{"id":102482,"date":"1995-01-12T00:01:28","date_gmt":"1995-01-11T23:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102482"},"modified":"2022-04-01T16:40:15","modified_gmt":"2022-04-01T14:40:15","slug":"ueber-das-studium-der-griechischen-poesie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/12\/ueber-das-studium-der-griechischen-poesie\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Studium der griechischen Poesie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es springt in die Augen, da\u00df <em>die moderne Poesie das Ziel, nach welchem sie strebt,<\/em> entweder <em>noch nicht erreicht hat;<\/em> oder da\u00df ihr Streben \u00fcberhaupt kein festes Ziel, ihre Bildung keine bestimmte Richtung, die Masse ihrer Geschichte keinen gesetzm\u00e4\u00dfigen Zusammenhang, das Ganze keine Einheit hat. Sie ist zwar nicht arm an Werken, in deren unersch\u00f6pflichem Gehalt die forschende Bewunderung sich verliert, vor deren Riesenh\u00f6he das erstaunte Auge zur\u00fccksinkt; an Werken deren \u00fcberm\u00e4chtige Gewalt alle Herzen hinrei\u00dft und besiegt. Aber die st\u00e4rkste Ersch\u00fcttrung, die reichhaltigste T\u00e4tigkeit sind oft am wenigsten <em>befriedigend.<\/em> Eben die trefflichsten Gedichte der Modernen, deren hohe Kraft und Kunst Ehrfurcht fordert, vereinigen nicht selten das Gem\u00fct nur um es schmerzlicher wieder zu zerrei\u00dfen. Sie lassen einen verwundenden Stachel in der Seele zur\u00fcck, und nehmen mehr als sie geben. <em>Befriedigung<\/em> findet sich nur in dem vollst\u00e4ndigen Genu\u00df, wo jede erregte Erwartung erf\u00fcllt, auch die kleinste Unruhe aufgel\u00f6s&#8217;t wird; wo alle Sehnsucht schweigt. Dies ist es, was der Poesie unsres Zeitalters fehlt! Nicht eine F\u00fclle einzelner, trefflicher Sch\u00f6nheiten, aber <em>\u00dcbereinstimmung<\/em> und <em>Vollendung,<\/em> und die Ruhe und Befriedigung, welche nur aus diesen entspringen k\u00f6nnen; eine <em>vollst\u00e4ndige Sch\u00f6nheit,<\/em> die <em>ganz<\/em> und <em>beharrlich<\/em> w\u00e4re; eine Juno, welche nicht im Augenblick der feurigsten Umarmung zur Wolke w\u00fcrde. Die Kunst ist nicht deshalb verloren, weil der gro\u00dfe Haufe aller derer, die nicht sowohl roh als verkehrt, die mehr mi\u00dfgebildet als ungebildet sind, ihre Einbildungskraft mit allem, was nur seltsam, oder neu ist, willig anf\u00fcllen lassen, um nur die unendliche Leerheit ihres Gem\u00fcts mit irgend etwas anzuf\u00fcllen; um der unleidlichen L\u00e4nge ihres Daseins doch einige Augenblicke zu entfliehn. Der Name der Kunst wird entweiht, wenn man das Poesie nennt: mit abenteuerlichen oder kindischen Bildern spielen, um schlaffe Begierden zu stacheln, stumpfe Sinne zu kitzeln, und rohen L\u00fcsten zu schmeicheln. Aber \u00fcberall, wo echte Bildung nicht die ganze Volksmasse durchdringt, wird es eine <em>gemeinere<\/em> Kunst geben, die keine andere Reize kennt, als niedrige \u00dcppigkeit und widerliche Heftigkeit. Bei stetem Wechsel des Stoffs bleibt ihr Geist immer derselbe: verworrne D\u00fcrftigkeit. Bei uns hingegen gibt es auch eine <em>bessere<\/em> Kunst, deren Werke unter denen der gemeinen, wie hohe Felsen aus der unbestimmten Nebelmasse einer entfernten Gegend hervortreten. Wir treffen in der neuen Kunstgeschichte hie und da auf Dichter, welche in der Mitte eines versunknen Zeitalters Fremdlinge aus einer h\u00f6hern Welt zu sein scheinen. Mit der ganzen Kraft ihres Gem\u00fcts wollen sie das <em>Ewige,<\/em> und wenn sie in ihren Werken \u00dcbereinstimmung und Befriedigung noch nicht v\u00f6llig erreichen: so streben sie doch so m\u00e4chtig nach denselben, da\u00df sie die gerechteste Hoffnung erregen, das Ziel der Poesie werde nicht ewig unerreichbar bleiben, wenn es anders durch Kraft und Kunst, durch Bildung und Wissenschaft erreicht werden kann. Allein in dieser bessern Kunst selbst offenbaren sich die M\u00e4ngel der modernen Poesie am sichtbarsten. Eben hier, wenn das Gef\u00fchl den hohen Wert eines Gedichts anerkannt, und das Urteil den Ausspruch des Gef\u00fchls gepr\u00fcft und best\u00e4tigt hat, ger\u00e4t der Verstand in nicht geringe Verlegenheit. In den meisten F\u00e4llen scheint das, worauf die Kunst am ersten stolz sein d\u00fcrfte, gar nicht ihr Eigentum zu sein. Es ist ein sch\u00f6nes Verdienst der modernen Poesie, da\u00df so vieles Gute und Gro\u00dfe, was in den Verfassungen, der Gesellschaft, der Schulweisheit verkannt, verdr\u00e4ngt und verscheucht worden war, bei ihr bald Schutz und Zuflucht, bald Pflege und eine Heimat fand. Hier, gleichsam an die einzige reine St\u00e4tte in dem unheiligen Jahrhundert legten die wenigen Edlern die Bl\u00fcte ihres h\u00f6hern Lebens, das Beste von allem, was sie taten, dachten, genossen und strebten, wie auf einen Altar der Menschheit nieder. Aber ist nicht eben so oft und \u00f6fter Wahrheit und Sittlichkeit der Zweck dieser Dichter als Sch\u00f6nheit? Analysiert die Absicht des K\u00fcnstlers, er mag sie nun deutlich zu erkennen geben, oder ohne klares Bewu\u00dftsein seinem Triebe folgen; analysiert die Urteile der Kenner und die Entscheidungen des Publikums! Beinahe \u00fcberall werdet<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/SchlegelF-KFSA,+1.+Abt.+Bd.+1\">[218]<\/a> Ihr eher jedes andre Prinzip als h\u00f6chstes Ziel und erstes Gesetz der Kunst, als letzten Ma\u00dfstab f\u00fcr den Wert ihrer Werke stillschweigend vorausgesetzt oder ausdr\u00fccklich aufgestellt finden; nur nicht das <em>Sch\u00f6ne.<\/em> Dies ist so wenig das herrschende Prinzip der modernen Poesie, da\u00df viele ihrer trefflichsten Werke ganz offenbar Darstellungen des <em>H\u00e4\u00dflichen<\/em> sind, und man wird es wohl endlich, wenngleich ungern, eingestehen m\u00fcssen, da\u00df es eine Darstellung der Verwirrung in h\u00f6chster F\u00fclle, der Verzweiflung im \u00dcberflu\u00df aller Kr\u00e4fte gibt, welche eine gleiche wo nicht eine h\u00f6here Sch\u00f6pferkraft und k\u00fcnstlerische Weisheit erfordert, wie die Darstellung der F\u00fclle und Kraft in vollst\u00e4ndiger \u00dcbereinstimmung. Die gepriesensten modernen Gedichte scheinen mehr dem Grade als der Art nach von dieser Gattung verschieden zu sein, und findet sich ja eine leise Ahndung vollkommner Sch\u00f6nheit, so ist es nicht sowohl im ruhigen Genu\u00df, als in <em>unbefriedigter Sehnsucht.<\/em> Ja nicht selten entfernte man sich von dem Sch\u00f6nen um so weiter, je heftiger man nach demselben strebte. So verwirrt sind <em>die Gr\u00e4nzen<\/em> der Wissenschaft und der Kunst, des Wahren und des Sch\u00f6nen, da\u00df sogar die \u00dcberzeugung von der Unwandelbarkeit jener ewigen Grenzen fast allgemein wankend geworden ist. Die Philosophie poetisiert und die Poesie philosophiert: die Geschichte wird als Dichtung, diese aber als Geschichte behandelt. Selbst die Dichtarten verwechseln gegenseitig ihre Bestimmung; eine lyrische Stimmung wird der Gegenstand eines Drama, und ein dramatischer Stoff wird in lyrische Form gezw\u00e4ngt. Diese <em>Anarchie<\/em> bleibt nicht an den \u00e4u\u00dfern Gr\u00e4nzen stehn, sondern erstreckt sich \u00fcber das ganze Gebiet des Geschmacks und der Kunst. Die hervorbringende Kraft ist rastlos und unst\u00e4t; die einzelne wie die \u00f6ffentliche Empf\u00e4nglichkeit ist immer gleich uners\u00e4ttlich und gleich unbefriedigt. Die Theorie selbst scheint an einem <em>festen Punkt<\/em> in dem endlosen Wechsel v\u00f6llig zu verzweifeln. Der \u00f6ffentliche Geschmack \u2013 doch wie w\u00e4re da ein \u00f6ffentlicher Geschmack m\u00f6glich, wo es keine \u00f6ffentliche Sitten gibt? \u2013 die Karikatur des \u00f6ffentlichen Geschmacks, die <em>Mode,<\/em> huldigt mit jedem Augenblicke einem andern Abgotte. Jede neue gl\u00e4nzende Erscheinung erregt den zuversichtlichen Glauben, jetzt sei das Ziel, das h\u00f6chste Sch\u00f6ne, erreicht, das Grundgesetz des Geschmacks, der \u00e4u\u00dferste Ma\u00dfstab alles Kunstwertes sei gefunden. Nur da\u00df der n\u00e4chste Augenblick den Taumel endigt; da\u00df dann die N\u00fcchterngewordenen das Bildnis des sterblichen Abgottes zerschlagen, und in neuem erk\u00fcnstelten Rausch einen andern an seiner Stelle einweihen, dessen Gottheit wiederum nicht l\u00e4nger dauern wird, als die Laune seiner Anbeter! \u2013 Dieser K\u00fcnstler strebt allein nach den \u00fcppigen Reizen eines woll\u00fcstigen Stoffs, dem bl\u00fchenden Schmuck, dem schmeichelnden Wohllaut einer bezaubernden Sprache, wenn auch seine abenteuerliche Dichtung Wahrheit und Schicklichkeit beleidigt und die Seele leer l\u00e4\u00dft. Jener t\u00e4uscht sich wegen einer gewissen Rundung und Feinheit in der Anordnung und Ausf\u00fchrung mit dem voreiligen Wahne der Vollendung. Ein andrer, um Reiz und Rundung unbek\u00fcmmert, h\u00e4lt ergreifende Treue der Darstellung, das tiefste Auffassen der verborgensten Eigent\u00fcmlichkeit f\u00fcr das h\u00f6chste Ziel der Kunst. Diese Einseitigkeit des Itali\u00e4nischen, Franz\u00f6sischen und Engl\u00e4ndischen Geschmacks findet sich in ihrer schneidenden H\u00e4rte in Deutschland beisammen wieder. \u2013 Die metaphysischen Untersuchungen einiger wenigen Denker \u00fcber das Sch\u00f6ne hatten nicht den mindesten Einflu\u00df auf die Bildung des Geschmacks und der Kunst. Die praktische Theorie der Poesie aber war bis auf wenige Ausnahmen bis jetzt nicht viel mehr als der <em>Sinn<\/em> dessen, was man verkehrt genug aus\u00fcbte; gleichsam der abgezogne Begriff des falschen Geschmacks, der Geist der ungl\u00fccklichen Geschichte. Sie folgte daher nat\u00fcrlicher Weise jenen drei Hauptrichtungen, und suchte den Zweck der Kunst bald im <em>Reiz,<\/em> bald in der <em>Korrektheit,<\/em> bald in der <em>Wahrheit.<\/em> Hier empfahl sie durch den Stempel ihrer Auktorit\u00e4t, sanktionierte Werke als ewige <em>Muster der Nachahmung:<\/em> dort stellte sie <em>absolute Originalit\u00e4t<\/em> als den h\u00f6chsten Ma\u00dfstab alles Kunstwerts auf, und bedeckte den entferntesten Verdacht der Nachahmung mit unendlicher Schmach. Strenge forderte sie in scholastischer R\u00fcstung unbedingte Unterwerfung auch unter ihre willk\u00fcrlichsten offenbar t\u00f6richten Gesetze; oder sie verg\u00f6tterte in mystischen Orakelspr\u00fcchen das Genie, machte eine k\u00fcnstliche Gesetzlosigkeit zum ersten Grundsatz, und verehrte mit stolzem Aberglauben Offenbarungen, die nicht selten sehr zweideutig waren. Die Hoffnung, durch Grunds\u00e4tze lebendige Werke zu erfinden, nach Begriffen sch\u00f6ne Spiele auszuarbeiten, wurde so oft get\u00e4uscht, da\u00df an die Stelle des Glaubens endlich eine \u00e4u\u00dferste Gleichg\u00fcltigkeit trat. Die Theorie mag es sich selbst zuschreiben, wenn sie bei dem genievollen K\u00fcnstler wie bei dem Publikum allen Kredit verloren hat! Wie kann sie Achtung f\u00fcr ihre Ausspr\u00fcche erwarten, Gehorsam gegen ihre Gesetze fordern, da es ihr noch nicht einmal gelungen ist, eine richtige Erkl\u00e4rung von der Natur der Dichtkunst, und eine befriedigende Einteilung ihrer Arten zu geben? Da sie sogar \u00fcber die Bestimmung der Kunst \u00fcberhaupt mit sich noch nicht hat einig werden k\u00f6nnen? Ja wenn es auch irgendeine Behauptung gibt, in welcher die Anh\u00e4nger der verschiedenen \u00e4sthetischen Systeme einigerma\u00dfen miteinander \u00fcbereinzustimmen scheinen, so ist es allein die: da\u00df es kein allgemeing\u00fcltiges Gesetz der Kunst, kein beharrliches Ziel des Geschmacks gebe, oder da\u00df es, falls es ein solches gebe, doch nicht anwendbar sei; da\u00df die Richtigkeit des Geschmacks und die Sch\u00f6nheit der Kunst allein vom Zufall abh\u00e4nge. Und wirklich scheint der <em>Zufall<\/em> hier allein sein Spiel zu treiben, und als unumschr\u00e4nkter Despot in diesem seltsamen Reiche der Verwirrung zu herrschen. Die Anarchie, welche in der \u00e4sthetischen Theorie, wie in der Praxis der K\u00fcnstler so sichtbar ist, erstreckt sich sogar auf die <em>Geschichte<\/em> der modernen Poesie. Kaum l\u00e4\u00dft sich in ihrer Masse beim ersten Blick etwas Gemeinsames entdecken; geschweige denn in ihrem Fortgange Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, in ihrer Bildung bestimmte Stufen, zwischen ihren Teilen entschiedne Gr\u00e4nzen, und in ihrem Ganzen eine befriedigende Einheit. In einer aufeinanderfolgenden Reihe von Dichtern findet sich keine beharrliche Eigent\u00fcmlichkeit, und in dem Geiste gleichzeitiger Werke gibt es keine gemeinschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Bei den Modernen ist es nur ein frommer Wunsch, da\u00df der Geist eines gro\u00dfen Meisters, eines gl\u00fccklichen Zeitalters, seine wohlt\u00e4tigen Wirkungen weit um sich her verbreiten m\u00f6chte, ohne da\u00df deshalb der Gemeingeist die Eigent\u00fcmlichkeit des Einzelnen verwische, seine Rechte kr\u00e4nke, oder seine Erfindungskraft l\u00e4hme. Jedem gro\u00dfen Originalk\u00fcnstler pflegt hier, so lange ihn noch die Flut der Mode emportr\u00e4gt, ein zahlloser Schwarm der armseligsten Kopisten zu folgen, bis durch ihre ewigen Wiederhohlungen und Entstellungen das gro\u00dfe Urbild selbst so allt\u00e4glich und ekelhaft geworden ist, da\u00df nun an die Stelle der Verg\u00f6tterung Abscheu oder ewige Vergessenheit tritt. <em>Charakterlosigkeit<\/em> scheint der einzige Charakter der modernen Poesie, <em>Verwirrung<\/em> das Gemeinsame ihrer Masse,<em> Gesetzlosigkeit<\/em> der Geist ihrer Geschichte, und <em>Skeptizismus<\/em> das Resultat ihrer Theorie. Nicht einmal die Eigent\u00fcmlichkeit hat bestimmte und feste Gr\u00e4nzen. Die Franz\u00f6sische und Engl\u00e4ndische, die Itali\u00e4nische und Spanische Poesie scheint h\u00e4ufig, wie auf einer Maskerade, ihren Nationalcharakter gegenseitig zu vertauschen. Die Deutsche Poesie aber stellt ein beinahe vollst\u00e4ndiges geographisches Naturalienkabinett aller Nationalcharaktere jedes Zeitalters und jeder Weltgegend dar: nur der Deutsche, sagt man, fehle. Im Grunde v\u00f6llig gleichg\u00fcltig gegen alle Form, und nur voll uners\u00e4ttlichen Durstes nach <em>Stoff,<\/em> verlangt auch das feinere Publikum von dem K\u00fcnstler nichts als <em>interessante Individualit\u00e4t.<\/em> Wenn nur <em>gewirkt<\/em> wird, wenn die Wirkung nur <em>stark<\/em> und <em>neu<\/em> ist, so ist die Art, wie, und der Stoff, worin es geschieht, dem Publikum so gleichg\u00fcltig, als die \u00dcbereinstimmung der einzelnen Wirkungen zu einem vollendeten Ganzen. Die Kunst tut das ihrige, um diesem Verlangen ein Gen\u00fcge zu leisten. Wie in einem \u00e4sthetischen Kramladen steht hier Volkspoesie und Bontonpoesie beisammen, und selbst der Metaphysiker sucht sein eignes Sortiment nicht vergebens; Nordische oder Christliche Epop\u00f6en f\u00fcr die Freunde des Nordens und des Christentums; Geistergeschichten f\u00fcr die Liebhaber mystischer Gr\u00e4\u00dflichkeiten, und Irokesische oder Kannibalische Oden f\u00fcr die Liebhaber der Menschenfresserei; Griechisches Kost\u00fcm f\u00fcr antike Seelen, und Rittergedichte f\u00fcr heroische Zungen; ja sogar Nationalpoesie f\u00fcr die Dilettanten der Deutschheit! Aber umsonst f\u00fchrt ihr aus allen Zonen den reichsten \u00dcberflu\u00df interessanter Individualit\u00e4t zusammen! Das Fa\u00df der Danaiden bleibt ewig leer. Durch jeden Genu\u00df werden die Begierden nur heftiger; mit jeder Gew\u00e4hrung steigen die Forderungen immer h\u00f6her, und die Hoffnung einer endlichen Befriedigung entfernt sich immer weiter. Das Neue wird alt, das Seltene gemein, und die Stachel des Reizenden werden stumpf. Bei schw\u00e4cherer Selbstkraft und bei geringerm Kunsttriebe sinkt die schlaffe Empf\u00e4nglichkeit in eine emp\u00f6rende Ohnmacht; der geschw\u00e4chte Geschmack will endlich keine andre Speise mehr annehmen als ekelhafte Krudit\u00e4ten, bis er ganz abstirbt und mit einer entschiednen Nullit\u00e4t endigt. Wenn aber auch die Kraft nicht unterliegt, so bringt es wenig Gewinn. Wie ein Mann von gro\u00dfem Gem\u00fcte, dem es aber an \u00dcbereinstimmung fehlt, bei dem Dichter von sich selbst sagt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo tauml&#8216; ich von Begierde zu Genu\u00df,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und im Genu\u00df verschmacht&#8216; ich nach Begierde;\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">so strebt und schmachtet die kraftvollere \u00e4sthetische Anlage rastlos in unbefriedigter Sehnsucht, und die Pein der vergeblichen Anstrengung steigt nicht selten bis zu einer trostlosen Verzweiflung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man diese Zwecklosigkeit und Gesetzlosigkeit des Ganzen der modernen Poesie, und die hohe Trefflichkeit der einzelnen Teile gleich aufmerksam beobachtet: so erscheint ihre Masse wie ein Meer streitender Kr\u00e4fte, wo die Teilchen der aufgel\u00f6sten Sch\u00f6nheit, die Bruchst\u00fccke der zerschmetterten Kunst, in tr\u00fcber Mischung sich verworren durcheinander regen. Man k\u00f6nnte sie ein <em>Chaos<\/em> alles Erhabnen, Sch\u00f6nen und Reizenden nennen, welches gleich dem alten Chaos, aus dem sich, wie die Sage lehrt, die Welt ordnete, eine <em>Liebe<\/em> und einen <em>Ha\u00df<\/em> erwartet, um die verschiedenartigen Bestandteile zu scheiden, die gleichartigen aber zu vereinigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte sich nicht ein <em>Leitfaden<\/em> entdecken lassen, um diese r\u00e4tselhafte Verwirrung zu l\u00f6sen, den Ausweg aus diesem Labyrinthe zu finden? Der Ursprung, Zusammenhang und Grund so vieler seltsamen Eigenheiten der modernen Poesie mu\u00df doch auf irgendeine Weise erkl\u00e4rbar sein. Vielleicht gelingt es uns, aus dem Geist ihrer bisherigen Geschichte zugleich auch den <em>Sinn<\/em> ihres jetzigen Strebens, die <em>Richtung<\/em> ihrer fernern Laufbahn, und ihr k\u00fcnftiges Ziel aufzufinden. W\u00e4ren wir erst \u00fcber <em>das Prinzipium ihrer Bildung<\/em> aufs Reine, so w\u00fcrde es vielleicht nicht schwer sein, daraus die <em>vollst\u00e4ndige Aufgabe<\/em> derselben zu entwickeln. \u2013 Schon oft erzeugte ein dringendes Bed\u00fcrfnis seinen Gegenstand; aus der Verzweiflung ging eine neue Ruhe hervor, und die Anarchie ward die Mutter einer wohlt\u00e4tigen <em>Revolution.<\/em> Sollte die \u00e4sthetische Anarchie unsres Zeitalters nicht eine \u00e4hnliche <em>gl\u00fcckliche Katastrophe<\/em> erwarten d\u00fcrfen? Vielleicht ist der<em> entscheidende Augenblick<\/em> gekommen, wo dem Geschmack entweder eine g\u00e4nzliche Verbesserung bevorsteht, nach welcher er nie wieder zur\u00fccksinken kann, sondern notwendig fortschreiten mu\u00df; oder die Kunst wird auf immer fallen, und unser Zeitalter mu\u00df allen Hoffnungen auf Sch\u00f6nheit und Wiederherstellung echter Kunst ganz entsagen. Wenn wir also zuvor den <em>Charakter<\/em> der modernen Poesie bestimmter gefa\u00dft, das Prinzipium ihrer Bildung aufgefunden, und die <em>originellsten Z\u00fcge<\/em> ihrer Individualit\u00e4t <em>erkl\u00e4rt<\/em> haben werden, so werden sich uns folgende Fragen aufdringen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Welches ist die Aufgabe der modernen Poesie? \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kann sie erreicht werden? \u2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Welches sind die Mittel dazu?<\/em> \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist einleuchtend, da\u00df es in strengster und buchst\u00e4blicher Bedeutung keine Charakterlosigkeit geben kann. Was man so zu nennen pflegt, wird entweder ein sehr verwischter, gleichsam unleserlich gewordner, oder ein \u00e4u\u00dferst zusammengesetzter, verwickelter und r\u00e4tselhafter Charakter sein. Schon jene durchg\u00e4ngige Anarchie in der Masse der modernen Poesie ist doch etwas <em>Gemeinsames;<\/em> ein <em>charakteristischer Zug,<\/em> der nicht ohne <em>gemeinschaftlichen innern Grund<\/em> sein kann. \u2013 Wir sind gewohnt, mehr nach einem dunkeln Gef\u00fchl als nach deutlich entwickelten Gr\u00fcnden, die moderne Poesie als ein zusammenh\u00e4ngendes Ganzes zu betrachten. Aber mit welchem Recht d\u00fcrfen wir dies stillschweigend voraussetzen? \u2013 Es ist wahr, bei aller Eigent\u00fcmlichkeit und Verschiedenheit der einzelnen Nationen verr\u00e4t das Europ\u00e4ische V\u00f6lkersystem dennoch durch einen auffallend \u00e4hnlichen Geist der Sprache, der Verfassungen, Gebr\u00e4uche und Einrichtungen, in vielen \u00fcbrig gebliebenen Spuren der fr\u00fchern Zeit, den gleichartigen und gemeinschaftlichen Ursprung ihrer Kultur. Dazu kommt noch eine gemeinschaftliche von allen \u00fcbrigen sehr abweichende Religion. Au\u00dferdem ist die Bildung dieser \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdigen V\u00f6lkermasse so innig verkn\u00fcpft, so durchg\u00e4ngig zusammenh\u00e4ngend, so best\u00e4ndig in gegenseitigem Einflusse aller einzelnen Teile; sie hat bei aller Verschiedenheit so viele gemeinschaftliche Eigenschaften, strebt so sichtbar nach einem gemeinschaftlichen Ziele, da\u00df sie nicht wohl anders als wie ein <em>Ganzes<\/em> betrachtet werden kann. Was vom Ganzen wahr ist, gilt auch vom einzelnen Teil: wie die moderne Bildung \u00fcberhaupt, so ist auch die moderne Poesie ein zusammenh\u00e4ngendes Ganzes. So einleuchtend und entschieden jene Bemerkung aber auch f\u00fcr viele sein mag, so fehlt es doch gewi\u00df nicht an Zweiflern, die diesen Zusammenhang teils leugnen, teils aus zuf\u00e4lligen Umst\u00e4nden und nicht aus einem gemeinschaftlichen Prinzip erkl\u00e4ren. Es ist hier nicht der Ort dies auszumitteln. Genug, es verlohnt sich doch wohl der M\u00fche, dieser Spur zu folgen, und den Versuch zu wagen, ob jene allgemeine Voraussetzung die Pr\u00fcfung bestehe! \u2013 Schon der durchg\u00e4ngige<em> gegenseitige Einflu\u00df<\/em> der modernen Poesie deutet auf innern Zusammenhang. Seit der Wiederherstellung der Wissenschaften fand unter den verschiedenen Nationalpoesien der gr\u00f6\u00dften und kultiviertesten Europ\u00e4ischen V\u00f6lker eine stete <em>Wechselnachahmung<\/em> statt. Sowohl die Itali\u00e4nische als die Franz\u00f6sische und Englische Manier hatte ihre goldne Zeit, wo sie den Geschmack des ganzen \u00fcbrigen gebildeten Europa despotisch beherrschte. Nur Deutschland hat bis jetzt den vielseitigsten fremden Einflu\u00df ohne R\u00fcckwirkung erfahren. Durch diese Gemeinschaft wird die grelle H\u00e4rte des urspr\u00fcnglichen Nationalcharakters immer mehr verwischt, und endlich fast gar vertilgt. An seine Stelle tritt ein allgemeiner Europ\u00e4ischer Charakter, und die Geschichte jeder nationellen Poesie der Modernen enth\u00e4lt nichts andres, als den allm\u00e4hlichen \u00dcbergang von ihrem urspr\u00fcnglichen Charakter zu dem sp\u00e4tern Charakter k\u00fcnstlicher Bildung. Aber schon in den fr\u00fchesten Zeiten haben die verschiedenen urspr\u00fcnglichen Eigent\u00fcmlichkeiten so viel <em>Gemeinsames,<\/em> da\u00df sie als Zweige eines Stamms erscheinen. \u00c4hnlichkeit der Sprachen, der Versarten, ganz eigent\u00fcmlicher Dichtarten! So lange die Fabel der Ritterzeit und die christliche Legende die Mythologie der Romantischen Poesie waren, ist die \u00c4hnlichkeit des Stoffes und des Geistes der Darstellungen so gro\u00df, da\u00df die nationelle Verschiedenheit sich beinahe in die Gleichheit der ganzen Masse verliert. Der Charakter jener Zeit selbst war einfacher und einf\u00f6rmiger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch nachdem durch eine totale Revolution die Form der Europ\u00e4ischen Welt ganz ver\u00e4ndert ward, und mit dem Emporkommen des dritten Standes die verschiedenen Nationalcharaktere mannigfaltiger wurden, und weiter auseinander wichen, blieb dennoch ungemein viel \u00c4hnlichkeit \u00fcbrig. Diese \u00e4u\u00dferte ihren Einflu\u00df auch auf die Poesie; nicht nur in dem Charakter derjenigen Dichtarten, deren Stoff das b\u00fcrgerliche Leben ist, und in dem Geiste aller Darstellungen, sondern sogar in <em>gemeinschaftlichen Sonderbarkeiten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch diese Z\u00fcge w\u00fcrden sich allenfalls aus der gemeinschaftlichen Abstammung und der \u00e4u\u00dfren Ber\u00fchrung, kurz aus der Lage erkl\u00e4ren lassen. Es gibt aber noch andre merkw\u00fcrdige Z\u00fcge der modernen Poesie, wodurch sie sich von allen \u00fcbrigen Poesien, welche uns die Geschichte kennen lehrt, aufs bestimmteste unterscheidet, deren Grund und Zweck nur aus einem gemeinschaftlichen <em>innern Prinzip<\/em> befriedigend deduziert werden kann. Dahin geh\u00f6rt die \u00e4u\u00dferst charakteristische Standhaftigkeit, mit der alle Europ\u00e4ische Nationen bei der <em>Nachahmung der alten Kunst<\/em> geblieben, und durch kein Mi\u00dflingen ganz abgeschreckt, oft auf neue Weise zu ihr zur\u00fcckgekehrt sind. Jenes sonderbare <em>Verh\u00e4ltnis der Theorie zur Praxis,<\/em> da der Geschmack selbst in der Person des K\u00fcnstlers, wie des Publikums von der Wissenschaft nicht blo\u00df Erkl\u00e4rung seiner Ausspr\u00fcche, Erl\u00e4uterung seiner Gesetze, sondern <em>Zurechtweisung<\/em> verlangte, von ihr Ziel, Richtung und Gesetz der Kunst bestimmt haben wollte. In sich selbst uneins und ohne innern Widerhalt nimmt, so scheint es, der kranke Geschmack zu den Rezepten eines Arztes oder eines Quacksalbers seine Zuflucht, wenn dieser nur durch diktatorische Anma\u00dfung die leichtgl\u00e4ubige Treuherzigkeit zu t\u00e4uschen wei\u00df. Ferner der <em>schneidende Kontrast der h\u00f6hern und niedern Kunst.<\/em> Ganz dicht nebeneinander existieren besonders jetzt zwei verschiedene Poesien nebeneinander, deren jede ihr eignes Publikum hat, und unbek\u00fcmmert um die andre ihren Gang f\u00fcr sich geht. Sie nehmen nicht die geringste Notiz voneinander, au\u00dfer, wenn sie zuf\u00e4llig aufeinander treffen, durch gegenseitige Verachtung und Spott; oft nicht ohne heimlichen Neid \u00fcber die Popularit\u00e4t der einen oder die Vornehmigkeit der andern. Das Publikum, welches sich mit der gr\u00f6bern Kost begn\u00fcgt, ist naiv genug, jede Poesie, welche h\u00f6here Anspr\u00fcche macht, als f\u00fcr Gelehrte allein bestimmt, nur au\u00dferordentlichen Individuen oder doch nur seltnen festlichen Augenblicken angemessen, von der Hand zu weisen. Ferner das <em>totale \u00dcbergewicht des Charakteristischen, Individuellen und Interessanten<\/em> in der ganzen Masse der modernen Poesie, vorz\u00fcglich aber in den sp\u00e4tern Zeitaltern. Endlich das <em>rastlose uners\u00e4ttliche Streben nach dem Neuen, Piquanten und Frappanten,<\/em> bei dem dennoch die Sehnsucht unbefriedigt bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die nationellen Teile der modernen Poesie, aus ihrem Zusammenhang gerissen, und als einzelne f\u00fcr sich bestehende Ganze betrachtet werden, so sind sie unerkl\u00e4rlich. Sie bekommen erst durcheinander Haltung und Bedeutung. Je aufmerksamer man aber die ganze Masse der modernen Poesie selbst betrachtet, je mehr erscheint auch sie als das blo\u00dfe <em>St\u00fcck eines Ganzen.<\/em> Die <em>Einheit,<\/em> welche so viele gemeinsame Eigenschaften zu einem Ganzen verkn\u00fcpft, ist in der Masse ihrer Geschichte nicht sogleich sichtbar. Wir m\u00fcssen ihre Einheit also sogar jenseits ihrer Gr\u00e4nzen aufsuchen, und sie selbst gibt uns einen Wink, wohin wir unsern Weg richten sollen. Die gemeinsamen Z\u00fcge, welche Spuren innern Zusammenhanges zu sein schienen, sind seltner Eigenschaften, als Bestrebungen und Verh\u00e4ltnisse. Die Gleichheit einiger vermehrt sich, je mehr wir uns von dem jetzigen Zeitalter r\u00fcckw\u00e4rts entfernen; die einiger andern, je mehr wir uns demselben n\u00e4hern. Wir m\u00fcssen also nach einer <em>doppelten<\/em> Richtung nach ihrer Einheit forschen; r\u00fcckw\u00e4rts nach dem ersten <em>Ursprunge<\/em> ihrer Entstehung und Entwicklung; vorw\u00e4rts nach dem letzten <em>Ziele<\/em> ihrer Fortschreitung. Vielleicht gelingt es uns auf diesem Wege, ihre Geschichte vollst\u00e4ndig zu erkl\u00e4ren und nicht nur den <em>Grund,<\/em> sondern auch den<em> Zweck<\/em> ihres Charakters befriedigend zu deduzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts widerspricht dem Charakter und selbst dem Begriffe des Menschen so sehr, als die Idee einer v\u00f6llig isolierten Kraft, welche durch sich und in sich allein wirken k\u00f6nnte. Niemand wird wohl leugnen, da\u00df derjenige Mensch wenigstens, den wir kennen, nur in einer Welt existieren k\u00f6nne. Schon der unbestimmte Begriff, welchen der gew\u00f6hnliche Sprachgebrauch mit den Worten \u00bbKultur, Entwicklung, Bildung\u00ab verbindet, setzt <em>zwei verschiedene Naturen<\/em> voraus; eine, welche gebildet wird, und eine andre, welche durch Umst\u00e4nde und \u00e4u\u00dfre Lage die Bildung veranla\u00dft und modifiziert, bef\u00f6rdert und hemmt. Der Mensch kann nicht t\u00e4tig sein, ohne sich zu bilden. Bildung ist der eigentliche Inhalt jedes menschlichen Lebens, und der wahre Gegenstand der h\u00f6hern Geschichte, welche in dem Ver\u00e4nderlichen das Notwendige aufsucht. So wie der Mensch ins Dasein tritt, wird er mit dem Schicksal gleichsam handgemein, und sein ganzes Leben ist ein steter <em>Kampf<\/em> auf Leben und Tod mit der furchtbaren Macht, deren Armen er nie entfliehen kann. Innig umschlie\u00dft sie ihn von allen Seiten und l\u00e4\u00dft keinen Augenblick von ihm ab. Man k\u00f6nnte die Geschichte der Menschheit, welche die notwendige Genesis und Progression der menschlichen Bildung charakterisiert, mit milit\u00e4rischen Annalen vergleichen. Sie ist der treue Bericht von dem Kriege der Menschheit und des Schicksals. Der Mensch bedarf aber nicht nur einer Welt au\u00dfer sich, welche bald Veranlassung, bald Element, bald Organ seiner T\u00e4tigkeit werde; sondern sogar im Mittelpunkte seines eignen Wesens hat sein Feind \u2013 die ihm entgegengesetzte Natur \u2013 noch Wurzel gefa\u00dft. Es ist schon oft bemerkt worden: die Menschheit sei eine zwitterhafte Spielart, eine zweideutige Mischung der Gottheit und der Tierheit. Man hat es richtig gef\u00fchlt, da\u00df es ihr ewiger, notwendiger Charakter sei, die unaufl\u00f6slichen Widerspr\u00fcche, die unbegreiflichen R\u00e4tsel in sich zu vereinigen, welche aus der Zusammensetzung des unendlich Entgegengesetzten entspringen. Der Mensch ist eine aus seinem reinen Selbst und einem fremdartigen Wesen gemischte Natur. Er kann mit dem Schicksal nie reine Abrechnung halten, und bestimmt sagen: jenes ist dein, dies ist mein. Nur das Gem\u00fct, welches von dem Schicksal hinl\u00e4nglich durchgearbeitet worden ist, erreicht das seltne Gl\u00fcck, selbst\u00e4ndig sein zu k\u00f6nnen. Die Grundlage seiner stolzesten Werke ist oft ein blo\u00dfes Geschenk der Natur, und auch seine besten Taten sind nicht selten kaum zur H\u00e4lfte sein. Ohne alle Freiheit w\u00e4re es keine Tat: ohne alle fremde H\u00fclfe keine menschliche. Die zu bildende Kraft aber mu\u00df notwendig das Verm\u00f6gen haben, sich die Gabe der bildenden zuzueignen, das Verm\u00f6gen, auf die Veranlassung jener sich selbst zu bestimmen. Sie mu\u00df <em>frei<\/em> sein. <em>Bildung<\/em> oder Entwicklung der Freiheit ist die notwendige Folge alles menschlichen Tuns und Leidens, das endliche Resultat jeder Wechselwirkung der Freiheit und der Natur. In dem gegenseitigen Einflu\u00df, der steten Wechselbestimmung, welche zwischen beiden stattfindet, mu\u00df nun notwendiger Weise eine von den beiden Kr\u00e4ften die wirkende, die andre die r\u00fcckwirkende sein. Entweder die Freiheit oder die Natur mu\u00df der menschlichen Bildung den ersten bestimmenden Ansto\u00df geben, und dadurch die Richtung des Weges, das Gesetz der Progression, und das endliche Ziel der ganzen Laufbahn determinieren; es mag nun von der Entwicklung der gesamten Menschheit oder eines einzelnen wesentlichen Bestandteils derselben die Rede sein. Im ersten Fall kann die Bildung eine <em>nat\u00fcrliche,<\/em> im letztern eine <em>k\u00fcnstliche<\/em> hei\u00dfen; In jener ist der erste urspr\u00fcngliche Quell der T\u00e4tigkeit ein unbestimmtes Verlangen; in dieser ein bestimmter Zweck. Dort ist der Verstand auch bei der gr\u00f6\u00dften Ausbildung h\u00f6chstens nur der Handlanger und Dolmetscher der Neigung; der gesamte zusammengesetzte Trieb aber der unumschr\u00e4nkte Gesetzgeber und F\u00fchrer der Bildung. Hier ist die bewegende, aus\u00fcbende Macht zwar auch der Trieb; die lenkende, <em>gesetzgebende Macht<\/em> hingegen der Verstand: gleichsam ein oberstes<em> lenkendes Prinzipium<\/em>, welches die blinde Kraft leitet und f\u00fchrt, ihre Richtung determiniert, die Anordnung der ganzen Masse bestimmt und nach Willk\u00fcr die einzelnen Teile trennt und verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erfahrung belehrt uns, da\u00df unter allen Zonen, in jedem Zeitalter, bei allen Nationen, und in jedem Teile der menschlichen Bildung, die Praxis der Theorie voranging, da\u00df ihre Bildung von Natur den Anfang nahm. Und auch schon vor aller Erfahrung kann die Vernunft sicher im voraus bestimmen, da\u00df die Veranlassung dem Veranla\u00dften, die Wirkung der R\u00fcckwirkung, der Ansto\u00df der Natur der Selbstbestimmung des Menschen vorangehn m\u00fcsse. \u2013 Nur auf Natur kann Kunst, nur auf eine nat\u00fcrliche Bildung kann die k\u00fcnstliche folgen. Und zwar auf eine <em>verungl\u00fcckte<\/em> nat\u00fcrliche Bildung: denn wenn der Mensch auf dem leichten Wege der Natur ohne Hindernis immer weiter zum Ziele fortschreiten k\u00f6nnte, so w\u00e4re ja die H\u00fclfe der Kunst ganz \u00fcberfl\u00fcssig, und es lie\u00dfe sich in der Tat gar nicht einsehen, was ihn bewegen sollte, einen neuen Weg einzuschlagen. Die bewegende Kraft wird sich in der einmal genommenen Richtung fortbewegen, wenn sie sich selbst \u00fcberlassen bleibt, und ein Umschwung von au\u00dfen ihr nicht eine neue Direktion erteilt. Die Natur wird das lenkende Prinzipium der Bildung bleiben, bis sie dies Recht<em> verloren<\/em> hat, und wahrscheinlich wird nur ein ungl\u00fccklicher Mi\u00dfbrauch ihrer Macht den Menschen dahin verm\u00f6gen, sie <em>ihres Amtes zu entsetzen.