{"id":102258,"date":"1989-12-10T09:07:27","date_gmt":"1989-12-10T08:07:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102258"},"modified":"2022-03-29T14:50:31","modified_gmt":"2022-03-29T12:50:31","slug":"nonkonformismus-ein-ausprobieren-von-gegenpositionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/12\/10\/nonkonformismus-ein-ausprobieren-von-gegenpositionen\/","title":{"rendered":"Nonkonformismus, ein Ausprobieren von Gegenpositionen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Als Nonkonformismus bezeichnet die Soziologie pers\u00f6nliche Haltungen oder Einstellungen, individuelle Handlungen oder philosophische Positionen, die nicht in \u00dcbereinstimmung mit den allgemein anerkannten Ansichten, der g\u00fcltigen Etikette, dem vorherrschenden Lebensstil oder dem kulturellen Mainstream stehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nonkonformismus erzeugt meist Subversion. Der Grad der Abweichung reicht von blo\u00dfen Modifikationen bis zu ausdr\u00fccklichen Gegenpositionen. Das moderne Subjekt wird im 18. Jahrhundert krisenhaft geboren, in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Im kulturellen Kontext spricht man von Romantikern, der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gegenkultur oder \u201eUnderground\u201c-Bewegung, im politischen von Dissidententum. Einzelne nonkonforme Handlungen, die gegen Rechtsnormen versto\u00dfen, jedoch aus Gewissensgr\u00fcnden vollzogen werden, um symbolisch auf eine Unrechtssituation hinzuweisen, werden als Akte des zivilen Ungehorsams bezeichnet. In der restaurativen BRD wurde Kreativit\u00e4t nicht sehr gesch\u00e4tzt. Bevorzugt wurden angepasste Leistungstr\u00e4ger, die sich einf\u00fcgen und nicht durch eigene Ideen hervorstechen wollen. Dabei sind es gerade die originellen Nonkonformisten, die mit innovativen Ver\u00e4nderungen der Kultur neue Impulse geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wider den geistigen Verfall wenden sich die Kulturnotizen (KUNO), weil sie in der Bundesrepublik im kulturellen Mainstream die Sehnsucht nach einfachen Denkmustern erkennt.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_98669\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98669\" class=\"wp-image-98669 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Janz_KommaStrich-e1645595426769.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><p id=\"caption-attachment-98669\" class=\"wp-caption-text\">Angelika Janz, die <em>Fragmenttexterin <\/em>l\u00e4sst sich Zeit damit, den Punkt zu setzen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Kultur hat ihre Ursprungsmythen, von denen sie sich herleitet und damit verbundene Rituale und Ideen. Auch wenn es altmodisch klingt, es braucht eine Haltung, die individuelles Denken nicht nur erlaubt, sondern geradezu einfordert. Nonkonformisten stehen in einer permanenten Rebellion gegen Eltern, Schule, Armee und Gesellschaft. In ihrem absoluten Freiheitsdenken fordern sie: absolute Selbstverwirklichung, Gleichberechtigung und sexueller Befreiung. Sie reflektieren das Leben und haben keine Zeit haben zum Ausstieg aus dem Elfenbeinturm und betreiben die Unabh\u00e4ngigkeit ihres Schreibens, entwickeln die M\u00f6glichkeit fiktionale Welten zu, die komplexer sind als die Realit\u00e4t und legen zugleich schonungslos deren blinde Flecken offen. Was sie aus der Sprache herstellen, ist nicht weniger als ein Spiegel der modernen Kulturkrise. Skandale sind ihre Kommunikationsph\u00e4nomene: Sie beginnen mit einem \u00f6ffentlichen Akt der Skandalisierung, mit dem ein literarischer Text, ein