DONNERDICHTUNG (Streitschrift-Satire für Eva Strittmatter statt Elke Erb)

18. Mai 2003
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Die Entscheidung ergab sich gestern abend von alleine, denn ich war zu erschöpft, um die „Lyriknacht“ mit Celangweiler Kuhligk & Konsorten zu besuchen. Und den Papenfuß hör ich mir sowieso lieber im Burger an. Also früh schlafen gehen und früh aufstehen: Die letzte lebende Grand Dame der deutschen Lyrik (Hilde Domin ist dagegen Hausfrauenlyrik!!!) liest auf einer Open-Air-Vernissage in Babelsberg. Ihre radikalen und selbstentblößenden poetischen Gedanken begleiten mich schon seit Jahren, denn sie versteckt sich nicht hinter beliebigen Hohlformeln und gewollten Metaphern sondern beleuchtet die seelischen Schwierigkeiten des Dichterlebens in einer Desinteresse-Gesellschaft so souverän bis subversiv wie ihr eigenes Leben. Und obwohl ich noch in der S-Bahn sitze und die lange Fahrt nach Griebnitzsee für diese Einleitung nutze, weiß ich genau, warum ich mich an einem Sonntag in Neukölln bei sommerlichem Nieselregen morgens aus dem Bett quäle: Zu viele wirklich wichtige Kollegen habe ich bereits knapp verpaßt (Beuys starb am Vorabend meines 18.Geburtstages und Dali am Vorabend meiner Entlassung aus der psychosomatischen Klinik – von Nietzsche und Artaud ganz zu schweigen), die Zeit rast ohne Rücksicht auf Verluste weiter, und bevor ich selber von einem Auto platt gemacht werde (wie Brinkmann und Berendt), gönne ich mir lieber noch schnell einen Ausflug in den Süden. Ah, die S-Bahn hält – und der Nieselregen setzt wie auf Kommando wieder ein! Das ist also Griebnitzsee, fast dörflich und menschenleer… „LESUNG E. STRITTMATTER“ steht mit Edding auf signalrosaroten Schildern ab der nächsten Straßenkreuzung, nachdem ich in der Bahnhofskneipe die grobe Richtung zur Domstraße 23a erfuhr. Ich flaniere zwischen sanierten Villen und Rohbauten bei ahnungslosem Vogelgezwitscher unter saftigem Grün und endlich: Die Sonne bricht durch! Die wenigen vorbeifahrenden Autos müssen mich für einen Spinner halten: auf jeder zweiten Gartenmauer stütze ich mein loses Papier zum Schreiben und sobald ich weitergehe, fällt mir der nächste Satz ein. Bin ich ein Erbe Heideggers? Aber egal, genug geschwafelt. Mal sehen, wo sich die Galerie „Wort und Kunst“ versteckt. Und die Sonne scheint weiter, na prima. Hach, tatsächlich: ein Garten! Und voll mit Action-Painting von Rengha Rodewill, der Schülerin eines Pollock-Weggefährten. Frisch gemalter Abstrakter Expressionismus mit Titeln wie „Big Bang“ (1999) und neuere Pinselarbeiten „New Romanticism“ (2003) genannt, die schon auf der Biennale in Florenz gezeigt wurden. Die Künstlerin ist anwesend und hat einen ganzen Tisch mit Kopien zahlreicher Presse-Artikel und biografischer Daten aufgebaut. Es ist halb Zwei, ich bin der erste, die meisten Bilder sind noch mit Folie gegen den Regen verhängt. Gitarre und Querflöte des märchenhaften Gaukler-Duos konnte ich schon von der Straße aus hören. Ein riesiger Halbkreis aus Bierbänken auf der Wiese. Kein Buffet, nur Knabbereien. Mist. Ich mit mir ohne Frühstück. LESUNG MIT LEEREM MAGEN. Naja, immerhin Chips und Fladenbrot. Allmählich trudeln Leute ein. Ich setze mich mittig zur Bühne, das sind ja auch im Kino die besten Plätze. Hinter mir das Hauptgebäude im Park: eine Adenauer-Residenz und ehemaliges Potsdamer Forstamt. Dieser Ort ist voller Vergangenheit. Ich warte auf die Gegenwart. Und lese zwischenzeitlich das „Dance-Painting“-Manifest der Künstlerin. Endlich mal wieder ein Manifest! Revolution! Es wird plötzlich etwas windig, aber die dunklen Wolken ziehen noch günstig vorüber. Halb Drei und zwanzig Zuhörer sind inzwischen da, die einen elegant, die andern