{"id":100863,"date":"2022-03-19T00:01:12","date_gmt":"2022-03-18T23:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=100863"},"modified":"2022-03-19T05:48:23","modified_gmt":"2022-03-19T04:48:23","slug":"der-schatz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/19\/der-schatz\/","title":{"rendered":"Der Schatz"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ersten Gasthofe des Bades zu K* verweilte eines Abends eine kleine Gesellschaft von Damen und Herrn im gro\u00dfen Speisesaale, der nur noch sparsam erleuchtet war. Der Hofrath Arbogast, ein munterer, kurzweiliger, obgleich etwas eigener Mann von imposanter Gestalt, schon in den F\u00fcnfzigen, schickte sich an, eine Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war, durch r\u00e4thselhafte Umst\u00e4nde beg\u00fcnstigt, vom Goldschmied aus sehr schnelle zur Bedienung des damals sogenannten k\u00f6niglichen Schatzmeister-Amtes in Achfurth gelangt, und eine Zeitlang gingen im h\u00f6hern Publikum seltsame Sagen dar\u00fcber, indem man nicht umhin konnte, die Sache mit einer, auf keinen Fall ganz grundlosen Gespenstergeschichte, welche den Hof zun\u00e4chst anging, in Verbindung zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wurde man auch gegenw\u00e4rtig wieder durch eine lustige Wendung, die das Gespr\u00e4ch genommen hatte, von selbst auf diesen Gegenstand gef\u00fchrt, und da man dem Hofrath mit allerlei Sp\u00e4\u00dfen und Anspielungen stets n\u00e4her auf den Leib r\u00fcckte, versprach er der Gesellschaft auf die Gefahr hin Gen\u00fcge zu thun, da\u00df man Unglaubliches zu h\u00f6ren bekommen und sich am Ende ganz gewi\u00df bitter beklagen w\u00fcrde, als wenn er sie mit einem blo\u00dfen Kinderm\u00e4rchen h\u00e4tte abspeisen wollen. Es ist einerseits Schade, f\u00fcgte er bei, da\u00df meine Frau sich heute so fr\u00fch zur\u00fcckgezogen hat. Da das, was Sie vernehmen sollen, ein St\u00fcck aus ihrem, wie aus meinem Leben ist, so k\u00f6nnten wir uns Beide f\u00fcglich in die Erz\u00e4hlung theilen, Sie h\u00e4tten jedenfalls sogleich die sicherste Controle f\u00fcr meine Darstellung an ihr. Auf der andern Seite gewinnt aber diese vielleicht an Unbefangenheit und historischer Treue \u2013 \u201eNur zu! nur angefangen!\u201c riefen einige Damen: \u201ewir sind nicht allzu scrupul\u00f6s, und die Kritik, wer Lust zu zweifeln hat, steht nachher Jedem frei.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohlan! In Egloffsbronn, einer der \u00e4ltesten St\u00e4dte des K\u00f6nigreichs, lebte mein Vater, ein wackerer Goldschmied. Ich, als der einzige Sohn, sollte dieselbe Kunst dereinst bei ihm erlernen, allein er starb fr\u00fchzeitig, und f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck war es daher zu halten, da\u00df mich Herr Vetter Christoph Orlt, der erste Goldarbeiter in der Hauptstadt, umsonst in die Lehre aufnahm. Ich hatte gro\u00dfe Lust an dem Gesch\u00e4ft und war so flei\u00dfig, da\u00df ich nach f\u00fcnf Jahren als zweiter Gesell in der Werkstatt sa\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein gutes M\u00fctterlein war inde\u00df auch gestorben. Wie gern gedacht\u2019 ich ihrer, wenn ich in Feierstunden oft an meinem Eckfenster allein zu Hause blieb, mit welcher Ehrfurcht zog ich dann zuweilen ein gewisses Angebinde hervor, welches ich einst aus ihrer Hand empfing! Es war am Tag der Confirmation. Ich hatte nach der Abendkirche mit den andern Knaben und M\u00e4dchen einen Spaziergang gemacht, \u2013 wie das so Sitte bei uns ist, da\u00df die festliche Schaar mit gro\u00dfen Blumenstr\u00e4u\u00dfen an der Brust zusammen vor das Thor spaziert \u2013 und war nun eben wieder heimgekommen, da holte meine Mutter aus dem Schrank ganz hinten ein kleines wohlversiegeltes Packet hervor, worauf geschrieben stand: \u201eFranz Arbogast am Tage seiner Einsegnung treulich zu \u00fcbergeben.\u201c Die Mutter versicherte mir, sie wisse nicht, woher es eigentlich komme, ich sei noch ein kleiner Bube gewesen, als sie es eines Morgens auf dem Herd in der K\u00fcche gefunden. Mir klopfte das Herz vor Erwartung; ich durfte den Umschlag mit eigenen H\u00e4nden erbrechen, und was kam heraus? Ein B\u00fcchlein, schwarz in Corduan gebunden, mit gr\u00fcnem Schnitt, die Bl\u00e4tter schneewei\u00df Pergament, mit allerlei Spr\u00fcchen und Verslein, von einer kleinen, gar niedlichen Hand fast wie gedruckt beschrieben. Der Titel aber hie\u00df:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"text-align: center;\"><i>Schatzk\u00e4stlein,<\/i><br \/>\nzum Nutz und Frommen<br \/>\neines<br \/>\nJ\u00fcnglingen,<br \/>\nso als ein Osterkind geboren ward,<br \/>\nin 100 Reguln allgemeiner Lehr,<br \/>\nnebst einer Zugab<br \/>\nf\u00fcr sondere F\u00e4ll in Handel und Wandel;<br \/>\nwahrhaftig abgefasset<br \/>\nvon<\/div>\n<\/div>\n<p>Dorothea Sophia von R.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich meinerseits war freilich insgeheim in meiner Hoffnung ein wenig get\u00e4uscht; die Mutter aber legte vor freudiger Verwunderung ihre H\u00e4nde zusammen. \u201eAch Gott!\u201c rief sie aus, \u201ees ist die Wahrheit, ja, am Ostersonntag Mittags zw\u00f6lf Uhr hast du zum erstenmal das Licht der Welt erblickt!\u201c Sie pries und segnete mich. \u201eMein Sohn,\u201c sagte sie, \u201edu wirst im Leben viel Gl\u00fcck haben, wenn du dich christlich h\u00e4ltst und auf die Weisungen in diesem B\u00fcchlein merkst.\u201c Sie unterlie\u00df auch nicht, mir meine Pflichten wiederholt an\u2019s Herz zu legen, als sie mir bald darauf mein Wanderb\u00fcndel schn\u00fcrte, darin das wunderliche Schatzk\u00e4stlein den besten Platz erhielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich k\u00f6nnte gerade nicht sagen, da\u00df ich die n\u00e4chsten Jahre einen absonderlichen Segen von diesem seltenen Besitzthum sp\u00fcrte, obwohl ich gar bald die s\u00e4mmtlichen Spr\u00fcche von vorn und von hinten auswendig wu\u00dfte; ja zu einer gewissen kritischen Zeit, wo ich gerade angefangen hatte, Wirthshaus, Tanzboden, Kugelbahn \u00f6fter als billig zu besuchen, da waren es, wie mir d\u00e4uchte, nicht sowohl die hundert Reguln, als vielmehr die Erinnerung an meine gute Mutter, die Vorstellungen meines ehrlichen Meisters, was mich bald wieder in\u2019s Geleise brachte. Hier sei es \u00fcbrigens gelegentlich bemerkt, da\u00df mir von allen Arten der Versuchung just die am wenigsten gef\u00e4hrlich war, die sonst in jenen Jahren die allergew\u00f6hnlichste ist, die Neigung zu dem weiblichen Geschlechte. Es hatten de\u00dfhalb meine Kameraden das ewige Gesp\u00f6tt mit mir, ich hie\u00df ein kalter Michel hin und her, und weil ich doch zuletzt um keinen Preis der Tropf sein wollte, der nicht wie jeder andere brave Kerl sein M\u00e4dchen h\u00e4tte, nahm ich etliche Mal einen t\u00fcchtigen Anlauf, kam bei ein St\u00fcck Drei oder Vieren herum, darunter ein Paar Goldfasanen, die redlich ihren Narren an mir fra\u00dfen; allein es that nicht gut; nach vierzehn Tagen wollte ich schon Gift und Galle speien, vor lauter Langerweile und heimlichem Verdru\u00df. Kurzum, auf diesen Punkt schien wohl mein Schatzk\u00e4stlein Recht zu behalten \u2013 \u201eDein erstes Lieb, dein letztes Lieb.\u201c Ich konnte dieses Wort lediglich nur auf eine Kinderliebschaft mit einem guten armen Gesch\u00f6pfe beziehen, das ich als das Opfer eines fr\u00fchzeitigen Todes von Herzen beweinte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Vetter schenkte mir sofort ein immer gr\u00f6\u00dferes Vertrauen. Er schickte mich manchmal auf kleine Gesch\u00e4ftsreisen aus, er fing nichts Neues von Bedeutung an, eh\u2019 er mit mir es erst besprochen hatte, und als er den Befehl erhielt, auf die Verm\u00e4hlung seiner Majest\u00e4t des K\u00f6nigs mit einer Prinzessin von Astern den Kr\u00f6nungsschmuck f\u00fcr die durchlauchtige Prinzessin Braut zu fertigen, so konnte er mir wohl keine gr\u00f6\u00dfere Ehre erzeigen, als da\u00df er das Hauptst\u00fcck des wichtigen Auftrags, n\u00e4mlich eine Krone von durchaus massiver, doch zierlicher Arbeit, wie sie sich in die Haare einer sch\u00f6nen, blutjungen K\u00f6nigin geziemt, mir gr\u00f6\u00dftentheils allein zu \u00fcberlassen dachte. Die Zeichnung war gemacht und h\u00f6chsten Orts gebilligt. Bevor man aber an das Werk selbst ging, war noch Verschiedenes zu thun. Besonders fehlte es noch an einigen Steinen, die man im Lande nicht nach Wunsch erhalten konnte, daher mein Vetter sich nach reifer Ueberlegung zuletzt dahin entschied, ich sollte selbst nach Frankfurt gehn, die Steine auszuw\u00e4hlen. Es handelte sich nur darum, auf welche Art ich am sichersten reise, denn leider waren die Posten damals noch nicht so vortrefflich als jetzt eingerichtet; indessen fand sich doch Gelegenheit, die ersten Stationen mit ein Paar Kaufleuten zu fahren. Der Vetter z\u00e4hlte mir vierhundert blanke Goldst\u00fccke vor; wir packten sie sorgf\u00e4ltig in mein Felleisen, und ich reis\u2019te ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den zweiten Tag, in Gramsen, wo das Gef\u00e4hrt einen andern Weg nahm und mich daher absetzte, fiel Regenwetter ein; ich mu\u00dfte mich bis zu Mittag gedulden, da ich es mir denn gern gefallen lie\u00df, da\u00df mir der Gramsener Bote ein Pl\u00e4tzchen ganz hinten in seinem Wagen gab, den eine Bl\u00e4ue gegen Wind und Wetter sch\u00fctzte. Ein junger Mann, ein Jude, wie mir schien, war meine einzige Gesellschaft. Wir waren gar bequem zwischen Wolls\u00e4cken gelagert, nur ging die Fahrt etwas langsam. Es wurde Nacht bis man Schwinddorf erreichte, wo der Jude sich absetzen lie\u00df, inde\u00df wir noch drei gute Stunden bis zu dem St\u00e4dtchen R\u00f6sheim vor uns hatten. Als ich nun so allein in meiner dunkeln Ecke lag und an Verschiedenem herumdachte, war mir, als h\u00e4tt\u2019 ich l\u00e4ngst einmal geh\u00f6rt, da\u00df diese Gegend nicht im besten Rufe stehe; besonders schwebte mir die sonderbare Geschichte eines Galanterieh\u00e4ndlers vor, welchem sein Kasten, w\u00e4hrend des Marschirens, auf ganz unbegreiflich listige Art, Schubfach f\u00fcr Schubfach, soll ausgeleert worden sein. Mein Fuhrmann wollte zwar so eigentlich nichts von dergleichen wissen, doch konnte ich mich nicht enthalten, von Zeit zu Zeit durch die Tuchspalte hinten mit Einem Aug&#8216; hinauszuschauen. Der Himmel hatte sich wieder gekl\u00e4rt, man konnte jeden Baum und jeden Pfahl erkennen, man h\u00f6rte auch nichts als das Klirren und Aechzen des Wagens, inzwischen lie\u00df ich doch die Hand nicht von meinem Gep\u00e4ck und tr\u00f6stete mich mit des Fuhrmanns gro\u00dfem Hund; nur kam es mir ein paarmal vor, als wenn die Bestie sonderbar winsle, das ich aber zuletzt mitleidig dem puren Hunger zuschrieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJetzt noch ein Viertelst\u00fcndchen, Herr, so hat sich\u2019s!\u201c rief mir der alte Bursche zu und lie\u00df zum erstenmal die Peitsche wieder herzhaft knallen. \u201eDie Wahrheit zu gestehn,\u201c f\u00fcgte er bei, \u201esonst ist es auch gerade nicht mein Sach\u2019, so sp\u00e4t wegfahren: ein Fuhrmann aber, wi\u00dft Ihr wohl, hat es halt nicht immer am Schn\u00fcrlein. Nu \u2013<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\"><small>\u2019s L\u00f6wenwirths Rother<br \/>\nist allzeit hell auf!\u201c<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es schlug halb Zw\u00f6lfe, als man vor das St\u00e4dtchen kam. Am n\u00e4chsten Wirthshaus hielten wir. Es schien kein Mensch mehr auf zu sein. Ich hob inde\u00df getrost mein Gep\u00e4ck aus dem Wagen. Aber \u2013 H\u00f6lle und Teufel! wie wurde mir da! \u2013 das Ding war so leicht, war so locker! Den Angstschwei\u00df auf der Stirn\u2019 eil\u2019 ich in\u2019s Haus; ein Stallknecht, halb im Schlaf, stolpert mit seiner Laterne heraus, ein zweites Licht rei\u00df\u2019 ich ihm aus der Hand, und jetzt in der Stube gleich athemlos wie der Feind \u00fcber\u2019s Felleisen her! Das Schl\u00f6\u00dfchen find\u2019 ich unverletzt, ganz in der Ordnung \u2013 weiter \u2013 Allm\u00e4chtiger! mein Gold ist fort! Der Schlag wollte mich treffen. Nein, nein, um\u2019s Himmelswillen, nein! es ist nicht m\u00f6glich! rief ich in Verzweiflung, und w\u00fchlte, zaus\u2019te Alles durcheinander. Das Schatzk\u00e4stlein fiel mir entgegen (ich hatte es nur gleichsam aus Erbarmen so mitlaufen lassen): im Wahnsinn meiner Angst hielt ich es einen Augenblick f\u00fcr m\u00f6glich, das B\u00fcchlein habe mir meine Dukaten verhext! \u2013 Halb mit Wuth, halb mit Grauen warf ich den schwarzen Kr\u00fcppel an die Wand; allein wie schnell verschwand der vermeintliche Zauber, da sich ein Messerschnitt, vier Finger breit, in meinem Felleisen entdeckte! Jetzt wu\u00dft\u2019 ich vor der Hand genug: der Jude hat dich bestohlen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soeben wollte ich hinaus, die Hausleute, die Nachbarschaft aufschreien, \u2013 da mu\u00df mein Fu\u00df zuf\u00e4llig nochmals an das arme B\u00fcchlein sto\u00dfen, und wie ein Blitz schie\u00dft der Gedanke in mir auf: \u201eHalt! wie, wenn heut <i>Sankt Gorgon<\/i> w\u00e4re? Mechanisch nehm\u2019 ich es vom Boden; indem tritt der Kellner herein, gr\u00fc\u00dft, fragt, ob ich noch zu trinken verlange? Ich nicke stumm, gedankenlos, und sehe mich dabei nach einem Wandkalender um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas ist gef\u00e4llig? neuer? alter? Drei und achtziger? vier und achtziger?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVersteht sich, einen neuen!\u201c rief ich mit Ungeduld und meinte den Kalender; \u201eden heurigen, nur schnell! nur her damit!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kellner l\u00e4chelte hochweise: \u201eWir haben hier zu Land noch keinen heurigen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie? was? um diese Zeit? verflucht! so bringt in\u2019s Kukuks Namen einen alten! Das ist mir aber doch, bei\u2019m Donner, eine Wirthschaft, wo man \u2013 ei da\u00df dich, da h\u00e4ngt ja doch einer!\u201c Ich ri\u00df den Kalender vom Nagel, ich bl\u00e4tterte mit bebender Hand \u2013 richtig! Gorgonii, der 9. September! Und da\u00df ich jetzt nicht wie ein Narr vor Freuden in der Stube herumtanzte, den Gl\u00e4serschrank zusammenschlug, den Kellner umarmte, war Alles. Von nun an wu\u00dfte ich, was f\u00fcr ein herrliches Kleinod mein Schatzk\u00e4stlein sei. Stand nicht ein Verslein drin, ein Reimlein, ach, mehr werth als alle Reime in der Welt? (der siebente war\u2019s in der Zugab f\u00fcr sondere F\u00e4ll):<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: center;\">\n<p><small>Was dir an Gorgon wird gestohlen,<br \/>\nVor Cyprian kannst\u2019s wieder holen;<br \/>\nJag nit darnach, mach kein Geschrei,<br \/>\nUnd allerdings f\u00fcrsichtig sei.<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zweifelte nicht einen Augenblick an der Unfehlbarkeit dieses prophetischen Rathes. Denn, dacht\u2019 ich, w\u00e4r\u2019 es \u00fcberhaupt nicht richtig mit dem B\u00fcchlein, wie konnte es denn wissen und mir so treulich melden, da\u00df man mich just auf Gorgonstag bestehle? und dann \u2013 und kurz, es war in mir ein unwiderstehlicher Glaube: vor Cyprian kannst\u2019s wieder holen. Bis dorthin waren\u2019s freilich noch immer siebzehn Tage; nun, meinte ich, das ist der \u00e4u\u00dferste Termin, wer wei\u00df, es kann so gut auch morgen und \u00fcbermorgen gl\u00fccken. Wart Mauschel, wart Halunk! es wird sich bald ausweisen, wo deine Krallen es eingescharrt haben; drei Schritt von deinem Galgen, hoffe ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz Arbogast setzte sich hinter den Tisch, mit einer Empfindung, mit einem Gesicht, wie ungef\u00e4hr ein Kaufmann haben mag, wenn er gerade einen Brief aus Nordamerika bekam, des Inhalts: Mein Herr! Ich habe die Ehre zu melden, da\u00df Ihr sehr wackeres Schiff, die Faustina, nachdem wir sie bereits in der Gewalt der Seer\u00e4uber geglaubt, soeben wohlbehalten im Hafen eingelaufen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich a\u00df und trank nach Herzenslust, schenkte besonders auch dem Fuhrmann tapfer ein, der mir gestand, der Kellner habe ihm vorhin in\u2019s Ohr gesagt, ich m\u00fcsse wohl ein Wiedert\u00e4ufer sein, ein Separatiste oder dergleichen, ich h\u00e4tte mein Gebetbuch so n\u00e4rrisch gek\u00fc\u00dft. \u201eGut,\u201c habe er darauf gesagt, \u201ewenn\u2019s nur kein Jude ist; denn der, den ich gefahren, der Spitzbub, stiehlt mir ein Paar nagelneue Handschuh weg! Ich hatte sie am Reif im Wagen h\u00e4ngen. Und das war nicht genug, bei\u2019m Abschied im Finstern was thut er? dr\u00fcckt mir den breiten nichtsnutzigen Knopf da in die Hand statt einem F\u00fcnfzehner! Aber, nur st\u00e4t! es gibt allerhand Kn\u00f6pf\u2019, ganz besondere Sorten. Wi\u00dft Ihr wohl, Herr, welches die besten Knopfmacher sind, will sagen, die flinksten, und macht doch einer lang kein Duzend im Jahr? Ihr rathet\u2019s nicht. Die Henkersknecht! Mein Seel, wenn mir der Jud\u2019 wieder begegnet, das R\u00e4thsel geb\u2019 ich ihm auf; was gilt\u2019s, er hat\u2019s heraus, eh\u2019 ich ihm zweimal mit der Gei\u00dfel winke?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eH\u00f6rt,\u201c sprach ich zu dem Fuhrmann, \u201eIhr seid ein braver Kerl, wi\u00dft Ihr Was? vielleicht da\u00df mir der Jude doch noch fr\u00fcher in die H\u00e4nde l\u00e4uft als Euch; la\u00dft mir den st\u00e4hlernen Knopf, hier ist ein Zw\u00f6lfer daf\u00fcr.\u201c Der Handel fand keinen Anstand. \u2013 Mir fiel inzwischen ein, da\u00df noch mein Stock im Wagen liege; ich ging mit Licht hinaus und fand bei der Gelegenheit noch einen meiner goldenen F\u00fcchse zwischen dem Flechtwerk des Korbes stecken und gleich dabei ein ziemlich gro\u00dfes Loch im Boden. Ich wu\u00dfte nicht recht was ich davon denken sollte. Ich lie\u00df es eben gut sein; zu holen war heut doch nichts mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Singend und pfeifend lie\u00df ich mir meine Schlafkammer zeigen, und ruhiger schlief ich in meinem Leben nicht als diese Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am andern Morgen nun, nach ernstlicher Erw\u00e4gung aller Umst\u00e4nde, schien es mir keineswegs gerathen, mich aus der Gegend zu entfernen. Ein jeder Schritt schien zwecklos, wo nicht bedenklich. \u201eJag nit darnach.\u201c Das war f\u00fcr mich eben, als wenn ein Daniel mit eigenem Mund zu mir gesprochen h\u00e4tte: Mein Sohn, bleib\u2019 Er ganz ruhig sitzen im L\u00f6wen zu R\u00f6sheim; Er sieht, es ist ein braves Wirthshaus hier; thu\u2019 Er sich etwas g\u00fctlich auf den gehabten Schreck und scheer\u2019 Er sich den Teufel um die Sache, Er wird bald h\u00f6ren, was die Glocke schl\u00e4gt. Ich kam dieser Weisung gewissenhaft nach. R\u00f6sheim ist ein lustiges St\u00e4dtchen, es fehlte mir nie an Gesellschaft, besonders meine Wirthin war die gute Stunde selbst. So gingen drei, sechs, sieben Tage hin. Dazwischen gab es freilich auch tiefsinnige Momente und nachgerade ward mir doch die Zeit zu lang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe eines Nachmittags am Fenster und gr\u00e4me mich \u00fcber das k\u00f6stliche Wetter, das mir so j\u00e4mmerlich verloren geht: kommt eine Chaise vor das Haus gefahren, die ich sogleich f\u00fcr dieselbe erkenne, mit welcher ich damals von Achfurth abreis\u2019te. Ein Herr steigt aus, es war einer von jenen Kaufleuten, der n\u00e4chste Nachbar meines Meisters, ein wusliger, kleiner geschw\u00e4tziger Mann. Schnell wollt\u2019 ich noch entweichen, doch eh\u2019 ich mich\u2019s versah, war er herein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAh! was der Tausend \u2013 da ist ja Herr Franz! Sch\u00f6n, sch\u00f6n, da\u00df wir uns unvermuthet treffen! Auf Ehre, wie bestellt! Wie sieht\u2019s in Frankfurt? gute Gesch\u00e4fte gemacht?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eO ja, so so, so ziemlich, ja.