bestimmter Aspekt seines Inhalts oder Stils oder auch das Verhalten seines Autors als Normbruch definiert wird. Nonkonformistisch, ironisch und nachdenklich wird auch in diesem Online-Magazin gedacht. Kein Thema wird ausgespart. Nichts ist tabu! Und immer soll es um Wahrhaftigkeit gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das analoge Internet ging von dort per Schneckenpost in die Vernetzung, seine Name: Ulcus Molle Info. Es wurde herausgegeben von Biby Wintjes\u2026 Und es war immer ein kleines Fest, wenn eine Ausgabe des Ulcus Molle Info im Briefkasten lag. So hatte man selbst in der tiefsten Provinz den Eindruck an eine Szene angeschlossen zu sein.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">A.J. Weigoni<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_99899\" style=\"width: 128px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99899\" class=\"wp-image-99899 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Rolf-Dieter-Brinkmann.jpg\" alt=\"\" width=\"118\" height=\"159\" \/><p id=\"caption-attachment-99899\" class=\"wp-caption-text\">The Notorious RDB<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um \u00c4nderungsprozesse in Gang zu setzen, braucht es Reibung, durch sie werden Schwachstellen sichtbar. Das Ausdrucksspektrum der Literatur wurde 1969 von Josef \u201eBiby\u201c Wintjes erweitert, er gr\u00fcndete in Bottrop das <em>Nonkonformistische Literarisches Informationszentrum<\/em>. Wintjes strahlte etwas Gro\u00dfz\u00fcgiges, \u00dcberschw\u00e4ngliches, sprudelnd Mitteilsames aus. Mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/11\/11\/das-analoge-internet-wird-eingestellt\/\"><em>Ulcus Molle Info<\/em><\/a> schuf er eine Plattform, die dieser Szene eine Stimme gab. In der BRD kreiste eine Gesellschaftsschicht so sehr um ihre prim\u00e4ren Hochkultur-Bed\u00fcrfnisse, dass sie nie dazu kam, sie zu befriedigen. Den Nonkonformismus der 1960ger und 1970ger Jahre belebten Jugendszenen mit literarischen Ambitionen. Sehr zum \u00c4rger des Establishments, sie beschimpfen die Keller-Poeten als Nonkonformisten. Autoren <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Hadayatullah H\u00fcbsch<\/span><\/span>, Tiny Stricker und Rolf-Dieter Brinkmann verstanden das als Ehrentitel und begannen, laut und deutlich gegenzureden. Ihnen war es wichtig, sich kommerziellen und gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen ganz zu entziehen, man versuchte sie in der Schublade \u201eUnderground-Literatur\u201c abzulegen. Ihr Schreibstil, den die Autoren als spontane Prosa bezeichnen, wurde von der Literaturkritik als \u201eGeschreibsel\u201c abgetan.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Es herrscht die Annahme, das <em>Netzwerk<\/em> sei erst mit dem Internet erfunden worden, es gab jedoch eine Zusammenarbeit von Individuen bereits auf analoger Ebene. Vor zweihundert Jahren stellte Friedrich Schlegel das \u201eAthenaeum\u201c mit der Begr\u00fcndung ein, dass diese Zeitschrift erst in der Zukunft verstanden werden kann. KUNO erinnert daran mit der Begr\u00fcndung des Redakteurs, der im 18. Jahrhundert der modernen Journalismus erfunden hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Modelle zur unabh\u00e4ngigen Herausgeberschaft waren f\u00fcr die Literatur immer von zentraler Bedeutung. Die Beteiligten agierten oftmals im Verborgenen und entgingen so einer m\u00f6glichen staatlichen Zensur. Vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten der 1950er- bis 1980er-Jahre boten selbstgestaltete B\u00fccher und teils von Hand kopierte Texte die einzige