{"id":102424,"date":"1995-05-02T19:03:10","date_gmt":"1995-05-02T17:03:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102424"},"modified":"2025-06-14T12:56:46","modified_gmt":"2025-06-14T10:56:46","slug":"maedchenlied","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/05\/02\/maedchenlied\/","title":{"rendered":"M\u00e4dchenlied"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Einige M\u00e4dchen brachten dem alten Schwaning einen frischen Kranz. Er setzte ihn auf, k\u00fc\u00dfte sie, und sagte: Auch unserm Freund Klingsohr m\u00fc\u00dft ihr einen bringen, wir wollen beyde zum Dank euch ein paar neue Lieder lehren. Das meinige sollt ihr gleich haben. Er gab der Musik ein Zeichen, und sang mit lauter Stimme:<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sind wir nicht geplagte Wesen?<\/p>\n<p>Ist nicht unser Loos betr\u00fcbt?<\/p>\n<p>Nur zu Zwang und Noth erlesen<\/p>\n<p>In Verstellung nur ge\u00fcbt,<\/p>\n<p>D\u00fcrfen selbst nicht unsre Klagen<\/p>\n<p>Sich aus unserm Busen wagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allem was die Eltern sprechen,<\/p>\n<p>Widerspricht das volle Herz.<\/p>\n<p>Die verbotne Frucht zu brechen<\/p>\n<p>F\u00fchlen wir der Sehnsucht Schmerz;<\/p>\n<p>M\u00f6chten gern die s\u00fc\u00dfen Knaben<\/p>\n<p>Fest an unserm Herzen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4re dies zu denken S\u00fcnde?<\/p>\n<p>Zollfrey sind Gedanken doch.<\/p>\n<p>Was bleibt einem armen Kinde<\/p>\n<p>Au\u00dfer s\u00fc\u00dfen Tr\u00e4umen noch?<\/p>\n<p>Will man sie auch gern verbannen,<\/p>\n<p>Nimmer ziehen sie von dannen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir auch des Abends beten,<\/p>\n<p>Schreckt uns doch die Einsamkeit,<\/p>\n<p>Und zu unsern K\u00fcssen treten<\/p>\n<p>Sehnsucht und Gef\u00e4lligkeit.<\/p>\n<p>K\u00f6nnten wir wohl widerstreben<\/p>\n<p>Alles, Alles hinzugeben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere Reize zu verh\u00fcllen,<\/p>\n<p>Schreibt die strenge Mutter vor.<\/p>\n<p>Ach! was hilft der gute Willen,<\/p>\n<p>Quellen sie nicht selbst empor?<\/p>\n<p>Bey der Sehnsucht innrem Beben<\/p>\n<p>Mu\u00df das beste Band sich geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jede Neigung zu verschlie\u00dfen,<\/p>\n<p>Hart und kalt zu seyn, wie Stein,<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Augen nicht zu gr\u00fc\u00dfen,<\/p>\n<p>Flei\u00dfig und allein zu seyn,<\/p>\n<p>Keiner Bitte nachzugeben:<\/p>\n<p>Hei\u00dft das wohl ein Jugendleben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gro\u00df sind eines M\u00e4dchens Plagen,<\/p>\n<p>Ihre Brust ist krank und wund,<\/p>\n<p>Und zum Lohn f\u00fcr stille Klagen<\/p>\n<p>K\u00fc\u00dft sie noch ein welker Mund.<\/p>\n<p>Wird denn nie das Blatt sich wenden,<\/p>\n<p>Und das Reich der Alten enden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Heinrich von Ofterdingen<\/b> ist ein Fragment gebliebener Roman von Novalis (aka <i>Friedrich von Hardenberg<\/i>), der im Laufe des Jahres 1800 entstand und erst 1802 postum von Friedrich Schlegel ver\u00f6ffentlicht wurde. Der Titel verweist auf einen sagenhaften, historisch nicht belegten<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"> <\/sup>S\u00e4nger des 13. Jahrhunderts, der u.\u00a0a. aus dem <i>F\u00fcrstenlob<\/i> im mittelhochdeutschen Epos <i>S\u00e4ngerkrieg auf der Wartburg<\/i> (mhd. <i>Singerkriec \u00fbf Wartburc<\/i>; entstanden um 1260) bekannt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99790\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Novalis-e1645610465288.jpg\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"300\" \/>Das grunds\u00e4tzliche Thema des <i>Ofterdingen<\/i> ist die Poesie im weiteren, romantischen Sinne einer Poesie des Lebens. Novalis selbst bezeichnet den Roman als \u201eApotheose der Poesie\u201c. F\u00fcr ihn ist die einzige Darstellungsform der Poesie im weiteren Sinne die Poesie im engeren Sinne, das hei\u00dft die Dichtung. Der romantische Grundgedanke, dass Leben und Kunst aufeinander verweisen und sich wechselseitig fordern, ist darin erkennbar. Das Ich ist in unendlichem Fortschreiten begriffen<sup id=\"cite_ref-3\" class=\"reference\"> <\/sup>auf dem Weg zu einer h\u00f6heren, einheitsstiftenden Totalit\u00e4t von Natur und Mensch. Diese Universalit\u00e4t des Poesiebegriffs wird im Ofterdingen mit der Wissenschaft verkn\u00fcpft. Au\u00dferdem wird der Leser zur gedanklichen Selbstt\u00e4tigkeit aufgefordert, da sich der Gehalt des Textes nicht durch das blo\u00dfe Lesen erschlie\u00dft, sondern eine vertiefende Betrachtung erfordert. Das bekannte und f\u00fcr die Romantik sinnbildlich gewordene Symbol der <i>blauen Blume<\/i> entstammt dem <i>Heinrich von Ofterdingen<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige M\u00e4dchen brachten dem alten Schwaning einen frischen Kranz. Er setzte ihn auf, k\u00fc\u00dfte sie, und sagte: Auch unserm Freund Klingsohr m\u00fc\u00dft ihr einen bringen, wir wollen beyde zum Dank euch ein paar neue Lieder lehren. 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