{"id":102961,"date":"2012-07-14T16:16:42","date_gmt":"2012-07-14T14:16:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102961"},"modified":"2022-05-02T16:24:00","modified_gmt":"2022-05-02T14:24:00","slug":"dies-land-war-sein-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/14\/dies-land-war-sein-land\/","title":{"rendered":"Dies Land war sein Land"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Woody Guthrie war eine der f\u00fchrenden Figuren der amerikanischen Polit-Folk-Bewegung. Er schrieb die urspr\u00fcngliche Fassung des Songs am 23. Februar 1940 in dem billigen New Yorker Hotel <i>Hanover House<\/i>, wo er nachts alle sechs Strophen verfasste.<\/span><sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Ein gro\u00dfes Buch, ein wichtiges Buch, und ein gro\u00dfer Autor, der 2012 hundert Jahre alt geworden w\u00e4re. Aus diesem Grund hat die Edition Nautilus Woody Guthries Autobiographie \u00abBound for Glory\u00bb, zu deutsch \u00abDies Land ist mein Land\u00bb, \u00fcbersetzt 1977 von Hans-Michael Bock, wieder neu aufgelegt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Allerdings ohne die \u00dcbersetzung wenigstens noch einmal durchgelesen zu haben. Insofern riecht das ganze f\u00fcr mich wieder mal nach \u00aban einem Jubil\u00e4um verdienen wollen, aber zu geizig f\u00fcr Lektorat und \u00dcberarbeitung sein\u00bb. Man nimmt das, was schon da ist, macht eine dicke Werbekampagne drumrum, designt ein tolles neues Cover, aber l\u00e4\u00dft ansonsten alles beim Alten. Auch der Aufbau-Verlag Berlin bevorzugte diese geld- und zeitsparende Methode f\u00fcr seine Fallada-Neuausgabe: einfach das Alte raushauen, wie es ist, mit allen Tipp-, Setz- und Rechtschreibfehlern, die schon vor 50 Jahren in den B\u00fcchern drin waren, aber daf\u00fcr mit einem sch\u00f6nem neuen Einband und viel Werbung. Alter Wein in funkelnden neuen Schl\u00e4uchen, aber die Schimmelpilze dringelassen. Schei\u00dfe mit Gold drumrum.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Wobei nat\u00fcrlich weder die B\u00fccher von Hans Fallada noch das von Woody Guthrie Schei\u00dfe sind. Im Gegenteil: es sind gro\u00dfe Klassiker, gro\u00dfe und wichtige Literatur. Aber wenn man gro\u00dfe Literatur von Laien bearbeiten l\u00e4\u00dft, die mit Literatur nichts anfangen k\u00f6nnen, dann wird mitunter das ganze Werk verhunzt. Rodin hat seine Statuen schlie\u00dflich auch nicht von Lehrlingen behauen lassen, denn die h\u00e4tten mit ihren plumpen Mei\u00dfeln begeistert alles weggedroschen und nur einen Haufen Abfall \u00fcbriggelassen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Und genau das ist es, was Hans-Michael Bock, der \u00dcbersetzer, aus Woody Guthries gro\u00dfem Werk macht: Abfall. Eine unlesbare Wortsuppe, so eklig und ungenie\u00dfbar, da\u00df ich das Buch \u00f6fters mit W\u00fcrgen in der Kehle weglegen mu\u00dfte. \u00abDies Land ist mein Land\u00bb liest sich, als w\u00e4re Woody Guthrie ein beschr\u00e4nkter, vertrottelter Idiot gewesen. Wenn Guthrie so geschrieben h\u00e4tte, wie er im Deutschen r\u00fcberkommt, dann h\u00e4tte er einen Ghostwriter gebraucht. Denn so h\u00e4tte ihn niemals irgend jemand gedruckt, und auch als Songwriter h\u00e4tte er so nichts getaugt. Er h\u00e4tte zu h\u00f6ren bekommen: La\u00df die Finger von der Kunst, das ist nichts f\u00fcr dich. Dazu bist du zu plump, zu doof und zu wenig einf\u00fchlsam. Und diese Vorw\u00fcrfe w\u00e4ren absolut gerechtfertigt gewesen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Aber