkinder \/ Himmel und H\u00f6lle \/ und an Ostern \/ Eierrollen. \/\/ An der Lauter das Haus: \/ flatternde W\u00e4sche \/ dunkelh\u00e4utige Kinder.\u00ab jeder mensch hat fl\u00fcchtlinge, vertriebene, ausundeinwanderer unter seinen vorfahren. gerade der voralpenraum war und ist ein einwanderungsgebiet, seit jahrhunderten und jahrtausenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die gedichte sprechen teils von gef\u00e4hrdungen und bef\u00fcrchtungen, auch \u00f6kologischen: \u00bbStele\u00ab: \u00bbJa \/ weise nur \/ weise \/ \u00fcber dich \/ hinaus \/ wenn wir schon nicht \/ \u00fcber den \/ Schatten \/ denken wollen \/ unserer \/ Gier \/ der hinschl\u00e4gt \/ eine \/ lange \/ Nacht \/ \u00fcber \/ die \/ Erde.\u00ab indem jede zeile, bis auf eine ausnahme, h\u00f6chstens zwei worte enth\u00e4lt, wird das gedicht l\u00e4nger. lange genug wissen die menschen inzwischen, da\u00df sie ihre lebensgrundlagen zerst\u00f6ren, und reagieren ungen\u00fcgend darauf. mit egoisten ohne r\u00fccksicht wird man keine \u00f6kologische und solidarische gesellschaft gestalten k\u00f6nnen, schon gar nicht weltweit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der band beginnt mit dem gedicht \u00bbEin Gebirge \/\/ Nach meiner Lekt\u00fcre Alexander von Humboldts\u00ab, worin der autor, im zur\u00fcckschauen voraussehend, vom land n\u00f6rdlich der alpen spricht, das \u00bbin meinen letzten Jahren \/ zu verdorren begann.\u00ab, was vor allem, und nicht nur dort, bauern und kleing\u00e4rtner merken. zudem kommen im gebirge nicht allein durch lawinen, sondern \u00fcberdies abg\u00e4nge au\u00dferhalb des winters, auch rutsche genannt, immer h\u00e4ufiger teile der berge herab und gef\u00e4hrden menschen, orte, geb\u00e4ude, stra\u00dfen und bahnlinien. regeln, wo und wann es gef\u00e4hrlich wird, die \u00fcber jahrhunderte hinweg galten, m\u00fcssen an riskanten stellen von geologen neu \u00fcberpr\u00fcft werden. alexander von humboldt sah bereits im 19. jahrhundert voraus, da\u00df die abholzung des regenwaldes im tropischen lateinamerika, wo er forschte, zu klimaver\u00e4nderungen f\u00fchren k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">parabelhaft ist \u00bbHoffentlich\u00ab: \u00bbmeine Mutter sagt hoffentlich \/ hoffentlich musst du das nicht erleben \/ sagt meine Mutter \/ hoffentlich \/\/ meine Mutter sagt meine Mutter hat das schon fr\u00fcher zu mir gesagt \/ sagt meine Mutter \/ hoffentlich \/\/ meine Mutter, sagt meine Mutter \/ hat das schon fr\u00fcher zu mir gesagt \/ sagt meine Mutter \/\/ hoffentlich, sagt meine Mutter \/ hoffentlich \/ geht es deiner Mutter nicht so \/ wie meiner Mutter, sagt meine Mutter \/ hoffentlich.\u00ab meine v\u00e4terliche gro\u00dfmutter erinnerte sich bei jedem sirenenheulen und gewitter an ihre kriegserfahrungen und erz\u00e4hlte dann oft davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">andererseits sind \u00e4ngste allgemeinmenschlich und wiederholen sich immer erneut seit unerme\u00dflichen zeiten. \u00bbMorgens\u00ab: \u00bbIm Halbdunkel des Zeltdachs \/ wenn die Ger\u00e4usche noch \/ einzeln aufeinanderfolgen \/ bittet das Kind mich \/ sie zu deuten.\u00ab das ist eine szene aus der urzeit des menschen, als drau\u00dfen noch mehr gefahren der natur lauerten, etwa wilde tiere. ein kind verf\u00fcgt \u00fcber einen urinstinkt daf\u00fcr und will wissen, was es zu erwarten hat. ebenso benennt \u00bbWohnungsaufl\u00f6sung\u00ab existentielle erfahrungen: \u00bbIn der Erinnerung \/ verf\u00e4rben sich \/ die Geschichten. \/\/ Kinderzeichnungen \/ Kreditantr\u00e4ge \/ Beileidskarten. \/\/ Zuunterst \/ in der Schublade \/ die unge\u00f6ffneten Briefe.\u00ab, die gelesen vielleicht an unerf\u00fcllte hoffnungen und durchlebte \u00e4ngste erinnern w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bernd storz w\u00fcrdigt in seinen gedichten schriftsteller, friedrich h\u00f6lderlin, pablo neruda, janusz korczak, den freund der kinder bis in den tod, und bildende k\u00fcnstler, paul c\u00e9zanne, claude monet, marc chagall, giorgio morandi, francis bacon und felix klee, den sohn paul klees. manche gedichte beziehen sich auf konkrete bilder. das gibt einigen texten etwas malerisches, das der autor offenkundig mag. malerisch war der impressionismus einer der h\u00f6hepunkte der bildenden k\u00fcnste. rainer maria rilke, stefan george, hugo von hofmannsthal, arthur schnitzler oder marcel proust wurden literarische impressionisten genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbC\u00e9zanne\u00ab: \u00bbMadame Br\u00e9mond richtet Orangen und Birnen an \/ in einer Schale aus Nussbaum. \/ Der Maler sieht \/ Kugeln Kegel Zylinder\u00ab die form wird wichtiger als der gegenstand, ein wesentliches prinzip der moderne, und auch schon der fr\u00fchodervormoderne, zu der c\u00e9zanne geh\u00f6rte. egon friedell merkte an: \u00bbDer Augenblick, wo nicht mehr der Inhalt, sondern die Form, nicht mehr die Sache, sondern die Methode zum Hauptproblem erhoben wird, bezeichnet immer und \u00fcberall den Anfang der D\u00e9cadence.