{"id":102723,"date":"1995-06-16T11:24:38","date_gmt":"1995-06-16T09:24:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102723"},"modified":"2022-04-17T12:25:21","modified_gmt":"2022-04-17T10:25:21","slug":"25-jahre-werkkreis-literatur-der-arbeitswelt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/16\/25-jahre-werkkreis-literatur-der-arbeitswelt\/","title":{"rendered":"25 Jahre Werkkreis Literatur der Arbeitswelt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Den Versuchen der Schriftsteller, \u00fcber das Dasein und die Lebensbedingungen der Proletarier zu berichten, haben Vorurteile im Wege gestanden, die nicht an einem Tage zu \u00fcberwinden gewesen sind. Eines der nachhaltigsten sah im Proletarier den \u00bbeinfachen Mann aus dem Volke\u00ab, der im Gegensatz nicht sowohl zum gebildeten als zum differenzierten Angeh\u00f6rigen einer h\u00f6heren Schicht steht.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span class=\"vcard author\" style=\"color: #999999;\"><span class=\"fn\">Walter Benjamin<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine grunds\u00e4tzliche Kritik an der <em>Dortmunder Gruppe 61<\/em> f\u00fchrtevor 25 Jahren\u00a0 zur Bildung des <em>Werkkreises Literatur der Arbeitswelt<\/em>. Die <em>Gruppe 61<\/em> sah eher eine gesellschaftliche Grund\u00fcbereinstimmung in der Bundesrepublik Deutschland und wollte diese weiterentwickeln. Eine Opposition innerhalb des Literatenzirkels, zu der u. a. G\u00fcnter Wallraff, Erika Runge, Angelika Mechtel, Max von der Gr\u00fcn, Erasmus Sch\u00f6fer und Peter Sch\u00fctt geh\u00f6rten, wollte Texte schaffen, in denen f\u00fcr die Arbeiterklasse Partei ergriffen wurde und in denen der gesellschaftspolitische Standpunkt der Autoren sichtbar werden sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen. Und mit jedem sinkt ein K\u00e4mpfer der Zukunft, ein Soldat der Revolution, ein Retter der Menschheit vom Joch des Kapitalismus ins Grab<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rosa Luxemburg<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ziel dieser Opposition, die schlie\u00dflich den Werkkreis gr\u00fcndete, war es, die Etablierung von Arbeitern als Berufsschriftsteller zu f\u00f6rdern und die Schulung und F\u00f6rderung angehender Arbeiterschriftsteller aktiv zu unterst\u00fctzen. Josef B\u00fcscher gr\u00fcndete im Fr\u00fchjahr 1968 mit Hilfe der Volkshochschule in Gelsenkirchen die erste <em>Werkstatt<\/em> f\u00fcr die Literatur der Arbeitswelt. Auf der Gegen-Universit\u00e4t in Hamburg initiierte auch Peter Sch\u00fctt, lange Zeit Mitglied des Parteivorstandes der DKP, gemeinsam mit dem Bauschlosser Rainer Hirsch im Fr\u00fchjahr 1968 eine Werkstatt schreibender Arbeiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Selbstkritik, r\u00fccksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rosa Luxemburg<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem die Kritiker der <em>Gruppe 61<\/em> auf deren Jahrestagung am 10. Januar 1970 mit ihren \u00c4nderungsantr\u00e4gen zu Programmatik und Satzung keine Mehrheit fanden, gr\u00fcndeten sie am 7. M\u00e4rz 1970 den <em>Werkkreis Literatur der Arbeitswelt<\/em> mit neun lokalen Werkst\u00e4tten, die jeweils mit zwei Delegierten vertreten sind. Als Sprecher wurden gew\u00e4hlt:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Erasmus Sch\u00f6fer, Werkstatt K\u00f6ln<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Hugo Ernst K\u00e4ufer, Werkstatt Gelsenkirchen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Karl-Dietrich Bredthauer, Werkstatt K\u00f6ln<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Klaus Tscheliesnig, Werkstatt T\u00fcbingen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Peter Sch\u00fctt, Werkstatt Hamburg<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Horst Kammrad, Werkstatt West-Berlin<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kommunist Erasmus Sch\u00f6fer, langj\u00e4hriges DKP-Mitglied, wurde Erster Sprecher und legte der 2. Delegiertenversammlung einen Satzungsentwurf zur Gr\u00fcndung eines gemeinn\u00fctzigen Vereins mit Sitz in K\u00f6ln vor. Im Januar 1981 \u00fcbernahm der parteilose Harry B\u00f6seke die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. In der Gr\u00fcndergruppe geriet G\u00fcnter Wallraff bald in die Kritik: er schreibe so, wie auf dem politischen Felde Spontaneisten schrieben. Das war f\u00fcr die Vertreter entschlossener Parteilichkeit unter den Gr\u00fcndern, wie Runge, Sch\u00f6fer und Sch\u00fctt, nicht akzeptabel. Schon bei der ersten Arbeitstagung in Gelsenkirchen am 27. Juni 1970 wurde die \u201everengte Literaturauffassung\u201c in den Vortr\u00e4gen der Referenten Wallraff und Friedrich G. K\u00fcrbisch kritisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Gibt es Schreiben, sofern von dieser T\u00e4tigkeit als Kunstform die Rede sein soll, anders als durch das Engagement des oder der Schreibenden? Mit Sicherheit gibt es Hunderte von Aussagen der so T\u00e4tigen, dass k\u00fcnstlerisches Schreiben das Aufsspielsetzen der eignen Sicherheit, wenn nicht der Existenz bedeutet, voraussetzt, bewirkt. Mindestens: Hingabe.