{"id":102706,"date":"2011-12-03T00:48:13","date_gmt":"2011-12-02T23:48:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102706"},"modified":"2022-04-16T18:07:07","modified_gmt":"2022-04-16T16:07:07","slug":"kunst-trainiert-die-wahrnehmung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/12\/03\/kunst-trainiert-die-wahrnehmung\/","title":{"rendered":"Kunst trainiert die Wahrnehmung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion<\/span>: Die Weltpremiere von <em>Drumming<\/em> fand am 3. Dezember 1971 im Museum of Modern Art in N.Y. statt. Im kommenden Jahr wird ein Reissue von <em>Drumming<\/em> bei der Deutschen Grammophon ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor Jahren glaubte sich die Videoclip-Versendestelle MTV dadurch besonders hervorzutun, das sie ein Konzert von Rock-Musikern \u201eUnplugged\u201c aufnahm. Wir \u00fcbersehen mal gelassen, das auch ein Mikrophon und die \u00dcbertragung der Kl\u00e4nge ein komplexes elektronisches Instrument ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die pop-pul\u00e4re Musik war, wie bei jeden neuen Welle als No. 2 zur Stelle. In einer \u00c4ra des Kurzzeitged\u00e4chnises sind Steve Reichs Kompositionen, in weiten Teilen &#8211; technisch betrachtet &#8211; das pr\u00e4historische Urmodel all dessen, was man inzwischen als Loops, Samplings undsofort bezeichnet. Entsprechend zeichnen sie sich vor allem durch zwei Hauptstrukturmerkmale aus: Zum einen repetitive, fast schon Mantra-gleiche Strukturen, welche durch ein Abfolgen in konstanter Wiederholung kleinster melodischer, rhythmischer oder harmonischer Teile entsteht. Und das sogenannte <em>Phase-Shifting<\/em>, eine Phasenverschiebung dieser molekularen Einzelteile in verschiedenen Stimmen, die einen dicht gewebten Klangteppich kreieren, in dem Rhythmen miteinander verkn\u00fcpft werden. Und vor Erfindung des Syntheziser ist alles mit analogen Instrumenten eingespielt. Auch hier braucht es f\u00fcr die S\u00e4nger Mikrophone.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den 1970er Jahren lernte ich ein paar Freaks kennen, die sich mit dem Canterbury Sound, also Bands wie Caravan, <em>Gong<\/em> oder <em>Soft Machine<\/em>, die das schlichte 4\/4 der Rockmusik in den Jazz erweiterten. Eines Abend brachte jemand Drumming von Steve Reiche mit und so h\u00f6rte ich bekifft zum ersten Mal etwas was ich erst sp\u00e4ter als \u201eNeue Musik\u201c einordnen konnte. Wir h\u00f6rten in einem Raum, der sonst als Partykeller genutzt wurde Trommelschl\u00e4ge, die sich polyrhythmisch \u00fcberlagern und in einem diffusen Klangrausch m\u00fcnden, bis nichts mehr Sinn ergibt, falsch, bis eigentlich alles Sinn ergibt. Es ist eine psychoakustische Verwirrung zwischen Hypnose und Musikanalyse, welche die Musik des US-amerikanischen Komponisten Steve Reich auch ohne das Zuf\u00fchren von Haschisch faszinierend macht. Das von vier Schlagzeugern performte <em>Drumming<\/em>, bei dem die Musiker zun\u00e4chst unisono eine rhythmische Abfolge spielen. Und sich im Verlauf der Komposition Bongos, Marimbas, das Glockenspiele, sich im vierten Satz vereinen und das auf zw\u00f6lf K\u00f6pfe angewachsenen Ensemble zu einem Feuerwerk aus Rhythmus und Licht, aus Energie und Ekstase vereint. Ich werde nie dem Moment vergessen, als das St\u00fcck ausgelaufen war\u2026 sich die Nadel des Plattenspielers verhakte und die Kumpels dachten, dies geh\u00f6re noch zur Komposition\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Anh\u00f6ren nach langer Zeit ist weniger ein Trip in die verbl\u00fchte Jugend, vielmehr eine Reise in die j\u00fcngste Musikgeschichte. Auf der Doppel-CD der Deutschen Grammophon finden sich auch, die Komposition <em>Six Pianos<\/em> und <em>Mallet<\/em> und man kann nachvollziehen, wie sich ein K\u00fcnstler weiterentwickelt, bis er reif war f\u00fcr <em>Music for 18 Musicians<\/em>. Letztgenannte Komposition besteht vor allem darin, Komplexit\u00e4t und Komplexit\u00e4tsreduktion gleichzeitig zu erzeugen. Es ist ein hochkomplexes Gitter aus vielf\u00e4ltigsten rhythmischen Strukturen. Die modulare Struktur ohne tonales Zentrum ist ein stetig pulsierender Prozessmusik. Die Zuh\u00f6rer werden zum selektiven H\u00f6ren herausgefordert, st\u00e4ndig zwischen erh\u00f6hter Konzentration und Trance changierend, immer der n\u00e4chsten subtilen Tonver\u00e4nderung hinterherjagend. Vibraphone, die minutenlang ein kurzes melodisches Motiv wiederholen, Violinen, die es aufgreifen, erg\u00e4nzen und anschliesssend an die beiden Klaviere zur\u00fccksenden, bis das urspr\u00fcngliche Motiv nur noch eine abstrakte Erinnerung ist, bevor die Vibraphone es wieder adaptieren. Es ist gleichsam eine Strukturlosigkeit mit Drang zur Ver\u00e4nderung. Rhythmisch betrachtet werden zwei unterschiedliche Arten von Zeit eingesetzt, die gleichzeitig auftreten. Der erste ist der eines regelm\u00e4ssigen rhythmischen Pulses in den Klavieren und Schlaginstrumenten, der sich im gesamten St\u00fcck fortsetzt. Der zweite ist der Rhythmus des menschlichen Atems in den Stimmen und Blasinstrumenten. Der Atem ist das Mass f\u00fcr die Dauer ihres Pulsierens. Diese Kombination von einem Atemzug nach dem anderen\u2026 die sich allm\u00e4hlich wie Wellen gegen den konstanten Rhythmus der Klaviere und Schlaginstrumente anwallen\u2026 ist eine Musik, die ein- und ausatmet\u2026 an einen lebendigen Organismus erinnert\u2026 der weiss, dass ihn nur der