{"id":102779,"date":"2013-08-23T16:03:07","date_gmt":"2013-08-23T14:03:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102779"},"modified":"2022-04-21T16:19:23","modified_gmt":"2022-04-21T14:19:23","slug":"die-ueberfluessigen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/23\/die-ueberfluessigen\/","title":{"rendered":"Die \u00dcberfl\u00fcssigen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun haben sie sich doch zusammengefunden und haben in M\u00fcnchen getagt. Sie haben wieder unserer industrie und unseren handwerkern erz\u00e4hlt, wie wichtig sie sind. Um ihre existenz zu rechtfertigen, erz\u00e4hlten sie anfangs, es war vor zehn jahren, da\u00df sie kunst in das handwerk bringen m\u00fc\u00dften. Das konnte der handwerker n\u00e4mlich nicht. Dazu war er viel zu modern. Dem modernen menschen ist die kunst eine hohe g\u00f6ttin, und er empfindet es als ein attentat auf die kunst, wenn man sie f\u00fcr gebrauchsgegenst\u00e4nde prostituiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das empfanden die konsumenten auch. Der angriff der kulturlosen auf unsere moderne kultur schien abgeschlagen zu sein. Die tintenf\u00e4sser (felsenriff mit zwei nymphen), die leuchter (ein m\u00e4dchen h\u00e4lt einen krug, darin steckt die kerze), die m\u00f6bel (die nachtk\u00e4stchen sind kleine trommeln, das b\u00fcfett eine gro\u00dfe trommel, um die ein eichenbaum in laubs\u00e4gearbeit seine \u00e4ste spannt) blieben unverkauft. Und wenn man sie kaufte, sch\u00e4mte man sich zwei jahre darauf dieses besitzes. Mit der kunst war es also nichts. Aber man war einmal da und mu\u00dfte doch leben. Da verfiel man auf den ausweg, der kultur auf die beine helfen zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheint aber auch nicht zu gehen. Eine gemeinsame kultur \u2013 und es gibt nur eine solche \u2013 schafft gemeinsame formen. Und die formen der m\u00f6bel von Van de Velde weichen ganz erheblich von den m\u00f6beln Josef Hoffmanns ab. F\u00fcr welche kultur sollte sich nun der deutsche entscheiden? F\u00fcr die kultur Hoffmanns oder f\u00fcr die Van de Veldes? F\u00fcr die Riemerschmieds oder f\u00fcr die Olbrichs?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, mit der kultur ist es auch nichts. Denn schon wurden stimmen laut, die ausgiebige besch\u00e4ftigung der \u201eangewandten k\u00fcnstler\u201c sei eine national\u00f6konomische frage f\u00fcr den staat und den produzenten. Das wurde den fabrikanten drei tage lang wiederholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich aber frage: brauchen wir den \u201eangewandten k\u00fcnstler\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle gewerbe, die bisher diese \u00fcberfl\u00fcssige erscheinung aus ihrer werkstatt fernzuhalten wu\u00dften, sind auf der h\u00f6he ihres k\u00f6nnens. Nur die erzeugnisse dieser gewerbe repr\u00e4sentieren den stil unserer zeit. Sie sind so im stile unserer zeit, da\u00df wir sie \u2013 und das ist das einzige kriterium \u2013 gar nicht als stilvoll empfinden. Sie sind mit unserem denken und empfinden verwachsen. Unser wagenbau, unsere gl\u00e4ser, unsere optischen instrumente, unsere schirme und st\u00f6cke, unsere koffer und sattlerwaren, unsere silbernen zigarettentaschen und schmuckst\u00fccke, unsere juwelierarbeiten und kleider sind modern. Sie sind es, weil noch kein unberufener sich als vormund in diesen werkst\u00e4tten aufzuspielen versuchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewi\u00df, die kultivierten erzeugnisse unserer zeit haben mit der kunst keinen zusammenhang. Die barbarischen zeiten, in denen kunstwerke mit gebrauchsgegenst\u00e4nden verquickt wurden, sind endg\u00fcltig vorbei. Zum heile der kunst. Denn dem neunzehnten jahrhundert wird einmal ein gro\u00dfes kapitel in der geschichte der menschheit gewidmet