{"id":102177,"date":"2023-02-15T00:01:51","date_gmt":"2023-02-14T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=102177"},"modified":"2022-03-11T18:52:30","modified_gmt":"2022-03-11T17:52:30","slug":"ueber-lessing","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/15\/ueber-lessing\/","title":{"rendered":"\u00dcber Lessing"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lessings schriftstellerische Verdienste sind schon mehr als einmal der Gegenstand eigner beredter Aufs\u00e4tze gewesen. Ein paar dieser Aufs\u00e4tze, welche viele treffende und feine Bemerkungen enthalten, r\u00fchren von zwei der achtungsw\u00fcrdigsten Veteranen der deutschen Literatur her. Ein Bruder, der Lessingen aufrichtig liebte, und ihn lange mit der Treue der Bewunderung beobachtet hatte, widmete der Beschreibung seiner Schicksale, Verh\u00e4ltnisse und Eigent\u00fcmlichkeiten ein umst\u00e4ndliches Werk. Wenige Schriftsteller nennt und lobt man so gern, als ihn: ja es ist eine fast allgemeine Liebhaberei, gelegentlich etwas Bedeutendes \u00fcber Lessing zu sagen. Wie nat\u00fcrlich: da er, der eigentliche Autor der Nation und des Zeitalters, so vielseitig und so durchgreifend wirkte, zugleich laut und gl\u00e4nzend f\u00fcr alle, und auf einige tief. Daher ist denn auch vielleicht \u00fcber kein deutsches Genie soviel Merkw\u00fcrdiges gesagt worden; oft aus sehr verschiednen, ja entgegengesetzten Standpunkten, zum Teil von Schriftstellern, welche selbst zu den geistvollsten oder zu den ber\u00fchmtesten geh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch darf ein Versuch, <em>Lessings Geist im ganzen zu charakterisieren,<\/em> nicht f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig gehalten werden. Eine so reiche und umfassende Natur kann nicht vielseitig genug betrachtet werden, und ist durchaus <em>unersch\u00f6pflich.<\/em> So lange wir noch an Bildung wachsen, besteht ja ein Teil, und gewi\u00df nicht der unwesentlichste, unsers Fortschreitens eben darin, da\u00df wir immer wieder zu den alten Gegenst\u00e4nden, die es wert sind, zur\u00fcckkehren, und alles Neue, was wir mehr sind oder mehr wissen, auf sie anwenden, die vorigen Gesichtspunkte und Resultate berichtigen, und uns neue Aussichten er\u00f6ffnen. Der gew\u00f6hnlichen Behauptung: es sei schon alles gesagt; die so scheinbar ist, da\u00df sie von sich selbst gilt (denn so wie Voltaire sie ausdr\u00fcckt, wird sie schon beim Terenz gefunden) mu\u00df man daher in R\u00fccksicht auf Gegenst\u00e4nde dieser Art vorz\u00fcglich, ja vielleicht in R\u00fccksicht auf alle, von denen immer die Rede sein wird, die gerade widersprechende Behauptung entgegensetzen: Es sei eigentlich noch nichts gesagt; n\u00e4mlich so, da\u00df es nicht n\u00f6tig w\u00e4re, mehr, und nicht m\u00f6glich, etwas Besseres zu sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Lessingen insbesondere betrifft: so sind \u00fcberdem erst seit kurzem die Akten vollst\u00e4ndig geworden, nachdem man nun alles, was zur n\u00e4hern Bekanntschaft mit dem gro\u00dfen Manne irgend n\u00fctzlich sein mag, hat drucken lassen. Jene, welche gleich im ersten Schmerz \u00fcber seinen Verlust schrieben, entbehrten viele wesentliche Dokumente, unter andern die unendlich wichtige Briefsammlung. Beide beschr\u00e4nkten ihre Betrachtungen nur auf einige Zweige seiner vielseitigen T\u00e4tigkeit: der eine richtete seine Absicht auf ein bestimmtes, nicht auf das ganze Publikum; der andre schwieg geflissentlich \u00fcber manches, oder verweilte nicht lange dabei. Gewi\u00df nicht ohne Grund: aber R\u00fccksichten, welche damals notwendig waren, sind es vielleicht jetzt nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lessing endlich war einer von den <em>revolution\u00e4ren<\/em> Geistern, die \u00fcberall wohin sie sich auch im Gebiet der Meinungen wenden, gleich einem scharfen Scheidungsmittel, die heftigsten G\u00e4rungen und gewaltigsten Ersch\u00fctterungen allgemein verbreiten. In der Theologie wie auf der B\u00fchne und in der Kritik hat er nicht blo\u00df Epoche gemacht, sondern eine allgemeine und daurende Revolution allein hervorgebracht, oder doch vorz\u00fcglich veranla\u00dft. Revolution\u00e4re Gegenst\u00e4nde werden selten kritisch betrachtet. Die N\u00e4he einer so gl\u00e4nzenden Erscheinung blendet auch sonst starke Augen, selbst bei leidenschaftsloser Beobachtung. Wie sollte also die Menge f\u00e4hig sein, sich dem st\u00fcrmischen Eindruck nicht ganz hinzugeben, sondern ihn mit der geistigen Gegenwirkung aneignend aufzunehmen, wodurch allein er sich zum <em>Urteil<\/em> bilden kann? Der erste Eindruck literarischer Erscheinungen aber ist nicht blo\u00df unbestimmt: er ist auch selten reine Wirkung der Sache selbst, sondern gemeinschaftliches Resultat vieler mitwirkenden Einfl\u00fcsse und zusammentreffenden Umst\u00e4nde. Dennoch pflegt man ihn ganz auf die Rechnung des Autors zu setzen, wodurch dieser nicht selten in ein durchaus falsches Licht gestellt wird. Der allgemeine Eindruck wird auch bald der herrschende; es bildet sich ein blinder Glauben, eine gedankenlose Gewohnheit, welche bald heilige \u00dcberlieferung und endlich beinah unverbr\u00fcchliches Gesetz wird. Die Macht einer \u00f6ffentlichen und alten Meinung zeigt ihren Einflu\u00df auch auf solche M\u00e4nner, welche selbstst\u00e4ndig urteilen k\u00f6nnten; der Strom zieht auch sie mit fort, oft ohne da\u00df sie es nur gewahr werden. Oder wenn sie sich widersetzen, so geraten sie dann in das andere Extrem, alles unbedingt zu verwerfen. Der Glaube w\u00e4chst mit dem Fortgang, der Irrtum wird fest durch die Zeit und irrt immer weiter, die Spuren des Besseren verschwinden, vieles und vielleicht das Wichtigste sinkt ganz in Vergessenheit. So bedarf es oft nur eines geringen Zeitraums, um das Bild von seinem Originale bis zur Unkenntlichkeit zu entfernen, und um zwischen der herrschenden Meinung \u00fcber einen Schriftsteller, und dem was ganz offenbar in seinem Leben und in seinen Werken da liegt, dem was er selbst \u00fcber sich urteilte und der Art, wie er \u00fcberhaupt die Dinge der literarischen Welt ansah und ma\u00df, den schneidendsten Widerspruch zu erzeugen. Die, welche, wenn auch nicht in der Religion, doch in der Literatur den alleinseligmachenden Glauben zu besitzen w\u00e4hnen, wird dieser Widerspruch zwar selten in ihrer beh\u00e4glichen Ruhe st\u00f6ren: aber jeder Unbefangne, dem er sich pl\u00f6tzlich zeigt, mu\u00df billig dar\u00fcber erstaunen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberraschung und Erstaunen waren, das mu\u00df ich gestehen, jedesmal meine Empfindungen, wenn ich eine Zeitlang ganz in Lessings Schriften gelebt hatte, und nun absichtlich oder zuf\u00e4llig wieder auf irgend etwas geriet, wobei ich mich alles dessen erinnerte, was ich etwa schon \u00fcber die Art, wie man Lessing gew\u00f6hnlich bewundert und nachahmt, oder zu bewundern und nachzuahmen unterl\u00e4\u00dft, gesammelt und beobachtet hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja gewi\u00df, auch Lessing w\u00fcrde wo nicht \u00fcberrascht doch etwas befremdet werden, und nicht ganz ohne Unwillen l\u00e4cheln, wenn er wiederkehrte und s\u00e4he, wie man nur die Vortrefflichkeiten nicht m\u00fcde wird an ihm zu preisen, die er immer streng und ernst von sich ablehnte, nur diejenigen unter seinen zahlreichen Bem\u00fchungen und Versuchen mit einseitiger und ungerechter Vorliebe fast allein zu zergliedern und zu loben, von denen er selbst am wenigsten hielt, und von denen wohl eigentlich vergleichungsweise am wenigsten zu sagen ist, w\u00e4hrend man das Eigenste und das Gr\u00f6\u00dfte in seinen \u00c4u\u00dferungen, wie es scheint, gar nicht einmal gewahr werden will und kann! Er w\u00fcrde doch erstaunen, da\u00df gerade die poetischen Mediocristen, literarischen Moderantisten und Anbeter der Halbheit, welche er, so lange er lebte, nie aufh\u00f6rte eifrigst zu hassen und zu verfolgen, es haben wagen d\u00fcrfen, ihn als einen Virtuosen der goldnen Mittelm\u00e4\u00dfigkeit zu verg\u00f6ttern, und ihn sich ausschlie\u00dfend gleichsam zuzueignen, als sei er einer der ihrigen! Da\u00df sein Ruhm nicht ein ermunternder und leitender Stern f\u00fcr das werdende Verdienst ist, sondern als \u00c4gide gegen jeden mi\u00dfbraucht wird, der etwa in allem, was gut ist und sch\u00f6n, zu weit vorw\u00e4rts gehn zu wollen droht! Da\u00df tr\u00e4ger D\u00fcnkel, Plattheit und Vorurteil unter der Sanktion seines Namens Schutz suchen und finden! Da\u00df man ihn und einen Addison, von dessen Zahmheit, wie ers nennt, er so ver\u00e4chtlich redet (wie er denn \u00fcberhaupt n\u00fcchterne Korrektheit ohne Genie beinah noch mehr geringsch\u00e4tzt, als billig ist) zusammenpaaren mag und darf, wie man etwa \u00bbMiss Sara Sampson\u00ab und \u00bbEmilia Galotti\u00ab und \u00bbNathan den Weisen\u00ab in einem Atem und aus einem Tone bewundert, weil es doch s\u00e4mtlich dramatische Werke sind!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch er w\u00fcrde, wenn sein Geist in neuer Gestalt erschiene, von seinen eifrigsten Anh\u00e4ngern verkannt und verleugnet werden, und k\u00f6nnte ihnen gar leicht gro\u00dfes \u00c4rgernis geben. Denn wenn der heilige Glauben nicht w\u00e4re, und der noch heiligere Namen, so d\u00fcrfte Lessing doch wohl f\u00fcr manchen, der jetzt auf seiner Autorit\u00e4t vornehm ausruht, an seine Einf\u00e4lle glaubt, die Gr\u00f6\u00dfe seines Geistes f\u00fcr das Ma\u00df des menschlichen Verm\u00f6gens, und die Grenzen seiner Einsicht f\u00fcr die wissenschaftlichen <em>S\u00e4ulen des Herkules<\/em> h\u00e4lt, welche \u00fcberschreiten zu wollen ebenso gottlos als t\u00f6richt sei, nichts weiter sein, als ein ausgemachter Mystiker, ein sophistischer Gr\u00fcbler und ein kleinlicher Pedant.