{"id":102832,"date":"2013-09-14T14:09:26","date_gmt":"2013-09-14T12:09:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102832"},"modified":"2024-06-24T05:42:07","modified_gmt":"2024-06-24T03:42:07","slug":"zuerich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/09\/14\/zuerich\/","title":{"rendered":"Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man lebt in Z\u00fcrich: L\u00e4ndlich unter Morphinisten. Viele Franzosen gibt es. Die Soldaten mit ihren schwarzen Tschakkos, schwarzer Uniform und roten Achselaufschl\u00e4gen erinnern an deutsche Feuerwehr. Die elektrischen Wagen sind blau wie in M\u00fcnchen. Am Stadthauskai ragen drei gro\u00dfe Uhrt\u00fcrme mit goldenen Zifferbl\u00e4ttern. Br\u00fcckenk\u00f6pfe breit zwischen italienisch gegiebelten H\u00e4userstaffagen. Singende Aale und Wasserratten von der Limmat her. Dahinter der See: Ein blaugrauer Sack.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Stra\u00dfe begibt sich: Die larmoyante Musik der Heilsarmee. Vor der Studenten-Wirtschaft \u00bbZur Bollerei\u00ab auf grobpflastrigem Platz stehen im Kreis f\u00fcnf M\u00e4nner mit Blasinstrumenten. H\u00fcte, Bagage und Instrumentenk\u00e4sten liegen geschichtet inmitten des Kreises auf einem Haufen. Frauen mit seltsamen H\u00fcten und Brillen (aus Bildern des Quentin Massys) singen eine erbarmensw\u00fcrdige Melodie vom gekreuzigten Heiland. Auf dem Balkon der \u00bbBollerei\u00ab die Studenten: in langer Reihe mit eckigen K\u00f6pfen und Quastenpfeifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder es findet, unter freiem Himmel, eine Versammlung statt, auf dem M\u00fcnsterplatz. \u00bbGegen den Hunger.\u00ab \u00bbSchweizerarbeiter, wach auf, bevor es zu sp\u00e4t ist! Nieder mit der Heuchelei des Burgfriedens! Es lebe der Klassenkampf!\u00ab Mit Trompetensto\u00df wird die Versammlung er\u00f6ffnet. Auf einem Karren stehen die Redner. In kleinen Trupps, die Internationale singend, zerstreut sich die Schar der Protestler unterm Gewitterregen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Z\u00fcrich ist die Stadt der Gesangvereine. Vierstimmig, schippelig. \u00bbAlles wird sich schon gestalten. Fr\u00fchling wird es sicherlich.\u00ab Gesellenh\u00e4user hei\u00dfen hier \u00bbZur K\u00e4sh\u00fctte\u00ab, \u00bbBlaue Fahne\u00ab, \u00bbZur Zimmerleuten\u00ab. Auch wird viel trompetet, aus sechsten Stockwerken heraus. Man tut etwas f\u00fcr die Lunge. Im Park, auf den Terrassen der gro\u00dfen Hotels, an Kiosken und in den Separ\u00e8s der Kabarette: man spricht viel Franz\u00f6sisch, von Genf her. Scheintot ist man versucht die Stadt zu nennen trotz Sonne und Grobheit nach drei Tagen Aufenthalt. Niemand f\u00fchrt Buch \u00fcber Verbleib und Schattierung gefl\u00fcchteter Krimineller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cabaret Bonbonni\u00e8re liegt im Mittelpunkte der Stadt, nahe dem Hauptbahnhof. Caf\u00e9 des Banques hat eine saftige Kapelle. Die Primgeige stammt aus Moabit, das Cello aus Lyon. Der Fl\u00fcgelmann ist Mexikaner. Im Kabarett tritt auf: Emmy Hennings: Gr\u00fcne Joppe, schwarze Satinhosen, blonder Schopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kabarett ist ein h\u00fcbscher Raum, sehr besucht. Violette und lila Ampeln in Pagodenform. H\u00f6llenrote, entz\u00fcckende kleine B\u00fchne. Italiener und Franzosen schmunzeln beim Vortrag der \u00bbBeenekens\u00ab. (Sie sehen, Romain Rolland, es bedarf nicht des esprit religieux der Madame Dr. Elisabeth Rotten noch des Appel humain samaritanisch geneigter Episkopaten.