{"id":102845,"date":"1989-04-16T07:01:22","date_gmt":"1989-04-16T05:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102845"},"modified":"2022-04-25T07:05:31","modified_gmt":"2022-04-25T05:05:31","slug":"der-broetchentanz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/04\/16\/der-broetchentanz\/","title":{"rendered":"Der Br\u00f6tchentanz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zum 100. Geburtstag von Charlie Chaplin eine Erinnerung von Kurt Tucholsky<\/span><\/p>\r\n&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist der neue Chaplin-Film schon in Berlin? Ich glaube nicht. Vergessen Sie nicht, auf den Br\u00f6tchentanz zu achten, und verlangen Sie ihn Dakapo. Warum gibt es keine Dakapos im Film?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u201eDie Jagd nach dem Gold\u201c<\/i> (\u201e<tt>The Gold rush<\/tt>\u201c) ist ein Goldgr\u00e4berabenteuer aus Alaska; da\u00df es eine Parodie sein soll, w\u00fc\u00dfte man nicht, wenn man\u2019s nicht w\u00fc\u00dfte. Es beginnt mit dem Zug der Zehntausende in die Schneeberge \u2013 und schlie\u00dflich geht ein Rauschen durchs Parkett. Er. Er hat einen Sack auf dem Buckel und einen Schal, aber sonst ist er ganz so ausgestattet wie immer: H\u00fctchen, St\u00f6ckchen, Schnurrb\u00e4rtchen\u2026 Er wandelt frohen Mutes auf dem schmalen Rand einer Felswand, wankt und klettert\u2026 Pl\u00f6tzlich taucht aus einer H\u00f6hle hinter ihm ein riesiger B\u00e4r auf, das Publikum kreischt, was wird jetzt werden? Nichts \u2013 Charly geht still seines Weges, die braune Gefahr immer hinter ihm her, schlie\u00dflich verschwindet der B\u00e4r in der Felsh\u00f6hle, und etwas sp\u00e4ter dreht sich der Goldgr\u00e4ber um und visiert die Gegend. Indianer? Raubtiere? Nein. Weiter. Dieser Ritt \u00fcber dem Bodensee leitet das Fest ein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem, was folgt, ragt an erster Stelle der Br\u00f6tchentanz.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Chaplin hat in seiner Blockh\u00fctte sch\u00f6ne junge M\u00e4dchen zu Gast geladen \u2013 er wartet auf sie. Sie kommen nicht, er schl\u00e4ft ein und tr\u00e4umt, sie seien gekommen. Und das ganze kleine Fest zieht an seinen Augen vor\u00fcber, und zum Schlu\u00df, zum Nachtisch, mu\u00df er doch den Damen eine Unterhaltung servieren, und weil er nicht singen kann und auch kein Grammophon hat, tanzt er ihnen etwas vor. So:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er pikt auf zwei Gabeln zwei lange Br\u00f6tchen, stellt die Gabeln auf den Tisch und packt sie. Und nun sind es pl\u00f6tzlich zwei Beine, T\u00e4nzerinnenbeine, oder seine eigenen. Die Br\u00f6tchen sind seine quer gestellten Schuhe, und das unsichtbare Gabelwesen f\u00e4ngt an, zu tanzen. Es ist eine der genialsten Erfindungen dieses genialen Komikers.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Kl\u00e4ngen eines Foxtrotts wirft das Ding die Beine, rutscht und schleift, einmal macht es dieses Kunstst\u00fcck, ganz weit zu gr\u00e4tschen, da\u00df man glauben mu\u00df, es werde gleich in der Mitte aufplatzen, es gr\u00fc\u00dft mit den Beinen und kokettiert mit den Beinen \u2013 und man vergi\u00dft v\u00f6llig, da\u00df es ja nur zwei Br\u00f6tchen, auf Gabeln gespie\u00dft, sind, die uns da etwas vortanzen\u2026 Diese schlumpige Grazie, dieser Spitzentanz in Lumpen, den wir so oft von ihm selbst gesehen haben: Chaplin wiederholt das mit einem Nichts, mit etwas, das gar nicht da ist, mit der kindlichen Andeutung von Beinen. Er mu\u00df das tagelang vorm Spiegel ge\u00fcbt haben. Wenn einem der Atem vor Lachen ausgegangen ist, verbeugt sich das Ding mit einem zierlichen Knicks. Husch, husch, die Waldfee\u2026 mit zwei Sechserbr\u00f6tchen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geschieht vorher und nachher viel Komisches, aber dies ist doch die dickste Perle. Ich habe den Film in Narbonne gesehen, und wenn Sie mich nach den Sehensw\u00fcrdigkeiten dieser Stadt fragen: ich wei\u00df nur diese eine, den Br\u00f6tchentanz.<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content --><!-- wp:paragraph {\"fontSize\":\"large\"} -->\r\n<p class=\"has-large-font-size\"><\/p>\r\n&nbsp;\r\n\r\n<!-- \/wp:paragraph --><!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle:\u00a0<\/em><i>Vossische Zeitung<\/i>. 1925<\/p>\r\n\r\n<div>\r\n\r\n<div id=\"attachment_15606\" style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15606\" class=\"size-medium wp-image-15606\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15606\" class=\"wp-caption-text\">Tucholsky in Paris (1928)<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong>Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n\r\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 100. 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