{"id":102211,"date":"2003-08-16T00:01:21","date_gmt":"2003-08-15T22:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102211"},"modified":"2022-12-31T17:24:34","modified_gmt":"2022-12-31T16:24:34","slug":"epochen-der-dichtkunst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/16\/epochen-der-dichtkunst\/","title":{"rendered":"Epochen der Dichtkunst"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo irgend lebendiger Geist in einem gebildeten Buchstaben gebunden erscheint, da ist Kunst, da ist Absonderung, Stoff zu \u00fcberwinden, Werkzeuge zu gebrauchen, ein Entwurf und Gesetze der Behandlung. Darum sehn wir die Meister der Poesie sich m\u00e4chtig bestreben, sie auf das vielseitigste zu bilden. Sie ist eine Kunst, und wo sie es noch nicht war, soll sie es werden, und wenn sie es wurde, erregt sie gewi\u00df in denen die sie wahrhaft lieben, eine starke Sehnsucht, sie zu erkennen, die Absicht des Meisters zu verstehen, die Natur des Werks zu begreifen, den Ursprung der Schule, den Gang der Ausbildung zu erfahren. Die Kunst ruht auf dem Wissen, und die Wissenschaft der Kunst ist ihre Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist aller Kunst wesentlich eigen, sich an das Gebildete anzuschlie\u00dfen, und darum steigt die Geschichte von Geschlecht zu Geschlecht, von Stufe zu Stufe immer h\u00f6her ins Altertum zur\u00fcck, bis zur ersten urspr\u00fcnglichen Quelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr uns Neuere, f\u00fcr Europa liegt diese Quelle in Hellas, und f\u00fcr die Hellenen und ihre Poesie war es Homeros und die alte Schule der Homeriden. Eine unversiegbare Quelle allbildsamer Dichtung war es, ein m\u00e4chtiger Strom der Darstellung wo eine Woge des Lebens auf die andre rauscht, ein ruhiges Meer, wo sich die F\u00fclle der Erde und der Glanz des Himmels freundlich spiegeln. Wie die Weisen den Anfang der Natur im Wasser suchen, so zeigt sich die \u00e4lteste Poesie in fl\u00fcssiger Gestalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um zwei verschiedene Mittelpunkte vereinigte sich die Masse der Sage und des Gesanges. Hier ein gro\u00dfes gemeinsames Unternehmen, ein Gedr\u00e4nge von Kraft und Zwiespalt, der Ruhm des Tapfersten; dort die F\u00fclle des Sinnlichen, Neuen, Fremden, Reizenden, das Gl\u00fcck einer Familie, ein Bild der gewandtesten Klugheit, wie ihr endlich die erschwerte Heimkehr dennoch gelingt. Durch diese urspr\u00fcngliche Absonderung ward das vorbereitet und gebildet, was wir \u00bbIlias\u00ab und \u00bbOdyssee\u00ab nennen, und was in ihr eben einen festen Anhalt fand, um vor andern Ges\u00e4ngen der gleichen Zeit f\u00fcr die Nachwelt zu bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Gew\u00e4chs der Homerischen sehen wir gleichsam das Entstehen aller Poesie; aber die Wurzeln entziehn sich dem Blick, und die Bl\u00fcten und Zweige der Pflanze treten unbegreiflich sch\u00f6n aus der Nacht des Altertums hervor. Dieses reizend gebildete Chaos ist der Keim, aus welchem die Welt der alten Poesie sich organisierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die epische Form verdarb schnell. Statt dessen erhob sich, auch bei den Joniern, die Kunst der Jamben, die im Stoff und in der Behandlung der grade Gegensatz der mythischen Poesie, und eben darum der zweite Mittelpunkt der hellenischen Poesie war, und an und mit ihr die Elegie, welche sich fast ebenso mannichfach verwandelte und umgestaltete wie das Epos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Archilochus war, mu\u00df uns au\u00dfer den Bruchst\u00fccken, Nachrichten und Nachbildungen des Horatius in den Epoden, die Verwandtschaft der Kom\u00f6die des Aristophanes und selbst die entferntere der r\u00f6mischen Satire vermuten lassen. Mehr haben wir nicht, die gr\u00f6\u00dfte L\u00fccke in der Kunstgeschichte auszuf\u00fcllen. Doch leuchtet es jedem der nachdenken will, ein, wie es ewig im Wesen der h\u00f6chsten Poesie liege, auch in heiligen Zorn auszubrechen, und ihre volle Kraft an dem fremdesten Stoff, der gemeinen Gegenwart zu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses sind die Quellen der hellenischen Poesie, Grundlage und Anfang. Die sch\u00f6nste Bl\u00fcte umfa\u00dft die melischen, chorischen, tragischen