{"id":102269,"date":"2022-03-17T00:01:51","date_gmt":"2022-03-16T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102269"},"modified":"2022-03-16T09:13:58","modified_gmt":"2022-03-16T08:13:58","slug":"gedankensehen-die-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/17\/gedankensehen-die-katastrophe\/","title":{"rendered":"Gedankensehen, die Katastrophe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ist Kultur verpflichtet, Stellung zu nehmen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Blick in diesen Tagen: Ich sehe allein das unertr\u00e4gliche Ungl\u00fcck der Menschen, einiger meiner ukrainischen und auch russischen Freunde, Kinder vor allem, die pl\u00f6tzlich ungreifbare Angst und den zynischen, sich als Schicksal verkleideten Tod (aber er ist ja der eiskalt kalkulierte!, der uns zeigt, wie gut es uns doch geht). Es ist eine Art Gedankensehen, denn ich bin nicht dort, wo das Leiden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie, die in einem Albtraum oft ziel- und hoffnungslos unterwegs sind, sind unl\u00f6sbar hineingeknotet in dieses Geflecht aus pathologischen Grausamkeits-Entscheidungen und grausam-leichtfertigen, sensationsorientierten Medieninformationen, in \u00fcberheizten B\u00fcros von der Selbstgerechtigkeit der &#8222;Guten&#8220;, diesseits und jenseits definierter Grenzen, praktiziert. Denen es noch allerbestens in den scheindiplomatischen H\u00f6hen zu Snacks und doppeltem Espresso geht, noch, noch geht da was! Und alles geht ja woanders weiter, verhandelt wird ja immer woanders, \u00fcberall immer woanders, jenseits der Glut- und Blutnester in den zerst\u00f6rten Stra\u00dfen analoger Wirklichkeiten. Und schon verwehrst Du Dir das Weiterdenken, das geschieht ja nicht nur in der Ukraine, nicht auf milit\u00e4rischen Bedrohungsrouten auf europ\u00e4ischem Terrain. Immer ausgedehnter, ausgekl\u00fcgelter, unangreifbarer wird die verheerende Gewalt in den \u00c4ther formuliert, mit der L\u00f6schtaste best\u00e4tigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das schafft eine Unwirklichkeit, die nur von Zeit zu Zeit in andere Wirklichkeiten neben Dir einbricht, das macht Dich schon tags\u00fcber und nicht nur in den Tr\u00e4umen zum fremd gewordenen Ichwesen, das wie zuf\u00e4llig und panisch auf schmelzendem Eise umherirrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tte &#8222;man!&#8220; mit einer respektvollen (unexklusiven, uneitlen, pragmatisch ausgerichteten) Diplomatie-Gespr\u00e4chskultur, die sich allerdings \u00fcber Jahrzehnte nach festzulegenden Regeln h\u00e4tte entwickeln m\u00fcssen, solche t\u00f6dlichen, solche zynischen Konflikte verhindern k\u00f6nnen? H\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie absurd diese westliche Coaching-Meditations-Gespr\u00e4chs-Workshop-Kultur-Industrie angesichts dieser labil verklebten, streichholzd\u00fcnnen entz\u00fcndlichen Kommunikations-Ger\u00fcste der letzten Monate! Da war alles schon ahnbar platziert, als Fatamorgana eines sich anbahnenden Krieges l\u00e4ngst pr\u00e4sent. Funktionen und Textbausteine schon an abrufbarer Stelle. Aber die ersten schalen Argumentationssiege brauchten Hochleistungs-Futter. Eiskalte Physiognomien, die vorgaben, sich selbst ernst zu nehmen (wie t\u00e4uschend!). selbstherrliche Siegerdrohungen, nur von den mal blutigen, mal bl\u00fctigen Wirtschaftslieben- und hieben in Gipfelstimmung vag zusammengepappt und ins Eigengesetzliche sich hochschaukelnder Aggressionsstimmungen geschickt. Um wenig sp\u00e4ter regellos zerhackt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verteidigungsgrenzen eines starren Demokratiekonstruktes &#8211; eng verschwei\u00dft mit ins Endlose wachsenden Wohlstandbildern &#8211; markierten, marginalisierten die ersten Toten. Fassungslosigkeit, <em>demokratisch <\/em>noch einmal gerechtfertigt. Wie besch\u00e4mend, erst angedroht, dann angewandt: Wirtschaftssanktionen als nicht selten hilflos-kindische Erpresser-Botschaften der Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deren Opfer wieder nicht die Verursacher sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da herrschen Geld, Gier, Macht und als 4. Element dieser Logistik der Vernichtungswille: als Gewaltmonopole von zerst\u00f6rerischen Selbstgef\u00e4lligkeits-Geb\u00e4rden, die die Welt hierhin und dahin lenken und treiben. Da stehen in der ersten Hier-bin-ich-Reihe moralstolze, beifallgierige, im schlimmsten Inkognito-Fall gekaufte und korrumpierte Politiker, Lobby-Wirtschaftler- und Medienstars, gleich dahinter nachhaltig zynische Produzenten von globalen