{"id":103038,"date":"2024-09-16T00:01:24","date_gmt":"2024-09-15T22:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103038"},"modified":"2022-05-13T14:33:08","modified_gmt":"2022-05-13T12:33:08","slug":"gegen-die-kraft-der-poesie-ist-der-tod-machtlos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/09\/16\/gegen-die-kraft-der-poesie-ist-der-tod-machtlos\/","title":{"rendered":"Gegen die Kraft der Poesie ist der Tod machtlos"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer dem Tod nicht von der Schippe springen will, der tanzt mit ihm solange bis \u2026 Drei Zitate leiten den eben erschienenen volumin\u00f6sen Gedichtband von Horst Samson ein: von Oswald von Wolkenstein aus dem sp\u00e4ten Mittelalter (1377-1445), von dem chilenischen Avantgarde-Lyriker Vicente\u00a0 Huidobro (1893-1948) und dem renommierten Erz\u00e4hler und Aphorismen-Dialektiker Hanns-Hermann Kersten (1928-1986). Zwei unter ihnen bescheinigen dem Tod eine reinigende wie auch eine zeitverknappende Funktion, das dritte bezieht sich auf das Leben, das \u201enach Ferne duftet\u201c. Und der so irritierte Lyrik-Liebhaber wirft noch einmal einen Blick auf die Vorderseite des eindrucksvoll gestalteten Paperback-Bands: ein Knochenmann, der Tod, hantiert dort mit einer rot schillernden Kugel, augenscheinlich unserem Erdball. So viermal auf den noch lebenden Tod eingestimmt, n\u00e4hert er sich der Ouvert\u00fcre: \u201eDas unbehauste Ich\u201c mit einem Goethe-Zitat aus \u201eFaust I\u201c, in dem der Tod nicht aus dem Ged\u00e4chtnis gestrichen wird. Ein Auftakt also, mittelalterlich, klassisch und avantgardistisch gemischt, zu den 102 Gedichten und zu den 23 eindrucksstarken Mischtechnik-Zeichnungen von Gert Fabricius (geb. 1940), einem aus Bukarest stammenden, seit 1977 in Deutschland lebenden K\u00fcnstler. Mit ihm verbindet der Autor, wie die \u201eSuite f\u00fcr Gert\u201c (vgl. 181f.) nachweist, ein besonderes \u201emetaphysisches\u201c Verh\u00e4ltnis. Er warnt ihn flehentlich vor den verf\u00fchrerischen sinnlichen und kommunikativen Kr\u00e4ften, und jenem stets wachen Beelzebub, der Tag und Nacht auf \u201eder Suche nach Kundschaft\u201c ist, um \u201eHerzinfarkte einzusammeln und letzte Seufzer.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese am 27. Mai 2021 entstandenen Verse schlie\u00dfen \u2013 mit Ausnahme von den drei (!) abschlie\u00dfenden Texten (\u201eAlso sprach das Nichts\u201c, \u201eIn den Kathedralen\u201c und \u201eGeniestreich\u201c) \u2013 das im Inhaltsverzeichnis vermerkte \u201eNocturne f\u00fcr ein Klavier\u201c fehlt &#8211; einen Gedichtband ab, der in acht thematische Bereiche gegliedert ist. Der dem siebenb\u00fcrgischen Schriftsteller-Kollegen Anton Sterbling gewidmete Auftaktzyklus \u201eVerscharrte Zeit. Ode an die Grenze\u201c besch\u00e4ftigt sich mit den unauslotbaren Grenzen unserer Tr\u00e4ume und unserer Sehnsucht nach der \u00dcberwindung von realen, politisch erzwungenen Grenzen. Im Bereich \u201eDas Leben zerflie\u00dft zur Tr\u00e4ne\u201c erregt das Eingangsgedicht \u201eDie kurze Ballade vom Tod\u201c f\u00fcr einen kurzen Augenblick die Aufmerksamkeit des Lesenden, weil die \u201eAmnestie f\u00fcr S\u00fcnder\u201c den ironischen Kommentar des lyrischen Ich hervorruft, das den freien Dialog mit dem Himmel und nicht den christlichen Gnadenakt vorzieht. Die zwischen den Seiten 26\/27 abgebildete Zeichnung in Mischtechnik bildet insofern eine gelungene gedankliche Br\u00fccke zwischen dem frei flotierenden, in einem Boot aufrecht stehenden Menschen, der augenscheinlich verletzt, mit anderen Menschen den Dialog sucht, zugleich mit den mythengleichen Gesch\u00f6pfen aus den \u00fcberlieferten antiken Legenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die auch in diesem Themenbereich im Verlauf von mehr als zehn Jahren entstandenen Gedichte, die meist in einem