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eCharmant. Und, mein Freund, nun f\u00e4hrt Er nat\u00fcrlich mit mir, ich gehe direkte nach Haus und bin ganz allein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fing nun an mich zu entschuldigen \u2013 ein guter Bekannter, den ich nothwendig, Gesch\u00e4fte halber, hier abwarten m\u00fcsse, besondere Affairen \u2013 kurz, Alles was zu sagen war. Der Kaufmann stutzte, wollte nicht begreifen, sondirte, fragte, schwieg zuletzt und trank sein Sch\u00f6ppchen W\u00fcrzburger, gelben. Ich bat mir Feder und Tinte aus und schrieb etliche Zeilen an den Vetter; da\u00df ich Frankfurt dato noch nicht gesehen, ein kleiner Unfall habe mich versp\u00e4tet, bereits sei aber Alles wieder ganz auf gutem Weg, so da\u00df ich hoffe noch zeitig genug mit meinen Eink\u00e4ufen in Achfurth einzutreffen; \u00fcbrigens m\u00f6ge er sich ja ganz stille halten, mit Niemand weiter von der Sache reden, mir aber ganz und gar vertrauen. \u2013 Der Kaufmann sprach indessen leise mit dem Wirth bei Seit. Gewi\u00df erfuhr er von diesem, wie lang ich schon hier liege, und er konnte sich denn an den Fingern abz\u00e4hlen, da\u00df ich noch nicht \u00fcber die Gr\u00e4nze kam. Ich lie\u00df mich das weiter nichts k\u00fcmmern, versiegelte den Brief, empfahl ihn dem Herrn Nachbar zur Besorgung, er steckte ihn sehr seri\u00f6s zu sich und schl\u00fcrfte gelassen sein Restchen. \u201eViel Gl\u00fcck <i>nach Frankfurt!\u201c<\/i> rief er mir mit h\u00f6hnischem Gesicht bei\u2019m Abschied zu. Der Wagen rollte fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt war auch meines Bleibens hier nicht l\u00e4nger. Ich hatte weder Rast noch Ruhe mehr, obgleich ich nicht wu\u00dfte wohin. Ich fragte nach der Zeche, man war sogleich bereit, und wahrlich unversch\u00e4mter wurde sie nie einem Grafen gemacht; ich h\u00e4tte heulen m\u00f6gen wie ein Weib, als ich berechnete, da\u00df mir nur wenige Gulden \u00fcbrig blieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber mein Muth sollte noch tiefer sinken. Denn auf der Stra\u00dfe, als ich schon ein gutes Weilchen fortgewandert war, fiel mir auf einmal ein, da\u00df ich von nun an nirgends mehr im Lande sicher sei. Wird sich der Vetter wohl mit meinem Brief beruhigen? mu\u00df er nicht das \u00c4rgste bef\u00fcrchten? Wenn er nun fahnden l\u00e4\u00dft auf dich! wenn man dich greift! Mir wurde es schwarz vor den Augen. Ich machte mir die bittersten Vorw\u00fcrfe, verfluchte abermals das Schatzk\u00e4stlein, denn die\u00df war Schuld, da\u00df ich die Sache nicht sogleich vor Amt angab, wie jeder Andere, der nicht ein ganzer Esel war, gethan h\u00e4tte; jetzt freilich war die Katz\u2019 den Baum hinauf und Alles war zu sp\u00e4t. Noch volle zwei Tage trieb ich mich, bald da, bald dort verweilend, und mich dabei immer auf\u2019s Neue wieder an meinem Osterengel aufrichtend, im gleichen Reviere umher. Zuletzt kam mir in Sinn, da\u00df nicht gar weit von hier, \u00fcber der Gr\u00e4nze, ein paar weitl\u00e4uftige Verwandte meiner Mutter, verm\u00f6gliche Pelzh\u00e4ndler, wohnten, die meinem Vater viel zu danken hatten. Gl\u00fcckshof, so viel ich wu\u00dfte, hie\u00df der Ort; dort war doch vor der Hand Trost, Rath und Unterkunft zu hoffen. So setzte ich denn meinen Weg zum erstenmale wieder in einer entschiedenen Richtung fort, und eingedenk der Flasche des trefflichen Lik\u00f6rs, womit mich meine gute Base bei\u2019m Abschied noch versah, bediente ich mich dieses St\u00e4rkungsmittels zu meinem Encouragement ein \u00fcber\u2019s andere Mal mit solchem gl\u00fccklichen Erfolg, da\u00df ich seit langer Zeit wieder ein Liedlein summte und endlich meinen vielber\u00fchmten Ba\u00df m\u00e4chtig und ungeb\u00e4ndigt walten lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein das wunderbare Schicksal, unter dessen Leitung ich stand, k\u00fcndigte sich nunmehr auf eine h\u00f6chst seltsame Weise an. Es war etwa f\u00fcnf Uhr des Abends, als ich getrosten Herzens so fort schlendernd in eine gar betr\u00fcbte Gegend kam. Da lag nur \u00f6de Heide weit und breit. Rechts dr\u00fcben sah ein d\u00fcsteres Geh\u00f6lz hervor, und links vom H\u00fcgel her ein langweiliger ausgedienter Galgen, so windig und gebrechlich, da\u00df er den magersten Schneider nicht mehr pr\u00e4stirt haben w\u00fcrde. Die Pfade wurden zweifelhaft, ich stand und \u00fcberlegte, marschirte noch ein St\u00fcck und traf zu meiner gro\u00dfen Freude jetzt auf einen h\u00f6lzernen Wegweiser. O weh, dem armen Hungerleider war die Schrift h\u00fcben und dr\u00fcben rein abgegangen vor Alter! Er streckte den einen Arm rechts, den andern links hinaus und lie\u00df die Leute dann das Ihre dabei denken. Du w\u00e4rst ein Kerl, sprach ich, f\u00fcr den ewigen Juden, dem es wenig verschl\u00e4gt, ob er in Tripstrill oder Herrnhut zur Kirchweih ankommt. Nun sah ich unten einen Sch\u00e4fer seine Heerde langsam die Ebene herauftreiben. Dem rief ich zu: \u201eHe, guter Freund, wo geht der Weg nach Gl\u00fcckshof?\u201c \u2013 Kaum ist mir das letzte Wort aus dem Mund, so klatscht<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup> es dreimal hinter mir, eben als schl\u00fcge Jemand recht kr\u00e4ftig zwei h\u00f6lzerne H\u00e4nde zusammen. Erschrocken seh\u2019 ich mich um \u2013 o unbegreiflicher entsetzensvoller Anblick! Er hatte sich gedreht! der Wegweiser \u2013 gedreht, so wahr ich lebe! Mit Einem Arm wies er schief \u00fcber die Heide, den andern hatte er, damit ich ihn ja recht verstehen sollte, dicht an den Leib gezogen. Des Sch\u00e4fers Antwort ging inde\u00df im Wiederhall des Walds verloren. Ich starrte und staunte den Wegzeiger an und h\u00f6rte wie mein Herz gleich einem Hammer schlug. Alter! sprach ich in meinem Sinn, du gef\u00e4llst mir nur halb; du h\u00e4ltst wohl gute Nachbarschaft mit dem dreibeinigen Gesellen auf der H\u00f6he, mich sollst du nicht dran kriegen! Damit rannt\u2019 ich davon, als w\u00e4r\u2019 er schon hinter mir her. Der Sch\u00e4fer kam mir entgegen: \u201eWas gibt\u2019s? Wer ist Euch auf den Fersen? Habt Ihr Etwas verloren?\u201c \u201eNichts! sagt nur, wo geht\u2019s Gl\u00fcckshof zu?\u201c Der Mann mochte glauben, ich h\u00e4tte gestohlen, er ma\u00df mich von Kopf bis zu Fu\u00df; dann deutete er nach der Waldecke hin: \u201evon dort seht Ihr in\u2019s Thal, ein Fu\u00dfpfad f\u00fchrt nach dem Weiler hinab, da fragt Ihr weiter.\u201c Inmittelst hatt\u2019 ich mich etwas gefa\u00dft. Der Mann schien mir eine ehrliche Haut, demungeachtet nahm ich Anstand, ihm mein Abenteuer zu vertrauen, und fragte nur, indem ich meinen Finger in der Richtung hielt, in der das h\u00f6lzerne Gespenst gewiesen: \u201eWas liegt denn <i>dahin?\u201c<\/i> \u201eDa? k\u00e4mt Ihr schnurgerad\u2019 auf\u2019s graue Schl\u00f6\u00dflein.\u201c Bewahr\u2019 mich Gott! dacht\u2019 ich, dankte dem Sch\u00e4fer und folgte seiner Weisung nach dem Walde. Im Gehen macht\u2019 ich mir verschiedene Gedanken, und schaute wohl noch zehnmal um nach dem verw\u00fcnschten Pfahl. Er hatte seine Allagsstellung wieder angenommen und sah wahrhaftig aus, als k\u00f6nnte er nicht F\u00fcnfe z\u00e4hlen. Was wollte er doch mit dem grauen Schl\u00f6\u00dfchen? Ich hatte fr\u00fcher Mancherlei davon erz\u00e4hlen h\u00f6ren. Es geh\u00f6rte den Freiherrn von Rochen, und war, so viel ich wu\u00dfte, noch unl\u00e4ngst bewohnt; es stand im Rufe arger Spuckereien, doch nicht sowohl das Schl\u00f6\u00dfchen selbst, als vielmehr seine n\u00e4chste Umgebung. Die Sichel flie\u00dft unten vorbei, darin schon<sup id=\"cite_ref-2\" class=\"reference\"> <\/sup>Mancher, durch ein weibliches Gespenst irre gef\u00fchrt, den Tod gefunden haben soll. Nun glaubte ich nicht anders, als der Versucher habe mich in Wegweisersgestalt nach dieser Teufelsgegend locken wollen. Jedoch, erhob sich bald ein anderes Stimmchen in mir, wenn du ihm Unrecht th\u00e4test? wenn du gerade jetzt deinen Dukaten entliefst? Was also thun? kehr\u2019 ich um? geh\u2019 ich weiter? So stritt es hin und her in meiner Seele. Erm\u00fcdet und verdrossen setzt\u2019 ich mich am Waldsaum oben nieder, wo ich denn immer tiefer in mich selbst versank, ohne zu merken, wie die D\u00e4mmerung einbrach und da\u00df der Sch\u00e4fer lange heimgetrieben. Rasch und entschlossen stand ich auf. Gut\u2019 Nacht, Wegweiser! \u2013 Ich stieg bergab, dem Weiler zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein dichter Nebel hatte sich wie ein wei\u00dfe See durch\u2019s Thal ergossen, er reichte bis zu mir herauf und ich stieg immer mehr in ihn hinein. Zum Gl\u00fcck war die Nacht nicht sehr finster, die Sterne thaten ihre Schuldigkeit. Aber ach, ich glaubte bereits in der Tiefe zu wandeln, w\u00e4hrend ich nur auf einem fahrbaren Absatz des Berges rings um denselben herum und ganz unmerklich wieder aufw\u00e4rts lief. In Kurzem spazierte meines Vaters sein Sohn also wieder ganz h\u00fcbsch auf der \u00f6den, verhenkerten Heide herum, ungef\u00e4hr da wo ihm vor drei Stunden zum erstenmal das Trumm verloren ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie fragen, meine Werthesten, wie mir bei dieser Entdeckung zu Muthe gewesen? Je nun, ich dachte, jetzt s\u00e4\u00dfest du besser daheim bei deiner braven Meisterin, wenn sie den Abendsegen lies\u2019t, meinethalben auch bei\u2019m Storchenwirth und Fritz der F\u00e4rber g\u00e4be die Geschichte Preis, wie er Anno 70 im Kniebis verirrte. Allein, wo nun hinaus? Eine bekannte gute Regel ist: wenn Einer sp\u00fcrt, es sei ihm angethan, thut er am kl\u00fcgsten, er steckt den Verstand in den Sack und l\u00e4uft wie seine F\u00fc\u00dfe m\u00f6gen. So that ich auch, und fing das frische Kernlied an zu singen: Seid lustig und fr\u00f6hlich ihr Handwerksgesellen! \u2013 Es ging jetzt unaufh\u00f6rlich eben fort. Auf einmal aber schien es hell und immer heller um mich her zu werden, ich sah mich um, da ging der volle Mond sehr herrlich hinter goldnen Buchenwipfeln auf. Von Furcht empfand ich eigentlich nichts mehr, nur <i>Selbigem<\/i> wollt\u2019 ich nicht gern zum zweitenmal begegnen. So oft er mir einfiel, that ich einen herzhaften Zug aus der Flasche und hub alsbald mit heller Stimme wieder an:<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: center;\">\n<p><small>Hamburg, eine gro\u00dfe Stadt,<br \/>\nDie sehr viele Werber hat.<br \/>\nMich hat nicht gereut,<br \/>\nVielmehr erfreut,<br \/>\nL\u00fcbeck zu sehn;<br \/>\nL\u00fcbeck eine alte Stadt,<br \/>\nWelche viel Wahrzeichen hat.<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun schritt ich \u00fcber Stoppelfeld. Gottlob, das war doch eine Menschenspur. Aber, Goldschmied, wenn es nun allgemach hinunter und an\u2019s Wasser ging\u2019, und dir die bleiche Edelfrau ein k\u00fchles Bad anwiese?<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: center;\">\n<p><small>Dresden in Sachsen,<br \/>\nWo sch\u00f6ne M\u00e4dchen wachsen;<br \/>\nIch denk jetzund<br \/>\nAlle Stund<br \/>\nAn N\u00fcrnberg und Frankf \u2013<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">patsch! lag ich auf der Nase. Der Schmerz trieb mir die Thr\u00e4nen in die Augen, mir schwebte ein Fluch auf der Zunge; aber nein \u2013<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: center;\">\n<p><small>Augsburg ist ein kunstreicher Ort,<br \/>\nUnd zuletzt nach Elsa\u00df fort.<br \/>\nAlsobald mit Gewalt<br \/>\nGeh ich nach Strasburg.<br \/>\nEs ist eine schwere Pein<br \/>\nVon Jungferen insgemein,<br \/>\nWenn man alsdann<br \/>\nNicht herzen kann<br \/>\nUnd wieder soll mareschiren fort.<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allmittelst aber nahe an den Rand der Ebene gekommen, bemerkte ich auf gleicher H\u00f6he mit derselben, links hin, wo sie in einem spitzen Vorsprung auslief, nur drei\u00dfig Schritt von mir, ein altes, guterhaltenes Geb\u00e4ude, mehr schmal als breit, mit etlichen Th\u00fcrmchen und hochgestaffeltem Giebel. Ich konnte nicht mehr zweifeln wo ich sei. Ganz sachte schlich ich n\u00e4her. Es schimmerte Licht aus einem verschlossenen Laden des unteren Stocks; hier mu\u00dfte der Hausschneider wohnen. Ein Hund machte L\u00e4rm, und sogleich \u00f6ffnete ein Weib das Fenster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer ist da?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin Handwerksgesell, ein verirrter.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWelche Profession?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wagte, eingedenk meiner gef\u00e4hrdeten Person, nicht, die Wahrheit zu sagen. Ein Schneider! sagt\u2019 ich kleinlaut. Sie schien sich zu bedenken, entfernte sich vom Fenster und ich bemerkte, da\u00df man drin sehr lebhaft deliberirte; es wisperten mehrere Stimmen zusammen, wobei ich \u00f6fter das fatale \u201eSchneider\u201c nur gar zu deutlich unterscheiden konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt ging die Pforte auf. Der Hausvogt stand bereits im Gang; die Frau hielt auf der Stubenschwelle und hinter ihr ein sehr h\u00fcbsches M\u00e4dchen, welches jedoch auffallend schnell wieder verschwand. Die Ehleute sahen einander an und baten mich, in\u2019s Zimmer zu spazieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier war nun Alles gar sauber und reinlich bestellt. Ein Korb mit d\u00fcrren Bohnen und reifen Haseln\u00fcssen, zum Ausmachen bereit, wurde bei Seite geschoben, man nahm mir mein Gep\u00e4cke ab und hie\u00df mich sitzen. Es war zehn Uhr vor\u00fcber. Die Alte deckte mir den Tisch, derweil der Mann, gespr\u00e4chsweise, die n\u00e4chstgelegenen Fragen, nach meiner Heimath und dergleichen, ohne Zudringlichkeit und in so biederem Tone an mich that, da\u00df ich mein einmal angenommenes Incognito, wobei nat\u00fcrlich eine L\u00fcge aus der andern folgte, nur mit innerlichem Widerstreben, de\u00dfhalb auch etwas einsilbig und unsicher, behauptete. Das M\u00e4dchen lief einige Male gesch\u00e4ftig von der K\u00fcche durch\u2019s Zimmer, ohne mich kecklich anzusehen. Man brachte endlich eine warme Suppe und einen guten Rahmkuchen. Ich a\u00df und trank mit Appetit, worauf mein Wirth sich bald erbot, mir meine Schlafst\u00e4tte zu zeigen. Die Frau ging mit dem Licht voran, er selbst trug meinen Ranzen die Treppe hinauf nach einem hohen gewei\u00dften Eckzimmer, worin es neben einem frischen Bette nicht an den n\u00f6thigsten Bequemlichkeiten fehlte. Ich sagte dankbar gute Nacht, setzte mein Licht auf den Tisch und \u00f6ffnete unter kuriosen Gedanken ein Fenster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nebel lie\u00df mich wenig unterscheiden, doch schien die H\u00f6he da hinab betr\u00e4chtlich, und, was mir nicht das lieblichste Gef\u00fchl erregte, dem sanften Rauschen eines Wassers nach, mu\u00dfte die Sichel ganz unmittelbar am Fu\u00df des Felsen, der das Schl\u00f6\u00dfchen trug, vor\u00fcberziehn. Sei\u2019s drum! ich riegelte getrost die Th\u00fcre, und zog mich aus. Mich niederlegen und schlafen war Eins. Es regnete die halbe Nacht, ich merkte nichts davon; mir tr\u00e4umte lebhaft von dem sch\u00f6nen M\u00e4dchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am andern Morgen, durch und durch gest\u00e4rkt, fand ich die Sonne schon hoch am Himmel \u00fcber dem engen Sichelthale stehen, welches, reichlich mit Laubwald geschm\u00fcckt, die Aussicht hier zun\u00e4chst sehr stille und reizend beschr\u00e4nkt, alsdann, mit einer kurzen Beugung um das Schlo\u00df, sich in das offene, flache Land verl\u00e4uft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Glockengel\u00e4ute von unten, aus dem gutsherrschaftlichen Dorf an der Seite des Berges, erinnerte mich, es sei Sonntag. Mein Herz bewegte sich dabei, ich wei\u00df nicht wie. Doch war jetzt keine Zeit, um solchen R\u00fchrungen lang nachzuh\u00e4ngen; auf alles Denken aber und Gr\u00fcbeln \u00fcber meine Lage that ich sofort grunds\u00e4tzlich ein f\u00fcr alle Mal Verzicht; nur, als ich mir den beispiellosen Spuck des gestrigen Abends zur\u00fcckrief, gerieth ich auf die Muthma\u00dfung, ich k\u00f6nnte wohl ein bischen beschnapst gewesen sein, denn meine Branntweinflasche fand sich beinahe leer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich eilte, sauber angezogen, zu meinem Wirth hinunter, der mir mit Heiterkeit ank\u00fcndigte, es sei nur noch ein St\u00fcndchen bis Mittag; sie h\u00e4tten mich nicht wecken wollen, weil sie d\u00e4chten, ich habe nicht besonders zu pressiren und w\u00fcrde vielleicht ein paar Tage bei ihnen ausruhen. Nach einigem, wiewohl nur scheinbaren Bedenken, und auf wiederholtes Zureden, nahm ich diese unerwartete Gastfreundschaft an und blieb geruhig in meinen Pantoffeln. \u201eZwar werden wir Euch leider \u00fcber Tisch f\u00fcr die\u00dfmal nicht Gesellschaft leisten,\u201c sagte der Schlo\u00dfvogt; \u201eder Schulmeister im Dorf l\u00e4\u00dft heute taufen, da sind wir zu Gevatter gebeten und m\u00fcssen gleich fort: Josephe aber, meine Nichte, wird Euch nichts abgehen lassen.\u201c Ich war Alles zufrieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ehpaar hatte sich in Staat begeben und au\u00dfen wartete ein Fuhrwerk. Sie baten nochmals um Entschuldigung, mit dem Versprechen, vor Abend wieder da zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich befand mich allein in der Stube und mit Josephen, die drau\u00dfen am Herde besch\u00e4ftigt sein mochte, allein im ganzen Schlosse. Die N\u00e4he dieses M\u00e4dchens, zu dem ich von der ersten Stunde an ein stilles, unerkl\u00e4rliches Vertrauen hegte, obgleich wir bis jetzt kaum ein Wort mit einander gewechselt, beunruhigte mich ganz sonderbar. Es zog und zupfte mich immer, sie in der K\u00fcche aufzusuchen, allein wenn ich eben dran war, schien mir von allen den bei Handwerksburschen \u00fcblichen galanten Redensarten nicht Eine gut genug. Auf Einmal kam sie selbst herein, band sich die K\u00fcchensch\u00fcrze ab, stellte sich dann mit einigem Err\u00f6then mir grade gegen\u00fcber und sprach, nachdem sie ihre offenen braunen Augen ein ganzes Weilchen auf mir ruhen lassen: \u201eAlso Ihr kennt mich wirklich gar nicht mehr?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich betroffen schwieg und nun mit halben Worten zu erkennen gab, da\u00df ich auf eine fr\u00fchere Bekanntschaft mit einem so scharmanten Frauenzimmer im Augenblick mich nicht besinnen k\u00f6nne, verbarg sie sehr geschickt ihre Besch\u00e4mung und Empfindlichkeit hinter ein fl\u00fcchtiges Lachen und that, als h\u00e4tte sie den puren Scherz mit mir getrieben. \u201eNein! Nein!\u201c rief ich, sie eifrig bei der Hand nehmend, \u201edahinter steckt Etwas \u2013 Ihr seid betreten, Ihr seid gekr\u00e4nkt! Um\u2019s Himmelswillen, beste, sch\u00f6nste Jungfer! helft mir ein klein wenig darauf \u2013 wenn, wo \u2013 wie h\u00e4tten wir uns denn gesehen? es wird mir gleich beifallen!\u201c In der That, ihr Gesicht wollte mir nun bereits ganz au\u00dferordentlich bekannt vorkommen, nur wu\u00dfte ich es nirgend hin zu thun. Ich bat sie wiederholt um einen kleinen Fingerzeig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSeid erst so gut,\u201c versetzte sie, \u201eund nennt mir Euren Namen.\u201c Da ich best\u00fcrzt ein wenig zauderte und eben eine ausweichende Antwort geben wollte, brach sie kurz ab, wie wenn sie ihre Frage selbst bereute: \u201eDer Braten verbrennt mir! verzeiht, ich mu\u00df gehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Kurzem kam sie wieder, schob ohne Ger\u00e4usch einen Tisch in die Mitte der Stube und fing sodann, indem sie ihn sehr ruhig deckte, als w\u00e4re nichts geschehn, vom Wetter an. Als ich mich auf dergleichen nicht einlie\u00df, sondern mich nachdenkend und fast verdrie\u00dflich zeigte, nahm sie zuletzt, um dieser l\u00e4cherlichen Spannung zu begegnen, das Wort: \u201eH\u00f6rt, thut mir doch den einzigen Gefallen, denkt nicht mehr an die einf\u00e4ltige Posse. Ich habe mich in der Person geirrt, und das ist Alles! Noch einmal, ich bitte, denkt nicht mehr daran.\u201c \u2013 Dagegen war nun freilich schicklicher Weise nichts weiter zu sagen, obgleich ich ihren Worten nur halb traute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir setzten uns zum Essen. Josephe that Alles, um mich zu zerstreuen. Sie war die lautere Unbefangenheit, Anmuth und Herzensg\u00fcte. Zum erstenmal, ich darf beinah so sagen, zum erstenmal in meinem Leben begriff ich, wie es m\u00f6glich sei, sich in ein Weibsbild zu verlieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan sagt so viel von Eurem grauen Schl\u00f6\u00dfchen,\u201c hub ich an, nachdem sie das Essen abgetragen und die herrlichsten Aepfel zum Nachtisch aufgestellt hatte, \u201ewie w\u00e4r\u2019s, Ihr schenktet mir, weil wir gerade so beisammen sind, einmal recht reinen Wein dar\u00fcber ein?