{"id":103020,"date":"2022-06-17T00:01:56","date_gmt":"2022-06-16T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=103020"},"modified":"2022-05-11T15:50:35","modified_gmt":"2022-05-11T13:50:35","slug":"jenseits-des-falschen-lebens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/17\/jenseits-des-falschen-lebens\/","title":{"rendered":"jenseits des falschen lebens"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bernd marcel gonner, der lyrik, prosa, dramatische texte und kinderliteratur schreibt und heute in berlin lebt, wurde 1966 als sohn eines luxemburgischen vaters und einer b\u00f6hmischen mutter geboren. solche verschiedenen herk\u00fcnfte regen kreativit\u00e4t an, weil sie mit unterschiedlichen identit\u00e4ten und pr\u00e4gungen aufwachsen und diese miteinander vergleichen und verbinden lassen. er studierte germanistik, philosophie und kunstgeschichte. vor dem erz\u00e4hlband \u00bbVolk der Freien\u00ab erschienen seine b\u00fccher \u00bbOderberger \/ Ein Versepos\u00ab, worin er das leben von vier punks aus der hausbesetzerszene beschreibt, \u00bbRe \u2212 belln oder K\u00fcnftige Hundsges\u00e4nge \u2212 Eine Novelle\u00ab, deren titel wom\u00f6glich auf die kyniker anspielt, \u00bbEine postapokalyptische Science-Fiction-Story, eine anarchistische Roadmap, vor allem und zuerst aber eine enorm romantische Geschichte um Freundschaften und Cliquen gegen den Rest der Welt.\u00ab, und das kinderbuch \u00bbPirat und Seer\u00e4uber sterben nie.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gonners texte erz\u00e4hlen unmittelbar und sprechen, wie ihre figuren, klar und direkt. mitunter verst\u00f6\u00dft der autor, der, ganz unakademisch, szenesprache, also jargon, verwendet, gegen herk\u00f6mmliche schreibsprachregeln. georg christoph lichtenberg schrieb, es g\u00e4be eine wahre und eine f\u00f6rmliche orthographie. das unterwandern der geregelten rechtschreibung folgt der einsicht, da\u00df festgelegte sprachregelungen das denkverm\u00f6gen einschr\u00e4nken k\u00f6nnen. eine ungewohnte literarische sprache indes fordert den leser zum gr\u00fcndlichen lesen und genauen mitdenken heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zugleich sind strukturen und motive seiner erz\u00e4hlungen komplex. er verkn\u00fcpft sozialen und kulturellen untergrund mit mythen, alltagserfahrungen mit kulturgeschichte, derbheit mit subtilit\u00e4t, die jeweils ineinandergreifen und zusammenwirken. indem gonner die identit\u00e4ten einer minderheit, abgrenzung vom normierten und rebellion dagegen artikuliert, sieht er vieles anders als \u00fcblich. in den erz\u00e4hlungen erscheinen, neben anarchisch, wagemutig, experimentell und neugierig lebenden jungen heutigen figuren, der junge walter benjamin las anarchistische schriften, g\u00f6tter sowie historische personen. gonner verbindet seine gestalten der gegenwart mit namen und merkmalen von figuren \u00e4gyptischer, sumerischer, j\u00fcdischer, griechischer, germanischen und indianischer mythen. thor, den man mit dem namen des germanischen gewitterundfruchtbarkeitsgottes ruft, hat in der erz\u00e4hlung \u00bbTransitverkehr\u00ab die schule abgebrochen und dann schriftsetzer gelernt. kalle in \u00bbIhr wisst ja nicht oder Die beste aller m\u00f6glichen Welten\u00ab wird baal gerufen, also herr. baal meint hier sicher altorientalische gottheiten und nicht den christlichen h\u00f6llenf\u00fcrsten. ich fragte mich beim lesen, warum die germanischen und indianischen trickster loki und coyote fehlen, die gut ins anarchische umfeld passen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">au\u00dferdem l\u00e4\u00dft er anna seghers, deren roman \u00fcber fl\u00fcchtende \u00bbTransit\u00ab hochaktuell ist, ernst bloch, nicolas born, ernst meister und gustav regler auftreten. der kontakt zu anna seghers, klaus mann und ilja ehrenburg hatte. 