{"id":103028,"date":"2022-12-12T00:01:00","date_gmt":"2022-12-11T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103028"},"modified":"2022-12-07T14:11:01","modified_gmt":"2022-12-07T13:11:01","slug":"zu-neunzig-prozent-waren-es-zombies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/12\/zu-neunzig-prozent-waren-es-zombies\/","title":{"rendered":"Zu neunzig Prozent waren es Zombies"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nach Europa \u2013 ja, aber nur mit unseren Toten<\/em> \u2013 so lautet die w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung des Romans aus der Feder des 1980 in Gdansk\/Danzig geborenen Schriftstellers, der in der polnischen Literaturszene seit \u00fcber zwanzig Jahren mit seinen zahlreichen Gedichtb\u00e4nden und seinem dritten Roman die besondere Aufmerksamkeit der polnischen Literaturkritiker und seiner zahlreichen Leser\/innen erregt. Zweifellos hat Jacek Dehnel mit dem 2019 im Krakauer Verlag <em>Wydawnictwo Literackie<\/em> erschienenen Roman ein besonders schmerzlich-brisantes Thema der polnischen Geschichte aufgegriffen und mit dessen satirischer Umsetzung ein breites Spektrum an religi\u00f6sen, nationalistischen, emotionalen, literaturkritischen und sachbezogenen Reaktionen hervorgerufen. Bereits der Vorspann zum Pr\u00e4ludium des Romans k\u00f6nnte die Aufmerksamkeit des Lesers erregen. Drei bedeutsame Vertreter der polnischen Literaturgeschichte signalisieren den geistesgeschichtlichen Hintergrund f\u00fcr eine spannungsgeladene, religi\u00f6s aufgeladene, satirisch-sarkastische Story. Es sind drei Zitate, die auf spezifische Merkmale der polnischen Religionsgeschichte aufmerksam machen. Maria Janions 2020 erschienener polemischer Essay-Band \u00fcber die besondere Funktionen des Opfertodes in der polnischen Geschichte, der Auszug aus dem Drama <em>Pater Marek<\/em> von Julian S\u0142owacki (1809-1849), in dem das Auferstehungsmotiv ein f\u00fcr den vorliegenden Roman wegweisend ist. Au\u00dferdem ein Auszug aus Jaros\u0142aw Rymkiewicz\u2018 Essay <em>Juliusz S<\/em><em>\u0142<\/em><em>owacki fragt nach der Uhrzeit<\/em>, in dem der Menschheitsstatus ein bestimmtes Merkmal f\u00fcr das Polentum aufweist. Es ist eine \u201evorletzte Stufe auf der Leiter, die zum Engelsein f\u00fchrt.\u201c So eingestimmt und alarmiert setzt die Romanhandlung ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie besteht aus zwei grundlegenden musikalischen Motiveinheiten (Pr\u00e4ludium und Fuge), 15 Kapiteln sowie einem knappen Nachwort des Autors. Als Einstieg in die Handlung dient eine Krakauer Wohnhaus-Atmosph\u00e4re, die von Personen ganz unterschiedlicher sozialer und nationaler Herkunft gebildet wird. Sie stellen gleichsam den sozialen Querschnitt der polnischen Gegenwartsgesellschaft dar und widerspiegeln in ihren Handlungsaspekten den markanten Unterschied zwischen Mietern und Eigent\u00fcmern. Unter den Mietern befindet sich auch das schwule Paar Tomek und Kuba, die in der Romanhandlung die tragenden Rollen \u00fcbernehmen. Kuba ist Journalist beim Fernsehen, Tomek schreibt an einer Doktorarbeit. Noch bevor Kuba den mysteri\u00f6sen Leichnam auf einem Friedhof in Cikovice bei Krakau einordnen kann, passieren in dem Miethaus zwei grausame Morde: Dorota und Kenneth liegen blutverschmiert und zerrissen in ihrer Wohnung. Auch die alarmierte Polizei ahnt noch nicht, dass \u2026 Stattdessen h\u00e4ufen sich die Vermutungen und Ger\u00fcchte: tschetschenische Banden, illegale Abtreibungen, ein Perverser, der seine Konkubine abgeschlachtet hat. Erst ein Investigativjournalist verbreitet unter der Hand eine neue unheimliche Botschaft: \u201ezu neunzig Prozent waren es Zombies.\u201c In der Zwischenzeit verdichten sich Ger\u00fcchte, dass \u201edie Zombies grunds\u00e4tzlich keine Landsleute bissen, ausgenommen nat\u00fcrlich den ein oder anderen polnischen Staatsb\u00fcrger, der ihnen nicht polnisch genug vorkam.