{"id":101936,"date":"2010-06-06T06:26:30","date_gmt":"2010-06-06T04:26:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=101936"},"modified":"2022-03-07T06:37:05","modified_gmt":"2022-03-07T05:37:05","slug":"das-pathos-tradierten-lyrischen-sprechens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/06\/06\/das-pathos-tradierten-lyrischen-sprechens\/","title":{"rendered":"Das Pathos tradierten lyrischen Sprechens"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andr\u00e9 Schinkels Verse sind in klassischer Metrik gesetzt, durch Reim gebunden, Genitivmetaphern finden sich h\u00e4ufig, Komposita ebenso wie das schm\u00fcckende Beiwort, das ganze Programm also: Er beruft sich auf das Pathos tradierten lyrischen Sprechens. Dieser Anspruch zeigt sich vom ersten Buch\u00adstaben an: Er schreibt die Zeilen\u00adanf\u00e4nge gro\u00df, ein hoher Ton ist angezielt, er beherrscht ihn mit Sicherheit. Das Erinnern wird als Bestand\u00adteil lesenden Genusses ernster genommen, als ein einseitig auf den Moderne\u00addiskurs ausge\u00adrichtetes Poesie\u00adver\u00adst\u00e4ndnis das gern h\u00e4tte. Neben klassi\u00adscher Lyrik (auch: klassisch moderner) schim\u00admern vor allem Dichter der s\u00e4chsi\u00adschen Dichter\u00adschule (R. Kirsch und Czecho) durch. (\u00dcberhaupt scheint aus diesem abges\u00e4gten Ast in Halle kr\u00e4ftig ein gr\u00fcner Reiser zu Sprossen. Mit Wilhelm Bartsch sei ein dortiger Kollege erw\u00e4hnt.) Ein Dichten, dass poeti\u00adsche Normen als objektiv gegeben (f\u00fcr sich) hinnimmt und eher auf Kommuni\u00adkation setzt, als auf hochgez\u00fcchtete Indivi\u00addualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst isoliert etwas geschraubt wirkende Zeilen wie: \u201eDu stehst und staunst \u2013 und fragst Dich \/ Nach dem Zorn dieser friedlichen V\u00f6lker \/ Auf diesem absch\u00fcssigen Grund &#8230;\u201c wirken hier glaubhaft, nicht nur weil das Umfeld ihren Ton st\u00fctzt, sondern weil sie vom Kontext einen eindeutigen Sinn erhalten. (Eindeu\u00adtigkeit ist kein Wert an sich, aber Quasigkeit ist es eben erst Recht nicht.) Wer zweifelte, ob diese Sprach\u00adreichtum eher aus einer \u00fcbergro\u00dfen Leidenschaft zum Dekor erw\u00fcchse, als einer arti\u00adkulierten Diktion, der schaue sich den Gebrauch von Genitiv\u00admetaphern oder Komposita an: Plausibler Weise kommen sie zum Beispiel in den vierhebig geordneten Texten seltener vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Sicher\u00adheit entwickelt einen Sog: Merk\u00adw\u00fcrdig gelassen str\u00f6mt die lyrische Rede dahin. Man mag an Alters\u00adstil denken. (Der Rezensent sagt das mit Er\u00adschrecken, bemerkt er daran doch, welche Vor\u00adurteile auch sein Lesen steuern!) Ein so sicheres Spre\u00adchen muss aber kein abge\u00adsicher\u00adtes sein. Deut\u00adlich ist sp\u00fcrbar, dass sich hier fragile dichte\u00adrische Existenz sprachlich konstituiert. Sprach\u00adliche Sicher\u00adheit, nicht abge\u00adsichertes Spre\u00adchen also. Das wird gern ver\u00adwechselt, aber letzteres w\u00e4re es nur, wo dies Sprechen herrschende Lebens\u00adform affirmierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schinkels Sprechen darf aber auch deshalb als unabgesichert gelten, weil solchem Sprechen von heutigen Lesern viel Miss\u00adtrauen ent\u00adgegen\u00adschl\u00e4gt. Er muss also klopffester bauen, als diejenigen, die dieses Sprechen ent\u00adwickelten und nimmt allein