<\/em> Da\u00df der Versuch der nat\u00fcrlichen Bildung mi\u00dfgl\u00fccken k\u00f6nne, ist aber gar keine unwahrscheinliche Voraussetzung: der Trieb ist zwar ein m\u00e4chtiger Beweger, aber ein blinder F\u00fchrer. \u00dcberdem ist hier in die Gesetzgebung selbst etwas Fremdartiges aufgenommen: denn der gesamte Trieb ist ja nicht rein, sondern aus Menschheit und Tierheit zusammengesetzt. Die k\u00fcnstliche Bildung hingegen <em>kann<\/em> wenigstens zu einer richtigen Gesetzgebung, dauerhafter Vervollkommnung, und endlichen, vollst\u00e4ndigen Befriedigung f\u00fchren: weil dieselbe Kraft, welche das Ziel des Ganzen bestimmt, hier zugleich auch die Richtung der Laufbahn bestimmt, die einzelnen Teile lenkt und ordnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon in den fr\u00fchesten Zeitaltern der Europ\u00e4ischen Bildung finden sich unverkennbare Spuren des <em>k\u00fcnstlichen Ursprungs<\/em> der modernen Poesie. Die Kraft, der Stoff war zwar durch Natur gegeben: das lenkende Prinzip der \u00e4sthetischen Bildung war aber nicht der Trieb, sondern gewisse <em>dirigierende Begriffe<\/em>. Selbst der individuelle Charakter dieser Begriffe war durch Umst\u00e4nde veranla\u00dft, und durch die \u00e4u\u00dfre Lage notwendig bestimmt. Da\u00df aber der Mensch nach diesen Begriffen sich selbst bestimmte, den gegebnen Stoff ordnete, und die Richtung seiner Kraft determinierte; das war ein freier Aktus des Gem\u00fcts. Dieser Aktus ist aber eben der urspr\u00fcngliche Quell, der erste bestimmende Ansto\u00df der k\u00fcnstlichen Bildung, welcher also mit vollem Recht der Freiheit zugeschrieben wird. Die <em>Phantasterei<\/em> der Romantischen Poesie, hat nicht etwa wie Orientalischer Bombast eine abweichende Naturanlage zum Grunde. Es sind vielmehr abenteuerliche Begriffe, durch welche eine an sich gl\u00fcckliche, dem Sch\u00f6nen nicht ung\u00fcnstige Phantasie eine verkehrte Richtung genommen hatte. Sie stand also unter der Herrschaft von Begriffen; und so d\u00fcrftig und dunkel diese auch sein mochten, so war doch der Verstand das lenkende Prinzip der \u00e4sthetischen Bildung. \u2013 Das kolossalische Werk des <em>Dante,<\/em> dieses erhabne Ph\u00e4nomen in der tr\u00fcben Nacht jenes eisernen Zeitalters, ist ein neues Dokument f\u00fcr den k\u00fcnstlichen Charakter der \u00e4ltesten modernen Poesie. Im einzelnen wird niemand die gro\u00dfen \u00fcberall verbreiteten Z\u00fcge verkennen, die nur aus jener urspr\u00fcnglichen Kraft gequollen sein k\u00f6nnen, welche weder gelehrt noch gelernt werden kann. Die eigensinnige Anordnung der Masse aber, den h\u00f6chst seltsamen Gliederbau des ganzen Riesenwerks, verdanken wir weder dem g\u00f6ttlichen Barden, noch dem weisen K\u00fcnstler, sondern den gotischen Begriffen des Barbaren. \u2013 Der <em>Reim<\/em> selbst scheint ein Kennzeichen dieser urspr\u00fcnglichen K\u00fcnstlichkeit unsrer \u00e4sthetischen Bildung. Zwar kann vielleicht das Vergn\u00fcgen an der gesetzm\u00e4\u00dfigen Wiederkehr eines \u00e4hnlichen Ger\u00e4usches in der Natur des menschlichen Gef\u00fchlsverm\u00f6gens selbst gegr\u00fcndet sein. Jeder Laut eines lebenden Wesens hat seinen eigent\u00fcmlichen Sinn, und auch die Gleichartigkeit mehrerer Laute ist nicht bedeutungslos. Wie der einzelne Laut den vor\u00fcbergehenden Zustand, so bezeichnet sie die beharrliche Eigent\u00fcmlichkeit. Sie ist die t\u00f6nende Charakteristik, das musikalische Portrait einer individuellen Organisation. So wiederholen viele Tierarten stets dasselbe Ger\u00e4usch, gleichsam um der Welt ihre Identit\u00e4t bekannt zu machen \u2013 \u2013 sie reimen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lie\u00dfe sich auch wohl denken, da\u00df bei einer ung\u00fcnstigen oder sehr abweichenden Naturanlage ein Volk auch ohne K\u00fcnstelei an der \u00c4hnlichkeit des Ger\u00e4usches ein ganz unm\u00e4\u00dfiges Wohlgefallen f\u00e4nde. Aber nur wo verkehrte Begriffe die Direktion der poetischen Bildung bestimmten, konnte man eine fremde gotische Zierrat zum notwendigen Gesetz, und das kindische Behagen an einer eigensinnigen Spielerei beinahe zum letzten Zweck der Kunst erheben. Eben wegen dieser urspr\u00fcnglichen Barbarei des Reims ist seine weise Behandlung eine so \u00e4u\u00dferst seltne und schwere Kunst, da\u00df die bewundernsw\u00fcrdige Geschicklichkeit der gr\u00f6\u00dften Meister kaum hinreicht, ihn nur unsch\u00e4dlich zu machen. In der sch\u00f6nen Kunst wird der Reim immer eine fremdartige St\u00f6rung bleiben. Sie verlangt Rhythmus und Melodie: denn nur die gesetzm\u00e4\u00dfige Gleichartigkeit in der zwiefachen Quantit\u00e4t aufeinander folgender T\u00f6ne kann das Allgemeine ausdr\u00fccken. Die regelm\u00e4\u00dfige \u00c4hnlichkeit in der physischen Qualit\u00e4t mehrerer Kl\u00e4nge kann nur das <em>Einzelne<\/em> ausdr\u00fccken. Unstreitig kann sie in der Hand eines gro\u00dfen Meisters ungemein viel Sinn bekommen und ein wichtiges Organ der <em>charakteristischen<\/em> Poesie werden. Auch von dieser Seite best\u00e4tigt sich also das Resultat, da\u00df der Reim (nebst der Herrschaft des Charakteristischen selbst) in der k\u00fcnstlichen Bildung der Poesie seine eigentliche Stelle findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es darf uns nicht irre machen, da\u00df dieser Spuren der K\u00fcnstlichkeit im Anfange der modernen Poesie, im Vergleich gegen die sp\u00e4tere Zeit doch nur wenige sind. Das gro\u00dfe barbarische Intermezzo, welches den Zwischenraum zwischen der antiken und der modernen Bildung anf\u00fcllt, mu\u00dfte erst beendigt sein, ehe der Charakter der letztern recht laut werden konnte. Es blieben zwar Fragmente der alten Eigent\u00fcmlichkeit genug \u00fcbrig; aber durch die nationale Individualit\u00e4t der Nordischen Sieger wurde dennoch gleichsam ein frischer Zweig auf den schadhaften Stamm gepfropft. Nun mu\u00dfte freilich die neue Natur erst Zeit haben, zu werden, zu wachsen, und sich zu entwickeln, ehe die Kunst sie nach Willk\u00fcr lenken und ihre Unerfahrenheit an ihr versuchen konnte. Der <em>Keim<\/em> der k\u00fcnstlichen Bildung war schon lange vorhanden: in einer k\u00fcnstlichen universellen Religion, in dem unaussprechlichen Elende selbst, welches das endliche Resultat der notwendigen Entartung der nat\u00fcrlichen Bildung war; in den vielen Fertigkeiten, Erfindungen und Kenntnissen, welche nicht verloren gingen. Was von der Ernte der ganzen Vorwelt noch vorhanden war, ward den barbarischen Ank\u00f6mmlingen zu Teil. Eine gro\u00dfe und reiche Erbschaft, welche sie aber dadurch teuer genug erkaufen, da\u00df ihnen die \u00e4u\u00dferste Unsittlichkeit der in sich selbst versunknen Natur zugleich mit \u00fcberliefert ward! Das Erdreich mu\u00dfte erst urbar gemacht werden und kultiviert sein, ehe dieser Keim sich allm\u00e4hlich entwickeln, und aus dem Scho\u00dfe der Barbarei die neue Form langsam ans Licht treten konnte. \u00dcberdem hatte der moderne Geist mit den notwendigen Bed\u00fcrfnissen der Religion und Politik so viel zu schaffen, da\u00df er erst sp\u00e4t an den Luxus des Sch\u00f6nen denken konnte. Daher blieb auch die Europ\u00e4ische Poesie so geraume Zeit beinahe ganz national. Es sind neben ihrem Naturcharakter nur einige, zwar unverkennbare, aber doch wenige Spuren des k\u00fcnstlichen Charakters sichtbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar \u00e4u\u00dfern dirigierende Begriffe ihren Einflu\u00df auf die \u00e4sthetische Praxis: diese sind aber selbst so d\u00fcrftig, da\u00df sie h\u00f6chstens f\u00fcr fr\u00fche Spuren der k\u00fcnftigen Theorie gelten k\u00f6nnen. Es existiert noch gar keine eigentliche Theorie, welche von der Praxis abgesondert, und notd\u00fcrftig zusammenh\u00e4ngend w\u00e4re. Sp\u00e4terhin tritt aber die <em>Theorie<\/em> mit ihrem zahlreichen Gefolge desto herrschs\u00fcchtiger hervor, greift immer weiter um sich, k\u00fcndigt sich selbst als gesetzgebendes Prinzip der modernen<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/SchlegelF-KFSA,+1.+Abt.+Bd.+1\">[236]<\/a> Poesie an, und wird als solches auch vom Publikum, wie vom K\u00fcnstler und Kenner anerkannt. Es w\u00e4re eigentlich ihre gro\u00dfe Bestimmung, dem verderbten Geschmack seine verlorne Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, und der verirrten Kunst ihre echte Richtung wiederzugeben. Aber nur wenn sie allgemeing\u00fcltig w\u00e4re, k\u00f6nnte sie allgemeingeltend werden, und von einer kraftlosen Anma\u00dfung sich zum Range einer wirklichen \u00f6ffentlichen Macht erheben. Wie wenig sie aber bis jetzt gewesen sei, was sie sein sollte, ist schon daraus offenbar, da\u00df sie nie mit sich selbst einig werden konnte. Bis dahin m\u00fcssen die Gr\u00e4nzen des Verstandes und des Gef\u00fchls im Gebiete der Kunst von beiden Seiten best\u00e4ndig \u00fcberschritten werden. Die einseitige Theorie wird sich leicht noch gr\u00f6\u00dfere Rechte anma\u00dfen, als selbst der allgemeing\u00fcltigen zukommen w\u00fcrden. Der entartete Geschmack hingegen wird der Wissenschaft seine eigne verkehrte Richtung mitteilen, statt da\u00df er von ihr eine bessere empfangen sollte. Stumpfe oder niedrige Gef\u00fchle, verworrne oder schiefe Urteile, l\u00fcckenhafte oder gemeine Anschauungen werden nicht nur eine Menge einzelner unrichtiger Begriffe und Grunds\u00e4tze erzeugen, sondern auch grundschiefe Richtungen der Untersuchung, ganz verkehrte Grundgesetze veranlassen. Daher der zwiefache Charakter der modernen Theorie, welcher das unl\u00e4ugbare Resultat ihrer ganzen Geschichte ist. Sie ist n\u00e4mlich teils ein treuer Abdruck des modernen Geschmacks, der abgezogene Begriff der verkehrten Praxis, die Regel der Barbarei; teils das verdienstvolle stete Streben nach einer allgemeing\u00fcltigen Wissenschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dieser Herrschaft des Verstandes, aus dieser K\u00fcnstlichkeit unsrer \u00e4sthetischen Bildung erkl\u00e4ren sich alle, auch die seltsamsten Eigenheiten der modernen Poesie v\u00f6llig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Periode der Kindheit des dirigierenden Verstandes, wenn der theoretisierende Instinkt ein selbst\u00e4ndiges Produkt aus sich zu erzeugen noch nicht im Stande ist; pflegt er sich gern an eine <em>gegebne Anschauung<\/em> anzuschlie\u00dfen, wo er Allgemeing\u00fcltigkeit \u2013 das Objekt seines ganzen Strebens \u2013 ahndet. Daher die auffallende <em>Nachahmung des Antiken,<\/em> auf welche alle Europ\u00e4ische Nationen schon so fr\u00fche fielen, bei welcher sie mit der standhaftesten Ausdauer beharrten, und zu der sie immer nach einer kurzen Pause nur auf neue Weise zur\u00fcckkehrten. Denn der theoretisierende Instinkt hoffte vorz\u00fcglich hier sein Streben zu befriedigen, die gesuchte Objektivit\u00e4t zu finden. Der kindische Verstand erhebt das einzelne Beispiel zur allgemeinen Regel, adelt das Herkommen, und sanktioniert das Vorurteil. Die <em>Auktorit\u00e4t der Alten<\/em> (so schlecht man sie verstand, so verkehrt man sie auch nachahmte) ist das erste Grundgesetz in der Konstitution des \u00e4ltesten \u00e4sthetischen Dogmatismus, welcher nur die Vor\u00fcbung der eigentlich philosophischen Theorie der Poesie war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Willk\u00fcr der lenkenden Bildungskunst ist unumschr\u00e4nkt; die gef\u00e4hrlichen Werkzeuge der unerfahrnen sind <em>Scheidung<\/em> und <em>Mischung<\/em> aller gegebnen Stoffe und vorhandnen Kr\u00e4fte. Ohne auch nur zu ahnden, was sie tut, er\u00f6ffnet sie ihre Laufbahn mit einer zerst\u00f6renden Ungerechtigkeit; ihr erster Versuch ist ein Fehler, welcher zahllose andre nach sich zieht, welchen die Anstrengung vieler Jahrhunderte kaum wieder gut machen kann. Der widersinnige Zwang ihrer t\u00f6richten Gesetze, ihrer gewaltsamen Trennungen und Verkn\u00fcpfungen hemmt, verwirrt, verwischt, und vernichtet endlich die Natur. Den Werken, welche sie produziert, fehlt es an einem innern Lebensprinzip; es sind nur einzelne durch \u00e4u\u00dfre Gewalt aneinander gefesselte St\u00fccke, ohne eigentlichen Zusammenhang, ohne ein Ganzes. Nach vielf\u00e4ltigen Anstrengungen ist die endliche Frucht ihres langen Flei\u00dfes oft keine andre als eine durchg\u00e4ngige Anarchie, eine vollendete Charakterlosigkeit. Die allgemeine Vermischung der Nationalcharaktere, die stete Wechselnachahmung im ganzen Gebiete der modernen Poesie w\u00fcrde zwar schon durch den politischen und religi\u00f6sen Zusammenhang eines V\u00f6lkersystems, welches sich durch seine \u00e4u\u00dfre Lage vielfach ber\u00fchrt und aus einem gemeinschaftlichen Stamm entsprungen ist, begreiflich werden k\u00f6nnen: gleichwohl bekommt sie durch die K\u00fcnstlichkeit der Bildung einen ganz eigent\u00fcmlichen Anstrich. Bei einer nat\u00fcrlichen Bildung w\u00fcrden wenigstens gewisse Gr\u00e4nzen der Absonderung, wie der Vereinigung entschieden und bestimmt sein. Die Willk\u00fcr der Absicht allein konnte eine so gr\u00e4nzenlose Verwirrung erzeugen, und endlich jede Spur von Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit vertilgen! Zwar gibt es noch immer so viele Hauptmassen der Eigent\u00fcmlichkeit, als gro\u00dfe kultivierte Nationen. Doch sind die wenigen gemeinsamen Z\u00fcge sehr schwankend, und eigentlich existiert jeder K\u00fcnstler f\u00fcr sich, ein <em>isolierter Egoist<\/em> in der Mitte seines Zeitalters und seines Volks. Es gibt so viele individuelle Manieren als originelle K\u00fcnstler. Zu manierierter Einseitigkeit gesellt sich die reichste Vielseitigkeit, von der Zeit an, da die rege gewordne Kraft der Natur anfing ihrer F\u00fclle unter dem Druck des k\u00fcnstlichen Zwanges Luft zu machen. Denn je weiter man von der reinen Wahrheit entfernt ist, je mehr einseitige Ansichten derselben gibt es. Je gr\u00f6\u00dfer die schon vorhandene Masse des Originellen ist, desto seltner wird neue echte Originalit\u00e4t. Daher die zahllose Legion der nachahmenden Echok\u00fcnstler; daher genialische Originalit\u00e4t das h\u00f6chste Ziel des K\u00fcnstlers, der oberste Ma\u00dfstab des Kenners.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verstand kann durch zahllose Irrt\u00fcmer doch endlich eine sp\u00e4te bessere Einsicht teuer erkaufen und sich dann sicher einer dauernden Vervollkommnung n\u00e4hern. Es ist alsdann unstreitig m\u00f6glich, da\u00df er den urspr\u00fcnglichen Nationalcharakter auch rechtm\u00e4\u00dfig und zu einem h\u00f6hern Zweck ver\u00e4ndern, verwischen und selbst vertilgen k\u00f6nne. Weit ungl\u00fccklicher noch sind aber diese seine chymischen Versuche in der willk\u00fcrlichen Scheidung und Mischung der urspr\u00fcnglichen K\u00fcnste und reinen Kunstarten. Unvermeidlich wird sein ungl\u00fccklicher Scharfsinn die Natur gewaltsam zerr\u00fctten, ihre Einfachheit verf\u00e4lschen, und ihre sch\u00f6ne Organisation gleichsam in elementarische Masse aufl\u00f6sen und zerst\u00f6ren. Ob sich aber durch diese k\u00fcnstliche Zusammensetzungen wirkliche neue Verbindungen und Arten entdecken lassen, ist wenigstens \u00e4u\u00dferst ungewi\u00df. Wie werden nicht die Gr\u00e4nzen der einzelnen K\u00fcnste in der Vereinigung mehrerer verwirrt? In einem und demselben Kunstwerke ist die Poesie oft zugleich Despotin und Sklavin der Musik. Der Dichter will darstellen, was nur der Schauspieler vermag; und er l\u00e4\u00dft L\u00fccken f\u00fcr jenen, die nur er selbst ausf\u00fcllen k\u00f6nnte. Die dramatische Gattung allein k\u00f6nnte uns eine reiche Beispielsammlung von unnat\u00fcrlichen Vermischungen der reinen Dichtarten darbieten. Ich w\u00e4hle nur ein einziges aber ein gl\u00e4nzendes Beispiel: durch die Trefflichkeit der Ausf\u00fchrung wird die Monstrosit\u00e4t der Gattung selbst nur desto sichtbarer. Es gibt eine Art moderner Dramen, welche man<em> lyrische<\/em> nennen k\u00f6nnte. Nicht wegen einzelner lyrischer Teile: denn jedes sch\u00f6ne dramatische Ganze ist aus lauter lyrischen Elementen zusammengesetzt; sondern ein Gedicht in dramatischer Form, dessen Einheit aber eine musikalische Stimmung oder lyrische Gleichartigkeit ist \u2013 die dramatische \u00c4u\u00dferung einer lyrischen Begeistrung. Keine Gattung wird von schlechten Kennern so h\u00e4ufig und so sehr verkannt als diese: weil die Einheit der Stimmung nicht durch den Verstand eingesehen, sondern nur durch ein zarteres Gef\u00fchl wahrgenommen werden kann. Eins der trefflichsten Gedichte dieser Art, der \u00bbRomeo\u00ab des Shakespeare ist gleichsam nur ein romantischer Seufzer \u00fcber die fl\u00fcchtige K\u00fcrze der jugendlichen Freude; ein sch\u00f6ner Klagegesang, da\u00df diese frischesten Bl\u00fcten im Fr\u00fchling des Lebens unter dem lieblosen Hauch des rauhen Schicksals so schnell dahinwelken. Es ist eine hinrei\u00dfende <em>Elegie,<\/em> wo die s\u00fc\u00dfe Pein, der schmerzliche Genu\u00df der zartesten Liebe unaufl\u00f6slich verwebt ist. Diese bezaubernde Mischung unaufl\u00f6slich verwebter Anmut und Schmerzen ist aber eben der eigentliche Charakter der Elegie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts kann die K\u00fcnstlichkeit der modernen \u00e4sthetischen Bildung besser erl\u00e4utern und best\u00e4tigen, als das gro\u00dfe <em>\u00dcbergewicht des Individuellen, Charakteristischen und Philosophischen<\/em> in der ganzen Masse der modernen Poesie. Die vielen und trefflichen Kunstwerke, deren Zweck ein philosophisches Interesse ist, bilden nicht etwa blo\u00df eine unbedeutende Nebenart der sch\u00f6nen Poesie, sondern eine ganz eigne gro\u00dfe Hauptgattung, welche sich wieder in zwei Unterarten spaltet. Es gibt eine selbstt\u00e4tige Darstellung einzelner und allgemeiner, bedingter und unbedingter Erkenntnisse, welche von sch\u00f6ner Kunst ebenso verschieden ist, als von Wissenschaft und Geschichte. Das H\u00e4\u00dfliche ist ihr oft in ihrer Vollendung unentbehrlich, und auch das Sch\u00f6ne gebraucht sie eigentlich nur als Mittel zu ihrem bestimmten philosophischen Zweck. \u00dcberhaupt hat man bisher das Gebiet der darstellenden Kunst zu eng beschr\u00e4nkt, das der sch\u00f6nen Kunst hingegen zu weit ausgedehnt. Der <em>spezifische Charakter<\/em> der sch\u00f6nen Kunst ist freies Spiel ohne bestimmten Zweck; der der darstellenden Kunst \u00fcberhaupt die Idealit\u00e4t der Darstellung. <em>Idealisch<\/em> aber ist eine Darstellung (mag ihr Organ nun Bezeichnung oder Nachahmung sein) in welcher der dargestellte Stoff nach den Gesetzen des darstellenden Geistes gew\u00e4hlt und geordnet, wo m\u00f6glich auch gebildet wird. Wenn es verg\u00f6nnt ist, alle diejenigen <em>K\u00fcnstler<\/em> zu nennen, deren Medium idealische Darstellung, deren Ziel aber unbedingt ist: so gibt es drei spezifisch verschiedene Klassen von K\u00fcnstlern, je nachdem ihr Ziel das Gute, das Sch\u00f6ne, oder das Wahre ist. Es gibt Erkenntnisse, welche durch historische Nachahmung wie durch intellektuelle Bezeichnung durchaus nicht mitgeteilt, welche nur dargestellt werden k\u00f6nnen; individuelle idealische Anschauungen, als Beispiele und Belege zu Begriffen und Ideen. Auf der andern Seite gibt es auch Kunstwerke, idealische Darstellungen, welche offenbar keinen andern Zweck haben, als Erkenntnis. Ich nenne die idealische Poesie, deren Ziel das philosophisch Interessante ist, <em>didaktische Poesie.<\/em> Werke, deren Stoff didaktisch, deren Zweck aber \u00e4sthetisch, oder Werke, deren Stoff und Zweck didaktisch, deren \u00e4u\u00dfre Form aber poetisch ist, sollte man durchaus nicht so benennen: denn nie kann die individuelle Beschaffenheit des Stoffs ein hinreichendes Prinzip zu einer g\u00fcltigen \u00e4sthetischen Klassifikation sein. Die Tendenz der meisten, trefflichsten und ber\u00fchmtesten modernen Gedichte ist philosophisch. Ja die moderne Poesie scheint hier eine gewisse Vollendung, ein H\u00f6chstes in ihrer Art erreicht zu haben. Die didaktische Klasse ist ihr Stolz und ihre Zierde; sie ist ihr originellstes Produkt, weder aus verkehrter Nachahmung noch aus irriger Lehre erk\u00fcnstelt; sondern aus den verborgnen Tiefen ihrer urspr\u00fcnglichen Kraft erzeugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gro\u00dfe Umfang des Charakteristischen in der ganzen \u00e4sthetischen Bildung der Modernen offenbart sich auch in andern K\u00fcnsten. Gibt es nicht eine charakteristische <em>Malerei,<\/em> deren Interesse weder \u00e4sthetisch, noch historisch, sondern rein <em>physiognomisch,<\/em> also philosophisch; deren Behandlung aber nicht historisch, sondern idealisch ist? Sie \u00fcbertrifft sogar an Bestimmtheit der Individualit\u00e4t die Poesie so unendlich weit, wie sie ihr an Umfang, Zusammenhang und Vollst\u00e4ndigkeit nachsteht. Selbst in der <em>Musik<\/em> hat die Charakteristik individueller Objekte ganz wider die Natur dieser Kunst \u00fcberhand genommen. Auch in der<em> Schauspielkunst<\/em> herrscht das Charakteristische unumschr\u00e4nkt. Ein mimischer virtuose mu\u00df an Organisation und Geist gleichsam ein physischer und intellektueller Proteus sein, um sich selbst in jede Manier und jeden Charakter, bis auf die individuellsten Z\u00fcge metamorphosieren zu k\u00f6nnen. Dar\u00fcber wird die Sch\u00f6nheit vernachl\u00e4ssigt, der Anstand oft beleidigt, und der mimische Rhythmus vollends ganz vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was war nat\u00fcrlicher, als da\u00df das lenkende Prinzipium auch das gesetzgebende? da\u00df das philosophisch Interessante letzter Zweck der Poesie ward? Der isolierende Verstand f\u00e4ngt damit an, da\u00df er das Ganze der Natur trennt und vereinzelt. Unter seiner Leitung geht daher die durchg\u00e4ngige Richtung der Kunst auf treue Nachahmung des Einzelnen. Bei h\u00f6herer intellektueller Bildung wurde also nat\u00fcrlich das Ziel der modernen Poesie <em>originelle und interessante Individualit\u00e4t.<\/em> Die nackte Nachahmung des Einzelnen ist aber eine blo\u00dfe Kopistengeschicklichkeit, und keine freie Kunst. Nur durch eine <em>idealische Stellung<\/em> wird die Charakteristik eines Individuums zum philosophischen Kunstwerk. Durch diese Anordnung mu\u00df das Gesetz des Ganzen aus der Masse klar hervortreten, und sich dem Auge leicht darbieten; der Sinn, Geist, innre Zusammenhang des dargestellten Wesens mu\u00df aus ihm selbst hervorleuchten. Auch die charakteristische Poesie kann und soll daher im Einzelnen das Allgemeine darstellen; nur ist dieses Allgemeine (das Ziel des Ganzen und das Prinzip der Anordnung der Masse) nicht \u00e4sthetisch, sondern didaktisch. Aber selbst die reichhaltigste philosophische Charakteristik ist doch nur eine einzelne Merkw\u00fcrdigkeit f\u00fcr den Verstand, eine bedingte Erkenntnis, das St\u00fcck eines Ganzen, welches die strebende Vernunft nicht befriedigt. Der Instinkt der Vernunft strebt stets nach in sich selbst vollendeter Vollst\u00e4ndigkeit, und schreitet unaufh\u00f6rlich vom Bedingten zum Unbedingten fort. Das Bed\u00fcrfnis des Unbedingten und der Vollst\u00e4ndigkeit ist der Ursprung und Grund der zweiten Art der didaktischen Gattung. Dies ist die eigentliche <em>philosophische Poesie,<\/em> welche nicht nur den Verstand, sondern auch die Vernunft interessiert. Ihre eigne nat\u00fcrliche Entwicklung und Fortschreitung f\u00fchrt die charakteristische Poesie zur <em>philosophischen Trag\u00f6die,<\/em> dem vollkommnen Gegensatze der \u00e4sthetischen Trag\u00f6die. Diese ist die Vollendung der sch\u00f6nen Poesie, besteht aus lauter lyrischen Elementen, und ihr endliches Resultat ist die h\u00f6chste Harmonie. Jene ist das h\u00f6chste Kunstwerk der didaktischen Poesie, besteht aus lauter charakteristischen Elementen, und ihr endliches Resultat ist die h\u00f6chste Disharmonie. Ihre Katastrophe ist tragisch; nicht so ihre ganze Masse: denn die durchg\u00e4ngige Reinheit des Tragischen (eine notwendige Bedingung der \u00e4sthetischen Trag\u00f6die) w\u00fcrde der Wahrheit der charakteristischen und philosophischen Kunst Abbruch tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist hier nicht der Ort, die noch v\u00f6llig unbekannte Theorie der philosophischen Trag\u00f6die umst\u00e4ndlich zu entwickeln. Doch sei es verg\u00f6nnt, den aufgestellten Begriff dieser Dichtart, welche an sich ein so interessantes Ph\u00e4nomen, und au\u00dferdem eins der wichtigsten Dokumente f\u00fcr die Charakteristik der modernen Poesie ist, durch ein einziges Beispiel zu erl\u00e4utern, welches an Gehalt und vollendetem Zusammenhang des Ganzen bis jetzt das trefflichste seiner Art ist. \u2013 Man verkennt den \u00bbHamlet\u00ab oft so sehr, da\u00df man ihn st\u00fcckweise lobt. Eine ziemlich inkonsequente Toleranz, wenn das Ganze wirklich so unzusammenh\u00e4ngend, so sinnlos ist, als man stillschweigend voraussetzt! \u00dcberhaupt ist in Shakespeares Dramen der Zusammenhang selbst zwar so einfach und klar, da\u00df er offnen und unbefangnen Sinnen sichtbar und von selbst einleuchtet. Der Grund des Zusammenhanges aber liegt oft so tief verborgen, die unsichtbaren Bande, die Beziehungen sind so fein, da\u00df auch die scharfsinnigste kritische Analyse mi\u00dfgl\u00fccken mu\u00df, wenn es an Takt fehlt, wenn man falsche Erwartungen mitbringt, oder von irrigen Grunds\u00e4tzen ausgeht. Im \u00bbHamlet\u00ab entwickeln sich alle einzelnen Teile notwendig aus einem gemeinschaftlichen Mittelpunkt, und wirken wiederum auf ihn zur\u00fcck. Nichts ist fremd, \u00fcberfl\u00fcssig, oder zuf\u00e4llig in diesem Meisterst\u00fcck k\u00fcnstlerischer Weisheit Der Mittelpunkt des Ganzen liegt im Charakter des Helden. Durch eine wunderbare Situation wird alle St\u00e4rke seiner edeln Natur in den Verstand zusammengedr\u00e4ngt, die t\u00e4tige Kraft aber ganz vernichtet. Sein Gem\u00fct trennt sich, wie auf der Folterbank nach entgegengesetzten Richtungen auseinander gerissen; es zerf\u00e4llt und geht unter im \u00dcberflu\u00df von m\u00fc\u00dfigem Verstand, der ihn selbst noch peinlicher dr\u00fcckt, als alle die ihm nahen. Es gibt vielleicht keine vollkommnere Darstellung der unaufl\u00f6slichen Disharmonie, welche der eigentliche Gegenstand der philosophischen Trag\u00f6die ist, als ein so gr\u00e4nzenloses Mi\u00dfverh\u00e4ltnis der denkenden und der t\u00e4tigen Kraft, wie in Hamlets Charakter. Der Totaleindruck dieser Trag\u00f6die ist ein <em>Maximum der Verzweiflung.<\/em> Alle Eindr\u00fccke, welche einzeln gro\u00df und wichtig schienen, verschwinden als trivial vor dem, was hier als das letzte, einzige Resultat alles Seins und Denkens erscheint; vor der ewigen <em>Kolossalen Dissonanz,<\/em> welche die Menschheit und das Schicksal unendlich trennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ganzen Gebiete der modernen Poesie ist dieses Drama f\u00fcr den \u00e4sthetischen Geschichtsforscher eins der wichtigsten Dokumente. In ihm ist der Geist seines Urhebers am sichtbarsten; hier ist, was \u00fcber die andern Werke des Dichters nur einzeln zerstreut ist, gleichsam ganz beisammen. <em>Shakespeare<\/em> aber ist unter allen K\u00fcnstlern derjenige, welcher den Geist der modernen Poesie \u00fcberhaupt am vollst\u00e4ndigsten und am treffendsten charakterisiert. In ihm vereinigen sich die reizendsten Bl\u00fcten der Romantischen Phantasie, die gigantische Gr\u00f6\u00dfe der gotischen Heldenzeit, mit den feinsten Z\u00fcgen moderner Geselligkeit, mit der tiefsten und reichhaltigsten poetischen Philosophie. In den beiden letzten R\u00fccksichten k\u00f6nnte es zu Zeiten scheinen, er h\u00e4tte die Bildung unsers Zeitalters antizipiert. Wer \u00fcbertraf ihn je an unersch\u00f6pflicher F\u00fclle des Interessanten? An Energie aller Leidenschaften? An unnachahmlicher Wahrheit des Charakteristischen? An einziger Originalit\u00e4t? Er umfa\u00dft die eigent\u00fcmlichsten \u00e4sthetischen Vorz\u00fcge der Modernen jeder Art im weitesten Umfange, h\u00f6chster Trefflichkeit und in ihrer ganzen Eigent\u00fcmlichkeit, sogar bis auf die exzentrischen Sonderbarkeiten und Fehler, welche sie mit sich f\u00fchren. Man darf ihn ohne \u00dcbertreibung den<em> Gipfel der modernen Poesie<\/em> nennen. Wie reich ist er an einzelnen Sch\u00f6nheiten jeder Art! Wie oft ber\u00fchrt er ganz nahe das h\u00f6chste Erreichbare! In der ganzen Masse der modernen Poesie entspricht vielleicht nichts dem vollkommenen Sch\u00f6nen so sehr als die liebensw\u00fcrdige Gr\u00f6\u00dfe, die bis zur Anmut vollendete Tugend des <em>Brutus<\/em> im \u00bbC\u00e4sar\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch wu\u00dften viele gelehrte und scharfsinnige Denker nie recht, was sie mit Shakespeare machen sollten. Der inkorrekte Mensch wollte ihren konventionellen Theorien gar nicht recht zusagen. Eine unwiderstehliche Sympathie befreundet n\u00e4mlich den Kenner ohne Takt und treffenden Blick mit den ordentlichen Dichtern, die zu schwach sind, um ausschweifen zu k\u00f6nnen. Es ist daher wenig mehr als die Mittelm\u00e4\u00dfigkeit derjenigen K\u00fcnstler, die weder warm noch kalt sind, welche unter dem Namen der <em>Korrektheit<\/em> gestempelt und geheiligt worden ist. Das gew\u00f6hnliche Urteil, Shakespeares Inkorrektheit s\u00fcndige wider die Regeln der Kunst, ist, um wenig zu sagen, sehr voreilig, so lange noch gar keine objektive Theorie existiert. \u00dcberdem hat ja noch kaum irgendein Theoretiker auch nur versucht, die Gesetze der charakteristischen Poesie und der philosophischen Kunst \u00fcberhaupt etwas vollst\u00e4ndiger zu entwickeln. Es ist wahr, Shakespeare hat, ungeachtet der best\u00e4ndigen Protestationen der Regelm\u00e4\u00dfigkeit, die Menge immer unwiderstehlich gefesselt. Dennoch zweifle ich, da\u00df sein philosophischer Geist der Menge eigentlich fa\u00dflich sein k\u00f6nne. Durch seine sinnliche St\u00e4rke fortgerissen, von seiner t\u00e4uschenden Wahrheit ergriffen, und h\u00f6chstens durch seine unersch\u00f6pfliche F\u00fclle bezaubert, war es vielleicht nur seine <em>k\u00f6rperliche Masse,<\/em> bei der sie stehenblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat, so scheint es, den richtigen Gesichtspunkt ganz verfehlt. Wer seine Poesie als <em>sch\u00f6ne<\/em> Kunst beurteilt, der ger\u00e4t nur in tiefere Widerspr\u00fcche, je mehr Scharfsinn er besitzt, je besser er den Dichter kennt. Wie die Natur Sch\u00f6nes und H\u00e4\u00dfliches durcheinander mit gleich \u00fcppigem Reichtum erzeugt, so auch Shakespeare. Keins seiner Dramen ist <em>in Masse<\/em> sch\u00f6n; nie bestimmt Sch\u00f6nheit die Anordnung des Ganzen. Auch die einzelnen Sch\u00f6nheiten sind wie in der Natur nur selten von <em>h\u00e4\u00dflichen Zus\u00e4tzen<\/em> rein, und sie sind nur<em> Mittel<\/em> eines andern Zwecks; sie dienen dem charakteristischen oder philosophischen Interesse. Er ist oft auch da eckig und ungeschliffen, wo die feinere Rundung am n\u00e4chsten lag; n\u00e4mlich um dieses h\u00f6hern Interesse willen. Nicht selten ist seine F\u00fclle eine unaufl\u00f6sliche Verwirrung und das Resultat des Ganzen ein unendlicher Streit. Selbst mitten unter den heitern Gestalten unbefangner Kindheit oder fr\u00f6hlicher Jugend verwundet uns eine bittre Erinnerung an die v\u00f6llige Zwecklosigkeit des Lebens, an die vollkommne Leerheit alles Daseins. Nichts ist so widerlich, bitter, emp\u00f6rend, ekelhaft, platt und gr\u00e4\u00dflich, dem seine Darstellung sich entz\u00f6ge, sobald es ihr Zweck dessen bedarf. Nicht selten <em>entfleischt<\/em> er seine Gegenst\u00e4nde, und w\u00fchlt wie mit anatomischem Messer in der ekelhaften Verwesung moralischer Kadaver. \u00bbDa\u00df er den Menschen mit seinem Schicksale auf die freundlichste Weise bekannt mache;\u00ab ist daher wohl eine zu weit getriebne Milderung. Ja eigentlich kann man nicht einmal sagen, da\u00df er uns zu der <em>reinen<\/em> Wahrheit f\u00fchre. Er gibt uns nur eine <em>einseitige<\/em> Ansicht derselben, wenngleich die reichhaltigste und umfassendste. Seine Darstellung ist nie objektiv, sondern durchg\u00e4ngig <em>maniriert:<\/em> wiewohl ich der erste bin, der eingesteht, da\u00df seine Manier die gr\u00f6\u00dfte, seine Individualit\u00e4t die interessanteste sei, welche wir bis jetzt kennen. Man hat es schon oft bemerkt, da\u00df das originelle Gepr\u00e4ge seiner individuellen Manier unverkennbar und unnachahmlich sei. Vielleicht kann \u00fcberhaupt das Individuelle nur individuell aufgefa\u00dft und dargestellt werden. Wenigstens scheinen charakteristische Kunst und Manier unzertrennliche Gef\u00e4hrten, notwendige Korrelaten. Unter Manier verstehe ich in der Kunst eine individuelle Richtung des Geistes und eine individuelle Stimmung der Sinnlichkeit, welche sich in Darstellungen, die idealisch sein sollen, \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesem Mangel der Allgemeing\u00fcltigkeit, aus dieser Herrschaft des Manirierten, Charakteristischen und Individuellen, erkl\u00e4rt sich von selbst die durchg\u00e4ngige Richtung der Poesie, ja der ganzen \u00e4sthetischen Bildung der Modernen aufs Interessante. <em>Interessant<\/em> n\u00e4mlich ist jedes originelle Individuum, welches ein gr\u00f6\u00dferes Quantum von intellektuellem Gehalt oder \u00e4sthetischer Energie enth\u00e4lt. Ich sagte mit Bedacht: ein <em>gr\u00f6\u00dferes.<\/em> Ein gr\u00f6\u00dferes n\u00e4mlich als das empfangende Individuum bereits besitzt: denn das Interessante verlangt eine individuelle Empf\u00e4nglichkeit, ja nicht selten eine momentane Stimmung derselben. Da alle Gr\u00f6\u00dfen ins Unendliche vermehrt werden k\u00f6nnen, so ist klar, warum auf diesem Wege nie eine vollst\u00e4ndige Befriedigung erreicht werden kann; warum es kein <em>h\u00f6chstes Interessantes<\/em> gibt. Unter den verschiedensten Formen und Richtungen, in allen Graden der Kraft \u00e4u\u00dfert sich in der ganzen Masse der modernen Poesie durchg\u00e4ngig dasselbe <em>Bed\u00fcrfnis nach einer vollst\u00e4ndigen Befriedigung,<\/em> ein gleiches Streben nach einem <em>absoluten Maximum der Kunst.<\/em> \u2013 Was die Theorie versprach, was man in der Natur suchte, in jedem einzelnen Idol zu finden hoffte; was war es anders als ein <em>\u00e4sthetisches H\u00f6chstes?<\/em> Je \u00f6fter das in der menschlichen Natur gegr\u00fcndete Verlangen nach vollst\u00e4ndiger Befriedigung durch das Einzelne und Ver\u00e4nderliche (auf deren Darstellung die Kunst bisher ausschlie\u00dfend gerichtet war) get\u00e4uscht wurde, je heftiger und rastloser ward es. Nur das Allgemeing\u00fcltige, Beharrliche und Notwendige \u2013 das <em>Objektive<\/em> kann diese gro\u00dfe L\u00fccke ausf\u00fcllen; nur das Sch\u00f6ne kann diese hei\u00dfe Sehnsucht stillen. Das<em> Sch\u00f6ne<\/em> (ich stelle dessen Begriff hier nur problematisch auf, und lasse dessen wirkliche G\u00fcltigkeit und Anwendbarkeit f\u00fcr jetzt unentschieden) ist der allgemeing\u00fcltige Gegenstand eines uninteressierten Wohlgefallens, welches von dem Zwange des Bed\u00fcrfnisses und des Gesetzes gleich unabh\u00e4ngig, frei und dennoch notwendig, ganz zwecklos und dennoch unbedingt zweckm\u00e4\u00dfig ist. Das \u00dcberma\u00df des Individuellen f\u00fchrt also von selbst zum Objektiven, das Interessante ist die Vorbereitung des Sch\u00f6nen, und das letzte Ziel der modernen Poesie kann kein andres sein als das <em>h\u00f6chste Sch\u00f6ne,<\/em> ein Maximum von objektiver \u00e4sthetischer Vollkommenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem zweiten Ber\u00fchrungspunkte treffen von neuem die verschiedenen Str\u00f6me, in die sich die moderne Poesie seit ihrem Ursprunge spaltete, alle zusammen. Die K\u00fcnstlichkeit ihrer Bildung enthielt den Grund ihrer Eigenschaften, und wenn die Richtung und das Ziel ihrer Laufbahn den <em>Zweck ihrer Bestrebungen<\/em> begreiflich macht, so wird der Sinn ihrer ganzen Masse vollst\u00e4ndig erkl\u00e4rt, und unsre Frage beantwortet sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Herrschaft des Interessanten ist durchaus nur eine <em>vor\u00fcbergehende Krise<\/em> des Geschmacks: denn sie mu\u00df sich endlich selbst vernichten. Doch sind die zwei Katastrophen, unter denen sie zu w\u00e4hlen hat, von sehr verschiedner Art. Geht die Richtung mehr auf \u00e4sthetische Energie, so wird der Geschmack, der alten Reize je mehr und mehr gewohnt, nur immer heftigere und sch\u00e4rfere begehren. Er wird schnell genug zum Piquanten und Frappanten \u00fcbergehn. Das<em> Piquante<\/em> ist, was eine stumpfgewordne Empfindung krampfhaft reizt; das <em>Frappante<\/em> ist ein \u00e4hnlicher Stachel f\u00fcr die Einbildungskraft. Dies sind die Vorboten des nahen Todes. Das <em>Fade<\/em> ist die d\u00fcnne Nahrung des ohnm\u00e4chtigen, und das <em>Choquante,<\/em> sei es abenteuerlich, ekelhaft oder gr\u00e4\u00dflich, die letzte Konvulsion des sterbenden Geschmacks. \u2013 Wenn hingegen philosophischer Gehalt in der Tendenz des Geschmacks das \u00dcbergewicht hat, und die Natur stark genug ist, auch den heftigsten Ersch\u00fctterungen nicht zu unterliegen: so wird die strebende Kraft, nachdem sie sich in Erzeugung einer \u00fcberm\u00e4\u00dfigen F\u00fclle des Interessanten ersch\u00f6pft hat, sich gewaltsam ermannen, und zu Versuchen des Objektiven \u00fcbergehn. Daher ist der echte Geschmack in unserm Zeitalter weder ein Geschenk der Natur noch eine Frucht der Bildung allein, sondern nur unter der Bedingung gro\u00dfer sittlicher Kraft und fester Selbst\u00e4ndigkeit m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erhabne Bestimmung der modernen Poesie ist also nichts geringeres als das h\u00f6chste Ziel jeder m\u00f6glichen Poesie, das Gr\u00f6\u00dfte was von der Kunst gefordert werden, und wonach sie streben kann. Das unbedingt <em>H\u00f6chste<\/em> kann aber nie ganz erreicht werden. Das \u00e4u\u00dferste, was die strebende Kraft vermag, ist: sich diesem unerreichbaren Ziele immer mehr und mehr zu n\u00e4hern. Und auch diese <em>endlose Ann\u00e4herung<\/em> scheint nicht ohne innere Widerspr\u00fcche zu sein, die ihre M\u00f6glichkeit zweifelhaft machen. Die R\u00fcckkehr von entarteter Kunst zur echten, vom verderbten Geschmack zum richtigen scheint nur ein <em>pl\u00f6tzlicher Sprung<\/em> sein zu k\u00f6nnen, der sich mit dem <em>steten Fortschreiten,<\/em> durch welches sich jede Fertigkeit zu entwickeln pflegt, nicht wohl vereinigen l\u00e4\u00dft. Denn das Objektive ist unver\u00e4nderlich und beharrlich: sollte also die Kunst und der Geschmack je Objektivit\u00e4t erreichen, so m\u00fc\u00dfte die \u00e4sthetische Bildung gleichsam<em> fixiert<\/em> werden. Ein <em>absoluter Stillstand<\/em> der \u00e4sthetischen Bildung l\u00e4\u00dft sich gar nicht denken. Die moderne Poesie wird sich also immer ver\u00e4ndern. Kann sie sich aber nicht ebensowohl wiederum <em>r\u00fcckw\u00e4rts<\/em> von dem Ziele entfernen? Kann sie dies nicht auch dann noch, wenn sie schon eine bessere Richtung genommen hatte? Sind also nicht alle menschlichen Bem\u00fchungen fruchtlos? \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon im Einzelnen ist das Sch\u00f6ne eine Gunst der Natur. Wie viel mehr wird es in der Masse immer von einem einzigen Zusammenflu\u00df seltner Umst\u00e4nde abh\u00e4ngen, welchen der Mensch nicht einmal zu lenken, geschweige denn hervorzubringen vermag? \u00dcberhaupt k\u00f6nnen die Anspr\u00fcche an die Selbstt\u00e4tigkeit der Masse, so scheint es, nie m\u00e4\u00dfig genug sein. Ihre Bildung, ihre Fortschritte und ihr endliches Gelingen bleiben \u2013 trauriges Los! \u2013 dem <em>Zufall<\/em> \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle bessere Menschen hassen den Zufall und sein Gefolge in jeder Gestalt. Jene gro\u00dfe Aufgabe des Schicksals mu\u00df gleichsam ein m\u00e4chtiges Aufgebot der Aufmerksamkeit und T\u00e4tigkeit f\u00fcr alle die sein, welche die Poesie interessiert. Mag die Hoffnung noch so gering, die Aufl\u00f6sung noch so schwer sein:<em> der Versuch ist notwendig!