2020 erhielt gonner den \u00bbGustav-Regler-Preis\u00ab des \u00bbSaarl\u00e4ndischen Rundfunks\u00ab. einer der gr\u00f6\u00dften vorw\u00fcrfe unter kreativen menschen ist, da\u00df man normal sei. heute macht vielfach auch erfolg normal. gonner d\u00fcrfte uneitel genug sein, sich an seinen texten, und nicht preisen, messen zu lassen. literarisch z\u00e4hlt vor allem die arbeit und die lust am text.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der fr\u00fch verstorbene nicolas born, der ernst meister f\u00f6rderte, engagierte sich gegen das atomare \u00bbEndlager\u00ab gorleben. es kann kein endlager f\u00fcr atomm\u00fcll geben. die radioaktiven teile strahlen 10000 und zum teil eine million jahre lang. kein geologe der welt k\u00f6nnte f\u00fcr solche zeitr\u00e4ume auch nur ann\u00e4hernd zuverl\u00e4ssige vorhersagen machen. atomkraftwerke wurden und werden gebaut, ohne da\u00df man wei\u00df, wo und wie man ihre abf\u00e4lle sicher lagert. die erde ist kein guter m\u00fcllcontainer daf\u00fcr. seitdem die menschen wissen, da\u00df die erde sich um die sonne dreht und sie von tieren abstammen, sind sie, paradoxerweise, der natur gegen\u00fcber immer anma\u00dfender geworden. vielleicht entsorgt man den atomm\u00fcll einst, sofern es technisch machbar ist, im weltraum, der bereits jetzt verm\u00fcllt wird. wenn der mensch die n\u00e4chsten schritte geht, folgen expansionen ins all. und wer wei\u00df, welche folgen die eroberung ganzer kontinente hatte und hat, ahnt was dem nahen weltraum bevorsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">manche sagen, solche texte seien soziologisch interessanter als literarisch. mir scheint das ein vorurteil. wer vom rande kommt, kann wesentliches sehen. die erz\u00e4hlungen von gonner beschreiben lebensbedingungen und lebensformen von rebellen, andere nennen sie aussteiger, im heutigen berlin und dessen linker szene, die eine, auch als liebende und geliebte, kultur am rande formieren, womit er amerikanischen autoren wie charles bukowski, allen ginsberg, william s. burroughs und jack kerouak nahe ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der literarische untergrund wurde vielfach zum fundament neuer inhalte und formen der literatur. karl kraus vermerkte: \u00bbKunst bringt das Leben in Unordnung. Die Dichter der Menschheit stellen immer wieder das Chaos her.\u00ab in burroughs \u00bbThe Soft Machine\u00ab liest man: \u00bbWir r\u00fchren Schriftsteller alles Zeiten zusammen und nehmen Radioprogramme, Tonstreifen von Filmen, TV- und Musikautomatenkl\u00e4nge, alle W\u00f6rter der Welt auf, mischen das Ganze in einem Zementmixer und gie\u00dfen dazu die Widerstandsbotschaft \u2033An die Partisanen aller L\u00e4nder\u2033 \u2026 Zerhackt Wortfolgen \u2026 Tauscht Zungenlaute aus \u2026 Macht Tore frei \u2026 La\u00dft \u2033Touristen\u2033 erzittern \u2026 Fa\u00dft den Sturz der Worte \u2026 Fotografiert den Sturz \u2026 Sto\u00dft vor in den Grauen Raum.\u00ab burroughs war vom film beeinflu\u00dft, etwa vom fr\u00fchen jean-luc godard und dessen experimentellen filmtechniken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gonner nennt seine texte \u00bbGeschichten davon, wie der Mensch das Gef\u00fcge von &#8222;oben&#8220; und &#8222;unten&#8220; ins Werk gesetzt hat: das von Bevormundung und Duckm\u00e4usertum, das ihm wie eine zweite Haut anh\u00e4ngt \u2013, und was es hei\u00dft zu brennen: f\u00fcr die Sache des aufrechten Gangs und des &#8222;Keine Macht f\u00fcr niemand&#8220;\u00ab. die figuren, die geschlossenen strukturen mi\u00dftrauen, nehmen das wort freiheit beim worte und meinen damit vor allem: keine abh\u00e4ngigkeiten und keinen zwang. sie wollen nicht verf\u00fcgbar sein. \u00bbin den gro\u00dfen St\u00e4dten wie in den hintersten Winkeln der L\u00e4nder suchen allerlei Heranwachsende, im Gep\u00e4ck wenig mehr als hei\u00dfen Kopf, Herz und Hand, nach Gef\u00e4hrten, mit denen sie ein neues Wechselspiel zwischen Denken und Verh\u00e4ltnissen buchstabieren und aufbauen lernen k\u00f6nnen.