Staccato-Rhythmus mit einer variierenden Anzahl an Verszeilen pro Strophe zu Papier gebracht sind, erhalten durch die konsequente Gro\u00dfschreibung der Buchstaben zu Beginn der jeweilige Zeile eine eigenwillige Aussagekraft, die aufgrund des \u00fcberwiegend angewandten Prinzips des Zeilensprungs dem jeweiligen Vers sowohl eine Abgeschlossenheit als auch eine Leichtf\u00fc\u00dfigkeit der Aussage verleiht. Auf diese Weise springt auch die imagin\u00e4re Kraft der Todesn\u00e4he zwischen nat\u00fcrlichen Abl\u00e4ufen und den im Gehirn stets pr\u00e4senten Todesvisionen unerbittlich hin und her, und \u00fcberwindet damit jegliche Grenzmarkierungen. Ein besonders anschauliches Beispiel ist das Gedicht \u201eBlende Acht\u201c, in dem ein Ger\u00e4usch in einem menschlichen Sch\u00e4del, das durch ein Kriegskonzert hervorgerufen werden, auf reale kriegerische Handlungen \u00fcbertragen wird. Dieses Ger\u00e4usch wird ausgel\u00f6st durch die Wucht einschlagender Gewehrkugeln und Granaten und erzeugt den Eindruck zerfetzter menschlicher Leiber. Es flie\u00dft damit in die imaginierte Realit\u00e4t des tobenden Krieges ein:\u00a0 \u201eje l\u00e4nger \/ Der Krieg\/ Umso tiefer blickt das Auge \/ Ins Nichts.\u201c (S. 37)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es zeichnet das politisch und moralisch engagierte Schaffen von Horst Samson aus, das er in diesem Gedichtband auch dem tragischen Schicksal und dem Leid j\u00fcdischer Dichter*innen eine Reihe von Texten gewidmet hat. Dazu geh\u00f6ren: \u201eHinter mir\u201c \u2013 Ein Nachruf auf Paul Celan, \u201eVariationen auf Blitzlicht\u201c, \u201eBlitzlicht I\u201c, \u201eUnterm Stiefel\u201c, f\u00fcr Miklos Radnoti; \u201eDas \u00dcbergeordnete\u201c, mit einer aus Nelly Sachs\u2018 \u201eIn den Wohnungen des Todes\u201c zitierten Strophe. Zu diesen einf\u00fchlsamen Texten geh\u00f6rt auch das bereits seinem Gedichtband \u201eDas Meer im Rausch\u201c (2019) abgedruckte \u201eSANARY \u2013 SUR\u2014MER\u201c. In ihm werden die Flucht und die Endstation von 68 deutschen und \u00f6sterreichischen Schriftstellern*innen in dem franz\u00f6sischen Fischerdorf beschrieben. Unter den Fl\u00fcchtenden waren \u00a0zahlreiche j\u00fcdische Exilanten, die auf der Flucht vor den Nazis waren. Seinem Schicksal als Emigrant entkommen wollte auch der aus dem Banater Bergland stammende Dichter Rolf Bossert (1952-1986), als er sich in den Tod st\u00fcrzte. Ihm ist im Kapitel \u201aDer Schnee ist rot\u2018 ein tief bewegendes Gedicht gewidmet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein besonderer Zyklus innerhalb des thematisch leider \u00fcberbordenden Gedichtbandes ist das 2020 entstandene Gedicht \u201eDas \u00dcbergeordnete\u201c. Es ist eine aus 12 Abschnitten bestehende \u201eHommage\u201c an einen unerm\u00fcdlich wirkenden Tod, der mit vielen psychischen Eigenschaften ausgestattet ist und zugleich gef\u00fchllos und gef\u00fchlsstark unerm\u00fcdlich seiner Lieblingsbesch\u00e4ftigung nachgeht, n\u00e4mlich denen zu helfen, die sich verabschieden vom Leben. Der lyrische Erz\u00e4hler kommentiert diese Aufgabe wie folgt. Der Tod sei ein Einzelg\u00e4nger, weder Schnaps noch Lik\u00f6r trinke er, Roulette spiele er nicht, weder Aktien noch Geld interessieren ihn, eine Geliebte habe es ebenso nicht wie er an Gott glaube, \u00fcberhaupt ein Langweiler sei er, auch die Blumen, mit Ausnahme der Chrysanthemen, mag er nicht, aber Philosophie studiere er, warum? Lesen Sie selbst, wie raffiniert der Dichter dem Tod nachsp\u00fcrt mit vielen am\u00fcsanten Vermutungen. Ein Genuss zu lesen und zu h\u00f6ren! Und fast am Ende des Zyklus wartet dann der grafisch \u00fcberbordend gestaltete \u201eLeiermann\u201c von Gert Fabritius, der dem Tod eine \u00fcberw\u00e4ltigende Gestalt verleiht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine philosophische Dimension zeichnet den Zyklus \u201eDer Tod sitzt auf der Bank\u201c aus. In ihm f\u00fchrt der Tod mit den zum Tode geweihten Seelen nicht endende Gespr\u00e4che, ohne tief bewegt zu sein: In KONSTELLATIONEN sitzt \u201eDer Tod [\u2026] auf der Bank\/ Vor dem Haus, raucht gen\u00fcsslich \/ Eine Zigarette und z\u00e4hlt Sterne.