{"id":102651,"date":"2003-10-18T14:15:22","date_gmt":"2003-10-18T12:15:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102651"},"modified":"2022-06-03T10:34:00","modified_gmt":"2022-06-03T08:34:00","slug":"vier-auslassungspunkte-und-ein-beruehmter-gedankenstrich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/18\/vier-auslassungspunkte-und-ein-beruehmter-gedankenstrich\/","title":{"rendered":"Vier Auslassungspunkte und ein ber\u00fchmter Gedankenstrich"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl Heinrich von Kleist die dramatische Kunst als literarische Gattung am h\u00f6chsten sch\u00e4tzte, lie\u00df er sich aus finanziellen Gr\u00fcnden auf das Schreiben von Prosadichtungen ein. In aller Regel wird die Erz\u00e4hlung der Gattung der Novellen zugeordnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgangspunkt der \u201eMarquise von O&#8230;.\u201c ist die skandal\u00f6se Begebenheit einer unwissentlich zustande gekommenen Schwangerschaft. Durch verschiedene sprachliche Mittel wird der Geschichte ein Eindruck von Authentizit\u00e4t verliehen. Zu diesen Mitteln z\u00e4hlen beispielsweise der Untertitel \u201eNach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz von Norden nach dem S\u00fcden verlegt worden ist\u201c sowie die Abk\u00fcrzung der in der Novelle erw\u00e4hnten Orts- und Personennamen. Letztere legt eine tats\u00e4chliche Existenz von Figuren nahe, deren Identit\u00e4t nicht preisgegeben werden darf. Der tats\u00e4chliche Wahrheitsgehalt der Novelle ist jedoch fraglich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Schauplatz der Handlung ist Italien zum Zeitpunkt des Zweiten Koalitionskrieges (1799\u20131802) gew\u00e4hlt. Als m\u00f6gliche Quelle gilt der \u201eEssai \u00fcber die Trunksucht\u201c, den Michel de Montaigne 1588 verfasste. Diese Anekdote handelt von einer im Schlaf durch einen betrunkenen Knecht vergewaltigten B\u00e4uerin. Die B\u00e4uerin heiratet ihren Vergewaltiger, nachdem er ihr die Tat gestanden hat. Au\u00dferdem hat Kleist wahrscheinlich die 1798 ohne Verfasserangabe im \u201eBerlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks\u201c erschienene Erz\u00e4hlung \u201eGerettete Unschuld\u201c und eine Passage aus Jean-Jacques Rousseaus Briefroman \u201eJulie oder Die neue Heloise\u201c (1761) gelesen. Daraus hat er weitere Elemente seiner Erz\u00e4hlung gewonnen, wie vor allem die in seinem Werk ausf\u00fchrlich beschriebene Vater-Tochter-Beziehung. In ihrer moralisch-psychologischen Ausrichtung ist die Novelle ferner von Cervantes&#8216; <em>La fuerza de la sangre<\/em> beeinflusst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Kleists Novelle wird die Geschichte einer verwitweten Marquise erz\u00e4hlt. Sie beginnt mit einer sehr ungew\u00f6hnlichen Zeitungsannonce, in der \u201eeine Dame von vortrefflichem Ruf [\u2026] bekannt machen [lie\u00df], da\u00df sie, ohne ihr Wissen, in andre Umst\u00e4nde gekommen sei, da\u00df der Vater [\u2026] sich melden solle; und da\u00df sie [\u2026] entschlossen w\u00e4re, ihn zu heiraten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschlie\u00dfend wird r\u00fcckblickend erz\u00e4hlt, wie es zu dieser Situation gekommen ist: Die Zitadelle bei M&#8230;, deren Kommandant der Vater der Marquise ist, wird von russischen Truppen erst\u00fcrmt. Die Marquise, welche nach dem Tod ihres Gatten zu ihrer Familie gezogen ist, f\u00e4llt russischen Soldaten in die H\u00e4nde und wird misshandelt, jedoch von einem russischen Offizier \u201egerettet\u201c. Der vermeintliche Retter aber stellt sich sp\u00e4ter als Vergewaltiger der Marquise heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sei es, weil sie wei\u00df, was geschehen wird, sei es wegen des Schocks \u2013 die Marquise f\u00e4llt in Ohnmacht und erinnert sich hinterher nicht mehr an die Vergewaltigung. Sp\u00e4ter im Text (Zitat: \u201eIch will nichts wissen.