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht uninteressant, der allm\u00e4hlichen Entstehung und Ausbildung der herrschenden Meinung \u00fcber Lessing nachzuforschen, und sie bis in ihre kleinsten Nebenzweige zu verfolgen. Die Darstellung derselben in ihrem ganzen Umfange, mit andern Worten, die Geschichte der Wirkungen, welche Lessings Schriften auf die deutsche Literatur gehabt haben, w\u00e4re hinreichender Stoff f\u00fcr eine eigene Abhandlung. Hier wird es genug und zweckm\u00e4\u00dfiger sein, nur das Resultat einer solchen Untersuchung aufzustellen, und die im ganzen herrschende Meinung, nebst den wesentlichsten Abweichungen einzelner Gattungen mit der Genauigkeit, die ein mittlerer Durchschnitt erlaubt, im allgemeinen positiv und negativ zu bestimmen, und durch kurz angedeutete Gegens\u00e4tze in ein helleres Licht zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">V\u00f6llig ausgemacht ist es nach dem einm\u00fctigen Urteil aller, da\u00df Lessing <em>ein sehr gro\u00dfer Dichter sei.<\/em> Seine dramatische Poesie hat man unter allen seinen Geistesprodukten am weitl\u00e4ufigsten und detailliertesten zergliedert, und auf alles, was sie betrifft, legt man den wichtigsten Akzent. L\u00e4se man nicht die Werke selbst, sondern nur was \u00fcber sie gesagt worden ist: so d\u00fcrfte man leicht verf\u00fchrt werden zu glauben, die \u00bbErziehung des Menschengeschlechts\u00ab und die \u00bbFreimaurergespr\u00e4che\u00ab stehen an Bedeutung, Wert, Kunst und Genialit\u00e4t der \u00bbMiss Sara Sampson\u00ab weit nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das ist ausgemacht, da\u00df Lessing ein un\u00fcbertrefflich einziger, ja beinah <em>vollkommener Kunstkenner der Poesie<\/em> war. Hier scheinen das Ideal und der Begriff des Individuums fast ineinander verschmolzen zu sein. Beide werden nicht selten verwechselt, als v\u00f6llig identisch. Man sagt oft nur: <em>ein Lessing,<\/em> um einen vollendeten poetischen Kritiker zu bezeichnen. So redet nicht blo\u00df jedermann, so dr\u00fcckt sich auch ein <em>Kant,<\/em> ein <em>Wolf<\/em> aus; H\u00e4upter der philosophischen und der philologischen Kritik, welchen man daher den Sinn f\u00fcr Virtuosit\u00e4t in jeder Art von Kritik nicht absprechen wird; beide an Liebe und Kunst, der Wahrheit auch in ihren verborgensten Schlupfwinkeln nachzusp\u00fcren, an schneidender Strenge der Pr\u00fcfung bei biegsamer Vielseitigkeit Lessingen nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch darin ist man einig, da\u00df man seine Universalit\u00e4t bewundert, welche dem Gr\u00f6\u00dften gewachsen war, und es doch auch nicht verschm\u00e4hte, selbst das Kleinste durch Kunst und Geist zu adeln. Einige, vorz\u00fcglich unter seinen n\u00e4chsten Bewunderern und Freunden, haben ihn desfalls f\u00fcr ein <em>Universalgenie,<\/em> dem es zu gering gewesen w\u00e4re, nur in Einer Kunst oder Wissenschaft gro\u00df, vollendet und einzig zu sein, erkl\u00e4rt, ohne sich diesen Begriff recht genau zu bestimmen, oder \u00fcber die M\u00f6glichkeit dessen, was sie behaupteten, strenge Rechenschaft zu geben. Sie machen ihn nicht ohne einige Verg\u00f6tterung gleichsam zu einem <em>Eins und Alles,<\/em> und scheinen oft zu glauben, sein Geist habe wirklich keine Schranken gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Witz und Prosa sind Dinge f\u00fcr die nur sehr wenige Menschen Sinn haben, ungleich weniger vielleicht, als f\u00fcr kunstm\u00e4\u00dfige Vollendung und f\u00fcr Poesie. Daher ist denn auch von Lessings Witz und von Lessings Prosa gar wenig die Rede, ungeachtet doch sein Witz vorzugsweise klassisch genannt zu werden verdient, und eine pragmatische Theorie der deutschen Prosa wohl mit der Charakteristik seines Styls gleichsam w\u00fcrde anfangen und endigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch weniger ist nat\u00fcrlich bei dem allgemeinen Mangel an Sinn f\u00fcr sittliche Bildung und sittliche Gr\u00f6\u00dfe, bei der modischen nichts unterscheidenden Verachtung der \u00c4sthetiker gegen alles, was moralisch hei\u00dfen will oder wirklich ist, der schw\u00e4chlichen Schlaffheit, der eigensinnigen Willk\u00fcrlichkeit, dr\u00fcckenden Kleinlichkeit und konsequenten Unvernunft der konventionellen und in der Gesellschaft wirklich geltenden Moral auf der einen Seite, und dem Borniertismus abstrakter und buchst\u00e4belnder Tugendpedanten und Maximisten auf der andern, von <em>Lessings Charakter<\/em> die Rede; von den w\u00fcrdigen m\u00e4nnlichen Grunds\u00e4tzen, von dem <em>gro\u00dfen freien Styl seines Lebens,<\/em> welches vielleicht die beste praktische Vorlesung \u00fcber die Bestimmung des Gelehrten sein d\u00fcrfte; von der dreisten Selbstst\u00e4ndigkeit, von der derben Festigkeit seines ganzen Wesens, von seinem edeln vornehmen Zynismus, von seiner heiligen Liberalit\u00e4t; von jener biedern Herzlichkeit, die der sonst nicht empfindsame Mann in allem was Kindespflicht, Brudertreue, Vaterliebe, und \u00fcberhaupt die ersten Bande der Natur und die innigsten Verh\u00e4ltnisse der Gesellschaft betrifft, stets offenbart, und die sich auch hie und da in Werken, welche sonst nur der Verstand gedichtet zu haben scheint, so anziehend und durch ihre Seltenheit selbst r\u00fchrender \u00e4u\u00dfert; von jenem tugendhaften Ha\u00df der halben und der ganzen L\u00fcge, der knechtischen und der herrschs\u00fcchtigen Geistesfaulheit; von jener Scheu vor der geringsten Verletzung der Rechte und Freiheiten jedes Selbstdenkers; von seiner warmen, t\u00e4tigen Ehrfurcht vor allem was er als Mittel zur Erweiterung der Erkenntnis und insofern als Eigentum der Menschheit betrachtete; von seinem reinen Eifer in Bem\u00fchungen, von denen er selbst am besten wu\u00dfte, da\u00df sie nach der gemeinen Ansicht, fehlschlagen und nichts fruchten w\u00fcrden, die aber in diesem Sinne getan, mehr wert sind, wie jeder Zweck: von jener g\u00f6ttlichen Unruhe, die \u00fcberall und immer nicht blo\u00df wirken, sondern aus Instinkt der Gr\u00f6\u00dfe handeln <em>mu\u00df<\/em>, und die auf alles, was sie nur ber\u00fchrt, von selbst, ohne da\u00df sie es wei\u00df und will, zu allem Guten und Sch\u00f6nen so m\u00e4chtig wirket.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und doch sind es grade <em>diese<\/em> Eigenschaften und so viele andre ihnen \u00e4hnliche noch weit mehr als seine Universalit\u00e4t und Genialit\u00e4t, um derentwillen man es nicht mi\u00dfbilligen mag, da\u00df ein Freund die erhabene Schilderung, welche Cassius beim Shakespeare vom C\u00e4sar macht, auf ihn anwandte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, er beschreitet, Freund, die enge Welt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein Kolossus, und wir kleinen Leute,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wandeln unter seinen Riesenbeinen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schaun umher nach einem schn\u00f6den Grab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn diese Eigenschaften kann nur <em>ein gro\u00dfer Mann<\/em> besitzen, <em>der ein Gem\u00fct hat,<\/em> das hei\u00dft, jene lebendige Regsamkeit und St\u00e4rke des innersten, tiefsten Geistes, des Gottes im Menschen. Man h\u00e4tte daher nicht so weit gehn sollen, zu behaupten, es fehle ihm an Gem\u00fct, wie sie&#8217;s nennen, weil er keine Liebe hatte. Ist denn Lessings Ha\u00df der Unvernunft nicht so g\u00f6ttlich wie die echteste, die geistigste Liebe? Kann man so hassen ohne Gem\u00fct? Zu geschweigen, da\u00df so mancher, der ein Individuum oder eine Kunst zu lieben glaubt, nur eine erhitzte Einbildungskraft hat. Ich f\u00fcrchte, da\u00df jene unbillige Meinung um so weiter verbreitet ist, je weniger man sie laut gesagt hat. Einige Fantasten von der bornierten und illiberalen Art, welche gegen Lessing nat\u00fcrlich so gesinnt sein m\u00fcssen, wie etwa der Patriarch gegen einen Alhafi oder gegen einen Nathan gesinnt sein w\u00fcrde, scheinen ihm wegen jenes Mangels sogar die Genialit\u00e4t absprechen zu wollen. \u2013 Es ist hinreichend, diese Meinung nur zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliothekarische und antiquarische <em>Mikrologie<\/em> des wunderlichen Mannes und seine seltsame <em>Orthodoxie<\/em> wei\u00df man nur anzustaunen. Seine b\u00f6se Polemik beklagt man fast einm\u00fctig recht sehr, so wie auch, da\u00df der Mann sogar <em>fragmentarisch<\/em> schrieb, und trotz alles Anmahnens nicht immer lauter Meisterwerke vollenden wollte. