{"id":102784,"date":"2000-08-23T00:14:35","date_gmt":"2000-08-22T22:14:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102784"},"modified":"2022-04-21T16:37:04","modified_gmt":"2022-04-21T14:37:04","slug":"der-wegbereiter-der-moderne-in-architektur-und-design","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/08\/23\/der-wegbereiter-der-moderne-in-architektur-und-design\/","title":{"rendered":"Der Wegbereiter der Moderne in Architektur und Design"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>F\u00fcrchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Ver\u00e4nderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die L\u00fcge, die neben uns schreitet.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Adolf Loos<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adolf Loos\u2019 ber\u00fchmteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (an die wir auf KUNO zuweilen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/das-erste-ornament\/\">erinnern<\/a> werden). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Gewiss, die kultivierten Erzeugnisse unserer Zeit haben mit Kunst keinen Zusammenhang. Die barbarischen Zeiten, in denen Kunstwerke mit Gebrauchsgegenst\u00e4nden verquickt wurden, sind endg\u00fcltig vorbei.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen pl\u00e4diert Loos f\u00fcr die Verwendung edelster Materialien, soweit die Anmutung von Sinnlichkeit und Reichtum erzielt werden soll, wie etwa in den Innenr\u00e4umen seiner Villenbauten. Als sinnlose menschliche Kraftvergeudung beurteilt Loos auch die zeitgen\u00f6ssischen kunstgewerblichen und architektonischen Reformbewegungen und kommentiert die Gr\u00fcndung des Deutschen Werkbundes 1908 in zwei sp\u00f6ttischen Essays unter den Titeln <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/23\/die-ueberfluessigen\/\"><em>Die \u00dcberfl\u00fcssigen<\/em><\/a> und <em>Kulturentartung<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adolf Loos war eng mit K\u00fcnstlern wie Arnold Sch\u00f6nberg, Oskar Kokoschka, Peter Altenberg und Karl Kraus befreundet (er war Altenbergs und Kraus\u2019 Taufpate), f\u00fcr deren Werke und Erfolg er sich entsprechend leidenschaftlich engagierte. Der Avantgardismus und die Radikalit\u00e4t seines k\u00fcnstlerischen Schaffens fernab jeder Anerkennung beim zeitgen\u00f6ssischen Publikum f\u00fchrte bei Loos zur Forderung, die Gestaltung der allt\u00e4glichen Gebrauchsgegenst\u00e4nde einschlie\u00dflich der Architektur nicht mit dem Ethos ernsthaften k\u00fcnstlerischen Schaffens zu verkn\u00fcpfen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. [\u2026] Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit rei\u00dfen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolution\u00e4r, das Haus konservativ.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">hei\u00dft es dazu etwa in seinem 1910 ver\u00f6ffentlichten Essay <em>Architektur<\/em>. Seine Streitlust und seine oft satirisch \u00fcberzogenen Formulierungen haben nicht nur im damaligen Wien f\u00fcr zahlreiche Provokationen gesorgt, sondern seinen Artikeln zu ihrem sp\u00e4teren Weltruhm verholfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der kunstgeschichtlichen Literatur gilt Loos als wichtiger Wegbereiter der Moderne in Architektur und Design mit ihrer entsprechenden Programmatik von <em>Form folgt der Funktion<\/em>, wobei allerdings seine kritische Distanz zu Bauhaus und Deutschem Werkbund oftmals \u00fcbersehen wurde. Er sah sich durchaus in der Tradition der Alt-Wiener-Baukunst etwa eines Joseph Kornh\u00e4usel. Die im Bauboom um 1900 nicht seltene Schleifung historischer Stadtensembles fand seine heftige Kritik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben dem Anspruch an Modernit\u00e4t war Loos die Behaglichkeit seiner Einrichtungen besonders wichtig. Dabei sollte der Architekt dem Bauherrn nicht bestimmte Formen oder eine neue, in sich komplette Einrichtungsgarnitur aufdr\u00e4ngen, sondern eher mit Behutsamkeit und R\u00fccksicht auf das Gewohnte agieren, dabei auch alte Gegenst\u00e4nde und M\u00f6bel, die dem Bauherrn pers\u00f6nlich etwas bedeuten, in das Neue mit einbinden. \u201eF\u00fcr eure Wohnung habt ihr immer Recht\u201c lautete etwas zugespitzt das entsprechende Motto in seinen Schriften. Dabei geht es Loos in seinen Einrichtungen nicht vorrangig um eine bestimmte Art von Modernit\u00e4t, sondern eher um eine kritische Weiterf\u00fchrung gewisser Traditionen. Man wird bei seinen Gestaltungen an Einfl\u00fcsse des Klassizismus erinnert, zum anderen sp\u00fcrt man gewisse Vorbilder englischer und amerikanischer Architektur aus dem Landhausbau (z.