{"id":102857,"date":"1995-06-14T11:38:21","date_gmt":"1995-06-14T09:38:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102857"},"modified":"2026-03-08T17:16:43","modified_gmt":"2026-03-08T16:16:43","slug":"der-bibliothekar-von-babel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/14\/der-bibliothekar-von-babel\/","title":{"rendered":"Der Bibliothekar von Babel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Erz\u00e4hlung <em>Die Bibliothek von Babel<\/em> inspirierte Umberto Eco zum Bauplan der Klosterbibliothek in <em>Der Name der Rose<\/em>. Der blinde Bibliothekar und Gegenspieler Williams von Baskerville, Jorge von Burgos, ist eine Reminiszenz an Jorge Luis Borges<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jorge Luis Borges stammte aus einer wohlhabenden argentinischen Familie und wuchs in Buenos Aires auf. Sein Vater, Jorge Guillermo Borges, war Rechtsanwalt, Dozent f\u00fcr Philosophie und Psychologie sowie Verfasser eines Romans (<em>Der Caudillo<\/em>, Palma de Mallorca 1921), diverser Essays und Erz\u00e4hlungen, eines Dramas, einer \u00dcbersetzung von Edward Fitzgeralds Bearbeitung der Vierzeiler von Omar Chayy\u0101m und mehrerer Gedichte. Im Elternhaus wurde Englisch und Spanisch gesprochen (die Mutter des Vaters, Fanny Haslam, stammte aus Staffordshire), weshalb Borges bereits als Kind auch englische B\u00fccher (u. a. las er auch den Don Quijote zuerst auf Englisch) aus der mehrere tausend B\u00e4nde umfassenden Bibliothek seines Vaters las. Seine Mutter, Leonor Acevedo de Borges (geb. Acevedo Haedo, 1876\u20131975), war in Uruguay geboren und ebenso zweisprachig: Sie \u00fcbersetzte Werke von Katherine Mansfield, Herbert Read und William Saroyan aus dem Englischen ins Spanische. Von Beginn an f\u00f6rderte sie die k\u00fcnstlerischen Interessen ihrer Kinder. So wurde Jorges Schwester Norah Borges eine bedeutende Malerin. Sein Gro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits, Francisco Borges, war ein Oberst und fiel 1874 beim gescheiterten Aufstand von Bartolom\u00e9 Mitre (<em>Revoluci\u00f3n de 1874<\/em>) in der Schlacht von La Verde. Jorge Luis Borges verehrte zeitlebens den Gro\u00dfvater als Helden. Dessen Schicksal kommt in mehreren Gedichten zur Sprache, darunter <em>Al coronel Francisco Borges<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Borges verf\u00fcgte \u00fcber eine umfassende Bildung in Literatur und Philosophie. Unter anderem war er mit den Sagas Skandinaviens, der altenglischen Sprache und der altnordischen Literatur, den umfassenden Werken Thomas De Quinceys und Ralph Waldo Emersons, der Dichtung und Philosophie der Antike, dem deutschen Mittelalter, dem alten Fernen Osten und der Kabbala vertraut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine besondere Vorliebe hatte er f\u00fcr metaphysische Literatur, die er als \u201eeinen Zweig der phantastischen Literatur\u201c ansah. Borges war mit den Werken deutscher Philosophen wie Arthur Schopenhauer oder Oswald Spengler vertraut, die er im deutschen Original las. Die Vertrautheit mit der literarischen Tradition vieler Kulturen spiegelt sich in der Vielfalt seines eigenen literarischen Werks wider.