Der Hang zum Gesamtwerk

6. Dezember 2014
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Wenn du nach dem Stil suchst, dann findest du den Tod. Aber wenn du das Leben suchst, dann findest du den Stil.

Eduardo de Filippo

Literatur entsteht langsam, sie muss nicht reagieren wie etwa der Journalismus. Kreativität ist keine Tätigkeit, die man nicht am Reißbrett planen kann, dies läßt sich exemplarisch am Langsamschreiber A. J. Weigoni ablesen. Obwohl er seit fast 40 Jahren Prosa und Poesie zusammenzubringt, ist er erst seit 2009 zufrieden mit dem Resultat seiner ästhetischen Bemühungen. Anhand der Novelle Vignetten kann man vergleichen, wie viel Überformungen dieser Romancier braucht, um zu einem stimmigen Resultat zu gelangen. Die lyrische Kurzprosa mit dem Titel begegnungen mit f. setzte der Schriftsteller mit Künstler Mischa Kuball um. Die Schnitte von Kuball finden ihre Entsprechung in der Prosa, die mit der Ergänzungsleistung des Lesers spielt. Bedruckte Papierseiten entsprechen dem menschlichen Lesetempo, unserem Rhythmus. Diesem Rhythmus folgen A.J. Weigonis Überformung der begegnungen mit f. zur Novelle Vignetten, indem er mit der Poesie die Wellenbewegungen des Rheins denen des Nils gegenüberstellt, und umsetzt in Wellenbewegungen des Lichts und der Gedanken. Wie auch bei seinen anderen Prosa-Projekten pflegt Weigoni die Form der Langzeitbeobachtung.

Flüsse sind wie Seelen – so grundverschieden, dass wir für jeden Fluss eine andere Sprache entwickeln müssten.

Vladimir Nabokov

Der variierte Titel dieser langwierigen Überformung bezieht sich auf eine geplante Zusammenarbeit mit dem Künstler Peter Meilchen. Diese Vignetten sollte diese Artisten nach Ägypten führen und als Buch/Katalog-Projekt erscheinen. Der frühe Tod von Meilchen verhinderte dieses Vorhaben und so läßt sich dieses Buch, für das der Künstler das Bild für das Cover lieferte, als Hommage lesen. Satz für Satz bewährt sich diese Novelle als Sprachkunstwerk. Der Autor weiß von jenem “seltsame(n) Verhältnisspiel der Dinge”, von dem Novalis spricht. Nicht zufällig hat Weigoni das Genre der Künstlernovelle, die es erlaubt es krisenhafte Konflikte auf engem Raum zu verdichten. Ein Subtext der Sehnsucht und der Katastrophen zieht sich durch die Novelle. Weigoni wählt eine gebrochene Perspektive, um dem Leser das Leben von Nataly und Max in ihrer Fremdheit nahe zu bringen, aber er handhabt diese perspektive so virtuos, dass man ihr Raffinement gar nicht bemerkt. Diese Poesie liefert Beispiele für Weltzusammenhänge zwischen Rhein und Nil, sie kann die Fülle der real vorhandenen Dinge aber auch übertreffen. Die offene Struktur seiner Poesie weist darauf hin, dass die Dinge dazu neigen, sich irgendwann aufzulösen. Der Tod ist ebenso Weigonis Thema wie “et Läwe, pur”.

Mit „The Walking Dead“ ist das Trash-Genre Zombies seriell geworden. Die Frage ist, kann man daraus gute Literatur machen? Die Antwort lautet ja. Und zwar A.J. Weigoni, der in seinen neuen Erzählungen „Zombies“ zeigt, dass es keinen Virus oder Totenkult braucht, um aus uns allen Zombies zu machen.

Jessica Dahlke

Auch die kleinen fiesen Stories in dem vergriffenen Band Monster waren Entwurfsskizzen, aus denen dieser Romancier im Lauf der Zeit die ineinander verschränkten Erzählungen für den Band Zombies entwickelt hat. Er schreibt eine harte, wie gepflasterte Prosa. Kurze Sätze, atemloses Präsens; die Kapitel sind nie länger als sieben Seiten, manchmal nur eine halbe Seite. Weigonis Sprache ist seither immer an der Grenze zum Erträglichen ist; überschritten hat er diese Grenze nicht. Poesie und Härte, Abscheu und Einfühlsamkeit faßt er zu einer ungewohnten Einheit zusammen. Das schafft Aufmerksamkeit, ist allerdings keine Effekthascherei. Weigonis literarische Arbeit orientiert sich nicht an Kommerzialität. Das sichert ihm die innere Freiheit zu Kontinuität, die für seine Poesie einen hohen Stellenwert hat. Das Verrückte ist in diesen Erzählungen das Normale und umgekehrt. Literatur kann ein Medium der Selbstbestimmung sein. Und diese bringt der Literatur neue Werte.

Selten ist unsere Gegenwart bisher so radikal und virtuos eingefangen worden. Dieses Buch überragt fast alles, was die deutsche Literatur unserer Tage an Prosa zu bieten hat. Ein Meisterwerk.