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine <em>Polemik<\/em> insonderheit ist, ungeachtet sie \u00fcberall den Sieg davon getragen hat, und man es auch da, wo es allerdings einer tiefern historischen Untersuchung, und kritischen W\u00fcrdigung bedurft h\u00e4tte, vorz\u00fcglich in Sachen des Geschmacks, bei seiner blo\u00df polemischen Entscheidung hat bewenden lassen, dennoch selbst so v\u00f6llig vergessen, da\u00df es vielleicht f\u00fcr viele, welche Verehrer Lessings zu sein glauben, ein Paradoxon sein w\u00fcrde, wenn man behauptete, der \u00bbAnti-G\u00f6tze\u00ab verdiene nicht etwa blo\u00df in R\u00fccksicht auf zermalmende Kraft der Beredsamkeit, \u00fcberraschende Gewandtheit und gl\u00e4nzenden Ausdruck, sondern an Genialit\u00e4t, Philosophie, selbst an poetischem Geiste und sittlicher Erhabenheit einzelner Stellen, unter allen seinen Schriften den ersten Rang. Denn nie hat er so aus dem tiefsten Selbst geschrieben, als in diesen Explosionen, die ihm die Hitze des Kampfs entri\u00df, und in denen der Adel seines Gem\u00fcts im reinsten Glanz so unzweideutig hervorstrahlt. Was k\u00f6nnten und w\u00fcrden auch wohl die Verehrer der von Lessing immer so bitter verachteten und verspotteten H\u00f6flichkeit und Dezenz, \u00bbf\u00fcr welche die Polemik \u00fcberhaupt wohl weder Kunst noch Wissenschaft sein mag,\u00ab zu einer Polemik sagen, gegen welche sie selbst <em>Fichtes<\/em> Denkart friedlich und seine Schreibart milde nennen m\u00fc\u00dften? Und das in einem Zeitalter, wo man n\u00e4chst der Mystik nichts so sehr scheut als Polemik, wo es herrschender Grundsatz ist, f\u00fcnf grade sein zu lassen, und die Sache ja nicht so genau zu nehmen, wo man alles dulden, besch\u00f6nigen und vergessen kann, nur strenge r\u00fccksichtslose Rechtlichkeit nicht? Wenn diese Lessingsche Polemik nicht gl\u00fccklicherweise so vergessen, viele seiner besten Schriften nicht so unbekannt w\u00e4ren, da\u00df unter hundert Lesern vielleicht kaum Einer bemerken wird, wie \u00e4hnlich die Fichtische Polemik der Lessingschen sei, nicht etwa in etwas Zuf\u00e4lligem, im Kolorit oder Styl, sondern grade in dem, was das Wichtigste ist, in den Hauptgrunds\u00e4tzen, und in dem was am meisten auff\u00e4llt, in einzelnen schneidenden und harten Wendungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lessings <em>Philosophie,<\/em> welche freilich wohl unter allen Fragmenten, die er in die Welt warf, am meisten Fragment geblieben ist, da sie in einzelnen Winken und Andeutungen, oft an dem unscheinbarsten Ort andrer Bruchst\u00fccke, \u00fcber alle seine Werke der letztern, und einige der mittlern und ersten Epoche seines geistigen Lebens zerstreut liegt; seine Philosophie, welche f\u00fcr den Kritiker, der ein philosophischer K\u00fcnstler werden will, dennoch sein sollte, was der<em> Torso<\/em> f\u00fcr den bildenden K\u00fcnstler; Lessings Philosophie scheint man nur als Veranlassung der Jacobischen, oder gar nur als Anhang der Mendelssohnschen zu kennen! Man wei\u00df nichts davon zu sagen, als da\u00df er die Wahrheit und Untersuchung liebte, gern stritt und widersprach, sehr gern Paradoxen sagte, gewaltig viel Scharfsinn besa\u00df, Dummk\u00f6pfe mit unter ein wenig zum besten hatte, an Universalit\u00e4t der Kenntnisse und Vielseitigkeit des Geistes Leibnizen auffallend \u00e4hnelte, und gegen das Ende seines Lebens leider ein Spinosist wurde!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von seiner <em>Philologie<\/em> erw\u00e4hnt man, da\u00df er in der Konjekturalkritik, welche der Gipfel der philologischen Kunst sei, ungleich weniger St\u00e4rke besitze, als man wohl erwarten m\u00f6ge, da er doch in der Tat einige der zu dieser Wissenschaft erforderlichen und ersprie\u00dflichen Geistesgaben von der Natur erhalten h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Mediocristen sich von der nachahmungsw\u00fcrdigen <em>Universalkorrektheit<\/em> des weisen n\u00fcchternen Lessing eingebildet haben, ist schon erw\u00e4hnt worden. Diese haben denn auch nat\u00fcrlich seine dramaturgischen und sonst zur Poetik und Theorie der Dichtarten geh\u00f6rigen Fragmente und Fermente, die er wohl selbst so nannte, fixiert, und zu heiligen Schriften und <em>symbolischen B\u00fcchern der Kunstlehre<\/em> erkieset.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies sind wohl ungef\u00e4hr die haupts\u00e4chlichsten Gesichtspunkte und Rubriken, nach welchen man von Lessing \u00fcberhaupt etwas geurteilt oder gemeint hat. Wie alles das, was er in jedem dieser F\u00e4cher sein soll oder wirklich war, wohl zusammenh\u00e4ngen mag, welcher <em>gemeinsame Geist<\/em> alles beseelt, was er denn eigentlich im <em>ganzen<\/em> war, sein wollte, und werden mu\u00dfte; dar\u00fcber scheint man gar nichts zu urteilen und zu meinen. Geht man sonst bei seiner Charakteristik ins einzelne: so geschieht dies nicht etwa nach den verschiedenen Stufen seiner literarischen Bildung, den Epochen seines Geistes, und mit der Unterscheidung des eignen Styls und Tons eines jeden, noch nach den vorherrschenden Richtungen und Neigungen seines Wesens, nach den verschiedenen Zweigen seiner T\u00e4tigkeit und Einsicht: sondern nach den Titeln seiner einzelnen Schriften, die man nicht selten, (oft mit \u00dcbergehung der wichtigsten und bei weitl\u00e4uftiger Zergliederung der dramatischen Jugendversuche) nach nichtsbedeutenden Gattungsnamen registerm\u00e4\u00dfig zusammenpaart; da doch jedes seiner meisten und besten Werke, ein literarisches Individuum f\u00fcr sich, ein Wesen eigner Art ist, \u00bbwas aller Grenzscheidungen der Kritik spottet,\u00ab und oft weder Vorg\u00e4nger noch Nachfolger hat, womit es in eine Rubrik gebracht werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich, was Lessing betrifft, Lessingen und seinen Werken mehr glaube, als seinen Beurteilern und Lobrednern: so kann ich nicht umhin, diese Ansichten und Meinungen, insofern sie Urteile sein sollen, nicht blo\u00df wegen dessen, was sie im ganzen unterlassen, sondern auch wegen des Positiven, was sie im einzelnen enthalten, ihrer Form und ihrem Inhalte nach zu mi\u00dfbilligen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist gewi\u00df l\u00f6blich, da\u00df man Lessingen gelobt hat, und noch lobt. Man kann in diesem St\u00fccke auf die rechte Weise des Guten auch wohl nicht so leicht zu viel tun; und was w\u00e4re kleinlicher, als einem Manne von der ersten seltensten Gr\u00f6\u00dfe seinen Ruhm mit \u00e4ngstlichem Geiz darzuwiegen? Aber was w\u00e4re auch ein Lob ohne die strengste Pr\u00fcfung und das freieste Urteil? Zum wenigsten <em>Lessings<\/em> durchaus unw\u00fcrdig; so wie alle unbestimmte Bewunderung und unbedingte Verg\u00f6tterung, welche, wie auch dieses Beispiel wieder best\u00e4tigen kann, durch Einseitigkeit gegen ihren Gegenstand selbst so leicht ungerecht werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte doch nun auch einmal den Versuch wagen, Lessingen nach den Gesetzen zu kritisieren, die er selbst f\u00fcr die Beurteilung gro\u00dfer Dichter und Meister in der Kunst vorgeschrieben hat; ob nicht vielleicht eine solche Kritik die beste Lobrede f\u00fcr ihn sein d\u00fcrfte: ihn so zu bewundern und ihm so nachzufolgen, wie er wollte, da\u00df man es mit <em>Luthern<\/em> halten sollte, mit dem man ihn wohl in mehr als einer R\u00fccksicht vergleichen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jene Vorschriften sind folgende. \u00bbEinen elenden Dichter tadelt man gar nicht; mit einem mittelm\u00e4\u00dfigen verf\u00e4hrt man gelinde; gegen einen gro\u00dfen ist man unerbittlich.\u00ab (T. IV, S. 34.) \u00bbWenn ich Kunstrichter w\u00e4re, wenn ich mir getraute das Kunstrichterschild aush\u00e4ngen zu k\u00f6nnen: so w\u00fcrde meine Tonleiter diese sein. Gelinde und schmeichelnd gegen den Anf\u00e4nger;<em> mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd<\/em> gegen den Meister; abschreckend und positiv gegen den St\u00fcmper; h\u00f6hnisch gegen den Prahler; und so bitter als m\u00f6glich gegen den Kabalenmacher\u00ab (T. XII, S. 163).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Luther redet er so: \u00bbDer wahre Lutheraner will nicht bei Luthers <em>Schriften,<\/em> er will bei Luthers<em> Geist<\/em> gesch\u00fctzt sein u.s.w.\u00ab (T. V, S. 162). \u00dcberhaupt war <em>unbegrenzte Verachtung des Buchstabens<\/em> ein Hauptzug in Lessings Charakter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Freim\u00fctigkeit<\/em> ist die erste Pflicht eines jeden, der \u00fcber Lessing \u00f6ffentlich reden will. Denn wer kann wohl den Gedanken ertragen, da\u00df Lessing irgendeiner Schonung bed\u00fcrfte? Oder wer m\u00f6chte wohl seine Meinung \u00fcber den Meister der Freim\u00fctigkeit nur furchtsam zu verstehn geben, und angstvoll halb reden, halb schweigen? Und wer, der es k\u00f6nnte, darf sich einen Verehrer Lessings nennen? Das w\u00e4re Entweihung seines Namens!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sollte man auf das kleine \u00c4rgernis R\u00fccksicht nehmen, was etwa zuf\u00e4llig daraus entstehen k\u00f6nnte, da Er selbst das \u00e4rgste \u00c4rgernis f\u00fcr nichts als \u00bbeinen Popanz hielt, mit dem gewisse Leute gern allen und jeden Geist der Pr\u00fcfung verscheuchen m\u00f6chten?\u00ab (T. VI, S. 152.) Ja er hielt es sogar f\u00fcr \u00e4u\u00dferst ver\u00e4chtlich, \u00bbda\u00df sich niemand die M\u00fche zu nehmen pflegt, sich den Geckereien, welche man vor dem Publikum und mit dem Publikum so h\u00e4ufig unternimmt, entgegenzustellen, wodurch sie mit dem Lauf der Zeit das Ansehn einer sehr ernsthaften, heiligen Sache gewinnen. Da hei\u00dft es dann \u00fcber tausend Jahren: W\u00fcrde man denn in die Welt so haben schreiben d\u00fcrfen, wenn es nicht wahr gewesen w\u00e4re? Man hat diesen glaubw\u00fcrdigen M\u00e4nnern damals nicht widersprochen und ihr wollt ihnen jetzt widersprechen?\u00ab Obgleich der gro\u00dfe Menschenkenner in dieser Stelle (T. VII, S. 309) eigentlich von Geckereien ganz andrer Art redet: so ist doch alles auch sehr anwendbar auf die Geckereien, von denen hier die Rede ist. Denn <em>Geckerei<\/em> darf es doch wohl zum Beispiel genannt werden, wenn man Lessing zum Ideal der goldnen Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, zum Helden der seichten Aufkl\u00e4rung, die so wenig Licht als Kraft hat, erheben will? \u2013 \u00bbWenn es ein wenig zu bei\u00dfend gesagt sein sollte \u2013 <em>wozu hilft das Salz, wenn man nicht damit salzen soll?<\/em>\u00ab (T. V, S. 208.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch ist gewi\u00df eine solche Freim\u00fctigkeit nicht notwendig fruchtlos: denn wenn es auch sehr wahr ist, was Lessing ebenso richtig als scharfsinnig bemerkt hat, \u00bb<em>da\u00df bis jetzt in der Welt noch unendlich mehr \u00fcbersehen als gesehen worden ist<\/em>\u00ab (T. V, S. 256): so ist denn doch nicht minder richtig, da\u00df \u00bb<em>bei den Klugen keine Verj\u00e4hrung stattfindet.