M\u00f6glichkeit, nonkonformistische Literatur zu lesen und zu verbreiten. Solche Texte wurden mit dem russischen Begriff \u201eSamisdat\u201c beschrieben, was so viel wie \u201eSelbstverlag\u201c bedeutet. Sie galten als Inbegriff unzensierter Literatur. \u201eMan schreibt selbst, redigiert selbst, zensiert selbst, verteilt selbst und geht daf\u00fcr selbst in den Knast\u201c, formulierte einmal der Publizist und ehemalige sowjetische Dissident Wladimir Bukowski. Neben Foren f\u00fcr literarische Texte waren die Samisdat-Bl\u00e4tter und -Zeitschriften, allen voran der Berliner <em>telegraph<\/em>, auch eine wichtige Plattform f\u00fcr oppositionelle Journalisten in der DDR.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Jeder Nonkonformist ist eine Insel, ein unabh\u00e4ngiges Land, das nach seinen eigenen Gesetzen lebt, unter seiner eigenen Fahne.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dmitri Krasnopewzew<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_98252\" style=\"width: 199px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98252\" class=\"wp-image-98252 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Daniil-Charms-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98252\" class=\"wp-caption-text\">Wer so gut erz\u00e4hlt wie Daniil Charms, braucht die K\u00fcnstlichkeit nicht zu f\u00fcrch\u00adten, und er beglaubigt auch das Unwahrscheinliche.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die russischen Nonkonformisten bildeten keine festen Strukturen, sie agierten dezentral und f\u00fcr ein zahlenm\u00e4\u00dfig sehr kleines, gleichgesinntes Publikum. Was die Protagonisten miteinander verband, war ihre nonkonformistische Haltung gegen\u00fcber dem sowjetischen System und dessen k\u00fcnstlerische Pr\u00e4ferenzen, den Sozialistischen Realismus. In der russischen Sprache werden ihre Werke auch als <em>Inoffizielle Kunst<\/em>, <em>Zweite Avantgarde<\/em>, <em>Andere Kunst<\/em>, <em>Alternative Kunst<\/em> oder <em>U-Bahn-Kunst<\/em> bezeichnet. Die Untergrund-K\u00fcnstler der Sowjetunion waren oft eng verbunden mit ebenfalls illegalen Bewegungen wie den Moskauer Konzeptionellen, der Leningrader Vereinigung f\u00fcr Experimentalkunst und der Mitki-Gruppe in Leningrad sowie den \u201eHippies\u201c und den \u201eRockern\u201c. Sie wehrten sich gegen den &#8222;Sozialistischen Realismus&#8220;, den das Zentralkomitee der KPdSU unter Stalin als Richtlinie f\u00fcr die Produktion von Literatur, bildender Kunst und Musik in der Sowjetunion bestimmte. Nach Stalins Willen sollten die K\u00fcnstler die Helden des Aufbaus der sowjetischen Gesellschaft und deren technische Pioniere im besten Licht darstellen. Als Gegenentwurf zu dieser staatlich konformen sowjetischen Kunst entstand 1954 der Russische Nonkonformismus. Nach dem Tod Stalins wurde der Weg frei f\u00fcr eine zaghafte, zeitweilige Liberalisierung der sowjetischen Gesellschaft in der kurzen Tauwetter-Periode. Diese w\u00e4hrte aber nur kurz und die K\u00fcnstler wurden bis zur Perestroika und Glasnost 1986 wieder ideologisch zensuriert und politisch verfolgt. Die Russischen Nonkonformisten verzichteten auf gesellschaftliche Anerkennung und nahmen stattdessen viele Entbehrungen in Kauf. Sie wurden aus den offiziellen Kunstverb\u00e4nden ausgeschlossen und verloren dadurch jede M\u00f6glichkeit zum legalen Broterwerb. Vielfach lebten sie \u00fcber Jahrzehnte im Untergrund oder eingesperrt in Gef\u00e4ngnissen, Straflagern und in der Psychiatrie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Get your kicks on route sixty-six.