Buchbeschreibung

17. August 2015
Von

 

 

An der fiktiven Haltestelle sitze ich
hier fliegt kein Vogel vorbei
dennoch schirme ich die Augen ab
und blicke hoch hinauf.
Meine Träume machen Grimassen
nachts
ich ziele mit dem Fotoapparat darauf
löse den Abzug und drücke
einmal, zweimal, dreimal
wie sehen Sie die Dinge?

 

***

 

Wie bei ihrem von der KUNO-Redaktion sehr geschätzten Band Rose und Nachtigall ist auch in ihrem zweiten Gedichtband ein Langgedicht enthalten, das dem Buch seinen Namen gegeben hat. Und auch hier ist das Langgedicht am Ende des Buches in englischer Übersetzung nachzulesen. (Wir bei den Kulturnotizen schätzen die Gattung des Monodrams, hören Sie auch Señora Nada in der Reihe MetaPhon.)

Eine Haltestelle trägt den Titel “Was der konkrete Poet sieht”, darin sind visuelle Gedichte sowie konkrete Poesie enthalten. Die Syntax ist aufgelöst, die Interpunktion aufgehoben, stattdessen strukturiert Can den Text durch Leerstellen und Durchschüsse, die als optische Pausen in den Wortlaut eingelassen sind. Auch dieser Band besteht wie beim Erstling aus sechs Kapiteln. Variationen eines Themas – oder gerade eben so: everything changes and all stays the same (Möterhead)

Zum Hintergrund, der sich unweigerlich in den Vordergrund drängt: Ein Mensch, ein Kind, eine Dichterin hat sich ihre eigene Haltestelle erschaffen. Eine einsame Insel im Nirgendwo, weit weg von der Banalität, doch mitten im Leben, geschützt und umgeben von Poesie, während das Leben in Großstädten und auf Autobahnen weiter pulsiert. Eine Haltestelle aus Gedichten über das Warten, das Träumen und das Sein. Warten auf das Passende. Einen Menschen, eine Arbeit, eine Gelegenheit. Wer kommt und holt mich ab? Ein Zug, eine Straßenbahn, ein Omnibus, eine Fähre? Ach, wäre es die Liebe selbst. Oder auch nicht: Love Will Tear Us Apart (Joy Division).

Diese Lyrik ist zumeist in eingängiger Weise dargelegt, oft mit leichter Hand abgefaßt, der Gebrauchssprache näher als dem akademischen Diskurs. Es findet sich in Cans Gedichten das Avancierte und Zukunftsträchtige direkt neben dem Konventionellen und Unausgearbeiteten, eine Gemischtwarenhandlung auf dem Markt der lyrischen Möglichkeiten. Möge aus dem bisherigen im Lauf der Zeit eine Trilogie werden, dann läßt sich möglicherweise abschließendes sagen.

***

Diese Haltestelle hab ich mir gemacht von Safiye Can, Größenwahn Verlag Frankfurt am Main 2015

Tags:

Kommentare geschlossen.

Im Rückspiegel

20120115_regalien_meth_075 20120115_regalien_meth_064 20120204_hungertuch_meth_020 20120115_regalien_meth_078 20120204_hungertuch_meth_045 praegnarien-08 20120115_regalien_meth_083 20120115_regalien_meth_026 20120204_hungertuch_meth_043 20120115_regalien_meth_029 20120204_hungertuch_meth_047 20120115_regalien_meth_055 20120115_regalien_meth_001 linz29 20120115_regalien_meth_045 MINOLTA DIGITAL CAMERA Phillipp Bracht 20120204_hungertuch_meth_040 20120115_regalien_meth_102 20120204_hungertuch_meth_060 01eingang 20 20120204_hungertuch_meth_029