wetterfest. Noch ein einhalb Stunden bis die Stunde der Lyrik schlägt. Ich zerkaue die Erdnüsse und trinke Sprudel statt Bole. Unter mir die Wiese. Ob die Dichter der letzten Nacht schon wach sind? Ob sich einer von ihnen hier blicken läßt? Richtig selbstbewußte Berufsjunglyriker und poppernde Yuppie-Autoren gehen nämlich am liebsten nur auf ihre eigenen Lesungen und streuen dann gerne Werbelügen über die Bedeutung ihrer Zusammenkunft mit Sprüchen wie z.B. „Der Underground wurde vor 5 Jahren erfunden“ (eben durch die Gründung ihres Netzwerk-Klüngels). Aber ich will ja nicht gleich wieder aus purer Langeweile lästern. Also 1 Stunde Schweigen für die Poesie-Zombies und Literatur-Mafia (Zitat: Rarisch, der von der Zeitschrift „Zirkular am Zeitstrand“ für den Büchnerpreis vorgeschlagen wird). Bis die letzte Dichterfürstin des 20.Jahrhunderts ihre alte, aber hellwache Stimme erhebt… (- >> << -) …Viertel vor Vier: Hundert Einheimische (oder Touristen?) haben Platz genommen und es donnert gefährlich. Die Sonne findet keinen blauen Flecken mehr und als sich die 73-jährige E wie Eva Strittmatter auf eine Gehhilfe gestützt vor die Menge schiebt, hilft bald schon auch die Mikrofonverstärkung nicht: Nach einigen Sätzen Prosa aus dem neuen Buch ihres verstorbenen Mannes Erwin prasselt das Gewitter pünktlich auf die Sonntagsgesellschaft hernieder, die nun ruckzuck ein Dach aus Regenschirmen über sich spannt und darunter wie eine römische Legion verschwindet und tapfer weiter lauschen will. Ich flüchte mit einigen anderen schlecht ausgerüsteten unter einen -leider durchlässigen- Sonnenschirm, der eines der ausgestellten bunten Bilder schützen soll, während die Dichterin, nachdem sie mehrmals die Lesung vor lauter Regenlärm und Blitzen skeptisch (einmal sogar lachend mitten im Satz) unterbrochen hatte, um sich zu vergewissern, ob die Situation noch erträglich sei, dann doch ins Atelier der Galerie-Baracke wechselt. Dort liest sie bei nicht mehr ganz so frischer Luft weiter und es wird an vielen tragikomischen Stellen aufgelacht. Als Bühnenbild dienen nun die Farbspritzer jener Bilder, die im Garten die eigentliche Bühne absteckten und ihre Entstehung an der Atelierwand bezeugen. Wie zu erwarten war, liest Strittmatter dann ihre „geheimen Gedichte“ mit knattrig-klassischer Intonation (absolut austauschbar mit Hilde Domin!!!) und trotzdem kommt keine Langeweile auf, denn die Inhalte sind nicht nur tief und ehrlich sondern in ihrer Schlichtheit keineswegs trivial. Außerdem artikuliert sie klar und deutlich mit der Schärfe ihres Geistes. Danach wird Schlange gestanden für eine Signatur, die sie bei jedem als persönliche Widmung gestaltet. Diese Frau hat ein emotional aufregendes und anstrengendes Leben hinter sich, weil sie sich schreibend von Alltagslügen befreit. Hoffentlich war diese Veranstaltung trotz Krankheit nicht ihre einzige Lesung in diesem Jahr. Legendär war sie allemale. Und auf dem Weg zurück zur S-Bahn-Station bricht die Sonne wieder durch und bleibt.

***

Grundlose Inwesenheit, 22 Ekstatische Essays 1992-2015 von Tom De Toys, Books on Demand (Verlag), 2015.

Parallel zur Neuropoesie entstanden im Laufe der Jahre immer wieder einzelne „ekstatische Essays“ zu seinem Hauptthema, der Frage danach, was das Bewußtsein und das Sein an sich eigentlich für das sich von innen fühlende Subjekt sind. Aus der Sicht einer nondualen Mystik entwickelt der Autor dabei seinen zentralen Begriff der „Inwesenheit“ als Essenz seines eigenen „grundlosen“ Existenzgefühls, das den Dualismus aus Anwesenheit / Abwesenheit in einem Spürsinn für das „Wesen“ überwindet. Der sogenannte  Neuroatheismus beginnt hier radikal zu wirken.

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