werden: ihm verdanken wir die gro\u00dftat, die reinliche scheidung von kunst und gewerbe herbeigef\u00fchrt zu haben. Die verzierung des gebrauchsgegenstandes ist der anfang der kunst. Der papuaneger bedeckt seinen ganzen hausrat mit ornamenten. Die geschichte der menschheit zeigt uns, wie sich die kunst aus der profanierung dadurch zu befreien sucht, da\u00df sie sich von dem gebrauchsgegenstande, dem gewerblichen erzeugnisse, emanzipiert. Der trinker des siebzehnten jahrhunderts konnte noch ruhig aus einem kruge trinken, in den eine amazonenschlacht geschnitzt war, der esser hatte die nerven, sein fleisch auf einem raube der Proserpina zu schneiden. Wir k\u00f6nnen das nicht. Wir. Wir, die modernen menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind wir dadurch feinde der kunst, weil wir sie vom handwerk trennen wollen? M\u00f6gen die unmodernen k\u00fcnstler dar\u00fcber jammern, da\u00df man ihrer mithilfe bei der schuhfabrikation nicht bedarf, w\u00e4hrend doch \u2013 mit tr\u00e4nen im auge gedenkt man der vergangenen zeiten \u2013 Albrecht D\u00fcrer noch schuhschnitte anfertigen durfte. Aber der moderne mensch, der gl\u00fccklich ist, heute und nicht im sechzehnten jahrhundert zu leben, empfindet einen solchen mi\u00dfbrauch von k\u00fcnstlertum als barbarei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum heile unseres geisteslebens. Denn die kritik der reinen vernunft konnte nicht von einem manne geschaffen werden, der f\u00fcnf strau\u00dfenfedern am barett hatte, die neunte stammt nicht von einem, der ein tellergro\u00dfes rad um den hals trug, und das sterbezimmer Goethes ist herrlicher als die schusterbude Hans Sachs\u2019, mag dort auch jedes st\u00fcck von D\u00fcrer gezeichnet gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das achtzehnte jahrhundert hat die wissenschaft von der kunst befreit. Vorher zeichnete man anatomische atlanten, die in kupferstich s\u00e4uberlich zeigten, wie die g\u00f6tter Griechenlands ohne bauchhaut aussehen. Der mediceischen venus hingen die ged\u00e4rme heraus. Und noch heute wird den bayrischen hiasln auf den jahrm\u00e4rkten an der \u201eanatomischen venus\u201c wissenschaft beigebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir brauchen eine <i>tischlerkultur<\/i>. W\u00fcrden die angewandten k\u00fcnstler wieder bilder malen oder stra\u00dfen kehren, h\u00e4tten wir sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-84374 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-687x1024.jpg 687w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-768x1144.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-1031x1536.jpg 1031w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-560x834.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/08\/Adolf_Loos_Ornament_und_Verbrechen_Plakat.jpg 1208w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Adolf Loos war ein \u00f6sterreichischer Architekt, Architekturkritiker und Kulturpublizist. Er gilt als einer der Wegbereiter der modernen Architektur. Seine bekanteste Schrift ist der Vortrag <em>Ornament und Verbrechen<\/em> (1910). Darin wird argumentiert, dass Funktionalit\u00e4t und Abwesenheit von Ornamenten im Sinne menschlicher Kraftersparnis ein Zeichen hoher Kulturentwicklung seien und dass der moderne Mensch wirkliche Kunst allein im Sinne der Bildenden Kunst erschaffen k\u00f6nne. Ornamentale Verzierungen oder andere besondere k\u00fcnstlerische Gestaltungsversuche an einem Gebrauchsgegenstand seien eine ebenso unangemessene wie \u00fcberfl\u00fcssige Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nun haben sie sich doch zusammengefunden und haben in M\u00fcnchen getagt. Sie haben wieder unserer industrie und unseren handwerkern erz\u00e4hlt, wie wichtig sie sind. 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