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Bobby Troup<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Bundesrepublik f\u00fchrten derweil Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann oder J\u00f6rg Fauser &#8211; inspiriert durch die Beat-Literatur Nordamerikas &#8211; die Schwere des Alltags, den Frust und die Entt\u00e4uschung der unteren sozialen Schichten in den Kanon der westdeutschen Literatur ein. Sie befanden sich in der Bremsspur des ersten Popstars der Literatur, dem Beat-Poeten Jack Kerouac, der gemeinsam mit Allen Ginsberg, Ruth Weiss und William S. Burroughs zu den f\u00fchrenden Stimmen der Beat Generation, die in den 1950ger eine der pr\u00e4gendsten subkulturellen Bewegungen der USA begr\u00fcndete. Kerouac wurde zum gefeierten Initiator der sogenannten &#8222;Gegengesellschaft&#8220;, mit seinen Romanen dr\u00fcckte er das Lebensgef\u00fchl einer Generation aus, denen der american way of life suspekt war. Im Fokus seines Schaffens standen Themen wie existenzielle Entwurzelung, Freiheitsdrang, Lebenshunger und die Suche nach Erleuchtung. Besonders mit seinem Roman <em>On the Road<\/em> hatte er einen gro\u00dfen Einfluss nonkonformistische Literatur. Deutschsprachige Autoren sahen in seiner Erz\u00e4hlweise ein Vorbild wie Rolf Dieter Brinkmann, Peter Handke, Nicolas Born, Ludwig Fels oder Wolf Wondratschek. Sie schreiben von Lust auf Leben in absoluter Freiheit und \u00dcberdruss angesichts der Enge des b\u00fcrgerlichen Mittelstands &#8211; aber all das ist hier abgefedert in einem existenzialistischen Kontext. In jedem dieser Beatniks steckt ein Nonkonformist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Gossenheftreihe entwickelt sprachtheoretische Konsequenzen aus der Faszination, die das Grauenhafte auf uns aus\u00fcbt, die Autoren des Krash-Verlag forden einen neuen Realismus, der beweisen soll, dass die Bonner Republik idealistisch gescheitert ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Begriff \u201edie bleierne Zeit\u201c entstammt urspr\u00fcnglich dem Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/03\/20\/der-gang-aufs-land-2\/\"><em>Der Gang aufs Land<\/em><\/a> von Friedrich H\u00f6lderlin. Das \u201eOffene\u201c des Gedichts bedeutet eine neue Offenheit aller Lebensbez\u00fcge. In der \u201eBRD\u201c wurden die 1950er Jahre oft als <em>bleiern<\/em> beschrieben, die durch Verkrustung und Verdr\u00e4ngung der nationalsozialistischen Verbrechen gepr\u00e4gt war und \u2013 vermeintlich \u2013 erst durch die sogenannte <em>Studentenbewegung<\/em> 1968 aufgebrochen wurde; dieser Irrtum wurde sp\u00e4ter aufgekl\u00e4rt. Eine Umdeutung erfuhr der Begriff durch die Zeit des RAF-Terrorismus w\u00e4hrend der 1970er Jahre, bei der das Wort <em>bleiern<\/em> \u2013 vordergr\u00fcndig \u2013 auch mit den Bleikugeln assoziiert wurde, mit denen linksterroristische Organisationen t\u00f6teten. Dann kam eine durch Dr. phil. Helmut Kohl proklamierte \u201eWende\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_98404\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98404\" class=\"wp-image-98404 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Jaguar-e1645955306365.