{"id":102881,"date":"2016-07-14T15:30:23","date_gmt":"2016-07-14T13:30:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102881"},"modified":"2022-04-25T15:37:28","modified_gmt":"2022-04-25T13:37:28","slug":"bulgarien-ist-eine-walnuss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/07\/14\/bulgarien-ist-eine-walnuss\/","title":{"rendered":"Bulgarien ist eine Walnuss"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Sie knacken hie\u00dfe: sie zerst\u00f6ren. Also ist der Grenzg\u00e4nger als teilnehmender Beobachter in Bulgarien gut beraten, wenn er sich selbst als Walnuss entdeckt und so Selbstbild und Fremdbild einander von innen heraus erkennen l\u00e4sst, ohne die Schale anzutasten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war er also, der Gro\u00dfstadtdschungel, nach dem ich mich in der geordneten Perspektivlosigkeit meines deutschen Daseins immer gesehnt hatte: Nach zwei Tagen Fahrt im Kleinbus, in den ich das allern\u00f6tigste Hab und Gut verladen hatte, war ich von einem idyllischen westdeutschen St\u00e4dtchen mit restaurierten Fachwerkh\u00e4usern, sauberen Stra\u00dfen und ohne besondere Vorkommnisse im letzten noch vor der Wende erbauten Plattenbauviertel Sofias angekommen. Die langgezogenen Betonbl\u00f6cke mit meist acht Stockwerken und f\u00fcnf Treppenaufg\u00e4ngen lagen im Abendlicht da wie gestrandete Walfische. Nachtr\u00e4glich verglaste Balkone, in denen die Menschen wegen der kleinen Wohnungen meist ihre K\u00fcchen installiert hatten, reflektierten das Sonnenlicht. In der Ferne g\u00e4rte im aufsteigenden Dunst der Kegel des Witoscha, ein bulgarischer Kilimandscharo. Das Gef\u00fchl, wirklich in einem Dschungel gelandet zu sein, stellte sich aber nicht nur deshalb ein, weil die damals, zur Jahrtausendwende, noch streunenden Rudel ausgesetzter Hunde einem vermittelten, man k\u00f6nne jeden Moment zerfleischt werden. Es ergab sich vielmehr als Summe kleiner Dinge, die nach deutschen Ma\u00dfst\u00e4ben nicht in Ordnung waren. Wacklige oder schiefe Gehsteigplatten machten meiner Neigung, gedankenverloren durch die Gegend zu schlurfen, schon bald ein Ende. Riesige Schlagl\u00f6cher im Asphalt der Stra\u00dfen warnten: Einen einzigen Schritt nicht aufgepasst, und du liegst mit gebrochenen Knochen auf der Nase. Und als ich gerade gelernt hatte, aufmerksam auf den Boden vor mir zu schauen, stie\u00df ich mir beim Versuch, eine Busfahrkarte zu kaufen, den Kopf an den Metallstangen einer Zeitungsbude, die Menschen von mehr als 1,70 Meter K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe mit Beulen bestraften. Abges\u00e4gte Laternenpf\u00e4hle und geklaute Kanaldeckel, von verarmten Leuten im Wirtschaftscrash der Wende bei findigen Buntmetallzwischenh\u00e4ndlern gegen amerikanische Dollars verscherbelt, stimulierten die Phantasie des fremden Beobachters und lie\u00dfen ihn nach den gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen fragen. Nachts wurde dies Wildreservat, von nur wenigen verbliebenen Stra\u00dfenlaternen notd\u00fcrftig erhellt, in eine Atmosph\u00e4re lauernder Lebendigkeit getaucht. Ich stellte mir vor, dass fremdartige Raubtiere unsichtbar zwischen den \u00e4chzenden Betonkl\u00f6tzen, den summenden und klackenden Stromverteilerh\u00e4uschen und dem Rascheln der M\u00fcllcontainer, in denen der Wind nach Essen w\u00fchlte, umherstrichen. Manchmal h\u00f6rte man sie sogar, wenn eine der zahllosen Auto-alarmanlagen losheulte und gleich darauf ein Rudel Hunde in deren Jaulen einstimmte, als h\u00e4tte es Beute gemacht. Die Wachheit, die dies alles in mir erzeugte, war anstrengend, aber sie euphorisierte mich auch. Im Gegensatz zu der Wachheit in Deutschland, die auf bestimmte Aufgaben oder Interessen beschr\u00e4nkt war, war dies hier eine notwendige Wachheit, eine Wachheit, von der mein \u00dcberleben abhing. Und so glich die erste Fremderfahrung, die ich in Bulgarien machte, einem Muskelkater, der nicht etwa darauf verwies, dass ich mich ver\u00e4ndert hatte, sondern sehr schmerzhaft darauf, was bisher in mir brachgelegen hatte!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Frahm gilt als bedeutender \u00dcbersetzer aus dem Bulgarischen. Der Bulgarische Journalistenverband w\u00fcrdigte Frahms faire Darstellung der bulgarischen Verh\u00e4ltnisse in seinem Essayband <strong>Die beiden H\u00e4lften der Walnuss<\/strong> im Herbst 2016 mit ihrem Spezialpreis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/walnuss.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-79791 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/walnuss-184x300.png\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/walnuss-184x300.png 184w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/walnuss-260x423.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/walnuss-160x260.png 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/walnuss.png 341w\" sizes=\"auto, (max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Projekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/18\/kollegengespraeche\/\">Kollegengespr\u00e4che<\/a> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt, daher brachten wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/22\/die-nichtmuttersprachliche-deutschautorin\/\">Austausch<\/a> zwischen\u00a0Rumjana Zacharieva und Safiye Can.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie knacken hie\u00dfe: sie zerst\u00f6ren. Also ist der Grenzg\u00e4nger als teilnehmender Beobachter in Bulgarien gut beraten, wenn er sich selbst als Walnuss entdeckt und so Selbstbild und Fremdbild einander von innen heraus erkennen l\u00e4sst, ohne die Schale anzutasten. 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