<\/em> Wer hier gleichg\u00fcltig und faul bleibt, dem liegt nichts an der W\u00fcrde der Kunst und der Menschheit. Was hilft die H\u00f6he der Bildung ohne eine feste Grundlage? Was Kraft ohne eine sichre Richtung, ohne Ebenma\u00df und Gleichgewicht? Was ein Chaos einzelner sch\u00f6ner Elemente ohne eine vollst\u00e4ndige, reine Sch\u00f6nheit? Nur die gewisse Aussicht auf eine g\u00fcnstige Katastrophe der Zukunft k\u00f6nnte uns \u00fcber den jetzigen Zustand der \u00e4sthetischen Bildung befriedigen und beruhigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahr ists, der Gang der modernen Bildung, der Geist unsres Zeitalters und der Deutsche Nationalcharakter insbesondre scheinen der Poesie nicht sehr g\u00fcnstig! \u2013 \u00bbWie geschmacklos sind doch, k\u00f6nnte vielleicht mancher denken, alle Einrichtungen und Verfassungen; wie unpoetisch alle Gebr\u00e4uche, die ganze Lebensart der Modernen! \u00dcberall herrscht schwerf\u00e4llige Formalit\u00e4t ohne Leben und Geist, leidenschaftliche Verwirrung und h\u00e4\u00dflicher Streit. Umsonst sucht mein Blick hier eine freie F\u00fclle, eine leichte Einheit. \u2013 Hei\u00dft es, die edle Kraft der Deutschen Vorv\u00e4ter verkennen, wenn man Zweifel hegt, ob die Goten geborne Dichter waren? Oder war auch das barbarische Christentum der M\u00f6nche eine sch\u00f6ne Religion? Tausend Beweise rufen euch einstimmig zu: <em>Prosa<\/em> ist die eigentliche Natur der Modernen. Fr\u00fcherhin ist in der modernen Poesie doch wenigstens gigantische Kraft und phantastisches Leben. Bald aber wurde die Kunst das gelehrte Spielwerk eitler Virtuosen. Die Lebenskraft jener heroischen Zeit war nun verloschen, der Geist entflohn; nur der Nachhall des ehemaligen Sinns blieb zur\u00fcck. Was ist die Poesie der sp\u00e4tern Zeit, als ein Chaos aus d\u00fcrftigen Fragmenten der Romantischen Poesie, ohnm\u00e4chtigen Versuchen h\u00f6chster Vollkommenheit, welche sich mit w\u00e4chsernen Fl\u00fcgeln in grader Richtung gen Himmel schwingen, und aus verungl\u00fcckten Nachahmungen mi\u00dfverstandner Muster? So flickten Barbaren aus sch\u00f6nen Fragmenten einer bessern Welt Gotische Geb\u00e4ude zusammen. So fertigt der Nordische Sch\u00fcler mit eisernem Flei\u00df m\u00fchsam nach der Antike steinerne Gem\u00e4lde \u2013 Die Menschheit bl\u00fchte nur einmal und nicht wieder. Diese Bl\u00fcte war die sch\u00f6ne Kunst. Im herben Winter l\u00e4\u00dft sich ja kein k\u00fcnstlicher Fr\u00fchling erzwingen. Der allgemeine Geist des Zeitalters ist \u00fcberdem aufgel\u00f6ste Erschlaffung und Sittenlosigkeit. Ihr seid schlecht, und wollt sch\u00f6n scheinen? Euer Innres ist wurmstichig und euer \u00c4u\u00dfres soll rein sein? Widersinniges Beginnen! Wo der Charakter entmannt ist, wo es keine eigentliche sittliche Bildung gibt, da sinkt die Kunst nat\u00fcrlich zu einem niedrigen Kitzel zerflossener \u00dcppigkeit herab. \u2013 Am hoffnungslosesten ist das Los der Deutschen Poesie! Unter den Engl\u00e4ndern und Franzosen haben doch wenigstens die Darstellungen des geselligen Lebens urspr\u00fcngliche Wahrheit, eigne Bestandheit, lebendigen Sinn und echte Bedeutung. Der Deutsche hingegen kann nicht darstellen, was er gar nicht hat; wenn er es versucht, f\u00e4llt er in \u00fcberspannte Tr\u00e4umereien oder in Frost. Zwar entfernt auch den Engl\u00e4nder die eckige Ungeschliffenheit, der stumpfe Tr\u00fcbsinn, die eiserne Hartn\u00e4ckigkeit; den Franzosen die flache Heftigkeit, der seichte Ungest\u00fcm, die abgeschliffne Leerheit ihres einseitigen Nationalcharakters weit genug vom vollkommnen Sch\u00f6nen. Den charakterlosen Deutschen macht aber die kleinliche Umst\u00e4ndlichkeit, die verworrne Schwerf\u00e4lligkeit, die uralte bed\u00e4chtliche Langsamkeit seines Geistes zu den leichten Spielen der freien Kunst vollends ganz unf\u00e4hig. Einzelne Ausnahmen beweisen nichts f\u00fcrs Ganze. Gibt es auch in Deutschland hie und da Geschmack, so gab es auch noch unter dem Nero R\u00f6mer.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In solchen und noch schw\u00e4rzern historischen Rembrandts schildert man mit Farben der H\u00f6lle \u2013 zwar nicht ohne feierliches Pathos im Vortrag, aber eigentlich leichtsinnig genug \u2013 den Geist gro\u00dfer V\u00f6lker, eines merkw\u00fcrdigen Zeitalters. Jeder einzelne Zug dieser Darstellung kann wahr sein, oder doch etwas Wahres enthalten, wenn aber die Z\u00fcge nicht vollst\u00e4ndig sind, wenn der Zusammenhang fehlt, so ist das Ganze dennoch falsch. \u2013 So ist die h\u00f6chste \u00e4sthetische Erschlaffung in dem Zusammenhange unsres Zeitalters ein offenbar <em>g\u00fcnstiges Symptom<\/em> der vor\u00fcbergehenden wohlt\u00e4tigen Krise des Interessanten, welcher nur die schwache Natur unterliegt. Diese Erschlaffung entspringt aus dem gewaltsamsten oft \u00fcberspannten Streben; daher steht so oft die gr\u00f6\u00dfte Kraft dicht neben ihr. Der Fall ist nat\u00fcrlich der H\u00f6he, die Erschlaffung der Anspannung gleich. Die Sittenlosigkeit mag von der Masse wahr sein, doch w\u00fcrde sie die Fortschritte des Geschmacks schwerlich hemmen, welche der sittlichen Bildung leicht zuvoreilen k\u00f6nnten. Der Geschmack ist ungleich freier von \u00e4u\u00dfrer Gewalt und von verderblicher Ansteckung. Die sittliche Bildung auch der Einzelnen wird durch die verf\u00fchrerische Gewalt der Masse viel leichter fortgerissen, durch allgemeinherrschende Vorurteile erstickt, durch \u00e4u\u00dfre Einrichtungen jeder Art gefesselt. Es kann auch nicht von einem gl\u00fccklichen Nationalcharakter allein abh\u00e4ngen, ob die Poesie der Modernen ihre hohe Bestimmung erreichen werde oder nicht: denn ihre Bildung ist k\u00fcnstlich. Der bessre Geschmack der Modernen soll nicht ein Geschenk der Natur, sondern das selbst\u00e4ndige Werk ihrer Freiheit sein. Wenn nur Kraft da ist, so wird es der Kunst endlich gelingen k\u00f6nnen, die Einseitigkeit derselben zu berichtigen und die h\u00f6chste Gunst der Natur zu ersetzen. An <em>\u00e4sthetischer Kraft<\/em> fehlt es aber den Modernen nicht, wenn ihr gleich noch eine weise F\u00fchrung fehlt. Gewi\u00df ihre poetische Anlage lie\u00dfe sich wohl in Schutz nehmen. Oder ist die Natur auch gegen die Itali\u00e4ner karg gewesen? Es sind bei den Deutschen noch Erinnerungen \u00fcbrig, da\u00df der Deutsche Geschmack sp\u00e4ter gebildet wurde. So weit sie die andern kultivierten Nationen Europas im Einzelnen \u00fcbertreffen, so weit stehn sie in Masse zur\u00fcck. Anspruchslose Erfindsamkeit und bescheidne Kraft aber sind urspr\u00fcngliche charakteristische Z\u00fcge dieser Nation, die sich oft selbst verkennt. Die ber\u00fcchtigte Deutsche <em>Nachahmungssucht<\/em> mag hie und da wirklich den Spott verdienen, mit dem man sie zu brandmarken pflegt. Im Ganzen aber ist Vielseitigkeit ein echter Fortschritt der \u00e4sthetischen Bildung, und ein naher Vorbote der Allgemeing\u00fcltigkeit. Die sogenannte Charakterlosigkeit der Deutschen ist also dem manirierten Charakter andrer Nationen weit vorzuziehen, und erst, wenn die nationale Einseitigkeit ihrer \u00e4sthetischen Bildung mehr verwischt, und berichtigt sein wird, k\u00f6nnen sie sich zu der h\u00f6hern Stufe jener Vielseitigkeit erheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Charakter der \u00e4sthetischen Bildung unsres Zeitalters und unsrer Nation verr\u00e4t sich selbst durch ein merkw\u00fcrdiges und gro\u00dfes Symptom. <em>Goethens<\/em> Poesie ist die Morgenr\u00f6te echter Kunst und reiner Sch\u00f6nheit. \u2013 Die sinnliche St\u00e4rke, welche ein Zeitalter, ein Volk mit sich fortrei\u00dft, war der kleinste Vorzug, mit dem schon der J\u00fcngling auftrat. Der philosophische Gehalt, die charakteristische Wahrheit seiner sp\u00e4tern Werke durfte mit dem unersch\u00f6pflichen Reichtum des Shakespeare verglichen werden. Ja wenn der \u00bbFaust\u00ab vollendet w\u00e4re, so w\u00fcrde er wahrscheinlich den \u00bbHamlet\u00ab, das Meisterst\u00fcck des Engl\u00e4nders, mit welchem er gleichen Zweck zu haben scheint, weit \u00fcbertreffen. Was dort nur Schicksal, Begebenheit \u2013 Schw\u00e4che ist, das ist hier Gem\u00fct, Handlung \u2013 Kraft. Hamlets Stimmung und Richtung n\u00e4mlich ist ein Resultat seiner \u00e4u\u00dfern Lage; Fausts \u00e4hnliche Richtung ist urspr\u00fcnglicher Charakter. \u2013 Die Vielseitigkeit des darstellenden Verm\u00f6gens dieses Dichters ist so gr\u00e4nzenlos, da\u00df man ihn den <em>Proteus<\/em> unter den K\u00fcnstlern nennen, und diesem Meergotte gleichstellen k\u00f6nnte, von dem es hei\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErstlich ward er ein Leu mit f\u00fcrchterlich wallender M\u00e4hne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flo\u00df dann als Wasser dahin, und rauscht&#8216; als Baum in den Wolken;\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann daher den mystischen Ausdruck der richtigen Wahrnehmung allenfalls verzeihen, wenn einige Liebhaber ihm eine gewisse <em>poetische Allmacht<\/em> beilegen, welcher nichts unm\u00f6glich sei; und sich in scharfsinnigen Abhandlungen \u00fcber seine <em>Einzigkeit<\/em> ersch\u00f6pfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir scheint es, da\u00df dieser raffinierte Mystizismus den richtigen Gesichtspunkt verfehle; da\u00df man Goethen sehr Unrecht tue, wenn man ihn auf diese Weise in einen Deutschen Shakespeare metamorphosiert. In der charakteristischen Poesie w\u00fcrde der manirierte Engl\u00e4nder vielleicht doch den Vorzug behaupten. Das Ziel des Deutschen ist aber das Objektive. Das Sch\u00f6ne ist der wahre Ma\u00dfstab, seine liebensw\u00fcrdige Dichtung zu w\u00fcrdigen. \u2013 Was kann reizender sein als die leichte Fr\u00f6hlichkeit, die ruhige Heiterkeit seiner Stimmung? Die reine Bestimmtheit, die zarte Weichheit seiner Umrisse? Hier ist nicht blo\u00df Kraft, sondern auch Ebenma\u00df und Gleichgewicht! Die Grazien selbst verrieten ihrem Lieblinge das Geheimnis einer <em>sch\u00f6nen Stellung.<\/em> Durch einen wohlt\u00e4tigen Wechsel von Ruhe und Bewegung wei\u00df er das reizendste Leben \u00fcber das Ganze gleichm\u00e4\u00dfig zu verbreiten, und in einfachen Massen ordnet sich die freie F\u00fclle von selbst zu einer leichten Einheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Er steht in der Mitte zwischen dem Interessanten und dem Sch\u00f6nen, zwischen dem Manirierten und dem Objektiven.<\/em> Es darf uns daher nicht befremden, da\u00df in einigen wenigen Werken seine eigne Individualit\u00e4t noch zu laut wird, da\u00df er in vielen andern sich nach Laune metamorphosiert, und fremde Manier annimmt. Dies sind gleichsam \u00fcbriggebliebene Erinnerungen an die Epoche des Charakteristischen und Individuellen. Und doch wei\u00df er, so weit dies m\u00f6glich ist, selbst in die Manier eine Art von Objektivit\u00e4t zu bringen. So gef\u00e4llt er sich auch zu Zeiten in geringf\u00fcgigem Stoff, der hie und da so d\u00fcnne und gleichg\u00fcltig wird, als ginge er ernstlich damit um \u2013 wie es ein leeres Denken ohne Inhalt gibt \u2013 ganz reine Gedichte ohne allen Stoff hervorzubringen. In diesen Werken ist der Trieb des Sch\u00f6nen gleichsam m\u00fc\u00dfig; sie sind ein reines Produkt des Darstellungstriebes allein. Fast k\u00f6nnte es scheinen, als sei die Objektivit\u00e4t seiner Kunst nicht angeborne Gabe allein, sondern auch Frucht der Bildung; die Sch\u00f6nheit seiner Werke hingegen eine unwillk\u00fcrliche Zugabe seiner urspr\u00fcnglichen Natur. Er ist im Fr\u00f6hlichen wie im R\u00fchrenden immer reizend; so oft er will, sch\u00f6n; seltner erhaben. Seine r\u00fchrende Kraft streift hie und da, aus ungest\u00fcmer Heftigkeit ans Bittre und Emp\u00f6rende, oder aus mildernder Schw\u00e4chung ans Matte. Gew\u00f6hnlich aber ist hinrei\u00dfende Kraft mit weiser Schonung aufs gl\u00fccklichste vereinigt. \u2013 Wo er ganz frei von Manier ist, da ist seine Darstellung wie die ruhige und heitre Ansicht eines h\u00f6hern Geistes, der keine Schw\u00e4che teilt, und durch kein Leiden gest\u00f6rt wird, sondern die reine Kraft allein ergreift und f\u00fcr die Ewigkeit hinstellt. Wo er ganz er selbst ist, da ist der Geist seiner reizenden Dichtung <em>liebliche F\u00fclle<\/em> und <em>hinrei\u00dfende Anmut.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser gro\u00dfe K\u00fcnstler er\u00f6ffnet die Aussicht auf eine ganz <em>neue Stufe der \u00e4sthetischen Bildung.<\/em> Seine Werke sind eine unwiderlegliche Beglaubigung, da\u00df das Objektive m\u00f6glich, und die Hoffnung des Sch\u00f6nen kein leerer Wahn der Vernunft sei. Das <em>Objektive<\/em> ist hier wirklich schon erreicht, und da die notwendige Gewalt des Instinkts jede st\u00e4rkere \u00e4sthetische Kraft (die sich nicht selbst aufreibt) aus der Krise des Interessanten dahin f\u00fchren mu\u00df: so wird das Objektive auch bald allgemeiner, es wird \u00f6ffentlich anerkannt, und <em>durchg\u00e4ngig herrschend<\/em> werden. Dann hat die \u00e4sthetische Bildung den <em>entscheidenden Punkt erreicht,<\/em> wo sie sich selbst \u00fcberlassen nicht mehr sinken, sondern nur durch \u00e4u\u00dfre Gewalt in ihren Fortschritten aufgehalten, oder (etwa durch eine physische Revolution) v\u00f6llig zerst\u00f6rt werden kann. Ich meine die gro\u00dfe, moralische Revolution, durch welche die Freiheit in ihrem Kampfe mit dem Schicksal (in der Bildung) endlich ein entschiedenes \u00dcbergewicht \u00fcber die Natur bekommt. Dies geschieht in dem wichtigen Moment, wenn auch im bewegenden Prinzip, in der Kraft der Masse die Selbstt\u00e4tigkeit herrschend wird; denn das lenkende Prinzip der k\u00fcnstlichen Bildung ist ohnehin selbstt\u00e4tig. Nach jener Revolution wird nicht nur der Gang der Bildung, die Richtung der \u00e4sthetischen Kraft, die Anordnung der ganzen Masse des gemeinschaftlichen Produkts nach dem Zweck und Gesetz der Menschheit sich bestimmen; sondern auch in der vorhandnen Kraft und Masse der Bildung selbst wird das Menschliche das \u00dcbergewicht haben. Wenn die Natur nicht etwa <em>Verst\u00e4rkung<\/em> bekommt, wie durch eine physische Revolution, die freilich alle Kultur mit einem Streich vernichten k\u00f6nnte: so kann die Menschheit in ihrer Entwicklung ungest\u00f6rt fortschreiten. Die k\u00fcnstliche Bildung kann dann wenigstens nicht wie die nat\u00fcrliche <em>in sich selbst<\/em> zur\u00fccksinken. \u2013 Es ist auch kein Wunder, da\u00df die Freiheit in jenem harten Kampf endlich den Sieg davontr\u00e4gt, wenngleich die \u00dcberlegenheit der Natur im Anfange der Bildung noch so gro\u00df sein mag. Denn die Kraft des Menschen w\u00e4chst mit verdoppelter Progression, indem jeder Fortschritt nicht nur gr\u00f6\u00dfere Kr\u00e4fte gew\u00e4hrt, sondern auch neue Mittel zu fernern Fortschritten an die Hand gibt. Der lenkende Verstand mag sich, so lange er unerfahren ist, noch so oft selbst schaden: es mu\u00df eine Zeit kommen, wo er alle seine Fehler reichlich ersetzen wird. Die blinde \u00dcbermacht mu\u00df endlich dem verst\u00e4ndigen Gegner unterliegen. \u2013 Nichts ist \u00fcberhaupt so einleuchtend als die Theorie der Perfektibilit\u00e4t. Der reine Satz der Vernunft von der notwendigen unendlichen Vervollkommnung der Menschheit ist ohne alle Schwierigkeit. Nur die Anwendung auf die Geschichte kann die schlimmsten Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse veranlassen, wenn der <em>Blick<\/em> fehlt, den eigentlichen Punkt zu treffen, den rechten Moment wahrzunehmen, das Ganze zu \u00fcbersehn. Es ist immer schwer, oft unm\u00f6glich, das verworrne Gewebe der Erfahrung in seine einfachen F\u00e4den aufzul\u00f6sen, die gegenw\u00e4rtige Stufe der Bildung richtig zu w\u00fcrdigen, die n\u00e4chstkommende gl\u00fccklich zu erraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Gang und die Richtung der modernen Bildung bestimmen <em>herrschende Begriffe.<\/em> Ihr Einflu\u00df ist also unendlich wichtig, ja entscheidend. Wie es in der modernen Masse nur wenige Bruchst\u00fccke echter sittlicher Bildung gibt, moralische Vorurteile aber statt gro\u00dfer und guter Gesinnungen allgemein herrschen: so gibt es auch <em>\u00e4sthetische Vorurteile,<\/em> welche weit tiefer gewurzelt, allgemeiner verbreitet, und ungleich sch\u00e4dlicher sind, als es dem ersten fl\u00fcchtigen Blick scheinen m\u00f6chte. Der allm\u00e4hliche und langsame Stufengang der Entwicklung des Verstandes f\u00fchrt notwendigerweise einseitige Meinungen mit sich. Diese enthalten zwar einzelne Z\u00fcge der Wahrheit; aber die Z\u00fcge sind unvollst\u00e4ndig und aus ihrem eigentlichen Zusammenhang gerissen, und dadurch der Gesichtspunkt verr\u00fcckt, das Ganze zerst\u00f6rt. Solche Vorurteile sind zuweilen zu ihrer Zeit gewisserma\u00dfen n\u00fctzlich, und haben eine lokale Zweckm\u00e4\u00dfigkeit. So wurde durch den orthodoxen Glauben, da\u00df es eine Wissenschaft gebe, die allein zureichend sei, sch\u00f6ne Werke zu verfertigen, doch das Streben nach dem Objektiven aufrecht, und standhaft erhalten; und das System der \u00e4sthetischen Anarchie diente wenigstens dazu, den Despotismus der einseitigen Theorie zu desorganisieren. Gef\u00e4hrlicher und schlechthin verwerflich sind aber andre \u00e4sthetische Vorurteile, welche die fernere Entwicklung selbst hemmen. Es ist die heiligste Pflicht aller Freunde der Kunst, solche Irrt\u00fcmer, welche der nat\u00fcrlichen Freiheit schmeicheln, und die Selbstkraft l\u00e4hmen, indem sie die Hoffnungen der Kunst als unm\u00f6glich, die Bestrebungen derselben als fruchtlos darstellen, ohne Schonung zu bek\u00e4mpfen, ja wo m\u00f6glich ganz zu vertilgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So denken viele: \u00bbSch\u00f6ne Kunst sei gar nicht Eigentum der ganzen Menschheit; am wenigsten eine Frucht k\u00fcnstlicher Bildung. Sie sei die unwillk\u00fcrliche Ergie\u00dfung einer g\u00fcnstigen Natur; die <em>lokale<\/em> Frucht des gl\u00fccklichsten Klima; eine <em>momentane Epoche,<\/em> eine vor\u00fcbergehende Bl\u00fcte, gleichsam der kurze Fr\u00fchling der Menschheit. Da sei schon die Wirklichkeit selbst edel, sch\u00f6n und reizend, und die gemeinste Volkssage ohne alle k\u00fcnstliche Zubereitung bezaubernde Poesie. Jene frische Bl\u00fcte der jugendlichen Phantasie, jene m\u00e4chtige und schnelle Elastizit\u00e4t, jene h\u00f6here Gesundheit des Gef\u00fchls k\u00f6nne nicht erk\u00fcnstelt, und einmal zerr\u00fcttet nie wieder geheilt werden. Am wenigsten unter der Nordischen H\u00e4rte eines tr\u00fcben Himmels, der Barbarei gotischer Verfassungen, dem Herzensfrost gelehrter Vielwisserei.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht kann dies unter manchen Einschr\u00e4nkungen, wenigstens f\u00fcr einen Teil der bildenden Kunst gelten. Es scheint in der Tat da\u00df f\u00fcr sch\u00f6ne Plastik der Mangel einer gl\u00fccklichen Organisation, und eines g\u00fcnstigen Klimas weder durch einen gewaltsamen Schwung der Freiheit, noch durch die h\u00f6chste Bildung ersetzt werden k\u00f6nne. Mit Unrecht und wider alle Erfahrung dehnt man dies aber auch auf die Poesie aus. Wie viel gro\u00dfe Barden und gl\u00fcckliche Dichter gab es nicht unter allen Zonen, deren urspr\u00fcngliche Feuerkraft durch die ausgesuchteste Unterdr\u00fcckung nicht erstickt werden konnte? Die Poesie ist eine <em>universelle<\/em> Kunst: denn ihr Organ, die <em>Phantasie<\/em> ist schon ungleich n\u00e4her mit der Freiheit verwandt, und unabh\u00e4ngiger von \u00e4u\u00dferm Einflu\u00df. Poesie und poetischer Geschmack ist daher weit korruptibler wie der plastische, aber auch <em>unendlich perfektibler.<\/em> Allerdings ist die frische Bl\u00fcte der jugendlichen Phantasie ein k\u00f6stliches Geschenk der Natur und zugleich das fl\u00fcchtigste. Schon durch einen einzigen giftigen Hauch entf\u00e4rbt sich das Kolorit der Unschuld, und welkend senkt die sch\u00f6ne Blume ihr Haupt. Aber auch dann, wenn die Phantasie schon lange durch Vielwisserei erdr\u00fcckt und abgestumpft, durch Wollust erschlafft und zerr\u00fcttet worden ist, kann sie sich durch einen Schwung der Freiheit und durch echte Bildung von neuem emporschwingen, und allm\u00e4hlich vervollkommnen. St\u00e4rke, Feuer, Elastizit\u00e4t kann sie v\u00f6llig wieder erreichen; nur das frische Kolorit, der romantische Duft jenes Fr\u00fchlings kehrt im Herbst nicht leicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr allgemein verbreitet ist ein andres Vorurteil, welches der sch\u00f6nen Kunst sogar alle selbst\u00e4ndige Existenz, alle eigent\u00fcmliche Bestandheit v\u00f6llig abspricht; ihre spezifische Verschiedenheit ganz leugnet. Ich f\u00fcrchte, wenn gewisse Leute laut d\u00e4chten, es w\u00fcrden sich viele Stimmen erheben: \u00bbDie Poesie sei nichts andres als die sinnbildliche Kindersprache der jugendlichen Menschheit: nur <em>Vor\u00fcbung der Wissenschaft, H\u00fclle der Erkenntnis,<\/em> eine \u00fcberfl\u00fcssige Zugabe des wesentlich Guten und N\u00fctzlichen. Je h\u00f6her die Kultur steige, desto unerme\u00dflicher verbreite sich das Gebiet der deutlichen Erkenntnis; das eigentliche Gebiet der Darstellung \u2013 die D\u00e4mmerung schrumpfe vor dem einbrechenden Licht immer enger zusammen. Der helle Mittag der Aufkl\u00e4rung sei nun da. Poesie \u2013 diese artige Kinderei sei f\u00fcr das letzte Jahrzehnt unsres philosophischen Jahrhunderts nicht mehr anst\u00e4ndig. Es sei endlich einmal Zeit, damit aufzuh\u00f6ren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hat man einen einzelnen Bestandteil der sch\u00f6nen Kunst, einen vor\u00fcbergehenden Zustand derselben in einer fr\u00fchern Stufe der Bildung mit ihrem Wesen selbst verwechselt. So lange die menschliche Natur existiert, wird der Trieb zur Darstellung sich regen, und die Forderung des Sch\u00f6nen bestehen. Die notwendige Anlage des Menschen, welche, sobald sie sich frei entwickeln darf, sch\u00f6ne Kunst erzeugen mu\u00df, ist <em>ewig.<\/em> Die Kunst ist eine ganz eigent\u00fcmliche T\u00e4tigkeit des menschlichen Gem\u00fcts, welche durch <em>ewige Gr\u00e4nzen<\/em> von jeder andern geschieden ist. \u2013 Alles menschliche Tun und Leiden ist ein gemeinschaftliches Wechselwirken des Gem\u00fcts und der Natur. Nun mu\u00df entweder die Natur oder das Gem\u00fct den letzten Grund des Daseins eines gemeinschaftlichen einzelnen Produkts enthalten, oder den ersten bestimmenden Sto\u00df zu dessen Hervorbringung geben. Im ersten Fall ist das Resultat <em>Erkenntnis.<\/em> Der Charakter des rohen Stoffs bestimmt den Charakter der aufgefa\u00dften Mannigfaltigkeit, und veranla\u00dft das Gem\u00fct, diese Mannigfaltigkeit zu einer bestimmten Einheit zu verkn\u00fcpfen, und in einer bestimmten Richtung die Verkn\u00fcpfung fortzusetzen, und zur Vollst\u00e4ndigkeit zu erg\u00e4nzen. Erkenntnis ist eine Wirkung der Natur im Gem\u00fct. \u2013 Im zweiten Fall hingegen mu\u00df das freie Verm\u00f6gen sich selbst eine bestimmte Richtung geben, und der Charakter der gew\u00e4hlten Einheit bestimmt den Charakter der zu w\u00e4hlenden Mannigfaltigkeit, die jenem Zwecke gem\u00e4\u00df gew\u00e4hlt, geordnet und wom\u00f6glich gebildet wird. Das Produkt ist ein <em>Kunstwerk<\/em> und eine Wirkung des Gem\u00fcts in der Natur. Zur <em>darstellenden<\/em> Kunst geh\u00f6rt jede Ausf\u00fchrung eines ewigen menschlichen Zwecks im Stoff der \u00e4u\u00dfern mit dem Menschen nur mittelbar verbundnen Natur. Es ist nicht zu besorgen, da\u00df dieser Stoff je ausgehn, oder da\u00df die ewigen Zwecke je aufh\u00f6ren werden, Zwecke des Menschen zu sein. \u2013 Nicht weniger ist die Sch\u00f6nheit durch ewige Gr\u00e4nzen von allen \u00fcbrigen Teilen der menschlichen Bestimmung geschieden. Die reine Menschheit (ich verstehe darunter hier die vollst\u00e4ndige Bestimmung der menschlichen Gattung) ist nur eine und dieselbe, ohne alle Teile. In ihrer Anwendung auf die Wirklichkeit aber teilt sie sich nach der ewigen Verschiedenheit der urspr\u00fcnglichen Verm\u00f6gen und Zust\u00e4nde, und nach den besondern Organen, welche diese erfordern, in mehrere Richtungen. Wenn ich hier voraussetzen darf, da\u00df das <em>Gef\u00fchlsverm\u00f6gen<\/em> vom Vorstellungsverm\u00f6gen und Begehrungsverm\u00f6gen spezifisch verschieden sei; da\u00df ein mittlerer Zustand zwischen dem Zwang des Gesetzes und des Bed\u00fcrfnisses, ein Zustand des <em>freien Spiels,<\/em> und der bestimmungslosen Bestimmbarkeit in der menschlichen Natur ebenso notwendig sei, wie der Zustand gehorsamer Arbeit, und beschr\u00e4nkter Bestimmtheit: so ist auch die Sch\u00f6nheit eine dieser Richtungen und von ihrer Gattung \u2013 der ganzen Menschheit, wie von ihren Nebenarten \u2013 den \u00fcbrigen urspr\u00fcnglichen Bestandteilen der menschlichen Aufgabe, <em>spezifisch verschieden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nicht blo\u00df die Anlage zur Kunst und das Gebot der Sch\u00f6nheit sind physisch und moralisch notwendig; auch die <em>Organe<\/em> der sch\u00f6nen Kunst versprechen Dauer. Es mu\u00df doch wohl nicht erst erwiesen werden, da\u00df der <em>Schein<\/em> ein unzertrennlicher Gef\u00e4hrte des Menschen sei? Den Schein der Schw\u00e4che, des Irrtums, des Bed\u00fcrfnisses mag das Licht der Aufkl\u00e4rung immerhin zerst\u00f6ren: der <em>freie<\/em> Schein der spielenden Einbildungskraft kann darunter nicht leiden. Nur mu\u00df man der generelle Forderung der Darstellung und Erscheinung nicht eine spezielle Art der <em>Bildlichkeit<\/em> unterschieben; oder die gewaltsamen Ausbr\u00fcche der furchtbaren Leidenschaften wilder Naturmenschen mit dem Wesen der Poesie verwechseln. Allerdings ist es sehr nat\u00fcrlich und begreiflich, da\u00df auf einer gewissen<em> mittlern H\u00f6he<\/em> der k\u00fcnstlichen Bildung Gr\u00fcbelei und Vielwisserei, jene leichten Spiele der Einbildungskraft, l\u00e4hme und erdr\u00fccke, Verfeinerung und Verz\u00e4rtelung das Gef\u00fchl abschleife und schw\u00e4che. Durch den Zwang unvollkommner Kunst wird die Kraft des Triebes abgestumpft, seine Regsamkeit gefesselt, seine einfache Bewegung zerstreut und verwirrt. Die Sinnlichkeit und Geistigkeit ist aber im Menschen so innig verwebt, da\u00df ihre Entwicklung zwar wohl in vor\u00fcbergehenden Stufen, aber auch nur in diesen divergieren kann. <em>In Masse<\/em> werden sie gleichen Schritt halten, und der vernachl\u00e4ssigte Teil wird \u00fcber kurz oder lang das vers\u00e4umte nachholen. Es hat in der Tat den gr\u00f6\u00dften Anschein, da\u00df der Mensch mit der wachsenden H\u00f6he wahrer Geistesbildung auch an St\u00e4rke und Reizbarkeit des Gef\u00fchls, also an <em>echter \u00e4sthetischer Lebenskraft<\/em> (Leidenschaft und Reiz) eher gewinne als verliere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unbegreiflich scheint es, wie man sich habe \u00fcberreden k\u00f6nnen, die Itali\u00e4nische und Franz\u00f6sische Poesie, und wohl gar auch die Engl\u00e4ndische und Deutsche habe ihr <em>goldnes Zeitalter<\/em> schon gehabt. Man mi\u00dfbrauchte diesen Namen so sehr, da\u00df eine f\u00fcrstliche Protektion, eine Zahl ber\u00fchmter Namen, ein gewisser Eifer des Publikums, und allenfalls ein h\u00f6chster Gipfel in einer Nebensache hinl\u00e4ngliche Anspr\u00fcche dazu schienen. Nur war dabei schlimm, da\u00df f\u00fcr das ungl\u00fcckliche silberne eiserne, und bleierne Jahrhundert nichts \u00fcbrig blieb, als das traurige Los, jenen ewigen Mustern aus allen Kr\u00e4ften vergeblich nachzustreben. Wie kann vom <em>vollkommnen Stil<\/em> da auch nur die Frage sein, wo es eigentlich <em>gar keinen Stil,<\/em> sondern nur Manier gibt? Im strengsten Sinne des Worts hat auch nicht ein einziges modernes Kunstwerk, geschweige denn ein ganzes Zeitalter der Poesie den Gipfel \u00e4sthetischer <em>Vollendung<\/em> erreicht. Die stillschweigende Voraussetzung, welche dabei zum Grunde lag: da\u00df es die Bestimmung der \u00e4sthetischen Bildung sei, wie eine Pflanze oder ein Tier zu entstehen, allm\u00e4hlich sich zu entwickeln, dann zu reifen, wieder zu sinken, und endlich unterzugehen, \u2013 im ewigen Kreislauf immer endlich dahin zur\u00fcckzukehren, von wo ihr Weg zuerst ausging; diese Voraussetzung beruht auf einem blo\u00dfen Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse, auf dessen tiefliegenden Quell wir in der Folge sto\u00dfen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Entwicklung einer so kolossalischen und k\u00fcnstlich organisierten Masse, wie das Europ\u00e4ische V\u00f6lkersystem, darf ein partialer Stillstand, oder hie und da ein scheinbarer R\u00fcckgang der Bildung nicht au\u00dferordentlich scheinen. Doch ist wahrscheinlich auch da, wo man gewi\u00df glaubt, die Katastrophe sei vor\u00fcber, und die \u00e4sthetische Kraft auf immer erloschen, das Drama bei weitem noch nicht geendigt. Vielmehr scheint die Kraft da wie ein Feuer unter der Asche zu glimmen, und nur den g\u00fcnstigen Augenblick zu erwarten, um in eine helle Flamme aufzulodern. Es ist wahrhaft wunderbar, wie in unserm Zeitalter das Bed\u00fcrfnis des Objektiven sich allenthalben regt; wie auch der Glaube an das Sch\u00f6ne wieder erwacht, und unzweideutige Symptome den herannahenden bessern Geschmack verk\u00fcndigen. Der Augenblick scheint in der Tat f\u00fcr eine <em>\u00e4sthetische Revolution<\/em> reif zu sein, durch welche das Objektive in der \u00e4sthetischen Bildung der Modernen herrschend werden k\u00f6nnte. Nur geschieht freilich nichts Gro\u00dfes von selbst, ohne Kraft und Entschlu\u00df! Es w\u00fcrde ein sich selbst bestrafender Irrtum sein, wenn wir die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen und uns \u00fcberreden wollten, der Geschmack des Zeitalters bed\u00fcrfe gar keiner durchg\u00e4ngigen Verbesserung mehr. So lange das Objektive nicht allgemein herrschend ist, leuchtet dies Bed\u00fcrfnis von selbst ein. Die Herrschaft des Interessanten, Charakteristischen und Manirierten ist eine wahre <em>\u00e4sthetische Heteronomie<\/em> in der sch\u00f6nen Poesie. So wie in der chaotischen Anarchie der Masse der modernen Poesie alle Elemente der sch\u00f6nen Kunst vorhanden sind, so finden sich in ihr auch alle selbst die entgegengesetzten Arten des \u00e4sthetischen Verderbens, Rohigkeit neben K\u00fcnstelei, kraftlose D\u00fcrftigkeit neben gesetzlosem Frevel. Ich habe mich schon wider die Behauptung eines g\u00e4nzlichen Unverm\u00f6gens, einer rettungslosen Entartung ausdr\u00fccklich erkl\u00e4rt, und die H\u00f6he der \u00e4sthetischen Bildung, die St\u00e4rke der \u00e4sthetischen Kraft unsers Zeitalters anerkannt. Nur die echte Richtung, die richtige Stimmung fehlt; und nur durch sie und mit ihnen wird jede einzelne Trefflichkeit, welche au\u00dfer ihrem wahren Zusammenhange sehr leicht \u00e4u\u00dferst sch\u00e4dlich werden kann, ihren vollen Wert, und gleichsam ihre eigentliche Bedeutung erhalten. Dazu bedarf es einer v\u00f6lligen Umgestaltung, eines totalen Umschwunges einer Revolution.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00e4sthetische Bildung n\u00e4mlich ist von einer doppelten Art. Entweder die <em>progressive Entwicklung einer Fertigkeit.<\/em> Diese erweitert, sch\u00e4rft, verfeinert; ja sie belebt, st\u00e4rkt und erh\u00f6ht sogar die urspr\u00fcngliche Anlage. Oder sie ist eine <em>absolute Gesetzgebung,<\/em> welche die Kraft ordnet. Sie hebt den Streit einzelner Sch\u00f6nheiten, und fordert \u00dcbereinstimmung aller nach dem Bed\u00fcrfnis des Ganzen; sie gebietet strenge Richtigkeit, Ebenma\u00df und Vollst\u00e4ndigkeit; sie verbietet die Verwirrung der urspr\u00fcnglichen \u00e4sthetischen Gr\u00e4nzen, und verbannt das Manirierte, wie jede \u00e4sthetische Heteronomie. Mit einem Worte: ihr Werk ist die <em>Objektivit\u00e4t.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00e4sthetische Revolution setzt zwei notwendige Postulate als vorl\u00e4ufige Bedingungen ihrer M\u00f6glichkeit voraus. Das erste derselben ist <em>\u00e4sthetische Kraft.<\/em> Nicht das Genie des K\u00fcnstlers allein, oder die originelle Kraft idealischer Darstellung und \u00e4sthetischer Energie l\u00e4\u00dft sich weder erwerben noch ersetzen. Es gibt auch eine urspr\u00fcngliche Naturgabe des echten<em> Kenners,<\/em> welche zwar, wenn sie schon vorhanden ist, vielfach gebildet werden, wenn sie aber mangelt, durch keine Bildung ersetzt werden kann. Der treffende Blick, der sichre Takt; jene h\u00f6here Reizbarkeit des Gef\u00fchls, jede h\u00f6here Empf\u00e4nglichkeit der Einbildungskraft lassen sich weder lernen noch lehren. Aber auch die gl\u00fccklichste Anlage ist weder zu einem gro\u00dfen K\u00fcnstler noch zu einem gro\u00dfen Kenner zureichend. Ohne St\u00e4rke und Umfang des sittlichen Verm\u00f6gens, ohne Harmonie des ganzen Gem\u00fcts, oder wenigstens eine durchg\u00e4ngige Tendenz zu derselben, wird niemand in das Allerheiligste des Musentempels gelangen k\u00f6nnen. Daher ist das zweite notwendige Postulat f\u00fcr den einzelnen K\u00fcnstler und Kenner wie f\u00fcr die Masse des Publikums \u2013 <em>Moralit\u00e4t.