und komischen Werke der Dorer, \u00c4olier und Athener von Alkman und Sappho bis zum Aristophanes. Was uns aus dieser wahrhaft goldenen Zeit in den h\u00f6chsten Gattungen der Poesie \u00fcbrig geblieben ist, tr\u00e4gt mehr oder minder einen sch\u00f6nen oder gro\u00dfen Styl, die Lebenskraft der Begeisterung und die Ausbildung der Kunst in g\u00f6ttlicher Harmonie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ganze ruht auf dem festen Boden der alten Dichtung, eins und unteilbar durch das festliche Leben freier Menschen und durch die heilige Kraft der alten G\u00f6tter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die melische Poesie schlo\u00df sich mit ihrer Musik aller sch\u00f6nen Gef\u00fchle zun\u00e4chst an die jambische, in welcher der Drang der Leidenschaft, und die elegische, in welcher der Wechsel der Stimmung im Spiel des Lebens so lebendig erscheinen, da\u00df sie f\u00fcr den Ha\u00df und die Liebe gelten k\u00f6nnen, durch welche das ruhige Chaos der Homerischen Dichtung bewegt ward zu neuen Bildungen und Gestaltungen. Die chorischen Ges\u00e4nge hingegen neigten sich mehr zum heroischen Geist des Epos, und trennten sich ebenso einfach nach dem \u00dcbergewicht von gesetzlichem Ernst oder heiliger Freiheit in der Verfassung und Stimmung des Volks. Was Eros der Sappho eingab, atmete Musik; und wie die W\u00fcrde des Pindaros gemildert wird durch den fr\u00f6hlichen Reiz gymnastischer Spiele, so ahmten die Dithyramben in ihrer Ausgelassenheit auch wohl die k\u00fchnsten Sch\u00f6nheiten der Orchestik nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stoff und Urbilder fanden die Stifter der tragischen Kunst im Epos, und wie dieses aus sich selbst die Parodie entwickelte, so spielten dieselben Meister, welche die Trag\u00f6die erfanden, in Erfindung satyrischer Dramen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugleich mit der Plastik entstand die neue Gattung, ihr \u00e4hnlich in der Kraft der Bildung und im Gesetz des Gliederbaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Verbindung der Parodie mit den alten Jamben und als Gegensatz der Trag\u00f6die entsprang die Kom\u00f6die, voll der h\u00f6chsten Mimik die nur in Worten m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie dort Handlungen und Begebenheiten, Eigent\u00fcmlichkeit und Leidenschaft, aus der gegebnen Sage zu einem sch\u00f6nen System harmonisch geordnet und gebildet wurden, so ward hier eine verschwenderische F\u00fclle von Erfindung als Rhapsodie k\u00fchn hingeworfen, mit tiefem Verstand im scheinbaren Unzusammenhang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Arten des attischen Drama griffen aufs wirksamste ins Leben ein, durch ihre Beziehung auf das Ideal der beiden gro\u00dfen Formen, in denen das h\u00f6chste und einzige Leben, das Leben des Menschen unter Menschen erscheint. Den Enthusiasmus f\u00fcr die Republik finden wir beim \u00c4schylos und Aristophanes, ein hohes Urbild sch\u00f6ner Familie in den heroischen Verh\u00e4ltnissen der alten Zeit liegt dem Sophokles zum Grunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie \u00c4schylos ein ewiges Urbild der harten Gr\u00f6\u00dfe und des nicht ausgebildeten Enthusiasmus, Sophokles aber der harmonischen Vollendung ist: so zeigt schon Euripides jene unergr\u00fcndliche Weichlichkeit, die nur dem versunkenen K\u00fcnstler m\u00f6glich ist, und seine Poesie ist oft nur die sinnreichste Deklamation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese erste Masse hellenischer Dichtkunst, das alte Epos, die Jamben die Elegie, die festlichen Ges\u00e4nge und Schauspiele; das ist die Poesie selbst. Alles, was noch folgt, bis auf unsre Zeiten, ist \u00dcberbleibsel Nachhall, einzelne Ahndung, Ann\u00e4herung, R\u00fcckkehr zu jenem h\u00f6chsten Olymp der Poesie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vollst\u00e4ndigkeit n\u00f6tigt mich zu erw\u00e4hnen, da\u00df auch die ersten Quellen und Urbilder des didaskalischen Gedichts, die wechselseitigen \u00dcberg\u00e4nge der Poesie und der Philosophie in dieser Bl\u00fctezeit der alten Bildung zu suchen sind: in den naturbegeisterten Hymnen der Mysterien in den sinnreichen Lehren der gesellig sittlichen Gnome, in