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas kann geschehen,\u201c antwortete sie; \u201ewir reden sonst nicht leicht mit Jemanden davon, allein man macht wohl eine Ausnahme. Zudem seid Ihr ein verst\u00e4ndiger Mann und werdet Euch bei uns nicht f\u00fcrchten. (Hier sah sie mir sehr scharf, wie pr\u00fcfend, ins Gesicht.) Auch ist noch keiner Seele seit Menschengedenken im Hause selbst das Mindeste zu Leid geschehn, und au\u00dferhalb, nun ja, man h\u00fctet sich. Es gab wohl schon so leichtsinnige Menschen, die m\u00f6gen immer ihren F\u00fcrwitz b\u00fc\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte sich gesetzt und eine kaum erst angefangene Strickerei mit gr\u00fcn und schwarzem Garn zur Hand genommen, der Knaul lag ihr im Schoose. \u201eAch mein! so seht doch, was das regnet! was das sch\u00fcttet! Wie gut ist\u2019s, da\u00df Ihr heut nicht auf der Stra\u00dfe seid.\u201c Und nun begann sie zu erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVor ungef\u00e4hr vierhundert Jahren wohnte allhier ein Graf mit Namen Veit von L\u00f6wegilt, ein frommer und tapferer Ritter. Er ehlichte als Wittwer ein junges Fr\u00e4ulein, Irmel von der M\u00e4hne, welche ein Ausbund von Sch\u00f6nheit gewesen sein mu\u00df und sehr reich. Am Hochzeitabend, als der Tanz im kerzenhellen Saal begonnen hatte und nun die Frau bald dem, bald jenem Gast die Hand zum Reigen gab, da sah Herr L\u00f6wegilt eine ganze Zeit mit Wohlgefallen zu, bald aber kam seltsame Wehmuth \u00fcber ihn, wie eine b\u00f6se Ahnung, davon er sich jedoch nichts merken lie\u00df; nur gegen das Ende des Tanzes gab er der Dame einen Wink, da\u00df sie ein wenig aus dem Saale k\u00e4me. Er nahm ein Licht und f\u00fchrte sie in ein ander Gemach. Mein liebstes Herz! sprach er, da sie alleine waren, Euren Gemahl hat wunderlich verlangt, da\u00df er sich abgesondert von den Leuten mit einem K\u00fc\u00dflein Eurer Lieb\u2019 versichere. Damit schlo\u00df er sie in den Arm und k\u00fc\u00dfte sie und sie that gleich also. In ihrem Innern aber war sie ungehalten, dachte: was will mir der Narr? es ziemt den Wirthen schlecht, die G\u00e4ste zu verlassen. Jetzt zog Herr Veit eine schwere, goldene Kette unter dem Goller hervor mit den Worten: Betrachtet diese Kette. Mein Ahnherr schenkte sie einst seiner Frau, der z\u00fcchtigen und edlen Richenza vom Stain; hernachmals ist das Kleinod als ein ehrenwerthes Denkzeichen der gl\u00fccklichsten Ehe von einem Sohn auf den andern gekommen, und jetzo, heut, da Ihr mein v\u00e4terliches Erbe als Hausfrau betreten, verg\u00f6nnt, da\u00df ich Euch diesen Schmuck umh\u00e4ngen mag: ich wei\u00df, Ihr werdet ihn mit Ehren tragen. \u2013 Ich danke meinem Herrn und g\u00fctigen Gemahl, antwortete die sch\u00f6ne Frau sehr freundlich: dafern Ihr aber irgend Zweifel habt an mir, so sei es nicht genug an meinem Wort, das Ihr in Marien\u2013Capelle empfangen, und ich gelobe nochmals hier, Euch als ein treues Weib zu dienen, so Gott mir nach dem Tode gn\u00e4dig sei. \u2013 So gingen sie, und Irmel war vergn\u00fcgt \u00fcber die gelbe Kette und zeigte das Geschenk mir Freuden der Gesellschaft vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Anfang ging Alles gut. Die Gr\u00e4fin schenkte ihrem Mann im ersten Jahre einen Sohn. Sein Hauskreuz aber stellte sich bei Zeiten ein. Die Frau wurde geizig \u00fcber die Ma\u00dfen. Ein Sprichwort ging bei\u2019m Volk, sie singe der Henne um\u2019s Ei. Es hie\u00df: Frau Irmel ist nicht dumm, weil sie der Tropfen Oel im L\u00e4mplein dauert, l\u00e4\u00dft sie die M\u00e4gde bei Mondschein spinnen. Sonst war Gesang und Harfenspiel ihr sch\u00f6nster Zeitvertreib, jetzt that sie nichts wie rechnen und ihre Leute scheren. Das \u00c4rgste dabei war, sie fing ohne Wissen Herrn L\u00f6wegilt\u2019s an, viel Geld auszuleihen auf Zins an ihre Unterthanen und in der Nachbarschaft umher. Wenn nun die armen Leute nicht zu rechter Zeit bezahlten, sprach sie zum Vogt: so lang mein Mann daheim, mag ich nichts anfangen; er ist zu gut und dankt mir\u2019s wohl, wenn ich ihn mit dem Plack verschone. Jedoch das n\u00e4chste Mal, da\u00df er mit Reisigen aus ist, auf einen Monat oder zwei, da sollt Ihr sehn, wie ich mein Zornf\u00e4hnlein auf\u2019s Dach stecke! Wir schicken den Presser herum und brauchen Gewalt; man mu\u00df dem Gauchenvolk die Frucht vom Acker und die Kuh von der Raufe wegnehmen. Zum Gl\u00fcck kam es nicht gar so weit. Herr Veit erfuhr die feine Wirthschaft der Frau Gr\u00e4fin und wollte sich zu Tod dar\u00fcber sch\u00e4men; allein weil er die Dame Tausendsch\u00f6n im Ganzen doch wie n\u00e4rrisch liebte, verfuhr er christlich mit ihr und legte ihr in aller G\u00fcte den saubern Handel nieder. Das nahm sie denn so hin, wohl oder \u00fcbel. Wie aber h\u00e4tte ihr auch nur im Traum einfallen sollen, ihr Veit k\u00f6nnte so gottlos sein und den verw\u00fcnschten Bauern ihre Schuld bis auf den letzten Heller schenken? Er machte das ganz in der Stille ab, und eines Tages bei Gelegenheit bekannte er\u2019s ihr frei, auf holde Art. Frau Irmel h\u00f6rte ihn nur an, verbla\u00dfte, und sagte nicht ein Sterbenswort. Sie ging mit ihm denselben Tag, weil eben Ostern war, zu Gottes Tische. Da mag sie wohl ihr eigen Gift hinabgegessen haben anstatt den s\u00fc\u00dfen Leib des Herrn. Von Stund an war sie wie verstockt. Es sah just aus, als h\u00e4tte sie zu reden und zu lachen und zu weinen f\u00fcr immerdar verlernt. Wenn er so vor ihr stand und ihr zusprach mit guten klugen Worten, so sah sie unter sich wie ein dem\u00fcthig Muttergottesbild und wich mit falschem Seufzen auf die Seite; war der Gemahl hingegen auf der Jagd oder sonst ausgeritten, damit er einen Tag seinen Kummer vergesse, da sei der kalte Fisch daheim lauter Leben, lauter Scherz und lustige Bosheit gewesen. Wer sollte glauben, da\u00df der Graf f\u00fcr eine solche Creatur auch nur ein F\u00fcnklein Liebe haben k\u00f6nnen? Und doch, es hei\u00dft, er hing an ihren Augen trotz einem Br\u00e4utigam. Einige meinten drum, sie hab\u2019 es ihm im rothen Wein gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einst sa\u00df er allein auf dem Saal und hatte seinen Knaben, nicht gar ein j\u00e4hrig Kind, sein liebstes Gut, auf seinem Schoos, und war sehr traurig, denn der Knabe war seit kurzer Zeit siech und elend worden und a\u00df und trank nicht mehr, und wu\u00dfte Niemand was ihm fehle. Tritt leise die Amme herein, ein braves Weib, und f\u00e4ngt zu weinen an: Ach lieber Herr, ich habe Etwas auf dem Herzen, das mu\u00df heraus und w\u00e4re mir die gr\u00f6\u00dfte S\u00fcnde, so ich\u2019s vor Euch verschwieg. D\u00fcrft aber mich um Gotteswillen nicht verrathen bei der gestrengen Frau. \u2013 Der Knabe, da sie Solches sprach, bewegte sich mit Angst in seines Vaters Arm, als h\u00e4tte er verstanden und gewu\u00dft, wovon die Rede sei. Der Graf winkte der W\u00e4rterin zu reden, die denn fortfuhr: Neulich, Ihr war\u2019t eben verreis\u2019t, geh\u2019 ich des Morgens, wie ich immer pflege, nach der Kammer zum Kind. Das h\u00f6rt\u2019 ich schon von Weitem schrein, als h\u00e4tte man\u2019s am Messer. Indem ich eintrete, Gott steh\u2019 mir bei, mu\u00df ich mit diesen meinen Augen sehn, wie die gn\u00e4dige Frau den jungen Herrn, bevor sie ihm das R\u00f6cklein angezogen, glatt auf den Tisch gelegt, und ihn gequ\u00e4lt, geschlagen und gekneipt, da\u00df es zum Erbarmen gewesen. Wie sie mein ansichtig geworden, erschrack sie fast und that dem S\u00f6hnlein sch\u00f6n und kitzelt\u2019 es, da\u00df das arme W\u00fcrmlein gelacht und geschrien unter einander. Schau, was er lacht! rief sie: ist er nicht seines Vaters Conterfei? \u2013 Ich dachte: wohl, du armes Kind, drum mu\u00dft du also leiden. \u2013 Herr, haltet\u2019s mir zu Gnaden, da\u00df ich so frech vor Euer Edlen Alles sage; glaubt aber nur, man hat wohl der Exempel mehr, da\u00df eine Ehfrau ihres Mannes Fleisch und Bein im eigenen Kind hat angefeindet, und, mein\u2019 ich, Solches thut der b\u00f6se Geist, da\u00df einer Mutter Herz sich so verstellen mu\u00df und w\u00fcthen wider die Frucht ihres Leibes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So redete Judith und sah, wie ihrem Herrn ein \u00fcber\u2019s andere Mal die Flammen zu Gesichte stiegen und wie er zitterte vor Zorn. Er sagte lange nichts und starrte vor sich nieder. Jetzt stand er auf, sprach zu dem Weib: geh, sag dem Kaspar, da\u00df er gleich drei Rosse fertig halten soll, den sch\u00f6nen Schimmel mit dem Weibersattel, den Rappen und sein eigen Pferd. Du selber lege dein Feierkleid an und nimm des Kindes Zeug zusammen in ein B\u00fcndlein, wir werden gleich verreisen. F\u00fcrchte dich nicht, dir soll kein Haar gekr\u00fcmmt werden. \u2013 Sie lief und that wie ihr befohlen war, derweil Herr Veit sich r\u00fcstete. Alsdann nahm er das B\u00fcblein auf und eilte nach dem Hof. Auf seinen Wink bestieg Judith ihr Pferd; es war das edelste von allen aus dem Stall. Veit nahm den Junker vor sich hin; so ritten sie zum Thor hinaus, der Knecht hinterdrein. Frau Irmel aber sah am Erkerfenster halb versteckt dem Allen zu, h\u00f6chlich verwundert und erbos\u2019t, und bildete sich freilich ein was es bedeute. Sie folgte dem Zug mit h\u00f6hnischen Blicken den Burgweg hinunter, und als die R\u00f6\u00dflein dann in\u2019s obere Sichelthal einlenkten, sprach Irmel bei sich selbst: Richtig! jetzt geht es nach Schlo\u00df Greifenholz, zur lieben gottseligen Frau Schw\u00e4gerin. \u2013 So war es auch. Dort hatte der Graf seine n\u00e4chsten Verwandten, bei denen er viel Trost und f\u00fcr den Knaben und die W\u00e4rterin die beste Aufnahme fand. Am zw\u00f6lften Morgen kehrte der bedr\u00e4ngte Mann um eine gro\u00dfe Sorge leichter zu seinem Fegfeuer zur\u00fcck, denn sichtbarlich gedieh das Kind fern seiner Mutter, wie eine Rose an der Maiensonne. Die Gr\u00e4fin fragte, wie man denken kann, mit keiner Sylbe nach dem Junker, und beide Gatten lebten so fortan als ein paar stille und h\u00f6fliche Leute zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dr\u00fcber geschah\u2019s einmal, da\u00df L\u00f6wegilt in seines Kaisers Dienst mit Kriegsvolk ausw\u00e4rts war sechs ganzer Monate, vom Fr\u00fchling bis tief in den Herbst. Das w\u00e4re eine sch\u00f6ne Zeit zur Bu\u00dfe gewesen, Frau Gr\u00e4fin! Es gibt ein altes Lied, da steht der Vers:<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: center;\">\n<p><small>In Einsamkeit,<br \/>\nIn Einsamkeit<br \/>\nDa w\u00e4chst ein Bl\u00fcmlein gerne,<br \/>\nHei\u00dft Reu und Leid \u2026<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war auch des Grafen sein Hoffen und Beten, wenn er manchmal bei stiller Nacht in seinem Zelte lag und seines Weibes dachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und als nun endlich Friede ward, und F\u00fcrsten, Ritter, Knechte, des Sieges vergn\u00fcgt, nach Hause zogen, da dachte L\u00f6wegilt: Gott gebe, da\u00df ich auch <span id=\"Seite_38\" class=\"PageNumber\">[<b><a class=\"prp-pagequality-4\" title=\"Seite:Moerike Schriften 2 (1878) 038.jpg\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Seite:Moerike_Schriften_2_(1878)_038.jpg\">38<\/a><\/b>]<\/span> den Frieden daheim finde. Er f\u00fchrte seine Mannschaft unverweilt auf den k\u00fcrzesten Wegen zur\u00fcck. Sie hatten noch zwei kleine Tagreisen vor sich, da sie an einem Abend ein St\u00e4dtlein liegen sahen, wo man zu \u00fcbernachten dachte. Begegnete ihnen ein M\u00f6nch, der betete vor einem Kreuz. Ei, rief der Graf, und hielt: das ist ja Bruder Florian! willkommen, frommer Mann! Ihr kommet vom Gebirg her\u00fcber? \u2013 Ja, edler Herr. \u2013 Da habt Ihr doch auf dem Schlo\u00df eingekehrt? \u2013 F\u00fcr diesmal nicht, Gestrenger, ich hatte Eil. \u2013 Das ist nicht sch\u00f6n von Euch. Und nicht ein W\u00f6rtlein h\u00e4ttet Ihr von ungef\u00e4hr vernommen, wie es dort bei mir steht? \u2013 Ach Herr, antwortete der M\u00f6nch, die Leute dichten immer viel, wer m\u00f6chte Alles glauben! Begehret nicht, da\u00df Euer Ohr damit beleidigt werde. \u2013 Bei solchem Wort erschrack der L\u00f6wegilt in seine Seele, er nahm den M\u00f6nch bei Seit, der machte ihm zuletzt eine Er\u00f6ffnung von so schlimmer Art, da\u00df man den Grafen laut ausrufen h\u00f6rte: Hilf Gott! hilf Gott! hast du die Schande zugelassen, so lasse nun auch zu, da\u00df ich sie strafen mag! Und hiermit spornte er sein Ro\u00df und ritt, nur von seinem getreuesten Knappen begleitet, die ganze Nacht hindurch, als wenn die Welt an tausend Enden brennte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau Irmel inde\u00df glaubte ihren Gemahl noch hundert Meilen weit dem Feinde gegen\u00fcber, sonst h\u00e4tte sie wohl ihre Schwelle noch zu rechter Zeit ges\u00e4ubert. Seit vielen Wochen n\u00e4mlich beherbergte sie einen Gast, einen absonderlichen Vogel. Derselbe kam eines Tags auf einer hinkenden M\u00e4hre geritten und fragte nach Herrn Veit, seinem sehr guten Freunde. Der Gr\u00e4fin machte er viel vor: er sei ein Edelmann, landsfl\u00fcchtig, so und so. Ein Knecht aber vom Schlo\u00df raunte den Andern gleich in\u2019s Ohr, da\u00df er den Kauzen da und dort auf Jahrm\u00e4rkten gesehen habe, Latwerg und Salben ausschreien. Man warnte die Gr\u00e4fin, sie h\u00f6rte nicht darauf: der Bursche hatte gar zu sch\u00f6ne schwarze Haare, Augen wie Vogelbeer, und singen konnte er wie eine Nachtigall. Er wu\u00dfte eine Menge welscher Lieder, die Gr\u00e4fin schlug ihre Harfe dazu und lie\u00df ihn nicht mehr von der Seite. Die Knechte aber und die M\u00e4gde unter sich hie\u00dfen ihn nur den Ritter von Latwerg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sa\u00df das feine Paar, so wie gew\u00f6hnlich, nach dem Mittagmahl allein im Saal am gro\u00dfen Fenster, und schauten unter lustigem Gespr\u00e4ch in die offene Gegend hinaus, wie sie im hellen Sonnenschein, mit dem Flu\u00df in der Mitte, da lag. Frau Irmel nahm ihre goldene Kette vom Hals, spielte damit und schlang sie so um ihren wei\u00dfen Arm. Was d\u00fcnkt Euch, Lieber, sagte sie, wenn ich ein Kettlein h\u00e4tte, seht, nicht l\u00e4nger als die kleine Strecke dort, so weit die Sichel im Bogen zwischen den Wiesen l\u00e4ngs dem D\u00f6rflein l\u00e4uft. Versteht, ein jedes Glied m\u00fc\u00dfte nicht gr\u00f6\u00dfer sein als wie ich hier den Mittelfinger gegen den Daume kr\u00fcmme, schaut!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ei, sagte der Galan, was Ihr f\u00fcr kurzweilige Einf\u00e4ll\u2019 habt! Das hie\u00df\u2019 mir ein Geschmeide; h\u00e4tten zwei Riesen genug dran zu schleppen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht wahr? und nun was meint Ihr (das sagte sie aber Herrn Veiten zum Spott, weil er von Hause aus nicht zu den Reichsten geh\u00f6rte): wenn man dem L\u00f6wegilt sein Hab und Gut verkaufte, merkt wohl, nach Abzug dessen was <i>mein<\/i> ist, und machte den Plunder zu Gold und schmiedet\u2019 eine Kette draus, wie ich eben gesagt, wie gro\u00df sch\u00e4tzt Ihr, da\u00df die ausfallen w\u00fcrde? \u2013 Es lachte der Galan und rief: Ich wollte schw\u00f6ren, sie reichte just hin, Frau Irmels Liebe zu Herrn Veit damit zu messen! \u2013 Da klatschte Irmel lustig in die H\u00e4nde und setzte sich dem Ritter auf den Schoos und k\u00fc\u00dfte ihn und lie\u00df sich von ihm herzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Einmal sprach er: Horcht! mir ist, ich h\u00f6re Jemand im Alkoven; wird doch das Gesinde nicht lauschen? \u2013 Ihr tr\u00e4umt, sagte die Frau, er ist verschlossen gegen den Flur. La\u00dft mich sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber, indem sie aufstehen will, o H\u00f6llenschreck! wer tritt hinter der Glasth\u00fcre vor \u2013 Graf L\u00f6wegilt, er selber, ihr Gemahl!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die falsche Schlange, schnell bedacht, warf sich mit einem Schrei der Freuden dem Manne um den Hals, er schleuderte sie weg, da\u00df sie im Winkel niederst\u00fcrzte. Sodann griff seine starke Faust den Buhlen, wie dieser eben auf dem Sprung war auszurei\u00dfen, und \u00fcbergab ihn seinen Knechten zum sicheren Gewahrsam. Jetzt war er mit dem Weib allein. Da stand die arme S\u00fcnderin und deckte ihr Gesicht mit beiden H\u00e4nden; er schaute sie erst lange an, dann nahm er ihr die Kette ab, ri\u00df solche mitten von einander, sprechend: <i>Also sei es von nun an zwischen uns! Und diese Kette hier werde f\u00fcr dich zu einer Centnerlast, und sollest ihr Gewicht jenseits des Grabs mit Seufzen tragen, bis ihre Enden wiederum zusammenkommen.<\/i> Damit warf er die beiden St\u00fccke durch\u2019s offene Fenster hinab in den Flu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mache kurz was weiter folgt. Dem saubern Ritter ward ein l\u00fcftig Sommerhaus gezimmert mit drei S\u00e4ulen, nicht fern von hier, man nennt\u2019s am Galgenforst. Frau Irmel aber sa\u00df jetzt unten in der Burg wohl hinter Schlo\u00df und Riegel. Sie bot alles Erdenkliche auf, mit List und Gewalt zu entkommen, sogar wollte sie ihren Beichtvater bestechen, dem sie bekannt, sie h\u00e4tte, weil sie vom ersten Tag an ihren Mann nicht lieben k\u00f6nnen, ein gro\u00dfes Unheil, wie nun leider eingetroffen, lange vorausgesehn, und drum bei Zeiten ihre Zukunft vorgesorgt, indem sie einen Nothpfennig bei Seite gethan und au\u00dferhalb dem Schlo\u00df verborgen. Den W\u00e4chtern sagte sie: wer ihr zur Freiheit helfe, de\u00df\u2019 H\u00e4nde w\u00fcrde sie mit Gold f\u00fcllen. Hierauf machten auch zwei einen Anschlag, sie wurden aber auf der Flucht ergriffen sammt der Frau. Am andern Morgen fand man sie in ihrem Kerker todt. Sie hatte eine gro\u00dfe silberne Nadel, womit sie immer ihre sch\u00f6nen Z\u00f6pfe aufzustecken pflegte, sich mitten in das Herz gestochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht lang darauf verlie\u00df der Graf das Schlo\u00df und die Gegend f\u00fcr immer. Er lebte weit von hier auf einer einsamen Burg, der Hahnenkamm genannt, davon die Tr\u00fcmmer noch zu sehen sein sollen. Der junge Hugo war der Trost seines Alters. Er zeigte fr\u00fch die edlen Tugenden und F\u00e4higkeiten, dadurch er nachher als treuer Vasall und t\u00fcchtiger Kriegsmann in hohe Gnaden bei dem Kaiser kam. Geschlecht und Name der von L\u00f6wegilt ward nach und nach zu den ber\u00fchmtesten gez\u00e4hlt in deutschen Landen; es kam ja das Herzogthum Astern an sie, daher sie auch den Namen f\u00fchren, und, wie Euch wohl bekannt sein wird, die sch\u00f6ne Prinzessin Aurora, die unser K\u00f6nig noch die\u00df Jahr heimf\u00fchrt, ist eine Tochter des jetzt regierenden Herzogs, Ernst L\u00f6wegilt von Astern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas?\u201c rief ich voll Erstaunen \u2013 \u201ehier also, dieses Schlo\u00df w\u00e4re das Stammschlo\u00df der von Astern? und jene Irmel eine Ahnfrau der Prinze\u00df?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNicht anders! Warum f\u00e4llt Euch die\u00df so auf?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd hat das seine Richtigkeit, da\u00df diese Irmel noch bis auf den heutigen Tag \u2013 nun, Ihr versteht mich schon \u2013\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josephe nickte ja, indem sie sich ein wenig an meinem Schreck zu weiden schien. Wir schwiegen Beide eine ganze Weile und allerlei Gedanken stiegen in mir auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber,\u201c so fing ich, unwillk\u00fcrlich leiser sprechend, wieder an: \u201eauf welche Art erscheint sie denn? und wo?