<\/em> Der richtige Geschmack, k\u00f6nnte man sagen, ist das gebildete Gef\u00fchl eines sittlich guten Gem\u00fcts. Unm\u00f6glich kann hingegen der Geschmack eines schlechten Menschen richtig und mit sich selbst einig sein. Die Stoiker hatten in dieser R\u00fccksicht nicht Unrecht zu behaupten, da\u00df nur der Weise ein vollkommner Dichter und Kenner sein k\u00f6nne. Gewi\u00df hat der Mensch das Verm\u00f6gen, durch blo\u00dfe Freiheit die mannigfaltigen Kr\u00e4fte seines Gem\u00fcts zu lenken und zu ordnen. Er wird also auch seiner \u00e4sthetischen Kraft eine bessere Richtung und richtige Stimmung erteilen k\u00f6nnen. Nur mu\u00df er es<em> wollen;<\/em> und die Kraft, es zu wollen, die Selbstst\u00e4ndigkeit bei dem Entschlu\u00df zu beharren, kam ihm niemand mitteilen, wenn er sie nicht in sich selbst findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freilich ist aber der blo\u00dfe gute Wille nicht zureichend, so wenig wie die nackte Grundlage zur vollst\u00e4ndigen Ausf\u00fchrung eines Geb\u00e4udes. Eine entartete und mit sich selbst uneinige Kraft bedarf einer Kritik, einer Zensur, und diese setzt eine <em>Gesetzgebung<\/em> voraus. Eine vollkommne \u00e4sthetische Gesetzgebung w\u00fcrde das erste <em>Organ<\/em> der \u00e4sthetischen Revolution sein. Ihre Bestimmung w\u00e4re es, die blinde Kraft zu lenken, das Streitende in Gleichgewicht zu setzen, das Gesetzlose zur Harmonie zu ordnen; der \u00e4sthetischen Bildung eine feste Grundlage, eine sichre Richtung und eine gesetzm\u00e4\u00dfige Stimmung zu erteilen. Die <em>gesetzgebende Macht<\/em> der \u00e4sthetischen Bildung der Modernen d\u00fcrfen wir aber nicht erst lange suchen. Sie ist schon konstituiert. Es ist die Theorie: denn der Verstand war ja von Anfang an das lenkende Prinzip dieser Bildung. \u2013 <em>Verkehrte<\/em> Begriffe haben lange die Kunst beherrscht, und sie auf Abwege verleitet; <em>richtige<\/em> Begriffe m\u00fcssen sie auch wieder auf die rechte Bahn zur\u00fcckf\u00fchren. Von jeher haben auch sowohl die K\u00fcnstler als das Publikum der Modernen von der Theorie <em>Zurechtweisung<\/em> und befriedigende Gesetze erwartet und gefordert. Eine <em>vollendete<\/em> \u00e4sthetische Theorie w\u00fcrde aber nicht nur ein zuverl\u00e4ssiger Wegweiser der Bildung sein, sondern auch durch die Vertilgung sch\u00e4dlicher Vorurteile die Kraft von manchen Fesseln befreien, und ihren Weg von Dornen reinigen. Die Gesetze der \u00e4sthetischen Theorie haben aber nur insofern wahre<em> Auktorit\u00e4t,<\/em> als sie von der Majorit\u00e4t der \u00f6ffentlichen Meinung anerkannt und sanktioniert worden sind. Wenn das Bed\u00fcrfnis allgemeing\u00fcltiger Wahrheit Charakter des Zeitalters ist, so ist ein durch rhetorische K\u00fcnste erschlichnes Ansehn von kurzer Dauer; einseitige Unwahrheiten zerst\u00f6ren sich gegenseitig, und verj\u00e4hrte Vorurteile zerfallen von selbst. Dann kann die Theorie nur durch vollkommne und freie \u00dcbereinstimmung mit sich selbst ihren Gesetzen das vollg\u00fcltigste Ansehn verschaffen, und sich zu einer wirklichen <em>\u00f6ffentlichen Macht<\/em> erheben. Nur durch <em>Objektivit\u00e4t<\/em> kann sie ihrer Bestimmung entsprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gesetzt aber auch, es g\u00e4be eine objektive \u00e4sthetische Theorie, welches mehr ist, als wir bis jetzt r\u00fchmen k\u00f6nnen. <em>Reine<\/em> Wissenschaft bestimmt nur die Ordnung der Erfahrung, die F\u00e4cher f\u00fcr den Inhalt der Anschauung. Sie allein w\u00fcrde <em>leer<\/em> sein \u2013 wie Erfahrung allein verworren, ohne Sinn und Zweck \u2013 und nur in Verbindung mit einer <em>vollkommnen Geschichte<\/em> w\u00fcrde sie die Natur der Kunst und ihrer Arten vollst\u00e4ndig kennen lehren. Die Wissenschaft bedarf also der Erfahrung von einer Kunst, welche ein durchaus vollkommnes Beispiel ihrer Art, die <em>Kunst kat&#8217;exoch\u00e4n,<\/em> deren besondre Geschichte die <em>allgemeine Naturgeschichte der Kunst<\/em> w\u00e4re. \u00dcberdem kommt der Denker nicht frisch und unversehrt zur wissenschaftlichen Untersuchung. Er ist durch die Einfl\u00fcsse einer verkehrten Erfahrung angesteckt; er bringt Vorurteile mit, welche seiner Untersuchung auch im Gebiete der reinen Abstraktion eine durchaus falsche Richtung erteilen k\u00f6nnen. Auch bei dem aufrichtigsten Eifer steht es gar nicht in seiner Gewalt, diesen m\u00e4chtigen Vorurteilen mit einemmale zu entsagen: denn er m\u00fc\u00dfte die reine Wahrheit schon ergriffen haben, um den Ungrund des Irrtums einzusehen, und inne zu werden, wie falsch der Gang seiner Methode sei. Er bedarf daher aus einem doppelten Grunde einer <em>vollkommnen Anschauung.<\/em> Teils als Beispiel und Beleg zu seinem Begriff; teils als Tatsache und Urkunde seiner Untersuchung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch die L\u00fccke zwischen Theorie und Praxis, zwischen dem Gesetz und der einzelnen Tat ist unendlich gro\u00df. Es w\u00e4re wohlfeil, wenn der K\u00fcnstler durch den blo\u00dfen Begriff vom richtigen Geschmack und vollkommnen Stil das h\u00f6chste Sch\u00f6ne in seinen Werken wirklich hervorzubringen verm\u00f6chte. Das Gesetz mu\u00df <em>Neigung<\/em> werden. Leben kommt nur von Leben; Kraft erregt Kraft. Das reine Gesetz ist leer. Damit es<em> ausgef\u00fcllt,<\/em> und seine wirkliche Anwendung m\u00f6glich werde, bedarf es einer Anschauung, in welcher es in gleichm\u00e4\u00dfiger Vollst\u00e4ndigkeit gleichsam sichtbar erscheine \u2013 eines h\u00f6chsten <em>\u00e4sthetischen Urbildes.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon der Name der \u00bbNachahmung\u00ab ist schimpflich und gebrandmarkt bei allen denen, die sich Originalgenies zu sein d\u00fcnken. Man versteht darunter n\u00e4mlich die Gewaltt\u00e4tigkeit, welche die starke und gro\u00dfe Natur an dem Ohnm\u00e4chtigen aus\u00fcbt. Doch wei\u00df ich kein andres Wort als <em>Nachahmung<\/em> f\u00fcr die Handlung desjenigen \u2013 sei er K\u00fcnstler oder Kenner \u2013 der sich die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit jenes Urbildes zueignet, ohne sich durch die Eigent\u00fcmlichkeit, welche die \u00e4u\u00dfre Gestalt, die H\u00fclle des allgemeing\u00fcltigen Geistes, immer noch mit sich f\u00fchren mag, beschr\u00e4nken zu lassen. Es versteht sich von selbst, da\u00df diese Nachahmung ohne die h\u00f6chste Selbst\u00e4ndigkeit durchaus unm\u00f6glich ist. Ich rede von jener <em>Mitteilung des Sch\u00f6nen,<\/em> durch welche der Kenner den K\u00fcnstler, der K\u00fcnstler die Gottheit ber\u00fchrt, wie der Magnet das Eisen nicht blo\u00df anzieht, sondern durch seine Ber\u00fchrung ihm auch die magnetische Kraft mitteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wandelt die Gottheit auch in irdischer Gestalt? Kann das Beschr\u00e4nkte je vollst\u00e4ndig, das Endliche vollendet, das Einzelne allgemeing\u00fcltig sein? Gibt es unter Menschen eine Kunst, welche die Kunst schlechthin genannt zu werden verdiente? Gibt es sterbliche Werke, in denen das Gesetz der Ewigkeit sichtbar wird?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit richterlicher Majest\u00e4t \u00fcberschaut die Muse das Buch der Zeiten, die Versammlung der V\u00f6lker. \u00dcberall findet ihr strenger Blick nur Rohigkeit und K\u00fcnstelei, D\u00fcrftigkeit und Ausschweifung in stetem Wechsel. Kaum erheitert dann und wann ein schonendes L\u00e4cheln \u00fcber die liebensw\u00fcrdigen Spiele der kindlichen Unschuld ihren unwilligen Ernst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur bei einem Volke entsprach die sch\u00f6ne Kunst der hohen W\u00fcrde ihrer Bestimmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den <em>Griechen<\/em> allein war die Kunst von dem Zwange des Bed\u00fcrfnisses und der Herrschaft des Verstandes immer gleich frei; und vom ersten Anfange Griechischer Bildung bis zum letzten Augenblick, wo noch ein Hauch von echtem Griechensinn lebte, waren den Griechen sch\u00f6ne Spiele heilig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese <em>Heiligkeit sch\u00f6ner Spiele<\/em> und diese <em>Freiheit der darstellenden Kunst<\/em> sind die eigentlichen <em>Kennzeichen echter Griechheit. Allen Barbaren<\/em> hingegen ist <em>die Sch\u00f6nheit an sich selbst nicht gut genug.<\/em> Ohne Sinn f\u00fcr die unbedingte Zweckm\u00e4\u00dfigkeit ihres zwecklosen Spiels bedarf sie bei ihnen einer fremden H\u00fclfe, einer \u00e4u\u00dfern Empfehlung. Bei rohen wie bei verfeinerten Nichtgriechen ist die Kunst nur eine Sklavin der Sinnlichkeit oder der Vernunft. Nur durch merkw\u00fcrdigen, reichen, neuen und sonderbaren Inhalt; nur durch woll\u00fcstigen Stoff kann eine Darstellung ihnen wichtig und interessant werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon auf der ersten Stufe der Bildung und noch unter der Vormundschaft der Natur umfa\u00dfte die <em>Griechische Poesie<\/em> in gleichm\u00e4\u00dfiger Vollst\u00e4ndigkeit, im gl\u00fccklichsten Gleichgewicht und ohne einseitige Richtung oder \u00fcbertriebne Abweichung das Ganze der menschlichen Natur. Ihr kr\u00e4ftiges Wachstum entwickelte sich bald zur Selbst\u00e4ndigkeit, und erreichte die Stufe, wo das Gem\u00fct in seinem Kampfe mit der Natur ein entschiedenes \u00dcbergewicht erlangt; und ihr goldnes Zeitalter erreichte den h\u00f6chsten Gipfel der Idealit\u00e4t (vollst\u00e4ndiger Selbstbestimmung der Kunst) und der Sch\u00f6nheit, welcher in irgendeiner nat\u00fcrlichen Bildung m\u00f6glich ist. Ihre Eigent\u00fcmlichkeit ist der kr\u00e4ftigste, reinste, bestimmteste, einfachste und vollst\u00e4ndigste Abdruck der allgemeinen Menschennatur. Die Geschichte der Griechischen Dichtkunst ist eine allgemeine Naturgeschichte der Dichtkunst; eine vollkommne und gesetzgebende Anschauung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Griechenland wuchs die Sch\u00f6nheit ohne k\u00fcnstliche Pflege und gleichsam <em>wild.<\/em> Unter diesem gl\u00fccklichen Himmel war die darstellende Kunst nicht erlernte Fertigkeit, sondern <em>urspr\u00fcngliche Natur.<\/em> Ihre Bildung war keine andre als <em>die freieste Entwicklung der gl\u00fccklichsten Anlage.<\/em> Die Griechische Poesie nahm von der rohesten Einfalt ihren Anfang: aber dieser geringe Ursprung sch\u00e4ndet sie nicht. Ihr \u00e4ltester Charakter ist einfach und prunklos, aber unverdorben. Hier findet ihr weder abgeschmackte Fantasterei, noch verkehrte Nachahmung eines fremden Nationalcharakters noch ekzentrische und un\u00fcbersteiglich fixierte Einseitigkeit. Hier konnte die Willk\u00fcr verkehrter Begriffe den freien Wuchs der Natur nicht fesseln, ihre Eintracht zerrei\u00dfen und zerst\u00f6ren, ihre Einfalt verf\u00e4lschen, den Gang und die Richtung der Bildung verschrauben. Schon fr\u00fche unterscheidet sich die Griechische Poesie durch ein gewisses Etwas von allen \u00fcbrigen Nationalpoesien auf einer \u00e4hnlichen Stufe der kindlichen Kultur. Gleich weit entfernt von Orientalischem Schwulst und von Nordischen Tr\u00fcbsinn, voll Kraft aber ohne H\u00e4rte, und voll Anmut aber ohne Weichlichkeit ist sie eben dadurch abweichend, da\u00df sie mehr als jede andre reinmenschlich und dem allgemeinen Gesetze aus eigner freier Neigung getreu ist. Schon in der Kindheit meldet sich ihr hoher Beruf, nicht das Zuf\u00e4llige sondern das Wesentliche und Notwendige darzustellen, nicht nach dem Einzelnen sondern nach dem Allgemeinen zu streben. Auch sie hatte ihren <em>mythischen Ursprung,<\/em> wie jede freie Entwicklung des Dichtungsverm\u00f6gens. W\u00e4hrend des ersten Zeitalters ihrer Entwicklung schwankte die Griechische Poesie zwischen sch\u00f6ner Kunst und Sage. Sie war eine unbestimmte Mischung von \u00dcberlieferung und Erfindung, von bildlicher Lehre, Geschichte und freiem Spiel. Aber welch&#8216; eine Sage? Nie gab es eine geistreichere oder sittlichere. Der <em>Griechische Mythus<\/em> ist \u2013 wie der treuste Abdruck im hellsten Spiegel \u2013 die bestimmteste und zarteste Bildersprache f\u00fcr alle ewigen W\u00fcnsche des menschlichen Gem\u00fcts mit allen seinen so wunderbaren als notwendigen Widerspr\u00fcchen; eine kleine vollendete Welt der sch\u00f6nsten Ahndungen der kindlich dichtenden Vernunft. Dichtung, Gesang, Tanz und Geselligkeit \u2013 <em>festliche Freude<\/em> war das holde Band der Gemeinschaft, welches Menschen und G\u00f6tter verkn\u00fcpfte. Und in der Tat war auch der Sinn ihrer Sage, Gebr\u00e4uche und besonders ihrer Feste, der Gegenstand ihrer Verehrung das echte G\u00f6ttliche: die<em> reinste Menschheit.<\/em> In lieblichen Bildern haben die Griechen freie F\u00fclle, selbst\u00e4ndige Kraft, und gesetzm\u00e4\u00dfige Eintracht angebetet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch einen in seiner Art einzigen Zusammenflu\u00df der gl\u00fccklichsten Umst\u00e4nde hatte die Natur in ihrer Beg\u00fcnstigung f\u00fcr diese Lieblingskinder gleichsam ein <em>\u00c4u\u00dferstes<\/em> getan. Oft wird die menschliche Bildung gleich nach ihrer ersten Veranlassung, w\u00e4hrend sie noch zu schwach ist, um den harten Kampf mit dem Schicksal gl\u00fccklich zu bestehen, ohne fernere g\u00fctige Pflege wiederum ihrer eignen Schw\u00e4che und jedem ung\u00fcnstigen Zufalle Preis gegeben. Ja ein Volk hat noch von Gl\u00fcck zu sagen, wenn es nur durch die Gunst seiner Lage mit M\u00fche zu einer bedeutenden H\u00f6he einer <em>einseitigen<\/em> Bildung gelangen kann. Bei den Griechen vereinigte und umfa\u00dfte schon die erste Stufe der Bildung dasjenige vollst\u00e4ndig, was sonst auch auf der h\u00f6chsten Stufe nur getrennt und einzeln vorhanden zu sein pflegt. Wie im Gem\u00fcte des Homerischen Diomedes alle Kr\u00e4fte gleichm\u00e4\u00dfig und in der sch\u00f6nsten Eintracht zu einem vollendeten Gleichgewicht zusammenstimmen: so entwickelte sich hier die ganze Menschheit gleichm\u00e4\u00dfig und vollst\u00e4ndig. Schon im heroischen Zeitalter der mythischen Kunst vereinigt die griechische Naturpoesie die sch\u00f6nsten Bl\u00fcten der edelsten Nordischen und der zartesten S\u00fcdlichen Naturpoesie, und ist die vollkommenste ihrer Art.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielen gef\u00e4llt <em>Homerus,<\/em> von wenigen aber wird seine Sch\u00f6nheit eigentlich ganz gefa\u00dft. So wie viele Reisende in weiter Ferne suchen, was sie in ihrer Heimat ebenso gut und n\u00e4her finden k\u00f6nnten: so bewundert man nicht selten im Homer allein das, worin der erste der beste Nordische oder S\u00fcdliche Barbar, wofern er nur ein gro\u00dfer Dichter ist, ihm gleich kommt. Worin er einzig ist, das wird selten bemerkt, gew\u00f6hnlich ganz aus der Acht gelassen. Die treue Wahrheit, die urspr\u00fcngliche Kraft, die einfache Anmut, die reizende Nat\u00fcrlichkeit sind Vorz\u00fcge, welche der Griechische Barde vielleicht mit einem oder dem andern seiner Indischen oder Keltischen Br\u00fcder teilt. Es gibt aber andre charakteristische Z\u00fcge der Homerischen Poesie, welche dem <em>Griechen<\/em> allein eigen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein solcher Griechischer Zug ist die <em>Vollst\u00e4ndigkeit<\/em> seiner Ansicht der ganzen menschlichen Natur, welche im gl\u00fccklichsten <em>Ebenma\u00df,<\/em> im vollkommnen<em> Gleichgewicht<\/em> von der einseitigen Beschr\u00e4nkung einer abweichenden Anlage, und von der Verkehrtheit k\u00fcnstlicher Mi\u00dfbildung so weit entfernt ist. \u2013 Der<em> Umfang<\/em> seiner Dichtung ist so unbeschr\u00e4nkt, wie der Umfang der ganzen menschlichen Natur selbst. Die \u00e4u\u00dfersten Enden der verschiedensten Richtungen, deren urspr\u00fcngliche Keime schon in der allgemeinen Menschennatur verborgen liegen, gesellen sich hier freundlich zueinander, wie im unbefangnen, kindlichen Spiel. Seine heitre und reine Darstellung vereinigt hinrei\u00dfende Gewalt mit inniger Ruhe, die sch\u00e4rfste Bestimmtheit mit der weichsten Zartheit der Umrisse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Sitten seiner Helden sind Kraft und Anmut im Gleichgewicht. Sie sind stark aber nicht roh, milde, ohne schlaff zu sein, und geistreich ohne K\u00e4lte. <em>Achilles,<\/em> obgleich im Zorn furchtbarer wie ein k\u00e4mpfender L\u00f6we, kennt dennoch die Tr\u00e4nen des z\u00e4rtlichen Schmerzens am treuen Busen einer liebenden Mutter; er zerstreut seine Einsamkeit durch die milde Lust s\u00fc\u00dfer Ges\u00e4nge. Mit einem r\u00fchrenden Seufzer blickt er auf seinen eignen Fehler zur\u00fcck, auf das ungeheure Unheil, welches die starrsinnige Anma\u00dfung eines stolzen K\u00f6nigs und der rasche Zorn eines jungen Helden veranla\u00dft haben. Mit hinrei\u00dfender Wehmut weiht er die Locke an dem Grabe des geliebten Freundes. Im Arm eines ehrw\u00fcrdigen Alten, des durch ihn ungl\u00fccklichen Vaters seines verha\u00dften Feindes, kann er in Tr\u00e4nen der R\u00fchrung zerflie\u00dfen. Der allgemeine Umri\u00df eines Charakters, wie Achilles h\u00e4tte vielleicht auch in der Fantasie eines Nord- oder S\u00fcd-Homerus entstehen k\u00f6nnen: diese feineren Z\u00fcge der Ausbildung waren nur dem Griechen m\u00f6glich. Nur der Grieche konnte diese brennbare Reizbarkeit, diese furchtbare Schnellkraft wie eines jungen L\u00f6wen mit so viel Geist, Sitten, Gem\u00fct vereinigen und verschmelzen. Selbst in der Schlacht, in dem Augenblicke, wo ihn der Zorn so sehr fortrei\u00dft, da\u00df er unger\u00fchrt durch das Flehen des J\u00fcnglings, dem \u00fcberwundnen Feinde die Brust durchbohrt bleibt er menschlich, ja sogar liebensw\u00fcrdig und vers\u00f6hnt uns durch eine entz\u00fcckend r\u00fchrende Betrachtung. Der Charakter des <em>Diomedes<\/em> ist aber schon in seiner urspr\u00fcnglichen Zusammensetzung ganz Griechisch. In seiner stillen Gr\u00f6\u00dfe, seiner bescheidnen Vollendung, spiegelt sich der ruhige Geist des Dichters selbst am hellsten und am reinsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Homerischen Helden, wie den Dichter selbst unterscheidet eine <em>freiere Menschlichkeit<\/em> von allen nicht-Griechischen Heroen und Barden. In jeder bestimmten Lage, jeder einzelnen Gem\u00fctsart strebt der Dichter, so viel nur der Zusammenhang verstattet, nach derjenigen <em>sittlichen Sch\u00f6nheit,<\/em> deren das kindliche Zeitalter unverdorbener Sinnlichkeit f\u00e4hig ist. Sittliche Kraft und F\u00fclle haben in Homers Dichtung das \u00dcbergewicht; sittliche Einheit und Beharrlichkeit sind, wo sie sich finden, kein selbst\u00e4ndiges Werk des Gem\u00fcts, sondern nur ein gl\u00fcckliches Erzeugnis der bildenden Natur. Aber nicht gewaltige St\u00e4rke und sinnlicher Genu\u00df allein weckte und fesselte sein Gem\u00fct. Der bescheidne Reiz stiller <em>H\u00e4uslichkeit<\/em> vorz\u00fcglich in der \u00bbOdyssee\u00ab; die Anf\u00e4nge des <em>B\u00fcrgersinns,<\/em> und die ersten Regungen <em>sch\u00f6ner Geselligkeit<\/em> sind nicht die kleinsten Vorz\u00fcge des Griechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vergleicht damit die geistlose Monotonie der barbarischen Chevalerie! Im modernen Ritter der Romantischen Poesie ist der Heroismus durch die abenteuerlichsten Begriffe in die seltsamsten Gestalten und Bewegungen so sehr verrenkt, da\u00df selbst von dem urspr\u00fcnglichen Zauber des freien Heldenlebens nur wenige Spuren \u00fcbrig geblieben sind. Statt Sitten und Empfindungen findet ihr hier d\u00fcrre Begriffe und stumpfe Vorurteile; statt freier F\u00fclle verworrne D\u00fcrftigkeit, statt reger Kraft tote Masse. Vergleicht sie mit jenen Darstellungen, in denen auch der kleinste Atom von <em>h\u00f6herm Leben<\/em> gl\u00fcht, mit den Homerischen Helden deren Bildung so <em>echt menschlich ist,<\/em> wie eine heroische Bildung nur sein kann. In ihrem Gem\u00fcte ist die rege Masse nicht getrennt, sondern durchg\u00e4ngig zusammenh\u00e4ngend: Vorstellungen und Bestrebungen sind hier innigst ineinander verschmolzen; alle Teile stimmen im vollkommensten Einklang zusammen, und die reiche F\u00fclle urspr\u00fcnglicher Kraft ordnet sich mit leichter Ordnung zu einem befriedigenden Ganzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man nennt das oft \u00bbSchonung\u00ab, die Sinne verz\u00e4rteln, und die W\u00fcrde der Menschheit dadurch entweihen, da\u00df man keine andere Bestimmung der Kunst anerkennt, als die, der Tierheit zu schmeicheln. Es gibt aber eine andre Eigenschaft gleiches Namens, welche sich scheut, das Gem\u00fct zu verletzen: <em>sittliche Schonung.<\/em> In nicht-Griechischen Poesien wird auch da, wo die zartesten Bl\u00fcten der feinsten Sinnlichkeit am frischesten duften; auch da, wo die Verfeinerung des Geistes aufs h\u00f6chste gestiegen ist, dennoch unser Gef\u00fchl nicht selten durch ein gewisses Etwas sehr beleidigt. Ja es ist eigentlich wohl kein barbarisches Werk ganz rein von allem, was einen echten Griechischen Sinn emp\u00f6ren w\u00fcrde. Diese Menschen scheinen gar nicht zu ahnden, da\u00df mit dem <em>Unwillen<\/em> der Genu\u00df des Sch\u00f6nen sogleich zerst\u00f6rt wird; da\u00df <em>unn\u00fctze Schlechtheit<\/em> der gr\u00f6\u00dfte Fehler sei, dessen ein Dichter sich schuldig machen kann. Den Musiker, der ohne Grund mit einer unaufgel\u00f6sten Dissonanz endigte, w\u00fcrde man tadeln, und dem Dichter, welcher ohne Gef\u00fchl f\u00fcr den Einklang des Ganzen das zarte Ohr des Gem\u00fcts durch die schreiendsten Mi\u00dft\u00f6ne verletzt; verzeiht man, oder bewundert ihn wohl gar. Im Homer hingegen wird jeder \u00dcbelstand <em>vorbereitet<\/em> und <em>aufgel\u00f6st.<\/em> Durch einen Augenblick von jugendlichem \u00dcbermut vers\u00f6hnt uns Patroklus mit seinem Tode, und was sonst bittrer Unwillen gewesen sein w\u00fcrde, wird nun sanfte R\u00fchrung. Der \u00dcbermut des Hektors ist eine Vorbereitung seines Falles. H\u00e4tte ausschweifender Zorn den Achilles nicht bis zu Augenblicken von Wildheit und Ungerechtigkeit verlockt, so w\u00fcrde seine Kr\u00e4nkung, der Verlust seines Freundes, sein Schmerz, die unwandelbar bestimmte K\u00fcrze seines herrlichen Lebens unser Gem\u00fct tief verwunden und mit Bitterkeit anf\u00fcllen. Der ruhigen Kraft, der weisen Gleichm\u00fctigkeit des Diomedes entspricht die ungemischte und nie getr\u00fcbte Reinheit seines Gl\u00fccks und seines unbeneideten Ruhms. Wie der Vater der G\u00f6tter das Schicksal der K\u00e4mpfer auf der entscheidenden Wagschale gedankenvoll abmi\u00dft, so l\u00e4\u00dft Homerus mit k\u00fcnstlerischer Weisheit seine Helden sinken und steigen, nicht nach Laune und Zufall, sondern nach den heiligen Entscheidungen der reinsten Menschlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur h\u00fcte man sich zu denken, das Nachahmungsw\u00fcrdige in der Griechischen Poesie sei das Privilegium weniger auserw\u00e4hlter Genies, wie jede trefflichere Originalit\u00e4t bei den Modernen. Das blo\u00df Individuelle w\u00fcrde dann weder nachahmungw\u00fcrdig, noch dessen v\u00f6llige Zueignung m\u00f6glich sein: denn nur das <em>Allgemeine<\/em> ist Gesetz und Urbild f\u00fcr alle Zeiten und V\u00f6lker. Die Griechische Sch\u00f6nheit war ein Gemeingut des \u00f6ffentlichen Geschmacks, <em>der Geist der ganzen Masse.<\/em> Auch solche Gedichte, welche wenig k\u00fcnstlerische Weisheit und geringe Erfindungskraft verraten, sind in demselben Geiste gedacht, entworfen und ausgef\u00fchrt, dessen Z\u00fcge wir im Homer und andern Dichtern vom ersten Range nur bestimmter und klarer lesen. Sie unterscheiden sich durch dieselben Eigenheiten, wie die besten, von allen nicht-Griechischen Gedichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Griechische Poesie hat ihre Sonderbarkeiten, welche oft ekzentrisch genug sind: denn obgleich die Griechische Bildung reinmenschlich ist, so kann dennoch die \u00e4u\u00dfre Form sehr abweichend sein; es vielleicht eben darum sein, weil der Geist dem allgemeing\u00fcltigen Gesetz so getreu ist. Die meisten dieser <em>\u00e4sthetischen Paradoxien<\/em> sind nur scheinbar und enthalten einen gro\u00dfen Sinn. So das Satyrische Drama, der Dithyrambus, der lyrische Chor der Dorier, und der dramatische Chor der Athener. Nur aus v\u00f6lliger Unkunde mit der eigentlichen Natur der Kunst und ihrer Arten hat man solche Eigenheiten f\u00fcr blo\u00df individuell gehalten, und sich mit einer historischen Genesis derselben begn\u00fcgt. \u00dcberdem waren die Tatsachen l\u00fcckenhaft, und solange man die notwendigen Bildungsgesetze der Kunst nicht kennt, wird man in der Geschichte der Kunst im dunkeln tappen, und keinen Leitfaden haben, vom Bekannten aufs Unbekannte zu schlie\u00dfen. Man analysiere nur den Charakter dieser Anomalien nach Anleitung sichrer Grunds\u00e4tze und Begriffe vollst\u00e4ndig, und man wird durch das Resultat einer <em>philosophischen Deduktion<\/em> \u00fcberrascht, die durchg\u00e4ngige Objektivit\u00e4t der Griechischen Poesie auch hier wiederfinden. Selbst in dem Zeitalter, wo ihre ganze Masse sich in mehrere genau bestimmte Richtungen \u2013 gleichsam ebenso viele \u00c4ste eines gemeinschaftlichen Stammes \u2013 spaltete, und ihr Umfang dadurch so sehr beschr\u00e4nkt als ihre Kraft erh\u00f6ht ward: selbst in der lyrischen Gattung, deren eigentlicher Gegenstand <em>sch\u00f6ne Eigent\u00fcmlichkeit<\/em> ist, bew\u00e4hrt sie dennoch ihre best\u00e4ndige Tendenz zum Objektiven durch die Art und den Geist der Darstellung welche soweit es die besondern Schranken ihrer eigent\u00fcmlichen Richtung und ihres Stoffs nur immer erlauben, sich dem rein Menschlichen n\u00e4hert, das Einzelne selbst zum Allgemeinen erhebt, und im Eigent\u00fcmlichen eigentlich nur das Allgemeing\u00fcltige darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Griechische Poesie ist gesunken, tief, sehr tief gesunken, und endlich v\u00f6llig entartet. Aber <em>auch im \u00e4u\u00dfersten Verfall<\/em> blieben ihr noch Spuren jener Allgemeing\u00fcltigkeit, bis sie \u00fcberhaupt aufh\u00f6rte einen bestimmten Charakter zu haben. So sehr ist die <em>Griechheit<\/em> nichts andres als eine h\u00f6here, reinere Menschheit! Im Zeitalter der gelehrten Dichtkunst gab es weder \u00f6ffentliche Sitten, noch \u00f6ffentlichen Geschmack. Die Gedichte der <em>Alexandriner<\/em> sind ohne eigentliche Sitten, ohne Geist und Leben; kalt, tot, arm und schwerf\u00e4llig. Statt einer vollkommnen Organisation und lebendiger Einheit des Ganzen sind diese Machwerke nur aus abgeri\u00dfnen Bruchst\u00fccken zusammengeflickt. Sie enthalten nur einzelne sch\u00f6ne Z\u00fcge, keine vollst\u00e4ndige und ganze Sch\u00f6nheit. Aber dennoch enth\u00e4lt ihre flei\u00dfige Darstellung in ihrer durchgearbeiteten feinen Bestimmtheit, in ihrer v\u00f6lligen Freiheit von den unreinen Zus\u00e4tzen der Subjektivit\u00e4t, von den technischen Fehlern monstr\u00f6ser Mischung, und poetischer Unwahrheit eine <em>h\u00f6chste Naturvollkommenheit in ihrer<\/em> wenngleich an sich tadelhaften <em>Art,<\/em> ein <em>gewisses klassisches Etwas,<\/em> welches demjenigen nicht un\u00e4hnlich ist, was Kenner der Griechischen Plastik an \u00dcberbleibseln der bildenden Kunst auch aus der schlechtesten Zeit, oder von der Hand des mittelm\u00e4\u00dfigsten K\u00fcnstlers wahrnehmen. Der schw\u00fclstige, \u00fcberladne Schmuck geh\u00f6rt dem allgemeinen schlechten Geschmack des Zeitalters an. Die Fehler der Ausf\u00fchrung kommen auf die Rechnung des St\u00fcmpers. Allein der <em>Geist<\/em> in welchem das Werk gedacht, entworfen und ausgebildet wurde, enth\u00e4lt wenigstens Spuren von dem vollkommnen Ideal, welches f\u00fcr alle Zeiten und V\u00f6lker ein g\u00fcltiges Gesetz und allgemeines Urbild ist. So findet ihr im <em>Apollonius<\/em> sehr oft wahrhaft klassische Details, und hie und da trefft ihr auf Erinnerungen an die ehemalige G\u00f6ttlichkeit der Griechischen Dichtkunst. Solche Z\u00fcge sind die Bescheidenheit des heroischen Jason und seine nachsinnende Stille bei der gro\u00dfen Ausfahrt der Heldenschar, und bei dem Verlust des Herkules; die feine Charakteristik des Telamon, Herkules, Idas und Idmon; das liebliche Spiel des Amor und Ganymedes; die Anmut, welche \u00fcber die ganze Episode von der Hypsipyle und Medea verbreitet ist. Die sch\u00e4rfere Bestimmtheit, die feinere Zartheit, das noch mehr Durchgearbeitete seines flei\u00dfigen Werks; Eigenschaften, welche er vor dem gelehrtesten aller R\u00f6mischen Dichter voraus hat, sind so viele \u00fcbrig gebliebene Spuren echt Griechischer Bildung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schicksal bildete den Griechen nicht nur zu dem H\u00f6chsten, was der Sohn der Natur sein kann; sondern es entzog ihm auch seine m\u00fctterliche Pflege nicht eher, als bis die Griechische Bildung selbst\u00e4ndig und m\u00fcndig geworden, fremder H\u00fclfe und F\u00fchrung nicht weiter bedurfte. Mit diesem entscheidenden Schritt, durch den die Freiheit das \u00dcbergewicht \u00fcber die Natur bekam, trat der Mensch in eine ganz neue Ordnung der Dinge; es begann eine neue Stufe der Entwicklung. Er bestimmt, lenkt und ordnet nun seine Kr\u00e4fte selbst, bildet seine Anlagen nach den innern Gesetzen seines Gem\u00fcts. Die Sch\u00f6nheit der Kunst ist nun nicht mehr Geschenk einer g\u00fctigen Natur, sondern sein eignes Werk, Eigentum seines Gem\u00fcts. Das Geistige bekommt das \u00dcbergewicht \u00fcber das Sinnliche, selbst\u00e4ndig bestimmt er die Richtung seines Geschmacks, und ordnet die Darstellung. Er eignet sich nicht mehr blo\u00df das Gegebne zu, sondern er bringt das Sch\u00f6ne selbstt\u00e4tig hervor. Und wenn der erste Gebrauch der M\u00fcndigkeit, den Umfang der Kunst durch eine genau bestimmte Richtung beschr\u00e4nkt, so wird dieser Verlust durch die innre St\u00e4rke und Hoheit der zusammengedr\u00e4ngten Kraft wieder ersetzt. Das epische Zeitalter der Griechischen Poesie l\u00e4\u00dft sich noch mit andern Nationalpoesien vergleichen. Im lyrischen Zeitalter steht sie allein. Nur sie hat <em>in Masse<\/em> die Bildungsstufe der <em>Selbst\u00e4ndigkeit<\/em> erreicht; nur in ihr ist das idealische Sch\u00f6ne <em>\u00f6ffentlich<\/em> gewesen. So h\u00e4ufig und so gl\u00e4nzend auch in der modernen Poesie die Beispiele sein m\u00f6gen, so sind es doch nur einzelne Ausnahmen, und die Masse ist weit hinter jener Stufe zur\u00fcckgeblieben, und verf\u00e4lscht sogar jene Ausnahmen. Bei dem herrschenden Unglauben an g\u00f6ttlichere Sch\u00f6nheit, verliert die Verkannte ihre unbefangne Zuversicht, und der Kampf, welcher sie geltend machen soll, entweiht sie nicht weniger, wie der menschenfeindliche Stolz, der den Genu\u00df der Mitteilung ersetzen mu\u00df. \u2013 Von jeher haben viele V\u00f6lker die Griechen an Fertigkeiten \u00fcbertroffen, und desfalls die Griechische H\u00f6he der eigentlichen Bildung nicht eingesehen. Aber Fertigkeiten sind nur notwendige Zugaben der Bildung, Werkzeuge der Freiheit. Nur Entwicklung der reinen Menschheit ist <em>wahre Bildung.<\/em> Wo hat freie Menschheit in der Masse des Volks ein so durchg\u00e4ngiges \u00dcbergewicht erhalten als bei den Griechen? Wo war die Bildung so echt, und echte Bildung so \u00f6ffentlich? \u2013 In der Tat kaum gibt es im ganzen Lauf der Menschengeschichte ein erhabneres Schauspiel, als der gro\u00dfe Augenblick darbietet, da mit einemmale und gleichsam von selbst, durch blo\u00dfe Entwicklung der innern Lebenskraft, in den Griechischen Verfassungen Republikanismus, in den Sitten Enthusiasmus und Weisheit, in den Wissenschaften, statt der mythischen Anordnung der Fantasie logischer und systematisierender Zusammenhang, und in den Griechischen K\u00fcnsten das <em>Ideal<\/em> hervortrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Freiheit einmal das \u00dcbergewicht \u00fcber die Natur hat, so mu\u00df die freie, sich selbst \u00fcberla\u00dfne Bildung sich in der einmal genommenen Richtung fortbewegen, und immer h\u00f6her steigen, bis ihr Lauf durch \u00e4u\u00dfre Gewalt gehemmt wird, oder bis sich durch blo\u00dfe innre Entwicklung das Verh\u00e4ltnis der Freiheit und der Natur von neuem \u00e4ndert. Wenn der <em>gesammte<\/em> zusammengesetzte menschliche <em>Trieb<\/em> nicht allein das bewegende sondern auch <em>lenkende Prinzip der Bildung,<\/em> wenn die Bildung <em>nat\u00fcrlich<\/em> und nicht k\u00fcnstlich, wenn die urspr\u00fcngliche Anlage die gl\u00fccklichste, und die \u00e4u\u00dfre Beg\u00fcnstigung vollendet ist: so entwickeln, wachsen, und vollenden sich alle Bestandteile der strebenden Kraft, der sich bildenden Menschheit<em> gleichm\u00e4\u00dfig,<\/em> bis die Fortschreitung den Augenblick erreicht hat, wo die F\u00fclle nicht mehr steigen kann, ohne die <em>Harmonie des Ganzen<\/em> zu trennen und zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trifft nun die h\u00f6chste Stufe der Bildung der vollkommensten Gattung der trefflichsten Kunst mit dem g\u00fcnstigsten Augenblick im Strome des \u00f6ffentlichen Geschmacks gl\u00fccklich zusammen; verdient ein gro\u00dfer K\u00fcnstler die Kunst des Schicksals, und wei\u00df die unbestimmten Umrisse, welche die Notwendigkeit vorzeichnete, w\u00fcrdig auszuf\u00fcllen; so wird das \u00e4u\u00dferste Ziel sch\u00f6ner Kunst erreicht, welches durch die freieste Entwicklung der gl\u00fccklichsten Anlage erreichbar ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese <em>letzte Gr\u00e4nze der nat\u00fcrlichen Bildung<\/em> der Kunst und des Geschmacks, <em>diesen h\u00f6chsten Gipfel freier Sch\u00f6nheit<\/em> hat die Griechische Poesie wirklich erreicht. Vollendung hei\u00dft der Zustand der Bildung wenn die innre strebende Kraft sich v\u00f6llig ausgewickelt hat, wenn die Absicht ganz erreicht ist, und in gleichm\u00e4\u00dfiger Vollst\u00e4ndigkeit des Ganzen keine Erwartung unbefriedigt bleibt. <em>Goldnes Zeitalter<\/em> hei\u00dft dieser Zustand, wenn er einer ganzen gleichzeitigen Masse zukommt. Der Genu\u00df, welchen die Werke des goldnen Zeitalters der Griechischen Kunst gew\u00e4hren, ist zwar eines Zusatzes f\u00e4hig, aber dennoch ohne St\u00f6rung und Bed\u00fcrfnis \u2013 <em>vollst\u00e4ndig<\/em> und <em>selbstgenugsam.<\/em> Ich wei\u00df f\u00fcr diese H\u00f6he keinen schicklicheren Namen als das <em>h\u00f6chste Sch\u00f6ne.<\/em> Nicht etwa ein Sch\u00f6nes, \u00fcber welches sich nichts sch\u00f6neres denken lie\u00dfe; sondern das vollst\u00e4ndige Beispiel der unerreichbaren Idee, die hier gleichsam ganz sichtbar wird: <em>das Urbild der Kunst und des Geschmacks.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der einzige Ma\u00dfstab, nach dem wir den h\u00f6chsten Gipfel der Griechischen Poesie w\u00fcrdigen k\u00f6nnen, sind die <em>Schranken aller Kunst.<\/em> \u00bbAber wie, wird man fragen, ist die Kunst nicht einer schlechthin unendlichen Vervollkommnung f\u00e4hig? Gibt es Gr\u00e4nzen ihrer fortschreitenden Bildung?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunst ist unendlich perfektibel und ein absolutes Maximum ist in ihrer steten Entwicklung nicht m\u00f6glich: aber doch ein bedingtes <em>relatives Maximum,<\/em> ein un\u00fcbersteigliches <em>fixes Proximum.<\/em> Die Aufgabe der Kunst besteht n\u00e4mlich aus zweierlei ganz verschiedenartigen Bestandteilen: teils aus bestimmten<em> Gesetzen,<\/em> welche nur ganz erf\u00fcllt oder ganz \u00fcbertreten werden k\u00f6nnen, und teils aus uners\u00e4ttlichen, unbestimmten <em>Forderungen,<\/em> wo auch die h\u00f6chste Gew\u00e4hrung noch einen Zusatz leidet. Jede wirklich gegebne<em> Kraft<\/em> ist einer Vergr\u00f6\u00dferung und jede endliche reale Vollkommenheit eines unendlichen Zuwachses f\u00e4hig. In <em>Verh\u00e4ltnissen<\/em> aber findet kein Mehr oder Weniger statt; die <em>Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit<\/em> eines Gegenstandes kann weder vermehrt noch vermindert werden. So sind auch alle wirklichen Bestandteile der sch\u00f6nen Kunst einzeln eines unendlichen Zuwachses f\u00e4hig, aber in der Zusammensetzung dieser verschiedenen Bestandteile gibt es unbedingte Gesetze f\u00fcr die gegenseitigen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>Sch\u00f6ne im weitesten Sinne<\/em> (in welchem es das Erhabne, das Sch\u00f6ne im engern Sinne, und das Reizende umfa\u00dft) ist die <em>angenehme Erscheinung des Guten.