den allumfassenden Gedichten des Empedokles und andrer Forscher, und etwa in den Symposien, wo das philosophische Gespr\u00e4ch und die Darstellung desselben ganz in Dichtung \u00fcbergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche einzig gro\u00dfe Geister wie Sappho, Pindaros, \u00c4schylos, Sophokles, Aristophanes kamen nicht wieder; aber noch gabs genialische Virtuosen wie Philoxenos, die den Zustand der Aufl\u00f6sung und G\u00e4rung bezeichnen, welcher den \u00dcbergang von der gro\u00dfen idealischen zur zierlichen gelehrten Poesie der Hellenen bildet. Ein Mittelpunkt f\u00fcr diese war Alexandrien. Doch nicht hier allein bl\u00fchte ein klassisches Siebengestirn tragischer Dichter; auch auf der attischen B\u00fchne gl\u00e4nzte eine Schar von Virtuosen, und wenn gleich die Dichtk\u00fcnstler in allen Gattungen Versuche in Menge machten, jede alte Form nachzubilden oder umzugestalten, so war es doch die dramatische Gattung vor allen, in welcher sich die noch \u00fcbrige Erfindungskraft dieses Zeitalters durch eine reiche F\u00fclle der sinnreichsten und oft seltsamen neuen Verbindungen und Zusammensetzungen zeigte, teils im Ernst, teils zur Parodie. Doch blieb es auch wohl in dieser Gattung beim Zierlichen, Geistvollen, K\u00fcnstlichen, wie in den andern, unter denen wir nur das Idyllion, als eine eigent\u00fcmliche Form dieses Zeitalters erw\u00e4hnen; eine Form, deren Eigent\u00fcmliches aber fast nur im Formlosen besteht. Im Rhythmus und manchen Wendungen der Sprache und Darstellungsart folgt es einigerma\u00dfen dem epischen Styl; in der Handlung und im Gespr\u00e4ch den dorischen Mimen von einzelnen Szenen aus dem geselligen Leben in der lokalsten Farbe; im Wechselgesange den kunstlosen Liedern der Hirten; im erotischen Geist gleicht es der Elegie und dem Epigramm dieser Zeit, wo dieser Geist selbst in epische Werke einflo\u00df, deren viele jedoch fast nur Form waren, wo der K\u00fcnstler in der didaskalischen Gattung zu zeigen suchte, da\u00df seine Darstellung auch den schwierigsten trockensten Stoff besiegen k\u00f6nne; in der mythischen hingegen, da\u00df man auch den seltensten kenne, und auch den \u00e4ltesten ausgebildetsten neu zu verj\u00fcngen und feiner umzubilden wisse; oder in zierlichen Parodien mit einem nur scheinbaren Objekt spielte. \u00dcberhaupt ging die Poesie dieser Zeit entweder auf die K\u00fcnstlichkeit der Form, oder auf den sinnlichen Reiz des Stoffs, der selbst in der neuen attischen Kom\u00f6die herrschte; aber das Woll\u00fcstigste ist verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem auch die Nachahmung ersch\u00f6pft war, begn\u00fcgte man sich neue Kr\u00e4nze aus den alten Blumen zu flechten, und Anthologien sind es welche die hellenische Poesie beschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die R\u00f6mer hatten nur einen kurzen Anfall von Poesie, w\u00e4hrend dessen sie mit gro\u00dfer Kraft k\u00e4mpften und strebten, sich die Kunst ihrer Vorbilder anzueignen. Sie erhielten dieselben zun\u00e4chst aus den H\u00e4nden er Alexandriner; daher herrscht das Erotische und Gelehrte in ihren Werken, und mu\u00df auch, was die Kunst betrifft, der Gesichtspunkt bleiben, sie zu w\u00fcrdigen. Denn der Verst\u00e4ndige l\u00e4\u00dft jedes Gebildete in seiner Sph\u00e4re, und beurteilt es nur nach seinem eignen Ideale Zwar erscheint Horatius in jeder Form interessant, und einen Menschen von dem Wert dieses R\u00f6mers w\u00fcrden wir vergeblich unter den sp\u00e4tern Hellenen suchen, aber dieses allgemeine Interesse an ihm selbst ist mehr ein romantisches als ein Kunsturteil, welches ihn nur in der Satire hoch stellen kann. Eine herrliche Erscheinung ists wenn die r\u00f6mische Kraft mit der hellenischen Kunst bis zur Verschmelzung eins wird. So bildete Properitus eine gro\u00dfe Natur durch die gelehrteste Kunst; der Strom inniger Liebe quoll m\u00e4chtig aus seiner treuen Brust. Er darf uns \u00fcber den Verlust hellenischer Elegiker tr\u00f6sten, wie Lukretius \u00fcber den des Empedokles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend einiger Menschenalter wollte alles dichten in Rom und jeder glaubte, er m\u00fcsse die Musen beg\u00fcnstigen und ihnen wieder aufhelfen; und das nannten