<\/em>\u00ab (T. VII, S 309.) Diese notwendige Freim\u00fctigkeit w\u00fcrde bei mir, wenn diese Eigenschaft mir auch nicht \u00fcberhaupt nat\u00fcrlich w\u00e4re, doch schon aus der <em>Unbefangenheit,<\/em> mit der ich Lessings Schriften und ihre Wirkungen kennenlernte, haben folgen m\u00fcssen. Eine Wahrnehmung, ein Widerspruch, der uns \u00fcberrascht hat, wird ganz nat\u00fcrlich so wiedergegeben, wie er empfangen wurde. Auch sollte es mich freuen, wenn alle diejenigen, welche Lessing immer zitieren, ohne seinen Geist, ja oft ohne seine Schriften gr\u00fcndlich zu kennen, meine eigent\u00fcmliche und f\u00fcr sie paradoxe Ansicht von ihm, ihrer Mi\u00dfbilligung und Abneigung wert halten wollten, oder sich ebenso wenig darin finden k\u00f6nnten, wie in Lessings Pedanterie, Orthodoxie, Mikrologie und Polemik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jene <em>Unbefangenheit<\/em> ward mir dadurch m\u00f6glich, da\u00df ich nicht Lessings Zeitgenosse war, und also weder mit noch wider den Strom der \u00f6ffentlichen Meinung \u00fcber ihn zu gehn brauchte. Sie ward noch erh\u00f6ht durch den gl\u00fccklichen Umstand, da\u00df mich Lessing erst sp\u00e4t und nicht eher anfing zu interessieren, als bis ich fest und selbstst\u00e4ndig genug war, um mein Augenmerk auf das Ganze richten, um mich mehr f\u00fcr ihn und den Geist seiner Behandlung als f\u00fcr die behandelten Gegenst\u00e4nde interessieren, und ihn <em>frei<\/em> betrachten zu k\u00f6nnen. Denn so lange man noch am Stoff klebt, so lange man in einer besondern Kunst und Wissenschaft, oder in der gesamten Bildung \u00fcberhaupt, noch nicht durch sich selbst zu einer gewissen <em>Befriedigung<\/em> gelangt ist, welche dem weitern Fortschreiten so wenig hinderlich ist, da\u00df dieses vielmehr erst durch sie gesichert wird; so lange man noch rastlos nach einem festen Stand und Mittelpunkt umhersucht: so lange ist man noch nicht frei, und noch durchaus unf\u00e4hig, einen Schriftsteller zu beurteilen. Wer die \u00bbDramaturgie\u00ab zum Beispiel etwa in der illiberalen Absicht liest, die Reguln der dramatischen Dichtkunst aus ihr zu erfahren, oder durch dieses Medium \u00fcber die Poetik des Aristoteles Gewi\u00dfheit zu erhalten, und ins reine zu kommen: der hat sicher noch gar keinen Sinn f\u00fcr die Individualit\u00e4t und Genialit\u00e4t dieses seltsamen Werks. Ich erinnere mich noch recht gut, da\u00df ich unter andern den \u00bbLaokoon\u00ab, trotz dem g\u00fcnstigen Vorurteil und trotz dem Eindruck einzelner Stellen, ganz unbefriedigt und daher ganz mi\u00dfvergn\u00fcgt aus der Hand legte. Ich hatte das Buch n\u00e4mlich mit der t\u00f6richten Hoffnung gelesen, hier die bare und blanke und felsenfeste Wissenschaft \u00fcber die ersten und letzten Gr\u00fcnde der bildenden Kunst, und ihr Verh\u00e4ltnis zur Poesie, zu finden, welche ich begehrte und verlangte. So lange der Grund fehlte, war ich f\u00fcr einzelne Bereicherungen nicht empf\u00e4nglich, und Erregungen der Wi\u00dfbegier brauchte ich nicht. Mein Lesen war interessiert, und noch nicht <em>Studium,<\/em> d.h. uninteressierte, freie, durch kein bestimmtes Bed\u00fcrfnis, durch keinen bestimmten Zweck beschr\u00e4nkte Betrachtung und Untersuchung, wodurch allein der <em>Geist<\/em> eines Autors ergriffen und ein <em>Urteil<\/em> \u00fcber ihn hervorgebracht werden kann. So gings mir mit mehren Schriften Lessings. Doch habe ich diese S\u00fcnde, wenn es eine ist, reichlich abgeb\u00fc\u00dft. Denn seitdem mein Sinn f\u00fcr Lessing, wie ein Schw\u00e4rmer oder ein Sp\u00f6tter es ausdr\u00fccken w\u00fcrde, zum Durchbruch gekommen, und mir ein Licht \u00fcber ihn aufgegangen ist, sind seine s\u00e4mtlichen Werke, ohne Ausnahme des geringsten und unfruchtbarsten, ein wahres Labyrinth f\u00fcr mich, in welches ich \u00e4u\u00dferst leicht den Eingang, aus dem ich aber nur mit der \u00e4u\u00dfersten Schwierigkeit den Ausweg finden kann. Die Magie dieses eignen Reizes w\u00e4chst mit dem Gebrauch und ich kann der Lockung selten widerstehn. Ja ich mu\u00df \u00fcber mich selbst l\u00e4cheln, wenn ich mir vorstelle, wie oft ich ihr schon seit der Zeit, wo ich den Gedanken fa\u00dfte, das Mitteilbarste von dem, was ich \u00fcber Lessing gesammelt und aufgeschrieben hatte, drucken zu lassen, unterlegen, die B\u00e4nde von neuem durchgelesen, vieles f\u00fcr mich bemerkt und f\u00fcr mich geschrieben, dar\u00fcber aber immer den beabsichtigten Druck weiter hinausgeschoben, oft g\u00e4nzlich vergessen habe. Denn das Interesse des Studiums \u00fcberwog hier das Interesse der \u00f6ffentlichen Mitteilung, welches immer schw\u00e4cher ist, so sehr, da\u00df ich, ohne einen kategorischen Entschlu\u00df wohl immer an einem Aufsatz \u00fcber Lessing nur gearbeitet haben w\u00fcrde, ohne ihn jemals zu vollenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Studium und jene Unbefangenheit allein k\u00f6nnen mir den sonst unersetzlichen Mangel einer <em>lebendigen Bekanntschaft mit Lessing<\/em> einigerma\u00dfen ersetzen. Ein Autor, er sei K\u00fcnstler oder Denker, der alles was er vermag, oder wei\u00df, zu Papiere bringen kann, ist zum mindesten kein Genie. Es gibt ihrer die ein Talent haben, aber ein so beschr\u00e4nktes, so isoliertes, da\u00df es ihnen ganz fremd l\u00e4\u00dft, als ob es nicht ihr eigen, als ob es ihnen nur angeheftet oder geliehen w\u00e4re. Von dieser Art war Lessing nicht. <em>Er selbst war mehr wert, als alle seine Talente.<\/em> In seiner Individualit\u00e4t lag seine Gr\u00f6\u00dfe. Nicht blo\u00df aus den Nachrichten von seinen Gespr\u00e4chen, nicht blo\u00df aus den, wie es scheint, bisher sehr vernachl\u00e4ssigten <em>Briefen,<\/em> deren einer oder der andere f\u00fcr den, welcher nur <em>Lessingen im Lessing sucht<\/em> und studiert, und Sinn hat f\u00fcr seine genialische Individualit\u00e4t, mehr wert ist als manches seiner ber\u00fchmtesten Werke: auch aus seinen Schriften selbst m\u00f6chte man fast vermuten, er habe das <em>lebendige Gespr\u00e4ch<\/em> noch mehr in der Gewalt gehabt als den schriftlichen Ausdruck, er habe hier seine innerste und tiefste Eigent\u00fcmlichkeit noch klarer und dreister mitteilen k\u00f6nnen. Wie lebendig und dialogisch seine Prosa ist, bedarf keiner Auseinandersetzung. Das Interessanteste und das Gr\u00fcndlichste in seinen Schriften sind Winke und Andeutungen, das Reifste und Vollendetste Bruchst\u00fccke von Bruchst\u00fccken. Das Beste was Lessing sagt, ist was er, wie erraten und erfunden, in ein paar gediegenen Worten voll Kraft, Geist und Salz hinwirft; Worte, in denen, was die dunkelsten Stellen sind im Gebiet des menschlichen Geistes, oft wie vom Blitz pl\u00f6tzlich erleuchtet, das Heiligste h\u00f6chst keck und fast frevelhaft, das Allgemeinste h\u00f6chst sonderbar und launig ausgedr\u00fcckt wird. Einzeln und kompakt, ohne Zergliederung und Demonstration, stehen seine Haupts\u00e4tze da, wie mathematische Axiome; und seine b\u00fcndigsten R\u00e4sonnements sind gew\u00f6hnlich nur eine Kette von witzigen Einf\u00e4llen. Von solchen M\u00e4nnern mag eine kurze Unterredung oft lehrreicher sein und weiter f\u00fchren, als ein langes Werk! Ich wenigstens k\u00f6nnte die Befriedigung des feurigen Wunsches, grade diesen Mann sehen und sprechen zu d\u00fcrfen, vielleicht mit Entsagung auf den Genu\u00df und den Vorteil von irgendeinem seiner Werke an meinem Teil erkaufen wollen! Bei der Unm\u00f6glichkeit, dieses Verlangen erf\u00fcllt zu sehn, mu\u00df ich mich wohl mit der erw\u00e4hnten Unbefangenheit und Freim\u00fctigkeit zu tr\u00f6sten suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn aber auch die letzte noch so gro\u00df w\u00e4re: so w\u00fcrde ich es doch kaum wagen, meine Meinung \u00fcber Lessing \u00f6ffentlich zu sagen, wenn ich sie nicht im ganzen durch Lessings Maximen verteidigen, und im einzelnen durchg\u00e4ngig mit Autorit\u00e4ten und entscheidend beweisenden Stellen aus Lessing belegen k\u00f6nnte; so <em>unendlich verschieden<\/em> ist meine Ansicht Lessings von der herrschenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man meint zum Beispiel nicht nur, sondern man glaubt sogar entschieden zu wissen, da\u00df Lessing <em>einer der gr\u00f6\u00dften Dichter<\/em> war; und ich <em>zweifle<\/em> sogar, ob er \u00fcberall ein Dichter gewesen sei, ja ob er poetischen Sinn und Kunstgef\u00fchl gehabt habe. Dagegen brauche ich aber auch zu dem was <em>er selbst<\/em> \u00fcber diesen Punkt sagt, nur sehr Weniges hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hauptstelle steht in der Dramaturgie. \u00bbIch bin\u00ab sagt er in dem \u00e4u\u00dferst charakteristischen <em>Epilog der Dramaturgie,<\/em> eines Werks, welches, darin einzig in seiner Art, von einer merkantilischen Veranlassung und von dem Vorsatz einer w\u00f6chentlichen Unterhaltung ausgeht und, ehe man sich&#8217;s versieht, den popul\u00e4ren Horizont himmelweit \u00fcberflogen hat, und um alle Zeitverh\u00e4ltnisse unbek\u00fcmmert, in die reinste Spekulation versunken, mit raschem Lauf auf das paradoxe Ziel eines <em>poetischen Euklides<\/em> lossteuert, dabei aber auf seiner ekzentrischen Bahn so individuell, so lebendig, so Lessingisch ausgef\u00fchrt ist, da\u00df man es selbst ein <em>Monodrama<\/em> nennen k\u00f6nnte: \u2013 \u00bb<em>Ich bin,<\/em> sagt er hier (T. XXV, S. 376 folg.) <em>weder Schauspieler noch Dichter.<\/em>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan erweiset mir wohl manchmal die Ehre, mich f\u00fcr den letztern zu erkennen. <em>Aber nur, weil man mich verkennt. Aus<\/em> einigen dramatischen <em>Versuchen,<\/em> die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern. Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist ein Maler. Die \u00e4ltesten von jenen Versuchen <em>sind in den Jahren hingeschrieben, in welchen man Lust und T\u00fcchtigkeit so gern f\u00fcr Genie h\u00e4lt.<\/em> Was in den neuern <em>Ertr\u00e4gliches<\/em> ist, davon <em>bin ich mir sehr bewu\u00dft,<\/em> da\u00df ich es <em>einzig und allein<\/em> der Kritik zu verdanken habe. <em>Ich f\u00fchle die lebendige Quelle nicht in mir,<\/em> die sich durch eigene Kraft emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschie\u00dft: <em>ich mu\u00df alles durch Druckwerk und R\u00f6hren in mir heraufpressen.<\/em> Ich w\u00fcrde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigerma\u00dfen gelernt h\u00e4tte, fremde Sch\u00e4tze bescheiden zu borgen, an fremdem Feuer mich zu w\u00e4rmen und durch die Gl\u00e4ser der Kunst mein Auge zu st\u00e4rken. Ich bin daher immer besch\u00e4mt und verdrie\u00dflich geworden, wenn ich zum Nachteil der Kritik etwas las oder h\u00f6rte. Sie soll das Genie ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahe k\u00f6mmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schm\u00e4hschrift auf die Kr\u00fccke unm\u00f6glich erbauen kann.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDoch freilich; wie die Kr\u00fccke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum L\u00e4ufer machen kann: so auch die Kritik. Wenn ich mit ihrer H\u00fclfe etwas zu Stande bringe, welches besser ist, als es einer von meinen Talenten ohne Kritik machen w\u00fcrde: so kostet es mir soviel Zeit, ich mu\u00df von andern Gesch\u00e4ften so frei, von unwillk\u00fcrlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, <em>ich mu\u00df meine ganze Belesenheit so gegenw\u00e4rtig haben,<\/em> ich mu\u00df bei jedem Schritt alle Bemerkungen, die ich jemals \u00fcber Sitten und Leidenschaften gemacht, so ruhig durchlaufen k\u00f6nnen; da\u00df zu einem Arbeiter, der ein Theater mit Neuigkeiten unterhalten soll, niemand ungeschickter sein kann, als ich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat diese wichtige Stelle, welche meines Erachtens der <em>Text<\/em> zu allem, was sich \u00fcber Lessings Poesie sagen l\u00e4\u00dft, ist und bleiben mu\u00df, bisher zwar keineswegs \u00fcbersehen. Nur hat man nicht sehn oder nicht einsehn wollen, was darin gesagt, und was dadurch entschieden und \u00fcber allen Zweifel erhoben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vergebens w\u00fcrde man sich die St\u00e4rke jener \u00c4u\u00dferung durch die Voraussetzung zu entkr\u00e4ften suchen, er sei <em>h\u00f6flich<\/em> gewesen, und habe es nicht so gar ernstlich gemeint. Dem widerspricht nicht nur der offne, freie, biedre Charakter dieser Stelle, sondern auch der Geist und Buchstabe vieler andern, wo er mit der \u00e4u\u00dfersten Verachtung und Verabscheuung wider den falschen Anstand, und die falsche Bescheidenheit redet. Nichts stritt so sehr mit seinem innersten Wesen, als ein solches Gemisch von verhaltner Selbstsucht und Gewohnheitsl\u00fcge. Das beweisen alle seine Schriften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie freim\u00fctig, ja wie dreist er auch das Gute, was er von sich hielt, sagen zu m\u00fcssen und zu k\u00f6nnen glaubte, m\u00f6gen zwei Stellen aus demselben St\u00fcck der \u00bbDramaturgie\u00ab mit jener in Erinnrung bringen, welche den Inhalt jener best\u00e4tigen und erl\u00e4utern; deren eine \u00fcberdem ganz vorz\u00fcglich ins Licht setzt, wie<em> Lessing \u00fcber seine Kritik selbst urteilte;<\/em> und deren andere in ihrem \u00e4u\u00dferst kecken Tone jenes <em>Bewu\u00dftsein von Genialit\u00e4t,<\/em> wenn auch nicht grade von poetischer, verr\u00e4t, welches sich im ganzen Epilog der \u00bbDramaturgie\u00ab kundgibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSeines Flei\u00dfes\u00ab, sagt er (T. XXV, S. 384) \u00bbdarf sich jedermann r\u00fchmen: ich glaube die dramatische Dichtkunst studiert zu haben; <em>sie mehr studiert zu haben als zwanzig, die sie aus\u00fcben.<\/em> Auch habe ich sie so weit ausge\u00fcbt, als es n\u00f6tig ist, um mitsprechen zu d\u00fcrfen: denn ich wei\u00df wohl, so wie der Maler sich von niemanden gern tadeln l\u00e4\u00dft, der den Pinsel ganz und gar nicht zu f\u00fchren wei\u00df, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er bewerkstelligen mu\u00df, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen vermag, doch urteilen, ob es sich machen l\u00e4\u00dft. Ich verlange auch nur eine Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anma\u00dft, der, wenn er nicht dem oder jenem Ausl\u00e4nder nachplaudern gelernt h\u00e4tte, stummer sein w\u00fcrde, als ein Fisch.\u00ab \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem er davon geredet hat, wie er gestrebt habe, den Wahn der deutschen Dichter, den Franzosen nachahmen hei\u00dfe so viel, als nach den Regeln der Alten arbeiten, zu bestreiten, f\u00fcgt er hinzu (S. 388):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wage es, hier eine \u00c4u\u00dferung zu tun, man mag sie doch nehmen, wof\u00fcr man will: <em>Man nenne mir das St\u00fcck des gro\u00dfen Corneille, welches ich nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette?<\/em>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDoch nein; ich wollte nicht gern, da\u00df man diese \u00c4u\u00dferung f\u00fcr Prahlerei nehmen k\u00f6nne. Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es zuverl\u00e4ssig besser machen, \u2013 und doch lange kein Corneille sein, \u2013 und doch lange noch kein Meisterst\u00fcck gemacht haben. Ich werde es zuverl\u00e4ssig besser machen; und mir doch wenig darauf einbilden d\u00fcrfen. Ich werde nichts getan haben, als was jeder tun kann, der so fest an den Aristoteles glaubt, wie ich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugegeben da\u00df Lessing so \u00fcber seine Poesie dachte, wie er sich \u00e4u\u00dfert: ist es ausgemacht, k\u00f6nnte man einwenden, <em>da\u00df er sich selbst gekannt habe?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz und im strengsten Sinn kennt niemand sich selbst. Von dem Standpunkt der gegenw\u00e4rtigen Bildungsstufe reflektiert man \u00fcber die zun\u00e4chst vorhergegangne, und ahnet die kommende: aber den Boden, auf dem man steht, sieht man nicht. Von einer Seite hat man die Aussicht auf ein paar angrenzende: aber die entgegengesetzte Scheibe des beseelten Planeten bleibt immer verdeckt. Mehr ist dem Menschen nicht geg\u00f6nnt. Wenn aber das Ma\u00df der Selbstkenntnis durch das Ma\u00df der Genialit\u00e4t, der Vielseitigkeit, und der Ausbildung bestimmt wird: so wage ichs zu behaupten, da\u00df Lessing, obgleich er nicht f\u00e4hig gewesen w\u00e4re, sich selbst zu charakterisieren, sich doch in einem vorz\u00fcglichen Grade selbst kannte, und grade kein Departement seines Geistes so gut kannte, als seine Poesie. Seine Poesie verstand er durch seine Kritik, die ebenso alt und mit jener schwesterlich aufgewachsen war. Um seine Kritik so zu verstehen, h\u00e4tte er fr\u00fcher philosophieren, oder sp\u00e4ter kritisieren m\u00fcssen. F\u00fcr die Philosophie war seine Anlage zu gro\u00df und zu weit, als da\u00df sie je h\u00e4tte reif werden k\u00f6nnen; wenigstens h\u00e4tte er das h\u00f6chste Alter erreichen m\u00fcssen, um nur einigerma\u00dfen zum Bewu\u00dftsein derselben zu gelangen. Vielleicht h\u00e4tte er aber auch noch au\u00dferdem etwas haben m\u00fcssen, was ihm ganz fehlte, n\u00e4mlich historischen Geist, um aus seiner Philosophie klug werden zu k\u00f6nnen, und sich seiner Ironie und seines Zynismus bewu\u00dft zu werden: denn niemand kennt sich, insofern er nur er selbst und nicht auch zugleich ein andrer ist. Je mehr Vielseitigkeit also, desto mehr Selbstkenntnis; und je genialischer, desto konsequenter, bestimmter, abgeschnittner und entschiedner in seinen Schranken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Anwendung auf Lessing macht sich von selbst. Und in keinem Fach hatte Lessing soviel Erfahrung, Gelehrsamkeit, Studium, \u00dcbung, Anstrengung, Ausbildung jeder Art, als grade in der Poesie. Keins seiner Werke reicht in R\u00fccksicht auf k\u00fcnstlerischen Flei\u00df und <em>Feile<\/em> an \u00bbEmilia Galotti\u00ab, wenn auch andre mehr Reife des Geistes verraten sollten. \u00dcberhaupt sind wohl wenige Werke mit diesem Verstande, dieser Feinheit, und dieser Sorgfalt ausgearbeitet. In diesem Punkte, und in R\u00fccksicht auf jede andre formelle Vollkommenheit des konventionellen Drama mu\u00df \u00bbNathan\u00ab weit nachstehn, wo selbst die m\u00e4\u00dfigsten Forderungen an Konsequenz der Charaktere und Zusammenhang der Begebenheiten oft genug beleidigt und get\u00e4uscht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u00bbEmilia Galotti\u00ab sind die dargestellten Gegenst\u00e4nde \u00fcberdem am entferntesten von Lessings eignem Selbst; es zeigt sich kein unk\u00fcnstlerischer Zweck, keine Nebenr\u00fccksicht, die eigentlich Hauptsache w\u00e4re. Wichtige Umst\u00e4nde bei Lessing, dessen roheste dramatische Jugendversuche schon fast immer eine ganz bestimmte philosophisch-polemische Tendenz haben; der nach Mendelssohns Bemerkung zu den <em>Portraitdichtern<\/em> geh\u00f6rt, denen ein Charakter umso gl\u00fccklicher gelingt, je \u00e4hnlicher er ihrem Selbst ist, von dem sie nur einige Variationen zu Lieblingscharakteren von entschiedner auffallender Familien\u00e4hnlichkeit ausbilden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEmilia Galotti\u00ab ist daher das eigentliche Hauptwerk, wenn es darauf ank\u00f6mmt zu bestimmen, was Lessing in der <em>poetischen Kunst<\/em> gewesen, wie weit er