<\/em> Es scheint zwar f\u00fcr jede einzelne Reizbarkeit eine feste Gr\u00e4nze bestimmt zu sein, welche weder der Schmerz noch die Freude \u00fcberschreiten darf, wenn nicht alle Besonnenheit aufh\u00f6ren, und mit dieser selbst der Zweck der Leidenschaft und der Lust verloren gehn soll. Im allgemeinen aber, und ohne besondre R\u00fccksicht l\u00e4\u00dft sich \u00fcber jedes gegebne Ma\u00df von Energie ein h\u00f6heres denken. Unter <em>Energie<\/em> verstehe ich alles, was den gemischten Trieb sinnlich weckt und erregt, um ihm dann den Genu\u00df des reinen Geistigen zu gew\u00e4hren; die bewegende Triebfeder mag nun Schmerz oder Freude sein. Die Energie ist aber nur Mittel und Organ der idealischen Kunst, gleichsam die <em>physische Lebenskraft<\/em> der reinen Sch\u00f6nheit, welche die sinnliche Erscheinung des Geistigen veranla\u00dft und tr\u00e4gt, so wie das freie Gem\u00fct nur im Element einer tierischen Organisation empirisch existieren kann. \u2013 Auf gleiche Weise gibt es f\u00fcr jede besondre Empf\u00e4nglichkeit eine <em>bestimmte Sph\u00e4re der Sichtbarkeit,<\/em> wenn ich so sagen darf, in der Mitte zwischen zu gro\u00dfer N\u00e4he und zu weiter Entfernung. An und f\u00fcr sich aber kann die Erscheinung des Geistigen immer lebhafter, bestimmter und klarer werden. So lange sie Erscheinung bleibt, ist sie einer endlosen Vervollkommnung f\u00e4hig, ohne je ihr Ziel ganz erreichen zu k\u00f6nnen: denn sonst m\u00fc\u00dfte das Allgemeine, welches im Einzelnen erscheinen soll, sich in das Einzelne selbst verwandeln. Dies ist unm\u00f6glich, weil beide durch eine unendliche Kluft getrennt sind. Auf der andern Seite kann aber auch die Nachahmung des Wirklichen an Vollkommenheit unendlich zunehmen: denn die F\u00fclle jedes Einzelnen ist unersch\u00f6pflich, und kein Abbild kann jemals ganz in sein Urbild \u00fcbergehen. \u2013 Da\u00df das <em>Gute<\/em> oder dasjenige, was schlechthin sein soll, der reine Gegenstand des freien Triebes, das reine Ich nicht als theoretisches Verm\u00f6gen, sondern als praktisches Gebot; die Gattung, deren Arten Erkenntnis Sittlichkeit und Sch\u00f6nheit ist; das Ganze, dessen Bestandteile Vielheit Einheit und Allheit sind in der Wirklichkeit nur beschr\u00e4nkt vorhanden sein kann, darf ich als evident voraussetzen: denn der zusammengesetzte Mensch kann im gemischten Leben sich seiner reinen Natur nur ins Unendliche n\u00e4hern, ohne sie je v\u00f6llig zu erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle diese Bestandteile des Sch\u00f6nen \u2013 der Reiz, der Schein, das Gute \u2013 sind also einer gr\u00e4nzenlosen Vervollkommnung f\u00e4hig. F\u00fcr die gegenseitigen Verh\u00e4ltnisse dieser Bestandteile aber gibt es unwandelbare Gesetze. Das Sinnliche soll nur Mittel des Sch\u00f6nen nicht Zweck der Kunst sein. Hat aber unverdorbne Sinnlichkeit in einer fr\u00fchen Stufe der Bildung das \u00dcbergewicht, so wird <em>F\u00fclle<\/em> der Zweck des Dichters sein. Es darf der Selbstt\u00e4tigkeit eigentlich nicht zum Vorwurf gereichen, da\u00df sie sich allm\u00e4hlich entwickeln mu\u00df, und nur unter der Vormundschaft der Natur die Stufe selbst\u00e4ndiger Selbstbestimmung erreichen kann. Durch die Sinnlichkeit eines Homerus wird das Gesetz nicht \u00fcbertreten, sondern das Gesetz ist eigentlich noch gar nicht vorhanden. Ist die Kunst aber schon gesetzm\u00e4\u00dfig gewesen, und h\u00f6rt auf es ferner zu sein, so herrscht dann auch wieder die F\u00fclle, aber auf eine ganz andre Weise. Es ist nicht mehr unverdorbne Sinnlichkeit, sondern \u00fcppige Ausschweifung, <em>gesetzlose Schwelgerei.<\/em> \u2013 Jene drei Bestandteile der Sch\u00f6nheit \u2013 Mannigfaltigkeit, Einheit und Allheit \u2013 sind nichts andres, als ebenso viele Arten, wie der reine Mensch in der Welt zum wirklichen Dasein gelangen kann, verschiedene Ber\u00fchrungspunkte des Gem\u00fcts und der Natur. Einzeln betrachtet, haben sie alle drei gleichen Wert; eine wie die andre n\u00e4mlich hat unbedingten, unendlichen Wert. <em>Auch die F\u00fclle ist heilig,<\/em> und darf in der Vereinigung aller Bestandteile dem Gesetz der Ordnung nicht anders als <em>frei<\/em> gehorchen: denn die <em>Mannigfaltigkeit<\/em> ist schon die erste Form des Lebens, nicht roher Stoff, mit dem sie oft verwechselt wird. Die <em>Gesetzesgleichheit<\/em> soll durch die Ordnung nicht aufgehoben werden, aber doch ist das<em> Gesetz des Verh\u00e4ltnisses der vereinigten Bestandteile der Sch\u00f6nheit<\/em> unwandelbar bestimmt, und nicht die Mannigfaltigkeit, sondern die <em>Allheit<\/em> soll der erste bestimmende Grund und das letzte Ziel jeder vollkommnen Sch\u00f6nheit sein. Das Gem\u00fct soll den Stoff und die Leidenschaft, der Geist soll den Reiz \u00fcberwiegen, und nicht umgekehrt der Geist <em>gebraucht<\/em> werden, um das Leben zu wecken und den Sinn zu kitzeln. Ein Zweck, den man wohlfeiler erreichen k\u00f6nnte! \u2013 Stil bedeutet beharrliche Verh\u00e4ltnisse der urspr\u00fcnglichen und wesentlichen Bestandteile der Sch\u00f6nheit oder des Geschmacks. <em>Vollkommnen Stil<\/em> wird man also demjenigen Kunstwerke und demjenigen Zeitalter beilegen k\u00f6nnen, welches in diesen Verh\u00e4ltnissen das notwendige Gesetz aus freier Neigung ganz erf\u00fcllt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dfer diesem absoluten \u00e4sthetischen Gesetz f\u00fcr jeden Geschmack gibt es auch zwei absolute <em>technische<\/em> Gesetze f\u00fcr alle darstellende Kunst. \u2013 Die Bestandteile der darstellenden Kunst, welche das M\u00f6gliche mit dem Wirklichen vermischt, sind Versinnlichung des Allgemeinen und Nachahmung des Einzelnen. F\u00fcr die Vervollkommnung beider Bestandteile ist, wie schon oben erinnert wurde, keine Gr\u00e4nze abgemessen: f\u00fcr ihr Verh\u00e4ltnis aber ist ein unwandelbares Gesetz notwendig bestimmt. Das Ziel der freien darstellenden Kunst ist das Unbedingte; das Einzelne darf nicht selbst Zweck sein (Subjektivit\u00e4t). Widrigenfalls sinkt die freie Kunst zu einer nachahmenden Geschicklichkeit herunter, welche einem physischen Bed\u00fcrfnisse oder einem individuellen Zweck des Verstandes dient. Doch ist das Mittel durchaus notwendig, und es mu\u00df wenigstens scheinen, frei zu dienen.<em> Objektivit\u00e4t<\/em> ist der angemessenste Ausdruck f\u00fcr dies gesetzm\u00e4\u00dfige Verh\u00e4ltnis des Allgemeinen und des Einzelnen in der freien Darstellung. \u2013 \u00dcberdem ist jedes einzelne Kunstwerk zwar keineswegs an die Gesetze der Wirklichkeit gefesselt, aber allerdings durch<em> Gesetze innrer M\u00f6glichkeit<\/em> beschr\u00e4nkt. Es darf sich selbst nicht widersprechen, mu\u00df durchg\u00e4ngig mit sich \u00fcbereinstimmen. Diese <em>technische Richtigkeit<\/em> \u2013 so w\u00fcrde ich sie lieber nennen als \u00bbWahrheit\u00ab, weil dieses Wort zu sehr an die Gesetze der Wirklichkeit erinnert, und so oft von der Kopistentreue sklavischer K\u00fcnstler gemi\u00dfbraucht wird, welche nur das Einzelne nachahmen \u2013 darf im Kollisionsfalle selbst die Sch\u00f6nheit zwar nicht beherrschen, aber doch beschr\u00e4nken: denn sie ist die erste Bedingung eines Kunstwerks. Ohne innre \u00dcbereinstimmung w\u00fcrde eine Darstellung sich selbst aufheben, und also auch ihren Zweck (die Sch\u00f6nheit) gar nicht erreichen k\u00f6nnen. Nur wenn das Ganze der vollst\u00e4ndigen Sch\u00f6nheit schon getrennt und aufgel\u00f6st ist, und ausschweifende F\u00fclle den Geschmack beherrscht, wird die Regelm\u00e4\u00dfigkeit der Proportion, und die Symmetrie dieser F\u00fclle aufgeopfert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schw\u00e4che kostet es keine gro\u00dfe Entsagung, nicht auszuschweifen, und wo es an Kraft fehlt, da ist Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit kein sonderliches Verdienst. Ein Gedicht im vollkommnen Stil und von tadelloser Richtigkeit, aber ohne Geist und Leben w\u00fcrde nur eine Armseligkeit ohne allen Wert sein. Aber wenn ein Gedicht mit jener vollkommnen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit auch die h\u00f6chste Kraft vereinigte, welche man nur immer von einem menschlichen K\u00fcnstler erwarten kann, so darf es doch nicht hoffen, das \u00e4u\u00dferste Ziel erreicht zu haben, wenn der Umfang desselben nicht vollst\u00e4ndig, sondern durch die genau bestimmte Richtung einer gewissen zwar sch\u00f6nen aber doch einseitigen Eigent\u00fcmlichkeit beschr\u00e4nkt ist, wie die Dorische Lyrik. Der Dichter darf keine Anspr\u00fcche auf Vollendung machen, so lange er wie \u00c4schylus selbst mehr Erwartungen erregt, als er befriedigt. Nur dasjenige<em> Kunstwerk, welches in der vollkommensten Gattung, und mit h\u00f6chster Kraft und Weisheit die bestimmten \u00e4sthetischen und technischen Gesetze ganz erf\u00fcllt, den unbegr\u00e4nzten Forderungen aber gleichm\u00e4\u00dfig entspricht,<\/em> kann ein un\u00fcbertreffliches Beispiel sein, in welchem die vollst\u00e4ndige Aufgabe der sch\u00f6nen Kunst so sichtbar wird, als sie in einem wirklichen Kunstwerke werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur da ist das h\u00f6chste Sch\u00f6ne m\u00f6glich, wo alle Bestandteile der Kunst und des Geschmacks sich gleichm\u00e4\u00dfig entwickeln, ausbilden, und vollenden; in der <em>nat\u00fcrlichen<\/em> Bildung. In der k\u00fcnstlichen Bildung geht diese <em>Gleichm\u00e4\u00dfigkeit<\/em> durch die willk\u00fcrlichen Scheidungen und Mischungen des lenkenden Verstandes unwiderbringlich verloren. An einzelnen Vollkommenheiten und Sch\u00f6nheiten kann sie vielleicht die freie Entwicklung sehr weit \u00fcbertreffen: aber jenes h\u00f6chste Sch\u00f6ne ist ein gewordnes <em>organisch gebildetes Ganzes,<\/em> welches durch die kleinste Trennung zerrissen, durch das geringste \u00dcbergewicht zerst\u00f6rt wird. Der k\u00fcnstliche Mechanismus des lenkenden Verstandes kann sich die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit des goldnen Zeitalters der Kunst der bildenden Natur zueignen, aber seine Gleichm\u00e4\u00dfigkeit kann er nie v\u00f6llig wiederherstellen; die einmal aufgel\u00f6ste elementarische Masse organisiert sich nie wieder. Der <em>Gipfel der nat\u00fcrlichen Bildung der sch\u00f6nen Kunst<\/em> bleibt daher f\u00fcr alle Zeiten das <em>hohe Urbild der k\u00fcnstlichen Fortschreitung.<\/em> \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind gewohnt, ich wei\u00df nicht aus welchen Gr\u00fcnden, uns die <em>Schranken der Poesie<\/em> viel zu eng zu denken. Wenn die Darstellung nicht bezeichnet, wie die Dichtkunst, sondern wirklich nachahmt oder sich nat\u00fcrlich \u00e4u\u00dfert, wie die sinnlichen K\u00fcnste, so ist ihre Freiheit durch die Schranken des gegebnen Werkzeuges und des bestimmten Stoffs schon enger begr\u00e4nzt. Sollten in einer gewissen Kunstart die Schranken des Stoffs sehr eng, das Werkzeug sehr einfach sein, so l\u00e4\u00dft es sich wohl denken, da\u00df ein beg\u00fcnstigtes Volk eine H\u00f6he in derselben erreicht habe, welche nie \u00fcbertroffen werden k\u00f6nnte. Vielleicht haben die Griechen in der Plastik diese H\u00f6he wirklich erreicht. Die Malerei und die Musik haben schon freieres Feld; das Werkzeug ist zusammengesetzter, mannigfaltiger und umfassender. Es w\u00fcrde sehr gewagt sein, f\u00fcr sie eine \u00e4u\u00dferste Gr\u00e4nze der Vervollkommnung festsetzen zu wollen. Wie viel weniger l\u00e4\u00dft sich eine solche f\u00fcr die Poesie bestimmen, die durch keinen besondren Stoff weder im Umfang noch in der Kraft beschr\u00e4nkt ist? deren Werkzeug, die willk\u00fcrliche Zeichensprache, Menschenwerk und also unendlich perfektibel und korruptibel ist? \u2013 <em>Unbeschr\u00e4nkter Umfang<\/em> ist der eine gro\u00dfe Vorzug der Poesie, dessen sie vielleicht sehr notwendig bedarf, um die durchg\u00e4ngige Bestimmtheit des Beharrlichen, welche die Plastik, und die durchg\u00e4ngige Lebendigkeit des Wechselnden, welche die Musik vor ihr voraus hat, zu ersetzen. Beide geben der Sinnlichkeit unmittelbar Anschauungen und Empfindungen; zu dem Gem\u00fcte reden sie nur durch Umwege eine oft dunkle Sprache. Sie k\u00f6nnen Gedanken und Sitten nur mittelbar darstellen. Die Dichtkunst redet durch die Einbildungskraft unmittelbar zu Geist und Herz in einer oft matten und vieldeutig unbestimmten aber allumfassenden Sprache. Der Vorzug jener sinnlichen K\u00fcnste, unendliche Bestimmtheit und unendliche Lebendigkeit \u2013 <em>Einzelnheit<\/em> ist nicht sowohl Verdienst der Kunst als entlehntes Eigentum der Natur. Sie sind Mischungen, welche zwischen reiner Natur und reiner Kunst in der Mitte stehen. Die einzige eigentliche <em>reine Kunst<\/em> ohne erborgte Kraft, und fremde H\u00fclfe, ist Poesie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man verschiedene Kunstarten miteinander vergleicht, so kann nicht von dem gr\u00f6\u00dfern oder geringern Werte des Zwecks die Rede sein. Sonst w\u00e4re die ganze Untersuchung so widersinnig als etwa die Frage: \u00bbOb Sokrates oder Timoleon tugendhafter gewesen sei?\u00ab Denn das Unendliche leidet gar keine Vergleichung, und der Genu\u00df des Sch\u00f6nen hat unbedingten Wert. Aber in der Vollkommenheit der verschiedenen Mittel, denselben Zweck zu erreichen, finden Stufen, findet ein Mehr oder Weniger statt. Keine Kunst kann in einem Werke einen so gro\u00dfen Umfang umspannen, wie die Poesie. Aber keine hat auch solche Mittel, <em>Vieles zu Einem zu verkn\u00fcpfen, und die Verkn\u00fcpfung zu einem unbedingt vollst\u00e4ndigen Ganzen zu vollenden.<\/em> Die Plastik, die Musik, und die Lyrik stehn in R\u00fccksicht der Einheit eigentlich auf einer Stufe. Sie setzen ein gewisses h\u00f6chst gleichartiges Mannigfaltiges neben oder nacheinander, und streben, aus diesem Gesetzten das \u00fcbrige Mannigfaltige organisch zu entwickeln. \u2013 Der <em>Charakter,<\/em> oder das Beharrliche in Vorstellungen und Bestrebungen k\u00f6nnte allein in Gott schlechthin einfach, durch sich selbst bestimmt, und in sich vollendet sein. Im Gebiete der Erscheinung ist seine Einheit nur bedingt; er mu\u00df noch ein Mannigfaltiges enthalten, welches nicht durch ihn selbst bestimmt sein kann. Eine wirkliche einzelne Erscheinung wird durch den <em>Zusammenhang der ganzen Welt,<\/em> zu der sie geh\u00f6rt, vollst\u00e4ndig bestimmt und erkl\u00e4rt. Nicht anders verh\u00e4lt es sich mit dem Bruchst\u00fcck einer blo\u00df m\u00f6glichen Welt. Der dramatische Charakter wird durch seine Stelle im Ganzen, seinen Anteil an der Handlung vollst\u00e4ndig bestimmt. Eine Handlung wird nur in der Zeit vollendet; daher kann der bildende K\u00fcnstler keine vollst\u00e4ndige Handlung darstellen. Wenngleich der plastische Charakter noch so bestimmt ist, so setzt er doch notwendig die <em>Welt,<\/em> in welcher er eigentlich zu Hause ist, und welche nicht mit dargestellt werden konnte, als schon bekannt voraus. Sollte diese Welt auch die Olympische, und die Deutung die leichteste sein: die vollkommenste Statue ist doch nur ein abgeri\u00dfnes unvollst\u00e4ndiges Bruchst\u00fcck, kein in sich vollendetes Ganzes, und das h\u00f6chste, was der Bildner, erreichen kann ist ein <em>Analogon von Einheit.<\/em> Die Einheit des Lyrikers und Musikers besteht in der <em>Gleichartigkeit<\/em> einiger aus der ganzen Reihe der zusammenh\u00e4ngenden Zust\u00e4nde herausgehobnen, die \u00fcbrigen beherrschenden, und in der vollkommnen <em>Unterordnung<\/em> dieser \u00fcbrigen unter jene herrschenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die notwendige Mannigfaltigkeit und Freiheit setzen der Vollkommenheit dieses Zusammenhanges enge Gr\u00e4nzen, und an Vollst\u00e4ndigkeit der Verkn\u00fcpfung ist hier gar nicht zu denken. <em>Vollst\u00e4ndigkeit der Verkn\u00fcpfung<\/em> ist der zweite gro\u00dfe Vorzug der Poesie. Nur der Tragiker, dessen eigentliches Ziel es ist, den gr\u00f6\u00dften Umfang und die st\u00e4rkste Kraft mit der h\u00f6chsten Einheit zu verbinden, kann seinem Werke eine<em> vollkommne Organisation<\/em> geben, dessen sch\u00f6ner Gliederbau auch nicht durch den kleinsten Mangel, den geringsten \u00dcberflu\u00df gest\u00f6rt wird. Er allein kann eine <em>vollst\u00e4ndige Handlung,<\/em> das einzige unbedingte Ganze im Gebiete der Erscheinung, darstellen. Eine ganz vollbrachte Tat, ein v\u00f6llig ausgef\u00fchrter Zweck gew\u00e4hren die vollste Befriedigung. Eine vollendete poetische Handlung ist ein in sich abgeschlo\u00dfnes Ganzes, eine <em>technische Welt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die fr\u00fchern Griechischen Dichtarten sind teils an sich unvollkommne Versuche einer noch unreifen Bildung, wie das Epos des mythischen Zeitalters; teils einseitig beschr\u00e4nkte Richtungen, welche die vollst\u00e4ndige Sch\u00f6nheit zerspalten und unter sich gleichsam teilen, wie die verschiedenen Schulen des lyrischen Zeitalters. Die trefflichste unter den Griechischen Dichtarten, ist die <em>Attische Trag\u00f6die.<\/em> Alle einzelnen Vollkommenheiten der fr\u00fchern Arten, Zeitalter und Schulen bestimmt, l\u00e4utert, erh\u00f6ht, vereinigt und ordnet sie zu einem neuen Ganzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit echter Sch\u00f6pferkraft hatte \u00c4schylus die Trag\u00f6die erfunden, ihre Umrisse entworfen, ihre Gr\u00e4nzen, ihre Richtung und ihr Ziel bestimmt. Was der K\u00fchne entwarf f\u00fchrte <em>Sophokles<\/em> aus. Er bildete seine Erfindungen, milderte seine H\u00e4rten, erg\u00e4nzte seine L\u00fccken, vollendete die tragische Kunst, und erreichte das \u00e4u\u00dferste Ziel der Griechischen Poesie. Gl\u00fccklicherweise traf er mit dem h\u00f6chsten Augenblick des \u00f6ffentlichen Attischen Geschmacks zusammen. Er wu\u00dfte aber auch die Gunst des Schicksals zu verdienen. Den Vorzug eines vollendeten Geschmacks, eines vollkommnen Stils teilt er mit seinem Zeitalter: die Art aber, wie er seine Stelle ausf\u00fcllte, seinem Beruf entsprach, ist ganz sein eigen. An genialischer Kraft weicht er weder dem \u00c4schylus noch dem Aristophanes, an Vollendung und Ruhe kommt er dem Homerus und dem Pindarus gleich, und an Anmut \u00fcbertrifft er alle seine Vorg\u00e4nger und Nachfolger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>technische Richtigkeit<\/em> seiner Darstellung ist vollkommen, und die <em>Eurythmie,<\/em> die regelm\u00e4\u00dfige Verkn\u00fcpfung seiner bestimmt und reich gegliederten Werke ist so <em>kanonisch,<\/em> wie etwa die Proportion des ber\u00fchmten Doryphorus vom Polyklet. Die reife und ausgewachsne Organisation eines jeden Ganzen ist bis zu einer <em>Vollst\u00e4ndigkeit<\/em> vollendet, welche auch nicht durch die geringste L\u00fccke, nicht durch einen \u00fcberfl\u00fcssigen Hauch gest\u00f6rt wird. <em>Notwendig<\/em> entwickelt sich alles aus Einem, und auch der kleinste Teil gehorcht unbedingt dem <em>gro\u00dfen Gesetz des Ganzen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Enthaltsamkeit, mit welcher er auch dem sch\u00f6nsten Auswuchs entsagt, auch der lockendsten Verf\u00fchrung, das Gleichgewicht des Ganzen zu verletzen, widerstanden haben w\u00fcrde, ist bei <em>diesem<\/em> Dichter ein Beweis seines Reichtums. Denn seine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit ist <em>frei,<\/em> seine Richtigkeit ist <em>leicht,<\/em> und die<em> reichste F\u00fclle<\/em> ordnet sich gleichsam von selbst zu einer vollkommnen aber gef\u00e4lligen \u00dcbereinstimmung. Die Einheit seiner Dramen ist nicht mechanisch erzwungen, sondern <em>organisch entstanden.<\/em> Auch der kleinste Nebenzweig genie\u00dft eignes Leben, und scheint nur aus freier Neigung sich an seiner Stelle in den gesetzm\u00e4\u00dfigen Zusammenhang der ganzen Bildung zu f\u00fcgen. Mit Lust und ohne Ansto\u00df folgen wir dem hinrei\u00dfenden Strome, verbreiten uns \u00fcber die bezaubernde Fl\u00e4che seiner Dichtung: denn die <em>Sch\u00f6nheit<\/em> der richtigen aber einfachen und freien <em>Stellung<\/em> gibt ihr einen unaussprechlichen Reiz. Das gr\u00f6\u00dfere Ganze, wie das Kleinere ist in die reichsten und einfachsten Massen bestimmt geschieden, und angenehm gruppiert. Und wie in der ganzen Handlung Kampf und Ruhe, Tat und Betrachtung, Menschheit und Schicksal gef\u00e4llig wechseln, und sich frei vereinigen, wenn bald die einzelne Kraft ihren k\u00fchnen Lauf ungehemmt ergie\u00dft, bald zwei Kr\u00e4fte in raschem Wechsel sich k\u00e4mpfend umschlingen, bald alles Einzelne vor der majest\u00e4tischen Masse des Chors schweigt: so ist auch noch in dem kleinsten Teil der Rede das Mannigfaltige in leichtem Wechsel, und freier Vereinigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist auch nicht die leiseste Erinnrung an Arbeit, Kunst und Bed\u00fcrfnis. Wir werden das Medium nicht mehr gewahr, die H\u00fclle schwindet, und unmittelbar genie\u00dfen wir die reine Sch\u00f6nheit. Diese anspruchslose Vollkommenheit scheint ohne bei ihrer eignen Hoheit zu verweilen, oder f\u00fcr den \u00e4u\u00dfern Eindruck zu sorgen, nur um ihrer selbst willen da zu sein. Diese Bildungen scheinen nicht gemacht oder geworden, sondern ewig vorhanden gewesen, oder von selbst entstanden zu sein, wie die G\u00f6ttin der Liebe leicht und pl\u00f6tzlich vollendet aus dem Meere emporstieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gem\u00fcte des Sophokles war die g\u00f6ttliche Trunkenheit des Dionysos, die tiefe Erfindsamkeit der Athene, und die leise Besonnenheit des Apollo gleichm\u00e4\u00dfig verschmolzen. Mit Zaubermacht entr\u00fcckt seine Dichtung die Geister ihren Sitzen und versetzt sie in eine h\u00f6here Welt; mit s\u00fc\u00dfer Gewalt lockt er die Herzen, und rei\u00dft sie unwiderstehlich fort. Aber ein gro\u00dfer Meister in der seltnen Kunst des <em>Schicklichen<\/em> wei\u00df er auch durch den gl\u00fccklichsten Gebrauch der gr\u00f6\u00dften tragischen Kraft die <em>h\u00f6chste Schonung<\/em> zu erreichen; gewaltig im R\u00fchrenden, wie im Schrecklichen ist er dennoch nie bitter oder gr\u00e4\u00dflich. \u2013 In stetem Schrecken w\u00fcrden wir bis zur Bewu\u00dftlosigkeit erstarren; in steter R\u00fchrung zerschmelzen. Sophokles hingegen wei\u00df Schrecken und R\u00fchrung im vollkommensten Gleichgewicht wohlt\u00e4tig zu mischen, an treffenden Stellen durch entz\u00fcckende Freude und frische Anmut k\u00f6stlich zu w\u00fcrzen, und dieses sch\u00f6ne Leben in gleichm\u00e4\u00dfiger Spannung \u00fcber das Ganze zu verbreiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wunderbar gro\u00df ist seine \u00dcberlegenheit \u00fcber den<em> Stoff,<\/em> seine gl\u00fcckliche Auswahl desselben, seine weise Benutzung der gegebenen Umrisse. Unter so vielen vielleicht zahllosen m\u00f6glichen Aufl\u00f6sungen immer sicher die beste zu treffen, nie von der zarten Gr\u00e4nze zu verirren und selbst unter den verwickeltsten Schranken, mit geschickter F\u00fcgung in das Notwendige, seine v\u00f6llige Freiheit behaupten; das ist das Meisterst\u00fcck der k\u00fcnstlerischen Weisheit. Auch wenn ein Vorg\u00e4nger ihm die n\u00e4chste und beste Aufl\u00f6sung vorweggenommen hatte, wu\u00dfte er den entrissenen Stoff sich von neuem zuzueignen. Er vermochte nach dem \u00c4schylus in der \u00bbelektra\u00ab neu zu sein, ohne unnat\u00fcrlich zu werden. Auch den an einzelnen gro\u00dfen Umrissen und gl\u00fccklichen Veranlassungen reichen, im Ganzen aber ung\u00fcnstigen und l\u00fcckenhaften Stoff des \u00bbPhiloktetes\u00ab wu\u00dfte er zu einer vollst\u00e4ndigen Handlung zu bilden, zu runden, und zu erg\u00e4nzen, welcher es weder an einer leichten Einheit noch an einer v\u00f6lligen Befriedigung fehlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <em>Attische Zauber seiner Sprache<\/em> vereinigt die rege F\u00fclle des Homerus, und die sanfte Pracht des Pindarus mit durchgearbeiteter Bestimmtheit. Die k\u00fchnen und gro\u00dfen aber harten, eckichten und schneidenden Umrisse des \u00c4schylus sind in der Diktion des Sophokles bis zu einer scharfen Richtigkeit, bis zu einer weichen Vollendung verfeinert, gemildert und ausgebildet. \u2013 Nur da, wo Erfindsamkeit, Geselligkeit, Beredsamkeit und Schonung gleichsam eingeboren waren; wo die vollst\u00e4ndige Bildung die einseitigen Vorz\u00fcge der Dorischen und Jonischen Bildung umfa\u00dfte; wo bei der unbeschr\u00e4nktesten Freiheit und Gesetzesgleichheit alles Innre in kecker Gestalt ans Licht treten durfte, und durch den lebhaftesten Kampf, die vielseitigste Friktion von au\u00dfen gewetzt, gereinigt, gerundet und geordnet wurde: nur in <em>Athen<\/em> war die <em>Vollendung<\/em> der Griechischen Sprache m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <em>Rhythmus<\/em> des Sophokles vereinigt den starken Flu\u00df, die gedr\u00e4ngte Kraft und die m\u00e4nnliche W\u00fcrde des Dorischen Stils, mit der reichen F\u00fclle, der raschen Weichheit und der zarten Leichtigkeit Jonischer oder Aeolischer Rhythmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>Ideal der Sch\u00f6nheit,<\/em> welches in allen Werken des Sophokles, und deren einzelnen Teilen durchaus herrscht, ist ganz vollendet. Die Kraft der einzelnen wesentlichen Bestandteile der Sch\u00f6nheit ist gleichm\u00e4\u00dfig, und die Ordnung der vereinigten v\u00f6llig gesetzm\u00e4\u00dfig. <em>Sein Stil ist vollkommen.<\/em> In jeder einzelnen Trag\u00f6die, und in jedem einzelnen Fall ist der Grad der Sch\u00f6nheit durch die Schranken des Stoffs, den Zusammenhang des Ganzen, und die Beschaffenheit der besondren Stelle n\u00e4her bestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>sittliche<\/em> Sch\u00f6nheit aller einzelnen <em>Handelnden<\/em> ist so gro\u00df, als diese Bedingungen jedesmal nur immer verstatten. Alle Taten und Leidenschaften entspringen so weit als m\u00f6glich aus <em>Sitten<\/em> oder Charakter, und die besondren Charaktere, die bestimmten Sitten n\u00e4hern sich so sehr als m\u00f6glich der reinen Menschheit. Unn\u00fctze Schlechtheit findet sich hier so wenig wie m\u00fc\u00dfiger Schmerz und auch die leiseste Anwandlung des bittern Unwillens ist aufs strengste vermieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begebenheiten, im Gegensatz der Handlungen, sind so wenig als m\u00f6glich, und diese werden alle aus<em> Schicksal<\/em> hergeleitet. Der unaufh\u00f6rliche notwendige Streit des Schicksals und der Menschheit aber wird durch eine andre Art von sittlicher Sch\u00f6nheit immer wieder in Eintracht aufgel\u00f6st, bis endlich die Menschheit, so weit es die Gesetze der technischen Richtigkeit verstatten, den vollst\u00e4ndigsten Sieg davon tr\u00e4gt. Die <em>Betrachtung,<\/em> dieser notwendige innre Nachklang jeder gro\u00dfen \u00e4u\u00dfern Tat oder Begebenheit <em>tr\u00e4gt<\/em> und erh\u00e4lt das Gleichgewicht des Ganzen. Die ruhige W\u00fcrde einer sch\u00f6nen Gesinnung schlichtet den furchtbaren Kampf, und lenkt die k\u00fchne \u00dcbermacht, welche jeden Damm der Ordnung heftig durchbrach, wieder in das milde Gleis des ewig ruhigen Gesetzes. Der Schlu\u00df des ganzen Werks gew\u00e4hrt endlich jederzeit die <em>vollste Befriedigung:<\/em> denn wenngleich der \u00e4u\u00dfern Ansicht nach die Menschheit zu sinken scheint, so siegt sie dennoch durch innre Gesinnung. Die tapfre Gegenwehr des Helden kann der blinden Wut des Schicksals zuletzt unterliegen: aber das selbst\u00e4ndige Gem\u00fct h\u00e4lt dennoch in allen Qualen standhaft zusammen, und schwingt sich endlich frei empor, wie der sterbende Herkules in den \u00bbTrachinerinnen\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle diese skizzierten Vollkommenheiten der Sophokleischen Dichtung sind nicht getrennte und f\u00fcr sich bestehende Eigenschaften, sondern nur verschiedene Ansichten und Teile eines streng verkn\u00fcpften und innigst verschmolznen Ganzen. So lange das Gleichgewicht der Kraft und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit in der Bildung noch nicht verloren, so lange das Ganze der Sch\u00f6nheit noch nicht zerrissen ist, kann das Einzelne gar nicht auf Unkosten des Ganzen vollkommner sein. Alle einzelne Trefflichkeiten leihen sich gegenseitig in durchg\u00e4ngiger Wechselwirkung einen h\u00f6hern Wert. Aus der Vereinigung aller dieser Eigenschaften, in denen ich nur die allgemeinsten Umrisse gleichsam die \u00e4u\u00dfersten Gr\u00e4nzen seines unersch\u00f6pflich reichen Wesens entworfen habe, entspringt die <em>selbstgenugsame Vollendung,<\/em> die eigne <em>S\u00fc\u00dfigkeit,<\/em> welche den Griechen selbst vorz\u00fcglich charakteristische Z\u00fcge dieses Dichters zu sein schienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In praktischer R\u00fccksicht sind die Vorz\u00fcge der verschiedenen Zeitalter, Dichtarten und Richtungen sehr ungleich, und wiewohl das Nachahmungsw\u00fcrdige in der Griechischen Poesie \u00fcberall verbreitet ist, so vereinigt es sich doch gleichsam in dem Mittelpunkte des goldnen Zeitalters. In <em>theoretischer<\/em> R\u00fccksicht hingegen ist die <em>ganze Masse<\/em> ohngef\u00e4hr gleich merkw\u00fcrdig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr auffallend kontrastiert die <em>einfache Gleichartigkeit<\/em> der ganzen Masse der Griechischen Poesie mit dem bunten Kolorit, und der heterogenen Mischung der modernen Poesie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Griechische Bildung \u00fcberhaupt war durchaus originell und national, ein in sich vollendetes Ganzes, welches durch blo\u00dfe innre Entwicklung einen h\u00f6chsten Gipfel erreichte, und in einem v\u00f6lligen Kreislauf auch wieder in sich selbst zur\u00fccksank. Ebenso originell war auch die Griechische Poesie. Die Griechen bewahrten ihre Eigent\u00fcmlichkeit rein und ihre Poesie war nicht nur im ersten Anfange, sondern auch im ganzen Fortgange best\u00e4ndig <em>national.<\/em> Sie war nicht nur in ihrem Ursprunge, sondern auch in ihrer ganzen Masse <em>mythisch:<\/em> denn im Zeitalter kindlicher Bildung, so lange die Freiheit nur durch Natur veranla\u00dft und nicht selbst\u00e4ndig ist, sind die verschiedenen Zwecke der Menschheit nicht bestimmt, und ihre Teile vermischt. Die Sage oder der <em>Mythus<\/em> ist ja aber eben jene Mischung, wo sich \u00dcberlieferung und Dichtung gatten, wo die Ahndung der kindischen Vernunft und die Morgenr\u00f6te der sch\u00f6nen Kunst ineinander verschmelzen. Die nat\u00fcrliche Bildung ist nur die stete Entwicklung eines und desselben Keims; die Grundz\u00fcge ihrer Kindheit werden sich daher \u00fcber das Ganze verbreiten und durch \u00fcberlieferte Gebr\u00e4uche und geheiligte Einrichtungen befestigt bis auf die sp\u00e4teste Zeit erhalten werden. Die Griechische Poesie ist von ihrem Ursprunge an, w\u00e4hrend ihres Fortganges, und in ihrer ganzen Masse <em>musikalisch, rhythmisch<\/em> und<em> mimisch.<\/em> Nur die Willk\u00fcr des k\u00fcnstelnden Verstandes kann gewaltsam scheiden, was durch die Natur ewig vereinigt ist. Ein wahrhaft menschlicher Zustand besteht nicht aus Vorstellungen oder aus Bestrebungen allein, sondern aus der Mischung beider. Er ergie\u00dft sich ganz, durch alle vorhandnen \u00d6ffnungen, nach allen m\u00f6glichen Richtungen. Er \u00e4u\u00dfert sich in willk\u00fcrlichen und nat\u00fcrlichen Zeichen, in Rede, Stimme und Geb\u00e4rde zugleich. In der nat\u00fcrlichen Bildung der K\u00fcnste, ehe der Verstand seine Rechte verkennt, und durch gewaltsame Eingriffe die Gr\u00e4nzen der Natur verwirrt, ihre sch\u00f6ne Organisation zerst\u00f6rt, sind Poesie, Musik und Mimik (welche dann auch rhythmisch ist) fast immer unzertrennliche Schwestern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gleichartigkeit nehmen wir nicht nur in der ganzen Masse, sondern auch in den gr\u00f6\u00dfern und kleinern, koexistenten oder sukzessiven Klassen, in welche das Ganze sich spaltet, wahr. Bei der gr\u00f6\u00dften Verschiedenheit der urspr\u00fcnglichen Dichterkraft, und der weisen Anwendung derselben, ja sogar des individuellen Nationalcharakters der verschiedenen St\u00e4mme, und der herrschenden Stimmung des K\u00fcnstlers, sind dennoch in jeder gr\u00f6\u00dfern Epoche der \u00e4sthetischen Bildung die allgemeinen Verh\u00e4ltnisse des Gem\u00fcts und der Natur unab\u00e4nderlich und ohne Ausnahme bestimmt. In derjenigen dieser Epochen, wo der \u00f6ffentliche Geschmacks auf der h\u00f6chsten Stufe der Bildung stand, und bei der gr\u00f6\u00dften Vollkommenheit alle Organe der Kunst sich zugleich am vollst\u00e4ndigsten und am freiesten \u00e4u\u00dfern konnten, waren die allgemeinen Verh\u00e4ltnisse der urspr\u00fcnglichen Bestandteile der Sch\u00f6nheit durch den Geist des Zeitalters entschieden determiniert, und weder der h\u00f6chste noch der geringste Grad des originellen Genies, oder die eigent\u00fcmliche Bildung und Stimmung des Dichters konnte eine einzige Ausnahme von dieser Notwendigkeit m\u00f6glich machen. W\u00e4hrend diese koexistenten Verh\u00e4ltnisse schnell wechselten, verbreitete der Geist eines gro\u00dfen Meisters seine wohlt\u00e4tigen Wirkungen durch viele Zeitalter, ohne da\u00df dadurch die Erfindung gel\u00e4hmt, oder die Originalit\u00e4t gefesselt worden w\u00e4re. Mit merkw\u00fcrdiger Gleichheit erhielt sich oft durch eine lange Reihe von K\u00fcnstlern eine vorz\u00fcgliche eigent\u00fcmlich bestimmte Richtung. Dennoch aber ging die durchg\u00e4ngige Tendenz des Individuellen auf das Objektive, so da\u00df das erste den Spielraum des letzten wohl hie und da beschr\u00e4nkte, nie aber seiner gesetzm\u00e4\u00dfigen Herrschaft sich entzog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verschiednen Stufen der sukzessiven Entwicklung, sondern sich zwar in Masse deutlich und entschieden voneinander ab, aber in dem stetigen Flu\u00df der Geschichte verschmelzen die \u00e4u\u00dfersten Gr\u00e4nzen wie Wellen des Stromes, ineinander. Desto unvermischter sind die Gr\u00e4nzen der koexistenten Richtungen des Geschmacks und Arten der Kunst. Ihre Zusammensetzung ist durchaus gleichartig, rein und einfach, wie der Organismus der plastischen Natur, nicht wie der Mechanismus des technischen Verstandes. Nach einem ewigen und einfachen Gesetz der Anziehung und der R\u00fccksto\u00dfung koalisieren sich die homogenen Elemente, entledigen sich alles Fremdartigen, je mehr sie sich entwickeln, und bilden sich organisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ganze Masse der modernen Poesie ist ein unvollendeter Anfang, dessen Zusammenhang nur in Gedanken zur Vollst\u00e4ndigkeit erg\u00e4nzt werden kann. Die Einheit dieses teils wahrgenommenen, teils gedachten Ganzen ist der k\u00fcnstliche Mechanismus eines durch menschlichen Flei\u00df hervorgebrachten Produkts. Die gleichartige Masse der Griechischen Poesie hingegen ist ein selbst\u00e4ndiges, in sich vollendetes, vollkommnes Ganzes, und die einfache Verkn\u00fcpfung ihres durchg\u00e4ngigen Zusammenhanges ist die Einheit einer <em>sch\u00f6nen Organisation,<\/em> wo auch der kleinste Teil durch die Gesetze und den Zweck des Ganzen notwendig bestimmt, und doch f\u00fcr sich bestehend und frei ist. \u2013 <em>Die sichtbare Regelm\u00e4\u00dfigkeit ihrer progressiven Entwicklung<\/em> verr\u00e4t mehr als Zufall. Der gr\u00f6\u00dfte wie der kleinste Fortschritt entwickelt sich wie von selbst aus der vorhergehenden, und enth\u00e4lt den vollst\u00e4ndigen Keim der folgenden Stufe. Die sonst auch in der Menschengeschichte oft so tief verh\u00fcllten<em> innern Prinzipien der lebendigen Bildung<\/em> liegen hier offenbar am Tage, und sind selbst der \u00e4u\u00dfern Gestalt mit bestimmter und einfacher Schrift eingepr\u00e4gt. Wie in der ganzen Masse die homogenen Elemente durch innre St\u00e4rke der strebenden Kraft zu einer gesunden Organisation sich freundlich koalisierten; wie der organische Keim durch stete Evolutionen des Bildungstriebes seinen Kreislauf vollendete, gl\u00fccklich wuchs, \u00fcppig bl\u00fchte, schnell reifte und pl\u00f6tzlich welkte: so auch jede Dichtart, jedes Zeitalter, jede Schule der Poesie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Analogie erlaubt und n\u00f6tigt uns vorauszusetzen, da\u00df in der Griechischen Poesie gar nichts zuf\u00e4llig und blo\u00df durch \u00e4u\u00dfre Einwirkung gewaltt\u00e4tig bestimmt sei. Es scheint vielmehr auch das Geringste, Seltsamste und der ersten Ansicht nach Zuf\u00e4lligste sich aus innern Gr\u00fcnden notwendig entwickelt zu haben. \u2013 Der Punkt, von dem die Griechische Bildung ausging, war eine absolute Rohigkeit, und ihre kosmische Lage ein Maximum von Beg\u00fcnstigung in Anlagen und Veranlassungen welches in der \u00e4sthetischen Bildung wenigstens nie durch sch\u00e4dliche \u00e4u\u00dfre Einfl\u00fcsse gest\u00f6rt ward. Diese veranlassenden Ursachen erkl\u00e4ren die Herkunft, die eigent\u00fcmliche Beschaffenheit, und die \u00e4u\u00dfern Schicksale der Griechischen Poesie. Die allgemeinen Verh\u00e4ltnisse ihrer Teile aber, die Umrisse ihres Ganzen, die bestimmten Gr\u00e4nzen ihrer Stufen und Arten, die notwendigen Gesetze ihrer Fortschreitung erkl\u00e4ren sich nur aus innern Gr\u00fcnden, aus der <em>Nat\u00fcrlichkeit ihrer Bildung.<\/em> Diese Bildung war keine andre als die freieste Entwicklung der gl\u00fccklichsten Anlage, deren allgemeiner und notwendiger Keim in der menschlichen Natur selbst gegr\u00fcndet ist. \u2013 Nie ist die \u00e4sthetische Bildung der Griechen weder zu Athen noch zu Alexandrien in dem Sinne k\u00fcnstlich gewesen, da\u00df der Verstand die ganze Masse geordnet, alle Kr\u00e4fte gelenkt, das Ziel und die Richtung ihres Ganges bestimmt h\u00e4tte. Im Gegenteil war die Griechische Theorie eigentlich ohne die mindeste Gemeinschaft mit der Praxis des K\u00fcnstlers und h\u00f6chstens sp\u00e4terhin die Handlangerin derselben. Der <em>gesamte Trieb<\/em> war nicht nur das bewegende, sondern auch das<em> lenkende Prinzip<\/em> der Griechischen Bildung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Griechische Poesie in Masse ist ein <em>Maximum und Kanon<\/em> der <em>nat\u00fcrlichen Poesie,<\/em> und auch jedes einzelne Erzeugnis derselben ist das vollkommenste in seiner Art. Mit k\u00fchner Bestimmtheit sind die Umrisse einfach entworfen, mit \u00fcppiger Kraft ausgef\u00fcllt und vollendet; jede Bildung ist die <em>vollst\u00e4ndige Anschauung eines echten Begriffs.