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einer unbegreiflichen Ruhe, doch ernsthaft wie billig, versetzte das M\u00e4dchen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVon jeher zeigt sie sich nur <i>bei<\/i> und <i>auf<\/i> dem Wasser, zun\u00e4chst am Schlo\u00df, dem gro\u00dfen Saale gegen\u00fcber, dann abw\u00e4rts eine Strecke bis gegen den Steg. Feldh\u00fcter und Sch\u00e4fer versichern, sie nehme ihren Lauf auch wohl bis nahezu an\u2019s Dorf, weiter in keinem Fall. Ich selber sah sie blos ein einzig Mal, vom K\u00fcchenfenster aus, die K\u00fcche aber liegt gerade unter\u2019m Saal. Es war um Johannis, drei Stunden vor Tag, wir hatten eben eine W\u00e4sche und waren de\u00dfhalb fr\u00fche aufgestanden. Der Mond schien ganz hell. Von ungef\u00e4hr schau\u2019 ich hinaus und auf die Sichel hinunter. Da steht schneewei\u00df gekleidet ein schlankes Frauenbild in einem Nachen, der dr\u00fcben an den Weidenb\u00fcschen so halb aus dem Schatten des gr\u00fcnen Gezweigs hervorstach, und ob es wohl kein rechter Nachen war, ich meine kein nat\u00fcrlicher, so h\u00f6rte man doch deutlich, wie die Wellen am Schifflein unten schnalzten. Sie kauerte sich erst m\u00fchsam nieder, dann beugte sie sich weit \u00fcber den Bord, indem sie mit den H\u00e4nden hinab in\u2019s Wasser reichte und ringsherum wie suchend w\u00fchlte. Jetzt zog sie langsam, langsam, und mit dem ganzen Leib r\u00fcckw\u00e4rts gebeugt, etwas herauf, das schimmerte und gl\u00e4nzte als wie das lautre Gold und war, wie ich auf\u2019s deutlichste erkannte, eine dicke, m\u00e4chtig schwere Kette. Elle um Elle zog sie herein in den Kahn, und dabei klirrt\u2019 und klang es jedesmal im Niederfallen so nat\u00fcrlich als nur etwas sein kann. So ging es lange fort, es war kaum auszudauern. Ich hatte meine Leute gleich herbeigeholt; die sahen alle nichts, und weil ich mich nach meiner Art weiter nicht \u00e4ngstlich dabei anstellte, so h\u00e4tten sie mir\u2019s nimmermehr geglaubt, wenn sie die sonderbaren T\u00f6ne nicht so gut wie ich vernommen h\u00e4tten. Auf Einmal klatschte das Wasser laut auf, die Kette mu\u00dfte abgerissen sein, so heftig schnellte es, und dabei, sag\u2019 ich Euch, folgte ein Seufzer so tief aus einer hohlen Brust, so lang gezogen und schmerzlich, da\u00df wir im Innersten zusammenschracken. In diesem Augenblick war aber auch Gestalt und Kahn, Alles wie weggeblasen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und \u2013 ja, da\u00df ich das auch noch sage \u2013 verzeih\u2019 mir Gott, noch mu\u00df ich lachen, wenn ich daran denke. Wir Weiber gingen m\u00e4uschenstill an unsere Kessel und Zuber zur\u00fcck, und rieben und seiften drauf los und traute sich keine ein W\u00f6rtlein zu reden; auch dem Herrn Vetter, merkt\u2019 ich wohl, war der Schlaf f\u00fcr heute vergangen: er lie\u00df sein Licht fortbrennen und ging allein die Stube auf und nieder. Kaum guckt der Tag ein wenig in die Scheiben, so sticht der Muthwill schon eine von uns an, n\u00e4mlich ein junges Weib vom Dorf, man nannte sie nur die lachende Ev. Die zieht so ein langes gewundenes Leintuch ganz sachte sachte aus dem Seifenwasser, Frau Irmel nachzu\u00e4ffen, und macht ein paar Augen gegen uns \u2013 husch! hat sie eine Ohrfeige.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEine Ohrfeige? was?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa denkt! aber nicht vom Geist. Es war mein Herr Vetter, der zuf\u00e4llig hinter ihr stand und ihren Frevel so von Rechtswegen bestrafte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josephe lachte so herzlich, da\u00df ich selber den Mund ein wenig verzog. Doch sogleich tadelte sie sich: man sollte nicht spa\u00dfen auf diesen Punkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schwieg und strickte ruhig fort. Der Regen hatte aufgeh\u00f6rt, nur die eint\u00f6nige Musik der Dachtraufen klang vor den Fenstern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mich betrifft, mir war ganz unheimlich geworden. Die Vorstellung, da\u00df ich jenem Gespenst so nahe sei, die M\u00f6glichkeit, da\u00df erst meine Beraubung, alsdann meine Verirrung auf das Schl\u00f6\u00dfchen das Werk dieses schrecklichen Wesens sein k\u00f6nne \u2013 dieses zusammen jagte mich im Stillen in einem Wirbel von Gedanken und \u00e4ngstlichen Vermuthungen herum. Das kluge M\u00e4dchen konnte mir vielleicht einiges Licht in diesen Zweifeln geben, und wenn ich auch nicht wagte, ihr mein Ungl\u00fcck offen zu entdecken, so nahm ich doch Anla\u00df, ihr die Geschichte des bestohlenen Galanteriekr\u00e4mers mit Z\u00fcgen meiner eigenen Geschichte zu erz\u00e4hlen und so ihre Meinung dar\u00fcber zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lie\u00df mich ausreden und sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eDergleichen h\u00f6rte ich wohl auch,\u201c erwiederte sie, \u201esind aber dumme M\u00e4rchen, glaubt mir: Spitzbuben machen sich\u2019s zu nutz, vexiren und schrecken einf\u00e4ltige Leute, da\u00df sie in Todesangst ihr Hab und Gut im Stiche lassen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber die Kette!\u201c versetzte ich dringend, \u201ebedenke Sie Jungfer, die Kette, so viele hundert Klafter lang, die w\u00e4chst doch nicht von selbst so fort, das braucht Dukaten, fremdes Gold!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBraucht\u2019s nicht! Was Ihr doch n\u00e4rrisch seid! Der ganze Plunder wiegt kein Quentlein unseres Gewichts.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie? also Alles eitel Schein und Dunst?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNicht anders.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAllein\u201c \u2013 so fragte ich nach einigem Besinnen weiter \u2013 \u201eder Schatz, dessen Irmel im Kerker gedachte, soll der noch irgendwo vergraben liegen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan sagt es. H\u00e4ttet Ihr Lust ihn zu l\u00f6sen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNicht doch; ich meine nur, weil wir gerade von so wunderbaren R\u00e4ubereien reden. W\u00e4r\u2019 es nicht m\u00f6glich, da\u00df eben auch besagter Schatz von Jahr zu Jahr zulegte auf Kosten mancher Passagiere?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas f\u00e4llt Euch ein! Ihr meint also, da\u00df so ein armer Geist mit Zangen und Messern ausziehe und ordentlich wie ein gemeiner Strauchdieb den Leuten die Koffer und Taschen umkehre?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah das Abgeschmackte meines Argwohns ein, allein ich wu\u00dfte nicht, ob ich mich freuen oder gr\u00e4men sollte. Denn wenn mich vorhin der Gedanke mit einem freudigen Schrecken ergriff, da\u00df ich vielleicht nur wenig Schritte von meinen Dukaten entfernt sein m\u00f6ge, so schwand mir die Hoffnung, dieselben jemals wieder zu erblicken, nun abermals in eine ungewisse Ferne. Was aber den Umstand anbelangt, da\u00df ich als ein Verirrter meine Zuflucht hier, gerade hier in dem verh\u00e4ngni\u00dfvollen Ahnenschlo\u00df der Herzoge von Astern finden mu\u00dfte, nachdem ich in der Absicht ausgereis\u2019t war, ein Gesch\u00e4ft zu besorgen, welches unmittelbar mit der Verherrlichung von Irmels Enkelin, k\u00fcnftig der ersten gekr\u00f6nten K\u00f6nigin aus diesem Stamm, zusammenhing, und das auf eine so h\u00f6chst r\u00e4thselhafte Art gest\u00f6rt werden sollte, \u2013 dahinter schien doch wahrlich mehr als ein blo\u00dfer Zufall zu stecken, es mu\u00dfte eine h\u00f6here Hand im Spiele sein, und fester als jemals war ich entschlossen, ihr Alles mit der vollsten Zuversicht zu \u00fcberlassen, mich, ihres weiteren Winkes gew\u00e4rtig, jeder eigenen Gesch\u00e4ftigkeit und Sorge zu entschlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMein Freund wird mir so still,\u201c sagte Josephe: \u201eich d\u00e4chte, wir gingen ein wenig und sch\u00f6pften drau\u00dfen frische Luft.\u201c Ich war bereit, denn die\u00df fehlte mir wirklich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erquickende K\u00fchle wirkte auch sogleich auf meinen verd\u00fcsterten Sinn. Wir gingen langsam auf den breiten Platten vor dem Hause auf und nieder, w\u00e4hrend die Sch\u00f6ne noch stets mit ihrem sonderbaren gr\u00fcnen Gestricke besch\u00e4ftigt blieb. Wir bogen rechts um\u2019s Schl\u00f6\u00dfchen und blickten in das stille Sichelthal, am liebsten aber wandte man doch immer wieder nach der andern Seite zur\u00fcck, wo man \u00fcber die niedrige Schutzmauer weg, am Abgrund des Felsen, die k\u00f6stliche Aussicht auf das tiefliegende Land und n\u00e4her dann am Berg herauf den Anblick eines Theils vom Dorf geno\u00df. Dort haftete mein Auge zwar oft unwillk\u00fcrlich auf dem ber\u00fcchtigten Fl\u00fc\u00dfchen, das, hinter dem Schlo\u00df vorkommend, sich weit in die Landschaft schl\u00e4ngelnd verlor; allein ich dr\u00e4ngte mit Gewalt alle unerfreulichen Bilder zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gegenwart des unwiderstehlichen M\u00e4dchens begeisterte mich zu einer Art von unschuldigem Leichtsinn und kecker Sicherheit; ich hatte ein Gef\u00fchl, wie wenn mich unter ihrem Schutz nichts Widriges noch Feindliches anstasten d\u00fcrfte. Die Sonne trat soeben hinter grauen und hochgelben Wolken hervor, sie begl\u00e4nzte die herrliche Gegend, das alte Gem\u00e4uer, ach und vor Allem das frische Gesicht meiner Freundin!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eErz\u00e4hlt mir was aus Eurem Leben, von Eurer Wanderschaft und Abenteuern; nichts h\u00f6rt sich lustiger als Reisen, wenn man\u2019s nicht selbst mitmachen kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fehlte wenig, da\u00df ich ihr nicht auf der Stelle mein ganzes \u00fcbervolles Herz er\u00f6ffnete; jedoch, um ungef\u00e4hr zu pr\u00fcfen, wie es wohl mit dem ihrigen stehe, fing ich in hoffnungsvollem Liebes-Uebermuth Verschiedenes von Frauengunst zu schwadroniren an, und wu\u00dfte mich als einen auf diesem edlen Felde schon ganz erfahrenen Geselle auszulassen. Das M\u00e4dchen l\u00e4chelte bei diesem Allen getrost und still in sich hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd nun, mein Kind,\u201c sagt\u2019 ich zuletzt, \u201ewie denkt denn Ihr in Eurer Einsamkeit hier oben von diesem b\u00f6sen M\u00e4nnervolk?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch denke,\u201c sagte sie mit angenehmer Heiterkeit, \u201ewie eben jede Braut es denken mu\u00df: der Meine ist, so Gott will, noch der Beste von Allen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Donnerschlag f\u00fcr mich! Ich nahm mich m\u00f6glichst zusammen. \u201eEi so?\u201c \u2013 rief ich lachend und f\u00fchlte dabei, wie mir ein bittrer Krampf das Maul krumm zog \u2013 \u201eso? man hat auch schon seinen Holderstock? Das h\u00e4tt\u2019 ich Ihr nicht zugetraut! Wer ist denn der Liebste?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhr sollt ihn kennen lernen, wenn Ihr noch ein paar Tage bleibt,\u201c versetzte sie freundlich und lie\u00df den Gegenstand schnell wieder fallen. Dagegen fing sie an, ausf\u00fchrlich von ihrem h\u00e4uslichen Leben bei den zwei alten Leuten, von den letzten Bewohnern des Guts, insonderheit von einer seligen Freifrau <i>Sophie<\/i> als ihrer unverge\u00dflichen Wohlth\u00e4terin zu reden. Mir war l\u00e4ngst H\u00f6ren und Sehen vergangen, mir saus\u2019te der Kopf wie im Fieber. Ach Gott! ich hatte mich den lieben langen Nachmittag an diesem braunen Augenschein geweidet und gew\u00e4rmt und mir so allgemach den Pelz verbrannt und weiter nichts davon gemerkt! Und jetzt, in Einem Umsehn, wie war mir geworden! Unausl\u00f6schlichen heimlichen Jammer im Herzen! die tolle wilde Eifersucht durch alle Adern! Noch immer schwatzte das M\u00e4dchen, noch immer hielt ich wacker aus mit meiner sauer-s\u00fc\u00dfen Fratze voll edler Theilnehmung, und schweifte in Gedanken schon meilenweit von hier im wilden Wald bei Nacht durch Wind und Regen, das B\u00fcndel auf dem R\u00fccken. Ein Blick auf meine n\u00e4chste Zukunft vernichtete mich ganz: die ungeheure Verantwortung, die auf mir lag, die Unm\u00f6glichkeit meiner R\u00fcckkehr nach Hause, gerichtliche Verfolgung, Schmach und Elend \u2013 die\u00df Alles that sich jetzt wie eine breite H\u00f6lle vor mir auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josephe hatte soeben geendigt. In der Meinung, ein Fuhrwerk vom Thal her zu h\u00f6ren, sprang sie mit Leichtigkeit auf\u2019s n\u00e4chste M\u00e4uerchen und horchte, den Ast eines Ahorns ergreifend, ein Weilchen in die Luft. Noch Einmal verschlang ich ihr liebliches Bild. \u2013 Ach so, dacht\u2019 ich, in eben dieser Stellung, aber mit freudiger bewegtem Herzen, wird sie nun bald ihren Liebsten erwarten! Ich mu\u00dfte das Gesicht abwenden, ich dr\u00e4ngte mit M\u00fche die Thr\u00e4nen zur\u00fcck. Ein Zug von Raben strich jetzt \u00fcber unsern H\u00e4uptern hinweg, man h\u00f6rte den kr\u00e4ftigen Schwung ihrer Fl\u00fcgel; es ging der Landesgr\u00e4nze zu; der Anblick gab mir neue Kraft. Ja, ja \u2013 sprach ich halblaut: mit Tagesanbruch morgen wanderst du auch, du hast hier doch nichts zu erwarten als neue T\u00e4uschungen, neuen Verdru\u00df! Ich f\u00fchlte pl\u00f6tzlich einen namenlosen Trost, als wenn es m\u00f6glich w\u00e4re, mit Wandern und Laufen das Ende der Welt zu erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSie sind es nicht! des M\u00fcllers Esel waren\u2019s!\u201c lachte Josephe und griff nach meiner Hand zum Niedersteigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sah mich an. \u201eMein Gast ist ernsthaft worden \u2013 warum?\u201c \u2013 Ich antwortete kurz und leichtsinnig. Sie aber forschte mit sinnenden munteren Blicken an mir und begann: \u201eSo wie wir uns hier gegen\u00fcber stehen, sollte man doch beinah meinen, wir kennten uns nicht erst von heute. Ja, aufrichtig gesagt, ich selbst kann diesen Glauben nicht los werden, und, meiner Sache ganz gewi\u00df zu sein, war ich gleich Anfangs unh\u00f6flich genug und fragt\u2019 Euch um den Namen; glaubt mir, ich brauch\u2019 ihn jetzt nicht mehr. Um Euch inde\u00df zu zeigen, da\u00df man bei mir mit faulen Fischen nicht ausreicht, so kommt, ich sag\u2019 Euch was in\u2019s Ohr: \u2013 \u201eM\u00e4nnchen! wenn du ein <i>Schneider<\/i> bist, will ich noch heut Frau Schneidermeisterin hei\u00dfen, und, M\u00e4nnchen! wenn Du nicht der <i>kalte Michel<\/i> bist, hei\u00dft das <i>Franz Arbogast<\/i> aus Egloffsbronn, bin ich die dumme Beth von J\u00fcnneda\u201c \u2013 hiemit kniff sie mich dergestalt in meinen linken Ohrlappen, da\u00df ich laut h\u00e4tte aufschreien m\u00f6gen, \u2013 zugleich aber f\u00fchlte ich auch so einen herzlichen, kr\u00e4ftigen Ku\u00df auf den Lippen, da\u00df ich wie betrunken dastand. \u201eF\u00fcr die\u00dfmal kommt Ihr so davon!\u201c rief sie aus: \u201eAdieu, ich mu\u00df jetzt kochen. Ihr bleibt nur h\u00fcbsch hier und legt Euch in Zeiten auf Bu\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem ich mich vom ersten Schrecken ein wenig erholt, empfand ich zun\u00e4chst nur die s\u00fc\u00dfe Nachwirkung des empfangenen Kusses. All\u2019 meine Sinne waren wie zauberhaft bewegt und aufgehellt; ich blickte wie aus neuen Augen rings die Gegenst\u00e4nde an, die ganz in Rosenlicht vor mir zu schwanken schienen. Wie gern w\u00e4r\u2019 ich Josephen nachgeeilt, doch eine sonderbare Scham lie\u00df mir\u2019s nicht zu. Dabei trieb mich ein heimliches Behagen, die angenehmste Neugierde, wohin die\u00df Alles denn noch f\u00fchren m\u00f6chte, unstet im Hofe auf und ab. Denn da\u00df die unvergleichliche Dirne mehr als ich denken konnte von mir wisse, da\u00df sie, vielleicht im Einverst\u00e4ndnisse mit ihren Leuten, irgend etwas Besonderes mit mir im Schilde f\u00fchre, so viel lag wohl am Tage, ja mir erschien auf Augenblicke, ich wu\u00dfte nicht warum, die fr\u00f6hlichste Gewi\u00dfheit: alle mein unverdientes Mi\u00dfgeschick sei seiner gl\u00fccklichen Aufl\u00f6sung nahe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider fand sich den Abend keine Gelegenheit mehr, mit dem M\u00e4dchen ein Wort im Vertrauen zu reden. Die Alten kamen unversehens an, schwatzten, erz\u00e4hlten und packten Taufschmausbrocken aus. Dazwischen konnte ich jedoch bemerken, da\u00df mich Josephe \u00fcber Tisch zuweilen ernst und unverwandt, gleich als mit weit entferntem Geist, betrachtete, so wie mir nicht entgangen war, da\u00df sie gleich bei der Ankunft beider Alten von diesen heimlich in die Kammer nebenan genommen und eifrigst ausgefragt wurde. Es mu\u00dfte der Bericht nach Wunsch gelautet haben, denn Eines nach dem Andern kam mit sehr zufriedenem Gesicht zur\u00fcck. Sp\u00e4ter, bei\u2019m Gute-Nacht unter der Th\u00fcr, dr\u00fcckte Josephe mir lebhaft die Hand. \u201eIch w\u00fcnsche, sagte sie, da\u00df Ihr Euch fein bis morgen auf etwas Gut\u2019s besinnen m\u00f6gt.\u201c \u2013 Lang gr\u00fcbelte ich noch im Bett \u00fcber die Worte nach, vergeblich mein Ged\u00e4chtni\u00df qu\u00e4lend, wo mir denn irgend einmal in der Welt diese Gesichtsz\u00fcge begegnet w\u00e4ren, die mir bald so bekannt, bald wieder g\u00e4nzlich fremde d\u00e4uchten. So \u00fcbermannte mich der Schlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es schlug Ein Uhr vom J\u00fcnnedaer Thurm, als ich, von heftigem Durste gepeinigt, erwachte. Ich tappte nach dem Wasserkrug; verw\u00fcnscht! er schien vergessen. Ich konnte mich so schnelle nicht entschlie\u00dfen mein Lager zu verlassen, um anderswo zu suchen was ich brauchte. Ich sank schlaftrunken in\u2019s Kissen zur\u00fcck, und nun entspann sich, zwischen Schlaf und Wachen, der wunderlichste Kampf in mir: stehst du auf? bleibst du liegen? Ich suche endlich nach dem Feuerzeug, ich schlage Licht, werfe den Ueberrock um und schleiche in Pantoffeln durch den Gang, die Treppe hinab \u2026 Ob ich die\u00df wachend oder schlafend that, \u2013 das, meine Werthesten, getraue ich mir selbst kaum zu entscheiden; es ist das ein Punkt in meiner Geschichte, wor\u00fcber ich trotz aller M\u00fche noch auf diese Stunde nicht in\u2019s Reine kommen konnte. Genug, es kam mir vor, ich stand im untern Flur und wollte nach der K\u00fcche. Die Aehnlichkeit der Th\u00fcren irrte mich und ich gerieth in ein Gemach, wo sich verschiedenes Gartenger\u00e4th, gebrauchte Bienenk\u00f6rbe und sonstiges Ger\u00fcmpelwerk befand; auch war an der breitesten Wand eine alte, riesenhafte Landkarte von Europa aufgeh\u00e4ngt (wie ich denn dieses Alles den andern Tag gerade so beisammen fand). Schon griff ich wieder nach der Th\u00fcre, als mir auf einem langen Brett bei andern Gef\u00e4\u00dfen ein voller Essigkolben in die Augen fiel. Das l\u00f6scht den Durst doch besser als blo\u00dfes Wasser, dachte ich, hub den Kolben herab und trank in unmenschlichen Z\u00fcgen; es wurde mir gar nicht genug. Auf Einmal rief nicht weit von mir vernehmlich ein \u00e4u\u00dferst feines Stimmchen: \u201eHe! Landsmann, z\u00fcnd\u2019 Er doch ein klein bi\u00dfchen hierher!\u201c Ich sah mich allenthalben um, und es rief wieder: \u201eDa! daher, wenn\u2019s gef\u00e4llig ist.\u201c So leuchte ich gegen die Karte hin, ganz nahe, und nehme mit Verwunderung ein M\u00e4nnlein wahr, auf Ehre, meine Damen, nicht gr\u00f6\u00dfer als ein Dattelkern, vielleicht noch kleiner! Nat\u00fcrlich also ein Elfe, und zwar der Kleidung nach ein simpler B\u00fcrgersmann aus dieser Nation; sein grauer Rock etwas pauvre und landstreicherm\u00e4\u00dfig. Er hing, vielmehr, er stand wie angeklebt auf der Karte, just an der s\u00fcdlichen Gr\u00e4nze von Holland. \u201eNoch etwas n\u00e4her das Licht, wenn ich bitten darf,\u201c sagte das Kerlchen, \u201em\u00f6chte nur gelegentlich sehen, wie weit es noch bis an den Pas de Calais ist, und unter welchem Grad der L\u00e4nge und Breite ich bin.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem er sich geh\u00f6rig orientirt hatte, schien er zu einigem Diskurs nicht \u00fcbel aufgelegt. Bevor ich ihn jedoch weiter zum Worte kommen lie\u00df, bat ich ihn um den einzigen Gefallen, er m\u00f6chte sich von mir doch auf den Boden niedersetzen lassen, \u201edenn,\u201c sagte ich in allem Ernst, \u201emir schwindelt, Euch in dieser Stellung zu sehen; habt Ihr doch wahrhaftig weit \u00fcber M\u00fcckengr\u00f6\u00dfe und Gewicht, und wollt so mir nichts, dir nichts, an der Wand hinauflaufen ohne zu st\u00fcrzen! Hier ist meine Hand, seid so gut.\u201c \u2013 Statt aller Antwort machte er mit hellem Lachen drei bis vier S\u00e4tze in die H\u00f6he, oder vielmehr, von meinem Standpunkt aus zu reden, in die Quere. \u201eVersteht Ihr nun,\u201c rief er aus, \u201ewas Schwerkraft hei\u00dft, Anziehungskraft der Erde? Ei Mann, ei Mann, habt Ihr so wenig Bildung? Seht her!\u201c Er wiederholte seine Spr\u00fcnge mit vieler Selbstgef\u00e4lligkeit. \u201eIndessen, wenn\u2019s Euch in den Augen weh thut, auf ein Viertelst\u00fcndchen kommt mir\u2019s nicht an. Nur nehmet die Karte behutsam h\u00fcben und dr\u00fcben vom Nagel und la\u00dft sie allgemach sammt mir auf\u2019s Estrich herab, denn die\u00df Terrain zu verlassen ist gegen meine Grunds\u00e4tze.\u201c<sup id=\"cite_ref-3\" class=\"reference\"> <\/sup>Ich that sofort mit aller Vorsicht wie er\u2019s verlangte. Das Blatt lag ausgebreitet zu meinen F\u00fc\u00dfen und ich legte mich, um das Wichtlein besser vor Augen zu haben, gerade vor ihm nieder, so da\u00df ich ganz Frankreich und ein gut St\u00fcck vom Weltmeer mit meinem K\u00f6rper zudeckte. Das Licht lie\u00df er hart neben sich stellen, wo er denn, ganz bequemlich an den untern Rand des Leuchters gelehnt, sein Pfeiflein f\u00fcllte und sich von mir den Fidibus reichen lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch war n\u00e4mlich,\u201c fing er an, \u201evormals Feldmesser in k\u00f6niglichen Diensten, verlor durch allerlei Kabalen diesen Platz, worauf ich eine Zeitlang bei den Breitstei\u00dflern diente.