sie ihre goldne Zeit der Poesie. Gleichsam die taube Blute in der Bildung dieser Nation. Die Modernen sind ihnen darin gefolgt; was unter Augustus und M\u00e4cenas geschah, war eine Vorbedeutung auf die Cinquecentisten Italiens. Ludwig der Vierzehnte versuchte denselben Fr\u00fchling des Geistes in Frankreich zu erzwingen, auch die Engl\u00e4nder kamen \u00fcberein, den Geschmack unter der K\u00f6nigin Anna f\u00fcr den besten zu halten, und keine Nation wollte fernerhin ohne ihr goldnes Zeitalter bleiben; jedes folgende war leerer und schlechter noch als das vorhergehende, und was sich die Deutschen als golden eingebildet haben, verbietet die W\u00fcrde dieser Darstellung n\u00e4her zu bezeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kehre zur\u00fcck zu den R\u00f6mern. Sie hatten, wie gesagt, nur einen Anfall von Poesie, die ihnen eigentlich stets widernat\u00fcrlich blieb. Einheimisch war bei ihnen nur die Poesie der Urbanit\u00e4t, und mit der einzigen Satire haben sie das Gebiet der Kunst bereichert. Es nahm dieselbe unter jedem Meister eine neue Gestalt an, indem sich der gro\u00dfe alte Styl der r\u00f6mischen Geselligkeit und des r\u00f6mischen Witzes bald die klassische K\u00fchnheit des Archilochos und der alten Kom\u00f6die aneignete, bald aus der sorglosen Leichtigkeit eines Improvisatore zur saubersten Eleganz eines korrekten Hellenen bildete, bald mit stoischem Sinn und im gediegensten Styl zur gro\u00dfen alten Weise der Nation zur\u00fcckkehrte, bald sich der Begeisterung des Hasses \u00fcberlie\u00df. Durch die Satire erscheint in neuem Glanz, was noch von der Urbanit\u00e4t der ewigen Roma im Catullus lebt, im Martialis, oder sonst einzeln und zerstreut. Die Satire gibt uns einen r\u00f6mischen Standpunkt f\u00fcr die Produkte des r\u00f6mischen Geistes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem die Kraft der Poesie so schnell erloschen als zuvor gewachsen war, nahm der Geist der Menschen eine andre Richtung, die Kunst verschwand im Gedr\u00e4nge der alten und der neuen Welt, und \u00fcber ein Jahrtausend verstrich, ehe wieder ein gro\u00dfer Dichter im Okzident aufstand. Wer Talent zum Reden hatte, widmete sich bei den R\u00f6mern gerichtlichen Gesch\u00e4ften, und wenn er ein Hellene war, hielt er popul\u00e4re Vorlesungen \u00fcber allerlei Philosophie. Man begn\u00fcgte sich, die alten Sch\u00e4tze jeder Art zu erhalten, zu sammeln, zu mischen, abzuk\u00fcrzen und zu verderben; und wie in andern Zweigen der Bildung, so zeigt sich auch in der Poesie nur selten eine Spur von Originalit\u00e4t, einzeln und ohne Nachdruck; nirgends ein K\u00fcnstler, kein klassisches Werk in so langer Zeit. Dagegen war die Erfindung und Begeisterung in der Religion um so reger; in der Ausbildung der neuen, in den Versuchen zur Umbildung der alten, in der mystischen Philosophie m\u00fcssen wir die Kraft jener Zeit suchen, die in dieser R\u00fccksicht gro\u00df war, eine Zwischenwelt der Bildung, ein fruchtbares Chaos zu einer neuen Ordnung der Dinge, das wahre Mittelalter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den Germaniern str\u00f6mte ein unverdorbener Felsenquell von neuem Heldengesang \u00fcber Europa, und als die wilde Kraft der gotischen Dichtung durch Einwirkung der Araber mit einem Nachhall von den reizenden Wunderm\u00e4rchen des Orients zusammentraf, bl\u00fchte an der s\u00fcdlichen K\u00fcste gegen das Mittelmeer ein fr\u00f6hliches Gewerbe von Erfindern lieblicher Ges\u00e4nge und seltsamer Geschichten, und bald in dieser bald in jener Gestalt verbreitete sich mit der heiligen lateinischen Legende auch die weltliche Romanze, von Liebe und von Waffen singend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die katholische Hierarchie war unterdessen ausgewachsen; die Jurisprudenz und die Theologie zeigte manchen R\u00fcckweg zum Altertum. Diesen betrat, Religion und Poesie verbindend, der gro\u00dfe Dante, der heilige Stifter und Vater der modernen Poesie. Von den Altvordern der Nation lernte er das Eigenste und Sonderbarste, das Heiligste und das S\u00fc\u00dfeste der neuen gemeinen Mundart zu klassischer W\u00fcrde und Kraft zusammenzudr\u00e4ngen, und so die provenzalische Kunst der Reime zu veredeln; und da ihm nicht