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Erasmus Sch\u00f6fer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die f\u00fchrende Rolle von Mitgliedern der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) im <em>Werkkreis Literatur der Arbeitswelt<\/em> war langfristig angelegt. 1971 unterlag der Mannheimer Autor Reinhard Welz mit dem Versuch, durch Satzungs\u00e4nderung den Mitgliedern zu untersagen, sich in der <em>Werkkreis<\/em>-Arbeit f\u00fcr politische Organisationen auszusprechen; man einigte sich mehrheitlich auf ein Selbstverst\u00e4ndnis als \u201eparteiunabh\u00e4ngige Organisation auf gewerkschaftsprogrammatischer Grundlage, in der sozialdemokratische, kommunistische und parteilose Kollegen zusammenarbeiten\u201c. Im gleichen Jahr wurde ein Boykott der Verlage Springer und Bertelsmann beschlossen. Auf der Sprecherratssitzung vom 10.\/11. Juni 1972 wurde Welz ausgeschlossen. Auch der Hamburger Werkstatt-Mitgr\u00fcnder Rainer Hirsch, der von Oktober 1973 bis Sommer 1977 eine Halbtagsstelle als hauptamtlicher Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des <em>Werkkreises<\/em> bekleidet hatte, wurde bei einer Sprecherratssitzung (3.\/4. Juni 1978) wegen \u201ewerkkreissch\u00e4digenden Verhaltens\u201c ausgeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der Werkkreis z\u00e4hlt zu seiner besten Zeit an die 500 \u201aschreibende Arbeiter\u2018. Kein echter Prolet ist darunter. Der Einzige, Gerd Sowka, wird schon 1972 wegen mangelnder Linientreue ausgeschlossen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Peter Sch\u00fctt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Mai 1978 tauchte der <em>Werkkreis Literatur der Arbeitswelt<\/em> als Nr. 236 auf einer geheimen Liste mit dem Titel <em>Linksextremistisch beeinflusste Druckwerke und Organisationen<\/em> auf, die zur Aussp\u00e4hung an Grenz\u00fcberg\u00e4ngen diente. Proteste gegen diese Liste trugen mit zum R\u00fccktritt des damaligen Innenministers Werner Maihofer bei. Kontroversen im Sprecherrat verursachte Ende 1976 die Unterschrift des Werkkreis-Sprechers J\u00fcrgen Alberts unter einem Protesttelegramm gegen die Ausb\u00fcrgerung Wolf Biermanns aus der DDR.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Es geht alles seinen geregelten sozialistischen Gang.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wolf Biermann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der 10. Delegiertenversammlung 1981 in Kamp-Lintfort wurde der Friedensaktivist Klaus D. Bufe zum Ersten Sprecher gew\u00e4hlt. Auf der 11. Versammlung vom 16. bis 19. Juni 1983 in Duisburg l\u00f6ste ihn Harry B\u00f6seke ab, dem 1985 Heinrich Droege nachfolgte. Dieser trat im Dezember 1986 zur\u00fcck, nachdem der S. Fischer-Verlag die Vertr\u00e4ge mit dem <em>Werkkreis<\/em> wegen schlechter Absatzzahlen gek\u00fcndigt hatte. Auch der BUND-Verlag beendete im Januar 1991 die Zusammenarbeit. Es folgte eine jahrelang anhaltende Finanz- und F\u00fchrungskrise.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Avanti Popoloch!<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Eva Kurowski \u00fcber ihre sozialistische Kindheit im Ruhrgebiet<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Ende der DDR bem\u00fchte man sich um die Integration der <em>Zirkel schreibender Arbeiter<\/em>. Dieses Vorhaben schlug trotz einer gemeinsamen Ver\u00f6ffentlichung jedoch fehl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>25 Jahre Widerstand Wahrheit Kritik<\/strong><em>.<\/em> Hrsg. v. Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, M\u00fcnchen 1995<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-100406\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Rosa_Luxemburg-e1645775421929.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/>Im Fischer Verlag erschienen bis Januar 1988 im Rahmen einer Taschenbuchreihe 60 Titel des <em>Werkkreises<\/em> mit einer Gesamt-Auflage von \u00fcber 1 Million B\u00fcchern; sp\u00e4ter erschienen sie teils im Selbstverlag, teils im gewerkschaftsnahen Bund-Verlag und bei ASSO in Oberhausen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<div style=\"text-align: justify;\">Der letzte Arbeiterdichter \u00d6sterreichs, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/09\/10\/der-letzte-arbeiterdichter-oesterreichs\/\">vorgestellt<\/a> von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Peter Paul Wiplinger<\/span><\/span>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">Eine Chronik der deutschen Arbeitslosen, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/11\/eine-chronik-der-deutschen-arbeitslosen\/\">dargelegt<\/a> von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Walter Benjamin<\/span><\/span>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">Der politische Massenstreik und die Gewerkschaften, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/01\/der-politische-massenstreik-und-die-gewerkschaften\/\">analysiert<\/a> von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Rosa Luxemburg<\/span><\/span><\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Versuchen der Schriftsteller, \u00fcber das Dasein und die Lebensbedingungen der Proletarier zu berichten, haben Vorurteile im Wege gestanden, die nicht an einem Tage zu \u00fcberwinden gewesen sind. 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