{"id":102521,"date":"2019-10-15T14:23:32","date_gmt":"2019-10-15T12:23:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102521"},"modified":"2022-04-02T14:30:35","modified_gmt":"2022-04-02T12:30:35","slug":"der-gestrige-tag-hat-noch-nicht-begonnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/15\/der-gestrige-tag-hat-noch-nicht-begonnen\/","title":{"rendered":"Der gestrige Tag hat noch nicht begonnen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die an den Schnittstellen von Text, Fotografien und deren medialer Vermittlung entstandenen Erz\u00e4hlungen der ukrainischen Autorin, Jg. 1980, erregen nicht nur aufgrund ihrer unterschiedlichen Verfremdungsverfahren das wachsende Interesse des Lesers. Yevgenia Belorusets gelingt es vielmehr, in ihrem zweifachen Vorwort zu den vorliegenden zweiunddrei\u00dfig Erz\u00e4hlungen etwas in den Fokus der Lesenden einzuschreiben, was sie in ihren Fotoprojekten \u201eDer Krieg im Park\u201c und \u201eIch behaupte: Der gestrige Tag hat noch nicht begonnen\u201c aus Jahr 2017 leitlinienartig begonnen hat. Es ist die optische Einschreibung von menschlichen Gestalten wie auch materiellen Objekten in einen Wahrnehmungsprozess, in dem vor allem die von der Erz\u00e4hlerin befragten und erlebten Protagonistinnen in Situationen angetroffen werden, die in doppelter Hinsicht irritieren. Es sind auf den ersten Blick scheinbar seltsame Frauen, die von m\u00e4nnlichen Partnern getrennt leben, ihr Leben auch in materieller Hinsicht selbst gestalten. Mit ihnen kommt die Ich-Erz\u00e4hlerin, manchmal auch eine &#8211; gleichsam \u201ezur Hilfe eilende\u201c Wir-Erz\u00e4hlerin &#8211; ins Gespr\u00e4ch. Oft aber beobachtet sie ihre Protagonistinnen nur aus der Distanz, und manchmal denkt sie sich nur Geschichten aus, die in einer oft surrealen Verbindung zu ihren Zielpersonen stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offensichtlich ist, dass die Erz\u00e4hlerin ein wohlwollendes, oft auch merkw\u00fcrdig-skurriles Verh\u00e4ltnis zu ihren Protagonistinnen entwickelt, denen sie an unterschiedlichen Orten in Kiew oder im Donbass begegnet. Beispiele belegen es: Da ist es eine \u201ewundersch\u00f6ne, makellose Frau mit dem feinen Teint\u201c (S 19), die sich beinahe das Leben nimmt, weil sie nach dem N\u00e4hen einer Bluse vergisst, die Nadel zu entfernen. Oder die charismatische Frau, der keine gesellschaftliche Krise etwas anhaben konnte, die in jeder politischen Krise Gewehr bei Fu\u00df steht, magische Kr\u00e4fte entwickelt, als Hebamme in ihrem Stadtbezirk bekannt ist, oder diese seltsame Frau, die am 8. M\u00e4rz pl\u00f6tzlich nicht mehr laufen kann, weil nur am Internationalen Frauentag die M\u00e4nner sich den Frauen gegen\u00fcber \u201eaufmerksam und zuvorkommend\u201c verhalten. Sie alle vermitteln eine Aura des Geheimnisvollen, die sich allm\u00e4hlich aufl\u00f6st, je mehr Protagonistinnen \u00fcber ihre Erfahrungen mit gesellschaftlicher Realit\u00e4t vor allem in ihrem Lebensraum Ukraine berichten. Zun\u00e4chst ist es eine Lena, die von Leipzig aus von ihrem Vater am Telefon erfahren m\u00f6chte, ob sie mal wieder ihre ukrainische Heimat besuchen darf, was der ihr kategorisch untersagt. Und Lena zu der j\u00e4hen Einsicht bringt: \u201eSo unglaublich gef\u00e4hrlich war es auf einmal geworden, dort zu leben.\u201c (S. 62) Im Anschluss daran ist es eine Flut von Beobachtungen und bitteren Erkenntnissen \u00fcber ihr Geburtsland, das sie gleichsam schockartig ihren Lesern mitteilt. Von den wenigen reichen D\u00f6rfern seien kaum welche \u00fcbrig geblieben. Und ihre Bewohner? Oft von der Au\u00dfenwelt abgeschnitten, weil keine Busse mehr fahren. Und die jungen Leute? \u201eSuizid \u2013 oh ja, das ist das einzige Gebiet, auf dem sie\u00a0 \u2026 Fantasie entwickeln, Hand anlegen k\u00f6nnen.