darin gekommen sei. Und was ist denn nun diese bewunderte und gewi\u00df bewundrungsw\u00fcrdige \u00bbEmilia Galotti\u00ab? Unstreitig ein gro\u00dfes Exempel der dramatischen Algebra. Man mu\u00df es bewundern dieses in Schwei\u00df und Pein produzierte Meisterst\u00fcck des reinen Verstandes; man mu\u00df es frierend bewundern, und bewundernd frieren; denn ins Gem\u00fct dringts nicht und kanns nicht dringen, weil es nicht aus dem Gem\u00fct gekommen ist. Es ist in der Tat unendlich viel Verstand darin, n\u00e4mlich <em>prosaischer<\/em>, ja sogar Geist und Witz. Gr\u00e4bt man aber tiefer, so zerrei\u00dft und streitet alles, was auf der Oberfl\u00e4che so vern\u00fcnftig zusammenzuh\u00e4ngen schien. Es fehlt doch an jenem <em>poetischen<\/em> Verstande, der sich in einem Guarini, Gozzi, Shakespeare so gro\u00df zeigt. In den genialischen Werken des von diesem poetischen Verstande geleiteten Instinkts, enth\u00fcllt alles, was beim ersten Blick so wahr aber auch so inkonsequent und eigensinnig, wie die Natur selbst auff\u00e4llt, bei gr\u00fcndlicherem Forschen stets innigere Harmonie und tiefere Notwendigkeit. Nicht so bei Lessing! Manches in der \u00bbEmilia Galotti\u00ab hat sogar den Bewunderern Zweifel abgedrungen, die Lessing nicht beantworten zu k\u00f6nnen gestand. Aber wer mag ins Einzelne gehn, wenn er mit dem Ganzen anzubinden Lust hat, und beinah nichts ohne Anmerkung vorbeigehn lassen k\u00f6nnte? Doch hat dieses Werk nicht seines gleichen, und ist einzig in seiner Art. Ich m\u00f6chte es eine <em>prosaische Trag\u00f6die<\/em> nennen. Sonderbar aber nicht eben interessant ists, wie die Charaktere zwischen Allgemeinheit und Individualit\u00e4t in der Mitte schweben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kann ein K\u00fcnstler wohl k\u00e4lter und liebloser von seinem vollendetsten und k\u00fcnstlichsten Werke reden, als Lessing bei \u00dcbersendung dieser kalten \u00bbEmilia\u00ab an seinen Freund? \u00bbMan mu\u00df,\u00ab sagt er, \u00bbwenigstens \u00fcber seine Arbeiten mit jemand sprechen k\u00f6nnen,<em> wenn man nicht selbst dar\u00fcber einschlafen soll.<\/em> Die blo\u00dfe Versicherung, welche die eigne Kritik uns gew\u00e4hrt, da\u00df man auf dem rechten Wege ist und bleibt, wenn sie auch noch so \u00fcberzeugend w\u00e4re, ist doch <em>so kalt<\/em> und unfruchtbar, da\u00df sie auf die Ausarbeitung keinen Einflu\u00df hat.\u00ab (T. XXX, S. 167.) Und bald darauf gar: \u00bbIch danke Gott, da\u00df ich den ganzen Plunder nach und nach wieder aus den Gedanken verliere.\u00ab (T. XXVII, S. 341.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit welchem gehaltnen Enthusiasmus, und in jeder R\u00fccksicht wie ganz anders redet er dagegen vom \u00bbNathan\u00ab! zum Beispiel in folgender Stelle: \u00bbWenn man sagen wird, da\u00df ein <em>St\u00fcck von so eigner Tendenz<\/em> nicht reich genug an eignen Sch\u00f6nheiten sei: so werde ich schweigen, aber mich nicht sch\u00e4men. Ich bin mir eines Ziels bewu\u00dft, unter dem man auch noch viel weiter mit allen Ehren bleiben kann. \u2013 Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses St\u00fcck schon jetzt aufgef\u00fchrt werden k\u00f6nnte. <em>Aber Heil und Gl\u00fcck dem wo es zuerst aufgef\u00fchrt wird.\u00ab <\/em>. (Leb T. I, S. 420.) Ebenso auch in einigen andern Stellen, die wegen dessen, was sie \u00fcber den polemischen Ursprung und die philosophische Tendenz des St\u00fccks enthalten, sogleich angef\u00fchrt werden sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNathan\u00ab kam aber freilich aus dem Gem\u00fct, und dringt wieder hinein; er ist vom schwebenden Geist Gottes unverkennbar durchgl\u00fcht und \u00fcberhaucht. Nur scheint es schwer, ja fast unm\u00f6glich, das sonderbare Werk zu rubrizieren und unter Dach und Fach zu bringen. Wenn man auch mit einigem Recht sagen k\u00f6nnte, es sei der Gipfel von Lessings poetischem Genie, wie \u00bbEmilia\u00ab seiner poetischen Kunst; wie denn allerdings im \u00bbNathan\u00ab alle dichterischen Funken, die Lessing hatte, \u2013 nach seiner eigenen Meinung waren es nicht viele (T. XXVII, S. 43) \u2013 am dichtesten und hellsten leuchten und spr\u00fchen: so hat doch die Philosophie wenigstens gleiches Recht, sich das Werk zu vindizieren, welches f\u00fcr eine Charakteristik des ganzen Mannes, eigentlich das <em>klassische<\/em> ist, indem es Lessings Individualit\u00e4t aufs tiefste und vollst\u00e4ndigste, und doch mit vollendeter Popularit\u00e4t darstellt. Wer den \u00bbNathan\u00ab recht versteht, kennt Lessing.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch mu\u00df er immer noch mit den Jugendversuchen und den \u00fcbrigen prosaischen Kunstdramen Lessings in Reih und Glied aufmarschieren, ungeachtet der K\u00fcnstler selbst, wie man sieht, die eigene Tendenz des Werks, und auch seine Unzweckm\u00e4\u00dfigkeit f\u00fcr die B\u00fchne, die doch bei allen \u00fcbrigen Dramen sein Ziel war, so klar eingesehen und gesagt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr besorgt um den Namen als um den Mann, und um die Registrierung der Werke als um den Geist, hat man die nicht minder komischen als didaktischen Fragen aufgeworfen: ob \u00bbNathan\u00ab wohl zur<em> didaktischen Dichtart<\/em> geh\u00f6re, oder zur <em>komischen,<\/em> oder zu welcher andern; und was er noch haben oder nicht haben m\u00fc\u00dfte, um dies und jenes zu sein oder nicht zu sein. Dergleichen Problemata sind von \u00e4hnlichem Interesse, wie die lehrreiche Untersuchung, was wohl geschehen sein w\u00fcrde, wenn Alexander gegen die R\u00f6mer Krieg gef\u00fchrt h\u00e4tte. \u00bbNathan\u00ab ist, wie mich d\u00fcnkt, ein <em>Lessingisches<\/em> Gedicht; es ist <em>Lessings Lessing,<\/em> das <em>Werk schlechthin<\/em> unter seinen Werken in dem vorhin bestimmten Sinne; es ist <em>die Fortsetzung vom Anti-G\u00f6tze, Numero Zw\u00f6lf.<\/em> Es ist unstreitig das eigenste, eigensinnigste und sonderbarste unter allen Lessingischen Produkten. Zwar sind sie fast alle, jedes ein ganz eignes Werk f\u00fcr sich, und wollen durchaus mit der Sinnesart aufgenommen, beobachtet und beurteilt werden, welche in Saladins Worten so sch\u00f6n ausgedr\u00fcckt ist:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Als Christ, als Muselmann: gleichviel!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im wei\u00dfen Mantel oder Jamerlonk;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Turban, oder deinem Filze: wie<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du willst! <em>Gleichviel! Ich habe nie verlangt,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da\u00df allen B\u00e4umen Eine Rinde wachse.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber f\u00fcr keines ist dem Empf\u00e4nger der Geist dieses erhabenen <em>Gleichviel<\/em> so durchaus notwendig, wie f\u00fcr \u00bbNathan\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIn den Lehrb\u00fcchern,\u00ab sagt Lessing (T. XXV, S. 385) \u00bbsondre man die Gattungen so genau ab, als m\u00f6glich: aber wenn ein Genie <em>h\u00f6herer Absichten<\/em> wegen, mehre derselben in einem und demselben Werke zusammenflie\u00dfen l\u00e4\u00dft, so vergesse man das Lehrbuch, und untersuche blo\u00df, ob es diese Absichten erreicht hat.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber diese Absichten und die merkw\u00fcrdige Entstehung dieses vom <em>Enthusiasmus der reinen Vernunft<\/em> erzeugten und beseelten Gedichts, finden sich gl\u00fccklicherweise in Lessings Briefen einige sehr interessante und wirklich klassische Stellen. Man darf wohl sagen: wenn kein Werk so eigen ist, so ist auch keins so eigen entstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man konnte es Lessing nat\u00fcrlich nicht verzeihen, da\u00df er in der Theologie bis zur Eleganz, und im Christianismus sogar bis zur Ironie gekommen war. Man verstand ihn nicht, also ha\u00dfte, verleumdete und verfolgte man ihn aufs \u00e4rgste. Dabei hatte er nun vollends die Schw\u00e4che, jedes ungedruckte Buch, welches ihm ein Mittel zur Vervollkommung des menschlichen Geistes werden zu k\u00f6nnen schien, als ein heiliges Eigentum der Menschheit zu ehren, und wenn ihm der arme F\u00fcndling gar den Finger gedr\u00fcckt hatte, sich seiner mit Z\u00e4rtlichkeit, ja mit Schw\u00e4rmerei anzunehmen. Man wei\u00df es sattsam, wie die \u00bbFragmente\u00ab auf die Masse der Theologen gewirkt, und auf den isolierten Herausgeber zur\u00fcckgewirkt haben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der h\u00f6chsten Krise dieser G\u00e4rung schreibt er am 11. August des Jahres 1778: \u00bbDa habe ich diese Nacht einen n\u00e4rrischen Einfall gehabt. Ich habe vor vielen Jahren einmal ein Schauspiel entworfen, dessen Inhalt eine Art Analogie mit meinen gegenw\u00e4rtigen Streitigkeiten hat, die ich mir damals wohl nicht tr\u00e4umen lie\u00df. \u2013 Ich glaube, da\u00df sich alles sehr gut soll lesen lassen, und <em>ich gewi\u00df den Theologen einen \u00e4rgern Possen damit spielen will, als noch mit zehn Fragmenten.<\/em>\u00ab (T. XXX, S. 454, 455.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Idee<\/em> des \u00bbNathan\u00ab stand also mit einem Male ganz vor seinem Geiste. Alle seine andern genialischen Werke wuchsen ihm erst unter der Hand, bildeten sich w\u00e4hrend der Arbeit; erst dann zeigte sich weit von der ersten Veranlassung, was ihm das Liebste und an sich das Interessanteste war, und nun Hauptsache wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein \u00bbNathan\u00ab, sagt er (T. XXX, S. 471, 472) ist ein St\u00fcck, welches ich schon vor drei Jahren vollends aufs reine bringen und drucken lassen wollte. Ich habe es jetzt nur wieder vorgenommen, weil mir <em>auf einmal<\/em> beifiel, da\u00df ich, nach einigen kleinen Ver\u00e4nderungen des Plans, <em>dem Feinde auf einer andern Seite damit in die Flanke fallen k\u00f6nne.