{"id":102933,"date":"2001-08-29T00:18:54","date_gmt":"2001-08-28T22:18:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102933"},"modified":"2022-05-01T14:41:42","modified_gmt":"2022-05-01T12:41:42","slug":"nornkonformismus-in-bern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/08\/29\/nornkonformismus-in-bern\/","title":{"rendered":"Nornkonformismus in Bern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die Figur dieses klassischen Antihelden ist auch deshalb ein gelungener Kunstgriff, weil durch sie die Schattenseite des Nonkonformismus vorgef\u00fchrt und dadurch der Gefahr einer Verkl\u00e4rung entgegengearbeitetet wird.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Reto Sorg<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nonkonformismus der sechziger Jahre: Jugendszenen haben literarische Ambitione, in den Kellern der Berner Altstadt entstehen Lese- und Diskussionspodien, so die legend\u00e4re &#8218;Junkere 37&#8216;. Sehr zum \u00c4rger des Establishements, das die &#8218;Keller-Poeten&#8216; als &#8218;Nonkonformisten&#8216; beschimpft. Diese verstehen das als Ehrentitel und beginnen fortan, laut und deutlich gegenzureden \u2013 an heissen Themen fehlt es nicht: die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, das bernische &#8218;Asozialengesetz&#8216;, die Expo in Lausanne. Man demonstriert in Ins und Witzwil gegen die Inhaftierung von Milit\u00e4rdienstverweigerern, trifft sich konspirativ am Bieler See, povoziert den Burgdorfer Literaturskandal, hisst die Vietconflagge auf dem Berner M\u00fcnster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als kundiger F\u00fchrer duch den non-komformistischen Untergrund fungiert der Gammlerpoet Ren\u00e9 E. Mueller. In seiner Kindheit wurde er als Unerziehbarer administrativ versorgt. Von 1934 bis 1982 stand er unter Vormundschaft. 1959 lernte er Friedrich D\u00fcrrenmatt im Berner Atelier-Theater kennen, wo Mueller als Inspizient arbeitete. D\u00fcrrenmatt und Dieter B\u00fchrle unterst\u00fctzten seine schriftstellerischen T\u00e4tigkeiten. Er wurde als Kenner des Berner nonkonformistischen Untergrundes bekannt. Auf seinem Weg durch die Sechziger Jahre hat er als B\u00fcrgerschreck kein Fettn\u00e4pfchen ausgelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ren\u00e9 E. Mueller von Boltigen im Simmental hat wohlweislich die Schweiz verlassen. Seine Lebensf\u00fchrung stiess auf Schwierigkeiten. Einige seiner Gedichte sind gut. Vielleicht sogar viele. Der Roman, von dem er mir freilich nur berichtete, klingt elementar. Das Wort Dichter liebt er nicht. Wenden Sie es deshalb bei ihm nicht an.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span class=\"Person\" style=\"color: #999999;\">Friedrich D\u00fcrrenmatt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Recherchen zu seinen beiden B\u00fcchern &#8222;Begerts letzte Lektion: ein subkultureller Aufbruch&#8220;, 1996, und &#8222;Muellers Weg ins Paradies: Nonkonformismus im Bern der sechziger Jahre&#8220;, 2001, hat Fredi Lerch ein umfangreiches Dokumentationsarchiv (&#8222;<a href=\"https:\/\/ead.nb.admin.ch\/html\/lerch.html\">Nonkonformismus-Archiv<\/a>&#8222;) angelegt, das unter anderem den erhaltenen Teil des Nachlasses von Ren\u00e9 E. Mueller (1929-1991), der seit den fr\u00fchen sechziger Jahren von Friedrich D\u00fcrrenmatt finanziell unterst\u00fctzt worden ist, und viele weitere Originaldokumente, insbesondere Unterlagen der verschiedenen Veranstalter alternativer Literaturveranstaltungen enth\u00e4lt (Kerzenkreis, Junkere 37 u.a.). Das Archiv dokumentiert die literarischen Str\u00f6mungen in der Subkultur Berns, exemplarisch f\u00fcr die ganze Schweiz, von den 1950er bis in die fr\u00fchen 1970er Jahre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Muellers Weg ins Paradies<\/strong>. Nornkonformismus im Bern der sechziger Jahre, von Fredi Lerch. Rotpunktverlag, Z\u00fcrich 2001<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-102934 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Nornkonformismus-in-Bern_Cover-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Figur dieses klassischen Antihelden ist auch deshalb ein gelungener Kunstgriff, weil durch sie die Schattenseite des Nonkonformismus vorgef\u00fchrt und dadurch der Gefahr einer Verkl\u00e4rung entgegengearbeitetet wird. 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