Axel Kutsch

Die Suche nach Identität und Ausdruck zieht sich durch Weigonis Werk. Sie exerziert den Schmerz der Sprachlosigkeit, den Verlust körperlicher und seelischer Integrität in Lyrik, Prosa und Drama bis an den Rand des Erträglichen. Der Schock soll die repressiven Muster zertrümmern. Weigoni sucht das Monströse im Normalen und das Normale im Monströsen, seine Verdichtungen schließen sich in ihrem Gehalt an die Wirklichkeit der Menschen im 21. Jahrhundert an. Die Eindringlichkeit seines Schreibens hängt mit dem tiefen Referenzraum seiner Poethologie zusammen. Die Erzählungen haben einen formal innovativen Ansatz, man erkennt die Figuren unmittelbar an ihrer unverwechselbaren Sprache, die so brennscharf die Realität abbildet und den Lesern neue Wahrnehmungsmöglichkeiten verschafft. So unterschiedlich die Ausführung ist gilt damals wie heute: Sprachlich auf das Wesentliche reduziert, Erzählungen, die ihrem Namen gerecht werden. Hier ist auf die verführerischste Art gemischt, was alle Welt am nötigsten hat, die drei grossen Stimulantia der Erschöpften, das Brutale, das Künstliche und das Idiotische. Und wie sagte Margaretha Schnarhelt: “Diese Erzählungen sind voller Humor und streckenweise so schwarz, daß sie unter der Kohlenkiste noch einen Schatten werfen würden.”

Der ‚virtual reality’ zieht Weigoni in den Novellen Cyberspasz die reale Virtualität der Poesie vor. Viel mehr subtiles Können kann man von einem Schriftsteller kaum verlangen.

Jo Weiß

A.J. Weigoni regte den Verleger Dietmar Pokoyski 1989 dazu an, sogenannte Gossenhefte ins Verlagsprogramm aufzunehmen. Das erste Heft dieser Reihe, die Erzählung Jaguar, überarbeitete Weigoni als Neo-Noir-Novelle Der McGuffin – Nachruf auf den Kriminalroman für das Buch Cyberspasz, a real virtuality weiter. Untersuchte Weigoni in den Zombies die Pathologie einer ganzen Wirtschafts– und Gesellschaftsform, erkundet er in Cyberspasz wie tief geprägt die globalisierte Menschheit vom kapitalistischen Gebaren ist. Sein Interesse gilt in diesem fünf Novellen umfassenden Band der Erforschung des Unbewußten der Gegenwart, den unausgesprochenen Ängste und heimlichen Begierden; und der Rolle, die deren Reflexion und Analyse in diesem Unbewussten spielt. Er kommt zur Erkenntnis, das Unterbewusstsein habe als verlässliche Grösse ausgedient. So lassen sich seine Novellen auf einer Achse zwischen den Polen Gewalt und Erkenntnis verorten. Sein zentrales Thema ist die Vertechnisierung der Sinne und die Versinnlichung der Technik. Dabei betreibt er eine Aufklärung gegen die Technikgläubigkeit. Eines der wesentlichen Merkmale seiner Prosa ist ein dekonstruktivistischer Ansatz, der im Zerlegen und neuen Zusammensetzen kultureller Erscheinungen besteht.

Eine literarisch-auditive Laborinstallation, die im Spiel mit den zum Einsatz kommenden medialen Elementen unseren altvertrauten Begriff von Wirklichkeit dekonstruiert.

Nick Halflinger

Konzentrierte Aufmerksamkeit ist bei Weigoni nötig, aber ebenso wichtig ist der Wechsel des Objekts der Begierde. In der Offenheit der Erzählbewegung, beim Rausch der Lektüre, geht das rezipierende Ich auf Reisen, dieser Rechercheur durchstreift die Vergangenheit und mischt sie zu Zukunftsvisionen zusammen und beschreibt dem Niedergang des Pop eigentliche demokratische Kunstform. Er kratzt die mediale Schmutzschicht von den Wörtern ab, damit der verblichene Sinn wieder zum Vorschein kommt. Den Blick auf das begeinnende 21. Jahrhundert, das Symptomatische, nicht zuletzt auf das Groteske und das Komische richten und selbst die notwendigen Blicke in die Vergangenheit und in die Zukunft aus dem Gespür der Gegenwärtigkeit entwickeln. Für Weigoni ist jedes Buch ein Ort, den er mit seiner Sprache durchwandert. Das Lesen seiner Prosa ist weniger ein Akt des Verstehens und Dechiffrierens als so etwas wie Versenkung und Kontemplation. Diese Prosa ist geprägt von einem erkennbaren Rhythmus und einem hohen Grad an Sprachreflexion. Im beziehungsreichen Metaphernspiel nährt Weigoni zwar den Anschein, die zwischenmenschliche Verständigung mithilfe der Sprache hätte ihren Sinn verloren, zugleich aber reduziert er den allmächtigen Wörterschwall der herrschenden Poesie auf ein Minimum. Er glaubt bei allem schwarzen Pessimismus an die Unverfügbarkeit der Seele, die kein Zwangseingriff zum Schweigen bringen kann und nähert sich den Trivialmythen aus der Perspektive des Connaisseurs, beutet den popkulturellen Rohstoff aus, beschwört den anarchistischen Geist des Rock’n’Roll und verhandelt seine Lebensthemen: Anderssein und Ausbruch, Repression und Libertinage, Rausch und Sexualität. Mythen sind der Pop von früher. Die Gleichung gilt auch umgekehrt: Die Mythen von heute sind weitgehend Hervorbringungen der Popkultur. Man sollte die Erzählungen Zombies und die Novellen Cyberspasz als “Konzeptalbum” lesen, die Bleilettern scheppern in einem technoiden Rhythmus.

 Hier ist er also, der große Zeitroman für Marcel Reich-Ranicki.

Wend Kässens, NDR 3, Literatur vor Mitternacht