\u201c Bei dieser Gelegenheit lie\u00df ich mir sagen, da\u00df es mehrere Elfen-Volksst\u00e4mme gebe, die sich durch Leibesgr\u00f6\u00dfe gar sehr unterscheiden; die kleinsten w\u00e4ren die Zappelf\u00fc\u00dfler, zu denen sich mein wackerer Feldmesser bekannte, dann k\u00e4men Heuschreckenritter, Breitstei\u00dfler und sofort, zuletzt die Waidefeger, welche nach der Beschreibung ungef\u00e4hr die L\u00e4nge eines halben Mannsarms messen m\u00f6gen. \u201eNun,\u201c fuhr der kleine Prahlhans fort, \u201etreib\u2019 ich aber meine Kunst privatim aus Liebhaberei, mehr wissenschaftlich, reise daneben und verfolge noch einen besondern Zweck, den ich freilich nicht Jedem unter die Nase binde.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhr habt,\u201c bemerkte ich, \u201ebei diesen wichtigen Gesch\u00e4ften doch immer h\u00fcbsch trockenen Weg.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAll gut,\u201c versetzte er, \u201eaber auch immer trockene Kehle. Den Mittag schien die Sonne so warm dort in dem Strich \u00fcber Trier herein, da\u00df ich beinah verschmachtet w\u00e4r\u2019 \u2013 Apropos, guter Freund, f\u00fcllt doch einmal da meine Wanderflasche.\u201c \u201eUnser Wein ist aber stark,\u201c sagt\u2019 ich, indem ich ihn mit einem Tropfen aus meinem Essigkrug bediente. \u201eHat keine Noth,\u201c sprach er, und soff mit Macht, wobei er das M\u00fcndlein ein wenig verzog. \u201eWas \u00fcbrigens,\u201c fuhr er nun fort, \u201eden Weg betrifft, zum Exempel bei Nacht, ja lieber Gott, da ist Einer keinen Augenblick sicher, ob er auf festem Erdreich einhergeht oder im Wasser; das w\u00e4re zwar in soweit einerlei, man macht ja keinen Fu\u00df hier na\u00df; hingegen ein Gelehrter, seht, es ist so eine Sache, man will sich keine Bl\u00f6\u00dfe geben, nicht einmal vor sich selbst. Ich lief unl\u00e4ngst bei hellem Tag nicht weit von der Stadt Andernach, und sah so in Gedanken vor mich nieder und dachte an nichts \u2013 auf Einmal liegt der gr\u00fcne breite Rhein, wie\u2019n Meer, vor meinen F\u00fc\u00dfen! um ein Kleines w\u00e4r\u2019 ich hineingeplumpst so lang ich bin \u2013 wie dumm! und stand doch schon eine Viertelstunde davor mit ellenlangen Buchstaben deutlich genug geschrieben: <tt>Rhenus.<\/tt> Vor Schrecken fiel ich r\u00fcckw\u00e4rts nieder und dauerte zwei Stunden, bis ich mich wieder besann und erholte.\u201c \u2013 \u201eAber,\u201c fragt\u2019 ich, \u201ehabt Ihr denn das Rauschen dieses Stroms nicht schon von Fern geh\u00f6rt?\u201c \u2013 \u201eGehorsamer Diener, Mosje, so weit haben\u2019s eure Herren Landkartenmacher noch gar nicht gebracht; all\u2019 die Gew\u00e4sser da, wie h\u00fcbsch sie sich auch kr\u00fcmmen, machen nur stille Musik.\u201c Der Feldmesser schwieg eine Zeitlang und schien etwas zu \u00fcberlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eH\u00f6rt,\u201c fing er wieder an, \u201eich mu\u00df jetzt doch mit meiner Hauptsache heraus. Ihr k\u00f6nntet mir einen Gefallen erweisen.\u201c \u2013 \u201eRecht gern.\u201c \u2013 \u201eSo sagt einmal, es gibt ja sogenannte Osterkinder unter euch Menschen; wi\u00dft Ihr mir wohl Bescheid, wie solche ungef\u00e4hr aussehn?\u201c \u201eGewi\u00df,\u201c versetzte ich. Der Feldmesser h\u00fcpfte vor Freuden hoch auf. \u201eJetzt will ich Euch denn gleich vertrauen,\u201c sprach er weiter, \u201eum was es mir eigentlich ist. Merket auf. Euch ist bekannt, wo J\u00fcnneda liegt; unweit vom Irmelschlo\u00df. Nun haus\u2019t in diesem Gau der Waidefegerk\u00f6nig, ein stolzer, habgieriger F\u00fcrst, allzeit auf Raub und Pl\u00fcnderung bedacht, bestiehlt sogar das Menschenvolk n\u00e4chtlicher Weis\u2019 und schleppt was er von Gold erwischen kann nach seinem alten Schatzgew\u00f6lb \u2013 was glotzt Ihr mich so an? es ist doch wahr; die Waidfeger wittern das Gold. Da ist neulich erst wieder so ein Streich passirt, da\u00df die Koken sich hinter ein Fuhrwerk machten, und einem reisenden Kaufherrn den Goldsack zwischen den F\u00fc\u00dfen ausleerten!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas? zwischen den F\u00fc\u00dfen? ein Felleisen, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, oder dergleichen. Die haben ihre Pfiffe, Herr! Wie der Blitz kommen die einem Wagen von unten her bei, ein paar setzen sich auf die Langwied, durchgraben den Boden und sch\u00fctteln den Dotter heraus \u2013 das Gelbe vom Ei, wie sie sagen \u2013 was Wei\u00dfes ist, Silbergeld, lassen sie liegen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWo aber tragen sie\u2019s denn hin, um\u2019s Himmelswillen? wo hat der K\u00f6nig seinen Schatz?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBei\u2019m Sixchen, ja, das sollt\u2019 ich eben wissen. Versteht, es hat damit so seine eigene Bewandtni\u00df. Der Grundstock ist von Menschenhand gelegt, vor etlich hundert Jahren; von der b\u00f6sen Frau <i>Irmel<\/i> habt Ihr geh\u00f6rt \u2013 ich kenn\u2019 sie wohl und sie mich auch, mir thut sie nichts zu Leide. Gut also, die soll noch zu ihren Lebzeiten eine Kiste mit einem braven Sparpfennig wo eingemauert haben \u2013 das war noch zu Hadelocks Zeiten, des \u00e4ltesten Waidfegerk\u00f6nigs. Nicht lange stand es an, so kam auch schon das Waidheer dahinter. Der K\u00f6nig legte gleich Beschlag darauf und machte das Gew\u00f6lb zu seiner heimlichen Schatzkammer, wo man sofort alle kostbare Beute verwahrte, darunter auch die gro\u00dfe Irmelskette, die Hadelock der Andere mit erstaunlicher Arbeit und M\u00fche in zweien St\u00fccken aus dem sandigen Bette der Sichel herausschaffen lassen. Der Irmel-Geist hat seitdem keine Ruhe und sucht die Kette und kann sie nicht finden. Nun geht im Volk eine uralte Sage: ein Menschenj\u00fcngling w\u00fcrde dereinst das Kleinod an\u2019s Tageslicht bringen und wiederum zusammenf\u00fcgen, dann w\u00e4re auch der Geist erl\u00f6s\u2019t; der J\u00fcngling aber m\u00fcsse als ein Osterkind geboren sein, die seien \u00e4u\u00dferst rar und k\u00e4me oft in einem S\u00e4culo kaum Eins zur Welt. Doch, unter uns gesagt, ich denke schon den rechten Mann wo aufzugabeln und w\u00e4r\u2019 es am Ende der Welt. Ich habe mich de\u00dfhalb hier auf die Bahn gemacht, vorl\u00e4ufig einmal die Wege einzulernen und die Strapazen einer solchen Reise, Hunger und Durst in etwas zu gew\u00f6hnen. Mein Gl\u00fcck ist gemacht auf Zeitlebens, wofern es gelingt, und Euch soll\u2019s nicht gereuen, wenn Ihr mir Rath und Beistand leisten m\u00f6gt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wollte ihm eben antworten, als er, das K\u00f6pfchen schnell zur Seite drehend und in die Ferne horchend, mir Stillschweigen zuwinkte. \u201eDer Waidek\u00f6nig gibt heute ein Fest; ich h\u00f6re sie von Weitem jubeln.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWo denn?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er deutete links in die Ecke der Karte hinauf. Dort waren n\u00e4mlich, wie man es auf \u00e4lteren Augsburger Bl\u00e4ttern gew\u00f6hnlich bemerkt, zu Verzierung des Titels verschiedene Schildereien angebracht, gewisse Symbole der Kunst, Zirkel und Winkelma\u00df, an den m\u00e4chtigen Stamm einer Eiche gelehnt, hinter dem ein St\u00fcck Landschaft hervorsah, ein Thal mit Rebenh\u00fcgeln und dergleichen, im Vordergrund eine gebrochene Weinbergmauer; das Ganze fabrikm\u00e4\u00dfig roh colorirt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSeht ihr noch Nichts?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWo denn, zum Henker?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnten im Thal!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNicht eine Spur!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSo seid ihr blind, in\u2019s Kukuks Namen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt kam es mir wahrhaftig vor, als wenn die Landschaft Leben ann\u00e4hme, die matten Farben sich erh\u00f6hten, ja Alles schien sich vor mir auszudehnen, zu wachsen und zu strecken, der L\u00e4nge wie der Breite nach; die Formen schwollen und rundeten sich, die Eiche rauschte in der Luft, zugleich vernahm ich ein winziges Tosen, Schwirren und Klingen von lachenden, jubelnden, singenden Stimmchen, das offenbar aus der Tiefe herkam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eStellt Euer Licht weg!\u201c rief mir der Feldmesser zu, \u201eoder l\u00f6schet es lieber gar aus! der Mond ist ja schon lang herauf.\u201c Ich that wie er befahl, und da lie\u00df freilich Alles noch hundertmal sch\u00f6ner. Als ich aber vollends den Kopf \u00fcber\u2019s M\u00e4uerchen streckte \u2013 o Wunder! sah ich das lieblichste Thal sehr artig und festlich erleuchtet, mit tausend geputzten, gep\u00fctzelten Leutchen bedeckt, die immerhin eine ziemlich ansehnliche Gr\u00f6\u00dfe hatten, sehr schlank und wohlgebaute Puppen. Es war ein unendliches Dr\u00e4ngen. Der meiste Theil bestand aus Landleuten, welche mit K\u00fcbeln und Butten gesch\u00e4ftig zwischen den Kufen umsprangen. Eine Weinlese also, und eine k\u00f6nigliche zwar! Denn vorn sah man in bunten geselligen Gruppen die Vornehmen vom Hofe, nach hinten zu eine gedeckte Tafel; vor Allem stach ein Zelt hervor, es schien aus blendendwei\u00dfen Herbstf\u00e4den gewoben, mit gr\u00fcnen Atlas-Draperien beh\u00e4ngt, welches im Mond- und Fackellicht auf\u2019s Herrlichste ergl\u00e4nzte. Der Feldmesser\u00a0 war neben mir auf einen untern Ast der Eiche geklettert, wo er kommode Alles \u00fcbersah. Ich hatte gerade den K\u00f6nig entdeckt und meine Augen suchten just die K\u00f6nigin, da ruft mir mein Begleiter zu: \u201eSeht! Seht!\u201c und deutet in die Luft nach einer neuen Erscheinung, welche zugleich von der ganzen kleinm\u00e4chtigen Menge mit Jubelgeschrei und aufgeworfenen M\u00fctzen begr\u00fc\u00dft wird. Wie mu\u00df ich erstaunen, wie h\u00fcpft mir das Herz vor kindischer n\u00e4rrischer Freude, als ich den goldnen Hahn vom J\u00fcnnedaer Kirchthurm mit der gro\u00dfen<sup id=\"cite_ref-4\" class=\"reference\"><\/sup> Uhrtafel in seinen zwei Klauen daherfliegen sehe! Der arme Tropf flog sichtbar angestrengt, seine Fl\u00fcgel klirrten erb\u00e4rmlich. Indessen merkt\u2019 ich bald was daraus werden sollte: ein Festschie\u00dfen galt es und hier kam die Scheibe. Der Vogel erreichte die Erde, setzte die Tafel in Mitten eines l\u00e4nglicht umschr\u00e4nkten Platzes und lie\u00df zugleich zwei Eisen fallen (die Zeiger der Uhr ohne Zweifel), die alsbald von mehreren Edlen betrachtet, in der Hand gewogen und wie es schien verdrie\u00dflich, als ein paar unf\u00f6rmliche Wurfspie\u00dfe, wieder weggelegt wurden. Die Sch\u00fctzen zogen dagegen ihre silbernen Bogen hervor, Alles ordnete sich, das Ziel war gerichtet, der Hahn amtspflichtlich stellte sich darauf. Er kr\u00e4hte hell bei jedem Schu\u00df die betreffende Zahl nach den Ringen. Die Majest\u00e4t selber verschm\u00e4hte nicht, die Armbrust einmal zu versuchen, und ob sie gleich ganz abscheulich fehlscho\u00df, ja sogar den Rufer blutig verletzte, so schrie derselbe doch, anst\u00e4ndig seinen Schmerz verbei\u00dfend, mit lauter Stimme: \u201eZw\u00f6lf in die Minut\u2019!\u201c was die\u00dfmal ausnahmsweise noch h\u00f6her als das Schwarze galt. Unm\u00e4\u00dfiger Beifall erscholl aus den Reihen, derweil der G\u00f6ckel sich insgeheim den Pfeil aus seinem Schwanze zog. Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten. Mein Feldmesser raunte mir zu: auf die Scheibe sei der K\u00f6nig nie gl\u00fccklich gewesen; vor zwei Jahren sei der gleiche Fall begegnet und man wolle wissen, es habe damals der Monarch, als ihm sein Hofnarr die wahre Bewandtni\u00df mit dem Meisterschu\u00df in\u2019s Ohr gesagt, die edle Delicatesse des Thurmhahns so wohl vermerket, da\u00df er desselben allerunterth\u00e4nigstes Gesuch, ihm seine unscheinbar gewordene Vergoldung erneuern zu lassen, nicht nur ohne Weiters bewilligt, sondern ihm \u00fcberdie\u00df Titel und Rang eines geheimen Wetter- und Kirchenraths gn\u00e4digst verliehen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber setzte sich der Hof zu Tische, und da war ich es leider selbst, welcher die ganze Herrlichkeit verst\u00f6rte. Ich konnte n\u00e4mlich bei andauerdem entsetzlichem Durste unm\u00f6glich der Versuchung widerstehn, den Arm in\u2019s Thal hinab zu strecken, und mir eine der gr\u00f6\u00dften, mit rothem Most gef\u00fcllten Kufen heraufzulangen, die ich auch, unbek\u00fcmmert um das rasende Zetergeschrei, das in der Tiefe losbrach, geschwinde ausgetrunken hatte, nur eben wie man einen Becher leert. \u201eWir sind verloren!\u201c rief der Feldmesser aus, rutschte vom Baum und war nicht mehr zu sehen. \u201eHeidoh!! Heidoh!\u201c scholl\u2019s aus dem Thal, \u201eein Menschenungeheuer auf der H\u00f6he! Weh, weh! bei der heiligen Eiche! bei Hadelocks Baum!\u201c \u201eAuf! zu den Waffen, tapfre Recken!\u201c rief eine st\u00e4rkere Stimme: \u201erettet! rettet! dort ist mein Schatzgew\u00f6lbe! des K\u00f6nigs heiliger Schatz!\u201c Ein w\u00fcthendes Getrappel kam jetzt \u00fcber Stock und Stein den Berg herauf. Ich dachte an ein gro\u00dfes Horni\u00dfheer, lie\u00df schnell den Becher fallen und entfloh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ich auf meine Stube, wie ich in\u2019s Bett gelangte, wei\u00df ich nicht. Das wei\u00df ich, da\u00df ich mir die Augen rieb und nur getr\u00e4umt zu haben glaubte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war erst eben heller Tag geworden. Das sonderbare Nachtgesicht besch\u00e4ftigte mich sehr. Der Leuchter stand auf meinem Tisch, die Th\u00fcr war ordentlich verriegelt, hingegen fehlte der Wasserkrug richtig, und meinen Durst schien ich gestillt zu haben, denn wirklich, er war ganz verschwunden. Auf jeden Fall hat mir in meinem Leben kein Traum einen so heitern Eindruck hinterlassen; ich konnte nicht umhin, die gl\u00fccklichste Vorbedeutung darin zu erblicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Frohmuth trieb mich aus dem Bette, so fr\u00fch es auch noch war. Ich zog mich an und pfiff dabei vergn\u00fcglich in Gedanken. Von ungef\u00e4hr kam mir mein leerer Beutel in die Hand, und in der That ich konnte ihn die\u00dfmal mit gr\u00f6\u00dfter Seelenruhe betrachten. An seinem ledernen Zugbande hing ein alter, schlichter, oben und unten offener Fingerhut, den ich als ehrw\u00fcrdigen Zeugen einer kindlichen Erinnerung seit vielen Jahren aus Gewohnheit, um nicht zu sagen aus Aberglauben, immer bei mir trug. Indem ich ihn so ansah, war\u2019s als fiel\u2019 es mir wie Schuppen von den Augen; ich glaubte mit Einmal zu wissen, warum mir Josephe so \u00e4u\u00dferst bekannt vorgekommen, ja was noch sonderbarer \u2013 ich wu\u00dfte wer sie sei! \u201eBei allen Heiligen und Wundern!\u201c rief ich aus, und meine Kniee zitterten vor Schrecken und Entz\u00fccken: \u201ees ist Aennchen! mein Aennchen und keine Josephe!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es drang mich fort, hinunter: unwissend, was ich wollte oder sollte, scho\u00df ich, baarf\u00fc\u00dfig, wie von Sinnen, den kalten Gang vor meinem Zimmer auf und nieder; ich pre\u00dfte, mich zu fassen, die Hand auf meine Augen \u2013 \u201eSie kann\u2019s nicht sein!\u201c rief ich, \u201edu bist verr\u00fcckt! ein Zufall hat sein Spiel mit dir \u2013 und doch \u2026\u201c Ich hatte weder Ruhe noch Besinnung, alle die Wenn und Aber, F\u00fcr und Wider bed\u00e4chtig auszuklauben, nein, auf der Stelle, jetzt im Augenblick, durch\u2019s M\u00e4dchen selbst wollt\u2019 ich Gewi\u00dfheit haben; mein Innerstes lechzte und brannte nach ihr, nach ihrem lebendigen Anblick! Ich war die Treppe hinabgeschlichen und hatte im Vorbeigehn einen Blick in das Gemach geworfen, wo die Landkarte hing, \u2013 allein was k\u00fcmmerte mich jetzt das Teufelszeug! ich sp\u00fcrte nach des M\u00e4dchens Kammer: umsonst, noch r\u00fchrte sich kein Laut im ganzen Hause. Ich konnte doch wahrhaftig nicht, als w\u00e4re Feuer im Dach, die Leute aus den Betten schreien, um nachher, wenn ich mich betrogen h\u00e4tte, als ein Wahnsinniger vor ihnen dazustehn. Ich ging zur\u00fcck nach meinem Zimmer, warf mich in voller Desperation auf\u2019s Bett und begrub mein Gesicht in die Kissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch es ist Zeit zu sagen, was mir so pl\u00f6tzlich eingekommen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meiner Vaterstadt, zu Egloffsbronn, als meine Mutter sich sehr knapp, nach Wittwen-Art, mit mir in ein Oberst\u00fcbchen hinter\u2019m Krahnen zusammengezogen (ich war damals zehn Jahre alt), wohnte mit uns im gleichen Haus ein Sattlermeister, ein liederlicher Kerl, der nichts zu schaffen hatte und, weil er etwas Clarinet verstand, Jahr aus Jahr ein auf Dorfhochzeiten und M\u00e4rkten herumzog. Sein junges Weib war ebenfalls der Leichtsinn selber. Sie hatten aber eine Pflegetochter, ein gar zu sch\u00f6nes Kind, mit welchem ich ausschlie\u00dflich Kameradschaft hielt. An einem sch\u00f6nen Sonntag Nachmittag, wir kamen eben aus der Kirche von einer Trauung her, ward von dem P\u00e4rchen ernstlich ausgemacht, da\u00df man sich dermaleinst heirathen wolle. Ich gab ihr zum Ged\u00e4chtni\u00df dieser Stunde ein kleines Kreuz von Glas, sie hatte nichts so Kostbares in ihrem Verm\u00f6gen, und heute noch kann ich es sp\u00fcren, wie sie mich dauerte, als sie mir einen alten Fingerhut von ihrem Pfleger, an einem gelben Schn\u00fcrchen h\u00e4ngend, \u00fcbermachte. \u2013 Allein es sollte dieses Gl\u00fcck sehr bald auf\u2019s grausamste vernichtet werden. Im folgenden Winter nach unsrer Verlobung brach in der Stadt eine Kinderkrankheit aus, die man in dieser Gegend zum ersten Male sah. Es war jedoch nicht mehr noch weniger als das bekannte Scharlachfieber. Die Seuche r\u00e4umte gr\u00e4ulich auf in der unm\u00fcndigen Welt. Auch meine Anne wurde krank. Mir war der Zutritt in die untere Kammer, wo sie lag, bei Leib und Leben untersagt. Nun ging es eben in die dritte Woche, da kam ich eines Morgens von der Schule. Weil meine Mutter nicht daheim, der Stubenschl\u00fcssel abgezogen war, erwartete ich sie, B\u00fcchlein und Federrohr im Arm, unter der Hausth\u00fcr und hauchte in die Finger, denn es fror. Auf einmal st\u00fcrmt die Sattlersfrau mit lautem Heulen aus der Stube: soeben hab\u2019 ihr Aennchen den letzten Zug gethan! \u2013 Sie rannte fort, wahrscheinlich ihren Mann zu suchen. Ich wu\u00dfte gar nicht wie mir war. Es wimmelte just so dicke Flocken vom Himmel; ein Kind sprang lustig \u00fcber die Gasse und rief wie im Triumph: \u2019s schneit M\u00fcllersknecht! schneit M\u00fcllersknecht! schneit M\u00fcllersknecht! Es kam mir vor, die Welt sei n\u00e4rrisch geworden und m\u00fcsse Alles auf den K\u00f6pfen gehn. Je l\u00e4nger ich aber der Sache nachdachte, je weniger konnte ich glauben, da\u00df Aennchen gestorben sein k\u00f6nne. Es trieb mich, sie zu sehn, ich fa\u00dfte mir ein Herz und stand in wenig Augenblicken am \u00e4rmlichen Bette der Todten, ganz unten, weil ich mich nicht n\u00e4her traute. Keine Seele war in der N\u00e4he. Ich weinte still und lie\u00df kein Aug\u2019 von ihr und nagte hastig hastig an meinem Schulb\u00fcchlein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSchmeckt\u2019s, Kleiner?\u201c sagte pl\u00f6tzlich eine widrige Stimme hinter mir; ich fuhr zusammen wie vor\u2019m Tod, und da ich mich umsehe, steht eine Frau vor mir in einem rothen Rock, ein schwarzes H\u00e4ubchen auf dem Kopf und an den F\u00fc\u00dfen rothe Schuhe. Sie war nicht sehr alt, aber leichenbla\u00df, nur da\u00df von Zeit zu Zeit eine fliegende R\u00f6the ihr ganzes Gesicht \u00fcberzog. \u201eWas sieht man mich denn so verwundert an? Ich bin die <i>Frau von Scharlach!<\/i> oder, wie der liebwertheste Herr Doctor sagen, die <i>Fee Briscarlatina!\u201c<\/i><sup id=\"cite_ref-5\" class=\"reference\"><\/sup> Sie ging nun auf mein armes Aennchen zu, beugte sich murmelnd \u00fcber sie, wie segnend, mit den Worten:<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\"><small>\u201eKurze Waare,<br \/>\nRother Tod;<br \/>\nKurze Noth,<br \/>\nUnd kurze Bahre!