Herzschlag und sich stetig wiederholte Atemz\u00fcge am Leben erhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selten gelingt es Musik, Kunst und Leben in eins zu denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Drumming <\/strong>von Steve Reich. Reissue Deutsche Grammophon 2012<\/p>\n<div class=\"ecm0bbzt e5nlhep0 a8c37x1j\">\n<div class=\"kvgmc6g5 cxmmr5t8 oygrvhab hcukyx3x c1et5uql\">\n<div dir=\"auto\" style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_102707\" style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102707\" class=\"wp-image-102707 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/YoungWeigoni-e1650124389512.jpeg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102707\" class=\"wp-caption-text\">Der Autor versucht sich an &#8222;Electric Counterpoint\u201c von Steve Reich<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Meine erste Schallplatte: \u201eHeart of glass\u201c von Blondie, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/30\/6282\/\">vorgestellt<\/a> von Martina Haimerl. <span data-offset-key=\"eaie5-0-0\">Life circles at 33rpm!, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/16\/meine-erste-schallplatte-2\/\">postulierte<\/a> Mischa Kuball. <\/span><span data-offset-key=\"3f7gr-0-0\">Wer sich hinter &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/09\/meine-erste-schallplatte-oder-mister-b\/\">Mister B<\/a>&#8220; verbirgt, beschreibt Christine Kappe. Erg\u00e4nzen ein Artikel zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/01\/kassettenuntergrund\/\">Kassettenuntergrund<\/a>. <\/span><span data-offset-key=\"ajv9h-0-0\">\u00bb<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/18\/meine-erste-schallplatte-%e2%80%9edon-juan-von-dave-dee-dozy-beaky-mick-and-tich\/\">Don Juan<\/a>\u00ab von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich, vorgestellt von Joachim Feldmann. <\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/02\/5165\/\">Eine Reise ins Gl\u00fcck<\/a> von den Lilians, vorgestellt von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Ju Sophie Kerschbaumer<\/span><\/span>. \u201eThis charming man\u201c von den Smiths <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/01\/meine-erste-platte-this-charming-man-von-den-schmidts\/\">vorgestellt<\/a> von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Haimo Hieronymus<\/span><\/span>. The Fall \u2013 Big New Prince <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/25\/mein-klassiker-the-fall-big-new-prince\/\">vorgestellt<\/a> von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Enno Stahl.\u00a0<\/span><\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/12\/dschaeaeaezz\/\">Dsch\u00e4\u00e4\u00e4zz<\/a>!!!, geh\u00f6rt von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Eva Kurowski. Helge Schneider ist wahrscheinlich der bislang einzige Solo-K\u00fcnstler, der gleich mit seiner ersten Platte den Titel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/04\/02\/die-singende-herrentorte\/\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a> gab. Begleitet wurde er bei den Aufnahmen durch Tonmeister Tom T\u00e4ger im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tonstudio an der Ruhr<\/a>.<\/span><\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/28\/meine-ersten-drei-platten\/\">Meine ersten drei Platten<\/a>, vorgestellt von\u00a0<span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Marcus Baltzer. <\/span><\/span><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/04\/06\/meine-musik\/\">Meine Musik<\/a>, vorgestellt von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Ulrich Bergmann. <\/span><\/span><span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Mit etwas Versp\u00e4tung erschien <\/span><\/span>Pia Lunds zweites Solo-Album <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/10\/21\/ein-geschenk-von-pia-lund\/\">Gift<\/a>. <\/em><em>Smile<\/em> war f\u00fcr A.J. Weigoni ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/12\/meine-erste-schallplatte\/\">Versprechen<\/a>. Eine Generation sp\u00e4ter wurde es eingel\u00f6st. Selbstverst\u00e4ndlich auf Vinyl. Und in Mono. Eine Wiederver\u00f6ffentlichung der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/03\/21\/das-herz-des-motorik-beats\/\"><em>Neu!<\/em>-Studioalben<\/a> ist auf dem Label Gr\u00f6nland erschienen. in 1999 ging KUNO der Frage <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/01\/label-oder-available\/\">Label oder available?<\/a> nach. Einen <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/letternmusik.htm\">Remix<\/a> zu basteln ist in der Popmusik gang und gebe. Stephan Flommersfeld hat das Selbe mit der \u201cLetternmusik\u201d gemacht.<\/p>\n<p><strong>\u2192\u00a0<\/strong>&#8222;<em>Wenn es Videoclips gibt, muss auch die Literatur auf die ver\u00e4nderten <\/em><em>medialen Verh\u00e4ltnisse reagieren.&#8220;, <\/em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/18\/literaturclips-2\/\">postulierte<\/a> A.J. Weigoni 1991 und erfand mit Frank Michaelis das H\u00f6rbuch. Erweiternd zum Medium der <em><span lang=\"en\">Compact Disc<\/span><\/em> auch der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33102\">Press\/Play<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Die Weltpremiere von Drumming fand am 3. Dezember 1971 im Museum of Modern Art in N.Y. statt. 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