damit einen anderen Schreibort ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sieht man den Versen gern nach, dass sie hie und da sozusagen nach Klavierzimmer riechen und freut sich des fein lakonischen Flusses, der Wendungen wie \u201eFotzen-Katheder\u201c oder \u201eAufbruch\u00adged\u00f6ns\u201c ohne Gewese und ohne dabei provokativ sein zu wollen, aufzunehmen versteht. (Wie mit der Brechstange gearbeitet wirkt heute im Gegensatz dazu Brechts gesch\u00e4tzte Lakonie.) Zumal Schinkels Themen nie sein Dichten g\u00e4nzlich beherrschen, sondern dies sich bei Bedarf den Zw\u00e4ngen und Bindungen eines einseitig auf eine Authentizit\u00e4tsfiktion ausgerichteten Sprechens auch enthebt und in R\u00e4ume vordringt, die man etwas altmodisch als die der absoluten Dichtung charakterisieren k\u00f6nnte. Beim zweiten Teil des komplexen Zyklus <i>On The Dreamline Sangerhausen<\/i>&#8211;<wbr \/><i>Saqqara<\/i> handelt es sich zum Beispiel um einen irri\u00adtierend gebauten Text. Er besteht aus 15 Zeilen und l\u00e4sst sich als zwei \u00fcber\u00adlappende Sonette verstehen. In der einen Lesart beginnt das Sonett mit der ersten Zeile und hat einen \u00fcber\u00adraschenden Nachspruch. In der zweiten beginnt es mit der zweiten Zeile des Textes, wobei die erste Zeile sich als eine Art \u00dcberschrift oder Motto deutet. Erstaunlich fein realisieren sich bei beiden Lesarten die sonetttypischen Z\u00e4suren. (Erstaunlich, insofern ja jedes Sonett da Bindungen realisieren muss, wo im jeweils anderen die Z\u00e4sur liegt.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei so viel Licht ist der Rezensent gern bereit, einige Dinge, die ihn st\u00f6ren als Geschmacks\u00adunter\u00adschiede sich selbst anzulasten: So wird Manches, was in der Schicht des Gedicht\u00adsprechens als Gepflogenheit der dichte\u00adrischen Rede noch plausibel ist, wenn es eins zu eins in die w\u00f6rtliche Rede eingeht zum Manierismus: \u201eein lichterndes Lauschen \u2013 die \/ Blicke der Brombeeren, sagst du\u201c, \u201eWir sind Rosen- \/ K\u00e4fer im Wind der Verdammnis, sag ich\u201c. Wenn so etwas nur in einem Text vork\u00e4me, verst\u00fcnde man dieses Mittel als ironisches Spezialit\u00e4t, das die vorge\u00adstellten Sprecher charakte\u00adrisieren soll, es scheint aber nach Masche gestrickt: \u201eDas sind die Spuren\/ Der Reiher, sagst du, die ziehn \/ \u00dcber die K\u00f6pfe ohne zu fragen, wo- \/ Hin.\u201c. \u201eIch sagte es schon. Die Lerchen, auch \/ Das, sind im Schlu\u00dfangebot.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Heft, das ich dennoch mit Freude gelesen habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Apfel und Szepter<\/strong>, von Andr\u00e9 Schinkel. Fixpoetry Lesehefte No 16. Verlag im Proberaum, Klingenberg<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das Portr\u00e4t des Lyrikers <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl>\n<dt><\/dt>\n<dd>Lesen Sie auch auf KUNO die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30810\">W\u00fcrdigung<\/a>\u00a0von Andr\u00e9 Schinkels Prosa.<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Andr\u00e9 Schinkels Verse sind in klassischer Metrik gesetzt, durch Reim gebunden, Genitivmetaphern finden sich h\u00e4ufig, Komposita ebenso wie das schm\u00fcckende Beiwort, das ganze Programm also: Er beruft sich auf das Pathos tradierten lyrischen Sprechens. 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