\u00ab die texte lassen vermuten, da\u00df der autor dies nicht blo\u00df sagt und schreibt, sondern, was seltener ist, auch lebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">uwe timm sprach von \u00bbPartisanen des Alltags\u00ab. man findet grenzg\u00e4nge und grenzg\u00e4nger, die an der grenze zur welt leben, die sie meiden. wer nicht \u00fcbersteigen kann, mu\u00df unterwandern. der leser begegnet karl, paul, jano\u0161, aaron, marek, jakub, tom\u00e1\u0161, jaromir, r\u00e1dov, lena oder libu\u0161e, die oft aus ostmitteleuropa kommen, au\u00dferhalb tradierter feste, also unkonventionell, r\u00e4ucherst\u00e4bchen abbrennen lassen, sicher auch im erinnern an die eigene kindheit, mit bier, vielleicht met, meditieren oder geister mit thymian bes\u00e4nftigen. ein hund hei\u00dft eisbein, wird aber nicht gegessen. alternative lebensformen bewahren erfahrungen der kindheit, wohl um gaben der kinder zu retten oder zur\u00fcckzugewinnen und die kinderzeit zu verarbeiten. denn normal und erwachsen werden bedeutet gemeinhin entfremdet sein, obwohl es doch hei\u00dfen sollte, zun\u00e4chst die verkehrtheiten der welt zu erkennen. wenn eltern ihre kinder der normalit\u00e4t anpassen, oder dem, was sie daf\u00fcr halten, ohne das individuell besondere des einzelnen kindes wahrzunehmen, verursachen sie h\u00e4ufig lebenslange sch\u00e4den, die von den betroffenen oft an andere, vor allem die eigenen kinder, weitergegeben werden. diesen teufelskreis gilt es zu durchbrechen. sonst ist im erwachsenen menschen nicht nur ein kind verborgen, sondern auch verbogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die meisten menschen bleiben ans falsche leben gebunden und wollen oberfl\u00e4chlich davon abgelenkt werden, damit sie es ertragen k\u00f6nnen. wer sich gew\u00f6hnt, wird gew\u00f6hnlich, also kleinb\u00fcrgerlich. roland barthes analysierte: \u00bbDer Schneid des Kleinb\u00fcrgers besteht darin, qualitative Werte zu meiden und jedem Ver\u00e4nderungsproze\u00df die Statik der Gleichheiten entgegenzusetzen (Auge um Auge, Wirkung gegen Ursache, Ware gegen Geld, auf Heller und Pfennig usw.)\u00ab und \u00bbdie Unf\u00e4higkeit, sich das Andere vorzustellen, ist einer der durchg\u00e4ngigsten Z\u00fcge kleinb\u00fcrgerlicher Mythologie.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der leser sp\u00fcrt die sehnsucht nach einem freieren, nat\u00fcrlicheren und ges\u00fcnderen leben. die figuren werfen zw\u00e4nge der \u00e4u\u00dferlichen kultivierung ab. ihr leben ist nicht in jeder szene perfekt, aber authentisch und kreativ. das perfekte verhindert das authentische vielfach sogar, doch auch umgekehrt. nur das unvollendete k\u00f6nne begriffen werden, schrieb friedrich schlegel, vollkommenheit sei steril, egon friedell. was die gegenwart kollektiv verwirft, besetzen unabh\u00e4ngige individuen als freiraum. der ausstieg wird zur lebenskunst. unangepa\u00dfte menschen leben die rebellion mit improvisation, list und ironie. james joyce postulierte: \u00bbich will versuchen, mich in irgendeiner Art des Lebens oder der Kunst auszudr\u00fccken, und zwar so frei, wie ich kann, und so vollst\u00e4ndig, wie ich kann, und zu meiner Verteidigung nur die Waffen gebrauchen, die zu gebrauchen ich mir selbst erlaube: Schweigen, Verbannung, List.\u00ab johann gottfried herder fragte: \u00bbist der Zwerg auf den Schultern des Riesen nicht immer gr\u00f6\u00dfer als der Riese selbst?\u00ab, und ebenso der zaunk\u00f6nig auf dem kopf des adlers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbAuf Nimmerwiedersehn oder Was man so braucht zum Leben\u00ab lesen wir vom leben der kinder der alternativen: \u00bbSie schrieben Reisereportagen, Abenteuergeschichten und Backrezepte f\u00fcr Riesen und Zwerge. Sie zeichneten Routen durch die Wildnis jenseits der Stadt und stopften die Pl\u00e4ne in die Balgf\u00e4cher ihrer widerspenstigen Hosen. Sie lernten zu unterscheiden zwischen Gut und Schlecht. Sie lasen die Parolen auf den Plakaten mit Abscheu, stummen Groll in den Ged\u00e4rmen und geballter Faust in der Tasche.