{"id":10304,"date":"2013-01-14T00:52:06","date_gmt":"2013-01-13T23:52:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304"},"modified":"2022-06-11T09:16:50","modified_gmt":"2022-06-11T07:16:50","slug":"grose-gedanken-im-kleinen-format","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/14\/grose-gedanken-im-kleinen-format\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfe Gedanken im kleinen Format"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Die wenigsten Menschen erleben ihre Zeit, [\u2026] die meisten Menschen sind gesch\u00e4ftlich und haben keine Zeit f\u00fcr ihre Zeit.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Alfred D\u00f6blin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkels <em>Gedanken, die um Ecken biegen<\/em> gehen jedoch weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Sie versuchen, diesen kleinen Rest an Sprache etwas aufzuhellen, und wagen es seine R\u00e4nder verstehbar zu machen. Was dabei entsteht, ist ein Textganzes, das nicht mehr auf die Lekt\u00fcre einzeln herausgegriffener Aphorismen abgestellt ist, sondern vielmehr auf die sukzessive Kenntnisnahme der kompletten Sammlung in ihrem formalen Zusammenhang unter Einschluss der paratextuellen Strukturierung. Benkels Aphorismen folgen keinem linearen und systemischen Denken, sie entfalten sich vielmehr assoziativ und labyrinthisch. In seinen Aphorismen gehen Poesie und Sprachkritik ineinander \u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aphoristiker spricht seine Gedanken frei und verfolgt sie nicht. Benkels Aphorismen sind eine Prosaform zwischen Poesie und Philosophie, verwandt mit Essay, Sprichwort und Epigramm. Ein Genre der Gegens\u00e4tze: knapp gefa\u00dft, aber weit gedacht, pointiert formuliert, aber metaphorisch offen, sehr subjektiv auf den Begriff gebracht, aber mit Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit. Diese <em>Gedanken, die um Ecken biegen<\/em> sind kurz, konzise, rhetorisch markant, nichtfiktional und stehen f\u00fcr sich allein, sind also nicht Teil eines l\u00e4ngeren Textes. Benkel arbeitet oft mit sprachlichen Mitteln wie Antithese, Neologismus und Paradoxon. Vieles ist so dicht und so intensiv, da\u00df es zu kleinen poetischen Einheiten wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als gelernter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\">Lyriker<\/a> schreibt Benkel gleichsam in Zirkelbewegungen, auf die Momente zu, da etwas aufgeht. So lassen sich Aktivit\u00e4t und Passivit\u00e4t, Tun und Erleiden, Begreifen und Ergriffen\u2013Werden kaum unterscheiden. Es sind Augenblicke, in denen Probleme gel\u00f6st, \u00dcberzeugungen gebildet und Einsichten gewonnen werden \u2013 mentale oder auch seelische Ereignisse, in denen sich nicht nur das Denken, sondern auch das Leben \u00e4ndern kann. Einige von Benkels <em>Gedanken, die um Ecken biegen<\/em> haben Konsequenzen nicht allein f\u00fcr das Leben und Denken desjenigen, dem da etwas aufgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Aphorismen sind dort am eigenwilligsten, wo sie die Realit\u00e4t der Dichtung beweisen helfen. Sie sind zugleich Ausdruck eines fast paradox anmutenden Verh\u00e4ltnisses zur Literatur: eher reflexiv, kritisch und distanziert und eben dadurch tiefergehend. Benkel hat einen scharfen Blick, der weit \u00fcber den Zeitgeist hinaus reicht, das Unsystematische und Undogmatische der aphoristischen Denkmethode durch Juxtaposition geistreicher Aper\u00e7us findet zu unangepassten Reflexionen. Benkel hat damit in seinen Aphorismen eine Vielstimmigkeit erreicht, die ihn eine Sonderstellung innerhalb der deutschsprachigen Aphoristik einnehmen l\u00e4\u00dft. Dieser Band besticht durch seine polyphone Eigenart, die auf dem Gebiet der kleinen Form aphoristischer Prosa gleichsam in einer Art Parallelaktion vollzieht, was um dieselbe Zeit etwa auch im Gebiet der Essayistik als eine Tendenz zur Poetisierung reflexiver Textgenres durch Fiktionalisierung zu beobachten ist. Das literarisch Wertvolle daran ist, da\u00df er das Spiel mit den W\u00f6rtern nicht als blo\u00dfe Et\u00fcde betreibt. Vielmehr schimmert hinter all seinen Spracherkundungen ein existentieller Kern, das kleinstm\u00f6gliche Ganze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<div id=\"attachment_21488\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21488\" class=\"size-full wp-image-21488\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Cover11.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-21488\" class=\"wp-caption-text\">Covermotiv von Gedanken, die um Ecken biegen, Uwe Albert, Technik: Aquarell \/ Feder<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/11\/09\/eine-sprache-finden-ein-deutschdeutscher-dialog\/\">hier<\/a>. <span data-outline-text=\"true\">Einen Essay zur Reihe Kollegengespr\u00e4che finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/18\/kollegengespraeche\/\">hier<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>kindheit und kadaver<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel, mit Radierungen von Jens Eigner. Verlag Blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995. Eine Rezension des ersten Gedichtbandes von Holger Benkel finden Sie<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6898\"> hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>mei\u00dfelbrut<\/strong>,\u00a0Gedichte von Holger Benkel, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009. Eine Rezension finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12769\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die wenigsten Menschen erleben ihre Zeit, [\u2026] die meisten Menschen sind gesch\u00e4ftlich und haben keine Zeit f\u00fcr ihre Zeit. 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