<\/em> Die Griechische Poesie enth\u00e4lt f\u00fcr alle urspr\u00fcnglichen Geschmacks- und Kunstbegriffe eine vollst\u00e4ndige Sammlung von Beispielen, welche so \u00fcberraschend zweckm\u00e4\u00dfig f\u00fcr das theoretische System sind, als h\u00e4tte sich die bildende Natur gleichsam herabgelassen, den W\u00fcnschen des nach Erkenntnis strebenden Verstandes zuvorzukommen. In ihr ist der <em>ganze Kreislauf der organischen Entwicklung der Kunst<\/em> abgeschlossen und vollendet, und das h\u00f6chste Zeitalter der Kunst, wo das Verm\u00f6gen des Sch\u00f6nen sich am freiesten und vollst\u00e4ndigsten \u00e4u\u00dfern konnte, enth\u00e4lt den <em>vollst\u00e4ndigen Stufengang des Geschmacks.<\/em> Alle reinen Arten der verschiedenen m\u00f6glichen Zusammensetzungen der Bestandteile der Sch\u00f6nheit sind ersch\u00f6pft, und selbst die Ordnung der Aufeinanderfolge und die Beschaffenheit der \u00dcberg\u00e4nge ist durch innre Gesetze notwendig bestimmt. Die <em>Gr\u00e4nzen ihrer Dichtarten<\/em> sind nicht durch willk\u00fcrliche Scheidungen und Mischungen erk\u00fcnstelt, sondern durch die bildende Natur selbst erzeugt und bestimmt. Das System aller m\u00f6glichen reinen Dichtarten ist sogar bis auf die Spielarten, die unreifen Arten der unentwickelten Kindheit, und die einfachsten Bastardarten, welche sich im versunknen Zeitalter der Nachahmung aus dem Zusammenflu\u00df aller echten vorhandnen erzeugten, vollst\u00e4ndig ersch\u00f6pft. Sie ist eine <em>ewige Naturgeschichte des Geschmacks und der Kunst.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie enth\u00e4lt eigentlich die <em>reinen und einfachen Elemente,<\/em> in welche man die gemischten Produkte der modernen Poesie erst analysieren mu\u00df, um ihr labyrinthisches Chaos v\u00f6llig zu entr\u00e4tseln. Hier sind alle Verh\u00e4ltnisse so echt, urspr\u00fcnglich und notwendig bestimmt, da\u00df der Charakter auch jedes einzelnen Griechischen Dichters gleichsam eine reine und einfache<em> \u00e4sthetische Elementaranschauung<\/em> ist. Man kann zum Beispiel <em>Goethens Stil<\/em> nicht bestimmter, anschaulicher und k\u00fcrzer erkl\u00e4ren, als wenn man sagt, er sei aus dem Stil des Homerus, des Euripides und des Aristophanes gemischt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber die griechische Poesie beleidigt ja unsre Delikatesse so oft und so empfindlich! Weit entfernt von der h\u00f6hern Sittlichkeit unsers verfeinerten Jahrhunderts bleibt sie selbst in ihrer h\u00f6chsten Vollendung hinter der alten Romanze an Edelmut, Anstand, Scham und Zartheit weit zur\u00fcck. Wie arm und uninteressant ist nicht die ger\u00fchmte Simplizit\u00e4t ihrer ernsthaften Produkte! Der Stoff ist d\u00fcrftig, die Ausf\u00fchrung monoton, die Gedanken trivial, die Gef\u00fchle und Leidenschaften ohne Energie, und selbst die Form nach den strengen Forderungen unsrer h\u00f6hern Theorie nicht selten inkorrekt. Die Griechische Poesie sollte unser Muster sein? Sie, welche den h\u00f6chsten Gegenstand sch\u00f6ner Kunst \u2013 eine edle geistige Liebe \u2013 gar nicht kennt?\u00ab So werden viele Moderne denken. \u00bbSehr viele lyrische Gedichte besingen die unnat\u00fcrlichste Ausschweifung und fast in allen atmet der Geist z\u00fcgelloser Wollust aufgel\u00f6ster \u00dcppigkeit, zerflossener Unm\u00e4nnlichkeit. In der plumpen Possenrei\u00dferei der p\u00f6belhaften alten Kom\u00f6die scheint alles zusammengeflossen zu sein, was nur gute Sitten und gute Gesellschaft emp\u00f6ren kann. In dieser Schule aller Laster, wo selbst Sokrates kom\u00f6diert ward, wird alles Heilige verlacht, und alles Gro\u00dfe mutwillig verspottet. Nicht nur die frevelhafteste Ausschweifung, sondern sogar weibische Feigheit und besonnene Niedertr\u00e4chtigkeit werden hier mit fr\u00f6hlichen Farben und in einem t\u00e4uschend reizenden Lichte leichtsinnig dargestellt. Die Immoralit\u00e4t der neuen Kom\u00f6die scheint nur weniger schlimm, weil sie schw\u00e4cher und feiner ist. Allein die Gaunereien l\u00fcgenhafter Sklaven und intriganter Buhlerinnen, die Ausschweifungen t\u00f6richter J\u00fcnglinge sind bei h\u00e4ufig wechselnden Mischungen die bleibenden und immer wiederkehrenden Grundz\u00fcge der ganzen Handlung. Auch im Homer stimmt der unedle Eigennutz seiner Helden, die nackte Art, wie der Dichter ungerechte Klugheit, und unsittliche St\u00e4rke gleichsam preisend, oder doch gleichg\u00fcltig darstellt, mit der hohen W\u00fcrde der vollkommenen Epop\u00f6e so schlecht \u00fcberein, als die nicht ganz seltne Gemeinheit des Stoffs und des Ausdrucks, und der rhapsodische Zusammenhang des Ganzen. Der w\u00fctenden Trag\u00f6die ist nicht nur jedes gr\u00e4\u00dflichste Verbrechen das willkommenste, sondern in den Sophismen der Leidenschaft wird das Laster auch nach Grunds\u00e4tzen gelehrt. Wessen Herz emp\u00f6rt sich nicht, den Muttermord der Elektra im Sophokles mehr gl\u00e4nzend und versch\u00f6nernd, als verabscheuend dargestellt zu sehen? Um endlich der bessern Seele jeden innern Widerhalt zu rauben, so schlie\u00dft gew\u00f6hnlich das schreckliche Gem\u00e4lde im dunkeln Hintergrunde mit der niederdr\u00fcckenden Ansicht eines allm\u00e4chtigen und unverst\u00e4ndigen, wohl gar neidischen und menschenfeindlichen Schicksals.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehe ich diese interessante Komposition moderner Anma\u00dfung raffinierter Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse und barbarischer Vorurteile in ihre urspr\u00fcnglichen Elemente analysiere, mu\u00df ich einige Worte \u00fcber die einzigen g\u00fcltigen <em>objektiven Prinzipien des \u00e4sthetischen Tadels<\/em> voranschicken. Dann wird es nicht schwer sein, den subjektiven Ursprung der konventionellen Prinzipien dieser pathetischen Satire zu deduzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede lobende oder tadelnde W\u00fcrdigung kann nur unter zwei Bedingungen g\u00fcltig sein. Der Ma\u00dfstab, nach welchem geurteilt und gesch\u00e4tzt wird, mu\u00df allgemeing\u00fcltig, und die Anwendung auf den kritisierten Gegenstand mu\u00df so gewissenhaft treu, die Wahrnehmung so vollkommen richtig sein, da\u00df sie jede Pr\u00fcfung bestehn k\u00f6nnen. Au\u00dferdem ist das Urteil ein blo\u00dfer Machtspruch. Wie unvollst\u00e4ndig und l\u00fcckenhaft unsre Philosophie des Geschmacks und der Kunst noch sei, kann man schon daraus abnehmen, da\u00df es noch nicht einmal einen namhaften Versuch einer<em> Theorie des H\u00e4\u00dflichen<\/em> gibt. Und doch sind das Sch\u00f6ne und das H\u00e4\u00dfliche unzertrennliche Korrelaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie das Sch\u00f6ne die angenehme Erscheinung des Guten, so ist das <em>H\u00e4\u00dfliche<\/em> die unangenehme Erscheinung des Schlechten. Wie das Sch\u00f6ne durch eine s\u00fc\u00dfe Lockung der Sinnlichkeit das Gem\u00fct anregt, sich dem geistigen Genusse hinzugeben: so ist hier ein feindseliger Angriff auf die Sinnlichkeit Veranlassung und Element des sittlichen Schmerzes. Dort erw\u00e4rmt und erquickt uns reizendes Leben, und selbst Schrecken und Leiden ist mit Anmut verschmolzen; hier erf\u00fcllt uns das <em>Ekelhafte,<\/em> das <em>Qu\u00e4lende,<\/em> das <em>Gr\u00e4\u00dfliche<\/em> mit Widerwillen und Abscheu. Statt freier Leichtigkeit dr\u00fcckt uns <em>schwerf\u00e4llige Peinlichkeit,<\/em> statt reger Kraft <em>tote Masse.<\/em> Statt einer gleichm\u00e4\u00dfigen Spannung in einem wohlt\u00e4tigen Wechsel von Bewegung und Ruhe wird die Teilnahme durch ein <em>schmerzliches Zerren<\/em> in widersprechenden Richtungen hin und her gerissen. Wo das Gem\u00fct sich nach Ruhe sehnt, wird es durch <em>zerr\u00fcttende Wut<\/em> gefoltert, wo es Bewegung verlangt, durch <em>schleppende Mattigkeit<\/em> erm\u00fcdet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der tierische Schmerz ist in der Darstellung des H\u00e4\u00dflichen nur Element und Organ des <em>sittlich Schlechten.<\/em> Dem absoluten Guten ist aber gar nichts Positives, kein absolutes Schlechtes entgegengesetzt, sondern nur eine blo\u00dfe <em>Negation<\/em> der reinen Menschheit der Allheit, Einheit und Vielheit. Das H\u00e4\u00dfliche ist also eigentlich ein leerer Schein im Element eines reellen physischen \u00dcbels, aber ohne moralische Realit\u00e4t. Nur in der Sph\u00e4re der Tierheit gibt es ein positives \u00dcbel \u2013 den <em>Schmerz.<\/em> In der reinen Geistigkeit w\u00fcrde nur Genu\u00df und Beschr\u00e4nkung ohne Schmerz, und in der reinen Tierheit nur Schmerz und Stillung des <em>Bed\u00fcrfnisses ohne Genu\u00df<\/em> stattfinden. In der gemischten Natur des Menschen sind die negative Beschr\u00e4nkung des Geistes und der positive Schmerz des Tiers innigst ineinander verschmolzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gegensatz reicher F\u00fclle ist <em>Leerheit;<\/em> Monotonie, Einf\u00f6rmigkeit, Geistlosigkeit. Der Harmonie steht Mi\u00dfverh\u00e4ltnis und <em>Streit<\/em> gegen\u00fcber. <em>D\u00fcrftige Verwirrung<\/em> ist also dem eigentlichen Sch\u00f6nen im engern Sinne entgegengesetzt. Das <em>Sch\u00f6ne<\/em> im engern<em> Sinne<\/em> ist die Erscheinung einer endlichen Mannigfaltigkeit in einer bedingten Einheit. Das <em>Erhabne<\/em> hingegen ist die Erscheinung des Unendlichen; unendlicher F\u00fclle oder unendlicher Harmonie. Es hat also einen doppelten Gegensatz: <em>unendlichen Mangel<\/em> und<em> unendliche Disharmonie.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stufe der Schlechtheit n\u00e4mlich wird allein durch den <em>Grad der<\/em> Negation bestimmt. Die Stufe der H\u00e4\u00dflichkeit hingegen h\u00e4ngt zugleich von der <em>intensiven Quantit\u00e4t des Triebes,<\/em> welchem widersprochen wird, ab. Die notwendige Bedingung des H\u00e4\u00dflichen ist eine get\u00e4uschte Erwartung, ein erregtes und dann beleidigtes Verlangen. Das Gef\u00fchl der Leerheit und des Streits kann von blo\u00dfer Unbehaglichkeit bis zur w\u00fctendsten Verzweiflung wachsen, wenngleich der Grad der Negation derselbe bleibt, und die intensive Kraft des Triebes allein steigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erhabne Sch\u00f6nheit gew\u00e4hrt einen vollst\u00e4ndigen Genu\u00df. Das Resultat <em>erhabner H\u00e4\u00dflichkeit<\/em> (einer T\u00e4uschung, welche durch jene Spannung des Triebes m\u00f6glich ist) hingegen ist <em>Verzweiflung,<\/em> gleichsam ein absoluter, vollst\u00e4ndiger Schmerz. Ferner <em>Unwillen,<\/em> (eine Empfindung, welche im Reiche des H\u00e4\u00dflichen eine sehr gro\u00dfe Rolle spielt) oder der Schmerz, welcher die Wahrnehmung einzelner sittlicher Mi\u00dfverh\u00e4ltnisse begleitet; denn alle sittlichen Mi\u00dfverh\u00e4ltnisse veranlassen die Einbildungskraft den gegebnen Stoff zur Vorstellung einer unbedingten Disharmonie zu erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In strengstem Sinne des Worts ist ein <em>h\u00f6chstes H\u00e4\u00dfliches<\/em> offenbar so wenig m\u00f6glich wie ein h\u00f6chstes Sch\u00f6nes. Ein unbedingtes <em>Maximum der Negation,<\/em> oder das <em>absolute Nichts<\/em> kann so wenig wie ein unbedingtes Maximum der Position in irgendeiner Vorstellung gegeben werden; und in der h\u00f6chsten Stufe der H\u00e4\u00dflichkeit ist noch etwas Sch\u00f6nes enthalten. Ja sogar um das h\u00e4\u00dflich Erhabne darzustellen, und den Schein unendlicher Leerheit und unendlicher Disharmonie zu erregen, wird das gr\u00f6\u00dfte Ma\u00df von F\u00fclle und Kraft erfordert. Die Bestandteile des H\u00e4\u00dflichen streiten also untereinander selbst, und es kann in demselben nicht einmal wie im Sch\u00f6nen, durch eine gleichm\u00e4\u00dfige, wenngleich beschr\u00e4nkte Kraft der einzelnen Bestandteile, und durch vollkommne Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der vollst\u00e4ndig vereinigten ein bedingtes Maximum (ein objektives un\u00fcbertreffliches Proximum) erreicht werden, sondern nur ein <em>subjektives:<\/em> denn es gibt f\u00fcr jede individuelle Empf\u00e4nglichkeit eine bestimmte Gr\u00e4nze des Ekels, der Pein, der Verzweiflung, jenseits welcher die Besonnenheit aufh\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sch\u00f6ne K\u00fcnstler aber soll nicht nur den Gesetzen der Sch\u00f6nheit, sondern auch den Regeln der Kunst gehorchen, nicht nur das H\u00e4\u00dfliche, sondern auch <em>technische Fehler<\/em> vermeiden. Jedes darstellende Werk freier Kunst kann auf vierfache Weise Tadel verdienen. Entweder fehlt es der Darstellung an darstellender Vollkommenheit; oder sie s\u00fcndigt wider die Idealit\u00e4t und die Objektivit\u00e4t; oder auch wider die Bedingungen ihrer innern M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem <em>Unverm\u00f6gen<\/em> fehlt es an Werkzeugen und an Stoff, welche dem Zweck entsprechen w\u00fcrden. Die<em> Ungeschicklichkeit<\/em> Wei\u00df die vorhandne Kraft und den gegebnen Stoff nicht gl\u00fccklich zu benutzen. Die Darstellung ist dann stumpf, dunkel, verworren und l\u00fcckenhaft. Die <em>Verkehrtheit<\/em> wird die ewigen Gr\u00e4nzen der Natur verwirren, und durch <em>monstr\u00f6se Mischungen der echten Dichtarten<\/em> ihren eignen Zweck selbst vernichten. Eine zwar <em>gesunde aber noch kindliche Bildung<\/em> wird in <em>echten aber unvollkommnen Dichtarten<\/em> ihre richtige Absicht nur anlegen und skizzieren, ohne sie vollst\u00e4ndig auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Darstellung kann im Einzelnen sehr trefflich sein, und doch im Ganzen durch <em>innre Widerspr\u00fcche<\/em> sich selbst aufheben, die Bedingungen ihrer innern M\u00f6glichkeit vernichten, und die Gesetze der <em>technischen Richtigkeit<\/em> verletzen. <em>Unzusammenhang<\/em> k\u00f6nnte man es nennen, wenn es der unbestimmten Masse eines angeblichen Kunstwerks an eigner Bestandheit und Gesetzen innrer M\u00f6glichkeit \u00fcberhaupt fehlte; wenn das Werk gleichsam gr\u00e4nzenlos, und von der \u00fcbrigen Natur gar nicht, oder nicht geh\u00f6rig abgesondert w\u00e4re, da es doch eigentlich eine kleine abgeschlossene Welt, ein in sich vollendetes Ganzes sein sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wider die <em>Idealit\u00e4t<\/em> der Kunst wird versto\u00dfen, wenn der K\u00fcnstler sein Werkzeug verg\u00f6ttert, die Darstellung, welche nur Mittel sein sollte, an die Stelle des unbedingten Ziels unterschiebt, und nur nach <em>Virtuosit\u00e4t<\/em> strebt; durch <em>K\u00fcnstelei.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wider die <em>Objektivit\u00e4t<\/em> der Kunst, wenn sich bei dem Gesch\u00e4ft allgemeing\u00fcltiger Darstellung, die Eigent\u00fcmlichkeit ins Spiel mischt, sich leise einschleicht, oder offenbar emp\u00f6rt; durch <em>Subjektivit\u00e4t.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser allgemeine Umri\u00df der reinen Arten aller m\u00f6glichen technischen Fehler enth\u00e4lt die ersten<em> Grundlinien einer Theorie<\/em> der <em>Inkorrektheit,<\/em> welche mit der Theorie des H\u00e4\u00dflichen zusammengenommen den vollst\u00e4ndigen <em>\u00e4sthetischen Kriminalkodex<\/em> aus macht, den ich bei der folgenden skizzierten <em>Apologie der Griechischen Poesie zum<\/em> Grunde legen werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Griechische Poesie bedarf keiner rhetorischen Lobpreisungen; der Kunstgriff, ihre wirklichen Fehler zu besch\u00f6nigen oder zu leugnen, ist ihrer ganz unw\u00fcrdig. Sie verlangt strenge Gerechtigkeit: denn selbst harter Tadel wird ihrer Ehre weniger nachteilig sein, als blinder Enthusiasmus oder tolerante Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Verst\u00e4ndige wird die Unvollkommenheit der \u00e4ltesten, die Unechtheit der sp\u00e4testen Griechischen Dichtarten; die kindliche Sinnlichkeit des epischen Zeitalters, die \u00fcppige Ausschweifung gegen das Ende des lyrischen und besonders in der dritten Stufe des dramatischen Zeitalters, die nicht selten bittre und gr\u00e4\u00dfliche H\u00e4rte der \u00e4ltern Trag\u00f6die willig eingestehen. Auf die Schwelgerei, die das sinnlich Angenehme, welches nur Anregung und Element des geistigen Genusses sein sollte, zum letzten Zweck erhob, folgte bald kraftlose G\u00e4rung, dann ruhige Mattigkeit, und endlich im Zeitalter der K\u00fcnstelei und gelehrter Nachahmung die schwerf\u00e4llige Trockenheit einer toten und aus einzelnen St\u00fccken zusammengeflickten Masse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die durchg\u00e4ngige Richtung der gesamten strebenden Kraft ging zwar auf Sch\u00f6nheit von dem Augenblick an, da die Darstellung von der rohen \u00c4u\u00dferung eines Bed\u00fcrfnisses sich zum freien Spiel erhob.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber <em>die nat\u00fcrliche Entwicklung konnte<\/em> keine notwendigen Stufen der Bildung \u00fcberspringen, und <em>nur allm\u00e4hlig fortschreiten.<\/em> Auch das war <em>nat\u00fcrlich, ja notwendig,<\/em> da\u00df die Griechische Poesie von dem h\u00f6chsten Gipfel der Vollendung <em>in die tiefste Entartung versank.<\/em> Der Trieb n\u00e4mlich, welcher die Griechische Bildung lenkte, ist ein m\u00e4chtiger Beweger, aber ein blinder F\u00fchrer. Setzt eine Mannigfaltigkeit blinder bewegender Kr\u00e4fte in freie Gemeinschaft, ohne sie durch ein vollkommnes Gesetz zu vereinigen: sie werden sich endlich selbst zerst\u00f6ren. So auch freie Bildung: denn hier ist in die Gesetzgebung selbst etwas Fremdartiges aufgenommen, weil der zusammengesetzte Trieb eine Mischung der Menschheit und der Tierheit ist. Da die letztere eher zum Dasein gelangt, und die Entwicklung der ersten selbst erst veranla\u00dft, so hat sie in den fr\u00fchern Stufen der Bildung das \u00dcbergewicht. Sie behielt dieses in Griechenland auch bei der gr\u00f6\u00dfern Masse der ganz ungebildeten B\u00fcrger oder B\u00fcrgerinnen gebildeter V\u00f6lker, und der rohgebliebenen V\u00f6lkerschaften; und zwar eine Masse, aber nur die kleinere herrschende in der gr\u00f6\u00dfern beherrschten wurde m\u00fcndig und selbst\u00e4ndig. Diese gr\u00f6\u00dfere Masse \u00e4u\u00dferte best\u00e4ndig eine starke anziehende Kraft, die bessere zu sich herabzuziehn, welche durch den ansteckenden Einflu\u00df durchmischter Sklaven und umgebender Barbaren noch ungemein verst\u00e4rkt ward. Ohne \u00e4u\u00dfre Gewalt, und sich selbst \u00fcberlassen, kann die strebende Kraft nie stillstehen. Wenn sie daher in ihrer allm\u00e4hlichen Entwicklung das Zeitalter einer gleichm\u00e4\u00dfigen, an Kraft beschr\u00e4nkten, aber im Umfang vollst\u00e4ndigen und gesetzm\u00e4\u00dfigen Befriedigung erreicht, so wird sie notwendig gr\u00f6\u00dferen Gehalt selbst auf Unkosten der \u00dcbereinstimmung begehren. Die Bildung wird rettungslos in sich selbst versinken, und der Gipfel der h\u00f6chsten Vollendung wird ganz dicht an entschiedene Entartung gr\u00e4nzen. Die lenkende Kunst eines durch vielfache Erfahrung gereiften Verstandes allein h\u00e4tte dem Gange der Bildung eine gl\u00fccklichere Richtung geben k\u00f6nnen. Der Mangel eines <em>weisen lenkenden Prinzips,<\/em> um das h\u00f6chste Sch\u00f6ne zu fixieren, und der Bildung eine stete Progressions zum Bessern zu sichern, ist aber nicht das Vergehn eines einzelnen Zeitalters. Wenn \u00fcber das, was notwendig, und eigentlich <em>Schuld der Menschheit selbst<\/em> ist, ein Tadel stattfinden kann, so trifft er die Masse der Griechischen Bildung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber dieses allm\u00e4hliche Entstehen, und dieses Versinken in sich selbst, der ganzen Griechischen Bildung, wie der Griechischen Poesie steht gar nicht im Widerspruch mit der Behauptung, da\u00df die Griechische Poesie die <em>gesuchte Anschauung<\/em> sei, durch welche eine objektive Philosophie der Kunst sowohl in praktischer, als in theoretischer R\u00fccksicht erst anwendbar und pragmatisch werden k\u00f6nnte. Denn eine vollst\u00e4ndige Naturgeschichte der Kunst und des Geschmacks umfa\u00dft im vollendeten Kreislaufe der allm\u00e4hlichen Entwicklung auch die Unvollkommenheit der fr\u00fchern, und die Entartung der sp\u00e4tern Stufen, in deren steten und notwendigen Kette kein Glied \u00fcbersprungen werden kann. Der Charakter der Masse ist dennoch Objektivit\u00e4t, und auch diejenigen Werke, deren Stil tadelhaft ist, sind durch die einfache Echtheit der Anlagen und Gr\u00e4nzen, durch die dreiste Bestimmtheit der reinen Umrisse, und die kr\u00e4ftige Vollendung der bildenden Natur <em>einzige,<\/em> f\u00fcr alle Zeitalter g\u00fcltige, und <em>gesetzgebende Anschauungen.<\/em> Die kindliche Sinnlichkeit der fr\u00fchern Griechischen Poesie hat mehr gleichm\u00e4\u00dfigen Umfang und sch\u00f6nes Ebenma\u00df, als die k\u00fcnstlichste Verfeinerung mi\u00dfbildeter Barbaren, und selbst die Griechische K\u00fcnstelei hat ihre klassische Objektivit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt eine gewisse Art der Ungen\u00fcgsamkeit, welche ein sichres Kennzeichen der Barbarei ist. So diejenigen, welche nicht zufrieden damit, da\u00df die Griechische Poesie sch\u00f6n sei, ihr einen ganz fremdartigen Ma\u00dfstab der W\u00fcrdigung aufdringen, in ihren verworrnen Pr\u00e4tensionen alles Objektive und Subjektive durcheinander mischen, und fordern, da\u00df sie <em>interessanter<\/em> sein sollte. Allerdings k\u00f6nnte auch das Interessanteste noch interessanter sein, und die Griechische Poesie macht von diesem allgemeinen Naturgesetz keine Ausnahme. Alle Quanta sind unendlich progressiv, und es w\u00e4re wunderbar, wenn unsere Poesie durch die Fortschritte aller vorigen Zeitalter bereichert an Gehalt die Griechische nicht \u00fcbertr\u00e4fe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist das Verh\u00e4ltnis des m\u00e4nnlichen und des weiblichen Geschlechts im Ganzen bei den Modernen wenigstens etwas gl\u00fccklicher, die weibliche Erziehung ein klein wenig besser, wie bei den Griechen. Die <em>Liebe<\/em> war bei den Modernen lange Zeit, zum Teil noch jetzt der einzige Ausweg f\u00fcr jeden freieren Schwung h\u00f6heren Gef\u00fchls, der sonst der Tugend und dem Vaterlande geweiht war. Auch die Dichtkunst der Modernen verdankt dieser g\u00fcnstigen Veranlassung sehr viel. Freilich aber wurde nur zu oft Fantasterei und Bombast der echten Empfindung untergeschoben, und durch h\u00e4\u00dfliche falsche Scham die Einfalt der Natur entweiht. Gewi\u00df ist die sublimierte Mystik und die ordentlich scholastische Pedanterei in der Metaphysik der Liebe vieler modernen Dichter von echter Grazie sehr weit entfernt. Die krampfhaften Ersch\u00fctterungen des Kranken machen mehr Ger\u00e4usch, als das ruhige aber starke Leben des Gesunden. \u2013 Die innige Glut des treuen Properzius vereinigt wahre Kraft und Zartheit, und l\u00e4\u00dft viel Gutes vom Kallimachus und Philetas ahnden. Und doch war in seinem Zeitalter an vollkommne lyrische Sch\u00f6nheit schon gar nicht mehr zu denken. Es sind aber Spuren genug vorhanden, um sehr bestimmt vermuten zu k\u00f6nnen, was und wie viel wir an den Ges\u00e4ngen der Sappho des Mimnermus und einiger andrer erotischen Dichter aus der Bl\u00fctezeit der lyrischen Kunst verloren haben. Die sanfte W\u00e4rme, die urbane Grazie, die liberale Humanit\u00e4t, welche in den erotischen Darstellungen der neuen Attischen Kom\u00f6die atmete, lebt noch in vielen Dramen des Plautus und Terentius. Was hingegen die Trag\u00f6die betrifft, so hatten die Griechen vielleicht Recht, den Euripides zu tadeln. Was augenblickliche Ergie\u00dfung des \u00fcbersch\u00e4umenden Gef\u00fchls, oder ruhiger Genu\u00df voller Gl\u00fcckseligkeit sein sollte, kann nur durch h\u00e4\u00dfliche, immoralische und fantastische Zus\u00e4tze zu einer tragischen Leidenschaft auseinandergereckt werden. In vielen der trefflichsten modernen Trag\u00f6dien spielt die Liebe nur eine untergeordnete Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte aber auch wirklich die Griechische Poesie durch eine Eigent\u00fcmlichkeit ihrer sonst so einzig g\u00fcnstigen Lage hier etwas zur\u00fcckgeblieben sein: so w\u00e4re es kein unverzeihliches Verbrechen. \u00dcberhaupt verr\u00e4t es einen kleinlichen Blick, nur am Zuf\u00e4lligen zu kleben, und das gro\u00dfe Wesentliche nicht wahrzunehmen. Der K\u00fcnstler braucht gar nicht <em>allen alles zu sein.<\/em> Wenn er nur den notwendigen Gesetzen der Sch\u00f6nheit und den objektiven Regeln der Kunst gehorcht, so hat er \u00fcbrigens unbeschr\u00e4nkte Freiheit, so eigent\u00fcmlich zu sein, als er nur immer will. Durch ein seltsames Mi\u00dfverst\u00e4ndnis verwechselt man sehr oft \u00e4sthetische<em> Allgemeinheit<\/em> mit der unbedingt gebotenen Allgemeing\u00fcltigkeit. Die gr\u00f6\u00dfte Allgemeinheit eines Kunstwerks w\u00fcrde nur durch <em>vollendete Flachheit<\/em> m\u00f6glich sein. Das Einzelne ist in der idealischen Darstellung das unentbehrliche Element des Allgemeinen. Wird alle eigent\u00fcmliche Kraft verwischt, so verliert selbst das Allgemeine seine Wirksamkeit. Die sch\u00f6ne Kunst ist gleichsam eine Sprache der Gottheit, welche nach Verschiedenheit der Kunstarten, der Werkzeuge und der Stoffe sich in ebensoviele abgesonderte Mundarten teilt. Wenn der K\u00fcnstler nur seiner hohen Sendung w\u00fcrdig, wenn er nur <em>g\u00f6ttlich<\/em> redet; so bleibt ihm die Wahl der <em>Mundart,<\/em> in der er reden will, v\u00f6llig frei. Es w\u00fcrde nicht nur unrechtm\u00e4\u00dfig, sondern auch sehr gef\u00e4hrlich sein, ihn hierin beschr\u00e4nken zu wollen: denn die Sprache ist ein Gewebe der feinsten Beziehungen. Sie mu\u00df sogar, so scheint es, ihre Eigenheiten haben, um bedeutend und trefflich, zu sein: wenigstens hat man noch keine allgemeine Allerweltsprache, die allen alles w\u00e4re, erfinden k\u00f6nnen. Auch darf der K\u00fcnstler reden, <em>mit wem<\/em> er gut findet; mit seinem ganzen Volke, oder mit diesem und jenem, mit aller Welt, oder mit sich allein. Nur mu\u00df und <em>soll<\/em> er, in den menschlichen Individuen, welche sein Publikum sind, sich an die <em>h\u00f6here Menschheit<\/em> und nicht an die Tierheit wenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der modernen Poesie w\u00fcrde ihre Individualit\u00e4t unbenommen bleiben, wenn sie nur das Griechische Geheimnis entdeckt h\u00e4tte, im Individuellen objektiv zu sein. Statt dessen will sie ihre konventionellen Eigenheiten zum Naturgesetz der Menschheit erheben. Nicht zufrieden damit, selbst die Sklavin so vieler \u00e4sthetischen, moralischen, politischen und religi\u00f6sen Vorurteile zu sein, will sie auch ihre Griechische Schwester in \u00e4hnliche Fesseln schlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die konventionellen Regeln der modernen<em> Dezenz<\/em> g\u00fcltige Gesetze der sch\u00f6nen Kunst sind, so ist die Griechische Poesie nicht zu retten, und wenn man konsequent sein will, mu\u00df man mit ihr verfahren, wie die M\u00f6nche mit den Nudit\u00e4ten der Antike. Die Dezenz aber hat der Poesie gar nichts zu befehlen; sie steht gar nicht unter ihrer Gerichtsbarkeit. Die kecke Nacktheit im Leben und in der Kunst der Griechen und R\u00f6mer ist nicht tierische Plumpheit, sondern unbefangne Nat\u00fcrlichkeit, liberale Menschlichkeit, und republikanische Offenheit. Das Gef\u00fchl <em>echter Scham<\/em> war bei keinem Volke so einheimisch, und gleichsam angeboren, wie bei den Griechen. Der Quell der echten Scham ist sittliche Scheu, und Bescheidenheit des Herzens. Falsche Scham hingegen entspringt aus tierischer Furcht, oder aus k\u00fcnstlichem Vorurteil. Sie gibt sich durch Stolz und Neid zu erkennen. Ihr verstecktes und heuchlerisches Wesen verr\u00e4t ein tiefes Bewu\u00dftsein von innerm Schmutz. Ihre unechte Delikatesse ist die h\u00e4\u00dfliche Schminke lasterhafter Sklaven, der weibliche Putz entnervter Barbaren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wichtiger scheinen die Einw\u00fcrfe wider die <em>Moralit\u00e4t<\/em> der Griechischen Poesie. Wer wollte wohl das besch\u00f6nigen oder f\u00fcr gleichg\u00fcltig halten, was ein rein gestimmtes Gem\u00fct wirklich verletzen mu\u00df? \u2013 Nur darf, wer hier mitreden will, nicht so \u00fcbler Laune sein, da\u00df er etwa an der k\u00f6stlichen Naivit\u00e4t, mit der die Schelmereien des neugebornen Gottes in dem Hymnus auf den Merkur dargestellt werden, ein \u00c4rgernis n\u00e4hme! \u2013 Offenbar enth\u00e4lt die Anklage einzelne wahre Z\u00fcge, nur der eigentliche Gesichtspunkt, der wahre Zusammenhang, auf den doch alles ankommt, scheint verfehlt zu sein. \u2013 Man unterscheide vor allen Dingen wesentliche und zuf\u00e4llige Sittlichkeit und Unsittlichkeit eines Kunstwerks. <em>Wesentlich \u00e4sthetisch unsittlich<\/em> ist nur das wirklich Schlechte, was <em>erscheint,<\/em> und dessen Eindruck jedes sittlich gute Gef\u00fchl notwendig beleidigen mu\u00df. Die Erscheinung des Schlechten ist h\u00e4\u00dflich, und wesentliche \u00e4sthetische Sittlichkeit (<em>Sittlichkeit<\/em> \u00fcberhaupt ist das \u00dcbergewicht der reinen Menschheit \u00fcber die Tierheit im Begehrungsverm\u00f6gen) ist daher ein notwendiger Bestandteil der vollkommenen Sch\u00f6nheit. Die Sinnlichkeit der fr\u00fchern, und die Ausschweifung der sp\u00e4tern Griechischen Poesie sind nicht nur moralische sondern auch \u00e4sthetische M\u00e4ngel und Vergehen. \u2013 Es ist aber wahrhaft merkw\u00fcrdig, wie tief das Attische Volk sein eignes Versinken f\u00fchlte, mit welcher Heftigkeit die Athener einzelne \u00fcppige Dichter \u2013 einen Euripides, einen Kinesias \u2013 deshalb beschuldigten und ha\u00dften; Dichter, die doch nur ihre eignen W\u00fcnsche errieten, oder dem starken rei\u00dfenden Strome der ganzen Masse folgten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Griechische Fehler, vor denen die modernen Dichter sehr sicher sind. Eine zahme Kraft durch den gewaltsamsten Zwang in guter Zucht und Ordnung halten, ist eben kein gro\u00dfes Kunstst\u00fcck. Wo aber die Neigungen nicht unbeschr\u00e4nkt frei sind, da kann es eigentlich weder gute noch schlechte Sitten geben. \u2013 Wem der mutwillige Frevel des Aristophanes blo\u00df Unwillen erregt, der verr\u00e4t nicht allein die Beschr\u00e4nktheit seines Verstandes, sondern auch die Unvollst\u00e4ndigkeit seiner sittlichen Anlage und Bildung. Denn die gesetzlose Ausschweifung dieses Dichters ist nicht blo\u00df durch schwelgerische F\u00fclle des \u00fcppigsten Lebens verf\u00fchrerisch reizend, sondern auch durch einen \u00dcberflu\u00df von sprudelndem Witz, \u00fcbersch\u00e4umenden Geist, und sittlicher Kraft in freiester Regsamkeit, hinrei\u00dfend sch\u00f6n und erhaben. <em>Zuf\u00e4llig \u00e4sthetisch unsittlich<\/em> ist dasjenige, dessen Schlechtheit nicht erscheint, was aber seiner Natur nach, unter gewissen subjektiven Bedingungen des Temperaments, und der Ideenassoziation Veranlassung zu einer bestimmten unsittlichen Denkart oder Handlung werden kann. \u2013 Welches noch so Treffliche k\u00f6nnte nicht durch zuf\u00e4llige Umst\u00e4nde verderblich werden? Nur der absoluten Nullit\u00e4t geben wir das zweideutige Lob v\u00f6lliger Unsch\u00e4dlichkeit. \u2013 Das Kunstwerk ist gar nicht mehr vorhanden, wenn seine Organisation zerst\u00f6rt, oder nicht wahrgenommen wird, und die Wirkung des aufgel\u00f6sten Stoffs geht den K\u00fcnstler nichts mehr an. \u00dcberdem sind wir gar nicht berechtigt, wissenschaftliche Wahrheit von dem Dichter zu erwarten. Der Tragiker kann es oft gar nicht vermeiden, Verbrechen zu besch\u00f6nigen. Er bedarf starker Leidenschaften und schrecklicher Begebenheiten, und er soll doch schlechthin die Sitten seiner Handelnden so erhaben und sch\u00f6n darstellen, als das Gesetz des Ganzen nur immer erlauben will. Wer aber durch das Beispiel eines Orestes, einer Ph\u00e4dra, zu Verbrechen verleitet wird, der hat wahrlich sich selbst allein so gut die Schuld beizumessen, als wer sich eine \u00fcppige Buhlerin, einen geistreichen Betr\u00fcger, einen witzigen Schmarotzer der Kom\u00f6die zum Muster nehmen wollte! Ja der Dichter selbst kann eine unsittliche Absicht haben, und sein Werk dennoch nicht unsittlich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unstreitig hat die Leidenschaftlichkeit der entarteten Trag\u00f6die, der Leichtsinn der Kom\u00f6die, die \u00dcppigkeit der sp\u00e4tern Lyrik den Fall der Griechischen Sitten <em>beschleunigt.<\/em> Durch die blo\u00dfe R\u00fcckwirkung der darstellenden Kunst wurde die ohnehin schon entschiedene sittliche Entartung der Masse dennoch <em>verst\u00e4rkt,<\/em> und sank mit <em>verdoppelter<\/em> Geschwindigkeit. Dies geh\u00f6rt aber nur f\u00fcr die Gerichtsbarkeit der <em>politischen W\u00fcrdigung,<\/em> welche das vollst\u00e4ndige Ganze der menschlichen Bildung umfa\u00dft. Die <em>\u00e4sthetische Beurteilung<\/em> hingegen isoliert die Bildung des Geschmacks und der Kunst aus ihrem Kosmischen Zusammenhange, und in diesem Reiche der Sch\u00f6nheit und der Darstellung gelten nur \u00e4sthetische und technische Gesetze. Die politische Beurteilung ist der h\u00f6chste aller Gesichtspunkte: die untergeordneten Gesichtspunkte der moralischen, \u00e4sthetischen und intellektuellen Beurteilung sind <em>unter sich gleich.<\/em> Die Sch\u00f6nheit ist ein ebenso urspr\u00fcnglicher und wesentlicher Bestandteil der menschlichen Bestimmung als die Sittlichkeit. Alle diese Bestandteile sollen unter sich im Verh\u00e4ltnisse der <em>Gesetzesgleichheit<\/em> (Isonomie) stehn, und die sch\u00f6ne Kunst hat ein unver\u00e4u\u00dferliches Recht auf<em> gesetzliche Selbst\u00e4ndigkeit (Autonomie)<\/em>. Diesem Fundamentalgesetze mu\u00df auch die herrschende Kraft, welche das Ganze der menschlichen Bildung lenkt und ordnet, getreu bleiben: sonst vernichtet sie selbst den Grund, worauf sich das Recht ihrer Herrschaft allein st\u00fctzt. Es ist die Bestimmung des <em>politischen Verm\u00f6gens,<\/em> die einzelnen Kr\u00e4fte des ganzen Gem\u00fcts, und die Individuen der ganzen Gattung zur Einheit zu ordnen. Die <em>politische Kunst<\/em> darf zu diesem Zwecke die Freiheit der Einzelnen beschr\u00e4nken, ohne jedoch jenes konstitutionelle Grundgesetz zu verletzen; aber nur unter der Bedingung, da\u00df sie die fortschreitende Entwicklung nicht hemmt, und eine k\u00fcnftige vollendete Freiheit nicht unm\u00f6glich macht. Sie mu\u00df gleichsam streben, sich selbst \u00fcberfl\u00fcssig zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sehr man die Gr\u00e4nzen der <em>poetischen Sph\u00e4re<\/em> zu verkennen pflege, k\u00f6nnen auch die Anma\u00dfungen der <em>Korrektheit<\/em> best\u00e4tigen. Wenn der kritische Anatom die sch\u00f6ne Organisation eines Kunstwerks erst zerst\u00f6rt, in elementarische Masse analysiert, und mit dieser dann mancherlei physische Versuche anstellt, aus denen er stolze Resultate zieht: so t\u00e4uscht er sich selbst auf eine sehr handgreifliche Weise: denn das Kunstwerk existiert gar nicht mehr. Es gibt kein Gedicht, aus welchem man auf diese Art nicht innre Widerspr\u00fcche herausrechnen k\u00f6nnte: aber innre Widerspr\u00fcche, welche <em>nicht erscheinen,<\/em> schaden der technischen Wahrheit nicht; sie sind poetisch gar nicht vorhanden. \u00c4ltere Franz\u00f6sische und Engl\u00e4ndische Kritiker vorz\u00fcglich haben ihren Scharfsinn an solche verkehrte Spitzfindigkeiten h\u00e4ufig verschwendet, und ich wei\u00df nicht, ob sich im Lessing nicht noch hie und da Erinnerungen an jene Manier finden sollten. \u00dcberhaupt glaube ich, bei aller Achtung vor der Theorie, da\u00df man in der Aus\u00fcbung mit dem <em>Gef\u00fchl des Schicklichen<\/em> weiter kommt, als mit der Theorie desselben. Die Vermutung, da\u00df die Griechen andern V\u00f6lkern an jenem Gef\u00fchl wohl ein wenig \u00fcberlegen gewesen sein m\u00f6chten, mu\u00df uns im Tadeln wenigstens sehr vorsichtig machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso Unrecht haben die passionierten Freunde der Korrektheit, wenn sie nach dem Prinzip der Virtuosit\u00e4t, ohne R\u00fccksicht auf Sch\u00f6nheit, ein <em>Maximum von K\u00fcnstlichkeit<\/em> fordern; oder wenn sie beschr\u00e4nkte, aber nicht unnat\u00fcrlich gemischte, sondern urspr\u00fcnglich echte, und in ihrer beschr\u00e4nkten Richtung vollendete Dichtarten schlechthin tadeln. Die Kunst ist nur das Mittel der Sch\u00f6nheit, und jede nat\u00fcrliche Dichtart, in welcher dieser Zweck, wenngleich unter gewissen Schranken, erreicht werden kann, ist an ihrer Stelle zweckm\u00e4\u00dfig. An Ma\u00df der St\u00e4rke und des Umfangs findet freilich unter den echten Dichtarten ein sehr gro\u00dfer Unterschied statt; aber nur die monstr\u00f6sen Mischungen, und die unreifen Arten, wenn sie aus der Schw\u00e4che des K\u00fcnstlers entspringen, und nicht in dem notwendigen Stufengang der Bildung gegr\u00fcndet sind, verdienen unbedingten Tadel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein merkw\u00fcrdiges Beispiel, wie sehr man gegen die unmerklichen aber m\u00e4chtigen Einfl\u00fcsse des Subjektiven auf \u00e4sthetische Urteile auf der Hut sein m\u00fcsse, geben auch die gew\u00f6hnlichen Einw\u00fcrfe wider die <em>Sentenzen<\/em> und vorz\u00fcglich wider die <em>Behandlung des Schicksals in der Attischen Trag\u00f6die.