diese Vorw\u00fcrfe gehen hier wie gesagt nicht an den Autor, sondern an den \u00dcbersetzer. Hans-Michael Bock \u00fcbersetzt mit Hammer und Heckenschere. Ohne jedes Fingerspitzengef\u00fchl marodiert er in Guthries Text herum und verbricht dabei nicht nur jede Menge klassische \u00dcbersetzungsfehler, sondern macht auch Guthries poetischen Stil kaputt. Slang zu \u00fcbersetzen ist eine Kunst, die Bock nicht beherrscht. Slang ist die gesprochene Sprache, und um das schreiben zu k\u00f6nnen, bedarf es eines guten Ohres und der F\u00e4higkeit, den Menschen aufs Maul zu sehen \u2013 aber um es \u00fcbersetzen zu k\u00f6nnen, bedarf es dieser F\u00e4higkeiten genauso, denn der fremdsprachige Slang soll ja in der hiesigen Sprache erhalten bleiben. Diese Herausforderung verhaut Bock so gr\u00fcndlich, wie ich es noch nie gesehen habe, und ich habe in meinem Leben wirklich schon genug Schrott gelesen. Aus Guthries amerikanischem und bildhaftem Slang, der alle m\u00f6glichen dialektalen Feinheiten und Artikulationsunterschiede aufzeichnet, macht er eine plumpe, k\u00fcnstliche, bornierte, mit Ausrufezeichen und verkr\u00fcppelter Syntax \u00fcberladene Sprachmasse, und es ist auch keine gesprochene Sprache mehr, die da rauskommt, sondern einfach eine fehlerhafte, abgehackte, schlecht sitzende Schriftsprache. Nicht mal die billigste Synchronisation zu amerikanischen Soap Operas ist so schlecht wie Bocks \u00dcbersetzung; selbst das Deutsch der bildungsfernen Neuk\u00f6llner Jugendlichen mit ihrem \u00abEy Alta, isch hau disch Pflegeheim\u00bb ist besser als Bocks Deutsch. Ein Hauptfehler ist, da\u00df bei Bock alles gleich klingt: ob es die Hobos auf dem G\u00fcterzug sind, die sich unterhalten, die Kinder, die Schwarzen, Woodys Eltern und Geschwister \u2013 alle reden sie in derselben h\u00f6lzernen, k\u00fcnstlichen, unlebendigen und unechten Weise. Leseproben: \u00abTr\u00e4\u00e4\u00e4\u00e4\u00fc\u00fc\u00fcmmmm von diiir mit den sch\u00f6\u00f6\u00f6nen blauen Auuugen!\u00bb Wer spricht so? Wer redet und artikuliert so? Sicher, es ist hier das betrunkene Gegr\u00f6hle eines Landstreichers; aber selbst daf\u00fcr klingt es zu falsch. \u00abVon was Sch\u00f6nm hat der Jung denn getr\u00e4umt, Musikmann?\u00bb W\u00e4re es nicht besser zu sagen: \u00abWas hat der Bengel denn Sch\u00f6nes getr\u00e4umt, Barde?\u00bb Oder, wenn es dialekthaltiger sein soll: \u00abWat hattn der L\u00fctte Scheenes jetr\u00e4umt?\u00bb Ein anderes Beispiel: \u201e\u00abDies olle Haus is ganz spukig mit totn Katzn\u2019, jaulte ich auf. \u201aIch mag dies olle Tote-Katzn-Haus nich!\u00bb Klingt wie Babysprache, wird aber von Woody im Alter von 12 Jahren ge\u00e4u\u00dfert. \u00abWer sagte stopp! Wer sagte geht? Wer sagte lasst Okemah sterben?\u00bb \u00c4rger, denke ich, kann man Poesie nicht verhunzen. \u00abIch tanzte im ganzen Zimmer herum, sang und schwang meinen Kopf. \u2039Joo! Hoo! Hurrah! Wirklich? F\u00fcr wen? F\u00fcrn Staat? Ich mein, es is kein kleiner Paar-Tage-Job? \u2026 Ihr beide arbeitet? Mensch, alle Kinder in Okfuskee County werdn w\u00fcnschn se h\u00e4ttn son Bruder un Vater! Verkauft richtige Nummernschilder? Wuii!\u203a\u00bb Und so geht das weiter. Die W\u00f6rter, die Bock w\u00e4hlt, sind selten treffend; meist rasen sie kilometerweit am Ziel vorbei und rei\u00dfen dabei noch einiges andere mit sich in den Abgrund.