\u201c Andererseits seien in den Gro\u00dfst\u00e4dten \u201edie meisten polnischen Farbigen verschwunden\u201c. Eine h\u00f6chst alarmierende Lage also! Auch das Fernsehen sendet Eilmeldungen mit verwackelten Bildern, auf denen beh\u00e4bige Zombies sich auf die polnische Staatsgrenzen zubewegen und sogar Bahnschranken an der Linie Rostock \u2013 Frankfurt an der Oder durchbrachen, nicht aber eine Grenzschranke, wie f\u00e4lschlicherweise mit dem Hinweis auf den \u00dcberfall der Deutschen auf Polen im September 1939 bereits verbreitet wurde. Nein, diese Heerscharen stummer, gewaltt\u00e4tiger Zombies l\u00f6sten andere \u00c4ngste aus. Doch die NATO musste nicht alarmiert werden, denn wie es in offiziellen Verlautbarungen hie\u00df, die polnische Regierung \u201ebetrachtet die gegenw\u00e4rtige Situation als Problem im Grenzbereich zwischen illegaler Migration und Metaphysik.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im Alltag von Tomek und Kuba h\u00e4uften sich merkw\u00fcrdige Erlebnisse. Im Fernsehen waren Bilder von Zombies zu sehen, begleitet von Berichten dar\u00fcber, dass endlich wieder Polen im Kreml fast vierhundert Jahre nach ihrer Vertreibung zu sehen waren. In einem anderen Kanal marschierte eine Gruppe von Zombies in eine postsowjetische Betonstadt. Und das war der Gipfel! \u201e\u2026 in einem schlecht geschnittenen Video sa\u00df Pi\u0142sudski auf Putins Schreibtisch und verspeiste genussvoll Klumpen von dessen Gehirn\u2026 Gleich darauf riss ein Jagie\u0142\u0142o in Tannenberg-R\u00fcstung die Bundeskanzlerin in St\u00fccke.\u201c (S. 209) Dass es sich bei den beiden genannten Pers\u00f6nlichkeiten um bedeutende Figuren aus der polnischen Geschichte handelt, zeugte von den allgemeinen Zustand nicht nur in Warschau, sondern \u00fcberall im sich polonisierenden Zombie-Land. Davon waren auch die Bewohner des Miethauses tief betroffen. Tomek arbeitete aus Furcht vor neuen Zombies hinter doppelt verriegelten T\u00fcren, ging nicht mehr in die Uni und f\u00fcrchtete die Zomboisierung der Wissenschaft, zumal sich auch das Fernsehen bereits diesem Trend angeschlossen hatte. \u201eDie Deutschen sind Polen, die Italiener sind Polen, die Amerikaner sind Polen \u2026 \u201e Oder auch: \u201eIn alten Zeiten, als die Welt noch Gottes Gesetz folgte, waren alle Menschen auf Erden Polen\u2026\u201c H\u00f6chste Zeit f\u00fcr Kuba und Tomek und Ela, die engste Freundin der beiden, mit einem Dienstwagen der Fernsehanstalt zu fliehen. Vollgepackt mit vielen n\u00fctzlichen Dingen und Proviant, der leider nicht ausreichend ist, reihen sie sich in den endlosen Strom der Fl\u00fcchtenden ein, der sich in Richtung Tschenstochau qu\u00e4lend langsam bewegt. Bereits die erste Zwangspause an einer Imbissbude zeigt die Auswirkung der Massenflucht: gepl\u00fcnderte Ladentheken und leer gefegte Regale. Die zweite Pause ist durch einen Motorschaden verursacht, der zur ersten k\u00f6rperlichen Auseinandersetzung mit den Zombies f\u00fchrt, den die tapferen Verteidiger mit Wagenheber und sonstigen wuchtigen Werkzeugen ausgestattet noch f\u00fcr sich entscheiden. Auch dann, als sich weitere Freunde der Flucht anschlie\u00dfen. Und die endet im Kloster Sanktuarium Blut Christi mitten in Jasna G\u00f3ra, eine der heiligsten St\u00e4tten der polnischen katholischen Kirche. Dort verteidigen sich die Fl\u00fcchtlinge mit letzter Kraft vor dem Ansturm der Zombies. Und der hat fatale Auswirkungen:\u201c Die Zombies kamen aus allen Richtungen. \u00dcber die Alleen, \u00fcber Parallel- und Querstra\u00dfen, aus Rak\u00f3w, \u2026 Es waren un\u00fcberschaubare Massen, die sich wie eine z\u00e4he Fl\u00fcssigkeit ergossen, ausschw\u00e4rmten wie Insekten, die sich in jede Ritze zw\u00e4ngen k\u00f6nnen \u2026.