<\/em> Die wissenschaftliche Bildung der Griechen war im Ganzen sehr weit hinter der unsrigen zur\u00fcck, und der dramatische Dichter mu\u00dfte mit Schonung philosophieren, um popular zu bleiben. Daher sind die philosophischen Sentenzen des tragischen Chors fast immer unbestimmt und verworren, sehr oft trivial, und nicht selten grundfalsch. Gewi\u00df lie\u00dfen sich auch durch einen \u00e4hnlichen chymischen Proze\u00df, wie ich ihn schon oben beschrieben habe, aus manchen von ihnen sittliche Grundirrt\u00fcmer folgern, welche, wenn sie konsequent durchgef\u00fchrt w\u00fcrden, mit der reinsten Sittlichkeit nicht vertr\u00e4glich sein w\u00fcrden. Ich mu\u00df noch einmal wiederholen, da\u00df alles, was nicht <em>erscheint,<\/em> jenseits des <em>\u00e4sthetischen Horizonts<\/em> gelegen sei. Auf die Reichhaltigkeit, Richtigkeit und vollendete Bestimmtheit des Gedankens kommt in der Dichtkunst eigentlich gar nichts an. Das philosophische Interesse ist von dem Grade der intellektuellen Bildung des empfangenden Subjekts abh\u00e4ngig, und also <em>lokal<\/em> und<em> temporell.<\/em> Nur die <em>Gesinnung<\/em> mu\u00df an sich so <em>erhaben und sch\u00f6n,<\/em> als die Bedingungen der technischen Richtigkeit erlauben, und an ihrer Stelle vollkommen zweckm\u00e4\u00dfig sein. Die R\u00fcckkehr in sich selbst mu\u00df durch ein vorhergegangenes Herausgehn aus sich selbst veranla\u00dft werden; die <em>Betrachtung<\/em> mu\u00df <em>motiviert<\/em> sein, und sie mu\u00df streben, den Streit der Menschheit und des Schicksals zu schlichten, und das Gleichgewicht des Ganzen zu <em>tragen.<\/em> Da\u00df das sch\u00f6ne Gef\u00fchl seine Ahndungen \u00fcber g\u00f6ttliche Dinge in einer gegebnen Bildersprache \u00e4u\u00dfert, das kann in der Wissenschaft vielleicht unendliches Unheil anstiften, der darstellenden Kunst aber d\u00fcrfte es wohl eher g\u00fcnstig als nachteilig sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Behandlung des <em>Schicksals<\/em> in den Trag\u00f6dien des \u00c4schylus l\u00e4\u00dft noch eine gr\u00f6\u00dfere Eintracht zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Im Sophokles aber ist die Befriedigung immer so vollkommen, als es nur sein kann, ohne die dichterische Wahrheit \u2013 die innre M\u00f6glichkeit \u2013 zu vernichten. Ist der endliche Beschlu\u00df des Ganzen auch kein gl\u00e4nzender Sieg der Menschheit, so ist es doch wenigstens ein <em>ehrenvoller R\u00fcckzug.<\/em> Aber freilich mischt er nichts in seine Darstellung, was gar nicht dargestellt werden, nicht erscheinen kann. Nicht durch die geglaubte G\u00f6ttlichkeit der Natur jenseits des ewigen Vorhanges, den kein Sterblicher durchschauen kann; sondern durch die sichtbare G\u00f6ttlichkeit des Menschen sucht er jeden Mi\u00dflaut aufzul\u00f6sen, und eine vollst\u00e4ndige Befriedigung zu gew\u00e4hren, \u2013 Das Reich Gottes liegt jenseits des \u00e4sthetischen Horizonts, und ist in der Welt der Erscheinung nur ein leerer Schatten ohne Geist und Kraft. In der Tat, der Dichter, welcher es wagt, durch emp\u00f6rende Schlechtheit, oder durch ein emp\u00f6rendes Mi\u00dfverh\u00e4ltnis des Gl\u00fccks und der G\u00fcte unsern Unwillen zu erregen, und sich dann durch die d\u00fcrftige Befriedigung, welche der Anblick bestrafter Bosheit gew\u00e4hrt, oder gar durch eine Anweisung auf jene Welt aus dem Handel zu ziehn glaubt, verr\u00e4t ein Minimum von k\u00fcnstlerischer Weisheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist wahr,\u00ab k\u00f6nnte man denken, \u00bbeine uralte Tradition sagt, und wiederholt noch immer, die Nachahmung der Griechen sei das einzige Mittel, echte sch\u00f6ne Dichtkunst wiederherzustellen. Eine lange Erfahrung hat sie durch die vielf\u00e4ltigsten, s\u00e4mtlich mi\u00dfgl\u00fcckten Versuche widerlegt. Man durchlaufe nur in irgendeiner Bibliothek (denn da ist ihre eigentliche Heimat) die gro\u00dfe Zahl der k\u00fcnstlichen Nachbildungen, die nach jenen Mustern verfertigt sind. Sie alle sind fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eines kl\u00e4glichen Todes gestorben, Schattenwesen ohne Bestandheit und eigne Kraft. Grade diejenigen modernen Gedichte, welche mit dem Griechischen Stil am schneidendsten kontrastieren, leben und wirken bei allen ihren ekzentrischen Fehlern noch immerfort in jugendlicher Kraft, weil sie voll genialischer Originalit\u00e4t sind.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schuld liegt nicht an der Griechischen Poesie, sondern an der <em>Manier und Methode<\/em> der Nachahmung, welche notwendig <em>einseitig<\/em> ausfallen mu\u00df, solange nationelle Subjektivit\u00e4t herrscht, solange man nur nach dem Interessanten strebt. Nur der <em>kann<\/em> die Griechische Poesie nachahmen, der sie ganz kennt. Nur der ahmt sie <em>wirklich<\/em> nach, der sich die Objektivit\u00e4t der ganzen Masse, den sch\u00f6nen Geist der einzelnen Dichter, und den vollkommnen Stil des goldnen Zeitalters zueignet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Trennung des Objektiven und des Lokalen in der Griechischen Poesie ist unendlich schwer. Beides ist nicht in f\u00fcr sich bestehende Massen abgesondert, sondern durchg\u00e4ngig ineinander verschmolzen. Bis in die feinsten Zweige des viel\u00e4stigen Baums verbreitet sich das Objektive; allenthalben aber ist demselben etwas Individuelles als Element und Organ beigemischt. Bis jetzt hat man nur zu oft das Individuelle der Griechischen Formen und Organe nachgemacht. Man hat die Alten modernisiert, indem man das Prinzip des Interessanten auf ihre Poesie \u00fcbertrug; indem man der Griechischen Kunsttheorie, oder einzelnen Lieblingsdichtern die Auktorit\u00e4t beilegte, welche nur dem Geist der ganze Masse zukommt, oder wohl eine noch gr\u00f6\u00dfere Auktorit\u00e4t, als \u00fcberhaupt mit den Rechten des Genies, des Publikums und der Theorie bestehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>\u00e4ltere didaktische Gedicht<\/em> der Griechen, wie die Theogonien, die Werke der Physiologen und Gnomiker, findet nur im mythischen Zeitalter der Poesie seine eigentliche Stelle. Denn da hat sich die Philosophie vom Mythus, aus dem sie entsprang, noch nicht v\u00f6llig losgewickelt und bestimmt geschieden; da ist Rhythmus das nat\u00fcrliche Element der Tradition, und poetische Sprache, vor der Bildung der Prosa das allgemeine Organ jeder h\u00f6hern geistigen Mitteilung. Mit diesem vor\u00fcbergehenden Verh\u00e4ltnis f\u00e4llt auch die Nat\u00fcrlichkeit und Rechtm\u00e4\u00dfigkeit dieser Formen weg und f\u00fcr das <em>sp\u00e4tere<\/em> didaktische Gedicht der Griechen im gelehrten Zeitalter der Kunst blieb nur das ganz ung\u00fcltige Prinzip \u00fcbrig: die K\u00fcnstlichkeit des eitlen Virtuosen in schwierigem Stoff absichtlich sehn zu lassen. \u2013 Es wird damit nicht die M\u00f6glichkeit eines eigentlichen sch\u00f6nen didaktischen Gedichts in gutem Stil \u2013 einer idealischen Darstellung eines sch\u00f6nen didaktischen Stoffs in \u00e4sthetischer Absicht \u2013 geleugnet, und es ist hier nicht der Ort auszumachen, ob einige platonische Gespr\u00e4che poetische Philosopheme oder philosophische Poeme sind. Aber genug! unter den eigentlich sogenannten didaktischen Gedichten der Griechen gibt es keine solche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das <em>Griechische Epos<\/em> ist nur eine lokale Form, von der man sich seltsame Dinge wei\u00df gemacht hat. Diese unreife Dichtart ist nur in dem Zeitalter an ihrer Stelle, wo es noch keine gebildete Geschichte und kein vollkommnes Drama gibt; wo Heldensage die einzige Geschichte, wo die Menschlichkeit der G\u00f6tter und ihr Verkehr mit den Heroen allgemeiner Volksglaube ist. Es l\u00e4\u00dft sich allerdings wohl begreifen, da\u00df ein Volk vor Alter wieder kindisch werden k\u00f6nne: aber nur weil die epische Poesie der Griechen im mythischen Zeitalter eine so hohe Bl\u00fcte erreicht hatte, haben selbst die <em>epischen Kunstst\u00fccke der Alexandriner und R\u00f6mer<\/em> doch noch einigen Grund und Boden. Poesie und der Mythus war der Keim und Quell der ganzen antiken Bildung; die Epop\u00f6e war die eigentliche Bl\u00fcte der mythischen. \u2013 Einen bestimmten Stoff, gebildete Werkzeuge fand selbst der gelehrte Dichter der sp\u00e4tern Zeit schon vor. Die Empf\u00e4nglichkeit war vorbereitet alles war organisiert, nichts durfte erzwungen werden. \u2013 Die modernen Epop\u00f6en hingegen schweben ohne allen Anhalt isoliert im leeren Raume. Gro\u00dfe Genies haben herkulische Kraft an den Versuch verschwendet, eine epische Welt, einen gl\u00fccklichen Mythus aus nichts zu erschaffen. Die Tradition eines Volks \u2013 diese nationelle Fantasie \u2013 kann ein gro\u00dfer Geist wohl fortbilden und idealisieren, aber nicht metamorphosieren oder aus Nichts erschaffen. Die Nordische Fabel zum Beispiel geh\u00f6rt unstreitig unter die interessantesten Altert\u00fcmer: der Dichter aber, welcher sie in Gang bringen wollte, w\u00fcrde entweder allgemein und flach bleiben m\u00fcssen, oder wenn er individuell und bestimmt sein wollte, in Gefahr geraten, sich selbst kommentieren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umsonst hoffen wir auf einen Homerus; und warum sollten wir gerade so ausschlie\u00dfend einen Virgilius w\u00fcnschen, dessen k\u00fcnstlicher Stil vom vollkommnen Sch\u00f6nen so weit entfernt ist? \u2013 Alle Versuche, das <em>Romantische Gedicht<\/em> der Griechischen und R\u00f6mischen Epop\u00f6e \u00e4hnlich zu organisieren, sind mi\u00dflungen. Tasso ist zum Gl\u00fcck auf halbem Wege stehn geblieben, und hat sich von der Romantischen Manier nicht sehr weit entfernt. Und doch sind es nur einzelne Stellen, gewi\u00df nicht die Komposition des Ganzen, welche ihn zum Lieblingsdichter der Itali\u00e4ner machen. Schon ganz fr\u00fche gesellt sich zu der gigantischen Gr\u00f6\u00dfe, zu dem fanatistischen Leben des romantischen Gedichts eine leise <em>Persiflage,<\/em> die oft auch laut genug wird. Dies ist der best\u00e4ndige Charakter dieser Dichtart vom Pulci bis zum Ricciardetto geblieben; und Wieland, der die Gradationen dieser launichten Mischung fast in jedem seiner romantischen Gedichte verschieden, immer \u00fcberraschend neu und immer gl\u00fccklich nuanciert hat, ist ihr selbst doch in allen durchg\u00e4ngig treu geblieben. Gewi\u00df war dies nicht zuf\u00e4llig. Die romantische Fabel und das romantische Kost\u00fcm h\u00e4tten in ihrer urspr\u00fcnglichen Bildung rein menschlicher und sch\u00f6ner sein m\u00fcssen, um der gl\u00fcckliche Stoff eines tragischen, sch\u00f6n und einfach geordneten Epos werden zu k\u00f6nnen. Wie vieles hat Tasso nicht beibehalten, was den Forderungen der modernen Kritiker selbst an eine regelm\u00e4\u00dfige Epop\u00f6e nicht entspricht? \u2013 Nur diejenigen Dichter, welche sich aus der gegebnen Sph\u00e4re der nationellen Fantasie nicht ganz entfernen, <em>leben<\/em> wirklich im Munde und im Herzen ihrer Nation. Dichter hingegen welche ganz willk\u00fcrlich verfahren, trifft gew\u00f6hnlich das traurige Los, in Bibliotheken zu modern, bis sich einmal \u2013 seltner Fall! \u2013 ein Litterator findet, der Sinn f\u00fcrs Sch\u00f6ne hat, und das echte Talent was hier vergraben wurde, zu finden und zu w\u00fcrdigen wei\u00df. Und sind denn auch die willk\u00fcrlichsten Versuche gegl\u00fcckt, die romantische Fabel, oder die christliche Legende in einen idealischen sch\u00f6nen Mythus zu metamorphosieren? \u2013 O nein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb<em>Naturam expelles furca; tamen usque recurret.<\/em>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war und blieb unm\u00f6glich, der barbarischen Masse eine Griechische Seele einzuhauchen. Wenn es dem Wunderbaren, der Kraft, dem reizenden Leben an gl\u00fccklichem Ebenma\u00df, an freier Harmonie, kurz an<em> sch\u00f6ner Organisation<\/em> fehlt, so kann tragische Spannung wohl erregt, aber ohne Monotonie und Frost nicht lange genug erhalten, und in einfacher Reinheit \u00fcber ein gro\u00dfes Ganzes gleichm\u00e4\u00dfig verbreitet werden. Ekzentrische Gr\u00f6\u00dfe hat eine unwiderstehliche Sehnsucht zu dem ihr entgegengesetzten Extrem, und nur durch eine wohlt\u00e4tige Vereinigung mit der Parodie bekommt tragische Fantasterei Haltung und Bestandheit. Die seltsame Mischung des Tragischen und Komischen wird die eigent\u00fcmliche Sch\u00f6nheit einer neuen, reizenden Zwitterbildung. Diese Zusammensetzung ist auch keineswegs urspr\u00fcnglich monstr\u00f6s, und an sich unerlaubt. Sie bleibt zwar hinter den reinen Arten vorz\u00fcglich der tragischen an Kraft und Zusammenhang sehr weit zur\u00fcck: aber keine Form, in welcher der Zweck der darstellenden Kunst \u2013 die Sch\u00f6nheit \u2013 erreicht werden kann; keine Form, welche nicht mechanisch erk\u00fcnstelt, sondern durch die plastische Natur organisch erzeugt wurde ist darum schlechthin verwerflich, weil die Gr\u00e4nzen, welche jede Form beschr\u00e4nken, hier etwas enger gezogen sind. Selbst die <em>Spielart<\/em> hat zwar geringere Anspr\u00fcche, aber dennoch volles B\u00fcrgerrecht im Reiche der Kunst. Es ist \u00fcberraschend, wie sehr die reizendste Bl\u00fcte der modernen Poesie \u2013 so verschieden die \u00e4u\u00dfre lokale Form auch sein mag \u2013 im wesentlichen Charakter mit einer Spielart der Griechischen \u00fcbereinstimmt. Nach Griechischer Technologie ist n\u00e4mlich die Romanze ein <em>satyrisches Epos.<\/em> Im Attischen Drama wurde die urspr\u00fcngliche rohe Energie der wirklichen Natur, in welcher die entgegengesetzten Elemente durchg\u00e4ngig ineinander verschmolzen sind, in die tragische und komische Energie getrennt, und diese dann von neuem so gemischt, da\u00df das Tragische ein geringes \u00dcbergewicht hatte: denn bei v\u00f6lligem Gleichgewicht w\u00fcrden die beiden entgegengesetzten Kr\u00e4fte durch ihr Zusammentreffen sich selbst aufheben. Daraus entstand die Spielart der satyrischen Dramen, von denen sich nur ein einziges von mittelm\u00e4\u00dfiger Kunst und in schlechtem Stil erhalten hat. Die dramatischen Skizzen der Dorier haben sich nie zur Stufe jener Trennung erhoben, und der nat\u00fcrliche fr\u00f6hliche Witz der Dorier war nur subjektiv, lokal und lyrisch, nie objektiv und eigentlich dramatisch. Doch war in der noch gemischten und rohen Energie der Dorischen Mimen das Komische \u00fcberwiegend. H\u00e4tten wir noch den Homerischen \u00bbMargites\u00ab, einige satirische Dramen des Pratinas, oder \u00c4schylus, einige Ergie\u00dfungen der Dorischen Laune in Mimen des Sophron, oder in Rhintonischen Hilarotrag\u00f6dien, so bes\u00e4\u00dfen wir in ihnen wahrscheinlich einen Ma\u00dfstab der W\u00fcrdigung, oder wenigstens Veranlassung zu einer interessanten Parallele mit den reizenden Grotesken des g\u00f6ttlichen Meister Ariosto, mit der fr\u00f6hlichen Magie der Wielandschen Fantasie. \u2013 Die ernsthaften M\u00e4nner, welche den fantastischen Zauber der Romanze zum tragischen Epos idealisieren wollten, haben also das <em>Schickliche<\/em> verfehlt. Auch hat sich die epische Thalia der Modernen \u2013 die romantische Avant\u00fcre grausam an ihren Ver\u00e4chtern ger\u00e4cht: denn sie haben vor den Augen des gesamten Publikums, ohne im mindsten Unrat zu merken, sich selbst kom\u00f6diert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnliche Schwierigkeiten, wie im Epos, hat der Gebrauch des mythischen Stoffs in der <em>Trag\u00f6die.<\/em> \u2013 Wo es noch einheimische Fabel gibt, da ist sie nicht angemessen. Eine fremde oder veraltete hat nur die Wahl zwischen Flachheit und gelehrter Unverst\u00e4ndlichkeit. Der historische oder erfundne Stoff fesselt den Dichter und das Publikum ungemein; durch seine schwere Last erdr\u00fcckt er gleichsam die freie Bildung des Ganzen. Wie vieler Umst\u00e4nde bedarf es nicht, das Publikum nur erst zu orientieren, und mit dem unbekannten Fremdling vorl\u00e4ufig bekannt zu machen? \u2013 Der Griechische Tragiker durfte bei seinem allgemein bekannten Mythus gleich zum Zweck gehn, und die freiere Aufmerksamkeit des Publikums ward von selbst mehr auf die Form gelenkt, klebte nicht so sehr sklavisch an der schweren Masse. Es ist in der Tat eine wahrhaft herkulische Arbeit, einen noch ganz rohen Stoff durchg\u00e4ngig zu poetisieren, den kleinlichen Detail in einfache und gro\u00dfe Umrisse zu erweitern, und vorz\u00fcglich die unaufl\u00f6sliche Mischung der Natur nach der bestimmten idealischen Richtung der Trag\u00f6die zu reinigen. Das notwendige Gleichgewicht zwischen Form und Stoff ist dem modernen Tragiker so unendlich erschwert worden, da\u00df sich beinahe Zweifel regen k\u00f6nnten, ob auch eine eigentlich sch\u00f6ne Trag\u00f6die noch m\u00f6glich sei? \u2013 \u00dcberdem wird in unsrer k\u00fcnstlichen Bildung jede eigent\u00fcmliche Richtung verwirrt und verwischt, und doch scheint es notwendig, da\u00df die Natur selbst mit starker Hand dem Dramatiker seine Bahn vorzeichne, und ihm die Trennung des Tragischen und Komischen erleichtre. Ich freue mich auch hier ein deutsches Beispiel anf\u00fchren zu k\u00f6nnen, welches gro\u00dfe Hoffnungen erregt, und alle kleinm\u00fctigen Zweifel niederschl\u00e4gt. <em>Schillers<\/em> urspr\u00fcngliches Genie ist so entschieden tragisch, wie etwa der Charakter des \u00c4schylus, dessen k\u00fchne Umrisse die bildende Natur in einem Augenblick hoher Begeistrung pl\u00f6tzlich hingeworfen zu haben scheint. Er erinnert daran, da\u00df es den Griechen unm\u00f6glich schien, derselbe Dichter k\u00f6nne zugleich Trag\u00f6dien und Kom\u00f6dien dichten. Zwar ist im \u00bbDon Carlos\u00ab das m\u00e4chtige Streben nach Charaktersch\u00f6nheit, und sch\u00f6ner Organisation des Ganzen durch das kolossalische Gewicht der Masse, und den k\u00fcnstlichen Mechanismus der Zusammensetzung niedergedr\u00fcckt, oder doch aufgehalten: aber die St\u00e4rke der tragischen Energie beweist nicht nur die Gr\u00f6\u00dfe der genialischen Kraft, sondern die vollkommne Reinheit derselben zeugt auch von dem Siege, welchen der K\u00fcnstler \u00fcber den widerstrebenden Stoff davongetragen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lie\u00dfe sich in der Tat leicht ein Buch \u00fcber die Verwechslung des Objektiven und Lokalen in der Griechischen Poesie schreiben. Ich begn\u00fcge mich zu dem schon Bemerkten nur noch einige kurze Andeutungen hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur sch\u00f6nsten Bl\u00fctezeit der Griechischen <em>Lyrik<\/em> lag die Prosa und die \u00f6ffentliche Beredsamkeit noch in der Wiege. Musik, und eine rhythmische und mythische Dichtersprache waren das nat\u00fcrliche Element f\u00fcr den Ergu\u00df sch\u00f6ner m\u00e4nnlicher oder weiblicher Empfindungen, und auch das eigentliche Organ festlicher Volksfreude und \u00f6ffentlicher Begeistrung. \u2013 Der lyrische Dichter \u00fcberhaupt mu\u00df wie der Griechische seine urspr\u00fcngliche Sprache zu reden scheinen; der leiseste Verdacht, da\u00df er vielleicht in einem erborgten Staatskleide gl\u00e4nze, zerst\u00f6rt alle T\u00e4uschung und Wirkung. Mag er den Zustand eines einzelnen Gem\u00fcts, oder eines ganzen Volks darstellen: er mu\u00df eine echte<em> Befugnis<\/em> haben zu reden; der dargestellte Zustand mu\u00df nicht durchaus erk\u00fcnstelt, sondern in einem schon bekannten Gegenstande wenigstens eine wahre Veranlassung finden, so unbeschr\u00e4nkt auch die Freiheit des Dichters in der Behandlung desselben bleibt: denn ein durchaus erfundner lyrischer Zustand k\u00f6nnte f\u00fcr sich nur das abgeri\u00dfne Bruchst\u00fcck eines Drama sein; er m\u00fc\u00dfte n\u00e4mlich einem gleichfalls durchaus erfundnen und unbekannten Gegenstande inh\u00e4rieren, dessen Darstellung schon in die dramatische Sph\u00e4re eingreift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alte Griechische <em>Epigramm<\/em> findet nebst dem<em> Apolog<\/em> seine eigentliche Stelle im mythischen Zeitalter der Poesie: das sp\u00e4tere hingegen im Zeitalter der K\u00fcnstelei und des Verfalls.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das Interesse des <em>Idylls<\/em> im Stoff und im Kontrast desselben mit der individuellen umgebenden Welt des Publikums liegt, so ist das absolute schlechthin verwerfliche \u00e4sthetische Heteronomie. \u00dcberdem ist die epische oder dramatische Ausf\u00fchrung einer urspr\u00fcnglich lyrischen Stimmung und Begeistrung, entweder eine Verkehrtheit des K\u00fcnstlers, oder ein sichres Kennzeichen von dem allgemeinen Verfall der Kunst \u00fcberhaupt. Ist von sch\u00f6nen Gem\u00e4lden des l\u00e4ndlichen und h\u00e4uslichen Lebens die Rede, so ist Homerus der gr\u00f6\u00dfte aller Idyllendichter. Die k\u00fcnstlichen Kopien der Nat\u00fcrlichkeit h\u00e4tte man aber immer den Alexandrinern \u00fcberlassen m\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vossens<\/em> \u00dcbersetzung des Homer ist ein gl\u00e4nzender Beweis, wie treu und gl\u00fccklich die <em>Sprache<\/em> der Griechischen Dichter im Deutschen nachgebildet werden kann. Sein Ideal ist unstreitig so reiflich \u00fcberlegt, als vollkommen ausgef\u00fchrt. Aber wehe dem Nachahmer der Griechen, der sich durch den gro\u00dfen \u00dcbersetzer verf\u00fchren lie\u00dfe! Wenn er hier, wo sie am innigsten verschmolzen sind, den objektiven Geist von der lokalen Form nicht zu scheiden wei\u00df, so ist er verloren. Das unsterbliche Werk des gr\u00f6\u00dften historischen K\u00fcnstlers der Modernen, die Schweizergeschichte von <em>Johannes M\u00fcller<\/em> ist im gr\u00f6\u00dften R\u00f6mischen Stil entworfen und ausgef\u00fchrt. Im Einzelnen atmet das Werk durch und durch echten Sinn der Alten: im Ganzen aber verf\u00e4llt es dennoch wieder ins Manirierte, weil neben dem klassischen Geist auch die antike Individualit\u00e4t affektiert ist. \u2013 <em>Klopstock<\/em> hat in den \u00bbGrammatischen Gespr\u00e4chen\u00ab auf eine andre von der Vossischen ganz verschiedne Art ebenso klar bewiesen, wie viel die Deutsche Sprache in der Nachbildung des Griechischen und R\u00f6mischen Ausdrucks leisten k\u00f6nne. Die Beispiele sind so mannigfaltig, als jedes in seiner Art bewunderungsw\u00fcrdig vollkommen. Ihre einfache Vortrefflichkeit besteht darin, im echtesten, reinsten, kraftvollsten und gef\u00e4lligsten Deutsch der Ursprache so treu zu sein als m\u00f6glich. Beide Arten scheinen mir f\u00fcr die allgemeine Verbreitung des echten Geschmacks gleich unentbehrlich. Erst wenn wir von mehrern der gr\u00f6\u00dften alten Dichter eine klassische \u00dcbersetzung in Vossischer Art, und eine in Klopstockscher haben werden, l\u00e4\u00dft sich ein gro\u00dfer Einflu\u00df und eine durchg\u00e4ngige Umbildung des allgemeinen Geschmacks erwarten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man darf der Deutschen Sprache <em>zu<\/em> der, wenngleich entfernten, \u00c4hnlichkeit ihrer rhythmischen Bildung mit dem <em>Griechischen Rhythmus<\/em> Gl\u00fcck w\u00fcnschen. Nur t\u00e4usche man sich nicht \u00fcber die Gr\u00e4nzen dieser \u00c4hnlichkeit! So kann zum Beispiel nach Griechischen Grunds\u00e4tzen ein Hexameter, welcher den Troch\u00e4us als wesentlichen Bestandteil aufnimmt, durchaus kein episches Metrum sein, dessen Richtung notwendig ganz unbestimmt sein mu\u00df, damit auch seine Dauer ganz unbeschr\u00e4nkt sein k\u00f6nne. Die endlose Bewegung in einer bestimmten Richtung, der epische Gebrauch eines lyrischen Rhythmus, erzeugt notwendig unendliche Monotonie, und erm\u00fcdet endlich auch die aufmerksamste Teilnahme. \u2013 Die musikalischen Prinzipien des antiken Rhythmus scheinen \u00fcberhaupt von denen des modernen so absolut verschieden, wie der Charakter der Griechischen Musik, und das Griechische Verh\u00e4ltnis der Poesie und Musik von dem unsrigen. Sollte auch der Griechische Rhythmus unter gewissen Voraussetzungen in einem lokalen Element objektiv sein, so kann doch das Individuelle f\u00fcr uns keine Auktorit\u00e4t haben, und am wenigsten die Theorie der Griechischen Musiker (allerdings ein unentbehrliches H\u00fclfsmittel zur richtigen Erkl\u00e4rung der Praxis, zum Studium des Rhythmus selbst) unsre Norm sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch ist ein gewisses unechtes Phantom nicht ganz verschwunden, welches von denen als die eigentliche<em> Klassizit\u00e4t<\/em> verehrt wird, welche durch ein k\u00fcnstliches Schnitzwerk gedrechselter Redensarten unsterblich zu werden hoffen. Aber nichts ist weniger klassisch als K\u00fcnstelei, \u00fcberladner Schmuck, frostige Pracht, und \u00e4ngstliche Peinlichkeit. Die \u00fcberflei\u00dfigen Werke der gelehrten Alexandriner fallen schon ins Zeitalter des Verfalls und der Nachahmung. Die trefflichsten Produkte der besten Zeit hingegen sind zwar mit Sorgfalt und scharfem Urteil ausgef\u00fchrt, und auch mit Besonnenheit, aber doch in h\u00f6chster, ja trunkner Begeistrung entworfen. Die gro\u00dfe Zahl der Werke der gr\u00f6\u00dften Dramatiker beweiset schon, da\u00df sie nicht \u00e4ngstlich gedrechselt, sondern frei gedichtet wurden; da\u00df die L\u00e4nge der Zeit und die Masse der aufgewandten Arbeit nicht der Ma\u00dfstab f\u00fcr den Wert eines Kunstwerks sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur einige wenige Ausnahmen unter den modernen Dichtern kann man nach dem Grade der Ann\u00e4herung zum Objektiven und Sch\u00f6nen w\u00fcrdigen. Im Ganzen aber ist noch immer das <em>Interessante<\/em> der eigentliche moderne Ma\u00dfstab des \u00e4sthetischen Werts. Diesen Gesichtspunkt auf die Griechische Poesie \u00fcbertragen, hei\u00dft sie <em>modernisieren.<\/em> Wer den Homer nur interessant findet, der entweiht ihn. Die Homerische Welt ist ein ebenso vollst\u00e4ndiges als leichtfa\u00dfliches Gem\u00e4lde; der urspr\u00fcngliche Zauber der Heldenzeit wird in dem Gem\u00fcte, welches mit den Zerr\u00fcttungen der Mi\u00dfbildung bekannt ist, ohne doch den Sinn f\u00fcr Natur ganz verloren zu haben, unendlich erh\u00f6ht; und ein unzufriedner B\u00fcrger unsres Jahrhunderts kann leicht in der Griechischen Ansicht jener reizenden Einfalt, Freiheit und Innigkeit alles zu finden glauben, was er entbehren mu\u00df. Eine solche Werthersche Ansicht des ehrw\u00fcrdigen Dichters ist kein reiner Genu\u00df des Sch\u00f6nen, keine reine W\u00fcrdigung der Kunst. Wer sich am <em>Kontrast<\/em> eines Kunstwerks mit seiner individuellen Welt erg\u00f6tzt, der <em>travestiert<\/em> es eigentlich in Gedanken, seine Stimmung mag nun scherzhaft oder auch sehr ernsthaft sein. Am wenigsten darf die Auktorit\u00e4t, auf welche nur die vollst\u00e4ndige, vollkommne und sch\u00f6ne Anschauung Anspr\u00fcche hat, auf die einseitige blo\u00df interessante Ansicht eines Teils derselben \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht <em>dieser und jener,<\/em> nicht ein einzelner <em>Lieblings-Dichter,<\/em> nicht die <em>lokale Form<\/em> oder das <em>individuelle Organ<\/em> soll nachgeahmt werden: denn <em>nie kann ein Individuum, \u00bbals solches\u00ab, allgemeine Norm sein.<\/em> Die sittliche F\u00fclle, die freie Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, die liberale Humanit\u00e4t, das sch\u00f6ne Ebenma\u00df, das zarte Gleichgewicht, die treffende Schicklichkeit, welche mehr oder weniger \u00fcber die ganze Masse zerstreut sind; den vollkommnen Stil des goldnen Zeitalters, die \u00c4chtheit und Reinheit der Griechischen Dichtarten, die Objektivit\u00e4t der Darstellung; kurz den <em>Geist des Ganzen \u2013 die reine Griechheit<\/em> soll der moderne Dichter welcher nach echter sch\u00f6ner Kunst streben will, sich zueignen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann die Griechische Poesie nicht richtig nachahmen, solange man sie eigentlich gar <em>nicht versteht.<\/em> Man wird sie erst dann philosophisch erkl\u00e4ren und \u00e4sthetisch w\u00fcrdigen lernen, wenn man sie <em>in Masse<\/em> studieren wird: denn sie ist ein so innig verkn\u00fcpftes Ganzes, da\u00df es unm\u00f6glich ist, auch nur den kleinsten Teil au\u00dfer seinem Zusammenhange isoliert richtig zu fassen und zu beurteilen. Ja die ganze Griechische Bildung \u00fcberhaupt ist ein solches Ganzes, welches nur in Masse erkannt und gew\u00fcrdigt werden kann. Au\u00dfer dem urspr\u00fcnglichen Talent des Kunstkenners mu\u00df der Geschichtsforscher der Griechischen Poesie die wissenschaftlichen Grunds\u00e4tze und Begriffe einer <em>objektiven Philosophie der Geschichte<\/em> und einer <em>objektiven Philosophie der Kunst<\/em> schon mitbringen, um die <em>Prinzipien und den Organismus<\/em> der Griechischen Poesie suchen und finden zu k\u00f6nnen. Und auf diese kommt doch eigentlich alles an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wahr, einige gro\u00dfe Dichter der Alten sind auch unter uns beinahe einheimisch; und unter denen, welche leichter gefa\u00dft, und auch isoliert, wenigstens<em> einigerma\u00dfen<\/em> verstanden werden konnten, hat das Publikum gewi\u00df aufs gl\u00fccklichste gew\u00e4hlt. Andre, f\u00fcr deren heterogene Individualit\u00e4t in Form und Organen sich in der ganzen subjektiven Sph\u00e4re der Modernen keine Analogie fand, welche ohne Kenntnis der Prinzipien und des Organismus der ganzen Griechischen Poesie in Masse <em>durchaus<\/em> unverst\u00e4ndlich bleiben mu\u00dften, deren idealische H\u00f6he die Engigkeit auch des bessern herrschenden Geschmacks zu weit \u00fcbertraf, konnten nicht popul\u00e4r werden. Gewi\u00df nicht f\u00fcr jeden Liebhaber, der vielleicht nur sich allein durch den Genu\u00df des Sch\u00f6nen bilden will, w\u00fcrde eine vollendete Kenntnis der Griechischen Kunst m\u00f6glich oder schicklich sein. Aber von dem Dichter, dem Kenner, dem Denker, dem es ein Ernst ist, echte sch\u00f6ne Kunst nicht blo\u00df zu kennen und zu \u00fcben, sondern auch zu verbreiten, darf man es fordern, da\u00df er keine Schwierigkeit, welche ein unentbehrliches Mittel seines Zwecks ist, scheuen soll. \u2013 Die Werke des Pindarus, des \u00c4schylus, des Sophokles, des Aristophanes werden nur wenig studiert, weniger verstanden. Das hei\u00dft, man ist mit den vollkommensten Dichtarten der Griechischen Poesie, mit der Periode des poetischen Ideals, und mit dem goldnen Zeitalter des Griechischen Geschmacks beinahe v\u00f6llig unbekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberdem mu\u00df auch in der reichhaltigsten Ansicht jener popul\u00e4ren Lieblingsdichter, ohne eine bestimmte Kenntnis ihres eigentlichen Zusammenhanges, ihrer richtigen Stelle im Ganzen etwas Schiefes \u00fcbrig bleiben. <em>Homers<\/em> Gedichte sind der Quell aller Griechischen Kunst, ja die Grundlage der Griechischen Bildung \u00fcberhaupt, die vollkommenste und sch\u00f6nste Bl\u00fcte des sinnlichsten Zeitalters der Kunst. Nur vergesse man nicht, da\u00df die Griechische Poesie h\u00f6here Stufen der Kunst und des Geschmacks erreicht hat. \u2013 Wenn es f\u00fcr das Unersetzliche einen Ersatz g\u00e4be, so k\u00f6nnte uns <em>Horazius<\/em> einigerma\u00dfen \u00fcber den Verlust der gr\u00f6\u00dften Griechischen Lyriker derjenigen Klasse tr\u00f6sten, welche nicht im Namen des Volks die \u00f6ffentlichen Zust\u00e4nde einer sittlichen Masse darstellten, sondern die sch\u00f6nen Gef\u00fchle einzelner Menschen besangen. Zugleich enth\u00e4lt er die k\u00f6stlichsten von den wenigen ganz eigent\u00fcmlichen Kunstbl\u00fcten des echt R\u00f6mischen Geistes, welche auf uns gekommen sind. Dieser \u00bbLieblingsdichter aller gebildeten Menschen\u00ab war von jeher ein gro\u00dfer Lehrer der Humanit\u00e4t und liberalen Gesinnungen. Seine Vaterl\u00e4ndischen Oden sind ein ehrw\u00fcrdiges Denkmal hohen R\u00f6mersinns, und erinnern daran, da\u00df selbst Brutus die B\u00fcrgertugend des Dichters achtete. Seine sch\u00f6ne lyrische Moralit\u00e4t ist urspr\u00fcnglich, oder doch innig und selbstt\u00e4tig zugeeignet. Aber den meisten seiner Ges\u00e4nge fehlt es im Schwanken zwischen dem Griechischen Urbilde und der R\u00f6mischen Veranlassung an einer leichten Einheit. Auch sollte man auf seine erotischen Gedichte am wenigsten Akzent legen. Zwar finden sich auch in ihnen einzelne Spuren des liebensw\u00fcrdigen Philosophen, des braven K\u00fcnstlers; aber im Ganzen sind sie fast immer steif, und auf gut R\u00f6misch ein wenig plump. Auch die Wahl der Rhythmen verr\u00e4t hie und da den Verfall des musikalischen Geschmacks. \u2013 Ich kann sogar die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Bewunderung des <em>Virgilius<\/em> zwar nicht rechtfertigen, aber doch entschuldigen. F\u00fcr den Freund des Sch\u00f6nen mag sein Wert gering sein; aber f\u00fcr das Studium des Kunstkenners und K\u00fcnstlers, bleibt er \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdig. Dieser gelehrte K\u00fcnstler hat aus dem reichen Vorrat der Griechischen Dichter mit einer Art von Geschmack die einzelnen St\u00fccke und Z\u00fcge ausgew\u00e4hlt, sie mit Einsicht aneinander gef\u00fcgt, und mit Flei\u00df gefeilt, gegl\u00e4ttet und geputzt. Das Ganze ist ein St\u00fcckwerk ohne lebende Organisation und sch\u00f6ne Harmonie, aber er kann dennoch f\u00fcr den h\u00f6chsten Gipfel des gelehrten k\u00fcnstlichen Zeitalters der alten Poesie gelten. Zwar fehlt ihm die letzte Rundung und Feinheit der Alexandriner, aber durch die frische R\u00f6merkraft seines Dichtertalents \u00fcbertrifft er die kraftlosen Griechen jenes Zeitalters in ihrem eignen Stil sehr weit. Er ist in diesem an sich unvollkommnen Stil zwar nicht schlechthin vollkommen, aber doch der trefflichste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ungl\u00fccklichste Einfall, den man je gehabt hat, und von dessen allgemeiner Herrschaft noch jetzt viele Spuren \u00fcbrig sind, war es: Der <em>Griechischen Kritik und Kunsttheorie<\/em> eine Auktorit\u00e4t beizulegen, welche im Gebiete der theoretischen Wissenschaft durchaus unstatthaft ist. Hier glaubte man den eigentlichen <em>\u00e4sthetischen Stein der Weisen<\/em> zu finden; einzelne Regeln des Aristoteles, und Sentenzen des Horaz wurden als kr\u00e4ftige Amulette wider den b\u00f6sen D\u00e4mon der Modernheit gebraucht; und selbst die zerlumpte D\u00fcrftigkeit der Adepten erregte erst sp\u00e4t einiges Mi\u00dftrauen wider die Echtheit des Geheimnisses.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fehlschlu\u00df, von dem man ausging, war mit<em> Hurds<\/em> Worten: \u00bbDie Alten sind Meister in der Komposition; es m\u00fcssen daher diejenigen unter ihren Schriften, welche zur Aus\u00fcbung dieser Kunst Anleitung geben, von dem h\u00f6chsten Werte sein.