NEUROPOESIE: ZUR VERTEIDIGUNG DER „DIREKTEN“ DICHTUNG

24. August 2015
Von

Es hat sich dahin entwickelt, daß die Ansprüche an die Texte immer niedriger wurden und das Sich-in-Szene-setzen (-das im negativen Sinne ‚Eventhafte‘-) in den Vordergrund gerückt ist. Auf einmal kriegt Jeder die Möglichkeit, auf einer Bühne mal für fünf Minuten der Held zu sein, fünf Minuten der Star zu sein. Und um der Star zu sein, nimmt man jeden Trend in Kauf. Und die Sprache ist Medienrummel, die Sprache ist Spektakel – nicht mehr lyrische Inspiration.

Tom de Toys, im WortSpiel-Interview mit DeutschlandRadio Kultur

Lyrik ist keine seichte Unterhaltungsliteratur, so viel steht fest. Lyrik geht über die Grenzen des alltäglichen Bewußtseins hinaus, sie dringt tief in das Gefühl für die Existenz und ihre Abgründe ein. Jede gute Dichtung tut das irgendwie auf ihre jeweilige Art und Weise. Als ich vor 30 Jahren auf der Suche nach Autoren war, die meine Seele berühren und bereichern sollten, erschien mir sowohl die meiste Poesie als auch esoterische, mystische Literatur schlichtweg zu kryptisch: Ich wollte weder verkopfte Metaphern noch paradoxe Koans knacken, ich sehnte mich nach einer klaren, direkten Sprache, die mitten ins Herz trifft und meine aufkommenden Fragen ans Leben behandeln und möglichst sogar beantworten sollte. Doch solche Lyriker fand ich zunächst (unter den Klassikern) nicht. Also begann ich selber zu dichten. Ich schrieb mir die Gedichte von der Seele, die ich in der Schule und im Buchladen vermisste. Und spendete mir dadurch quasi selbst Trost in einer trostlosen Zeit. Später erst, viel später, entdeckte ich Dichter wie Antonin Artaud, Walt Whitman, Hans Arp und Ernst Meister, die ich bis heute gerne lese. Aber damals war ich verzweifelt. Die Dichtung erschien mir entweder wie eine kitschige, religiöse Hypnose oder sie war zu banal, zu unpsychologisch, zu gereimt und zu unexistenziell. Billige Metaphysik und Metaphernwahn überwiegten in allen Stilen aller Epochen. Ich suchte nach einer Sprache, die meine eigenen seelischen Zustände unverschnörkelt auf den Punkt bringen konnte. Eine Sprache für die Ereignisse im Bewußtsein, die den Knoten im Kopf nicht noch fester zog, sondern ihn löste. Eine Sprache wie Medizin für die Seele! Aus diesem Ehrgeiz heraus entwickelte sich die Neuropoesie als „direkte“ Dichtung, also als antimetaphysische und antimetaphorische Dichtung, die weder hermetisch noch trivial sein sollte. Weder Geheimniskrämerei noch eindimensional. Etwas dazwischen: Gedichte, die einerseits einen gewissen mystischen Respekt vor dem Leben bewahren, als auch andererseits respektlos die Welt durchdringen. Tabulose Dichtung. Empörte Dichtung. Ekstatische Dichtung. Politische UND spirituelle Dichtung in einem! Man könnte es ganzheitliche Dichtung nennen, Dichtung, die nichts ausklammert, integrale Dichtung. Im Laufe der Jahre entdeckte ich dann einige Kollegen mit ähnlichem Anspruch, die aber stilistisch ganz anders vorgingen: Ron Schmidt, Alex Nitsche und Clemens Schittko (alle drei Nahbellpreisträger), um nur einige zu nennen. Ich las wieder genauso gerne wie ich schrieb. Aber auch heutzutage sind es nur eine Handvoll. Die meisten zeitgenössischen Dichter erzeugen bei mir regelrecht Hirnkrämpfe mit ihrer zwanghaften, ungewollt surrealistisch anmutenden Originalität ohne erkennbaren Sinngehalt (wohingegen beabsichtigte Sinnlosigkeit wie im Dada immerhin noch einen lebensphilosophisch nachvollziehbaren Sinn verfolgte!), sind also nicht im geringsten Medizin sondern eher wie Gift für die Seele des Lesers, der nach verwertbaren Aussagen sucht: sogenannte Liebesgedichte von Durs Grünbein, sogenannte Alltagsgedichte von Jan Wagner, sogenannte Gedichte von sogenannten Preisträgern und Stipendiaten der jungen und alten Lyrikszene, die krampfhaft „schwierige“ Literatur produzieren. Vielleicht hatten all diese angeblichen Götterlieblinge noch keine echte Lebenskrise durchzustehen, in der man fast ohnmächtig nach Worten ringt – ich weiß es nicht, ich bin ratlos im Angesichte von so viel preisgekrönter, dekadenter Trivialliteratur, die