{"id":102308,"date":"2022-06-28T00:01:53","date_gmt":"2022-06-27T22:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102308"},"modified":"2022-03-21T12:47:07","modified_gmt":"2022-03-21T11:47:07","slug":"erinnerung-an-einen-apokalyptischen-anarchisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/28\/erinnerung-an-einen-apokalyptischen-anarchisten\/","title":{"rendered":"Erinnerung an einen apokalyptischen Anarchisten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cJe tiefer man in das Werk des Poeten, Philosophen, Cineasten, Cineasten, Politologen, Romanciers und bilden K\u00fcnstlers, kurzum: des Autors Pasolini eindringt, je l\u00e4nger man sich mit den unz\u00e4hligen Facetten seines Werkes und seiner Arbeitsweise besch\u00e4ftigt, desto subtiler und komplexer, irritierender und faszinierender erweist er sich. [\u2026] Der Kosmos \u201aPasolini\u2018 ist unersch\u00f6pflich und erweist sich f\u00fcr viele theoretische, poetische und politisch-philosophische Debatten nicht nur im Sinne einer Kontinuit\u00e4t oder eines Anhaltenden als aktuell, sondern immer wieder als aktueller denn vieles sonst.\u201c (S. 24)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zehn Jahre nach seiner Monografie \u00fcber die au\u00dfergew\u00f6hnliche Pers\u00f6nlichkeit Pasolini (1922-1975) unternimmt Hans Ulrich Reck einen erneuten Versuch, dessen Konzept einer \u201eutopische Ungleichzeitigkeit\u201c, in der Vergangenheit \u201eals Kraft einer in der Gegenwart verstellten oder unterdr\u00fcckten Zukunft\u201c (S. 27) erschien, zu verdeutlichen. Eingeleitet durch 22 fotografische Abbildungen, inklusive einer Farbfotografie, die Pier Paolo Pasolini als Pers\u00f6nlichkeit und als K\u00f6rper in dessen sinnlicher Pr\u00e4senz in privaten, berufsbezogenen und \u00f6ffentlichen Kontexten beleuchten, ist der vorliegende Paperback-Band in neun Kapitel gegliedert. Ausgehend von dem Versuch, Pasolinis Aktualit\u00e4t in deren vielgestaltigen Facetten argumentativ zu umrei\u00dfen, setzt sich Reck im Kapitel II \u2013 <em>Gewalt und Metamorphose<\/em> &#8211; zun\u00e4chst mit den Hintergr\u00fcnden der Ermordung von Pasolini in der Nacht vom 1. zum 2. November 1975 in der N\u00e4he von Ostia auseinander. Unter Abw\u00e4gung zahlreicher spekulativer Begr\u00fcndungen f\u00fcr die mysteri\u00f6se Begleitumst\u00e4nde der Mordtat weist Reck auch das Motiv der angeblichen Schaffenskrise als Ursache f\u00fcr einen angeblich inszenierten Selbstmord als unsinnig zur\u00fcck, da \u201ePasolinis Schaffen wie seine Vitalit\u00e4t [\u2026] prinzipiell die \u00fcblichen Markierungen einer Grenze zwischen dem Produktiven und dem Destruktiven, der Sch\u00f6pfung und der Zerst\u00f6rung, dem Lebendigen und dem Toten dem Scheitern und dem Gelingen\u201c (S. 34f.) \u00fcberschreitet. Auch eine andere ihm zugewiesene Positionierung als angeblich bekennender Kommunist entzieht sich ebenso wie die Zuordnung zu \u00e4sthetischen, literarischen oder kinematografischen Richtungen im Rahmen seines k\u00fcnstlerischen Schaffens jeglicher Zuweisungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist die kategoriale Zuschreibung <em>Apokalyptischer Anarchist<\/em>, zum ersten Mal im Zusammenhang von dialektischem Verh\u00e4ltnis Werk und Leben, Leben und Werk genannt, die die au\u00dferordentliche Pers\u00f6nlichkeit des Dichters, Sprachforschers, Filmemachers, Romanautors und Journalisten in ein \u201eFlussdiagramm\u201c ohne Markierungen bringt. Pasolini sei der Vielfalt mediterraner Sprachen nachgegangen, seine scharfe Kritik an einer nivellierten und globalisierten Welt sei erst heute in vollem Umfang