\u00ab Nichts weniger! Der Griechische Geschmack war schon v\u00f6llig entartet, als die Theorie noch in der Wiege lag. Das Talent kann die Theorie nicht verleihn, und nie hat die Griechische Theorie den Zweck und das Ideal des K\u00fcnstlers bestimmt, welcher den Gesetzen des \u00f6ffentlichen Geschmacks allein gehorchte. Auch eine vollendete Philosophie der Kunst w\u00fcrde zur Wiederherstellung des echten Geschmacks allein nicht hinreichend sein. Die Griechischen und R\u00f6mischen Denker waren aber (nach Fragmenten, Nachrichten und der Analogie zu urteilen) so wenig im Besitz eines vollendeten Systems objektiver \u00e4sthetischer Wissenschaften, da\u00df nicht einmal der Versuch, der Entwurf, geschweige denn ein stetes Streben nach einem solchen System vorhanden war. Nicht einmal die Gr\u00e4nzen und die Methode waren bestimmt; nicht einmal der Begriff einer allgemeing\u00fcltigen Wissenschaft des Geschmacks und der Kunst war definiert, ja selbst die M\u00f6glichkeit derselben war keineswegs deduziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unl\u00e4ugbar enthalten die kritischen Fragmente der Griechen bedeutende Beitr\u00e4ge zur Erl\u00e4uterung der Griechischen Poesie, und treffliche Materialien f\u00fcr die k\u00fcnftige Ausf\u00fchrung und Vollendung des Systems. Umst\u00e4ndliche Zergliederungen, wie etwa die des Dionysius sind unsch\u00e4tzbar, und auch das kleinste \u00e4sthetische Urteil kann sehr gro\u00dfen Wert haben. Die angewandten Begriffe und Bestimmungen bezogen sich auf <em>vollkommne Anschauungen,<\/em> und w\u00fcrden sich aus reiner Wissenschaft gar nicht wieder ersetzen lassen. Die Urteile standen unter der untr\u00fcglichen Leitung eines urspr\u00fcnglich richtig gestimmten Gef\u00fchls, und das Verm\u00f6gen, sch\u00f6ne Darstellung zu empfangen und zu w\u00fcrdigen, war bei den Griechen fast auf eben die Weise vollkommen und einzig, wie das Verm\u00f6gen, sie hervorzubringen. \u00dcberhaupt ist im theoretischen Teile der \u00e4sthetischen Wissenschaft der Wert der sp\u00e4tern Kritiker und vorz\u00fcglich im Angewandten und Besondren am gr\u00f6\u00dften; im praktischen Teile sind die allerallgemeinsten Grunds\u00e4tze und Begriffe vorz\u00fcglich der fr\u00fchern Philosophen am sch\u00e4tzbarsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Quell aller Bildung und auch aller Lehre und Wissenschaft der Griechen war der <em>Mythus.<\/em> Poesie war die \u00e4lteste, und vor dem Ursprunge der Beredsamkeit, die einzige Lehrerin des Volks. Die mythische Denkart, da\u00df Poesie im eigentlichen Sinne eine Gabe und Offenbarung der G\u00f6tter, der Dichter ein heiliger Priester und Sprecher derselben sei blieb f\u00fcr alle Zeiten Griechischer Volksglaube. An ihn schlossen sich die Lehren des <em>Plato,<\/em> und wahrscheinlich auch des <em>Demokrit<\/em> \u00fcber musikalischen Enthusiasmus und G\u00f6ttlichkeit der Kunst an. \u00dcberhaupt hatte der popul\u00e4re (exoterische) Vortrag der Griechischen Philosophie ein ganz <em>mythisches Kolorit<\/em>. So wie sich bei uns h\u00e4ufig der K\u00fcnstler als Gelehrter und Denker geltend zu machen sucht, weil seine eigent\u00fcmliche W\u00fcrde vielleicht vor der Menge wenig gelten w\u00fcrde: so pflegte damals noch der Griechische Philosoph sich als Musiker und Poet gleichsam einzuschleichen. Die Platonischen Lehren von der Bestimmung der Kunst sind die trefflichsten Griechischen Materialien zur praktischen Philosophie der Kunst, welche sich auf uns erhalten haben. Die praktische Philosophie der \u00e4ltesten Griechischen Denker aber war durchaus<em> politisch;<\/em> und diese Politik war zwar in den Grunds\u00e4tzen nichts weniger als die Sklavin der Erfahrung, sondern vielmehr durchaus rational, aber im Vortrage und in der Anordnung schlo\u00df sie sich durchg\u00e4ngig an das Gegebne und Vorhandne an. Nie hat eigentlich die Griechische Philosophie, wie die Griechische Kunst, die Stufe einer <em>vollst\u00e4ndigen Selbstst\u00e4ndigkeit<\/em> der Bildung erreicht, und im Plato vorz\u00fcglich ist die Ordnung der ganzen Masse der einzelnen Philosopheme nicht sowohl von innen bestimmt, sondern vielmehr von au\u00dfen gebildet und entstanden. Um daher nur Platos Lehre von der Kunst zu verstehen, mu\u00df man nicht allein den mythischen Ursprung der Griechischen Bildung \u00fcberhaupt, sondern auch die ganze Masse der politischen, moralischen und philosophischen Bildung der Griechen in ihrem v\u00f6lligen Umfange kennen! \u2013 Auch f\u00fcr die <em>Sophisten<\/em> war nur auf eine andre Weise das \u00f6ffentlich Geltende die Base, von der alle ihre Lehren, also auch die \u00fcber das Sch\u00f6ne und die Kunst immer ausgingen, und der Punkt, wohin sie strebten. \u2013 Im <em>Aristoteles<\/em> ist die theoretische \u00c4sthetik noch in der Kindheit, und die praktische ist schon ganz von ihrer H\u00f6he gesunken. Seine Lehre von der Bestimmung der Kunst im achten Buche der \u00bbPolitik\u00ab beweist eine liberale Denkart, und nicht ganz unw\u00fcrdige Gesinnungen: aber dennoch ist der Gesichtspunkt schon nicht mehr politisch, sondern nur moralisch. In der \u00bbRhetorik\u00ab aber, und in den Fragmenten der \u00bbPoetik\u00ab behandelt er die Kunst nur <em>physisch,<\/em> ohne alle R\u00fccksicht auf Sch\u00f6nheit, blo\u00df historisch und theoretisch. Wo er gelegentlich \u00e4sthetisch urteilt, da \u00e4u\u00dfert er nur einen scharfen Sinn f\u00fcr die Richtigkeit des Gliederbaus des Ganzen, f\u00fcr die Vollkommenheit und Feinheit der Verkn\u00fcpfung. \u2013 Wie h\u00e4ufig sind nicht in ihm, und in den sp\u00e4tern Rhetorikern einzelne ganz unverst\u00e4ndliche oder doch \u00e4u\u00dferst schwer zu entziffernde besondre Beziehungen auf untergegangne Werke, auf uns ganz unbekannte Dinge? Ja das Ganze ist nicht selten in einer individuellen R\u00fccksicht verfa\u00dft. So ist der Hauptgesichtspunkt, nach welchem <em>Quinktilian<\/em> den Wert der Dichter bestimmt, ihre Tauglichkeit junge Deklamatoren k\u00fcnstlich schwatzen zu lehren. Die individuelle Veranlassung der kritischen Episteln des <em>Horaz,<\/em> der ganze Inbegriff ihrer speziellen Beziehungen \u2013 ihre kosmische Lage ist uns bald ganz, bald gr\u00f6\u00dftenteils unbekannt, und bei vielen wahrscheinlichen oder sinnreichen Hypothesen tappen wir dennoch hie und da v\u00f6llig im dunkeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn von allumfassender vollendeter Kenntnis der Griechen die Rede ist, so stehen alle Bestandteile derselben in Wechselwirkung, und das Studium der Griechischen Kunsttheorie ist allerdings ein <em>integranter Teil<\/em> des ganzen Studiums der Griechischen Bildung \u00fcberhaupt, oder der \u00e4sthetischen Bildung insbesondre. Aber in der <em>Methodenlehre<\/em> des ganzen Studiums d\u00fcrfte wohl das der Griechischen Kritik eine sehr sp\u00e4te Stelle erhalten. Man mu\u00df schon die ganze Masse, den Organismus und die Prinzipien der Griechischen Poesie kennen, um die Perlen, welche in den kritischen Schriften der Griechen gr\u00f6\u00dftenteils noch ungenutzt verborgen liegen, suchen und finden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin weit entfernt von den diktatorischen Anma\u00dfungen, den despostischen Reformationen angeblicher Repr\u00e4sentanten der Menschheit, die so vieles projektieren, wovon keine Silbe in ihren Kahiers steht, so vieles dekretieren, was der \u00f6ffentliche Volkswille in den Urversammlungen der Menschheit nicht sanktionieren w\u00fcrde. Die Behauptung, da\u00df eine allgemeing\u00fcltige Wissenschaft des Sch\u00f6nen und der Darstellung, und eine richtige Nachahmung der Griechischen Urbilder, die notwendigen Bedingungen zur Wiederherstellung der echten sch\u00f6nen Kunst sei, ist so wenig <em>willk\u00fcrlich,<\/em> da\u00df sie nicht einmal <em>neu<\/em> ist. Ich begn\u00fcge mich mit dem bescheidnen Verdienst, dem Gange der \u00e4sthetischen Kultur auf die Spur gekommen zu sein, den Sinn der bisherigen Kunstgeschichte gl\u00fccklich erraten, und eine gro\u00dfe Aussicht f\u00fcr die k\u00fcnftige gefunden zu haben. Vielleicht ist es mir gelungen, einige Dunkelheiten zu erhellen, einige Widerspr\u00fcche zu l\u00f6sen, indem ich f\u00fcr jede einzelne auffallende Erscheinung die richtige Stelle im gro\u00dfen Ganzen der ewigen Gesetze der Kunstbildung zu bestimmen suchte. Es kann eine Empfehlung und eine Best\u00e4tigung des entworfnen Grundrisses sein, da\u00df nach dieser Ansicht der Streit der antiken und modernen \u00e4sthetischen Bildung wegf\u00e4llt; da\u00df das Ganze der alten und neuen Kunstgeschichte durch seinen innigen Zusammenhang \u00fcberrascht, und durch seine vollkommne Zweckm\u00e4\u00dfigkeit v\u00f6llig befriedigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes gro\u00dfe, wenngleich noch so ekzentrische Produkt des modernen Kunstgenies ist nach diesem Gesichtspunkt ein echter, an seiner Stelle h\u00f6chst zweckm\u00e4\u00dfiger Fortschritt, und so heterogen die \u00e4u\u00dfre Ansicht auch sein mag, eigentlich doch eine wahre Ann\u00e4herung zum Antiken. Die Notwendigkeit des Stufenganges der allm\u00e4hlichen Entwicklung ist keine Apologie der Schw\u00e4che, welche hinter dem Ma\u00df der schon erreichten Vortrefflichkeit zur\u00fcckbleibt, aber eine Erkl\u00e4rung und Rechtfertigung f\u00fcr die M\u00e4ngel und Ausschweifungen des wahrhaft gro\u00dfen K\u00fcnstlers, der zwar dem Gange der Bildung vielleicht um einige Schritte zuvoreilte, und ihre Entwicklung beschleunigte, aber doch nicht ganze Stufen \u00fcberspringen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Bildungsgeschichte der modernen Poesie<\/em> stellt nichts andres dar, als den steten Streit der <em>subjektiven Anlage,<\/em> und der <em>objektiven Tendenz<\/em> des \u00e4sthetischen Verm\u00f6gens und das allm\u00e4hliche \u00dcbergewicht des letztern. Mit jeder wesentlichen Ver\u00e4nderung des Verh\u00e4ltnisses des Objektiven und des Subjektiven beginnt eine neue <em>Bildungsstufe.<\/em> Zwei gro\u00dfe Bildungsperioden, welche aber nicht isoliert aufeinander folgen, sondern wie Glieder einer Kette ineinander greifen, hat die moderne Poesie schon wirklich zur\u00fcckgelegt; und jetzt steht sie im Anfange der dritten Periode. In der <em>ersten Periode<\/em> hatte der einseitige Nationalcharakter in der ganzen Masse der \u00e4sthetischen Bildung durchg\u00e4ngig das entschiedenste \u00dcbergewicht, und nur hie und da regen sich einige wenige einzelne Spuren von der Direktion \u00e4sthetischer Begriffe und der Tendenz zum Antiken. In der <em>zweiten Periode<\/em> herrschte die Theorie und Nachahmung der Alten in einem gro\u00dfen Teil der ganzen Masse: aber die subjektive Natur war noch zu m\u00e4chtig, um dem objektiven Gesetz ganz gehorchen zu k\u00f6nnen; sie war k\u00fchn genug, sich unter dem Namen des Gesetzes wiederum einzuschleichen. Die Nachahmung und die Theorie, und mit ihnen der Geschmack und die Kunst selbst blieben einseitig und national. Die darauf folgende Anarchie aller individuellen Manieren, aller subjektiven Theorien, und verschiednen Nachahmungen der Alten, und die endliche Verwischung und Vertilgung der einseitigen Nationalit\u00e4t ist die <em>Krise des \u00dcbergangs<\/em> von der zweiten zur dritten Periode. In der <em>dritten<\/em> wird wenigstens in einzelnen Punkten der ganzen Masse das Objektive wirklich erreicht: objektive Theorie, objektive Nachahmung, objektive Kunst und objektiver Geschmack.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die zweite Periode erstreckte sich nur \u00fcber einen <em>Teil,<\/em> die Anf\u00e4nge der dritten nur \u00fcber <em>einzelne Punkte<\/em> der ganzen Masse, und ein bedeutender Teil derselben ist bis jetzt auf der ersten Stufe stehn geblieben, und noch immer ist der Zweck ganzer Dichtarten kein andrer, als eine treue Darstellung des interessantesten nationellen Lebens. So wie nun der Nationalcharakter des Europ\u00e4ischen V\u00f6lkersystems in drei entscheidenden Krisen schon drei gro\u00dfe Evolutionen erlebt hat \u2013 im Zeitalter der Kreuzz\u00fcge, im Zeitalter der Reformation und der Entdeckung von Amerika, und in unserm Jahrhundert: so hat auch die <em>Nationalpoesie der Modernen<\/em> in drei verschiednen Epochen<em> dreimal<\/em> gebl\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zustand der \u00e4sthetischen Bildung unsres gegenw\u00e4rtigen Zeitalters war es, der uns aufforderte, die ganze Vergangenheit zu \u00fcberschauen. Wir sind nun zu dem Punkte zur\u00fcckgekehrt, von dem wir ausgingen. Die Symptome, welche die Krise des \u00dcbergangs von der zweiten zur dritten Periode der modernen Poesie bezeichnen, sind allgemein verbreitet, und hie und da regen sich schon <em>unverkennbare Anf\u00e4nge objektiver Kunst und objektiven Geschmacks.<\/em> Noch war vielleicht kein Augenblick in der ganzen Geschichte des Geschmacks und der Dichtkunst so charakteristisch f\u00fcrs Ganze, so reich an Folgen der Vergangenheit, so schwanger mit fruchtbaren Keimen f\u00fcr die Zukunft; <em>die Zeit<\/em> ist f\u00fcr eine wichtige Revolution der \u00e4sthetischen Bildung <em>reif.<\/em> Was sich jetzt nur erraten l\u00e4\u00dft, wird man k\u00fcnftig bestimmt wissen: da\u00df in diesem wichtigen Augenblick unter andern gro\u00dfen Krisen, auch das Los der echten sch\u00f6nen Kunst auf der Waage des Schicksals entschieden wird. Nie w\u00fcrde unt\u00e4tige Gleichg\u00fcltigkeit gegen das Sch\u00f6ne, oder stolze Sicherheit \u00fcber das schon Erreichte weniger angemessen sein; nie durfte man aber auch eine gr\u00f6\u00dfere Belohnung der Anstrengung erwarten, als die, welche der k\u00fcnftige Gang der \u00e4sthetischen Bildung der Modernen verspricht. Vielleicht werden die folgenden Zeitalter oft zwar nicht mit anbetender Bewunderung, aber doch nicht ohne Zufriedenheit auf das jetzige zur\u00fccksehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>\u00e4sthetische Theorie<\/em> hat den Punkt erreicht, von dem wenigstens ein <em>objektives Resultat,<\/em> es falle nun aus, wie es wolle, nicht weit mehr entfernt sein kann. Nach den <em>pragmatischen Vor\u00fcbungen<\/em> des theoretisierenden Instinkts (erste Periode) deren Grundsatz die <em>Auktorit\u00e4t<\/em> war entstand die eigentliche<em> szientifische<\/em> Theorie. Ohngef\u00e4hr zu gleicher Zeit entwickelten und bildeten sich die <em>dogmatischen Systeme der rationalen und der empirischen \u00c4sthetik<\/em> (zweite Periode); und die Antinomie der verschiednen manierierten Theorien f\u00fchrte den <em>\u00e4sthetischen Skeptizismus<\/em> (Krise des \u00dcbergangs von der zweiten zur dritten Periode) herbei. Diese war die Vorbereitung und Veranlassung der <em>Kritik der \u00e4sthetischen Urteilskraft<\/em> (Anf\u00e4nge der dritten Periode). Noch ist das Gesch\u00e4ft nichts weniger als beendigt. Die \u00c4sthetiker selbst, welche gemeinschaftlich von den Resultaten der kritischen Philosophie ausgegangen sind, sind weder in den Prinzipien noch in der Methode unter sich einig; und die kritische Philosophie selbst hat ihren hartn\u00e4ckigen Kampf mit dem Skeptizismus noch nicht v\u00f6llig ausgestritten. \u00dcberhaupt ist, nach der Bemerkung eines gro\u00dfen Denkers, im praktischen noch viel zu tun \u00fcbrig. Aber seit durch <em>Fichte<\/em> das Fundament der kritischen Philosophie entdeckt worden ist, gibt es ein sichres Prinzip, den Kantischen Grundri\u00df der praktischen Philosophie zu berichtigen, zu erg\u00e4nzen, und auszuf\u00fchren; und \u00fcber die M\u00f6glichkeit eines <em>objektiven Systems der praktischen und theoretischen \u00e4sthetischen Wissenschaften<\/em> findet kein gegr\u00fcndeter Zweifel mehr statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im <em>Studium der Griechen<\/em> \u00fcberhaupt und der Griechischen Poesie insbesondre steht unser Zeitalter an der Gr\u00e4nze einer gro\u00dfen Stufe. Lange Zeit kannte man die Griechen nur durch das Medium der R\u00f6mer, das Studium war <em>isoliert<\/em> und <em>ohne alle philosophische Prinzipien<\/em> (erste Periode); dann ordnete und lenkte man das immer noch isolierte Studium nach willk\u00fcrlichen Hypothesen, oder doch nach <em>einseitigen Prinzipien,<\/em> und individuellen Gesichtspunkten (zweite Periode). Schon studiert man die Griechen <em>in Masse und ohne philosophische Hypothesen,<\/em> vielmehr mit Vernachl\u00e4ssigung aller Prinzipien (Krise des \u00dcbergangs von der zweiten zur dritten Periode). Nur der letzte und gr\u00f6\u00dfte Schritt ist noch zu tun \u00fcbrig: die <em>ganze Masse nach objektiven Prinzipien<\/em> zu ordnen (dritte Periode). Der chaotische Reichtum alles Einzelnen und der Streit der verschiednen Ansichten \u00fcber das Ganze wird notwendig dahin f\u00fchren, eine allgemeing\u00fcltige Ordnung der ganzen Masse zu suchen und zu finden. Zwar kann die Kenntnis der Griechen nie vollendet, und das Studium der Griechen nie ersch\u00f6pft werden: doch l\u00e4\u00dft sich ein <em>fixer Punkt<\/em> erreichen, welcher den Denker, den Geschichtsforscher, den Kenner und den K\u00fcnstler vor gef\u00e4hrlichen Grundirrt\u00fcmern, durchaus schiefen Richtungen, und verkehrten Versuchen der Nachahmung sichert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber du selbst,\u00ab k\u00f6nnte man sagen, \u00bbhast ja \u00e4sthetische Kraft und Moralit\u00e4t als notwendige Postulate der \u00e4sthetischen Revolution aufgestellt? Wie l\u00e4\u00dft sich also \u00fcber den k\u00fcnftigen Gang der Bildung etwas im voraus bestimmen, da diese vorl\u00e4ufigen Bedingungen selbst von einem gl\u00fccklichen Zusammenflu\u00df der seltensten Umst\u00e4nde, das hei\u00dft vom <em>Ohngef\u00e4hr<\/em> abh\u00e4ngen? Wer hat noch der Natur den Handgriff ablernen k\u00f6nnen, wie sie Genies erzeugt, und K\u00fcnstler hervorbringt? Gewi\u00df l\u00e4\u00dft sich die seltenste aller Gaben; das <em>\u00e4sthetische<\/em> Genie auf die Gefahr sie zu verf\u00e4lschen, durch Bildung ein wenig vervollkommnen aber nicht <em>erschaffen!<\/em> Auch im Umfang und in der Kraft der Sittlichkeit scheint es f\u00fcr die meisten Individuen eine <em>urspr\u00fcngliche,<\/em> un\u00fcbersteigbare <em>Gr\u00e4nze<\/em> zu geben. Nur wenige selbst\u00e4ndige Ausnahmen sind in ihrer Vervollkommung unbegr\u00e4nzt. Und scheinen nicht auch diese ihre Selbst\u00e4ndigkeit dem seltsamsten Zusammenflu\u00df der gl\u00fccklichsten Umst\u00e4nde, dem <em>Zufall<\/em> zu danken? Der stolzen Vernunft des reinen Denkers wird es freilich nicht zusagen, aber aus einer unbefangnen Ansicht der Kunstgeschichte scheint sich das Resultat zu ergeben: die Natur sei im Ganzen neidisch und karg mit ihren k\u00f6stlichsten Gaben nur dann und wann, in ihren sch\u00f6nsten Augenblicken, werfe sie nach Laune eine Handvoll echter K\u00fcnstlerseelen auf ein beg\u00fcnstigtes Land, damit das Licht in dieser D\u00e4mmerwelt doch nicht g\u00e4nzlich verl\u00f6sche.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlechthin bestimmen l\u00e4\u00dft sich allerdings nichts \u00fcber den k\u00fcnftigen Gang der Bildung: wahrscheinlich vermuten sehr viel. Vermutungen, zu denen die Bed\u00fcrfnisse der Menschheit n\u00f6tigen, welche die ewigen Gesetze der Vernunft und der Geschichte rechtfertigen und begr\u00fcnden. Als h\u00e4tten sie mit den G\u00f6ttern zu Rate gesessen, scheinen jene die geheimen Absichten und Antriebe, nach denen die Natur im Verborgnen handelt, zu wissen. So viel wei\u00df die Wissenschaft und die Geschichte nicht. Doch das wei\u00df sie, da\u00df die Seltenheit des Genies nicht die Schuld der menschlichen Natur ist, sondern unvollkommner menschlicher Kunst, <em>politischer Pfuscherei.<\/em> Ihr eigner ungl\u00fccklicher Scharfsinn fesselt die Freiheit der Menschen, und hemmt die Gemeinschaft der Bildung. Wenn demungeachtet das unterdr\u00fcckte Feuer sich einmal Luft macht, so wird das als ein Wunder angestaunt. Gebt die Bildung frei, und la\u00dft sehn ob es an Kraft fehlt! Warum h\u00e4tte auch sonst von jeher selbst die kleinste Gunst des Augenblicks eine so majest\u00e4tische F\u00fclle schlummernder Kr\u00e4fte, wie durch einen Zauberschlag ans Licht gerissen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die notwendigen Bedingungen aller menschlichen Bildung sind: Kraft, Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, Freiheit und Gemeinschaft. Erst wenn die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der \u00e4sthetischen Kraft durch eine objektive Grundlage und Richtung gesichert sein wird, kann die \u00e4sthetische Bildung durch <em>Freiheit der Kunst<\/em> und <em>Gemeinschaft des Geschmacks<\/em> durchg\u00e4ngig durchgreifend und <em>\u00f6ffentlich<\/em> werden. \u00c4chte Sch\u00f6nheit mu\u00df erst an recht vielen einzelnen Punkten feste Wurzel gefa\u00dft haben, ehe sie sich \u00fcber die ganze Fl\u00e4che allgemein verbreiten, ehe die moderne Poesie <em>die zun\u00e4chst bevorstehende<\/em> Stufe ihrer Entwicklung: die <em>durchg\u00e4ngige Herrschaft des Objektiven \u00fcber die ganze Masse;<\/em> erreichen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man darf aber nicht etwa mit einigen Bedingungen der \u00e4sthetischen Bildung gleichsam warten, bis man mit den andern fertig w\u00e4re; sie stehn alle vier in<em> durchg\u00e4ngiger Wechselwirkung.<\/em> Es ist daher auch jetzt schon nicht zu fr\u00fchzeitig, alles was die <em>\u00e4sthetische Mitteilung<\/em> hemmen k\u00f6nnte, aus dem Wege zu r\u00e4umen. Es herrscht besonders unter <em>Deutschen<\/em> Dichtern und Kennern eine sehr gef\u00e4hrliche eigentlich illiberale Denkart, welche den urspr\u00fcnglichen Deutschen Mangel an Mitteilungsf\u00e4higkeit zum Grundsatz sanktioniert. Die erhabne Gelassenheit der Deutschen Nation, und die neidischen Anfeindungen kleiner Geister erzeugen oft bei verdienstvollen aber eitlen M\u00e4nnern \u00fcble Laune, welche sich bis zu einer b\u00f6sartigen Bitterkeit verh\u00e4rten kann. Schmollend h\u00fcllen sie ihre beleidigten Anspr\u00fcche in h\u00f6hnenden Stolz, verschlie\u00dfen ihr Talent ganz in sich, oder treten nur mit einer sauern Miene ins Publikum. Ihr Gem\u00fct ist so unf\u00e4hig, sich \u00fcber die enge Gegenwart zu erheben, da\u00df sie echte Sch\u00f6nheit \u00fcberhaupt f\u00fcr ein <em>Myster,<\/em> und die \u00d6ffentlichkeit der \u00e4sthetischen Bildung f\u00fcr ganz unm\u00f6glich halten. Nur durch <em>Geselligkeit<\/em> wird die rohe Eigent\u00fcmlichkeit gereinigt und gemildert, erw\u00e4rmt und erheitert; das innre Feuer sanft ans Licht getrieben, die \u00e4u\u00dfre Gestalt berichtigt und bestimmt, gerundet und gesch\u00e4rft. Unm\u00e4\u00dfige Einsamkeit hingegen ist die Mutter seltsamer Grillen. Daher die eckichte H\u00e4rte, der barsche Ton, das finstre Kolorit mancher sonst trefflicher Deutscher Schriftsteller. Dieser Weg kann endlich so weit von der Einfalt der Natur, von dem gro\u00dfen Wesentlichen, und \u00e4chter Sch\u00f6nheit entfernen, da\u00df sich Zweifel regen d\u00fcrften, ob jene \u00e4sthetischen Mysterien nicht etwa ein <em>Orden ohne Geheimnis<\/em> sein m\u00f6chten, wo jeder glaubt, der andre w\u00fc\u00dfte es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Mitteilungen der Kenntnisse, der Sitten und des Geschmacks sind die <em>Franzosen<\/em> uns schon seit langer Zeit sehr weit \u00fcberlegen. Sie k\u00f6nnen eben dadurch in der <em>\u00f6ffentlichen Griechischen Poesie<\/em> eine h\u00f6here Stufe der Vollkommenheit als andere kultivierte Nationen Europa&#8217;s erreichen. Man wird dann das unerwartete Ph\u00e4nomen vermutlich aus der neuen politischen Form erkl\u00e4ren wollen, die doch weiter nichts sein kann, als der gl\u00fcckliche Ansto\u00df, welcher die im Stillen lange vorhandne Kraft zur reifen Bl\u00fcte treibt. \u2013 Wo in einem genau bestimmten Nationalcharakter nur einige einzelne sch\u00f6ne Z\u00fcge vorhanden sind, welche die Grundlinien und Umrisse einer idealischen Ausf\u00fchrung werden k\u00f6nnen; wo es an musikalischem und poetischem Talent nur nicht ganz fehlt, wo es nur einige \u00e4sthetische Bildung gibt: da mu\u00df h\u00f6here Lyrik von selbst entstehn, sobald es <em>\u00f6ffentliche Sitten,<\/em> \u00f6ffentlichen Willen und \u00f6ffentliche Neigungen, eine Seele und Stimme der Nation gibt. Die entschiedenste und beschr\u00e4nkteste Einseitigkeit ist der lyrischen Sch\u00f6nheit nicht schlechthin ung\u00fcnstig, wenn der Mangel an Umfang nur wie bei den <em>Doriern,<\/em> durch intensive Kraft und Hoheit ersetzt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sch\u00f6ne Drama hingegen erfordert absoluten Umfang der Bildung, und v\u00f6llige Freiheit von nationellen Schranken, Eigenschaften, von denen die Franzosen sehr weit entfernt sind! Es k\u00f6nnen leicht Jahrhunderte hingehn, ehe sie dieselben erreichen: denn die neue politische Form wird die Einseitigkeit ihres Nationalcharakters nur st\u00e4rker konzentrieren, und schneidender isolieren. Daher ist die sogenannte franz\u00f6sische Trag\u00f6die auch ein klassisches Muster der Verkehrtheit geworden. Sie ist nicht nur eine leere Formalit\u00e4t ohne Kraft, Reiz und Stoff, sondern auch ihre Form selbst ist ein widersinniger, barbarischer Mechanismus, ohne innres Lebensprinzip und nat\u00fcrliche Organisation. Der franz\u00f6sische Nationalcharakter kann im Roman und in der K\u00f6m\u00f6die, welche sich mit dem bescheidnen Range subjektiver Darstellungen begn\u00fcgen, so interessant und liebensw\u00fcrdig erscheinen; in der sogenannten Trag\u00f6die eines Racine und Voltaire hingegen wird durch eine mi\u00dfgl\u00fcckte Pr\u00e4tension des Objektiven die ung\u00fcnstigste Ansicht desselben gleichsam ins Unertr\u00e4gliche idealisiert. Im steten Wechsel des Widerlichen und des Abgeschmackten ist hier h\u00e4\u00dfliche Heftigkeit und abgeschliffne Leerheit innigst ineinander verschmolzen. \u2013 Ohnehin fehlt es den Franzosen wie den Engl\u00e4ndern und Itali\u00e4nern (von der Poesie der beiden letzten Nationen ist jetzt wohl am wenigsten zu besorgen, da\u00df sie den Deutschen etwas vorwegnehmen m\u00f6chten!) an objektiver Theorie, und an \u00e4chter Kenntnis der antiken Poesie. Um nur auf die Spur zu kommen, wie sie den Weg dahin finden k\u00f6nnten, w\u00fcrden sie bei den Deutschen in die Schule gehn m\u00fcssen. Eine Sache, zu der sie sich wohl schwerlich entschlie\u00dfen werden!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Deutschland,<\/em> und nur in Deutschland hat die \u00c4sthetik und das Studium der Griechen eine H\u00f6he erreicht, welche eine g\u00e4nzliche Umbildung der Dichtkunst und des Geschmacks notwendig zur Folge haben mu\u00df. \u2013 Die wichtigsten Fortschritte in der stufenweisen Entwicklung der philosophischen \u00c4sthetik war das rationale und das kritische System. Beide sind durch <em>Deutsche<\/em> Erfinder, jenes durch <em>Baumgarten, Sulzer<\/em> und andre, dieses durch <em>Kant<\/em> und seine Nachfolger gestiftet und ausgebildet. Das empirische und skeptische System der \u00c4sthetik war vielmehr ein notwendiger Erfolg vom allgemeinen Gange der Philosophie, als eigentliche Erfindung und Verdienst einiger Englischen Schriftsteller. \u2013 In der \u00e4ltern Manier der klassischen Kritik \u00fcbertrifft unser <em>Lessing<\/em> an Scharfsinn und an \u00e4chtem Sch\u00f6nheitsgef\u00fchl seine Vorg\u00e4nger in England unendlich weit. Eine ganz neue, und ungleich h\u00f6here Stufe des Griechischen Studiums ist durch <em>Deutsche<\/em> herbeigef\u00fchrt, und wird vielleicht noch geraume Zeit ihr ausschlie\u00dfliches Eigentum bleiben. Statt der vielen Namen, die hier genannt werden k\u00f6nnten, stehe nur einer da. <em>Herder<\/em> vereinigt die umfassendste Kenntnis mit dem zartesten Gef\u00fchl und der biegsamsten Empf\u00e4nglichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer kann noch an der Dichtergabe Deutscher K\u00fcnstler zweifeln seit der k\u00fchne, erfinderische <em>Klopstock<\/em> der Stifter und Vater der Deutschen Poesie ward? Der liberale <em>Wieland<\/em> sie schm\u00fcckte und humanisierte? Der scharfsinnige <em>Lessing<\/em> sie reinigte und sch\u00e4rfte? <em>Schiller<\/em> ihr st\u00e4rkre Kraft und h\u00f6hern Schwung gab? \u2013 Durch jeden dieser gro\u00dfen Meister ward die ganze Masse der Deutschen Dichtkunst, zu neuem Lebens allgemein begeistert, und strebte mit frischer Kraft immer m\u00e4chtiger vorw\u00e4rts. Wie viele andre Dichter folgten jenen ersten Erfindern gl\u00fccklich und dennoch eigent\u00fcmlich, oder gingen auch ihren eignen, vielleicht nicht weniger merkw\u00fcrdigen Gang, welcher nur darum weniger bemerkt ward, weil er mit dem Geist der Zeit und dem Gange der \u00f6ffentlichen Bildung nicht so gut zusammentraf? Auch <em>B\u00fcrgers<\/em> r\u00fchmlicher Versuch, die Kunst aus den engen B\u00fcchers\u00e4len der Gelehrten, und den konventionellen Zirkeln der Mode in die freie lebendige Welt einzuf\u00fchren, und die Ordensmysterien der Virtuosen dem Volke zu verraten, ist nicht ohne den gl\u00fccklichsten bleibenden Einflu\u00df gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welchen weiten Weg haben unsre einzigen bedeutenden Nebenbuhler, die Franzosen noch zur\u00fcckzulegen, ehe sie es nur ahnden k\u00f6nnen, wie sehr sich <em>Goethe<\/em> den Griechen n\u00e4here! Ein andres Zeichen von der Ann\u00e4herung zum Antiken in der Poesie ist die auffallende Tendenz zum Chor in den h\u00f6hern lyrischen Gedichten (wie die \u00bbG\u00f6tter Griechenlands\u00ab und die \u00bbK\u00fcnstler\u00ab <em>Schillers;<\/em> eines K\u00fcnstlers, der durch seinen urspr\u00fcnglichen Ha\u00df aller Schranken vom klassischen Altertum am weitesten entfernt zu sein scheint. So verschieden auch die \u00e4u\u00dfre Ansicht, ja manches Wesentliche sein mag, so ist doch die Gleichheit dieser lyrischen Art selbst mit der Dichtart des Pindarus unverkennbar. Ihm gab die Natur die St\u00e4rke der Empfindung, die Hoheit der Gesinnung, die Pracht der Phantasie, die W\u00fcrde der Sprache, die Gewalt des Rhythmus, \u2013 die <em>Brust und Stimme,<\/em> welche der Dichter haben soll, der eine sittliche Masse in sein Gem\u00fct fassen, den Zustand eines Volks darstellen, und die Menschheit aussprechen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter einer ebenso heterogenen Au\u00dfenheit sind gerade die k\u00f6stlichsten Stellen der <em>Wielandischen Poesie<\/em> objektiv-komisch und \u00e4cht Griechisch. Mit \u00dcberraschung wird der Kenner der Attischen Grazie und der \u00e4chten K\u00f6m\u00f6die hier oft den Aristophanes, \u00f6fter den Menander wiederfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen, deren kurzsichtiger Blick jeder gro\u00dfen historischen Ansicht ganz unf\u00e4hig ist, die im Detail nur Detail wahrnehmen, und alles isoliert sehen, wird es nicht an kleinlichen Einreden wider diese gro\u00dfe Bestimmung der Deutschen Dichtkunst fehlen. Wenn aber ein gl\u00fccklicher Ansto\u00df die noch schlummernde Mitteilungsf\u00e4higkeit des Deutschen Geschmacks und der Deutschen Kunst pl\u00f6tzlich in elastische Regsamkeit versetzte: so w\u00fcrden selbst die Beobachter, welche nur Fraktur lesen k\u00f6nnen, mit \u00fcberraschtem Staunen gewahr werden, da\u00df die Deutschen auch hier die kultiviertesten Nationen Europas im einzelnen an H\u00f6he der Bildung ebenso weit \u00fcbertreffen, als sie denselben an allgemeiner und durchgreifender Verbreitung der Bildung nachstehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Winckelmann<\/em> redet einmal von den <em>Wenigen,<\/em> welche noch die Griechischen Dichter kennen. Sollten es nicht schon jetzt in Deutschland <em>einige mehr<\/em> sein? Wird die Zahl derer, welche nach \u00e4chter Kunst streben nicht auch ferner noch wachsen? \u2013 In dieser Hoffnung <em>konsakriere<\/em> ich diesen Aufsatz und diese Sammlung <em>allen K\u00fcnstlern.<\/em> Wie n\u00e4mlich die Griechen auch denjenigen <em>Musiker<\/em> nannten, welcher die sittliche F\u00fclle seines innern Gem\u00fcts rhythmisch organisiert, und zur Harmonie ordnet; so nenne ich alle die \u00bbK\u00fcnstler\u00ab, welche das Sch\u00f6ne lieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Athenaeum<\/b> ist der Titel einer Zeitschrift, die zwischen 1798 und 1800 von den Br\u00fcdern August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel herausgegeben und in Berlin gedruckt wurde. Vor zweihundert Jahren stellte Friedrich Schlegel das \u201eAthenaeum\u201c mit der Begr\u00fcndung ein, dass diese Zeitschrift erst in der Zukunft verstanden werden kann. KUNO erinnert daran mit der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/12\/10\/ueber-die-unverstaendlichkeit\/\">Begr\u00fcndung<\/a> des Redakteurs, der im 18. Jahrhundert der modernen Journalismus erfunden hat<\/p>\n<div id=\"attachment_102167\" style=\"width: 218px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-image-102167 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Friedrich-Schlegel-e1647016091555.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schlegel um 1790, Kreidezeichnung von Caroline Rehberg<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> dieses\u00a0 post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>. Warum<\/span> Lyrik wieder in die Zeitungen geh\u00f6rt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/07\/der-dichtung-eine-bresche-schlagen\/\">begr\u00fcndete<\/a> Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik und ein R\u00fcckblick auf den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/08\/lyrik-katalog-bundesrepublik\/\"><em>Lyrik-Katalog Bundesrepublik<\/em><\/a>, sowie einen Essay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/26\/lauschender-leser-und-redender-schreiber-2\/\">Lyrikvermittler<\/a> Theo Breuer. KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>. Lesen Sie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber die interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit von Angelika Janz, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em> Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/08\/von-sappho-zu-sophie\/\">hier<\/a>, ein Essay fasst das transmediale Projekt<em> \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\">Wortspielhalle<\/a>\u201c <\/em>zusammen<em>. <\/em>Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/06\/17\/beschwoerungszauber\/\">Holger Benkel<\/a> \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/09\/17\/rettungsversuche-der-literatur-im-digitalen-raum\/\">A.J. Weigoni<\/a>. Lesenswert auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/16\/verseschmied-und-lyrikfischer\/\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Bottroper Literaturrocker<\/a> &#8222;Biby&#8220; Wintjes und Hadayatullah H\u00fcbsch, dem Urvater des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/30\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\"><em>Social-Beat<\/em><\/a>, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen f\u00fcr Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">diesem Hinweis<\/a> zu folgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es springt in die Augen, da\u00df die moderne Poesie das Ziel, nach welchem sie strebt, entweder noch nicht erreicht hat; oder da\u00df ihr Streben \u00fcberhaupt kein festes Ziel, ihre Bildung keine bestimmte Richtung, die Masse ihrer Geschichte keinen gesetzm\u00e4\u00dfigen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/12\/ueber-das-studium-der-griechischen-poesie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":245,"featured_media":102167,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2432],"class_list":["post-102482","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-schlegel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102482","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/245"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=102482"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102482\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102485,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102482\/revisions\/102485"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/102167"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=102482"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=102482"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=102482"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}