{"id":102837,"date":"1995-05-31T15:22:45","date_gmt":"1995-05-31T13:22:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102837"},"modified":"2022-04-24T15:48:39","modified_gmt":"2022-04-24T13:48:39","slug":"werkstatt-fuer-potenzielle-literatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/05\/31\/werkstatt-fuer-potenzielle-literatur\/","title":{"rendered":"Werkstatt f\u00fcr potenzielle Literatur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Kein Spiel funktioniert ohne Regeln<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahre 1960 gr\u00fcndeten franz\u00f6sische Literaten (die <em>Werkstatt f\u00fcr potentielle Literatur<\/em> (Ouvroir de litt\u00e9rature potentielle, abgek\u00fcrzt <em>Oulipo<\/em>) als eine lose Vereinigung in Paris. Hier treffen sich Vertreter potentieller Literatur zu Gedankenaustausch und veranstalten Lesungen im \u201eAuditorium du Forum des Images\u201c. Mitglieder sind bzw. waren unter anderem Fran\u00e7ois Le Lionnais, Marcel Duchamp, Claude Berge, Georges Perec, Herv\u00e9 Le Tellier, Jacques Roubaud, Marcel B\u00e9nabou, Harry Matthews, Italo Calvino, Raymond Queneau und Oskar Pastior als einziges deutschsprachiges Mitglied.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grundgedanke der potentiellen Literatur ist es, den Regeln der Sprache erfundene, aber auch wiedergefundene Regeln gegen\u00fcberzustellen. Dabei werden auch Regeln verwendet, die schon seit Jahrhunderten in immer wieder verschiedenen Kontexten in Gebrauch sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nur wer spielt, kennt den Widerstand der Regel \u2013 und den Widerstand gegen die Regel<\/em>, formuliert Oskar Pastior ein weiteres Motiv zur Arbeit mit Regeln. Der Satz \u201eKein Spiel funktioniert ohne Regeln\u201c wird von den Vertretern potentieller Literatur auf das literarische Schaffen angewendet: Zun\u00e4chst wird eine Regel vorgegeben, die eine sprachliche oder auch eine mathematische Vorgabe sein kann. Dann wird darauf aufbauend das Gedicht oder der Essay erstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Prototyp f\u00fcr diese Art von Literatur sind die <em>Hunderttausend Milliarden Gedichte<\/em> von Raymond Queneau: zehn Sonette, in denen alle Verse miteinander kombiniert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Beispielhafte Werke, die dieser Idee folgen, sind unter anderen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>La disparition<\/em> (deutsch: <em>Anton Voyls Fortgang<\/em>) \u2013 Roman von Georges Perec &#8211; verwendete Regel: Es kommt kein einziges Wort vor, das den Buchstaben <em>e<\/em> enth\u00e4lt. Von Georges Perec existiert auch ein monovokales Buch mit dem Titel <em>Les Revenentes<\/em> (deutsch: \u201eDee Weedergenger\u201c, \u00fcbersetzt von Peter Ronge), in dem als Vokal nur das <em>e<\/em> verwendet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Oskars Moral<\/em>, von Ilse Kilic. Ritter Verlag 1999. Verwendete Regel: Die Personen d\u00fcrfen nur Dinge tun oder sagen, f\u00fcr die sie als Vokale nur jene in ihren Namen enthaltenen ben\u00f6tigen. Treffen sich mehrere Personen in einem Satz, gelten die Vokale aller Namen, und es erweitert sich somit der Wortschatz der Personen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als <em>Fragmenttexterin<\/em> spielt Angelika Janz mit der Erg\u00e4nzungsleistung des Lesers \/ Betrachters. KUNO sch\u00e4tzt sie daf\u00fcr, weil ihre Fragmenttexte sowohl in Print als auch online funktionieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zwischen 1991 und 1995 entstandenen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25417\"><em>Top 100<\/em><\/a> von A.J. Weigoni bilden den H\u00f6hepunkt und die wahre Sprengung der sogenannten Pop-Literatur. Stellen Sie vor dem Einschalten des CD\u2013Players die Funktion \u203aRandom\u2039 oder \u203aShuffle\u2039 ein. Der Zufallsgenerator komponiert dann das eigentliche H\u00f6r\u2013Spiel. Das chrono\u00adlogische Abh\u00f6ren von <em>Top 100<\/em> ist aus k\u00fcnstlerischen Gr\u00fcnden nicht gestattet. Am Ende wird <em>Top 100<\/em> ein Ganzes, das wiederum in seine Teile zerf\u00e4llt. Das H\u00f6r-Spiel kann von neuem beginnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_98419\" style=\"width: 292px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98419\" class=\"wp-image-98419 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TopCover.gif\" alt=\"\" width=\"282\" height=\"142\" \/><p id=\"caption-attachment-98419\" class=\"wp-caption-text\">Top 100 bildet den H\u00f6hepunkt und die wahre Sprengung der sogenannten Pop-Literatur.<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Spiel funktioniert ohne Regeln Im Jahre 1960 gr\u00fcndeten franz\u00f6sische Literaten (die Werkstatt f\u00fcr potentielle Literatur (Ouvroir de litt\u00e9rature potentielle, abgek\u00fcrzt Oulipo) als eine lose Vereinigung in Paris. 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