Homo ludens · Revisited

31. Juli 2014
Von

Der Mensch braucht das Spiel als elementare Form der Sinn-Findung.

Anita Rudolf

Mit Friedrich Schillers Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen in Briefform, ist sein unvergesslicher Aphorismus in den deutschen Wortschatz eingegangen: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Man kann diese gedankenbrecherischen, begriffsrasselnden Briefe im 21. Jahrhundert als unlesbar erachten, aber man kann nicht seinen Verstand vor der Kühnheit diese Gedanken verschließen. Selten war Schillers Kritik näher, als in einer Zeit der Folgen der digitalen Revolution. Von der „Zerrüttung“ des inneren Menschen, seinem „kalten Herzen“, seinem „Geschäftsgeist“, der „Zerstückelung“ des menschlichen Wesens ist darin die Rede.

Und so wird denn allmählich das einzelne konkrete Leben vertilgt, damit das abstrakte Ganze sein dürftiges Dasein friste.

Friedrich Schiller

Der elektronische Brief des 21. Jahrhunderts ist die mail. Man twittert, wobei rhytmisches Zikadengezirpe in ein melidiöses Zwitschern übergehen kann. Im Prozeß der Selbstorganisation haben Sophie Reyer und A.J. Weigoni eine höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass erkennbare äußere steuernde Elemente vorliegen. In einer Parallelaktion rufen die Komponistin und der Sprechsteller ein k.u.k. in Erinnerung, daß sie als ‚Kunst und Klang’ sinnfällig dekonstruieren. Reyer und Weigoni präsentieren in ihrer Wortspielhalle eine Literatur als Gegenprogramm zu Alltag und Banalität. Hier findet keine experimentelle Textzertrümmerung statt, diese Poesie spiegelt eine fragmentarische Gesellschaft, die Komponistin und der Hörspieler öffnen mit ludischem Innovationsverhalten den Blick auf die Gegenwart.

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Friedrich Schiller

Auch in den digitalisierten Lebensabläufe bliebt das Sprachspiel eine menschliche Leistung, die allein in der Lage ist, die Ganzheitlichkeit der menschlichen Fähigkeiten hervorzubringen. Nicht nur die Literatur bedarf der Befreiung durch den Sprachwitz, mehr noch der Leser. Und manchmal steckt eine solche Subversion in einem Diminutiv, gelegentlich in einem dialektalen Wispern. Die ‚Twitteratur‘ von Reyer und Weigoni ist von Tempo- und Harmoniewechseln durchzogen, daß beim Lesen keine Langeweile aufkommt. Ähnlich wie Friedrich Schiller halten  die Komponistin und der Sprechsteller eine Rückbesinnung auf das Poetische und Spielerische für erstrebenswert, um entgegen den allgegenwärtigen Zwängen einen Freiraum für eine menschliche Betätigung nach selbst gewählten Regeln und um ihrer selbst willen zu schaffen. Es ist in der Wortspielhalle eine vitale Form der Literatur entstanden, die der Sprache auf die Finger schaut, sie zugleich ihrem eigenen Gefälle überläßt und damit entfesselt.

Auf den Flügeln der Einbildungskraft verlässt der Mensch die engen Schranken der Gegenwart.

Friedrich Schiller

Bei der Wortspielhalle geht es nicht um Heimatdichtung, sondern um surrealistische, schwarze Inhalte mit makaberen, grotesken und satirischen Motiven. Die Wienerin Sophie Reyer hält nicht ostentativ an ihrer Sprachfärbung fest, ihr Schmäh hat keine Sanftheit behalten, sondern eine polemische Schärfe gewonnen, die man dieser zierlichen Frau nicht zutraut. Diese sprachmächtige Autorin wird umso bissiger, je lyrischer sie textet. Weit davon entfernt sich von ihrem Charme abwatschen zu lassen, setzt der ungarisch rheinische VerDichter A.J. Weigoni auf Snobismus, analytische Tiefe und der Verfolgerung der etymologischen Spuren. Wie seiner Mitverschwörerin geht es ihm darum die Monumentalität der Musik in Poesie einzuschmelzen, ohne Ehrfurcht. Es ist staunenswert wie Sie diese intellektuellen Texte versinnlichen können. Die Aufmerksamkeitsspanne, die Weigoni seinem Gegenüber und dem Leser abfordert, ist von enormer Gewitztheit. Sein Eindampfen stellt in jedem Fall eine Verdichtung war. Seine Twitteratur läßt einen philosophischen Bildungsroman auf wenige Zeilen zusammenschnurren, während er als Erzähler auf der Suche nach dem Sinn des globalisierten Lebens ist – wie wir alle.

 

 

 

 

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Weiterführend →

Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lektüre empfohlen, das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.

 

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