\u201c<\/small><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eW\u00e4r\u2019 Numero Drei und Siebenzig also!\u201c Sie schritt vornehm die Stube auf und ab, dann blieb sie pl\u00f6tzlich vor mir stehn und klopfte mir gar freundlich kichernd auf die Backen. Mich wandelte ein unbeschreiblich Grauen an, ich wollte entspringen, wollte laut schreien, doch keins von beiden war ich im Stande. Endlich, indem sie steif und strack auf die Wand losging, verschwand sie in derselben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum war sie weg, so kam Frau Lichtlein zur Th\u00fcre herein, die Leichenfrau n\u00e4mlich, ein frommes und reinliches Weib, das im Rufe geheimer Wissenschaft stand. Auf ihre Frage: wer soeben da gewesen? erz\u00e4hlte ich\u2019s ihr. Sie seufzte still und sagte, in dreien Tagen w\u00fcrd\u2019 ich auch krank sein, doch soll ich mich nicht f\u00fcrchten, es w\u00fcrde gut bei mir vor\u00fcbergehn. Sie hatte mittlerweile das M\u00e4dchen untersucht, und ach, wie klopfte mir das Herz, da sie mit einigem Verwundern f\u00fcr sich sagte: \u201eEi ja! ei ja! noch warm, noch warm! La\u00df sehn, mein Sohn, wir machen eine Probe.\u201c Sie zog zwei kleine Aepfel aus der Tasche, wei\u00df wie das sch\u00f6nste Wachs, ganz ungef\u00e4rbt und klar, da\u00df man die schwarzen Kern\u2019 beinah durchschimmern sah. Sie legte der Todten in jede Hand einen und steckte sie unter die Decke. Dann nahm sie ganz gelassen auf einem Stuhle Platz, befragte mich \u00fcber verschiedene Dinge: ob ich auch flei\u00dfig lerne und dergleichen; sie sagte auch, ich m\u00fc\u00dfte Goldschmied werden. Nach einer Weile stand sie auf: \u201eNun la\u00df uns nach den Aepfeln sehn, ob sie nicht B\u00e4cklein kriegen, ob sich der Gift hineinziehn will.\u201c \u2013 Ach, lieber Gott! weit weit gefehlt! kein T\u00fcpfchen Roth, kein Striemchen war daran. Frau Lichtlein sch\u00fcttelte den Kopf, ich brach in lautes Weinen aus. Sie aber sprach mir zu: \u201eSei wacker, mein S\u00f6hnchen, und gib dich zufrieden, es kann wohl noch werden.\u201c Sie hie\u00df mich aus der Stube gehn, nahm Abschied f\u00fcr heute und sch\u00e4rfte mir ein, keinem Menschen zu sagen was sie gethan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Treppe kam mir meine Mutter entgegen. Sie schlug die H\u00e4nde \u00fcber\u2019m Kopf zusammen, da\u00df ich bei Aennchen gewesen. Sie h\u00fctete mich nun auf\u2019s Strengste und ich kam nicht mehr aus der Stube. Man wollte mir am andern Tag verschweigen, da\u00df meine Freundin gegen Abend beerdigt werden solle; allein ich sah vom Fenster aus, wie der Tischler den Sarg in\u2019s Haus brachte. (Der Tischler aber war ein Sohn der Leichenfrau.) Jetzt erst gerieth ich in Verzweiflung und war auf keine Art zu tr\u00f6sten. Dar\u00fcber st\u00fcrmte die Sattlersfrau herauf, meine Mutter ging ihr vor die Th\u00fcr entgegen und jene fing zu lamentiren an, ihr liederlicher Mann sei noch nicht heimgekommen, sie habe keinen Kreuzer Geld daheim und sei in gro\u00dfer Noth. Ich unterdessen, aufmerksam auf jeden Laut im untern Hause, hatte den Schemel vor ein kleines Guckfenster ger\u00fcckt, welches nach hinten zu auf einen dunkeln Winkel sah, wohinaus auch das Fenster des K\u00e4mmerchens ging, in welchem Aennchen lag. Da sah ich unten einen Mann, dem Jemand einen langen schweren Pack, mit einem gelben Teppiche umwickelt, zum Fenster hinausreichte. Ahnung durchzuckte mich, freudig und schauderhaft zugleich; ich glaubte Frau Lichtlein reden zu h\u00f6ren. Der Mann entfernte sich geschwind mit seinem Pack. Gleich darauf h\u00f6rte ich h\u00e4mmern und klopfen, ohne Zweifel wurde der Sarg zugeschlagen. Die Mutter kam herein, nahm Geld aus dem Schranke und gab es dem Weib vor der Th\u00fcre. Ich wei\u00df nicht, was mich abgehalten haben mag, etwas von dem zu sagen was eben vorgegangen war, im Stillen aber hegte ich die wunderbarste Hoffnung; ja als der Leichenzug anging und Alles so betr\u00fcbt aussah, da lachte ich heimlich bei mir, denn ich war ganz gewi\u00df, da\u00df Aennchen nicht im Sarge sei, da\u00df ich sie vielmehr bald lebendig wieder sehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der folgenden Nacht erkrankte ich heftig, redete irre und seltsame Bilder umgaukelten mich. Bald zeigte mir die Leichenfrau den leeren Sarg, bald sah ich, wie sie sehr gesch\u00e4ftig war, den rothen Rock der b\u00f6sen Fee, sammt ihren Schuhen, in den Sarg zu legen, bevor man ihn verschlo\u00df. Dann war ich auf dem Kirchhof ganz allein. Ein sch\u00f6nes B\u00e4umchen wuchs aus einem Grab hervor und ward zusehends immer gr\u00f6\u00dfer, es fing hochroth zu bl\u00fchen an und trieb die pr\u00e4chtigsten Aepfel. Frau Lichtlein trat heran: \u201eMerkst du?\u201c sprach sie: \u201edas macht der rothe Rock, der fault im Boden. Mu\u00df gleich dem Todtengr\u00e4ber sagen, da\u00df er den Baum umhaue und verbrenne; wenn Kinder von den Fr\u00fcchten naschen, so kommt die Seuche wieder aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dergleichen wunderliches Zeug verfolgte mich w\u00e4hrend der ganzen Krankheit, und Monate lang nach meiner Genesung verlie\u00df mich der Glaube nicht ganz, da\u00df das M\u00e4dchen noch lebe, bis meine Mutter, welcher ich inzwischen Alles anvertraute, mich mit hundert Gr\u00fcnden so schonend wie m\u00f6glich eines Andern belehrte. Auch wollte leider in der Folge wirklich kein Aennchen mehr zum Vorschein kommen. Mit erneuertem Schmerz vernahm ich nur sp\u00e4ter, das gute Kind w\u00e4re vielleicht bei einer besseren Behandlung noch gerettet worden, doch beide Pflegeeltern w\u00e4ren der armen Waise l\u00e4ngst gern los gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir kehren zum grauen Schl\u00f6\u00dfchen zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war so sehr in die Vergangenheit vertieft, da\u00df ich einige Zeit die lebhafte Bewegung, die sich inde\u00df unten in der Wohnung des Schlo\u00dfvogts verbreitete, ganz \u00fcberh\u00f6rte. Nun sprang ich auf, fuhr rasch in meine Kleider und ging hinab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon von Weitem vernahm ich die heftige Stimme der Alten im Innern der Stube. Es war ein lamentirendes Verwundern, Schelten und Toben, worein der Vogt zuweilen einen derben Fluch mischte. Ich stutzte, blieb stehn. \u201eDer Spitzbub!\u201c hie\u00df es innen \u2013 \u201eder keinn\u00fctzige Schuft! vierhundert Dukaten! ist das erh\u00f6rt? Drum hat er gleich von Anfang seine Profession verl\u00e4ugnet! Du meine G\u00fcte, was sind wir doch Narren gewesen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt hatte ich genug. Mein Blut schien still zu stehen. Am \u00e4u\u00dfern Hofthor stand ein junger, gutgekleideter Mann: er kehrte mir den R\u00fccken zu, indem er einen Buben, der drau\u00dfen Ziegen h\u00fctete, mit eifrigen Geb\u00e4rden zu sich winkte; er gab ihm einen Auftrag, wie es schien, sehr dringend, und rief dem Knaben, da er schon im Laufen war, noch halblaut nach: \u201eSie sollen doch in\u2019s Teufels Namen machen! und ja die Fu\u00dfeisen mitbringen! h\u00f6rst du?\u201c \u2013 \u2013 Man denke sich meine Best\u00fcrzung! Besinnungslos klink\u2019 ich die Th\u00fcre auf und trete in die Stube. Blos beide Eheleute sind zugegen. Kein rechter Gru\u00df, kein Blick wird mir geg\u00f6nnt. Ein frisches Zeitungsblatt liegt auf dem Tisch, welches der Schlo\u00dfvogt hurtig zu sich steckt, ich denke mir im Nu was es enth\u00e4lt. Er geht hinaus, vermuthlich dem jungen Manne zu melden, da\u00df ich schon unten sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhr habt Besuch bekommen?\u201c fragte ich, um nur Etwas zu reden, mit erzwungenem Gleichmuth die Alte. \u201eMeiner Nichte Br\u00e4utigam!\u201c versetzte sie kalt und fing mit recht absichtlichem Ger\u00e4usch, um jedes weitere Gespr\u00e4ch zu hindern, Hanfk\u00f6rner zu zerquetschen an, dem Distelfinken zum Fr\u00fchst\u00fcck. Ich hatte in meiner Verwirrung nach einem Buch gegriffen (ein Kochbuch war\u2019s, wenn ich nicht irre): dahinter w\u00fchlten meine Blicke sich schnell durch ein Rudel von tausend Gedanken hindurch. Rei\u00df\u2019 ich aus? Halt\u2019 ich Stand? Vielleicht w\u00e4re Ersteres m\u00f6glich gewesen, der beiden M\u00e4nner h\u00e4tt\u2019 ich mich zur Noth erwehrt; allein was half mir eine kurze Flucht? Und in der That, ich f\u00fchlte mich bereits durch die Nothwendigkeit erleichtert, endlich ein offenes Gest\u00e4ndni\u00df abzulegen. Dessenungeachtet war mein Zustand f\u00fcrchterlich. Nicht die N\u00e4he meiner schmachvollen Verhaftung, nicht die Sorge, wie ich mich in einem so \u00e4u\u00dferst verwickelten Falle von allem Verdacht w\u00fcrde reinigen k\u00f6nnen \u2013 nein, einzig der Gedanke an Josephe war\u2019s, an Aennchen, was mich in diesen Augenblicken fast wahnsinnig machte, der unertr\u00e4gliche Schmerz, dieses M\u00e4dchen, sie sei nun wer sie wolle, als die Verlobte eines Andern zu denken, und eines Menschen zwar, welcher das schadenfrohe Werkzeug meiner Schmach, meines Verderbens werden sollte! Wu\u00dfte <i>sie<\/i> etwa selbst um den verfluchten Plan? Unm\u00f6glich! doch f\u00fcr mein Gef\u00fchl, f\u00fcr meine Leidenschaft, indem ich sie mit dem verha\u00dften Kerl in Eins zusammenwarf, war sie die sch\u00e4ndlichste Verr\u00e4therin. Liebe, Verachtung, Eifersucht gohren im Aufruhr aller meiner Sinne derma\u00dfen durcheinander, da\u00df ich mich wirklich aufgelegt f\u00fchlte, das M\u00e4dchen mit eigener Hand aufzuopfern, den Kerker, welchem ich entgegenging, durch ein Verbrechen zu verdienen und so mein Leben zu verwirken, an welchem mir nichts mehr gelegen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Alte war inzwischen in die Kammer nebenan gegangen; soeben kam sie wieder heraus, zog die Th\u00fcre still hinter sich zu und ging nach der K\u00fcche. Schnell, wie durch Eingebung getrieben, spring\u2019 ich keck auf die Kammer zu und \u00f6ffne ganz leise. Niemand ist da. Ich sehe eine zweite Th\u00fcr, ich trete unh\u00f6rbar \u00fcber die Schwelle und bin durch einen Anblick \u00fcberrascht, vor dem mein ganzes Herz wie Wachs zerschmilzt. Denn in dem engen, \u00e4u\u00dferst reinlichen Gemach, das ich mit Einmal \u00fcberblickte, lag die Sch\u00f6ne an ihrem Bett halbknieend hingesunken, die Arme auf den Stuhl gelegt, die Stirn auf beide H\u00e4nde gedr\u00fcckt, wie schlafend, ohne Bewu\u00dftsein; Gewand und Haare ungeordnet, so da\u00df es schien, sie hatte kaum das Bett verlassen, als jene Nachricht sie bet\u00e4ubend \u00fcberfiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wagte nicht, die Ungl\u00fcckliche anzusprechen, ich f\u00fcrchtete mich, ihr in\u2019s Gesicht zu sehn. Aber Sehnsucht und Jammer durchgl\u00fchten mir innen die Brust, von selber streckte mein Arm sich aus, von selbst bewegten sich die Lippen \u2013 \u201eAennchen!\u201c sagt\u2019 ich \u2013 es war kein Rufen, es war nur ein Fl\u00fcstern gewesen; dennoch im n\u00e4mlichen Moment richtet die Schlummernde den Kopf empor; sie schaut, noch halb im Traum, nach mir her\u00fcber, der ich bewegungslos da stehe; nun aber, wie durch Engelshand im Innersten erweckt, steht sie auf ihren F\u00fc\u00dfen, schwankt \u2013 und liegt an meinem Halse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So standen wir noch immer fest umschlungen, als es im Hof laut und lauter zu werden begann. Tosende Stimmen durcheinander, ein Eilen und ein Rennen hin und her \u2013 das Alles h\u00f6rte ich und h\u00f6rte nichts von Allem. Jetzt kommt man heran durch die Zimmer, jetzt rei\u00dfen sie die letzte Th\u00fcr auf \u2013 ein allgemeiner Ausruf des Erstaunens! Das M\u00e4dchen wie in Todesangst dr\u00fcckt mich gewaltsamer an sich, dann sinkt sie erschaudernd pl\u00f6tzlich zusammen und fremde H\u00e4nde fassen die Ohnm\u00e4chtige auf. Vor meinen Augen wird es Nacht; ich f\u00fchle mich unsanft h\u00fcben und dr\u00fcben bei\u2019m Arme ergriffen und wie im Sturm hinweggef\u00fchrt nach einem finstern Gange, dann abw\u00e4rts einige Stufen, wo eine Th\u00fcr sich \u00f6ffnet und alsbald donnernd hinter mir zuschl\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte mich in kurzer Zeit wieder gesammelt. Es war ein f\u00f6rmliches Gef\u00e4ngni\u00df, worin ich mich nunmehr befand, dunkel und moder-feucht und kalt. Die Sichel, von dem Regen angeschwollen, braus\u2019te wild in der Tiefe. Ich \u00fcberdachte meine Lage schnell. So schrecklich sie auch schien, sie konnte doch unm\u00f6glich lange dauern. Und was mich \u00fcber Alles tr\u00f6stete, f\u00fcrwahr ich brauchte das nicht weit in Gedanken zu suchen. Denn wenn es mir auch anfangs nur wie eine d\u00e4mmernde Erinnerung vorschwebte, da\u00df ich das geliebteste M\u00e4dchen vor wenig Augenblicken noch an diese Brust gedr\u00fcckt, so gab ein nie gef\u00fchltes Feuer, das mir noch Mark und Bein heimlich durchzuckte, das seligste Zeugni\u00df, da\u00df dieses Wunder nicht ein eitles Blendwerk gewesen sein k\u00f6nne; ein Ueberma\u00df von Hoffnung und Entz\u00fccken ri\u00df mich vom Boden auf und machte mich laut jauchzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald aber, da Stunde um Stunde verging und es schon weit \u00fcber Mittag geworden war, ohne da\u00df sich ein Mensch um mich bek\u00fcmmerte, stellten sich Ungeduld, Zweifel und Sorge allm\u00e4hlig bei mir ein. F\u00fcr meinen Hunger hatte man zwar durch ein St\u00fcck schwarzes Brod, das ich nebst einem Wasserkrug in der Mauer entdeckte, hinreichend gesorgt, und ich verzehrte es mit gro\u00dfer Gier; doch eben diese reichliche Vorsorge lie\u00df bef\u00fcrchten, da\u00df ich f\u00fcr heute wenigstens aus diesem Loche nicht loskommen w\u00fcrde, da\u00df ich vielleicht die Nacht hier zuzubringen h\u00e4tte. Ich l\u00e4ugne nicht, mir war diese Aussicht entsetzlich. Denn, hatte nicht vielleicht jene verruchte Irmel in eben diesen Mauern ihr blutiges Ende genommen? Wie, wenn es ihr einfiele, diese Nacht ihr altes Quartier einmal wieder zu sehen? Es rieselte mir kalt den R\u00fccken hinunter bei solchen Gedanken. Dabei wird man begreifen, da\u00df es mir unter diesen Umst\u00e4nden keine sehr angenehme Diversion gew\u00e4hrte, der Frechheit zweier Ratten zuzusehen, welche sich auf den Rest meines Mittagmahls bei mir zu Gaste luden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es schlug Drei auf dem Schlo\u00df; ich wollte fast vergehen. Auf einmal aber rasselten die Riegel. Der Schlo\u00dfvogt \u00f6ffnete, Verwirrung und Verlegenheit im Blick. \u201eDer gn\u00e4dig\u2019 Herr ist angekommen; er schickt mich, Euch zu holen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich folgte dem Vogt nach der vordern Hausflur, wo er mich warten hie\u00df. Zu meinem Aerger standen hier verschiedene gemeine Leute herum, die sich ihrem Gebieter zu pr\u00e4sentiren w\u00fcnschten, der P\u00e4chter sammt dem Sch\u00e4fer und dergleichen. Sie gafften mich wie einen armen S\u00fcnder an und zischelten einander in die Ohren; ich machte aber ein Gesicht wie ein Panduren-Oberst und kehrte ihnen dann den R\u00fccken zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es dauerte nicht lang, so kam, gestiefelt und gespornt, vom Stalle her ein kleiner, blasser, \u00e4ltlicher Herr mit gro\u00dfen blauen Augen, in Begleitung einer schneewei\u00dfen Dogge, durch deren gewaltige Gr\u00f6\u00dfe die kurze Gestalt ihres Herrn nur desto auffallender wurde. Er sah mich im Vorbeigehn scharf so von der Seite an, sprach mit den Andern ein paar g\u00fctige Worte, lie\u00df abermals den Blick auf mich her\u00fcbergleiten und war schon im Begriff die Leute zu entlassen. In diesem Augenblick gewahrte ich den jungen Mann, der sich am Morgen mit so vielem Eifer meiner Person hatte versichern wollen und den man mir als Aennchens Br\u00e4utigam bezeichnet \u2013 Aber wo nehm\u2019 ich Worte her, um mein Erstaunen, mein Entsetzen auszudr\u00fccken, als ich bei\u2019m zweiten Blick meinen Juden in ihm erkannte! \u2013 \u2013 Unf\u00fchlend, wo ich stand, und des Respects vergessend, den ich der Gegenwart des gn\u00e4digen Herrn schuldig war, warf ich mich auf den Burschen mit einer Wuth, mit einer Schnelligkeit, wie kaum ein Tiger sich auf seine sichere Beute st\u00fcrzt. \u201eVermaledeiter Dieb! so hab\u2019 ich dich!\u201c und packt\u2019 ihn kr\u00e4ftig bei der Kehle. Eine Todtenstille entstand. Entsetzen hielt das Gesindel gebannt. Der alte Herr sah unwillig verlegen zu dem Auftritt, und einem allgemeinen Murren folgte unmittelbar der wildeste Tumult. Man wollte mir mit Gewalt meinen Feind entrei\u00dfen, von dessen Gurgel meine Hand nicht loszubringen war, und h\u00e4tten sie mich in St\u00fccke zerrissen. Die kreischende Stimme des Freiherrn allein war im Stande, mich zur Vernunft zur\u00fcckzubringen. In Kurzem ward es ruhig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFa\u00dft Euch, Herr Peter!\u201c sagte der Patron zu meinem Gegenpart, der mich erhitzt und keuchend mit weinerlichem Lachen angrins\u2019te \u2013 \u201eich hoffe, dieser allzu rasche J\u00fcngling wird Euch seiner Zeit den gr\u00f6bsten Irrthum abzubitten haben; inde\u00df, Herr Schulzen-Sohn, seid Ihr einmal entschieden angeklagt und werdet Euch gefallen lassen, in Mitten dieser Leute hier Euch zu gedulden, bis ich mit Jenem fertig bin.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schlo\u00dfvogt f\u00fchrte mich nun auf Befehl des Herrn hinauf in den Saal, wo er mich alsbald wieder verlie\u00df. Ich hatte vor lauter Erwartung kaum einige Aufmerksamkeit auf das, was hier mich umgab. Uralte, gewirkte Tapeten mit abenteuerlichen Schildereien, zwei lange Reihen von Portr\u00e4ts bedeckten die W\u00e4nde; ein ungeheures Fenster umfa\u00dfte die pr\u00e4chtigste Aussicht. Mir wurde die Zeit uns\u00e4glich lang. Endlich ging eine Fl\u00fcgelth\u00fcr auf und Herr Marcell von Rochen trat herein, in feierlicher, sonderbarer Tracht. Er war in Reitstiefeln so wie vorher; sein \u00fcbriger Einband jedoch erinnerte mich auf der Stelle frappant an mein Schatzk\u00e4stlein. Er hatte ein schwarzseiden M\u00e4ntelchen an, darunter ein geschlitztes, spanisches Wamms von meergr\u00fcner Farbe hervorstach. Sein grauer Knebelbart rieb sich an einem steifen Ringelkragen, welcher wie Pergament aussah. Wenn sich der Mann von ungef\u00e4hr umdrehte, so war etwas Erkleckliches von einem H\u00f6cker zu gewahren, ein Merkmal, das gedachter Aehnlichkeit auf keine Weise Abbruch that. Nichts desto weniger hatte sein ganzes Wesen etwas Ehrw\u00fcrdiges, Unwiderstehliches f\u00fcr mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er nahm nunmehr mit Anstand Platz und sprach: \u201eIhr seid Franz Arbogast aus Egloffsbronn, Goldschmiedsgesell bei Meister Orlt in Achfurth?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSo ist es, Ew. Gnaden!\u201c versetzte ich mit gro\u00dfer Zuversicht, und erz\u00e4hlte sofort auf Verlangen die ganze ungl\u00fcckselige Historie ausf\u00fchrlich und gewissenhaft, woebei er sehr aufmerksam zuh\u00f6rte. Am Ende zog er die Klingel und lie\u00df mein Felleisen bringen. Hierauf begehrte der Freiherr das B\u00fcchlein zu sehen, das eine so wichtige Rolle in meiner Geschichte gespielt. Ich \u00fcberreichte ihm das unsch\u00e4tzbare Werklein unges\u00e4umt, das er mit einem ganz erheiterten Gesicht, ja mit unverkennbarer R\u00fchrung, wie eine wohlbekannte Reliquie empfing. \u201eMeiner Schwester Hand, bei Gott!\u201c rief er halblaut, bl\u00e4tterte lang und schmunzelte dazwischen, sah mich dann wieder ernsthaft an, ging auf und ab, mit allen Zeichen stiller, nachdenklicher Verwunderung. Nun trat er auf mich zu, und sagte: \u201eAlso just vierhundert Dukaten betr\u00fcge die Summe, die Ihr verloren?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGerade so viel, Ew. Gnaden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd davon h\u00e4ttet Ihr nicht das Geringste \u00fcbrig behalten? Besinnt Euch ja wohl!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einmal fiel mir ein, da\u00df ja noch ein Goldst\u00fcck im Wagen gewesen und da\u00df ich dieses in der Noth bei der Zeche zu R\u00f6sheim auswechseln lassen. Ich bekannte aufrichtig wie Alles gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa habt Ihr sehr \u00fcbel gethan!