<\/p>\r\n<p id=\"inline-ad-0\" class=\"inline-ad-slot\" style=\"text-align: justify;\" data-adtags-width=\"640\" data-adtags-visited=\"true\"><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Ein poetisches, bildhaftes, authentisches, wortgewaltiges, dennoch feinf\u00fchliges und mitf\u00fchlendes Buch ist \u00abBound for Glory\u00bb im Original, und Woody Guthrie wird mit Mark Twain und Jack Kerouac verglichen; doch in der \u00dcbersetzung liest sich sein Werk wie ein Skript f\u00fcr eine RTL-Reality-Doku, besetzt mit gest\u00f6rten und minderbemittelten Deppen. \u00abLost in translation\u00bb\u00a0hei\u00dft der Fachausdruck f\u00fcr Bocks Verbrechen: die Gr\u00f6\u00dfe, die Weite, die Sch\u00f6nheit des Originals gingen verloren in der st\u00fcmperhaften Ermordung eines Textes; der M\u00f6rder ist ein Sprachtrampel, dem man jede Besch\u00e4ftigung mit Literatur bei Strafe verbieten m\u00fc\u00dfte, denn er hat sie nicht \u00fcbersetzt, sondern vergewaltigt. Ein mildernder Umstand ist allerdings, da\u00df Bock zum Zeitpunkt des Verbrechens erst 30 Jahre alt war; au\u00dferdem fiel das Verbrechen in die Zeit, in der amerikanische Underground-Literatur auf Deutsch gerade hoch im Kommen war und sich jeder Anglistik-Abbrecher mit seinem Schulenglisch-Halbwissen zu jeglicher \u00dcbersetzung bef\u00e4higt f\u00fchlte, sofern er nur gen\u00fcgend Haschkekse gefressen und Trips geschmissen hatte. Auch wenn in dieser Hippie-Ursuppe auch wirkliche Genies heranreiften wie z.B. Carl Weissner, so schwammen in ihr doch eine Menge Dilettanten mit, denen jegliche Genialit\u00e4t abging.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Dieser Vorspann zu meiner Rezension war n\u00f6tig, denn durch die extrem mi\u00dfgl\u00fcckte \u00dcbersetzung f\u00e4llt es schwer, sich \u00fcberhaupt auf den Inhalt des Buches zu konzentrieren. Die \u00fcbersetzerische Dreckkruste ist so dick, da\u00df man den Diamanten, der darunter liegt, nicht ohne weiteres erkennen kann. Mir gelang es w\u00e4hrend der ganzen Lekt\u00fcre nicht, mich \u00abeinzulesen\u00bb, so da\u00df mir die Fehler nicht mehr aufgefallen w\u00e4ren. In den besten Momenten l\u00e4\u00dft der Text einen Hauch der Gr\u00f6\u00dfe und Qualit\u00e4t des Originals erahnen, der aber sofort wieder vom n\u00e4chsten verhackst\u00fcckten Satz und den n\u00e4chsten st\u00fcmperhaft gegeneinandergeklatschten W\u00f6rtern niedergetrampelt wird.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">\u00abBound for Glory\u00bb ist der Vorl\u00e4ufer von Kerouacs \u00abOn the Road\u00bb, wie Bob Dylan auf dem Backcover richtig bemerkt: ein St\u00fcck Beat und Freiheit vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Erschienen ist das Buch 1943, als der gerade erst 31 Jahre alte Guthrie schon zur Legende geworden war: ein fahrender Musiker und S\u00e4nger, der in den Kneipen des Landes zog und f\u00fcr ein paar Cents sang und spielte. 1932 hatte er seine erste Band gegr\u00fcndet, und sein Ruf verbreitete sich schnell, so da\u00df er bald schon ins Radio kam, eine Zeitungskolumne hatte sowie Auftr\u00e4ge f\u00fcr Filmmusik. Zwischen all diesen Engagements aber f\u00fchrte er nach wie vor das Leben eines Hobos, trampte, sprang auf G\u00fcterz\u00fcge, \u00fcbernachtete unter Br\u00fccken und spielte mit seiner Gitarre in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, um sich ein Mittagessen kaufen zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Von seiner Karriere schreibt Guthrie in seiner Autobiographie wenig, d.h. es geht ihm nicht um die Beschreibung von Karriere, Geld, Connections, sondern er beschreibt lieber einzelne