begriffen worden, die Gewalt der Natur sei dem menschlichen Wirken \u00fcberlegen, Bewusstsein schw\u00e4che die Instinkte (eine Position, die ihn als Anh\u00e4nger der Gegenmoderne outet!), jede Steuerung der Natur erzeuge Unterwerfung, Selbstverblendung und Gewalt, die Konsumgesellschaft bringe einen m\u00f6rderischen Faschismus hervor. Und die daraus folgende Zuweisung eines Schaffens, das jenseits einer Kategorisierung liegt, formuliert Reck wie folgt. Pasolini eigne sich \u201etrotz einer geradezu musterg\u00fcltigen Erfahrung des Dissidenten und Marginalisierten weder f\u00fcr die konformistisch gewordene Homosexuellenbewegung noch gar f\u00fcr Gender-Moden und andere zeitgem\u00e4\u00dfe Verharmlosungen am \u2026 Skandal des Lebens.\u201c (S. 41)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die F\u00fclle der komprimierten Aussagen \u00fcber das auf rund 25.000 Druckseiten angewachsene Werk von Pasolini erlaubt in der Summe der erkenntnistheoretischen Aussagen von Hans Ulrich Reck angesichts des eingeschr\u00e4nkten Publikationsraumes nur ein gek\u00fcrztes Res\u00fcmee. Die in neun Kapiteln zusammengetragenen Aussagen er&#8211; fassen vor allem in den Kapiteln III (Zur Wirklichkeit der Kinematografie), IV (Film als Semiotik der Wirklichkeit), VI (Traum und Kreativit\u00e4t), VII (Der Literat) medienspezifische Aussagen. Eine Aussage, die nicht ausschlie\u00dft, dass die theoretisch hochaufgeladenen Passagen \u00fcber Pasolini als Dialektforscher (Kap. V) und als Journalist (Kap. VIII) auch eine F\u00fclle von medienpraktischen Anregungen enthalten. In der Summe der hier vorgelegten Erkenntnisse \u00fcber das Werk eines Universalgenies ist vorl\u00e4ufig festzuhalten. Recks finale Aussage, dass Pasolinis Werk \u201ezu einem bleibenden Lehrst\u00fcck der Destruktionspotenziale des Kreativen, aber auch der sch\u00f6pferischen Anteile in bewusst vollzogenen \u2026 Umformungsprozessen\u201c (S. 162) werde und sei, ist als Aufruf an eine globale Forschungsgemeinschaft zu werten, die sich nunmehr seit rund f\u00fcnfzig Jahren dieser Aufgabe widmet. Die handliche Paperback-Ausgabe (deutsch und englisch) des Spector Books-Verlag in Leipzig wird aufgrund der komprimierten Erkenntnisse von Hans Ulrich Reck sicherlich einen bedeutenden Anteil daran haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Pasolini. Der apokalyptische Anarchist<\/strong>, von Hans Ulrich Reck Leipzig (Spector Books) 2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201cJe tiefer man in das Werk des Poeten, Philosophen, Cineasten, Cineasten, Politologen, Romanciers und bilden K\u00fcnstlers, kurzum: des Autors Pasolini eindringt, je l\u00e4nger man sich mit den unz\u00e4hligen Facetten seines Werkes und seiner Arbeitsweise besch\u00e4ftigt, desto subtiler und komplexer,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/28\/erinnerung-an-einen-apokalyptischen-anarchisten\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3199,1158],"class_list":["post-102308","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-pier-paolo-pasolini","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102308","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=102308"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102308\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102309,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102308\/revisions\/102309"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=102308"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=102308"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=102308"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}