bis zur Quelle zu steigen verg\u00f6nnt war, konnten ihm auch R\u00f6mer den allgemeinen Gedanken eines gro\u00dfen Werkes von geordnetem Gliederbau mittelbar anregen. M\u00e4chtig fa\u00dfte er ihn, in Einen Mittelpunkt dr\u00e4ngte sich die Kraft seines erfindsamen Geistes zusammen, in Einem ungeheuren Gedicht umfa\u00dfte er mit starken Armen seine Nation und sein Zeitalter, die Kirche und das Kaisertum, die Weisheit und die Offenbarung, die Natur und das Reich Gottes. Eine Auswahl des Edelsten und des Sch\u00e4ndlichsten was er gesehn, des Gr\u00f6\u00dften und des Seltsamsten, was er ersinnen konnte; die offenherzigste Darstellung seiner selbst und seiner Freunde, die herrlichste Verherrlichung der Geliebten; alles treu und wahrhaftig im Sichtbaren und voll geheimer Bedeutung und Beziehung aufs Unsichtbare.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Petrarca gab der Kanzone und dem Sonett Vollendung und Sch\u00f6nheit. Seine Ges\u00e4nge sind der Geist seines Lebens, und Ein Hauch beseelt und bildet sie zu Einem unteilbaren Werk; die ewige Roma auf Erden und Madonna im Himmel als Wiederschein der einzigen Laura in seinem Herzen versinnlichen und halten in sch\u00f6ner Freiheit die geistige Einheit des ganzen Gedichts. Sein Gef\u00fchl hat die Sprache der Liebe gleichsam erfunden, und gilt nach Jahrhunderten noch bei allen Edlen, wie Boccaccios Verstand eine unversiegbare Quelle merkw\u00fcrdiger meistens wahrer und sehr gr\u00fcndlich ausgearbeiteter Geschichten f\u00fcr die Dichter jeder Nation stiftete, und durch kraftvollen Ausdruck und gro\u00dfen Periodenbau die Erz\u00e4hlungs-Sprache der Konversation zu einer soliden Grundlage f\u00fcr die Prosa des Romans erhob. So streng in der Liebe Petrarcas Reinheit, so materiell ist Boccaccios Kraft, der es lieber w\u00e4hlte, alle reizende Frauen zu tr\u00f6sten, als eine zu verg\u00f6ttern. In der Kanzone durch fr\u00f6hliche Anmut und geselligen Scherz nach dem Meister neu zu sein, gelang ihm gl\u00fccklicher als diesem, in der Vision und Terzine dem gro\u00dfen Dante \u00e4hnlich zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese drei sind die H\u00e4upter vom alten Styl der modernen Kunst; ihren Wert soll der Kenner verstehn, dem Gef\u00fchl des Liebhabers bleibt grade das Beste und Eigenste in ihnen hart oder doch fremd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus solchen Quellen entsprungen, konnte bei der vorgezogenen Nation der Itali\u00e4ner der Strom der Poesie nicht wieder versiegen. Jene Erfinder zwar lie\u00dfen keine Schule sondern nur Nachahmer zur\u00fcck: dagegen entstand schon fr\u00fch ein neues Gew\u00e4chs. Man wandte die Form und Bildung der nun wieder zur Kunst gewordnen Poesie auf den abenteuerlichen Stoff der Ritterb\u00fccher an, und so entstand das Romanzo der Itali\u00e4ner, urspr\u00fcnglich schon zu geselligen Vorlesungen bestimmt, und die altert\u00fcmlichen Wundergeschichten durch einen Anhauch von geselligem Witz und geistiger W\u00fcrze zur Groteske laut oder leise verwandelnd. Doch ist dieses Groteske selbst im Ariosto, der das Romanzo wie Boiardo mit Novellen, und nach dem Geist seiner Zeit mit sch\u00f6nen Bl\u00fcten aus den Alten schm\u00fcckte, und in der Stanze eine hohe Anmut erreichte, nur einzeln, nicht im Ganzen, das kaum diesen Namen verdient. Durch diesen Vorzug und durch seinen hellen Verstand steht er \u00fcber seinem Vorg\u00e4nger; die F\u00fclle klarer Bilder und die gl\u00fcckliche Mischung von Scherz und Ernst macht ihn zum Meister und Urbilde in leichter Erz\u00e4hlung und sinnlichen Fantasien. Der Versuch, das Romanzo durch einen w\u00fcrdigen Gegenstand und durch klassische Sprache zur antiken W\u00fcrde der Epop\u00f6e zu erheben, das man sich als ein gro\u00dfes Kunstwerk aller Kunstwerke f\u00fcr die Nation, und nach seinem allegorischen Sinn noch besonders f\u00fcr die Gelehrten dachte, blieb, so oft er auch wiederholt wurde, nur ein Versuch, der den rechten Punkt nicht treffen konnte. Auf einem andern ganz neuen, aber nur einmal anwendbaren Wege gelang es dem Guarini, im \u00bbPastor Fido\u00ab, dem gr\u00f6\u00dften ja einzigen Kunstwerke der Itali\u00e4ner nach jenen Gro\u00dfen, den romantischen Geist und die klassische