\u201c (S. 67)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Perspektivenwechsel geh\u00f6rt zu den besonderen F\u00e4higkeiten einer Autorin, die immer wieder den Versuch unternimmt, ihre Protagonistinnen einem Strom von objektivierten Ereignissen auszusetzen und sie zugleich einem Verfremdungsprozess unterwirft. So sind es Mitarbeiterinnen eines Sch\u00f6nheitssalons, die eine Revolte zum Wohl der ostukrainischen Bergarbeiterstadt Antrazit organisieren. Oder eine gewisse Olga Petrowna, aus Slawjansk stammend, die in Kiew in der Wohnung eines Ehepaars pl\u00f6tzlich zaubern kann, die aus dem Blickwinkel einer Ich-Erz\u00e4hlerin ihre seltsamen F\u00e4higkeiten kommentiert und sich von ihrer \u201eVerr\u00fccktheit\u201c distanzieren m\u00f6chte. Oder Andrea, die die Erz\u00e4hlerin in Kiew kennenlernt, und die gerne pathetische Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Ukraine macht und zugleich behauptet, die Ukraine sei ein \u201eLand der entbehrlichen Erscheinungen\u201c, ein Land, das seinen Bewohnern nur wenig Spielraum lasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Krieg, der seit Jahren in der Ostukraine schlimme Verw\u00fcstungen an Behausungen, an der Landschaft und umso schlimmere an Menschen hinterl\u00e4sst?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine psychischen und mentalen Auswirkungen lauern in dem narrativen Gef\u00fcge der kurzen Erz\u00e4hlungen in diesem Band, der einen Titel tr\u00e4gt, der beim ersten Blick auf das sich k\u00fcssende Paar auf dem Umschlag so viel Gl\u00fcck verspricht und auf groteske Weise dem Leser die Auswirkungen einer Katastrophe aufzeigt. Sie kommt scheinbar schleichend daher in einem unscheinbaren Text im letzten Drittel des Buches, \u201ePhilosophie\u201c hei\u00dft er, mit einem Soldaten als persona anonyma, der gesteht, dass er mit dem Krieg verheiratet sei, das hei\u00dft: \u201eEr nahm sich eine Frau, die eine Nummer zu gro\u00df f\u00fcr ihn war, die ihn klein hielt, verh\u00f6hnte und betrog.\u201c (S. 120) Und je l\u00e4nger er mit diesem Krieg verheiratet ist, desto besser kann er, wie seine Kameraden an der heimt\u00fcckischen ostukrainischen Front, sich selbst ausblenden, sein Innerstes nur noch durch den Krieg sehen. Und was dann folgt, erweist sich als grausame Offenbarung einer vergeudeten Generation: \u201eEine Renaissance ist in der Ukraine nur m\u00f6glich im Angesicht von Erschie\u00dfung und Terror.\u201c (S. 121)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine Aussage, in der die vielfach gebrochene Stimme der Erz\u00e4hlerin aus der Perspektive ihrer leidenden Landsleute zu h\u00f6ren ist. Sie \u00fcbermittelt eine Botschaft, in der das kollektive Narrativ von Menschen enthalten ist, die den von heimischen Oligarchen und ehemaligen Okkupanten geraubten Mehrwert zur\u00fcckfordern. Und diese multimedial besetzte Stimme der Erz\u00e4hlerin richtet sich zugleich gegen den Herrschaftsanspruch derjenigen, die ihr Volk jahrzehntelang betrogen haben. Es ist eine Stimme, die an den Schnittstellen von d\u00fcsteren Nachrichten und listigen Botschaften aus den eingef\u00fcgten Fotografien gleichsam schelmisch besetzt ist. Sie erz\u00e4hlt mal von einer imagin\u00e4ren Heldentat, mal von einem komischen Liebesverh\u00e4ltnis, mal von einer naiven Frau, entwirft auch mal eine Skizze zu einer fiktiven Autobiographie. Und je l\u00e4nger der Einsichten und Aha-Erlebnisse sammelnde Leser sich in diese \u201eGl\u00fccklichen F\u00e4lle\u201c vertieft, desto h\u00e4ufiger wird er von einer Autorin belohnt \u2026\u00a0 f\u00fcr seine wachsende Neugier bei der Suche nach Erkenntnissen \u00fcber den Alltag emanzipierter Frauen in der Ukraine und f\u00fcr seine vielschichtigen Erkenntnisse beim Anblick sich k\u00fcssender Paare.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gl\u00fcckliche F\u00e4lle<\/strong>, von Yevgenia Belorusets. Aus dem Russischen von Claudia Dathe. Berlin (Matthes &amp; Seitz Verlag) 2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die an den Schnittstellen von Text, Fotografien und deren medialer Vermittlung entstandenen Erz\u00e4hlungen der ukrainischen Autorin, Jg. 1980, erregen nicht nur aufgrund ihrer unterschiedlichen Verfremdungsverfahren das wachsende Interesse des Lesers. 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