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit ist vorsichtig und langsam. Am Predigerplatz, im kleinen Restaurant \u00bbZum wei\u00dfen Schw\u00e4nli\u00ab, gesch\u00e4he auch Ihnen Genugtuung, lieber R. H. Ich folge freundlicher Einladung eines Arztes. Und finde ein stilles, entferntes Kolleg von viermal sechs freien \u00bbGenossen\u00ab (oft sind es mehr, oft weniger). Sie tagen einmal die Woche, jeden Montag. Jemand verliest eine Disposition der \u00bbKampfesmittel des Arbeitgebers\u00ab. Monsieur le directeur Dr. B. f\u00fchrt den Discurs, sachte und einfach, sicher und prinzipiell. Zugegen sind Organisierte und Nichtorganisierte, Propagandisten der Tat und Sozialdemokraten, ein Kondukteur, ein Metallarbeiter, die russische Revolution\u00e4rin und der sehr franz\u00f6sisch orientierte Redakteur des \u00bbRevoluzzer\u00ab (eines Blattes, das, nur in der Schweiz, mit sehr direktindirekten Mitteln den italienischen Arbeitern Verweigerung der Milit\u00e4rpflicht nahelegte). \u00bbSagen Sie uns, Genosse H., \u2013 Sie haben da Sondererfahrung \u2013 was wissen Sie uns von Tarifvertr\u00e4gen?\u00ab (folgt Bericht). \u00bbSch\u00f6n. Aber Sie setzen sich da in Widerspruch zu Genosse W. Genosse W. erz\u00e4hlte uns, da\u00df er nur unk\u00fcndbare Tarifvertr\u00e4ge kennt, und da\u00df das Interesse des Arbeitgebers nur unk\u00fcndbare Tarifvertr\u00e4ge verlangt.\u00ab (Genosse H. und W. debattieren und einigen sich). \u00bbSch\u00f6n, und die Streiks? Wer erinnert sich noch des Holzarbeiterausstandes bei uns in der Schweiz? Wie war doch die Situation? &#8230;\u00ab \u00bbDer \u00f6konomische Streik, ganz richtig. Und au\u00dferdem?\u00ab Sympathiestreiks. \u00bbWas kommt wohl in solchen Sympathiestreiks zum Ausdruck?\u00ab Man tut sich selbst genug. \u00bbOder? Genosse C.?\u00ab Man befriedigt ein seelisches Bed\u00fcrfnis. \u00bbOder?\u00ab Man hat Gefallen an sich selbst. \u00bbGut, das ist es. Es gibt in der Arbeiterschaft Vorg\u00e4nge von nicht nur materieller Bedeutung. Es gibt auch \u2013 man k\u00f6nnte fast sagen \u2013 \u00e4sthetische Streiks.\u00ab Gegen 10 Uhr ist die Disposition komplett. Eine neue Disposition wird einem der Genossen \u00fcbertragen. Die Versammlung zerstreut sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehen Sie, lieber R. H., so kultiviert man hier in der Arbeiterschaft und unter Gebildeten: ganz ohne L\u00e4rm, ganz ohne Aufsehen. Der deutsche Literat, den ein Zufall in die Versammlung verschl\u00e4gt, ganz ohne Kontakt, ganz voller Abneigung kommunistischen Dingen gegen\u00fcber, ist tief erstaunt und besch\u00e4mt und dankt einem Kreise von Menschen, in dem sich Gelassenheit und Erfahrung das R\u00fcstzeug schaffen f\u00fcr den sozialen Kampf der Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99423\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Hugo_Ball_Cabaret_Voltaire-e1645506781248.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/>Im Mai 1915 emigrierte Hugo Ball gemeinsam mit Emmy Hennings in die Schweiz, wo er zun\u00e4chst in Z\u00fcrich wohnte. Er tingelte mit einem Variet\u00e9-Ensemble als Klavierspieler und Texter durch das Land. Schlie\u00dflich kam er in Kontakt mit der Tanzschule von Rudolf von Laban, die als Treffpunkt der Dadaismusbewegung galt. Im Februar 1916 gr\u00fcndete er mit Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco in Z\u00fcrich das Cabaret Voltaire, die als \u201eWiege des Dadaismus\u201d bezeichnet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Nie lernte ich so viele Menschen kennen mit Minderwertigkeitskomplexen und masslos dicker Arroganz<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Else Lasker-Sch\u00fcler \u00fcber Z\u00fcrich<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Die Redaktion w\u00fcrdigte Else Lasker-Sch\u00fcler mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14599\">Artikel<\/a> \u00fcber die Gr\u00fcndung des Cabaret Voltaire. Erg\u00e4nzend auch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14603\">Das erste dadaistische Manifest<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man lebt in Z\u00fcrich: L\u00e4ndlich unter Morphinisten. Viele Franzosen gibt es. Die Soldaten mit ihren schwarzen Tschakkos, schwarzer Uniform und roten Achselaufschl\u00e4gen erinnern an deutsche Feuerwehr. Die elektrischen Wagen sind blau wie in M\u00fcnchen. 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