{"id":102938,"date":"2003-07-11T00:01:50","date_gmt":"2003-07-10T22:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102938"},"modified":"2026-02-23T09:26:01","modified_gmt":"2026-02-23T08:26:01","slug":"universalpoesie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/11\/universalpoesie\/","title":{"rendered":"Universalpoesie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die <em>progressive Universalpoesie<\/em> bezeichnet eine bestimmte, <em>romantisch<\/em> genannte Art von Literatur, welche nicht nur s\u00e4mtliche literarischen Gattungen \u2013 also alle Formen von Lyrik, Drama und nicht zuletzt Prosa \u2013 zusammenf\u00fchrt, sondern auch die Literatur mit Philosophie, Kritik und Rhetorik, Kunst mit Wissenschaft verbinden soll.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem die Universalpoesie sich viele Bereiche des Lebens aneignet, wird das Leben selbst zur Dichtung. Es ist ein Leben, dessen Totalit\u00e4t, als Bild des Zeitalters, sich wiederum nur in der Poesie wiederfindet. Nur in ihr kann der Mensch alles \u00fcberblicken. Dabei hat sie das Ziel, syn\u00e4sthetisch alle Sinne anzusprechen. Sie versucht, Traum und Wirklichkeit, Poesie und das echte gesellschaftliche Leben in einen Wechselbezug zu setzen. <em>Progressiv<\/em> ist sie, weil sie ewig im Werden ist. Entsprechend spielt das unvollendete St\u00fcck Literatur, das <em>Fragment<\/em>, eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Seine Theorie zur <em>Universalpoesie<\/em> hat Schlegel nicht in einer zusammenh\u00e4ngenden Lehre dargestellt, sondern in verschiedenen Essays, Briefen \u2013 in der Romantik eine \u00f6ffentliche Gattung \u2013, einem Roman und eben Fragmenten, vornehmlich in der 1798 von ihm und seinem Bruder August Wilhelm in Jena gegr\u00fcndeten Zeitschrift <em>Athen\u00e4um<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/03\/10\/das-116-athenaeums-fragment\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Athen\u00e4ums-Fragment Nr. 116<\/span><\/a> lebt von den Paradoxien, die auch wenn sie sich scheinbar ausschlie\u00dfen, zusammen gedacht werden sollen. Neben der oben beschriebenen Hybris, die Gattungen und Wissenschaften zusammenzuf\u00fchren, m\u00f6chte die progressive Universalpoesie diese <em>mal mischen, mal verschmelzen<\/em>, d.\u00a0h. auch in der Art der Mischung soll unterschiedlich vorgegangen werden. Dabei steht Kunstreflexion neben Kunst selbst: Die romantische Universalpoesie soll beides sein. Unter dem <em>gr\u00f6\u00dften [\u2026] Systeme der Kunst<\/em> muss man sich zu der Zeit Immanuel Kants <em>Kritik der Urteilskraft<\/em> vorstellen, was gleichwertig neben dem Lallen eines S\u00e4uglings stehen soll. Dabei finden wir als Ausdrucksform des Kindes einen Seufzer der Traurigkeit, die Liebesbezeugung im Kuss, die aber auch gleichzeitig Kommunikation ist. Zudem ist es dichtend in seiner unbewussten Art, denn \u2013 wie man kurz darauf erf\u00e4hrt \u2013 diese Dichtung ist, obwohl sie <em>Gesang<\/em> ist, trotzdem <em>kunstlos<\/em>. Bei der <em>progressiven Universalpoesie<\/em> spielen also verschiedene Formen der Absicht bei ihrer Ausf\u00fchrung eine Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der fragmentarische Charakter bereitet moderne Formen literarischen Schaffens vor, die ja nicht nur durch ihre stilistische Freiheit, sondern oft auch durch die radikale Begrenzung ihrer Perspektive gekennzeichnet sind.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Br\u00fcder Schlegel das <em>Athen\u00e4um<\/em> in Jena gr\u00fcndeten, hatte Friedrich gerade zwei Jahre produktiven <em>Symphilosophierens<\/em> \u2013 wie er es nannte \u2013 mit dem (Religions-)Philosophen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher in Berlin hinter sich. Die beiden Freunde lebten in einer kleinen Wohnung, lasen gemeinsam Fichtes <em>Wissenschaftslehre<\/em>, \u00fcbersetzten Platon und diskutierten sich die K\u00f6pfe hei\u00df. Schlegel versuchte nun, seine philosophischen \u00dcberlegungen in \u00e4sthetische Bereiche zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Autoren haben sich am literaturtheoretischen Begriff der Universalpoesie abgearbeitet. Als erster Versuch ist Schlegels eigener Roman zu nennen: <em>Lucinde<\/em>. In fr\u00fcher Zeit <em>Heinrich von Ofterdingen<\/em> von Novalis \u2013 von Schlegel selbst als gelungenste Umsetzung der Theorie gelobt \u2013, <em>Godwi<\/em> von Clemens Brentano \u2013 von Schlegel gehasst, aber von der Literaturwissenschaft als gelungenste Umsetzung der Theorie gelobt \u2013, die Lesedramen Ludwig Tiecks wie <em>Der gestiefelte Kater<\/em> oder <em>Die verkehrte Welt<\/em>. In der Sp\u00e4tromantik dann <em>Der Parcival<\/em> von Friedrich de la Motte Fouqu\u00e9 oder Joseph von Eichendorffs <em>Aus dem Leben eines Taugenichts<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seither erleben die Leser die Wirklichkeit als Ausschnitt, begrenzt auf die Sicht eines Subjekts, f\u00fcr das sich die Welt l\u00e4ngst auf ungeordnete Eindr\u00fccke reduziert hat. Hier verweist das Fragmentarische nicht nur auf die Welt, sondern auch auf das Individuum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Athenaeum<\/b> ist der Titel einer Zeitschrift, die zwischen 1798 und 1800 von den Br\u00fcdern August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel herausgegeben und in Berlin gedruckt wurde. Vor zweihundert Jahren stellte Friedrich Schlegel das \u201eAthenaeum\u201c mit der Begr\u00fcndung ein, dass diese Zeitschrift erst in der Zukunft verstanden werden kann. KUNO erinnert daran mit der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/12\/10\/ueber-die-unverstaendlichkeit\/\">Begr\u00fcndung<\/a> des Redakteurs, der im 18. Jahrhundert der modernen Journalismus erfunden hat<\/p>\n<div id=\"attachment_102167\" style=\"width: 218px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-image-102167 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Friedrich-Schlegel-e1647016091555.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schlegel um 1790, Kreidezeichnung von Caroline Rehberg<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die progressive Universalpoesie bezeichnet eine bestimmte, romantisch genannte Art von Literatur, welche nicht nur s\u00e4mtliche literarischen Gattungen \u2013 also alle Formen von Lyrik, Drama und nicht zuletzt Prosa \u2013 zusammenf\u00fchrt, sondern auch die Literatur mit Philosophie, Kritik und Rhetorik, Kunst&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/11\/universalpoesie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":102167,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1008,3363,3655,2432,2533,434],"class_list":["post-102938","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-clemens-brentano","tag-friedrich-daniel-ernst-schleiermacher","tag-friedrich-de-la-motte-fouque","tag-friedrich-schlegel","tag-ludwig-tieck","tag-novalis"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=102938"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102938\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107110,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102938\/revisions\/107110"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/102167"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=102938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=102938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=102938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}