{"id":102633,"date":"1990-09-20T15:04:05","date_gmt":"1990-09-20T13:04:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102633"},"modified":"2026-09-14T09:52:16","modified_gmt":"2026-09-14T07:52:16","slug":"megazeichen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/09\/20\/megazeichen\/","title":{"rendered":"Megazeichen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen Bilk und der Altstadt steht ein Hochhaus, dessen Licht in der Nacht zur Weihnachtszeit sinnigerweise zu einem Tannenbaum verschaltet wird. Bis Mischa Kuball das Hochhaus in ein <em>Megazeichen<\/em> verwandelt hat, das n\u00e4chtliche Lichtzeichen in den Stadtraum der Landeshauptstadt sendete.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kuball benutzt vor allem wei\u00dfes Licht, wie bei der mehrteiligen Arbeit <em>Megazeichen<\/em>, \u2013 in seiner allt\u00e4glichen Form als reines, von Lampen innerhalb oder au\u00dferhalb von R\u00e4umen erzeugtes Licht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Fassade des Mannesmann-Hochhauses am n\u00e4chtlichen Rheinufer betrachtet, begreift die Architektur nicht l\u00e4nger als Geh\u00e4use, sondern als Setzkasten. Kuball hat den b\u00fcrgerlichen Raum umgest\u00fclpt. Wo tags\u00fcber der Angestellte hinter Glas akkurat seine Akten ordnet, verbleibt nachts eine sorgsam kalkulierte Helligkeit. Das Licht, das sonst den Blick auf den Schreibtisch freigibt, wird im Au\u00dfenraum zum Baustein eines monumentalen Alphabets. Es ist eine Negation des Privaten durch dessen blo\u00dfes Stehenlassen. Das Innenleben der B\u00fcrokratie liefert die Pixel f\u00fcr die Verzauberung der Gro\u00dfstadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Das Geb\u00e4ude schl\u00e4ft nicht; es denkt in monumentalen Hieroglyphen f\u00fcr den Betrachter.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stadt hat ihren Rhythmus von Sonne und Mond l\u00e4ngst gegen die Steckdose eingetauscht. Kuballs <em class=\"zhvwWe\" data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Megazeichen<!--TgQPHd|||[]--><\/em> aber holen den Takt der Gestirne parodistisch zur\u00fcck in das Skelett aus Stahl und Beton. Sieben Wochen lang gehorcht das Hochhaus einem kalendarischen Diktat, das Woche f\u00fcr Woche eine neue Facette seines kryptischen Gesamtprogramms offenbart. Der Passant, der eilig am Ufer flaniert, wird zum Chronisten einer ephemeren Liturgie. Es ist die Verwandlung von Nutzarchitektur in ein zyklisches Denkbild, das sich erst in der Erinnerung des Betrachters zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Es ist ein w\u00f6chentlicher Umschlagkalender, dessen Bl\u00e4tter aus nichts als illuminierten Fenstern bestehen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die eigentliche Ersch\u00fctterung dieser Arbeit liegt an der Membran, die das Innere vom \u00c4u\u00dferen trennt: der Fensterscheibe. Sie ist die d\u00fcnnste und zugleich h\u00e4rteste Grenze der kapitalistischen Stadt. Indem Kuball das Licht in den leeren B\u00fcros brennen l\u00e4sst, enteignet er den Raum tempor\u00e4r von seiner \u00f6konomischen Zweckbestimmung. Das Licht brennt nicht <em class=\"zhvwWe\" data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">f\u00fcr<!--TgQPHd|||[]--><\/em> jemanden, der darin arbeitet, sondern <em class=\"zhvwWe\" data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">gegen<!--TgQPHd|||[]--><\/em> die Dunkelheit der Stadt. Das Innere der Architektur wird gleichsam nach au\u00dfen gest\u00fclpt, verliert seine Intimit\u00e4t und wird zum kollektiven Gut der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die Fassade ist kein Schild mehr, sondern eine durchl\u00e4ssige Partitur.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em class=\"zhvwWe\" data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Megazeichen<!--TgQPHd|||[]--><\/em> setzt an dessen Stelle die tempor\u00e4re Intervention. Es ist ein Monument ohne Fundament, eine Architektur aus reinem Strom und Absicht. Wenn das Gesamtprogramm nach sieben Wochen erlischt, bleibt das Hochhaus als stummer Zeuge zur\u00fcck. Doch das gebaute Gef\u00fcge der Stadt ist nachhaltig irritiert: Wer einmal gesehen hat, wie ein Palast der Verwaltung als kosmischer Signalgeber fungieren kann, wird im allt\u00e4glichen Dunkel der B\u00fcrotrakte nie wieder blo\u00df Abwesenheit vermuten, sondern das schlummernde Potenzial einer kollektiven Botschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Megazeichen<\/strong>, von Mischa Kuball. D\u00fcsseldorf, Heinen Verlag 1990<\/p>\n<div id=\"attachment_102647\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102647\" class=\"wp-image-102647 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1990\/09\/megazeichen-e1649334129888.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102647\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Archiv Mischa Kuball, D\u00fcsseldorf<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stefan Oehm betrachtete f\u00fcr KUNO Kuballs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50277\">Lichtinstallation<\/a> <strong><em>res\u00b7o\u00b7nant<\/em><\/strong>. Lesen Sie im Rahmen der <i>public preposition\u00a0<\/i>ein\u00a0Gespr\u00e4ch zwischen Vanessa Joan M\u00fcller und Mischa Kuball \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33030\">\u00f6ffentliche Beziehungen<\/a>. Gleichfalls empfehlenswert das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8632\">Ateliergespr\u00e4ch<\/a> von Prof. Dr. Matei Chihaia mit Mischa Kuball.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>F\u00fcr das Projekt <em>Kollegengespr\u00e4che<\/em> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Mit dem K\u00fcnstler Mischa Kuball teilt der Romancier den <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/02\/dauerlaufen-und-durchhalten-ein-diskurs\/\">Dauerlauf<\/a><\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zwischen Bilk und der Altstadt steht ein Hochhaus, dessen Licht in der Nacht zur Weihnachtszeit sinnigerweise zu einem Tannenbaum verschaltet wird. 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