{"id":102303,"date":"2022-05-29T00:01:45","date_gmt":"2022-05-28T22:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102303"},"modified":"2022-03-21T12:50:22","modified_gmt":"2022-03-21T11:50:22","slug":"fuer-pasolini-war-der-sport-die-reinste-form-der-erkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/29\/fuer-pasolini-war-der-sport-die-reinste-form-der-erkenntnis\/","title":{"rendered":"F\u00fcr Pasolini war der Sport die reinste Form der Erkenntnis"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini verbindet die europ\u00e4ische Postmoderne mit einer W\u00fcrdigung eines ungew\u00f6hnlich vielseitigen Dichters, Schriftstellers, Sprachforschers, Filmemachers, Journalisten und nun auch \u2026 Fu\u00dfballers. Die Edition Converso , seit vielen Jahren mit der italienischen Kulturwelt vertraut, hat sich aus diesem Anlass f\u00fcr Pier Paolo Pasolini etwas Besonderes ausgedacht. Eine Kombination von Beitr\u00e4gen und Interviews aus dem Kreis italienischer Pasolini-Kenner und Verehrer wie auch einen Essay aus der Feder eines renommierten deutschen Schriftstellers und versiertem Hobby-Fu\u00dfballers. Auf diese Weise ist eine besondere Form der W\u00fcrdigung f\u00fcr Pasolini entstanden: Der Norddeutsche Moritz Rinke mit seinem Essay \u201eJedes Tor ist eine eigene Erfindung\u201c und der italienische Literaturwissenschaftler und Sportjournalist Valerio Curcio. Der eine auf der Suche nach Motiven, die seine eigene Begeisterung f\u00fcr das Spiel mit dem runden Leder mit der von Pasolinis Fussball-Leidenschaft verbinden, der andere auf der Suche nach den vielen Impulsen, die Pasolinis Fu\u00dfball-Faszination in unterschiedlichen Funktionen und Lebenssituationen belegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was aber verbindet die beiden Fu\u00dfball-Fanatiker, die in ihrer Jugend jede freie Minute mit dem Kicken des verf\u00fchrerischen Lederballs verbrachten? Der eine in den fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahren im nordostitalienischen Friaul und dann als junger Mann in Bologna, der andere in den siebziger Jahren im Teufelsmoor bei Worpswede und dann als St\u00fcrmer in Autoren-Nationalmannschaften. Die aufopferungsvolle Bereitschaft, dem jeweiligen Gegner m\u00f6glichst viele B\u00e4lle ins Netz zu ballern? Falsch geraten! Vielmehr geht es nach Rinke um die Erf\u00fcllung von Kindheitstr\u00e4umen, dem die Bewunderten und die Bewunderer der Lederkugel nachh\u00e4ngen, egal ob sie verz\u00fcckt an den Lippen der Fu\u00dfballstars h\u00e4ngen, deren bizarren Sturml\u00e4ufen folgen oder sich selbst mit dem Zauberball wieder in ihre Kindheit zur\u00fcckbeamen. Und Moritz? Er h\u00e4tte sehr gern Pasolini kennengelernt. Leider, leider war ihm das nicht verg\u00f6nnt. Aber wenn sie sich getroffen h\u00e4tten, dann h\u00e4tte Moritz dem Allround-K\u00fcnstler und Wissenschaftler Pasolini sicherlich erz\u00e4hlt, wie er als St\u00fcrmer der deutschen Autoren-Nationalmannschaft seinen italienischen Kollegen die Kugel ins Netz gedonnert hat. Und Paolo? Er h\u00e4tte ihm gezeigt, dass er so wie der ber\u00fchmte St\u00fcrmer von FC Bologna Amedeo Biavati, noch den \u201e\u00dcbersteiger\u201c beherrscht. Noch weitere Fragen? Nein? Dann kommt Valerio Curcio mit seiner Monografie \u00fcber Paolo Pasolini ins Spiel. Jede freie Minute habe der mit den Jungen gespielt, \u201cdie einen Zauber auf ihn aus\u00fcbten.