{"id":102823,"date":"2020-05-10T13:20:00","date_gmt":"2020-05-10T11:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102823"},"modified":"2022-04-24T14:00:12","modified_gmt":"2022-04-24T12:00:12","slug":"das-psychologietheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/10\/das-psychologietheater\/","title":{"rendered":"Das Psychologietheater"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist evident, da\u00df alle Psychologie ein Sicheinf\u00fchlen in die fremde Existenz, ins Objekt, in den Gegenstand voraussetzt. Um etwas \u00bbPsychologisches\u00ab, etwas \u00fcber die Seele einer Sache, eines Menschen, eines Unternehmens aussagen zu k\u00f6nnen, bedarf es einer F\u00e4higkeit des Sicheinf\u00fchlens, des Besitzergreifens, des Sichselbstverlassens, die absolute schauspielerische Begabung voraussetzt. Ich behaupte: gro\u00dfe Psychologen m\u00fcssen notwendig gro\u00dfe Schauspielernaturen sein. Psychologie und Schauspielerei sind aufs engste verkn\u00fcpft (der Psychologe ist gezwungen, sein Objekt zu erleben, es pers\u00f6nlich zu durchdringen, es selber zu sein, bevor er etwas Wesentliches dar\u00fcber aussagen kann). Die psychologische Epoche, die in Nietzsche, Dostojewski und Ibsen gipfelte, hat einen eminent schauspielerischen Untergrund. Mit dem Hochkommen dieser Epoche wird das Interesse f\u00fcr Theater und Schauspielkunst universal, setzt die \u00dcbersch\u00e4tzung des Theaters ein. (Siehe Richard Wagner. Siehe seinen Ausl\u00e4ufer Max Reinhardt. Brahms Ibsentheater.) Mit dem Durchschauen der Psychologie (mit dem Zeitalter der Psychoanalyse) schwindet auch das Interesse am Theater. Die gro\u00dfen Psychologen haben das Theater universal gemacht (der Fall Nietzsche-Wagner); auch die Schauspielerbegabung. Durch die Psychologie sind diese Dinge allgemein geworden. Wie etwa Freud die Hysterie zergliedert und damit einen Allgemeinzustand der Hysterie einleitet. Wir sehen das Theater nicht mehr als Spezialit\u00e4t. Wir sind&#8217;s selber geworden. Wir brauchen nicht mehr in den obligatorischen Kunsttempel zu gehen. Wir nehmen das Schauspielern nicht mehr als Sensation. Und wenn wir gehen, gehen wir aus anderen Gr\u00fcnden. Vor allem: wir betrachten die Psychologie \u2013 psychologisch. Wir empfinden sie als plebejisch, pedantisch und unvornehm. Wir empfinden sie als ein Durchschn\u00fcffeln, Durchtasten, Durchst\u00f6bern eigener und fremder seelischer Angelegenheiten ohne Distanz; zur Wissenschaft erhoben widerlich. \u00bbPsychoanalyse\u00ab als eine Art res\u00fcmierter Psychologie findet allenfalls noch unsere Billigung, wenn sie, unter strengster Staatskontrolle, medizinisch fungiert. Psychologie (moralisch genommen) empfinden wir heute als eine Ausschweifung masochistischer Personen. Als ein T\u00fcrhorchen der Senilit\u00e4t bei der \u00f6konomischen Verwaltung unserer inneren Angelegenheiten; als ein Domestikenvergn\u00fcgen, wenn man so sagen will. Wir h\u00f6ren Syllogismen und Wasserf\u00e4lle von Phrasen, die den Kern nicht mehr treffen. Psychologie beispielsweise bei Ibsen ist uns betr\u00e4chtlich zu einem Klatschsuchtsph\u00e4nomen heruntergesunken. Wir sehen Brille, Lupe und Gelehrtenzopf hinter der \u00bbSeele\u00ab her (die nicht mehr existiert). So jemand sein sollte, der Seele hat, das ist <i>seine<\/i> Sache.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jene \u00bbschauspielerische Urbegabung\u00ab aber erkl\u00e4ren wir uns aus dem Druck, den Jahrhunderte bornierten Christentums auf die Knechtung der K\u00f6rper und Geister verwandten. Wir erkl\u00e4ren die psychologisch-schauspielerische Epoche der genannten Gr\u00f6\u00dfen als lebendig gewordene Versatilit\u00e4t ganzer Generationen von Unterdr\u00fcckten, die mit allen Mitteln der Verzweiflung und Verschlagenheit in andere Gestalt hin\u00fcber und durch sie aus ihrer eigenen herauswollten (es ergibt sich die Parallele zur Popularit\u00e4t des Weibes). Wir erkl\u00e4ren \u00bbden Schauspieler\u00ab aus der Suprematie asketischer Orden, aus dem Fron und der Nachwirkung c\u00e4sarischer Papstnaturen; aus dem tausendj\u00e4hrigen Wutideal metaphysischer Fleischverachtung. Wir glauben, da\u00df die gesamte Epoche heutiger Aufkl\u00e4rung als Reaktion gegen Moraldruck selber noch eine Moralidiosynkrasie sei (Wedekind). Wir stellen als Gegenideal, zwecks \u00dcberwindung, den Expressionismus auf, der gar kein Objekt mehr kennen will; der mit wahnsinniger Wollust die eigene Pers\u00f6nlichkeit wiederfindet und deren Diktatur ausruft in hintergr\u00fcndigster Selbstsch\u00f6pfung. Theater als Abenteuer, als Weltreferat, als hoher Lyrismus. Wir lassen das Christentum gleiten. Die Psychologie anbei. Uns heute, die wir einander eine \u00bbRenaissance in Gesundheit und aristonischer Ungebrochenheit\u00ab versprechen, uns d\u00e4mmert damit auch der r\u00f6mische Histrionenha\u00df wieder auf. Kein Vorurteil mehr gegen den Schauspieler als soziales Glied. Aber ein Achselzucken bei seiner \u00bbVerwandlungskunst\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99423\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Hugo_Ball_Cabaret_Voltaire-e1645506781248.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/>Im Mai 1915 emigrierte Hugo Ball gemeinsam mit Emmy Hennings in die Schweiz, wo er zun\u00e4chst in Z\u00fcrich wohnte. Er tingelte mit einem Variet\u00e9-Ensemble als Klavierspieler und Texter durch das Land. Schlie\u00dflich kam er in Kontakt mit der Tanzschule von Rudolf von Laban, die als Treffpunkt der Dadaismusbewegung galt. Im Februar 1916 gr\u00fcndete er mit Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco in Z\u00fcrich das Cabaret Voltaire, die als \u201eWiege des Dadaismus\u201d bezeichnet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14599\">Artikel<\/a> \u00fcber die Gr\u00fcndung des Cabaret Voltaire.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es ist evident, da\u00df alle Psychologie ein Sicheinf\u00fchlen in die fremde Existenz, ins Objekt, in den Gegenstand voraussetzt. 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