DIE VERNICHTUNG (GO) ALLER ENERGIE (E) MÜNDET IM LEEREN FLIEßEN (E=GO)

30. Dezember 2017
Von

                       E:GO

             narziß zog den stöpsel 
      schaute in den leeren ozean 
           und suchte vergeblich 
                den schuldigen 

  

 

 

Das kurze Gedicht „E:GO“ vom 30.1.2017 ist genauer betrachtet ein modernes Koan, basierend auf dem altgriechischen Mythos des Narziß, der nur sein eigenes Spiegelbild liebt. Das für Koans typische logische Paradoxon besteht in dem Gedicht darin, daß es am Ende niemanden gibt, der sich selbst als Stöpselzieher erkennen könnte, da nach der Entleerung des Ozeans keine Wasseroberfläche mehr existiert, um das Gesicht (als Symbol für Identität) darin zu spiegeln. Und trotzdem behauptet das Gedicht, das da jemand sei, der sucht – aber vergebens. Über diese finale logische Absurdität lässt sich entweder jahrelang meditieren wie über ein Koan oder man erlaubt sich den simplen visuellen Trick, sich das apokalyptische Szenario plastisch vorzustellen: „niemand“ (als konkrete Figur z.B. als durchsichtige Hülle) kniet am Ufer des leeren Ozeans und erkennt darum niemanden. Oder andersherum: weil der Ozean leer ist, gibt es kein Spiegelbild mehr, das von jemandem gesehen werden könnte. Der schuldige Stöpselzieher und der das Gesicht spiegelnde Ozean sind voneinander abhängig! Sobald das eine vernichtet wird, löst sich das andere ebenfalls auf. Beides existiert nur als gegenseitige Illusion. Die für Koans typische letzte Erleuchtung ist in diesem Fall also bildlich gesprochen die Vorstellung der totalen Vernichtung beider Seiten der Medaille im selben Atemzug. Was übrig bleibt ist die vom narzisstischen Ego befreite unendliche, ausgetrocknete („nüchterne“, also sachliche statt psychische) Landschaft des Seins: der bodenlose, uferlose Ozean der Leere. Wer es schafft, dieses zenbuddhistische Szenario nicht nur zu visualisieren sondern sogar in den hohlen Zellkernen der eigenen leibhaftigen Anwesenheit zu spüren, erwacht automatisch aus der Illusion, es gäbe einen Täter und eine Tat. Da ist nur noch das leere Dahinfließen des Seins und selbst das ist noch nicht einmal mehr ein wirkliches Fließen sondern eher ein Ruhen. Kein Loslassen von irgendwas geschah (da ist kein Wasser!) und kein Jemand ließ sich selbst los (da ist kein Wer!). Die Gelassenheit ist einfach los – und DA IST ganz schön was los!

 

***

Grundlose Inwesenheit, 22 Ekstatische Essays 1992-2015 von Tom De Toys, Books on Demand (Verlag), 2015.

Parallel zur Neuropoesie entstanden im Laufe der Jahre immer wieder einzelne „ekstatische Essays“ zu seinem Hauptthema, der Frage danach, was das Bewußtsein und das Sein an sich eigentlich für das sich von innen fühlende Subjekt sind. Aus der Sicht einer nondualen Mystik entwickelt der Autor dabei seinen zentralen Begriff der „Inwesenheit“ als Essenz seines eigenen „grundlosen“ Existenzgefühls, das den Dualismus aus Anwesenheit / Abwesenheit in einem Spürsinn für das „Wesen“ überwindet. Ders soganennte  Neuroatheismus beginnt hier radikal zu wirken.

Weiterführend →

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