\u00a0B. Norman Shaw). Dabei spielen insbesondere der Kamin und die sich um ihn gruppierende gem\u00fctliche Sitzgruppe gestalterisch eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charakteristisch f\u00fcr die Architektur von Loos ist, seinen oben erw\u00e4hnten Forderungen entsprechend, die Verwendung edler Materialien. Um den richtigen Stein f\u00fcr seine Wandverkleidung zu finden, reiste er mitunter durch ganz Europa. Bei seinen M\u00f6blierungen verwendete er edelste H\u00f6lzer und lie\u00df Tische und Sessel mitunter nach musealen Vorbildern (meist) durch die Firma Friedrich Otto Schmidt kopieren, wobei er in diesen Vorbildern erprobte und bew\u00e4hrte Formen sah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein unrealisierter, aber ebenso ber\u00fchmter wie spektakul\u00e4rer Wettbewerbsbeitrag aus dem Jahre 1922 f\u00fcr den Wolkenkratzer der Chicago Tribune, des heutigen Tribune Towers, zeigt, dass sich Adolf Loos nicht einfach auf den Begriff des Funktionalismus reduzieren l\u00e4sst (so wie er in den 1960er Jahren f\u00fcr die architektonische Moderne zum universalen Merkmal erhoben wurde): Er entwarf ein B\u00fcrohaus in der monumentalisierten Form einer dorischen S\u00e4ule. Nach Meinung des Kunsthistorikers Joseph Imorde wollte Loos eben <em>keine<\/em> neuen Architekturformen ohne Tradition herstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die Architektur geh\u00f6rt nicht unter die K\u00fcnste. Nur ein ganz kleiner Teil der Architektur geh\u00f6rt der Kunst an: das Grabmal und das Denkmal. Alles, was einem Zweck dient, ist aus dem Reiche der Kunst auszuschlie\u00dfen!<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Adolf Loos<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den 1920er Jahren lebte Adolf Loos \u00fcberwiegend in Paris und pflegte zahlreiche Kontakte zur dortigen K\u00fcnstleravantgarde. Er baute unter anderem ein Haus f\u00fcr Tristan Tzara und entwarf auch eine Villa f\u00fcr die T\u00e4nzerin Josephine Baker mit einer ganz in horizontalen schwarzen und wei\u00dfen Streifen gehaltenen Fassade.<\/p>\n<div id=\"attachment_102786\" style=\"width: 1210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102786\" class=\"wp-image-102786 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Villa-Mueller-Prag_designed-by-Adolf-Loos.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"800\" \/><p id=\"caption-attachment-102786\" class=\"wp-caption-text\">Villa M\u00fcller in Prague, designed von Adolf Loos. Photo: Hpschaefer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 1930 gebaute, von ihm konzipierte Villa M\u00fcller in Prag ist fast vollst\u00e4ndig erhalten und heute als Museum restauriert. Auch hier ist die \u00e4u\u00dferliche Form der Kubus. Im Inneren werden edle Materialien und Dekors aus verschiedenen Epochen kombiniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die W\u00fcrdigung Loos\u2019 als einer der ersten Architekten der strengen, nicht dekorativen, minimalen Formen, Farben und Materialien beh\u00e4lt bis heute G\u00fcltigkeit; sie kann jedoch \u2013 mit Abstand zu den zum Teil polemischen Auseinandersetzungen \u2013 modifiziert werden: Auch bei edler Innenausstattung mit Elementen aus verschiedenen Epochen steht bei Loos die Funktionalit\u00e4t im Vordergrund; die \u00e4u\u00dfere Form weist, trotz Loos\u2019 Abgrenzung zum Bauhaus, \u00c4hnlichkeiten mit dem sp\u00e4teren Bauhaus-Konzept auf. In der modernen Architektur bleibt das Werk von Adolf Loos einzigartig; denn auch auf Grund des von vielen nicht verstandenen architekturtheoretischen Ansatzes ist Loos nicht schulemachend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcrchte nicht, unmodern gescholten zu werden. 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