\u201c versetzte der Freiherr bedenklich, mit kaum merkbarer Schalkheit. \u201eSo geht es, wenn ein Osterj\u00fcngling nicht genau nach seinem Katechismo lebt. Ihr werdet Euch des trefflichen Spruches erinnern, worinnen gesagt ist, da\u00df man sich fremden Eigenthums unter keinerlei Umst\u00e4nden anma\u00dfen m\u00f6ge. Genug, Ihr habt den Lockvogel hinausgelassen, mit dessen Hilfe Ihr die ganze goldne Schaar gar leichtlich wieder in Eure Hand w\u00fcrdet bekommen haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eO Gott! ich Ungl\u00fcckseliger!\u201c rief ich verzweifelnd aus und schlug mich vor die Stirne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGeduld, Geduld, Gesell!\u201c sagte der alte Herr, \u201enoch ist nicht Alles verloren. La\u00dft Euch den Fehler f\u00fcr die Zukunft zu einer Warnung dienen; inde\u00df\u201c \u2013 hier griff er in die Tasche und zog zu meinem freudigsten Erstaunen den Dukaten hervor, den er mir l\u00e4chelnd mit den Worten reichte: \u201eer kann nun freilich die erw\u00fcnschte Wirkung nicht mehr thun, der Zeitpunkt ist vers\u00e4umt; dessenungeachtet werdet Ihr vor Cyprian Eure 399 wieder haben, da es Euch denn doch angenehm sein d\u00fcrfte, auch den Vierhundertsten gleich drauf zu legen. Er fand sich noch zum Gl\u00fcck in den Z\u00e4hnen des goldenen L\u00f6wen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Thr\u00e4nen k\u00fc\u00dfte ich die H\u00e4nde des Patrons und wu\u00dfte meinem Danke keine Worte. Der unvergleichliche Mann fuhr nun fort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFranz Arbogast, Ihr seid von nun an frei, und die Gerechtigkeit gibt Euch hiemit durch meinen Mund und Kraft dieses Papiers, bis auf ein Weiteres, Euren ehrlichen Namen zur\u00fcck. Marcell von Rochen hat B\u00fcrgschaft f\u00fcr Euch geleistet; ich sprach Euren wackeren Meister noch k\u00fcrzlich in Achfurth. Er l\u00e4\u00dft Euch freundlichst gr\u00fc\u00dfen. Auch mu\u00dfte er mir das Versprechen geben, da\u00df er die Arbeit, derenwegen Ihr nach Frankfurt reisen solltet, in keines Andern H\u00e4nde legen wolle. Es hat noch Zeit damit, und auf mein Wort bleibt Ihr nur vor der Hand getrosten Muths hier auf dem Schlosse. Josephe wird schon sorgen, da\u00df Ihr uns nicht entlauft; denn noch erwartet Euch ein wichtiges Gesch\u00e4ft. Ich kann f\u00fcr heute nicht bleiben, in wenig Tagen sehen wir uns wieder. Bevor ich aber scheide, nehmt meinen besten Segen f\u00fcr Euch und f\u00fcr Josephen. Gewi\u00df, mein Freund, Euch ist nach mancher Pr\u00fcfung ein selten Gl\u00fcck beschieden: was man dagegen von Euch fordern wird, das sollt Ihr seiner Zeit von Eurer Braut vernehmen. Inde\u00df gehabt Euch wohl!\u201c Hiemit entfernte er sich in ein Seitenzimmer, eh\u2019 ich ihm nochmals hatte danken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich blieb in einer Art von freudiger Bet\u00e4ubung noch eine ganze Weile auf Einem Flecke stehn, halb in Erwartung, ob mein Wohlth\u00e4ter nicht noch einmal heraustrete. Als ich den Saal endlich verlie\u00df und die Treppe herabkam, stand der Freiherr bereits in seinen ordentlichen Kleidern unter\u2019m Thor und stieg soeben zu Pferde. Er winkte mir im Wegreiten noch ein Adieu zur\u00fcck. Der Schlo\u00dfvogt mu\u00dfte ihn den Berg hinab, dem Dorfe zu, begleiten. Ein junger flinker J\u00e4ger, der hinterdrein ritt, gab mir durch lustige Geb\u00e4rden zu verstehn, da\u00df man \u201eden Juden\u201c schon voraus gef\u00fchrt habe. In Gottes Namen! dachte ich und eilte in die Stube und auf Aennchen zu, die mir entgegenflog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Trunkenheit der n\u00e4chsten Stunden zu beschreiben, soll mir billig erlassen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josephe \u2013 so will ich sie immerhin nennen, denn dieser Name war ihr ganz eigen geworden \u2013 Josephe zog mich an ein Tischchen, auf dem ein appetitliches Abendbrod, mit frischen Herbstblumen geziert, mein wartete. Ich hatte hundert Fragen an das M\u00e4dchen, doch meine Ungeduld sprang immer nur von einer zu der andern, dergestalt, da\u00df ich am Ende so wenig wie vorher von Allem begriff. Die seligste Confusion von gegenseitigen Erkl\u00e4rungen, von Thr\u00e4nen, Scherzen, K\u00fcssen l\u00f6s\u2019te sich zuletzt in das Gest\u00e4ndni\u00df auf: man wolle jetzt nichts wissen und nichts fassen, als da\u00df man sich wieder besitze, da\u00df man sich ewig so umschlungen halten w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau Base schien in gro\u00dfer Noth, wie sie dem gl\u00fccklichen Paar ihre Theilnahme ausdr\u00fccken sollte. Sie hatte in der That, wie ich nachher erfuhr, nicht das beste Gewissen. Denn wenn Josephe gestern, im Sinne mich zu pr\u00fcfen, auf zweideutige Weise Etwas von einem Br\u00e4utigam verlauten lie\u00df, so hing die\u00df bei der Alten ganz anders zusammen. Gedachter Schulzen-Sohn, ein angehender Wirth, filzig und reich, doch sonst ein guter Christ, hoffte an diesem M\u00e4dchen eine t\u00fcchtige Hausfrau f\u00fcr sich zu erwerben und betrieb seine Absicht um so ernstlicher, da nicht verschwiegen blieb, da\u00df sie von der seligen Freifrau von Rochen \u2013 auf welche merkw\u00fcrdige Dame wir n\u00e4her zur\u00fcckkommen werden \u2013 mit einem Verm\u00e4chtni\u00df bedacht worden war, dessen Er\u00f6ffnung bis auf ihre Hochzeit ausgesetzt sein sollte, und wovon, in Betracht, wie viel sie bei gn\u00e4diger Herrschaft gegolten, sehr \u00fcbertriebene Vermuthungen bestanden. Josephe, die den Menschen nicht entfernt ausstehen konnte, war \u00fcberdie\u00df, durch manchen geheimni\u00dfvollen Wink ihrer verblichenen Besch\u00fctzerin geleitet, mit Sinn und Herzen immerfort nur auf die Zeit gespannt, wo der Goldschmiedsgeselle von Achfurth anr\u00fccken w\u00fcrde. Die Base aber, insoweit auch sie in das Geheimni\u00df eingeweiht war, hatte, als eingefleischtes Weltkind, noch nie so recht daran geglaubt und konnte endlich eine kleine Kuppelei nicht lassen. Doch ihre K\u00fcnste scheiterten an der Beharrlichkeit des braven Kindes, und der gekr\u00e4nkte Freier blieb einige Zeit aus. Am letzten Sonntag kam er wieder, sein Heil noch einmal zu versuchen. Allein wie sehr war er erstaunt, als er noch au\u00dferhalb des Hofraumes wahrnehmen mu\u00dfte, wie sich das J\u00fcngferchen mit einem fremden Gesellen, dessen Person er sich von der Gramsener Botenfahrt her sogleich erinnerte, gar traulich vor dem Schl\u00f6\u00dfchen hin- und herspazierend, behagte. Er hatte auf der Stelle weg, wo das hinaus zielte, zumal er an demselben Nachmittag in J\u00fcnneda mit der Gevatterschaft vom Schlo\u00df zusammengetroffen, und ihm die Aengstlichkeit, womit die Base ihn f\u00fcr dieses Mal von einem Besuche bei Sephchen abhalten wollte, bereits verd\u00e4chtig vorgekommen war. Ganz stille schlich er sich den Berg wieder hinab und sann auf Rache. In Kurzem trat auch wirklich ein ganz vertrackter Zufall ein, v\u00f6llig dazu gemacht, mich mit Einem Schlag in die L\u00fcfte zu sprengen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Peter hatte n\u00e4mlich in folgender Nacht einige Reisende beherbergt, Handelsherren, die mit anbrechendem Tage weiter wollten. Der Wirth war aufgestanden; er reichte ihnen zwischen dem Fr\u00fchst\u00fcck gef\u00e4llig die neueste Zeitung und Einer trug daraus das Merkw\u00fcrdigste vor, unter Anderm einen ellenlangen Steckbrief, der viel Aufsehen erregte. Der Wirth geht eben durch das Zimmer, steht still und spitzt die Ohren; er ist von dem Signalement frappirt; er lies\u2019t mit eigenen Augen, wird pl\u00f6tzlich Feuer und Flamme und rennt mit dem Blatte davon \u2013 zum Schulzen, seinem Vater. Der, weil er eben unpa\u00df ist, \u00fcbertr\u00e4gt die Sache dem Sohn, auf den er sich verlassen kann. In weniger als einer halben Stunde war meine Aufhebung erfolgt. \u2013 Da\u00df ich nachher denselben Menschen, welcher mit solcher Zuversicht die Schergen wider <i>mich<\/i> aufbot, noch immer als den Dieb ansehen und behandeln konnte, war freilich eine Unbesonnenheit, die nur der blinde Drang des Augenblicks verzeihlich machte. Ich meinerseits indessen war nicht einmal geneigt, mir den Irrthum so sehr zu Herzen zu nehmen, besonders da ich gar wohl merkte, da\u00df unser guter Schatzk\u00e4stleins-Patron, welcher von vornherein der Sache auf den Grund gesehen, dem schadenfrohen Kauzen eine vor\u00fcbergehende Dem\u00fcthigung \u2013 er sa\u00df zwei ganze Tage zur Untersuchung im Arrest \u2013 absichtlich nicht ersparen wollte. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josephe schlug noch einen Gang in\u2019s Freie vor; der Abend war so sch\u00f6n, die Luft au\u00dferordentlich milde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem wir nun allein so Hand in Hand entlang dem Ackerfeld, am Rand des Bergs hin wandelten, war mir\u2019s noch immer wie ein M\u00e4rchen, da\u00df ich das sch\u00f6nste, liebste M\u00e4dchen von der Welt als meine ausgemachte Braut besitzen sollte und da\u00df dieselbe zwar nach Leib und Seele mein altes Sch\u00e4tzlein aus der Melbergasse hinter\u2019m Krahnen sei! \u2013 \u2013 \u201eSo sag\u2019 mir denn, um\u2019s Himmelswillen,\u201c hob ich an, \u201ewie bist du von den Todten auferstanden?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMir kam es wahrlich selber vor,\u201c versetzte sie, \u201eals ging\u2019 es nicht mit rechten Dingen zu, da ich eines Morgens die Augen aufschlug und mich in einem fremden Zimmer, wo Alles gar vornehm und lieblich aussah, in einem feinen seidenen Bettchen zum erstenmale wieder fand. Es war ein wenig dunkel in dem Zimmer, die Laden waren zu, die Vorh\u00e4nge herabgelassen. Nach einer Weile kam eine \u00e4ltliche Dame herein; sie war mir gleich bekannt, so ein sanftes und liebreiches Wittwengesicht hatt\u2019 ich schon sonst einmal gesehen. Du mu\u00dft dich noch erinnern, zu Egloffsbronn, vor dem Br\u00fcckenthor, gegen die Landstra\u00dfe hin, steht einzeln ein freundliches Haus zwischen G\u00e4rten \u2013\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGanz recht! es liefen immer ein paar pr\u00e4chtige Pfauen im Hofe herum, die wir oft halbe Stunden lang durch die Stacketen beguckten \u2013\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, und da rief uns eines Tags eine vornehme Frau in das Haus, befrug uns \u00fcber die\u00df und das, und schenkte Jedem einen neuen Zwanziger. Wir kamen noch einigemal, doch leider war die gute Frau nie mehr zu sehen. Nun aber kannte ich sie sogleich wieder. Sie setzte sich zu mir an\u2019s Bett, erkundigte sich nach meinem Befinden und reichte mir k\u00f6stliche Bissen zur St\u00e4rkung. Dann trat Frau Lichtlein in\u2019s Gemach und gleich darauf ein sch\u00f6nes Frauenzimmer, das mich mit Schmeichelworten und Liebkosungen \u00fcberh\u00e4ufte und fast nur allzu lebhaft war. Man nannte sie Josephe, zur \u00e4ltern Dame sagte sie Tante <i>Sophie.<\/i> Sie zeigte mir ein sch\u00f6nes Kleid, das sollte ich anziehen sobald ich wieder aufstehn d\u00fcrfte. Meine Frage, ob ich zu Egloffsbronn w\u00e4re, bejahte man mir, und als ich weiter forschte, ob ich denn wieder zu meinen Pflegeeltern m\u00fc\u00dfte, hie\u00df es: nein, die Tante nehme mich mit auf ihr Gut, wenn ich wollte. Ach ja, sagt\u2019 ich, wenn der Goldschmied-Franz auch mit geht. Der kommt dir nach! versetzte das Fr\u00e4ulein und lachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum war ich v\u00f6llig wieder hergestellt und wohl in meiner neugewachsenen Haut, so putzte mich das Fr\u00e4ulein so artig heraus, da\u00df ich mich kaum mehr kannte; sie flocht mir mit eigener Hand meine Z\u00f6pfe, sie stellte Puppen und allerlei Spielwerk vor mich und ging dabei selber mit mir nur wie mit einer neuen Puppe um. \u201eH\u00f6ren Sie, Tantchen!\u201c rief sie der gn\u00e4digen Frau einmal zu, \u201eich habe Lust, einen Vertrag mit Ihnen abzuschlie\u00dfen: hiermit verspreche ich, Ihnen nicht nur den kommenden Monat, wie wir ausgemacht haben, sondern ein ganzes Jahr auf Ihrem verrufenen Schl\u00f6\u00dfchen Gesellschaft zu leisten, mit dem Beding, da\u00df ich das Kind nach meinem Sinn erziehen und mir es ganz aneignen darf.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSchon gut\u201c, war die Antwort, \u201ewir wollen sehn, wie lang das dauern wird.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend fuhr ein Wagen an und kam ein kleiner munterer Herr in Reisekleidern herauf, welchen die beiden Frauen mit vieler Z\u00e4rtlichkeit empfingen. Es war der Herr vom Hause, ein Bruder jener Dame, die, so wie die Nichte, sich nur gastweise bei ihm, der eben Wittwer war, aufhielt. Das Fr\u00e4ulein pr\u00e4sentirte mich dem Oheim, der sogleich herzlich zu lachen anfing: \u201eIch wollte wetten, Schwester!\u201c rief er aus, \u201edas ist nun wieder eins von deinen Auserw\u00e4hlten, ein Osterl\u00e4mmchen, eine Friedensbraut nach deinem heimlichen Kalender. Ja ja, Frau Irmel mag sich freuen: die gro\u00dfe Stunde der Erl\u00f6sung mu\u00df nun allern\u00e4chstens schlagen. Ich hoffe doch, die Gr\u00e4fin wird so h\u00f6flich sein, mir mindestens ein Drittheil ihres Mammons zuzuscheiden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu wirst,\u201c versetzte Frau Sophie l\u00e4chelnd mit einem sanften Vorwurf, \u201edu wirst, Marcell, noch einst ganz anders von diesen Dingen reden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So stritten sie und scherzten noch Vieles hin und her, wovon ich nichts weiter verstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem heitern Wintermorgen reis\u2019ten die beiden Frauen mit mir ab. Es war das erstemal in meinem Leben, da\u00df ich in einer Kutsche fuhr; ich war vor Lust ganz au\u00dfer mir. Den zweiten Tag erreichten wir das Schl\u00f6\u00dfchen. Nun ging ein Leben wie im Himmel f\u00fcr mich an. Es war, als w\u00e4re ich nur f\u00fcr Josephen da; sie gab sich ganze Tage mit mir ab, und da ich sogar ihren Namen f\u00fchren mu\u00dfte, schien ich mir selber wie verwandelt und eine ganz neue Person. Nun sollte ich gleich tausenderlei Sachen auf Einmal von dem Fr\u00e4ulein lernen; selbst auf der Harfe nahm ich Unterricht bei ihr. Es fand sich n\u00e4mlich so ein altes Ding von Instrument aus den fr\u00fcheren Zeiten der Tante. Das Fr\u00e4ulein sagte oft: es sei die Irmels-Harpfe; ich wu\u00dfte damals nicht was mit dem Scherz gemeint war, welchen die Tante jedesmal und endlich sehr ernsthaft verwies. Wir trieben unser Wesen so drei Monate zusammen, als meine junge G\u00f6nnerin zu meinem gr\u00f6\u00dften Kummer von den Verwandten nach der Hauptstadt abgerufen wurde. Die Tante konnte den Wildfang wohl missen, und sp\u00e4terhin gestand sie mir geradezu, es h\u00e4tte in der Art, wie ihre Nichte mich behandelt, unm\u00f6glich fortgehn k\u00f6nnen; der Stand, in den ich k\u00fcnftig treten w\u00fcrde, verlange nicht etwa so ein verw\u00f6hntes Modep\u00fcppchen, wohl aber eine wackere Hauswirthin. Doch war es Niemand weniger gegeben, mit Kindern umzugehen, als eben dieser guten, von mir so hochverehrten Frau; ich machte ihr nur lange Weile, st\u00f6rte und \u00e4rgerte sie. So mu\u00dfte ich mich denn fast einzig zu des Hausschneiders halten, und war froh, da\u00df ich nur Jemand hatte, zu dem ich einmal wieder, wie einst in Egloffsbronn, Vetter und Base sagen durfte. Die\u00df wurde gegenseitig so sehr zur Gewohnheit, da\u00df Jedermann uns f\u00fcr Verwandte hielt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem nun meine Braut \u2013 so fuhr der Hofrath zu erz\u00e4hlen fort \u2013 mich mit den Eigenheiten ihrer seligen Wohlth\u00e4terin n\u00e4her bekannt machte, bedauerte ich aufrichtig, diese Edle nicht mehr am Leben zu wissen: ihr hatte ich mein Schatzk\u00e4stlein, ach und noch weit mehr zu verdanken. Aber \u2013 mit diesen Worten wandte sich Herr Arbogast an eine ganz besonders aufmerksam zuh\u00f6rende bejahrte Dame \u2013 Sie, Frau Majorin, bringen ja den Mund nicht <span id=\"Seite_96\" class=\"PageNumber\">[<b><a class=\"prp-pagequality-4\" title=\"Seite:Moerike Schriften 2 (1878) 096.jpg\" href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Seite:Moerike_Schriften_2_(1878)_096.jpg\">96<\/a><\/b>]<\/span> mehr zusammen, seit ich von Frau Sophien rede! Am Ende haben Sie die Baronesse selbst gekannt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGewi\u00df! gewi\u00df hab\u2019 ich! Leibhaftig steht sie wieder vor mir, wie ich sie vor vierzig oder mehr Jahren in meiner Jugend sah.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas ist das?\u201c brummte hier ein treuherziger Schweizer, der w\u00e4hrend der Erz\u00e4hlung einigemal sehr merklich eingenickt war: \u201eBi Gott, ich dacht\u2019, das Alles si halt numme so ne Fabel g\u2019si, jetzt ch\u00fcmmt es doch anderster ufi! H\u00e4tt\u2019 ich das eh\u2019 g\u2019w\u00fc\u00dft, h\u00e4tt\u2019 es mich bi miner Ehr\u2019 nit g\u2019schl\u00e4feret!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf die\u00df Bekenntni\u00df folgte ein allgemeines, unausl\u00f6schliches Gel\u00e4chter. Der Hofrath endlich nahm das Wort und bat gedachte Dame um eine Schilderung der Frau von Rochen: ein solches Zeugni\u00df, sagte er, wird f\u00fcr meinen Credit als Erz\u00e4hler entscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die angenehme Frau lie\u00df sich nicht lange bitte. \u201eVon allen Gliedern der Familie,\u201c fing sie an, \u201ewar Sophie die letzte, welche dem alten Rittersitz die Ehre ihrer pers\u00f6nlichen Gegenwart schenkte, indem sie den verstorbenen Gemahl, Anselm von Rochen, gern am Ort wo er begraben lag betrauern wollte. Ich sah sie dort mehrmals mit meiner Mutter, und h\u00f6rte auch sp\u00e4ter noch Manches von ihr. Ohne gerade menschenscheu zu sein, liebte sie Einsamkeit und Stille \u00fcber Alles, selbst ihre Kammerfrau verweilte nur wenige Stunden des Tags in ihrer unmittelbaren N\u00e4he, und nicht \u00fcber viermal im Jahre, an hohen Festen etwa, kam sie in\u2019s Dorf herab. Dagegen ward sie auch von Gro\u00df und Klein als eine Heilige verehrt, wenn nun die schlanke feingebaute Gestalt mit der ihr eigenen Freundlichkeit und, bei einem Alter von bald siebenzig Jahren, mit beinah jungfr\u00e4ulichem Anstand in der Kirche den gewohnten Platz einnahm und aus dem offenen erh\u00f6hten Gitterstuhl ihre Unterthanen durch ein L\u00e4cheln begr\u00fc\u00dfte, nach angeh\u00f6rter Predigt aber die Kranken und die Armen als freigebige Tr\u00f6sterin in ihren H\u00e4usern besuchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem kl\u00f6sterlichen Leben, das Sophie im Innern ihrer prunklosen Gem\u00e4cher f\u00fchrte, entsprachen denn auch ihre Lieblingsbesch\u00e4ftigungen ganz und gar. Von Jugend an zu einer bewundernsw\u00fcrdigen Kunstfertigkeit in feiner bunter Stickerei ge\u00fcbt, war sie bei v\u00f6llig ungeschw\u00e4chten Sinnen noch immerfort im Stande, dergleichen Arbeiten, wozu sie sich ehmals die reichsten Muster kommen lie\u00df, mit gleicher Sorgfalt fortzusetzen; sie wiederholte unerm\u00fcdet ihre alten Zeichnungen, um mit solchen Prachtst\u00fccken, an denen Gold und Silber gl\u00e4nzte, von Zeit zu Zeit die Ihrigen zu \u00fcberraschen, ganz unbek\u00fcmmert freilich um den Geschmack des Tags.