\u201c) erkennt der Leser, dass die Gesch\u00e4digte versucht, die Wahrheit zu verdr\u00e4ngen. In ihren Erinnerungen ist der Graf F&#8230; nur noch der \u201eedle Retter\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Erst\u00fcrmung der von der Familie bewohnten Zitadelle und deren anschlie\u00dfender Beschlagnahmung durch einen russischen Kommandanten m\u00fcssen die Bewohner der Festung in ein Haus in der Stadt umziehen. Obwohl es der Familie gemessen an den aktuellen Umst\u00e4nden gut geht, leidet die sonst kerngesunde Marquise an einem unerkl\u00e4rlichen Unwohlsein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da die Familie von der Vergewaltigung der Marquise nichts wei\u00df und sich noch immer in der Schuld des Grafen f\u00fchlt, ist sie sehr betroffen, als sie erf\u00e4hrt, dass er noch am Tag des Aufbruchs im Kampf erschossen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch entgegen den Berichten \u00fcberlebt der Graf schwer verletzt. Nach seiner Heilung kehrt er zur Familie des Kommandanten zur\u00fcck und h\u00e4lt mit einer leidenschaftlichen Liebeserkl\u00e4rung um die Hand der Marquise an. Die Mitglieder ihrer Familie sind dem Grafen nicht abgeneigt, verlangen aber nach einer Bedenkzeit, damit sie und die Marquise den Grafen besser kennenlernen k\u00f6nnen. Da der Graf jedoch durch wichtige Befehle fortgerufen wird, kann die Bitte nicht gew\u00e4hrt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von ihrer Schwangerschaft erf\u00e4hrt die Marquise, als sie wegen ihres chronischen Unwohlseins von einem Arzt und einer Hebamme untersucht wird. Die Marquise kann sich diese Schwangerschaft nicht erkl\u00e4ren, da die Vergewaltigung aus ihrem Ged\u00e4chtnis verschwunden ist. Ihr Vater f\u00fchrt die Schwangerschaft auf \u201eunsittliches Verhalten\u201c zur\u00fcck und wirft sie aus dem Haus. Er will seine Enkel nicht l\u00e4nger in der Obhut der Marquise wissen und veranlasst deshalb seinen Sohn, den Forstmeister von G\u2026, sie ihr zu entrei\u00dfen. Dies erz\u00fcrnt die Marquise und vertieft den Bruch zwischen ihr und ihrem Vater. Schweren Herzens verl\u00e4sst die Marquise mit ihren Kindern die Wohnung und zieht in ihr altes Haus zur\u00fcck. Sie ver\u00f6ffentlicht in den Zeitungen eine Annonce, in der sie bekannt gibt, dass sie unwissend schwanger geworden sei und dass sich der Vater des Kindes melden m\u00f6ge. Aus \u201eFamilienr\u00fccksichten\u201c w\u00e4re sie entschlossen, den Vater des Kindes zu heiraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derweil kehrt der Graf F&#8230; aus Neapel zur\u00fcck. Er erf\u00e4hrt, was vorgefallen ist und dass die Marquise nicht mehr im Hause ihres Vaters weilt. Der Graf ist entschlossen, ihr erneut einen Heiratsantrag zu machen. Die Marquise ist \u00fcberrascht und zeigt sich von dem Antrag alles andere als begeistert. \u00c4u\u00dferst schroff weist sie den Grafen zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Zwischenzeit tadelt die Frau des Kommandanten, die in dem Werk auch Obristin genannt wird, ihren Mann wegen seines brutalen Verhaltens. Inzwischen ist eine weitere Annonce erschienen, in der der vermeintliche Vater des Kindes ank\u00fcndigt, sich der Marquise im Hause ihres Vaters zu F\u00fc\u00dfen zu werfen. Die Obristin fragt sich nun, ob die Marquise vielleicht im Schlafe vergewaltigt wurde und entschlie\u00dft sich zu einer List.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie f\u00e4hrt zur Marquise und teilt ihr mit, dass sie den Vater des ungeborenen Kindes kenne und es der J\u00e4ger Leopardo sei. Als die Obristin anhand der Reaktion der Marquise erkennt, dass diese tats\u00e4chlich von nichts wei\u00df, ist sie von ihrer Unschuld \u00fcberzeugt. Unter Tr\u00e4nen entschuldigt sie sich bei der Marquise und nimmt sie zur\u00fcck in die Stadt. Nachdem die Obristin dem Kommandanten von allem berichtet hat, entschuldigt auch er sich unter Tr\u00e4nen bei der Marquise und nimmt sie wieder bei sich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Hause des Obristen wartet man in \u00e4u\u00dferster Gespanntheit darauf, dass der Vater des ungeborenen Kindes erscheint. Der Eintreffende ist aber der Graf F&#8230; Verwirrt will sich die Marquise in ihre Gem\u00e4cher zur\u00fcckziehen, wird jedoch von ihrer Mutter zur\u00fcckgehalten. Tats\u00e4chlich ist der Graf, der aufrichtige Reue zeigt, der Gesuchte. Heulend und schreiend zieht sich die Schwangere zur\u00fcck und ist im Gegensatz zu ihren Eltern nicht bereit, dem Grafen seine Tat zu