Ungerechtigkeiten in der Arbeits- und Konsumwelt. Ihre hochdotierten Jobs: Menschenhandel, Naturvergiftung und Tierqu\u00e4lerei, die vor den politischen Gesetzen gesch\u00fctzt bleiben. Hier ist mein bis hierhin zur\u00fcckgelegte Gedankenweg schon anzuzweifeln und &#8211; utopisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kultur, sagst Du, ist verpflichtet, Stellung zu nehmen. Schafft es aber selten bis zum Ziel einer gelungenen Ver\u00e4nderung. Kultur versagt angesichts der Unberechenbarkeit so vieler komplexer Monopolisten- und Lobbyisten-Interessen auf allen Ebenen: Die mentale, menschliche, ethische und geografische Grenzen \u00fcberrennen, die die W\u00fcrde des Lebendigen mehr als nur mit F\u00fc\u00dfen treten. Die buchst\u00e4blich \u00fcber Leiden und dann \u00fcber Leichen marschieren. Und wieder sind die Opfer nicht die Verursacher und zumeist auch die befehlsgepr\u00e4gten Marschierer nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Information ist weder &#8222;wahrhaftig&#8220; noch ist sie gesichert verifizierbar. Sie ist wie die Wahrheit von den Aussichtsorten und Umst\u00e4nden des Betroffenseins abh\u00e4ngig und bleibt ein Prozess. Doch ist sie zum von jedermann fixierbaren Konsumobjekt in einem auch noch &#8222;sozial&#8220; genannten Medien-Angebots-Markt geworden. Informationen haften an ihren Umst\u00e4nden und Umfeldern, an ihren Findern und Erfindern, Formulierern und Wahrheitsdeutern. Sie zielen auf deren unberechenbare, machtgeleiteten Zusammenst\u00f6\u00dfe. Die Wirkungen gelangen oft zuf\u00e4llig bis willk\u00fcrlich bis an die R\u00e4nder missverstandener Aufforderungen zu den sozialen Frieden gef\u00e4hrdenden, die menschliche W\u00fcrde negierenden, die menschliche, kreat\u00fcrliche W\u00fcrde vernichtenden Reaktionen und Sanktionen, Hin zur physischen Gewalt, ausge\u00fcbt an jenen, die: wieder nicht zu den Entscheidern und Verursachern geh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprache im politischen Kosmos kann eine Form von Gewalt sein. Sie hat gro\u00dfen Anteil an der jetzigen Katastrophe wie an allen von Menschen gemachten Katastrophen. Fatal ist nur, dass sie &#8211; umgekehrt \u2013 h\u00f6chst selten als Wiedergutmacherin agieren kann. Als selbstgerecht handelnde, in der Regel ideologisch gebriefte oder eindimensional geschulte Provokateurin blickt sie verwundert oder triumphierend auf die von ihr verursachten Konflikte und Verw\u00fcstungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte sich nicht jeder &#8222;Informations-Macher\u00a0&#8222;an seine Berufs-Ethik und vor allem an seine Vermittler-Verantwortung erinnern? In den sog. sozialen Medien droht ein Parallelkrieg fehl verstandener Wahrheitsdominanzen jenseits von Logik und Empathie. Die Empathie, als Passwort f\u00fcr Achtsamkeitsworkshops leider etwas abgegriffen \u2013 (und dennoch bestehe ich auf diesem Wort!) &#8211; steht am Ende dieser Gedanken. Sie vermag zu ber\u00fchren oder zu ver\u00e4ndern. Wenn auch \u201enur\u201c zwischenmenschlich und auf kommunikativ-\u00fcberschaubaren Inseln. Sie ist weder empfehlf\u00e4hig noch lern- aber erinnerbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gebe zu, das waren wieder <em>Worte<\/em>, die in die panische Angstleere ratlos verzweifelter Menschen m\u00fcnden. Jeder Tod ist ein Tod zu viel und jeder Gewaltakt ein Verbrechen gegen jeden Blicktausch, gegen jede Antastung und Ber\u00fchrung, gegen alles Dusagen. Derzeit &#8222;laufen&#8220; Verhandlungen zwischen den feindlichen Parteien in beheizten Luxus-B\u00fcros zu Snacks und doppelten Espressi &#8211; w\u00e4hrend &#8211; wieder hunderte von Nichtentscheidern und Nichtverursachern verst\u00f6rt und vernichtet werden. Menschen, die einander soeben angeschaut, ber\u00fchrt, bei ihrem Namen gerufen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie unbeschreiblich und unsagbar schwer wiegt eine Verantwortung, die sich das traut, mit dem Leichtgewicht skrupelloser, alle Menschlichkeit zersetzender Dummheit auf weltm\u00e4nnischer B\u00fchne zu agieren, zu konkurrieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><\/h4>\n<div id=\"attachment_19500\" style=\"width: 309px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Angelika-Janz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19500\" class=\"size-full wp-image-19500\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19500\" class=\"wp-caption-text\">Angelika Janz<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist Kultur verpflichtet, Stellung zu nehmen? 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