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jorge Luis Borges ist einem gr\u00f6\u00dferen Publikum durch seine phantastischen Erz\u00e4hlungen bekannt geworden. Er verfasste au\u00dferdem zahlreiche Gedichte, Essays, gab B\u00fccherkataloge und Zitatsammlungen heraus, arbeitete f\u00fcr Zeitschriften und war als \u00dcbersetzer t\u00e4tig. Dar\u00fcber hinaus hat er unter den Pseudonymen <em>B. Suarez Lynch<\/em> und <em>H. Bustos Domecq<\/em> Werke ver\u00f6ffentlicht, die in Zusammenarbeit mit Adolfo Bioy Casares entstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Borges w\u00e4hlte f\u00fcr seine Werke immer eine kurze Form: wenige seiner Texte sind l\u00e4nger als zehn oder f\u00fcnfzehn Seiten. Seine Prosa ist immer dicht, gew\u00e4hlt, treffend, stilistisch vornehm und ohne jedes \u00fcberfl\u00fcssige Wort. Er vertrat die Theorie, dass auch Unterhaltungsliteratur literarisch wertvoll sein kann. Er sch\u00e4tzte die Kriminalromane von Arthur C. Doyle ebenso wie William Shakespeares Dramen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obgleich viele seiner Werke in Argentinien spielen und sich immer wieder Bez\u00fcge auf Ereignisse und Personen der argentinischen Geschichte finden, lehnte Borges den Regionalismus in der Literatur strikt ab: Ein Schriftsteller m\u00fcsse in der Lage sein, sich das gesamte Universum zu erschlie\u00dfen. Diese Haltung spiegelt sich auch in Borges\u2019 Besch\u00e4ftigung mit der Weltliteratur wider, in deren Zentrum zwar europ\u00e4ische und nordamerikanische Autoren standen, die jedoch auch Werke aus anderen Kulturkreisen, so etwa dem Fernen Osten einschloss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein st\u00e4ndiges Thema bei Borges ist die Unendlichkeit. In <em>Der Unsterbliche<\/em> (El inmortal) z.\u00a0B. f\u00fchrt die Reise zu den Troglodyten den Erz\u00e4hler zu der Erkenntnis, dass das ewige Leben die ewige Wiederkehr des Gleichen und damit die \u00e4u\u00dferste Langeweile und die Erstarrung aller Lebendigkeit bedeutet. Die Einleitung der Erz\u00e4hlung bildet die Geschichte vom Erwerb eines antiquarischen Exemplars der Erstausgabe von Popes Homer\u00fcbersetzung durch die Prinzessin Lucinge \u2013 wohl Anspielung auf Prinzessin Liliane Marie Mathilde, gen. Baba, de Faucigny-Lucinge, geb. Beaumont, baronne d&#8217;Erlanger (1902\u20131945), die einen ber\u00fchmten Salon f\u00fchrte und deren Ehemann Jean-Louis Charles Marie Francois Guy Prinz Faucigny-Lucinge ein Enkel des Charles Ferdinand, Duc de Berry (1778\u20131820) war und damit die Erinnerung an den bibliophilen Jean de Valois, duc de Berry evoziert. Im letzten der sechs B\u00e4nde dieser Ausgabe, die die Prinzessin von dem wie Homer auf der Insel Ios bestatteten Antiquar Cartaphilus in Smyrna, dem angeblichen Geburtsort Homers, kurz vor dessen Tod erworben habe, soll sich das Manuskript der Erz\u00e4hlung gefunden haben. Borges spiegelt sich in Homer, der in verschiedenen Verk\u00f6rperungen, darunter einer der Troglodyten sowie Cartaphilus, in der Erz\u00e4hlung begegnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch hat ihn nicht nur die Unendlichkeit besch\u00e4ftigt, sondern auch das Ph\u00e4nomen der Zeit und wie der menschliche Verstand und das menschliche Gef\u00fchl diese wahrnehmen, interpretieren und wie sie damit umgehen. Auch deshalb war er sehr an Traditionen aus allen Teilen der Erde interessiert, weil er sie als zeitlos empfand und in ihnen allen zusammen die Sehnsucht nach Ewigkeit erkannt haben wollte. Auch teilte er verschiedene idealistische und mythische Ansichten verschiedener Philosophen und Denker, so z.\u00a0B. die Idee, dass alle Menschen ein genialer Geist sind, der die gro\u00dfen Werke der Weltliteratur geschrieben hat und schreibt; oder, dass der Zeugungsakt uns mit unseren Vorfahren verbindet, weil es eine Handlung ist, die Menschen durch alle Zeit hinweg begangen haben, eine Art Mythos also, der uns von der Illusion der Zeit abtrennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres wiederkehrendes Thema sind B\u00fccher, die Borges immer wieder zu den Hauptfiguren seiner Geschichten machte (z.