Bildung zur sch\u00f6nsten Harmonie zu verschmelzen, wodurch er auch dem Sonett neue Kraft und neuen Reiz gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunstgeschichte der Spanier, die mit der Poesie der Itali\u00e4ner aufs innigste vertraut waren, und die der Engl\u00e4nder, deren Sinn damals f\u00fcr das Romantische, was etwa durch die dritte vierte Hand zu ihnen gelangte, sehr empf\u00e4nglich war, dr\u00e4ngt sich zusammen in die von der Kunst zweier M\u00e4nner, des Cervantes und Shakespeare, die so gro\u00df waren da\u00df alles \u00fcbrige gegen sie nur vorbereitende, erkl\u00e4rende, erg\u00e4nzende Umgebung scheint. Die F\u00fclle ihrer Werke und der Stufengang ihres unerme\u00dflichen Geistes w\u00e4re allein Stoff f\u00fcr eine eigne Geschichte. Wir wollen nur den Faden derselben andeuten, in welche bestimmte Massen das Ganze zerf\u00e4llt, oder wo man wenigstens einige feste Punkte und die Richtung sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da Cervantes zuerst die Feder statt des Degens ergriff, den er nicht mehr f\u00fchren konnte, dichtete er die \u00bbGalatea\u00ab, eine wunderbar gro\u00dfe Komposition von ewiger Musik der Fantasie und der Liebe, den zartesten und lieblichsten aller Romane; au\u00dferdem viele Werke, so die B\u00fchne beherrschten, und wie die g\u00f6ttliche \u00bbNumancia\u00ab des alten Kothurns w\u00fcrdig waren. Dieses war die erste gro\u00dfe Zeit seiner Poesie; ihr Charakter war hohe Sch\u00f6nheit, ernst aber lieblich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Hauptwerk seiner zweiten Manier ist der erste Teil des \u00bbDon Quixote\u00ab, in welchem der fantastische Witz und eine verschwenderische F\u00fclle k\u00fchner Erfindung herrschen. Im gleichen Geist und wahrscheinlich auch um dieselbe Zeit dichtete er auch viele seiner Novellen, besonders die komischen. In den letzten Jahren seines Lebens gab er dem herrschenden Geschmack im Drama nach, und nahm es aus diesem Grunde zu nachl\u00e4ssig; auch im zweiten Teil des \u00bbDon Quixote\u00ab nahm er R\u00fccksicht auf Urteile; es blieb ihm ja doch frei, sich selbst zu gen\u00fcgen, und diese an die erste \u00fcberall angebildete Masse des einzig in zwei getrennten und aus zweien verbundenen Werks, das hier gleichsam in sich selbst zur\u00fcckkehrt mit unergr\u00fcndlichem Verstand in die tiefste Tiefe auszuarbeiten. Den gro\u00dfen \u00bbPersiles\u00ab dichtete er mit sinnreicher K\u00fcnstlichkeit in einer ernsten, dunkeln Manier nach seiner Idee vom Roman des Heliodor; was er noch dichten wollte, vermutlich in der Gattung des Ritterbuchs und des dramatisierten Romans, so wie den zweiten Teil der \u00bbGalatea\u00ab zu vollenden, verhinderte ihn der Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor Cervantes war die Prosa der Spanier im Ritterbuch auf eine sch\u00f6ne Art altert\u00fcmlich, im Sch\u00e4ferroman bl\u00fchend, und ahmte im romantischen Drama das unmittelbare Leben in der Sprache des Umgangs scharf und genau nach. Die lieblichste Form f\u00fcr zarte Lieder, voll Musik oder sinnreicher T\u00e4ndelei, und die Romanze, gemacht um mit Adel und Einfalt edle und r\u00fchrende alte Geschichten ernst und treu zu erz\u00e4hlen, waren von altersher in diesem Lande einheimisch. Weniger war dem Shakespeare vorgearbeitet; fast nur durch die bunte Mannichfaltigkeit der engl\u00e4ndischen B\u00fchne, f\u00fcr die bald Gelehrte, bald Schauspieler, Vornehme und Hofnarren arbeiteten, wo Mysterien aus der Kindheit des Schauspiels oder altenglische Possen mit fremden Novellen, mit vaterl\u00e4ndischen Historien und andern Gegenst\u00e4nden wechselten: in jeder Manier und in jeder Form, aber nichts was wir Kunst nennen d\u00fcrften. Doch war es f\u00fcr den Effekt und selbst f\u00fcr die Gr\u00fcndlichkeit ein gl\u00fccklicher Umstand, da\u00df fr\u00fch schon Schauspieler f\u00fcr die B\u00fchne arbeiteten, die doch durchaus nicht auf den Glanz der \u00e4u\u00dfern Erscheinung berechnet war, und da\u00df im historischen Schauspiel die Einerleiheit des Stoffs, den Geist des Dichters und des Zuschauers auf die Form lenken mu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Shakespeares fr\u00fchste