\u201c Eine Behauptung, die \u00fcberpr\u00fcft werden m\u00fcsste. Paolo Pasolini, der Dichter, der unter die Fu\u00dfballer gegangen ist? Stimmt denn das? Vielmehr ginge es doch um ein gleichsam metaphysisches Erleben, um \u201eein vollkommenes, authentisches, tiefes und zugleich kaleidoskopisches Versenken, wie man es selbst beim begeistertsten aller Fu\u00dfballfans nur selten findet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese These greift Curcio in seiner themenorientierten Einleitung auf. \u201cF\u00fcr Pasolini \u2026 war der Sport die reinste Form der Erkenntnis, seiner selbst und der anderen,\u201c und keinesfalls nur eine schlaglichtartige, oberfl\u00e4chliche Momentaufnahme. Deshalb geht es ihm in den folgenden f\u00fcnf Kapiteln in einer Art Mosaik um die Aufzeichnung von unterschiedlich nebeneinander existierenden Linien, \u201ean denen entlang sich Pasolinis Liebe zum Fu\u00dfball entwickelt hat.\u201c (S. 22) Er begreife Fu\u00dfball \u201eals universelle Sprache, als Mittel der Kommunikation, der Interaktion, als Teilhabe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den folgenden Kapiteln mit den Bezeichnungen <em>der Fu\u00dfballfan, der Fu\u00dfballspieler, der Erz\u00e4hler, der Sportreporter, der Intellektuelle<\/em> setzt sich Curcio aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven mit dem Sujet \u201aFu\u00dfball\u2018 auseinander. In einleitenden Zitaten erfasst er dabei eine gleichsam schlaglichtartige Situation, die f\u00fcr Pasolini in den unterschiedlichen Funktionszuschreibungen symptomatisch war. Auf diese Weise entsteht bei der Lekt\u00fcre der einzelnen Kapitel eine immer dichtere Argumentationskette, an deren Ende ein Fragezeichen steht: Opium f\u00fcrs Volk? Und die Antwort lautet: \u201ePasolini war ein Intellektueller, der sich auf jede erdenkliche Weise mit Sport und sich ganz besonders mit dem Fu\u00dfballspiel besch\u00e4ftigte.\u201c (S. 125) Mit dieser sozialanthropologischen Perspektive auf den Fu\u00dfball, an der er als begeisterter Akteur beteiligt ist, wendet sich Pasolini gegen die Behauptung, der Fu\u00dfball verdumme die Massen und lenke sie von ihren revolution\u00e4ren Energien ab. Gegen die in den 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahren heftigen Diskussionen, an denen sich der Intellektuelle beteiligte und oft zum heftig kritisierten Gegenstand sowohl der rechts-wie auch der linksorientierten \u00d6ffentlichkeit wurde, wehrte er sich mit einer Argumentationskette. In ihr kommen sowohl linguistisch orientierte Deutungsmuster als auch sakrale Elemente als neuzeitliches Kommunikationsmittel zum Tragen. Sie m\u00fcnden in der These, dass der Fu\u00dfball als Massenph\u00e4nomen funktioniere, wenngleich das ihn begleitende Milliarden-Gesch\u00e4ft zu verdammen sei. Und Pasolini? Er wird seit Anfang der 1970er Jahre sowohl von links- als auch rechtsorientierten Gruppierungen angegriffen. In vier Interviews verteidigt er seine therapeutische Haltung gegen\u00fcber seiner Fu\u00dfballbegeisterung, die auch in den Fotografien des eindrucksvoll gestalteten Paperback-Band zum Ausdruck kommen. Ein erotisches Spiel sei es f\u00fcr ihn gewesen, sagt die Kulturanthropologin Dacia Maraini zum kr\u00f6nenden Abschluss. Kann es eine bessere Werbung f\u00fcr den genialen Pasolini in Deutschland geben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Torsch\u00fctzenk\u00f6nig ist unter die Dichter gegangen<\/strong>. Fussball nach Pier Paolo Pasolin, von Valerio Curcio i. Aus dem Italienischen von Judith Krieg. Bad Herrnalb (Edition Converso) 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Den 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini verbindet die europ\u00e4ische Postmoderne mit einer W\u00fcrdigung eines ungew\u00f6hnlich vielseitigen Dichters, Schriftstellers, Sprachforschers, Filmemachers, Journalisten und nun auch \u2026 Fu\u00dfballers. 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