\u00ab und \u00bbandrerseits mu\u00df man gerechterweise auch anerkennen, da\u00df gerade die Niedergangszeiten in Kunst, Wissenschaft, Lebensordnung eine Feinheit, Kompliziertheit und psychologische Witterung zu entwickeln pflegen, die nur ihnen eigen ist.\u00ab im gedicht \u00bbChagall\u00ab: hei\u00dft es: \u00bbBlaues Wort Erinnerung. \/ Auch wer zur\u00fcckkehren k\u00f6nnte \/ sucht immerzu \/ am anderen Ort.\u00ab das wort erinnerung l\u00e4\u00dft mich hier an heimweh und nostalgie denken, das blaue wort an sehnsucht und der andere ort an utopie. ist utopia, die gegenwelt der phantasie, blau? au\u00dferdem entstanden \u00fcber die jahre hinweg texte nach bildern, collagen, fotografien sowie plastiken und skulpturen regionaler k\u00fcnstler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">andere gedichte beschreiben profane wirklichkeiten. \u00bbDie Stille\u00ab: \u00bbMorgens Antenne Zehn: \/ der verordnete Optimismus. \/\/ Kulissenger\u00e4usche \/ denen man sich \/ kaum entziehen kann. \/\/ Auf dem Parkplatz \/ irgendwo zwischendurch \/ die zuf\u00e4llige Begegnung mit einem Baum. \/ Espenlaub. \/ Der Schrei eines H\u00e4hers.\u00ab das erleben virtueller und fiktiver welten verdr\u00e4ngt und \u00fcberlagert zunehmend das wahrnehmen und damit erfahren und erkennen der realen welt und isoliert die individuen voneinander. man kann aber am morgen auch andere sender h\u00f6ren. der verordnete optimismus ist h\u00e4ufig laut und hat wohl hinterm ger\u00e4uschpegel, der heute vielen ein gef\u00fchl der vertrautheit gibt, etwas zu verbergen, wom\u00f6glich leere. dann k\u00f6nnte stille sie erschrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">aufgrund seiner nachahmungsf\u00e4higkeit galt der h\u00e4her als spa\u00dfmacher und sp\u00f6tter unter den v\u00f6geln und wurde seit dem 13. jahrhundert markolf oder bruder markolf genannt, abgeleitet vom namen des spa\u00dfmachers von k\u00f6nig salomo, der markolf hie\u00df. zur\u00fcck geht dieser name auf den j\u00fcdischen d\u00e4monennamen marcolis, entstanden aus lateinisch mercurius. in mittelalterlichen und fr\u00fchneuzeitlichen deutschen, englischen, franz\u00f6sischen und italienischen sagen ist markolf widersacher von salomo, der eine autorit\u00e4re ordnung vertrat und dessen weisheitsspr\u00fcche der narr parodistisch und zynisch zu \u00fcbertreffen versucht. gottfried benn erfand einen \u00bbWelteschen-Eichelh\u00e4her\u00ab. die weltesche steht im zentrum der welt. theodor lessing nannte die h\u00e4her hofnarren des waldes. narren widersprechen dem optimismus der angepa\u00dften, der oft nur opportunismus ist, und verspotten ihn. eben deshalb sind sie figuren am und vom rande.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sommergespr\u00e4che<\/strong>, Gedichte von Bernd Storz. Kr\u00f6ner, Edition Kl\u00f6pfer, 2021<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103045 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Sommergespra\u0308che_Cover-190x300.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; bernd storz aus reutlingen, in ravensburg geboren, schreibt theaterst\u00fccke, h\u00f6rspiele, kriminalromane, drehb\u00fccher, kabaretttexte und journalistische texte, letztere oft \u00fcber bildende k\u00fcnstler, und gibt als gastdozent f\u00fcr szenisches erz\u00e4hlen seminare an den universit\u00e4ten konstanz und freiburg. studiert hatte er p\u00e4dagogik,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/17\/lakonisch-oder-malerisch\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":103045,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3674,94],"class_list":["post-103044","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-bernd-storz","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103044","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103044"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103044\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104042,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103044\/revisions\/104042"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103045"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103044"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103044"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103044"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}