ihre bildungsüberladene Flachheit durch neologistische Mythologien verschleiert. Und ich werde meinen eigenen „klaren“, geheimnislosen Stil niemals ändern, um besser abzuschneiden im offiziellen Lyrikbetrieb. Das „Anspruchsvolle“, die lyrische „Qualität“ steckt für mich nicht in dem szene-typischen Versuch, möglichst originelle hermetische Bilder zu fabrizieren, die nur zu staunendem Stirnrunzeln führen: Oh, das ist Poesie – und wie! Gedichte, die keiner versteht, sollte man eigentlich nur in der Pubertät schreiben, und zwar, weil man sich in dieser Phase selbst nicht versteht. Das Gegenteil davon ist aber keineswegs simple Gebrauchslyrik, sondern die Fähigkeit, das Geheimnisvolle des Lebens so klar zu benennen, als sei es gar kein Geheimnis. Dadurch entsteht erst ein natürlicher Tiefgang ohne absichtliche, nur bildlich vorgetäuschte Tiefe. Ich gebe zu, ich bin diesbezüglich vom Zen-Buddhismus leicht infiziert. Theo Breuer schrieb einmal, ich würde zu den umstrittensten Lyrikern „unserer Tage“ gehören. Die Aussage bezog sich auf die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Inzwischen hat mich die übernächste Generation längst überrollt, ich bin alles andere als umstritten: um mich streitet sich einfach niemand. Meine Gedichte finden sich weder im großen Conrady noch in irgendwelchen anderen Anthologien. Mich gibt es offiziell eigentlich gar nicht. Und doch gibt es seit 30 Jahren Gedichte von mir, die sich anmaßen, „Literatur“ zu sein. Darunter sind einige wirklich sehr schlechte, ja peinliche Texte, aber auch einige echte Geniestreiche, wie zum Beispiel „DAS GEDICHT ÜBER DIE MODERNE“ von 1992: „Ich / Kriege / Nichts“ (drei Wörter in drei Zeilen). Oder das Sonett „SONNE(tt)IST(ischer) ÜBER(Griff) ALL“ von 2004/2008 (siehe unten). Vielleicht ist auch genau dieser extreme Unterschied zwischen den guten und schlechten Gedichten an meinem Mißerfolg schuld, keine Ahnung. In Köln war einmal vor langer Zeit der Titel schuld daran, daß mein Gedicht nicht in eine „wichtige“ Anthologie aufgenommen wurde. Der Herausgeber wollte den Titel unbedingt ändern – ich verzichtete auf die Publikation, denn der Titel ist für mich ein Bestandteil des Textes, der wie jedes Wort qualvoll der Sprachlosigkeit abgerungen wird. Es gibt Fans meiner Gedichte, die sagen mir, daß sie sich eigentlich nicht für moderne Lyrik interessieren, weil sie Gedichte ganz allgemein anstrengend finden. Zu verschwurbelt und eigenweltlerisch. Aber mit meinen Gedichten könnten sie etwas anfangen, weil man gleich versteht, worum es geht – und sich auf einer essenziellen Ebene „abgeholt“ fühlt. Meine Gedichte wären nicht anstrengend sondern anregend. Derlei Feedback motiviert ungemein! Bestünde die Welt nur aus Kritikern und Kollegen, ich wüßte nicht, nach welchen blutleeren Maßstäben ich mich selbst beurteilen sollte, aber solange es glückliche Leser gibt, hat man zumindest einen gewissen Platz in der Szenerie anstatt nur für die Schublade zu dichten. Ich schreibe noch immer drauf los und lasse es einfach frei fließen, um mich selber zu überraschen. Das Schreiben gleicht einer Meditation, denn die Wörter entspringen einer Leere, einem Offensein für die poetische Stimme, die durch einen hindurch spricht. Man ist eigentlich gar kein Autor sondern nur Medium. Ich orientiere mich dadurch nie an dem bereits Geschriebenen, sondern erfinde meinen Stil mit jedem Gedicht neu. Ich vertraue darauf, daß die Sprache im poetischen Delirium zu sich selbst finden will. Ein delirisches Selbstgespräch, das ist Lyrik für mich! Ein Selbstgespräch, das zur Klärung der tiefsten und höchsten und „letzten“ Fragen beitragen soll. Jedes Gedicht muß bei mir das Gefühl auslösen, es sei das allerletzte Gedicht, das ultimative, das alles so sagt, daß es danach niemals mehr besser gesagt werden kann. Allerdings kommt irgendwann immer das nächste. Auch diese Selbstehrlichkeit ist vonnöten. Es geht immer weiter. Von einer totalen Gegenwart zur nächsten totalen Gegenwart. Jedes Gedicht fühlt sich so an, als erfände man die Literatur gerade erst jetzt neu und vollende sie gleichzeitig…