Werke<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Schlegel,+Friedrich\/%C3%84sthetische+und+politische+Schriften\/Gespr%C3%A4ch+%C3%BCber+die+Poesie\/Epochen+der+Dichtkunst#fn1\">1<\/a> m\u00fcssen mit dem Auge betrachtet werden, mit welchem der Kenner die Altert\u00fcmer der itali\u00e4nischen Malerkunst verehrt. Sie sind ohne Perspektive und andre Vollendung, aber gr\u00fcndlich, gro\u00df und voll Verstand, und in ihrer Gattung nur durch die Werke aus der sch\u00f6nsten Manier desselben Meisters \u00fcbertroffen. Wir rechnen dahin den \u00bbLocrinus\u00ab, wo der h\u00f6chste Kothurn in gotischer Mundart mit der derben altenglischen Lustigkeit grell verbunden ist, den g\u00f6ttlichen \u00bbPerikles\u00ab, und andre Kunstwerke des einzigen Meisters, die der Aberwitz seichter Schriftgelehrten ihm gegen alle Geschichte abgesprochen, oder die Dummheit derselben nicht anerkannt hat. Wir setzen, da\u00df diese Produkte fr\u00fcher sind als der \u00bbAdonis\u00ab und die \u00bbSonette\u00ab, weil keine Spur darin ist von der s\u00fc\u00dfen lieblichen Bildung, von dem sch\u00f6nen Geist, der mehr oder minder in allen sp\u00e4tern Dramen des Dichters atmet, am meisten in denen der h\u00f6chsten Bl\u00fcte. Liebe, Freundschaft und edle Gesellschaft wirkten nach seiner Selbstdarstellung eine sch\u00f6ne Revolution in seinem Geiste; die Bekanntschaft mit den z\u00e4rtlichen Gedichten des bei den Vornehmen beliebten Spenser gab seinem neuen romantischen Schwunge Nahrung, und dieser mochte ihn zur Lekt\u00fcre der Novellen f\u00fchren, die er mehr als zuvor geschehn war, f\u00fcr die B\u00fchne mit dem tiefsten Verstande umbildete, neu konstruierte und fantastisch reizend dramatisierte. Diese Ausbildung flo\u00df nun auch auf die historischen St\u00fccke zur\u00fcck, gab ihnen mehr F\u00fclle, Anmut und Witz, und hauchte allen seinen Dramen den romantischen Geist ein, der sie in Verbindung mit der tiefen Gr\u00fcndlichkeit am eigensten charakterisiert, und sie zu einer romantischen Grundlage des modernen Drama konstituiert, die dauerhaft genug ist f\u00fcr ewige Zeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den zuerst dramatisierten Novellen erw\u00e4hnen wir nur den \u00bbRomeo\u00ab und \u00bbLove&#8217;s Labour&#8217;s Lost\u00ab, als die lichtesten Punkte seiner jugendlichen Fantasie, die am n\u00e4chsten an \u00bbAdonis\u00ab und die \u00bbSonette\u00ab grenzen. In drei St\u00fccken von \u00bbHeinrich dem Sechsten\u00ab und \u00bbRichard dem Dritten\u00ab sehn wir einen stetigen \u00dcbergang aus der \u00e4ltern noch nicht romantisierten Manier in die gro\u00dfe. An diese Masse adstruierte er die von \u00bbRichard dem Zweiten\u00ab bis \u00bbHeinrich dem F\u00fcnften\u00ab; und dieses Werk ist der Gipfel seiner Kraft. Im \u00bbMacbeth\u00ab und \u00bbLear\u00ab sehn wir die Grenzzeichen der m\u00e4nnlichen Reife und der \u00bbHamlet\u00ab schwebt unaufl\u00f6slich im \u00dcbergang von der Novelle zu dem was diese Trag\u00f6dien sind. F\u00fcr die letzte Epoche erw\u00e4hnen wir den \u00bbSturm\u00ab, \u00bbOthello\u00ab und die r\u00f6mischen St\u00fccke; es ist unerme\u00dflich viel Verstand darin, aber schon etwas von der K\u00e4lte des Alters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Tode dieser Gro\u00dfen erlosch die sch\u00f6ne Fantasie in ihren L\u00e4ndern. Merkw\u00fcrdig genug bildete sich nun sogleich die bis dahin roh gebliebene Philosophie zur Kunst, erregte den Enthusiasmus herrlicher M\u00e4nner und zog ihn wieder ganz an sich. In der Poesie dagegen gab es zwar vom Lope de Vega bis zum Gozzi manche sch\u00e4tzbare Virtuosen, aber doch keine Poeten, und auch jene nur f\u00fcr die B\u00fchne. \u00dcbrigens wuchs die F\u00fclle der falschen Tendenzen in allen gelehrten und popul\u00e4ren Gattungen und Formen immer mehr. Aus oberfl\u00e4chlichen Abstraktionen und R\u00e4sonnements, aus dem mi\u00dfverstandenen Altertum und dem mittelm\u00e4\u00dfigen Talent entstand in Frankreich ein umfassendes und zusammenh\u00e4ngendes System von falscher Poesie, welches auf einer gleich falschen Theorie der Dichtkunst ruhete; und von hier aus verbreitete sich diese schw\u00e4chliche Geisteskrankheit des sogenannten guten Geschmackes fast \u00fcber alle L\u00e4nder Europas. Die Franzosen und die