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedeutend aber war ihr Ansehn bei der Familie dadurch, da\u00df sie die Gabe der Weissagung in hohem Grade besessen haben soll; besonders wollte sie es Jedem gleich ansehen, ob er Sinn und Beruf f\u00fcr \u00fcbersinnliche Dinge besitze. Auch stand sie allezeit mit einer Anzahl Geistlichen in Briefwechsel und wu\u00dfte sich \u2013 zu einem Zweck, den weiter Niemand kannte, wor\u00fcber wir jetzt freilich ganz im Klaren sind \u2013 von den Verh\u00e4ltnissen aller m\u00f6glichen Menschen, von Zeit und Stunde ihrer Geburt und dergleichen genaue Kenntni\u00df zu verschaffen. In ihrer eigenen Verwandtschaft fand sie den unbedingtesten Glauben, obschon sie gerade hier am sparsamsten mit ihren Er\u00f6ffnungen war. Bruder Marcell allein wagte es, den hartn\u00e4ckigen Zweifler, sogar gelegentlich den Sp\u00f6tter gegen sie zu spielen, dessenungeachtet ist er doch ihr Liebling immer geblieben. Nach ihrem Tode mag er sich wohl bekehrt haben, ja wie es scheint verschm\u00e4hte er nicht, Sophiens mystische Hausfarbe, Gr\u00fcn, Schwarz und Wei\u00df, zu Ehren der Schwester bei feierlichen Anl\u00e4ssen zu tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber ist leicht zu vermuthen, da\u00df unserer guten Nonne das kleinste Verdienst dabei blieb, wenn unter ihrem frommen Regiment die Guts\u00f6konomie, die gar nicht unbetr\u00e4chtlich war, dennoch durchaus zum Vortheil der Besitzer aufrecht erhalten wurde. Sie nahm von ihrem sammtnen Armstuhl aus sehr regelm\u00e4\u00dfig Antheil an den vorkommenden Gesch\u00e4ften; sie h\u00f6rte an bestimmten Tagen den Verwalter an, durchsah als eine gute Rechnerin die B\u00fccher mit der Feder in der Hand, ermahnte die Dienstboten und \u00fcbte mitunter auch wohl ein klein wenig die Kunst, unterrichtet zu scheinen, wo sie es nicht war. Jedoch verstand es sich bei m\u00e4nniglich von selbst, da\u00df Alles in der Wirthschaft h\u00e4tte drunter und dr\u00fcber gehn m\u00fcssen ohne die Einsicht und Treue eines Verwalters, der wirklich seines Gleichen suchte. Der gute Mann nahm aber unvermuthet seinen Abschied, die G\u00fcter wurden verpachtet, und die edle Matrone, den Bitten ihres Bruders jetzt nicht l\u00e4nger widerstrebend, entsagte diesem Aufenthalt und lie\u00df es sich gefallen, den sp\u00e4ten Abend ihres Lebens im Schoose der Familie zuzubringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die\u00df w\u00e4re nun Alles, was ich zu Gunsten der Wahrhaftigkeit des Herrn Erz\u00e4hlers vorzubringen hatte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem sich die Versammlung f\u00fcr diese interessanten Nachrichten auf\u2019s Sch\u00f6nste bedankt, sprach unser Hofrath weiter: Ich werde mich nunmehr zum Schlu\u00df so kurz als m\u00f6glich fassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josephens Confirmation war in der Dorfkirche vollzogen worden. Die Nachfeier des Tages aber fand in aller Stille auf dem Schl\u00f6\u00dfchen statt. Am Abend nahm Sophie das M\u00e4dchen bei der Hand und f\u00fchrte sie nach einem Gemache im untern Stock, zu dem Niemand, sogar der Vogt nicht, Zutritt hatte. Sephchen erblickte nun hier eine vollst\u00e4ndige Goldschmieds-Werkstatt, ganz neu und sauber eingerichtet. \u201eMein Kind!\u201c sagte die edle Frau: \u201esieh\u2019 an, das ist f\u00fcr deinen Franz, hier f\u00fchrst du ihn herein, wenn er \u2019mal kommen wird; hier mu\u00df dein Liebster sein Meisterst\u00fcck machen. Ist das geschehn, so findet sich das Uebrige von selbst. Der Werkzeug bleibt sein Eigenthum; er nimmt ihn mit gen Achfurth, wo ihr euch niederlassen sollt. Und dann gedenket mein und habt einander lieb in Gottesfurcht und Frieden.\u201c \u2013 Zugleich bekam Josephe ein \u00e4hnliches B\u00fcchlein wie ich, obgleich sie nach Geburt und Rang nur ein Sonntagskind war. Die Werkstatt wurde nun wieder geschlossen, und ich war in der That der Erste, dem sie sich nach vier Jahren wieder \u00f6ffnete. Josephen war der Schl\u00fcssel durch Herrn Marcell bei seiner neulichen Anwesenheit beh\u00e4ndigt worden. Ich hatte nur zu staunen und zu preisen, als ich mit meiner Braut von diesen Sachen Einsicht nahm: da war auch nicht das Geringste vergessen, vom gro\u00dfen Ofen bis zum unbedeutendsten L\u00f6trohr herab, und St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck untadelhafte Waare, so rein und einladend, da\u00df einem gleich der Mund nach der Arbeit zu w\u00e4ssern anfing. Auf meine Frage, was denn wohl zun\u00e4chst hier mein Gesch\u00e4ft sein w\u00fcrde, gab mir Josephe nur ganz verbl\u00fcmten Bescheid, indem sie mich auf Herrn von Rochens Wiederkunft verwies; allein ich hatte l\u00e4ngst gewittert, was da werden sollte, und war gefa\u00dft auf Alles, obwohl ich gar nicht l\u00e4ugnen will, da\u00df mir etwas unheimlich wurde, als mir das M\u00e4dchen bald hernach zwei sonderbar gestrickte Sch\u00e4rpen zeigte, worauf gewisse Chiffern und Figuren von gr\u00fcner, schwarzer, wei\u00dfer Farbe sich durchschlangen. \u201eWozu soll das, Josephe?\u201c fragte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie eine f\u00fcr dich, die andere f\u00fcr mich;\u201c antwortete das M\u00e4dchen mit geheimni\u00dfvollem L\u00e4cheln, \u201ewir tragen sie auf Eine Nacht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber wozu, um Gotteswillen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie legte ihren Finger auf den Mund: \u201eF\u00fcr jetzt nicht weiter, Franz; du bist ein Mann, und da wo ich mich hin getraue, wirst du dich hoffentlich nicht scheuen.\u201c \u2013 So kamen wir stillschweigend \u00fcberein, da\u00df vor der Hand nicht mehr die Rede davon sein solle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der n\u00e4chste sch\u00f6ne Morgen reizte uns zu einem kleinen Ausflug in die Gegend. Wir hatten uns noch unz\u00e4hlige Dinge zu sagen. Unter Anderem wollte ich wissen, warum sie sich mir denn nicht gleich am ersten Abend, als ich kam, entdeckte? ja wie sie es nur \u00fcber\u2019s Herz bringen k\u00f6nnen, den ganzen folgenden Tag so grausam Kom\u00f6die mit mir zu spielen? \u2013 \u201eSo? meint der Herr,\u201c entgegnete sie, \u201eman h\u00e4tte nicht auch Lust gehabt, ihm etwas auf den Zahn zu f\u00fchlen? Im Ganzen habe ich mir freilich all\u2019 die Jahre her nie eigentliche Sorgen wegen deiner gemacht. Besonders hielt ich mich an das, was wir gelegentlich durch Reisende erfuhren. So kam einmal der Vetter, als eben Kirme\u00df war zu J\u00fcnneda, mit einem lustigen Messerschmied an Einen Tisch im R\u00f6\u00dflein zu sitzen, der war nicht weit von hier zu Haus, kam erst von Achfurth her und wu\u00dfte gar Manches von dir; darunter war mir denn das Wichtigste und Angenehmste, da\u00df sie dich dort den kalten Michel hie\u00dfen. Die Base wollte die\u00df nicht eben tr\u00f6stlich f\u00fcr mich finden, ich aber sagte gleich, bei mir wird er schon aufthauen. Nun mu\u00dft du aber wissen, Freund, ausdr\u00fccklich hatte Frau Sophie mir gesagt, du m\u00fc\u00dftest mich bei unserm Wiedersehn von selbst erkennen: die\u00df sei die erste Probe, wie tief dir Aennchen noch im Herzen sitze. Und da\u00df ich\u2019s nur gestehe, mir wollte schon anfangen bange werden, weil du so gar vernagelt warst; ja meinen Ohren traute ich kaum, als mir der Mensch anfing, von seinen Liebschaften da vorzuprahlen! Sieh, h\u00e4tt\u2019 ich mir nicht alle diese Faxen so ziemlich zurecht legen k\u00f6nnen, es w\u00e4r\u2019 ja wahrhaftig mein Tod gewesen! Etwas mu\u00df aber doch daran sein, dachte ich, so arg er auch aufschneidet, ganz leer ging es nicht ab, daf\u00fcr soll er mir jetzt ein bi\u00dfchen zappeln.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter so fr\u00f6hlichen Gespr\u00e4chen waren wir, stets auf der flachen H\u00f6he des Gebirgs fortschlendernd, bis an die gutsherrlichen Weinberge gekommen. Wir setzten uns auf eine kleine Mauer und blickten, \u00fcber die Rebst\u00f6cke weg, hinunter in den sogenannten Schelmengrund. Die Gegend fiel mir auf, ja ich war ganz verbl\u00fcfft \u2013 denn auf und nieder war ja hier das Th\u00e4lchen wieder, das ich in jener Nacht gesehen, wo es vom Herbst-Vergn\u00fcgen der Waidefeger wiederhallte! Wie sonderbar! Alles traf zu, die Eiche abgerechnet, von welcher nichts zu sehen war. Ich s\u00e4umte nicht, die Sache gleich Josephen zu erz\u00e4hlen, die sich h\u00f6chlich dar\u00fcber vernahm. Zwar hielt auch sie den Spuck in jener Rumpelkammer f\u00fcr einen blo\u00dfen Traum, den sie jedoch nichts desto weniger bedeutsam fand. Nachdem wir uns den Ort, und namentlich eine gewisse rundliche, mit Gras und Disteln \u00fcberwachsene Vertiefung in der Erde zun\u00e4chst am M\u00e4uerchen, genau bemerkt, begaben wir uns, aller guten Hoffnung voll, nachdenklich auf den R\u00fcckweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Hause lie\u00df ich es mein Erstes sein, die alte Karte mit dem Titelbildchen genauer zu betrachten. Die Aehnlichkeit war abermals nicht zu verkennen, obgleich sie sich bereits nicht mehr so ganz wie vorhin wollte finden lassen. \u2013 W\u00e4hrend ich noch dar\u00fcber nachdenke, reicht mir Josephe einen Brief: er sei in unserer Abwesenheit vom Dorf gebracht worden. Ich meinte Wunder was es w\u00e4re, das schlaue M\u00e4dchen aber sagte: gib Acht, Herr Peter hat was auf dem Korn. So war es in der That. Seiner gekr\u00e4nkten Ehre eingedenk, machte er Miene, mir einen Proce\u00df anzuh\u00e4ngen; so viel sich aus der ganz confusen Schreibart absehen lie\u00df, schien er jedoch nicht ungeneigt, bevor es dahin k\u00e4me, Genugthuung, und zwar mit baarem Gelde, privatim von mir anzunehmen. \u2013 Zu rechter Zeit erinnerte ich mich jenes st\u00e4hlernen Knopfs, womit der Schuft den Fuhrmann damals prellte. Ich schlug sogleich ein s\u00e4uberlich Papier um das edle Schaust\u00fcck und legte ein paar Zeilen bei, worin ich ihm andeutete, wie sehr man sich zuweilen irren k\u00f6nne, und da\u00df ein Biedermann, der in der Eile einen glatten Knopf f\u00fcr einen F\u00fcnfzehner ausgab, es eben auch passiren lassen m\u00fcsse, wenn ihn ein Anderer einmal f\u00fcr einen Galgenvogel nahm. \u2013 Der Brief that v\u00f6llig die gehoffte Wirkung; Herr Peter zeigte ihn zwar keiner Seele, doch soll er sich ge\u00e4u\u00dfert haben, ich h\u00e4tte ihm sehr anst\u00e4ndig Abbitte gethan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun k\u00e4men wir an das letzte Capitel in meiner Geschichte, von dem ich zwar versichern darf, da\u00df es seine besondern Reize hat, allein ich habe die Geduld meiner verehrten Zuh\u00f6rer l\u00e4ngst \u00fcber die Geb\u00fchr erprobt und so mag es f\u00fcr heute bewenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie? was, Herr Hofrath?\u201c riefen mehrere Stimmen &#8211; \u201ejetzt f\u00e4llt es Ihnen pl\u00f6tzlich ein, Punctum zu machen, jetzt, da es auf das Ziel losgeht? da Alles voll Erwartung ist? Nein, nein, das geht nicht an, wir protestiren s\u00e4mmtlich!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hofrath aber r\u00fcckte gelassen seinen Stuhl, und da man ihn schon kannte, so sprach ihm Niemand weiter zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWann werden wir denn nun das Ende h\u00f6ren?\u201c fragten einige Damen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O morgen Abend, wenn Sie wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas? da haben wir ja Ball! Als wenn er das nicht w\u00fc\u00dfte!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gut \u2013 also \u00fcbermorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa reisen Sie ja ab!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFreilich! Ihre Frau hat es uns selbst gesagt. Seht doch, den Schalk! Er wollte uns wahrhaftig den Rest ohne Weiteres schuldig bleiben!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun \u2013 war die Antwort \u2013 da\u00df ich\u2019s nur gestehe, ich pflege diesen Theil meiner Geschichte, der sich im Wesentlichen \u00fcbrigens von selbst ergibt, nie gerne zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDarf man wissen, warum?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Grille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas scheint geheimni\u00dfvoll.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch glaube unsern Freund beinahe zu verstehn,\u201c sagte Cornelie, eine geistvolle, h\u00f6chst liebensw\u00fcrdige Blondine: \u201eund so sehr mich selber die Neugierde plagt, es will mir doch zugleich gefallen, da\u00df von den geisterhaften Dingen, die wir ahnen, der letzte Schleier nicht hinweggenommen werde. Sie w\u00fcrden einem fast, d\u00e4ucht mich, zu wirklich und zu nahe, und w\u00e4ren wenigstens mit einer heitern Darstellung, wie diese doch im Ganzen war, kaum zu vereinigen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEi was!\u201c rief Oberst Mathey hier mit halb komischer Ungeduld: \u201ewas f\u00fcr Umst\u00e4nde! Wir m\u00fcssen absolut jetzt irgend einen Schlu\u00df, einen expressen Schlu\u00df bekommen, und wenn wir ihn uns selbst erz\u00e4hlen sollten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas m\u00f6chte wohl so schwer nicht sein,\u201c sagte Cornelie.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<tt>Eh bien!<\/tt> ich nehme Sie bei\u2019m Wort, mein sch\u00f6nes Kind! Geschwinde, geben Sie uns eine h\u00fcbsche Skizze, damit sich unsere Imagination vor Schlafengehn beruhige.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eF\u00fcr\u2019s Erste,\u201c fing Cornelie an, \u201ewird Herr von Rochen, als ihm der merkw\u00fcrdige Traum erz\u00e4hlt wurde, sogleich Anstalt zur Nachgrabung bei jenen Weinbergen getroffen haben. Gewi\u00df geschah die\u00df mit der gr\u00f6\u00dften Vorsicht, und zwar nicht anders als bei Nacht, theils um ein Aufsehn zu verh\u00fcten, theils weil der feierliche Gegenstand es so erforderte. Es war die Nacht vor Cyprian. Herr Marcell ermangelte nicht, bei Fackelschein in seiner Ostergalla-Tracht zu Pferde den kleinen Zug geziemend anzuf\u00fchren. In dessen Mitte ging Herr Arbogast als Hauptperson, dann folgten ein halb Dutzend Arbeiter mit brennenden Laternen, Spaten und Hacken wohl versehen. Diese geheimni\u00dfvolle Prozession, die Ankunft auf dem Platze, die Th\u00e4tigkeit der Leute daselbst, wobei kein lautes Wort gesprochen werden durfte, sodann die immer steigende Bewegung, da man nach einem zweist\u00fcndigen Graben endlich auf ein Gew\u00f6lbe, zuletzt auf eine schmale Treppe st\u00f6\u00dft, und nun der auserw\u00e4hlte J\u00fcngling, die Fackel in der Hand, sich zwischen Schutt und Tr\u00fcmmerwerk hindurch arbeitend, ein enges Kellerchen betritt, wo er vor allen Dingen eine kleine verrostete Kiste entdeckt, hierauf, nicht weit davon, Frau Irmels unheilvolle Kette und endlich \u2013 o Entz\u00fccken! ein helles H\u00e4uflein Gold, seine Dukaten! \u2013 f\u00fcrwahr das sind k\u00f6stliche Scenen, deren getreue Ausmalung sich allerdings verlohnen w\u00fcrde. Allein das Wichtigste ist noch zur\u00fcck. Der Irmelgeist, je n\u00e4her die ersehnte Stunde kam, verdoppelte, wie man leicht denken kann, sein Seufzen, seine Ungeduld. Auf alle F\u00e4lle mu\u00dfte der edle J\u00fcngling noch um Mitternacht in seine Werkstatt gehn, die Kette herzustellen; ein kitzliches Gesch\u00e4ft, wobei er jeden Augenblick besorgte, da\u00df ihm der Geist \u00fcber die Schulter gucke, ob auch die Arbeit f\u00f6rdere. Das Br\u00e4utchen war ihm hier der gr\u00f6\u00dfte Trost; sie hielt ihm vermuthlich das Licht. Nachdem er fertig war, schickte das vielgetreue Paar sich an, das Letzte und Bedenklichste selbander zu bestehen. Josephe kn\u00fcpfte sich und ihrem Liebsten die magische Leibbinde um, die zwar nicht jede G\u00e4nsehaut verh\u00fcten, doch sonst vor b\u00f6sen Einfl\u00fcssen bewahren konnte. So zog denn Br\u00e4utigam und Braut, die goldene Kette zwischen sich haltend, dem Sichelflusse zu, wo nun das Kleinod unter stillen Segensspr\u00fcchen den Wellen \u00fcbergeben ward. Wie sich der Geist dabei benommen und wie Frau Irmels Danksagung gelautet, mu\u00df freilich dahin gestellt bleiben; genug da\u00df sie zur Ruhe kam. Begierig w\u00e4re ich, was in dem eisernen Kistchen gewesen, und fast noch mehr, was f\u00fcr niedliche Dinge das Waidfeger-Volk in die Nischen und Ritzen des k\u00f6niglichen Schatzgew\u00f6lbs versteckt haben mochte. Zuverl\u00e4ssig fand man auch der Waidek\u00f6nigin ihr Kr\u00f6nlein darunter, das ich mir so geschmackvoll, so zierlich vorstelle, da\u00df es Herrn Arbogast gleich als Modell zu seiner gr\u00f6\u00dfern Arbeit dienen konnte, von der die Welt behauptet, sie sei ein Meisterst\u00fcck der Kunst; wo aber eigentlich der K\u00fcnstler die unvergleichlichen, sonst nie gesehenen Formen dazu hernahm, hat er den Leuten freilich nicht gesagt und kann auch billig unter uns bleiben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hofrath l\u00e4chelte und sprach: Sie haben in der That, bis auf einige Kleinigkeiten, meine Geheimnisse so artig errathen, da\u00df ich mich, ganz im Ernst, dar\u00fcber wundern mu\u00df und kein Bedenken trage, hiemit meine Geschichte f\u00fcr geschlossen zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sofort entspann sich unter den Zuh\u00f6rern noch eine kleine Diskussion \u00fcber Wahrheit und Dichtung in dem erz\u00e4hlten Abenteuer. \u201eVielleicht,\u201c sagte einer der Herrn, ein Forstmeister, \u201evielleicht bin ich im Stande, gerade was die Hauptfrage betrifft, einiges Licht in den Zusammenhang zu bringen. Es hatten, ungef\u00e4hr vor drei\u00dfig Jahren, wirlich Nachgrabungen bei jenem Schl\u00f6\u00dfchen statt. Ein alter F\u00f6rster meines Schwagers, der in der N\u00e4he dort beg\u00fctert ist, erz\u00e4hlte viel davon. Man fand einen langen, gew\u00f6lbten, theilweise noch gut erhaltenen Gang. Er zog sich unterirdisch noch eine Strecke in den Wald hinein, wo er in eine wilde, fast unzug\u00e4ngliche Bergschlucht auslief. An seinem andern Ende, vermuthlich in der Richtung nach der Burg, wo er etwa nur eingest\u00fcrzt war, entdeckte man verschiedene, zum Theil kostbare Gegenst\u00e4nde, die schwerlich anders als durch Raub dahin gekommen sein konnten. Der ber\u00fcchtigte Faligan, der sich bekanntlich im Spessart und im Odenwald lange umhertrieb und sein Leben in einem Gefecht mit streifenden Bauern durch einen B\u00fcchsenschu\u00df verlor, soll an mehreren Orten solche geheime Niederlagen hinterlassen haben. Auch im gedachten Falle f\u00fchrten gewisse Spuren auf ihn zur\u00fcck. Nun war er selbst zwar zu der Zeit, in die Herrn Arbogasts Beraubung fiele, schon l\u00e4ngst todt, allein was hindert uns anzunehmen, da\u00df in der Zwischenzeit ein \u00e4hnliches Genie das Loch entdeckt den vorgefundenen Schatz auf gleiche Art vermehrt, und endlich auch Herrn Arbogasts Felleisen so gl\u00fccklich operirt haben m\u00f6ge?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inde\u00df nun die Gesellschaft sich hier\u00fcber stritt, war der Hofrath still hinausgegangen, kam aber sehr bald wieder und sah sich rings im Saale um. Man fragte, was er suche. Ich suche meine Frau! versetzte er, die ich schon l\u00e4ngst im tiefsten Schlaf begraben glaubte. Ihr Bette ist noch unber\u00fchrt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas sieht bedenklich aus!\u201c sagte Cornelie, \u201ewenn man sie Ihnen nur nicht entf\u00fchrte, Herr Hofrath! Sagt nicht Ihr Schatzk\u00e4stlein etwas dergleichen?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine bekannte, angenehme Stimme sprach hier auf einmal hinter dem Ofen hervor:<\/p>\n<div class=\"poem\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>\u201eJag\u2019 nit darnach, mach\u2019 kein Geschrei,<br \/>\nUnd allerdings f\u00fcrsichtig sei.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">und sogleich trat zu allgemeinem Jubel Madam Arbogast aus ihrem dunkeln Versteck. Sie dankte ihrem Manne sehr anmuthig f\u00fcr alle das Sch\u00f6ne und Gute, das er ihr angedichtet, best\u00e4tigte jedoch, da\u00df er im Ganzen keineswegs ein M\u00e4rchen erz\u00e4hlt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Gesellschaft nun aufbrach, und Jedermann sein Licht ergriff, sprach Arbogast noch mit Cornelien und sagte ihr Etwas in\u2019s Ohr. \u201eIst\u2019s m\u00f6glich?\u201c rief sie mit Verwunderung, so da\u00df die Andern in der Th\u00fcre stehen blieben. \u201eWissen Sie auch,\u201c fuhr sie, gegen Jene gewendet, heraus: \u201ewer der verd\u00e4chtige Wegzeiger war auf der Heide? \u2013 Der Ritter von Latwerg! Er wartete auf seinen Osterengel.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas Teufels!\u201c rief der Oberst. \u201eNun denn \u2013 Gut Nacht, Herr Ritter! Die H\u00e4hne kr\u00e4hen schon, mich verlangt nach dem Bette!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-100084 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<hr \/>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<ol class=\"references\">\n<li id=\"cite_note-5\"><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"reference-text\">Viele Jahre nachher, als ich diese Geschichte gelegentlich vor einer Gesellschaft erz\u00e4hlte, that sich ein junger Arzt nicht wenig auf die Entdeckung zu gut, da\u00df jene Worte weiter nichts als eine sonderbare Verst\u00fcmmelung des lateinischen Namens <tt>Febris scarlatina<\/tt> seien. Der n\u00e4mliche Gelbschnabel setzte mir dabei sehr gr\u00fcndlich auseinander, die ganze Erscheinung sei ein blo\u00dfes Phantasma gewesen, der fieberhafte Vorbote meiner bereits erfolgten Ansteckung; auf gleiche Weise pflege sich in Ungarn das gelbe Fieber anzuk\u00fcndigen.<br \/>\nAnmerkung des Hofraths.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im ersten Gasthofe des Bades zu K* verweilte eines Abends eine kleine Gesellschaft von Damen und Herrn im gro\u00dfen Speisesaale, der nur noch sparsam erleuchtet war. 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