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98404\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gossenheftreihe ist pures eskapistisches Enter\u00adtain\u00adment, sie ist aber auch, was man nicht sofort wahrhaben will, eine subtile Zeit-Diagnose der eigenen Post-Historie, sie zeigt auf, wie mit Leseerwartungen und Genrekonventionen \u00e4u\u00dferst produktiv und \u00e4sthetisch anspruchsvoll umgegangen werden kann \u2013 und da\u00df es m\u00f6glich ist, unter dem gleichen Oberbegriff Massen- und Trivialliteratur ebenso wie Avantgarde zu verhandeln. In dieser Werkstatt f\u00fcr potenzielle Literatur herrschte die notwendige definitorische Offenheit von Trash und ein extensiver Begriff des \u00dcbrigen zwischen K\u00f6rper und Zeichen. Der Kriminalist, verkleidet sich als Poststrukturalist. Diese nonkonformistischen Autoren remixten bespielsweise William S. Burroughs, Hanns Heinz Ewers oder Raymond Chandler und verschnitten sie mit postmoderner Theorie, popkulturellen Referenzen und Outlaw-Romantik und destillierten knallharte, dystopische Trivialmythen daraus. Wer neugierig auf bizarre, wilde, schlicht wundersame Literatur ist, kann jenseits kleinb\u00fcrgerlicher Qualit\u00e4tsvorstellungen die sch\u00f6nsten Entdeckungen machen, die das nach Abfallprodukt riechende Siegel <em>Trash<\/em> die \u201e\u00c4sthetisierung des H\u00e4sslichen\u201c nur unzul\u00e4nglich beschreibt. Man lernt von ihnen, da\u00df H\u00e4\u00dflichkeit auch Freiheit und Spielraum bietet: f\u00fcr eine h\u00f6here Art von Unschuld. Ihr Schund-Begriff betreibt an der Oberfl\u00e4che und im Abseitigen Daseinsanalyse ganz ohne eine Inventur der Verluste oder \u00fcbliche Klagen um einen kulturellen Verfall. Diese Autoren analysieren lakonisch und k\u00fchl, und ihre ernsthafte Verspieltheit erinnert den zuweilen an Pater Sloterdijk. Die Tatsache, da\u00df ein Charakteristikum des Groschenromans in der Variation mehr oder weniger festgelegter Elemente liegt, verleiht dieser Gossenheftreihe das hohe \u00e4sthetische Niveau. Diese Reihe h\u00e4lt uns den Spiegel vor, sie zeigt unsere eigenen verdr\u00e4ngten Gel\u00fcste und eine Schmud\u00addel\u00adva\u00adri\u00adante unserer Welt des neolibe\u00adralen, rasenden Still\u00adstands.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>B\u00fcchermachen macht viel zu viel Spa\u00df, als dass man es den Bertelsm\u00e4nnern \u00fcberlassen sollte.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den sogenannten &#8222;Achtundsechziger-Mythos&#8220; unterl\u00e4uft KUNO mit weiteren Artikeln, die vor Augen f\u00fchren sollen, wie nonkonformistisch gewisse Aspekte der b\u00fcrgerlichen Kultur und wie konformistisch ein Teil der Altlinken ist, besonders nach dem Scheitern der real existierenden Sozialismus. &#8222;Ist die autonome Kunst\u00a0 an ihr Ende gelangt, weil an die Stelle kunstimmanenter Kriterien politisch-moralische Gesichtspunkte getreten sind?&#8220; Das Nachdenken \u00fcber diese Frage soll \u00fcber die Jahre in diesem Online-Magazin verdeutlichen, da\u00df Nonkonformismus im Kleinen zur Voraussetzung einer Emanzipation im Gro\u00dfen und Ganzen werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_98394\" style=\"width: 219px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98394\" class=\"wp-image-98394 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Biby_Wintjes-e1645894057225.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98394\" class=\"wp-caption-text\">Josef &#8222;Biby&#8220; Wintjes. Portr\u00e4t: Bruno Runzheimer<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Nonkonformismus bezeichnet die Soziologie pers\u00f6nliche Haltungen oder Einstellungen, individuelle Handlungen oder philosophische Positionen, die nicht in \u00dcbereinstimmung mit den allgemein anerkannten Ansichten, der g\u00fcltigen Etikette, dem vorherrschenden Lebensstil oder dem kulturellen Mainstream stehen. Nonkonformismus erzeugt meist Subversion. 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