Engl\u00e4nder konstituierten sich nun ihre verschiedenen goldenen Zeitalter, und w\u00e4hlten sorgf\u00e4ltig als w\u00fcrdige Repr\u00e4sentanten der Nation im Pantheon des Ruhms ihre Zahl von Klassikern aus Schriftstellern, die s\u00e4mtlich in einer Geschichte der Kunst keine Erw\u00e4hnung finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indessen erhielt sich doch auch hier wenigstens eine Tradition, man m\u00fcsse zu den Alten und zur Natur zur\u00fcckkehren, und dieser Funken z\u00fcndete bei den Deutschen, nachdem sie sich durch ihre Vorbilder allm\u00e4hlig durchgearbeitet hatten. Winckelmann lehrte das Altertum als ein Ganzes betrachten, und gab das erste Beispiel, wie man eine Kunst durch die Geschichte ihrer Bildung begr\u00fcnden solle. Goethes Universalit\u00e4t gab einen milden Widerschein von der Poesie fast aller Nationen und Zeitalter; eine unersch\u00f6pflich lehrreiche Suite von Werken, Studien, Skizzen, Fragmenten, Versuchen in jeder Gattung und in den verschiedensten Formen. Die Philosophie gelangte in wenigen k\u00fchnen Schritten dahin, sich selbst und den Geist des Menschen zu verstehen, in dessen Tiefe sie den Urquell der Fantasie und das Ideal der Sch\u00f6nheit entdecken, und so die Poesie deutlich anerkennen mu\u00dfte, deren Wesen und Dasein sie bisher auch nicht geahndet hatte. Philosophie und Poesie, die h\u00f6chsten Kr\u00e4fte des Menschen, die selbst zu Athen jede f\u00fcr sich in der h\u00f6chsten Bl\u00fcte doch nur einzeln wirkten, greifen nun ineinander, um sich in ewiger Wechselwirkung gegenseitig zu beleben und zu bilden. Das \u00dcbersetzen der Dichter und das Nachbilden ihrer Rhythmen ist zur Kunst und die Kritik zur Wissenschaft geworden, die alte Irrt\u00fcmer vernichtet und neue Aussichten in die Kenntnis des Altertums er\u00f6ffnet, in deren Hintergrunde sich eine vollendete Geschichte der Poesie zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fehlt nichts, als da\u00df die Deutschen diese Mittel ferner brauchen, da\u00df sie dem Vorbilde folgen, was Goethe aufgestellt hat, die Formen der Kunst \u00fcberall bis auf den Ursprung erforschen, um sie neu beleben oder verbinden zu k\u00f6nnen, und da\u00df sie auf die Quellen ihrer eignen Sprache und Dichtung zur\u00fcckgehn, und die alte Kraft, den hohen Geist wieder frei machen, der noch in den Urkunden der vaterl\u00e4ndischen Vorzeit vom Liede der \u00bbNibelungen\u00ab bis zum Flemming und Weckherlin bis jetzt verkannt schlummert: so wird die Poesie, die bei keiner modernen Nation so urspr\u00fcnglich ausgearbeitet und vortrefflich erst eine Sage der Helden, dann ein Spiel der Ritter, und endlich ein Handwerk der B\u00fcrger war, nun auch bei eben derselben eine gr\u00fcndliche Wissenschaft wahrer Gelehrten und eine t\u00fcchtige Kunst erfindsamer Dichter sein und bleiben.<\/p>\n<h2><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Athenaeum<\/b> ist der Titel einer Zeitschrift, die zwischen 1798 und 1800 von den Br\u00fcdern August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel herausgegeben und in Berlin gedruckt wurde. Vor zweihundert Jahren stellte Friedrich Schlegel das \u201eAthenaeum\u201c mit der Begr\u00fcndung ein, dass diese Zeitschrift erst in der Zukunft verstanden werden kann. KUNO erinnert daran mit der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/12\/10\/ueber-die-unverstaendlichkeit\/\">Begr\u00fcndung<\/a> des Redakteurs, der im 18. Jahrhundert der modernen Journalismus erfunden hat<\/p>\n<div id=\"attachment_102167\" style=\"width: 218px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-image-102167 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Friedrich-Schlegel-e1647016091555.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schlegel um 1790, Kreidezeichnung von Caroline Rehberg<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/10\/die-keimzelle-des-nonkonformismus\/\">Romantiker-WG in Jena<\/a>. Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wo irgend lebendiger Geist in einem gebildeten Buchstaben gebunden erscheint, da ist Kunst, da ist Absonderung, Stoff zu \u00fcberwinden, Werkzeuge zu gebrauchen, ein Entwurf und Gesetze der Behandlung. 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