Gigs oder die G\u00fcterzugfahrten dazwischen. Die ganze erste H\u00e4lfte des Buches ist seiner Kindheit und Jugend in Oklahoma gewidmet, und dies h\u00e4tte einen \u00e4hnlichen Charme wie Frank McCourts \u00abAngela\u2019s Ashes\u00bb (wenn Bock nicht alles verbockt h\u00e4tte), denn Guthrie beschreibt die Schicksalsschl\u00e4ge der Familie nicht aus Sicht des Erwachsenen, sondern aus Sicht des Kindes, das er damals war. Das erste Haus, das abbrennt; das zweite Haus, das von einem Wirbelsturm zerst\u00f6rt wird; die Schwester Clara, die bei einem weiteren Brand so schwere Verbrennungen erleidet, da\u00df sie daran stirbt; die Geisteskrankheit der Mutter, die in die Nervenklinik kommt und 1929 stirbt; die Verarmung des Vaters; die Armut der Gegend \u2013 all dies wird so erz\u00e4hlt, wie es das Kind empfand: in Form von Anekdoten, reichlich und pr\u00e4zise bebildert, mit viel w\u00f6rtlicher Rede dazwischen. F\u00fcr den, den die Fakten interessieren, gibt es hinten eine Chronologie, aber die Fakten und Jahreszahlen sind ja nicht so wichtig, wichtiger ist, was dem Kind widerfuhr und wie sich das in seine Seele eingrub. So ist es z.B. sehr pr\u00e4gend f\u00fcr den jungen Woody, von seiner Gro\u00dfmutter auf ihre Milchtour mitgenommen zu werden, auf der er auch Einblick erh\u00e4lt in die Lebensumst\u00e4nde der Schwarzen. In einem anderen Kapitel erz\u00e4hlt er, wie er seine Onkel besucht \u2013 die kaum \u00e4lter sind als er \u2013 und dort ein alte Katze mit ihren Jungen sieht, und wie dann einer seiner Onkel mit dem Argument, Katzen seien nutzlos, alle acht Katzenbabys kaltbl\u00fctig ermordet und die Katzenmutter schwer verletzt. Nach der Lekt\u00fcre dieses Kapitels war ich so fertig, ich mu\u00dfte das Buch unter Tr\u00e4nen weglegen. Eine \u00e4hnlich intensive Schilderung von sinnloser Tierqu\u00e4lerei habe ich noch nie gelesen. Hier kann man gut sehen, wie die Denke begann, die sp\u00e4ter zum Holocaust f\u00fchren sollte: wer gewisse Tiere, in diesem Fall Katzen, als \u00abnutzlos\u00bb ansieht und daher keinerlei Skrupel hat, sie brutal niederzumetzeln, der hat auch keine Skrupel, Menschen als \u00abnutzlos\u00bb zu bezeichnen und sie, seien dies Schwarze, Juden, Arme, Alte oder Arbeitslose, brutal verhungern zu lassen oder zu vergasen. Da\u00df sich Guthrie sp\u00e4ter vehement auf die Seite der \u00abNutzlosen\u00bb schlug, der Wanderarbeiter, Obdachlosen, Diskriminierten, der geld- und mittellosen Hobos, mag in dieser traumatisierenden und zutiefst verst\u00f6renden Katzenmord-Episode, die er im Alter von 5 Jahren miterlebte, seinen Ursprung gehabt haben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Geboren wird Guthrie 1912 in Okemah, einem St\u00e4dtchen im Bundesstaat Oklahoma mit heute etwa 3.000 Einwohnern und 23% Indianern. Auch zu Guthries Zeiten war der Anteil der \u00abNative Americans\u00bb sowie der Schwarzen hoch, weshalb Guthrie von \u00aballen drei Farben\u00bb spricht \u2013 Wei\u00dfe, Schwarze, Rote. Der allgegenw\u00e4rtige Rassismus mu\u00df einem hier absurd vorgekommen sein, wo wei\u00df nur eine Farbe unter anderen Farben ist und wo auch die Wei\u00dfen in Armut und Elend lebten. 