\u00ab karl arbeitet bei einer unabh\u00e4ngigen zeitung, paul schreibt reisereportagen \u00fcber l\u00e4nder, in denen er aus kostengr\u00fcnden nie war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbHundert Prozent\u00ab hei\u00dft es: \u00bbPe&#8217;to gibt eine Anzeige auf. In einem Aussteigerblatt, das die Grenzen der bewohnten Welt erreichte. <em>Fotograf sucht Enkidu. Ersatzweise welche aus seinem Clan. Jede Haarfarbe willkommen. Augenfarbe nach Wahl. Zuschriften per Schiff- oder Landpost an: Pe&#8217;to, Rue Dimitroff, 23 Berlin<\/em>\u00ab. in berlin lassen sich sicher enkidu \u00e4hnliche menschen finden, sogar mit sumerischer herkunft. der junge enkidu wurde im \u00bbGilgamesch-Epos\u00ab freilich von einer frau gepr\u00e4gt, w\u00e4hrend viele figuren gonners homosexuell sind. aber das ist hier, wo universelle liebe ersehnt wird, kein widerspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im \u00bbModernen Fremdw\u00f6rterlexikon\u00ab findet sich unterm stichwort \u00bbPunk\u00ab folgende erkl\u00e4rung: \u00bb1. aggressiv-monotone Rockmusik zu inhaltlich zynisch-resignativen Texten, 2. Anh\u00e4nger dieser Rockmusik mit greller Aufmachung (bunte Haartracht, Ketten, Nadeln in Wangen und Ohren, M\u00fcllmode u.a.) und provozierendem Auftreten.\u00ab ideologie im lexikon. waren schon ackerbau und viehzucht eine vertreibung aus dem paradies? die nordamerikanischen indianer lebten noch lange fast wie j\u00e4ger und sammler. die irokesenfrisur der punker ist so naheliegend. die zeichungen im buch mit teils bizarren punkigen und zugleich mittelalterlichen motiven, die auch gewalt darstellen, stammen von michael bl\u00fcmel, der kunst, kunstgeschichte und visuelle kommunikation studierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">immerhin leben gonners figuren in wohnungen. so selbstverst\u00e4ndlich ist das gar nicht. unter schriftstellern gabs etliche vor\u00fcbergehende obdachlose und vagabunden, etwa fran\u00e7ois villon, walt whitman, paul verlaine, arthur rimbaud, peter hille, klabund, theodor kramer und welimir chlebnikow, alles eigenst\u00e4ndige und kritische autoren. erfahrungen der erniedrigung kann man ideell und geistig daf\u00fcr nutzen, das wesen der realwelt, die menschen verformt und verletzt, zu verstehen und, soweit wie m\u00f6glich, davon freizukommen. in der \u00bbM\u00fcnchner R\u00e4terepublik\u00ab war ein ehemaliger landstreicher \u00bbVolksbeauftragter f\u00fcr Verkehrswesen\u00ab. er kannte die stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbTransitverkehr\u00ab erfahren thor und der leser vom fall philipp m\u00fcller, der 1952 von der polizei bei einer demonstration gegen die \u00bbWiederbewaffnung\u00ab, die f\u00fcr die bundesrepublik eine milit\u00e4rische erstbewaffnung war, erschossen wurde, \u00bbIn Abwehr offener Widersetzlichkeit\u00ab, wie polizei und medien melden. in \u00bbVolk der Freien oder Zecken sterben nie.\u00ab wird berichtet: \u00bbMit den ersten Kn\u00fcppeln der Polizei, mit dem ersten ger\u00e4umten Haus hatten sie gelernt. Dass die Glut auf die Stra\u00dfe geh\u00f6rt, nicht in den Ofen.\u00ab \u00bbDas besetzte Haus war \u00fcber Nacht ger\u00e4umt worden.\u00ab \u00bbHunderte gepanzerter Polizisten hatten die f\u00fcnf Handvoll Bewohner aufgetrieben und in fensterlosen K\u00fcbelwagen zum G\u00fcterbahnhof verbracht.\u00ab anschlie\u00dfend f\u00e4hrt man die bewohner \u00bbdurch D\u00f6rfer mit grauen Fensterscheiben und schwarzen Gardinen, St\u00e4dte, auf deren Bahnsteigen Rudel Halbstarker vor \u00d6ltonnen tanzten, in denen Feuer glommen, Kinder \u2013 G\u00f6tterbastarde, aus jeder Art geschlagen, \u2013 mit Zahnb\u00fcrsten den Dreck aus den Drahtgittern der B\u00e4nke filzten und sich die Finger leckten danach oder sich von fliegenden H\u00e4ndlern ein Eis direkt in die Hand erbettelten, braune ungem\u00e4hte Wiesen und Feldbrachen, von Quecke und Disteln \u00fcberzogen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die hausbesetzerszene endet in apokalyptischen zust\u00e4nden, die in der aktuellen literatur wieder h\u00e4ufiger werden und mich hier teils an arno schmidts kurzroman \u00bbGelehrtenrepublik\u00ab denken lie\u00df, der verh\u00e4ltnisse nach einem weltweiten atomkrieg beschreibt. karl kraus erkl\u00e4rte: \u00bbGewi\u00df, ich wills nicht verhehlen, ich erwarte mir einige Anregungen vom Weltuntergang.