\u00a0B. in <em>Die Bibliothek von Babel<\/em>, <em>Das Sandbuch<\/em>, <em>Untersuchung des Werks von Herbert Quain<\/em>, <em>Der Weg zu Amot\u00e1sim<\/em>, oder <em>Tl\u00f6n, Uqbar, Orbis Tertius<\/em>). Oft geht von diesen B\u00fcchern eine phantastische Macht aus, die an den Grundfesten der Realit\u00e4t r\u00fcttelt, diese ver\u00e4ndert oder g\u00e4nzlich eigene Realit\u00e4ten hervorbringt. Parallel dazu sind Borges\u2019 Erz\u00e4hlungen bev\u00f6lkert von bibliophilen und belesenen Hommes de lettres, die sich mit obskuren Schriften oder Enzyklop\u00e4dien auseinandersetzen bzw. diese verfassen. Das gen\u00fcssliche Zitieren oder Erw\u00e4hnen von realen und fiktiven B\u00fcchern inklusive der Angabe von Ort und Ver\u00f6ffentlichungsdatum ist ebenfalls ein Charakteristikum vieler Erz\u00e4hlungen von Borges. Insgesamt spielt die Fiktion als Thema an sich f\u00fcr ihn eine gro\u00dfe Rolle: \u201eBorges ist besessen von der Vorstellung, der menschliche Geist habe \u201eaus dem Nichts\u201c eine Welt von Gedankensystemen geschaffen, die nun bis ins Unendliche fort weitere Gedankensysteme und dichterische Fiktionen erzeuge.\u201c (Marianne Kesting)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Borges gilt als Vorl\u00e4ufer der Postmoderne und ist einer der meistzitierten Autoren im Poststrukturalismus. Eines der Lieblingsstilmittel Borges\u2019 ist die T\u00e4uschung, das Spielen mit dem Leser, die Vermischung von Realit\u00e4t und Surrealit\u00e4t. So werden in den Erz\u00e4hlungen oftmals einerseits real existierende Personen, Geschehnisse usw. genannt und zitiert, andererseits aber auch nichtwirkliche, oftmals unm\u00f6gliche bzw. magische Personen, Objekte, Orte oder Geschehnisse wie Realit\u00e4ten behandelt. Ein markantes Beispiel hierf\u00fcr ist die Erz\u00e4hlung <em>Tl\u00f6n, Uqbar, Orbis Tertius<\/em>. Dieses Stilmittel bringt Borges-Kommentatoren oft in Verlegenheit, denn es ist h\u00e4ufig nicht nachzuweisen, ob beispielsweise ein erw\u00e4hnter Schriftsteller von Borges erfunden ist oder ob er real existiert hat, aber nur Borges selbst bekannt war. Nach Angel Flores markiert Borges\u2019 Werk <em>Universalgeschichte der Niedertracht (Historia universal de la infamia)<\/em> aus dem Jahr 1935 die Geburtsstunde des Magischen Realismus in der lateinamerikanischen Literatur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<div id=\"attachment_99501\" style=\"width: 238px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99501\" class=\"wp-image-99501 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jorge-Luis-Borges-e1645549886643.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-99501\" class=\"wp-caption-text\">Jorge Luis Borges, Portr\u00e4t: Pepe Fern\u00e1ndez.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u2192 <\/strong> Lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/14\/die-bibliothek-von-babel\/\">Die Bibliothek von Babel<\/a> von\u00a0<span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Jorge Luis Borges.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2023 versuchte KUNO die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/10\/zur-evolutionsgeschichte-des-essays\/\">Evolutionsgeschichte<\/a> des Essays nachzuvollziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erz\u00e4hlung Die Bibliothek von Babel inspirierte Umberto Eco zum Bauplan der Klosterbibliothek in Der Name der Rose. 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