1920 wird in Okemah \u00d6l gefunden, was das St\u00e4dtchen f\u00fcr ein par Jahre zur Boomtown macht; als die Guthries, die zwischenzeitlich nach Oklahoma City umgezogen sind, 1924 wieder nach Okemah zur\u00fcckkommen, ist es zur Geisterstadt geworden. Der Boom ist vorbei. Das \u00d6l hat die Natur ruiniert und die Menschen dazu, und die Boomarbeiter, die in die Stadt gestr\u00f6mt waren, um Arbeit zu finden, sind nun wieder aus ihr herausgestr\u00f6mt \u2013 dem n\u00e4chsten Boom hinterher. Solchen Menschen begegnet Guthrie sp\u00e4ter immer wieder, auf G\u00fcterz\u00fcgen, auf maroden Autos, unter Br\u00fccken und in billigen Absteigen: M\u00e4nnern, Frauen, ganzen Familien, ohne Geld, ohne Heimat, auf der Suche nach Schildern, auf denen \u00abArbeitskr\u00e4fte gesucht\u00bb steht. In Redding, Kalifornien, hat sich auf diese Weise ein ganzer Slum gebildet mit behelfsm\u00e4\u00dfig aufgestellten Baracken von Arbeitern, die gekommen waren, weil es gehei\u00dfen hatte, man ben\u00f6tigte hier Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr einen Dammbau. Dasselbe Bild etwas sp\u00e4ter, als es bei Plantagenbesitzern hei\u00dft, es w\u00fcrden Helfer zum Aprikosenpfl\u00fccken gesucht. Zu Tausenden kommen die Menschen an, hoffen, warten, da\u00df man sie einstellen m\u00f6ge, warten auf das Telegramm, das den Beginn der Arbeit ank\u00fcndigen soll und das nie kommt.<\/p>\r\n<p id=\"inline-ad-1\" class=\"inline-ad-slot\" style=\"text-align: justify;\" data-adtags-width=\"640\" data-adtags-visited=\"true\"><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Die Autoren der Beat Generation solidarisierten sich mit der \u00abUnterschicht\u00bb, lebten auf der Stra\u00dfe, fuhren ohne Geld durchs Land, bettelten, klauten, tranken billigen Fusel, wohnten in kakerlakenverseuchten Hotelzimmern und arbeiteten in schlecht bezahlten Ausbeuter-Jobs. Teilweise romantisierten sie das auch und ebneten so den Weg zu den Hippies und den Beat-Epigonen wie den Social Beatern Anfang der 90er, bei denen es zum coolen Trend wurde, Bier zu trinken, rumzud\u00fcmpeln, von der St\u00fctze zu leben und schlechte Gedichte zu schreiben. Noch sp\u00e4ter sollte dann das Privatfernsehen die \u00abUnterschicht\u00bb als Kapitalanlage entdecken und einzelne Exemplare davon in K\u00e4figen ausstellen, wo sie von einem Millionenpublikum begafft und mit ein paar tausend Euro, meist auch mit einem Plattenvertrag, honoriert wurden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Wenn ich mir vorstelle, wenn RTL zu den von Guthrie beschriebenen Saisonarbeitern gekommen w\u00e4re mit dem Angebot, eine Reality Doku zu drehen \u00fcber ihren Barackenslum, bei der jedem Teilnehmer die dicke Schore winkt \u2013 ich glaube, die Leute h\u00e4tten sich angesehen und sich an die Stirn getippt. Wie bitte? Ein Fernsehsender will uns in unserer Armut und unserem Dreck filmen und uns daf\u00fcr auch noch Geld geben und uns ber\u00fchmt machen? Viele, vermute ich aber, h\u00e4tten sich wohl gesch\u00e4mt; aber sie h\u00e4tten den Deal dann wohl doch angenommen, denn \u00abromantisch\u00bb fanden sie ihre Situation mitnichten, sie suchten ja Arbeit, sie mu\u00dften Geld verdienen, und vermutlich h\u00e4tten sie gehofft, mithilfe von RTL aus ihrem Elend herauszukommen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Doch dazu w\u00e4re es nicht gekommen. RTL h\u00e4tte Castings veranstaltet: wer sieht am meisten so aus, wie \u201eman\u201c sich einen Asozialen, Abgewrackten, Armen vorstellt? Die so Ausgew\u00e4hlten h\u00e4tten dann gescriptete Dialoge zum Aufsagen bekommen, und RTL h\u00e4tte sich auch an ihren Baracken zu schaffen gemacht und sie ebenfalls f\u00fcr die Kamera so hergerichtet, wie \u00abman\u00bb sich sowas vorstellt \u2013 deutlich sichtbare leere Weinflaschen auf dem Boden, Abfall, Kakerlaken, drau\u00dfen liegt irgendwo eine tote Maus, sehr gut, holt die mal hier rein und legt sie sichtbar aufs Bett, sooo, immer feste draufzoomen, so was lieben die Zuschauer!