\u00ab bei gonner liest man: \u00bbIm selben Sommer havarierten zwei Atomkraftwerke. Hitzest\u00fcrme fegten \u00fcber die \u00c4cker im Osten des Landes und im dritten Jahr in Folge verdorrte das Getreide auf den von Tiefpfl\u00fcgen und Saatgutbeize verw\u00fcsteten B\u00f6den. Tektonische Beben sprengten das gro\u00dfe transatlantische Kabel, und das Rei\u00dfen der Saiten grub sich durch die Platinen der Gro\u00dfrechner wie Gletscherger\u00f6ll. Aus den auszitternden Greifarmen der Umformer schossen Blitze, Gottesanbeterinnen vor n\u00e4chtlichem Himmel. Das Land versank und stand in seinen Metropolen wieder auf. &#8222;Heer der Willigen&#8220; nannten die Regierenden diejenigen, die in die Fabriken der Metropolen str\u00f6mten, vor den \u00d6fen der Kraftwerke Kohlestaub schluckten und auf den H\u00f6fen um die gro\u00dfen St\u00e4dte herum als Maschinisten, Melker und Schlachter anpackten. W\u00e4rme, Nahrung und G\u00fcter f\u00fcr die gro\u00dfen Besitzenden.\u00ab das heer der willigen erinnert an fritz langs film \u00bbMetropolis\u00ab von 1927, wo massemenschen, die heute privatlinge, ich-marionetten sind, wie roboter arbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gonner schildert alternativen dazu: \u00bbMan gab ihnen das N\u00f6tige zum Leben und ein wenig mehr, und sie waren gl\u00fccklich, nicht in die kalten D\u00f6rfer mit ihren dornigen \u00c4ckern, nicht in die zersprengten St\u00e4dte mit ihren marodierenden Banden zur\u00fcckkehren zu m\u00fcssen. Dort lebte der Abschaum des Abschaums. Volk der Freien nannten sich welche, die sich selbst vor den Pflug spannten und a\u00dfen, was sie dem Boden abrangen.\u00ab und \u00bbOhne Strom, ohne flie\u00dfendes Wasser, ohne Medizin. Tot und frei, so stand es auf den Plakaten der S-Bahnh\u00f6fe.\u00ab die letzten idealisten bilden reparaturbrigaden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><span id=\"productTitle\" class=\"a-size-extra-large\"><strong>Volk der Freien<\/strong>, von Bernd Marcel Gonner. <span class=\"publisherprop\">KILLROY media<\/span>, 2021<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76906 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-665x1024.jpg 665w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-768x1183.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-560x863.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-260x401.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k-160x247.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/3422_Volk_der_Freien_Umschlag_3_k.jpg 786w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; bernd marcel gonner, der lyrik, prosa, dramatische texte und kinderliteratur schreibt und heute in berlin lebt, wurde 1966 als sohn eines luxemburgischen vaters und einer b\u00f6hmischen mutter geboren. solche verschiedenen herk\u00fcnfte regen kreativit\u00e4t an, weil sie mit unterschiedlichen identit\u00e4ten&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/17\/jenseits-des-falschen-lebens\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":98312,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2619,94],"class_list":["post-103020","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-bernd-marcel-gonner","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103020","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103020"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103020\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103022,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103020\/revisions\/103022"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98312"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103020"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103020"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103020"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}