\/ \u2026 \/ \u201eJeder macht mal eine Pause\u201c\/ Tr\u00e4llert der Tod vor sich hin\/ Er (be)eilt sich \/nicht, der Tote im Haus hat Zeit,\u201c. (S. 110). Eine von biografischen Elementen durchdrungene Todesvision enth\u00e4lt das Triptychon \u201eTango Mortis\u201c mit dem Motto \u201eGott ist tot\u201c, frei nach Friedrich Nietzsche. Es verweist auf den \u201eSteppenwolf vom Balagan\u201c, eine autobiografische Assoziation an die Kindheit des Autors, die im lyrischen Werk von Samson immer wieder als Ort der Verbannung auftaucht und mit dem \u201ekalten Crivat\u201c, aber auch mit Odysseus in Verbindung gebracht wird. Unter den folgenden \u201eKonstellationen\u201c sind vor allem drei komplexe Gedichte hervorzuheben: das dem Tod vom Leonard Cohen gewidmete Gedicht, in dem die durch \u201eYou Tube\u201c eilenden Fans auf der Suche nach dessen Liedern poetisch besonders gelungen sind; der Brief an Fernando Pessoa und das Samuel Paty gewidmete Gedicht, dem Lehrer an einer franz\u00f6sischen Mittelschule, der von einem aus Tschetschenien stammenden, im Geiste Mohammed erzogenen Jungen enthauptet, weil sein Lehrer das Recht auf Meinungsfreiheit im Unterricht lehrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vielfalt der in diesem volumin\u00f6sen Gedichtband behandelten Todesimaginationen und Todesvisionen, wie auch deren thematische und rhythmische Umsetzung erlaubt bislang nur eine vorl\u00e4ufige kritische W\u00fcrdigung. Hervorzuheben sind der spielerische und zugleich couragierte Umgang mit einem metaphysisch gewaltigen Feld, auf dem riesige Textfelder mit dem Todessujet angesiedelt sind. Umso mutiger ist dieser geb\u00fcndelte gelungene Versuch, dem Gevatter Tod so viele Visionen, Gef\u00fchle und ungew\u00f6hnliche Empfindungen anzubieten. Wer mit dem gewaltigen Werk des Dichters Samson ein wenig vertraut ist, der wird nun auch den Mut haben, nach dessen Spiel mit dem Meer, der Zeit und dem Feuer sich an eine Monografie \u00fcber sein Werk wagen. Nur zu, es lohnt sich!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Tod ist noch am Leben<\/strong>. Gedichte von Horst Samson. Mit 23 Zeichnungen von Gert Fabricius. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103039 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Der-Tod-Cover-205x300.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer dem Tod nicht von der Schippe springen will, der tanzt mit ihm solange bis \u2026 Drei Zitate leiten den eben erschienenen volumin\u00f6sen Gedichtband von Horst Samson ein: von Oswald von Wolkenstein aus dem sp\u00e4ten Mittelalter (1377-1445), von dem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/09\/16\/gegen-die-kraft-der-poesie-ist-der-tod-machtlos\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":103039,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2116],"class_list":["post-103038","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-wolgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103038","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103038"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103038\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103042,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103038\/revisions\/103042"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103039"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103038"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103038"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103038"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}