vergeben, hat sie ihn doch bisher immer als ihren Retter angesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Eltern interpretieren diese Reaktion als eine vor\u00fcbergehende \u00dcberreizung ihrer Nerven und arrangieren alles f\u00fcr die bevorstehende Eheschlie\u00dfung. Ein Heiratsvertrag wird aufgesetzt, in welchem der Graf als Ehemann auf alle Rechte verzichtet, sich aber bereit erkl\u00e4rt, allen Pflichten eines solchen nachzukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Trauung bezieht der Graf eine Wohnung in der N\u00e4he, setzt jedoch keinen Fu\u00df in das Haus des Obristen, in dem die Marquise weiterhin lebt. Sein h\u00f6fliches Verhalten bei gelegentlichen Begegnungen beruhigt die Familie der Marquise derart, dass er der Taufe seines Sohnes beiwohnen darf. Unter den Geschenken, die die G\u00e4ste seinem Sohn darbringen, befindet sich eine Schenkung einer hohen Geldsumme durch den Grafen und sein Testament, in dem er die Marquise als seine alleinige Erbin einsetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von diesem Tag an darf er beim Obristen vorsprechen. Bald darauf beginnt der Graf erneut, um die Marquise zu werben. Diesmal weist sie ihn nicht ab, da sie ihn mittlerweile lieb gewonnen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jahre sp\u00e4ter fragt der Graf seine Gemahlin nach dem Grund, aus dem sie seinen ersten Antrag abgelehnt hatte. Ihre Antwort lautet folgenderma\u00dfen: Er w\u00e4re ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen, wenn er ihr nicht bei seinem ersten Erscheinen wie ein Engel vorgekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der ber\u00fchmte Gedankenstrich<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Marquise von O&#8230;.<\/em> weist an einer entscheidenden Stelle einen Gedankenstrich auf, der gemeinhin als der ber\u00fchmteste Gedankenstrich der deutschen Literatur gilt. Nachdem der russische Graf die v\u00f6llig ersch\u00f6pfte Marquise vor einer Gruppe Soldaten in Sicherheit gebracht hat, steht der Satz: \u201eHier \u2013 traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, da\u00df sie sich bald erholen w\u00fcrde; und kehrte in den Kampf zur\u00fcck.\u201c<sup><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Marquise_von_O....#cite_note-2\">[2]<\/a><\/sup> Erst am Ende der Erz\u00e4hlung, wenn die Marquise einen Sohn geboren hat, zu dem sich der Graf als Vater bekennt, stellt sich heraus, dass dieser Gedankenstrich den Moment der Schw\u00e4ngerung der Marquise durch den Grafen markiert. Die Finesse der Erz\u00e4hlung besteht darin, dass der Gedankenstrich lediglich den Zeitpunkt, nicht aber die Umst\u00e4nde preisgibt, sodass die Frage, wie genau es zu der Schw\u00e4ngerung kam und ob es sich m\u00f6glicherweise um eine Vergewaltigung handelt, letztlich unbeantwortet bleibt. Diese Unbestimmtheit erreicht Kleist, indem er mit dem blo\u00dfen Gedankenstrich eine konkrete narrative Schilderung der Geschehnisse vermeidet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"> O&#8230;.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heinrich von Kleist beschreibt, wie der Krieg einen Menschen ver\u00e4ndern kann, wie in diesem Falle den Grafen F&#8230;, der zum Vergewaltiger wird. Im Grunde handelt es sich bei ihm jedoch um einen moralischen Menschen, da er die Marquise aufrichtig liebt und sich verpflichtet sieht, sie zu heiraten; doch die Triebe \u00fcbermannen den Grafen F&#8230; in der Novelle mehrmals. Seine eigentliche Moralit\u00e4t tritt in diesen Situationen vollkommen in den Hintergrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Brutalit\u00e4t und R\u00fccksichtslosigkeit, mit der M\u00fctter von unehelichen Kindern in der Gesellschaft behandelt werden, spielt in Kleists Werk eine Rolle. Der Autor parodiert spitz und pr\u00e4zise die Brutalit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Gesellschaftsordnung und ihr Versagen. Die Familie ist nicht der R\u00fcckzugsort, wo man geliebt und angenommen wird, sondern sie untersteht strengen Regeln \u2013 die Respektierung der Sitte ist wichtiger als die Bed\u00fcrfnisse des Individuums. Daran kann auch die Marquise nichts \u00e4ndern. Letztlich muss sie sich in die Ordnung