<\/em> \u2013 Mein St\u00fcck hat mit den jetzigen Schwarzr\u00f6cken nichts zu tun; und ich will ihm den Weg nicht selbst verhauen, endlich doch einmal aufs Theater zu kommen, <em>wenn es auch erst nach hundert Jahren w\u00e4re.<\/em> Die Theologen aller geoffenbarten Religionen werden freilich innerlich darauf schimpfen; doch dawider sich \u00f6ffentlich zu erkl\u00e4ren, werden sie wohl bleiben lassen.\u00ab (S. 473.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein aufmerksamer Beobachter der b\u00fccherschreibenden Offenbarungsschw\u00e4rmerei wird die letzte \u00c4u\u00dferung prophetisch finden k\u00f6nnen: was aber die Beziehung des St\u00fccks auf das damals Jetzige betrifft, so fehlt doch dem <em>Patriarchen<\/em> eigentlich nur eine beigedruckte kleine Hand mit gerecktem Zeigefinger, um<em> eine Pers\u00f6nlichkeit<\/em> zu sein, wie auch schon die b\u00fcrleske Karikatur des Charakters andeutet; und an einem andern Orte nennt er selbst das Ganze geradezu einen <em>dramatischen Absprung<\/em> der theologischen Streitigkeiten, die damals bei ihm an der Tagesordnung standen, und <em>seine eigene Sache<\/em> schlechthin, geworden waren. (S. 464.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnen <em>Verse<\/em> ein Werk, welches einen so ganz unpoetischen Zweck hat, etwa zum Gedichte machen; und noch dazu <em>solche<\/em> Verse? \u2013 Man h\u00f6re wie Lessing dar\u00fcber spricht: \u00bbIch habe wirklich die Verse <em>nicht des Wohllauts wegen<\/em> gew\u00e4hlt\u00ab \u2013 (eine Bemerkung, auf die mancher vielleicht auch ohne diesen Wink h\u00e4tte fallen k\u00f6nnen) \u2013 \u00bbsondern weil ich glaubte, da\u00df der orientalische Ton, den ich doch hie und da angeben m\u00fcssen, in der Prose zu sehr auffallen w\u00fcrde. Auch erlaube, meinte ich, der Vers immer einen <em>Absprung<\/em> eher, wie ich ihn jetzt zu meiner <em>anderweitigen<\/em> Absicht <em>bei aller Gelegenheit ergreifen<\/em> mu\u00df.\u00ab (T. XXVII, S. 46.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kanns nicht offner und unzweideutiger sagen, wie es mit der <em>dramatischen Form<\/em> des \u00bbNathan\u00ab stehe, als es Lessing selbst gesagt hat. Mit liberaler Nachl\u00e4ssigkeit, wie Alhafis Kittel oder des Tempelherrn halb verbrannter Mantel, ist sie dem Geist und Wesen des Werks \u00fcbergeworfen, und mu\u00df sich nach diesem biegen und schmiegen. Von einzelnen Inkonsequenzen und von der Subordination der Handlung, ihrer steigenden Entwicklung und ihres notwendigen Zusammenhanges, ja selbst der Charaktere ists unn\u00f6tig viel zu sagen. Die Darstellung \u00fcberhaupt ist weit hingeworfner, wie in \u00bbEmilia Galotti\u00ab. Daher treten die nat\u00fcrlichen Fehler der Lessingschen Dramen st\u00e4rker hervor, und behaupten ihre alten schon verlornen Rechte wieder. Wenn die Charaktere auch lebendiger gezeichnet und w\u00e4rmer koloriert sind, wie in irgend einem andern seiner Dramen: so haben sie dagegen mehr von der <em>Affektation<\/em> der <em>manierierten<\/em> Darstellung, welche in \u00bbMinna von Barnhelm\u00ab, wo die Charaktere zuerst anfangen, merklich zu <em>Lessingisieren,<\/em> Nachdruck und Manier zu bekommen, und eigentlich charakteristisch zu werden, am meisten herrscht, in \u00bbEmilia Galotti\u00ab hingegen schon weggeschliffen ist. Selbst <em>Alhafi<\/em> ist <em>nicht ohne Pr\u00e4tension<\/em> dargestellt; welche <em>ihm<\/em> freilich recht gut steht, denn ein Bettler mu\u00df Pr\u00e4tensionen haben, sonst ist er ein Lump, dem <em>K\u00fcnstler<\/em> doch aber nicht nachgesehn werden kann. Und dann ist das Werk so auffallend <em>ungleich,<\/em> wie sonst kein Lessingsches Drama. Die dramatische Form ist nur <em>Vehikel;<\/em> und <em>Recha, Sitta, Daja,<\/em> sind wohl eigentlich nur <em>Staffelei:<\/em> denn wie <em>ungalant<\/em> Lessing dachte, das \u00fcbersteigt alle Begriffe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der durchg\u00e4ngig <em>zynisierende<\/em> Ausdruck hat sehr wenig vom orientalischen Ton, ist wohl nur mit <em>die beste Prosa,<\/em> welche Lessing geschrieben hat, und f\u00e4llt sehr oft aus dem Kost\u00fcm heroischer Personen. Ich tadle das gar nicht: ich sage nur, so ists; vielleicht ists ganz recht so. Nur wenn \u00bbNathan\u00ab <em>weiter nichts w\u00e4re, als ein gro\u00dfes dramatisches Kunstwerk,<\/em> so w\u00fcrde ich Verse wie den:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNoch bin ich v\u00f6llig auf dem trocknen nicht;\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im Munde der F\u00fcrstin bei der edelsten Stimmung und im r\u00fchrendsten Verh\u00e4ltnis schlechthin fehlerhaft, ja recht sehr l\u00e4cherlich finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hohe philosophische W\u00fcrde des St\u00fccks hat Lessing selbst ungemein sch\u00f6n mit der theatralischen Effektlosigkeit oder Effektwidrigkeit desselben kontrastiert; mit dem seinem Ton eignen pikanten Gemisch von ruhiger inniger tiefer Begeisterung und naiver K\u00e4lte. \u00bbEs kann wohl sein,\u00ab sagt er (T. XXX, S. 505, 506), \u00bbda\u00df mein \u00bbNathan\u00ab im ganzen wenig Wirkung tun w\u00fcrde, wenn er auf das Theater k\u00e4me,<em> welches wohl nie geschehen wird. Genug, wenn<\/em> er sich mit Interesse nur lieset, und <em>unter tausend Lesern nur Einer daraus an der Evidenz und Allgemeinheit seiner Religion zweifeln lernt.<\/em>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich hat sich denn auch die logische Zunft das <em>ekzentrische<\/em> Werk, (welches seine <em>au\u00dferordentlich gro\u00dfe Popularit\u00e4t,<\/em> die ein Vorurteil dagegen erregen k\u00f6nnte, wohl nur seiner <em>polemischen<\/em> und rhetorischen <em>Gewalt<\/em> verdankt, und dem Umstande, da\u00df es den <em>allgemeinen Horizont<\/em> nie zu \u00fcberschreiten <em>scheint,<\/em> wie auch dem, da\u00df doch sehr <em>viele ein wenig Sinn haben f\u00fcr Lessing,<\/em> wenn auch sehr wenige viel) eben sowohl zuzueignen gesucht, wie die poetische; und sicher nicht mit minderm Rechte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eine Meister der Weltweisheit meint, \u00bbNathan\u00ab sei ein Panegyrikus auf die Vorsehung, gleichsam eine dramatisierte Theodizee der Religionsgeschichte. Zu geschweigen, wie sehr es Lessings strengem Sinn f\u00fcr das rein Unendliche widerspricht, den Rechtsbegriff auf die Gottheit anzuwenden: so ist dies auch \u00e4u\u00dferst allgemein, unbestimmt und nichtssagend. Ein andrer Virtuose der Dialektik hat dagegen gemeint: Die Absicht des \u00bbNathan\u00ab sei, den Geist aller Offenbarung verd\u00e4chtig zu machen, und jedes System von Religion, ohne Unterschied, <em>als System,<\/em> in einem geh\u00e4ssigen Lichte darzustellen. Der Theismus, sobald er System, sobald er <em>f\u00f6rmlich<\/em> werde, sei davon nicht ausgeschlossen. \u2013 Allein auch diese Erkl\u00e4rung w\u00fcrde, wenn man sie aus ihrem polemischen Zusammenhang rei\u00dfen und einen dogmatischen Gebrauch davon machen wollte, den Fehler haben, da\u00df sie das Werk, <em>welches eine Unendlichkeit umfa\u00dft,<\/em> auf eine einzige allzubestimmte und am Ende ziemlich triviale Tendenz beschr\u00e4nken w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte \u00fcberhaupt die Idee aufgeben, den \u00bbNathan\u00ab auf irgendeine Art von Einheit bringen, oder ihn in eine der vom Gesetz und Herkommen geheiligten Fakult\u00e4ten des menschlichen Geistes einz\u00e4unen und einzunften zu k\u00f6nnen: denn bei der gewaltsamen Reduktion und Einverleibung m\u00f6chte doch wohl immer mehr verloren gehn, als die ganze Einheit wert ist. Was hilfts auch, wenn sich auch alles, was \u00bbNathan\u00ab doch gar nicht blo\u00df <em>beweisen,<\/em> sondern <em>lebendig<\/em> mitteilen soll, denn das Wichtigste und Beste darin reicht doch weit \u00fcber das, was der trockne Beweis allein vermag, mit mathematischer Pr\u00e4zision in eine logische Formel zusammenfassen lie\u00dfe? \u00bbNathan\u00ab w\u00fcrde seine Stelle nichts destoweniger auf dem <em>gemeinschaftlichen Raine der Poesie und Moral<\/em> (T. XVIII, S. 5) behalten, wo sich Lessing fr\u00fch gefiel, und auf dem er schon in den \u00bbFabeln\u00ab spielte, die als <em>Vor\u00fcbung zu Nathans M\u00e4rchen von den drei Ringen,<\/em> welches vollendet hingeworfen, bis ins Mark entz\u00fcckend trifft, immer wieder \u00fcberrascht, und wohl so gro\u00df ist, als ein menschlicher Geist irgendetwas machen kann, Achtung verdienen und beinah <em>Studien<\/em> genannt zu werden verdienen, weil sie zwar nicht die Kunst, aber doch den K\u00fcnstler weiter brachten, wenn auch weit \u00fcber seine anf\u00e4ngliche Absicht und Einsicht. Es lebt und schwebt doch ein gewisses heiliges Etwas im \u00bbNathan\u00ab, wogegen alle syllogistischen Figuren, wie alle Reguln der dramatischen Dichtkunst, eine wahre Lumperei sind. Ein philosophisches Resultat oder eine philosophische Tendenz machen ein Werk noch nicht zum Philosophem: ebensowenig wie dramatische Form und Erdichtung es zum Poem machen. Ist \u00bbErnst und Falk\u00ab nicht dramatischer wie manche der besten Szenen im \u00bbNathan\u00ab? Und die \u00bbParabel\u00ab an G\u00f6tze \u00fcber die Wirkung der \u00bbFragmente\u00ab ist gewi\u00df eine sehr genialische Erdichtung, deren Zweck und Geist aber dennoch so unpoetisch, oder wie man jetzt in Deutschland sagt, so un\u00e4sthetisch wie m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mu\u00df ein Werk nicht die Unsterblichkeit verdienen oder vielmehr schon haben, welches von allen bewundert und geliebt, von