\u201c Und diese Zombie-Armee r\u00fcckte immer n\u00e4her an das Kloster heran. Mitten in diesem Gemenge aus schmutzig-wei\u00dfen Knochen lag Prior Kordecki, Prior des Klosters, und Kommandant der Verteidigung der heiligen St\u00e4tte w\u00e4hrend der schwedischen Belagerung im Jahre 1655, wie aufmerksame Leser\/innen im Glossar auf Seite 318 nachlesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es spricht f\u00fcr den feinsinnigen Sarkasmus des Autors, dass er mit den seit Jahrzehnten in der Weltliteratur thematisierten Mitteln der Zombie-Figur einen Roman geschrieben hat, ohne dem Clich\u00e9 der sogenannten Untoten zu verfallen. Seine Untoten steigen aus ihren Gr\u00e4bern, hinterlassen \u00a0abschreckende Visionen, geraten in einen Strudel des Unbewussten und beleben zugleich mit ihren religi\u00f6s motivierten und \u00fcberlieferten Legenden einen christlichen Zeitgeist, der sich national-\u00fcberbordender Legenden bedient. Damit liefert er einer aufgekl\u00e4rten christlichen polnischen Gesellschaft nicht nur zeitgem\u00e4\u00dfe Werkzeuge zur Entlarvung nationalistischer \u00a0Auferstehungslegenden, sondern leistet, wenn auch als Satire umgesetzt, einen bedeutenden Beitrag zur Bewusstwerdung polnischer Identit\u00e4t. Dieser Intention angepasst ist die temporale Struktur der Handlungsabl\u00e4ufe. Ein auktorialer Erz\u00e4hler bedient sich konsequent einer Vergangenheitsform, um die dramatischen Handlungsabl\u00e4ufe von den dialogischen Gespr\u00e4chsformen der Akteure abzusetzen. Diese beinahe stereotype Erz\u00e4hlweise k\u00f6nnte zu einer Erm\u00fcdung des Lesenden f\u00fchren, wenn ihm nicht die folgerichtige, spannungsgeladene Handlung immer wieder neue Impulse verleihen w\u00fcrde. Jacek Dehnel hat mit seinem Roman einen scharfsinnigen Beitrag zur Deutung polnischer katholischer Legenden geliefert. Doch der vielfach mit angesehenen polnischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor ebnet sich auch mit seiner \u00dcbersetzung des ber\u00fchmten Jahrhundert-Romans \u201eThe Great Gatsby\u201c von Scott Fitzgerald den Zugang zur amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Von seinen sonstigen Talenten ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Aber mit unseren Toten<\/strong>, von Jacek Dehnel. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann und Renate Schmidgall. Berlin (e<em>dition<\/em>.<em>foto<\/em>TAPETA) 2022.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Mehr zu <em>Zombies<\/em>: KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df aus der vom Netz gegangenen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten auch weiterhin <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nach Europa \u2013 ja, aber nur mit unseren Toten \u2013 so lautet die w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung des Romans aus der Feder des 1980 in Gdansk\/Danzig geborenen Schriftstellers, der in der polnischen Literaturszene seit \u00fcber zwanzig Jahren mit seinen zahlreichen Gedichtb\u00e4nden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/12\/zu-neunzig-prozent-waren-es-zombies\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3787,1158],"class_list":["post-103028","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-jacek-dehnel","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103028","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103028"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103028\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104282,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103028\/revisions\/104282"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103028"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103028"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103028"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}