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Und am Ende w\u00e4ren die Fernsehfritzen wieder abgefahren, und das Elend w\u00e4re geblieben, zementiert, affirmiert, zum \u00abKult\u00bb und zum \u00abTrend\u00bb erkl\u00e4rt. Ein paar Scheinchen h\u00e4tten sie dagelassen, aber was hilft das?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Woody Guthrie hat die Armut und das Elend nicht romantisiert. Seine Autobiographie hat nicht die Botschaft, da\u00df es cool und fun sei, als fahrender Musiker und Hobo durchs Land zu reisen, sondern sie enth\u00e4lt einen Protest, einen w\u00fctenden Aufschrei. Wenn Hunderttausende in diesem Land dazu gezwungen werden, schlechte Jobs anzunehmen, in Baracken zu schlafen und sich wie nutzloses Ungeziefer behandeln zu lassen, dann stimmt mit dem Ethos dieses ach so \u00abdemokratischen\u00bb und \u00abfreien\u00bb Landes was nicht. Es ist nicht \u00abcool\u00bb und \u00abKult\u00bb, so zu leben, sondern es ist eine schreiende Ungerechtigkeit und Menschenverachtung!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Zwischen der \u00abUnterschicht\u00bb von damals und der \u00abUnterschicht\u00bb von heute gibt es gar nicht so viele Unterschiede. Nur in der Art, wie man sie thematisiert, gibt es Unterschiede. Man kann sie respektvoll thematisieren oder sie l\u00e4cherlich machen, sie vorf\u00fchren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Woody Guthrie hat sie respektiert. Er hat sich mit seinem Leben und seiner Gitarre f\u00fcr sie eingesetzt, und er h\u00e4tte in meinem Beispiel den RTL-Fritzen Einhalt geboten, wenn diese gar zu indiskret und gar zu diskriminierend geworden w\u00e4ren. Vielleicht h\u00e4tte er auch mitgeholfen, die RTL-Crew in die Flucht zu jagen, ganz nach dem Motto, das auf seiner Gitarre stand: \u00abThis Machine Kills Fascists.\u00bb<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" data-adtags-visited=\"true\">Sein \u00dcbersetzer Hans-Michael Bock aber, der steht auf der RTL-Seite. Das ist die Trag\u00f6die. Deshalb liest sich Woody Guthries Protest wie cooler Kitsch.\r\nDie Gesellschaftskritik und der Zorn eines Jahrhundertklassikers sind versch\u00fcttgegangen in der \u00dcbersetzung. Bound for Glory lost in translation.<\/p>\r\n<p data-adtags-visited=\"true\"><\/p>\r\n<p data-adtags-visited=\"true\"><\/p>\r\n<p data-adtags-visited=\"true\"><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<strong>Dies Land ist mein Land<\/strong>, von Woody Guthrie. Edition Nautilus, Hamburg 2012. \u00dcbersetzt von Hans-Michael Bock<em>.<\/em>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-99634 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ni-gudix.jpg\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"179\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ni-gudix.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/ni-gudix-160x120.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content --><!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a>. Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Woody Guthrie war eine der f\u00fchrenden Figuren der amerikanischen Polit-Folk-Bewegung. Er schrieb die urspr\u00fcngliche Fassung des Songs am 23. Februar 1940 in dem billigen New Yorker Hotel Hanover House, wo er nachts alle sechs Strophen verfasste. 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