jedem aber anders genommen und erkl\u00e4rt wird? Doch bleibts sehr wunderbar, oder wie mans nehmen will, auch ganz und gar nicht wunderbar, da\u00df bei dieser gro\u00dfen Verschiedenheit von Ansichten, bei dieser Menge von mehr charakteristischen als charakterisierenden Urteils\u00fcbungen, noch niemand auf den Einfall oder auf die Bemerkung geraten ist, da\u00df \u00bbNathan\u00ab beim Lichte betrachtet <em>zwei Hauptsachen<\/em> enth\u00e4lt, und also eigentlich aus <em>zwei Werken<\/em> zusammengewachsen ist. Das erste ist freilich <em>Polemik gegen alle illiberale Theologie,<\/em> und in dieser Beziehung nicht ohne manchen tieftreffenden Seitenstich auf den Christianismus, dem Lessing zwar weit mehr Gerechtigkeit widerfahren lie\u00df, als alle Orthodoxen zusammengenommen, aber doch noch lange nicht genug: weil sich im Christianismus theologische Illiberalit\u00e4t, wie theologische Liberalit\u00e4t, alles Gute und alles Schlechte dieses Fachs am kr\u00e4ftigsten, mannichfachsten und feinsten ausgebildet hat; ferner Polemik gegen alle Unnatur, kindische K\u00fcnstelei, und durch Mi\u00dfbildung in sich oder in andern erzeugte Dummheit und alberne Schn\u00f6rkel im Verh\u00e4ltnisse des Menschen zu Gott: das alles mu\u00dfte Lessings geistreiche Nat\u00fcrlichkeit tief emp\u00f6ren, und die Patriarchen hatten seinen Abscheu noch zu erh\u00f6hen, seinen Ekel zu reizen gewu\u00dft. Aber nicht einmal die Religionslehre im \u00bbNathan\u00ab ist rein skeptisch, polemisch, blo\u00df negativ, wie <em>Jacobi<\/em> in der angef\u00fchrten Stelle behaupten zu wollen scheinen k\u00f6nnte. Es wird im \u00bbNathan\u00ab eine, wenn auch nicht f\u00f6rmliche, doch ganz bestimmte Religionsart, die freilich voll Adel, Einfalt und Freiheit ist, als Ideal ganz entschieden und positiv aufgestellt; welches immer eine rhetorische Einseitigkeit bleibt, sobald es mit Anspr\u00fcchen auf Allgemeing\u00fcltigkeit verbunden ist; und ich wei\u00df nicht, ob man Lessing von dem Vorurteil einer objektiven und herrschenden Religion ganz freisprechen darf, und ob er den gro\u00dfen Satz seiner Philosophie des Christianismus, da\u00df f\u00fcr jede Bildungsstufe der ganzen Menschheit eine eigene Religion geh\u00f6re, auch auf Individuen angewandt und ausgedehnt, und die Notwendigkeit unendlich vieler Religionen eingesehen hat. Aber ist nicht noch etwas ganz anders im \u00bbNathan\u00ab, auch etwas Philosophisches, von jener Religionslehre, an die man sich allein gehalten hat, aber noch ganz Verschiednes, was zwar stark damit zusammenh\u00e4ngt, aber doch auch wieder ganz weit davon liegt, und vollkommen f\u00fcr sich bestehn kann? Dahin zielen vielleicht so manche Dinge, die gar nicht blo\u00df als zuf\u00e4llige Beilage und Umgebung erscheinen, dabei von der polemischen Veranlassung und Tendenz am entferntesten, und doch so gewaltig akzentuiert sind, wie der Derwisch, der so fest auftritt, und Nathans Geschichte vom Verlust der sieben S\u00f6hne und von Rechas Adoption, die jedem, der welche hat, in die Eingeweide greift. Was anders regt sich hier, als sittliche Begeisterung f\u00fcr die sittliche Kraft und die sittliche Einfalt der biedern Natur? Wie liebensw\u00fcrdig und gl\u00e4nzend erscheint nicht selbst des <em>Klosterbruders<\/em> (der wenigstens mitunter aktiv und Mit-Hauptperson wird, dahingegen der <em>Tempelherr<\/em> so oft nur passiv, und blo\u00df Sache ist) fromme Einfalt, deren rohes Gold sich mit den Schlacken des k\u00fcnstlichen Aberglaubens nicht vermischen kann? Was tuts dagegen, da\u00df der gute Klosterbruder einigemal stark aus dem Charakter f\u00e4llt? Es folgt daraus blo\u00df, da\u00df die <em>dramatische Form<\/em> f\u00fcr das, was \u00bbNathan\u00ab ist und sein soll, ihre sehr gro\u00dfe Inkonvenienzen haben mag, obgleich sie Lessingen sehr nat\u00fcrlich, ja notwendig war. \u00bbNathan der Weise\u00ab, ist nicht blo\u00df die Fortsetzung des \u00bbAnti-G\u00f6tze\u00ab Numero Zw\u00f6lf: er ist auch und ist ebenso sehr ein dramatisiertes <em>Elementarbuch des h\u00f6heren Zynismus.<\/em> Der Ton des Ganzen, und <em>Alhafi,<\/em> das versteht sich von selbst; <em>Nathan ist<\/em> ein reicher Zyniker von Adel; Saladin nicht minder. Die Sultanschaft w\u00e4re keine t\u00fcchtige Einwendung: selbst Julius C\u00e4sar war ja ein Veteran des Zynismus im gro\u00dfen Styl; und ist die Sultanschaft nicht eigentlich eine recht zynische Profession, wie die M\u00f6ncherei, das Rittertum, gewisserma\u00dfen auch der Handel, und jedes Verh\u00e4ltnis, wo die k\u00fcnstelnde Unnatur ihren Gipfel erreicht, eben dadurch sich selbst \u00fcberspringt, und den Weg zur R\u00fcckkehr nach unbedingter Natur-Freiheit wieder \u00f6ffnet? Und ferner: Alhafis derber Lehrsatz:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb<em>Wer<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sich Knall und Fall ihm selbst zu leben, nicht<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Entschlie\u00dfen kann, der lebet andrer Sklav<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Auf immer;<\/em>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und Nathans goldnes Wort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb<em>Der wahre Bettler ist<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Doch einzig und allein der wahre K\u00f6nig!<\/em>\u00ab \u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">stehn sie etwa blo\u00df da, wo sie stehn? Oder spricht nicht ihr Geist und Sinn \u00fcberall im ganzen Werke zu jedem, der sie vernehmen will? Und sind dieses nicht die alten heiligen Grundfesten des selbst\u00e4ndigen Lebens? N\u00e4mlich f\u00fcr den Weisen heilig und alt, f\u00fcr den P\u00f6bel an Gesinnung und Denkart aber ewig neu und t\u00f6richt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So <em>paradox endigte<\/em> Lessing auch in der Poesie, wie \u00fcberall! Das erreichte Ziel erkl\u00e4rt und rechtfertigt die ekzentrische Laufbahn; \u00bbNathan der Weise\u00ab ist die beste <em>Apologie<\/em> der gesamten <em>Lessingschen Poesie,<\/em> die ohne ihn doch nur eine <em>falsche Tendenz<\/em> scheinen m\u00fc\u00dfte, wo die angewandte Effektpoesie der rhetorischen B\u00fchnendramas mit der reinen Poesie dramatischer Kunstwerke ungeschickt verwirrt, und dadurch das Fortkommen bis zur Unm\u00f6glichkeit unn\u00fctz erschwert sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz klein und leise fing Lessing wie \u00fcberall so auch in der Poesie an, wuchs dann gleich einer Lawine; erst unscheinbar, zuletzt aber <em>gigantisch.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_102167\" style=\"width: 218px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-image-102167 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Friedrich-Schlegel-e1647016091555.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102167\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Schlegel um 1790, Kreidezeichnung von Caroline Rehberg<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/23\/die-ehe-ist-ein-vertrag-nur-der-erste-anfang-ist-frei\/\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/a>. Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/12\/walden-life-in-the-woods\/\">charakteristische Essayform<\/a> auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/29\/die-fackel\/\">Kultur-Blog<\/a>. Die Redaktion nimmt Rosa Luxemburg beim Wort und versucht in diesem Online-Magazin auch \u00fcberkommene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/01\/wie-entstand-die-maifeier\/\">journalistische Formen<\/a> neu zu denken. Enrik Lauer zieht die Dusche dem Wannenbad vor. Warum erstere im Sp\u00e4tkapitalismus \u2013 zum Beispiel als Zeit und Ressourcen sparend \u2013 zweiteres als Form der K\u00f6rperreinigung weitgehend verdr\u00e4ngt hat, ist einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/25\/wohlbefinden\/\">eigenen Betrachtung<\/a> wert. Ulrich Bergmann setzte sich mit den Wachowski-Br\u00fcdern und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> auseinander. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">weitere Betrachtungen<\/a> von J.C. Albers. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick auf den Geistreichtum eines guten Essays kann man den Essay als den gro\u00dfen Bruder der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> auffassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Lessings schriftstellerische Verdienste sind schon mehr als einmal der Gegenstand eigner beredter Aufs\u00e4tze gewesen. Ein paar dieser Aufs\u00e4tze, welche viele treffende und feine Bemerkungen enthalten, r\u00fchren von zwei der achtungsw\u00fcrdigsten Veteranen der deutschen Literatur her. Ein Bruder, der Lessingen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/15\/ueber-lessing\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":245,"featured_media":102167,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2432,2769],"class_list":["post-102177","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-schlegel","tag-gotthold-ephraim-lessing"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102177","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/245"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=102177"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102177\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102180,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102177\/revisions\/102180"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/102167"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=102177"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=102177"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=102177"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}