SONNE(tt)IST(ischer) ÜBER(Griff) ALL

aus sonne geboren trifft mich der morgenstrahl /
durch einen holzspalt dringt photonendruck /
den wachen augen bleibt da keine wahl /
das phänomen strömt über mir zum stuck /

( aus zimmerstaub wird zehn minuten lang /
ein glitzernder kanal wie laserlicht /
ganz fasziniert lieg ich im fremden bett /
und schwanke zwischen traum und klarer sicht / )

was sich mir offenbart ist nicht magie /
nur die natur als schauspiel der physik /
so märchenhaft sah ich die wahrheit nie /
der bloße staub dient als erkenntniskick /

und wirbelt durch den ganzen dunklen raum /
und glitzert nur wo ihn die sonne trifft /
mein hirn faßt dieses echte wunder kaum /

mein herz wünscht sich die zeit ständ still – /
ich liege wie besoffen und bekifft /
die erdbewegung nimmt sich was sie will //

 

***

Grundlose Inwesenheit, 22 Ekstatische Essays 1992-2015 von Tom De Toys, Books on Demand (Verlag), 2015.

Parallel zur Neuropoesie entstanden im Laufe der Jahre immer wieder einzelne „ekstatische Essays“ zu seinem Hauptthema, der Frage danach, was das Bewußtsein und das Sein an sich eigentlich für das sich von innen fühlende Subjekt sind. Aus der Sicht einer nondualen Mystik entwickelt der Autor dabei seinen zentralen Begriff der „Inwesenheit“ als Essenz seines eigenen „grundlosen“ Existenzgefühls, das den Dualismus aus Anwesenheit / Abwesenheit in einem Spürsinn für das „Wesen“ überwindet. Der sogenannte  Neuroatheismus beginnt hier radikal zu wirken.

Weiterführend →

Lesen Sie ebenso die Würdigung dieses Autors auf KUNO.

Tags:

Kommentare geschlossen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie + Online-Archiv. Mehr Informationen.

630 – Buch/Katalog-Projekt

Mit den Vignetten definierte A.J. Weigoni eine Literaturgattung neu. Die Novelle erscheint am 28.10. 2018 in der Umsetzung als Buch/Katalog-Projekt 630 (incl. Hörbuch) zur Ausstellung von Peter Meilchen in der Werkstattgalerie Der Bogen, Arnsberg.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher hier ein Essay. Vertiefend ein Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus. Das Fotobuch Zyklop I erscheint im September 2018 in einer limitierten Auflage.

Ein Gesamtkunstwerk

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jeder Band aus dem Schuber von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

Die Germanistik erweist sich dem Rundfunk gegenüber als schwerhörig. Dieser „déformation professionelle“ entkommt die Reihe MetaPhon. Hier sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Twitteratur

Ein Essay über die Literaturgattung Twitteratur. – Poesie ist ein identitätsstiftende Element unsrer Kultur, lesen Sie auch KUNOs poetologische Positionsbestimmung.

Rückspiegel

Edition Das Labor

Die ausführliche Chronik des Projekts Das Labor lesen sie hier. Eine Übersicht über die in der Edition realisierten Künstlerbücher, Bücher und Hörbücher finden Sie hier.