einf\u00fcgen und sie akzeptieren, auch wenn sie damit nicht zurechtzukommen scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der emanzipatorischen Perspektive der Novelle ist vor allem in der Figur des Grafen F&#8230; ein weiterer, anthropologisch angelegter Aspekt zu erkennen. Der Graf F\u2026 zeigt sich w\u00e4hrend und nach der Eroberung der Festung als moralischer und gewissenhafter Mensch. Die Marquise sagt dazu selbst, dass er ihr wie ein rettender \u201eEngel\u201c vorkomme \u2013 ein Fehlbild, denn in der Vergewaltigung der Marquise zeigt sich, dass auch der Graf in seiner Moralit\u00e4t nicht vor der Triebhaftigkeit gefeit ist. Diese zeigt sich auch w\u00e4hrend seines Besuches der Marquise auf ihrem Landsitz. Hier nimmt der Graf keinerlei R\u00fccksicht auf die Befindlichkeiten der Marquise und ist nur darauf bedacht, sein Anliegen (den Antrag) vorzubringen. Dabei bedr\u00e4ngt er die Marquise erneut k\u00f6rperlich und zwingt sie so schlie\u00dflich dazu, sich von ihm loszurei\u00dfen und vor ihm zu fliehen. Eine Parallele zu der vorangegangenen Vergewaltigung ist unverkennbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vater, der den Patriarchen und Besch\u00fctzer darstellt, versagt in der Novelle. Er kann seine Tochter vor der Vergewaltigung nicht bewahren. Was die gesellschaftliche Norm anbelangt, so ist die Bewahrung vor Sexualit\u00e4t, Begierden und selbst unkeuschen Gedanken eine wichtige Aufgabe, die gr\u00f6\u00dftenteils beim Vater liegt. Dieser ist jedoch kein Vorbild in Sachen Keuschheit, pflegt er doch selbst einen Umgang mit seiner Tochter, der eher an ein Liebesverh\u00e4ltnis erinnert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Name parodiert sein kl\u00e4gliches Scheitern treffend. Die Karriere Lorenzos, des \u201emit Sieg Gekr\u00f6nten\u201c, ist zum Scheitern verurteilt, als er die Festung verliert, die er besch\u00fctzen sollte. Auch sein Privatleben ger\u00e4t aus den Fugen, als ihm dasselbe mit seiner Tochter passiert. Seine abweisende Reaktion auf ihre Schwangerschaft l\u00e4sst sein Ansehen beim Leser weiter sinken. Ob aus Eifersucht oder zum Schutz seiner Familie, sein Handeln besch\u00e4digt seinen Ruf zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die B\u00fcrger stehen in ihrem Verhalten dem Stereotyp des von ihnen verachteten Adels sehr nahe. Wegen der zahlreichen Vernunftehen und des daraus entstehenden M\u00e4tressenwesens wird in dessen Kreisen die Sexualit\u00e4t relativ z\u00fcgellos ausgelebt. Die gescheiterte Wiederaufnahme der Marquise in die Gesellschaft k\u00f6nnte man allerdings als einen Ruf nach mehr Eigenst\u00e4ndigkeit f\u00fcr die Frau interpretieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz des realistischen Stils verweist Kleists Sprache in den Bereich mythischer antik-christlicher Bilder. Dass die Marquise in ihrer Erkl\u00e4rungsnot zur Vorstellung der unbefleckten Empf\u00e4ngnis greift, spiegelt Kleists Vorliebe f\u00fcr Phantasmata. Seine \u201ePhantasie springt vornehmlich auf solche Stoffe an, die Gelegenheit bieten, die Erz\u00e4hlung im Horizont des Phantasmas zu gestalten\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Marquise von O&#8230;.<\/strong> ist eine Novelle von Heinrich von Kleist, die zuerst im Februar 1808 in der Literaturzeitschrift <em>Ph\u00f6bus<\/em> erschien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Regelm\u00e4\u00dfig wird im Zusammenhang mit der Novelle die von Paul Heyse formulierte \u201eFalkentheorie\u201c angef\u00fchrt, die die Kategorien der Silhouette (Konzentration auf das Grundmotiv im Handlungsverlauf) und des Falken (Dingsymbol f\u00fcr das jeweilige Problem der Novelle) als novellentypisch benennt. Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 wird sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a> Novelle widmen. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Obwohl Heinrich von Kleist die dramatische Kunst als literarische Gattung am h\u00f6chsten sch\u00e4tzte, lie\u00df er sich aus finanziellen Gr\u00fcnden auf das Schreiben von Prosadichtungen ein. In aller Regel wird die Erz\u00e4hlung der Gattung der Novellen zugeordnet. 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