Im Monat der Seidenraupe

4. Juni 2013
Von

:

 

Sich selbst gebären.

 

Am Morgen den Tau fragen, dass es weh tut.

 

Einen Flaschenöffner brauchen für das eigene

 

 

Herz. Sich Wolkenboote erfinden, mit

 

Schornsteinen drauf. Auf Schachtelhalmen

 

schaukeln (zumindest in Gedanken.) Die Engel

 

suchen, die angeblich an den Spitzen der

 

 

Gräser sitzen. Auf den eigenen Arschbacken

 

wippen, als hätte man unsichtbare Flügel

 

am Rücken. Matroschka sein. Eine Puppe

 

 

in der Puppe. Sich selbst gebären. Was für

 

ein Theater!

 

 

 

:

 

Jedes Ding hat seinen Schlummerton.

 

Alle spielen auf unbekannten Saiten:

 

 

In der Mitte das Wiesenschaumkraut.

 

Weiter hinten der Kirschbaum.

 

Der im Sprung sich krümmende Eichhörnchenkörper.

 

Der Vogel, der Anlauf nimmt.

 

Der Himmel, bittere Zunge, Vergissmeinnicht.

 

 

Herzweh für die, die die Unschuld verlernt

 

haben. Die sagen: Schaumkraut,

 

Kirschbaum, Eichhörnchen, Vogel. Die sagen:

 

Kenne deine Saiten. (Ein Spiel

 

sei etwas für Kinder.)

 

 

Dahin ist der Tag. Noch während die Zeit

 

sich sputet schläft in den

 

Dingen der Schlummerton. Wer schält

 

 

ihn aus seinen

 

Stunden.

 

 

 

:

 

Die Sehnsucht der Seeanämonen

 

bewohnen. Sie hat sich

 

 

versammelt zwischen den Würfel Wänden

 

des Plastikballes. Vampirismus der Avatare

 

 

in ihrem Bauch. Oder waren es Adern?

 

In jedem Falle: Aus gegrast, rauch mal ein

 

 

Wurzelchen Sehnsucht mit mir. Wer hat schon sein

 

Leben gern gleichmäßig

 

 

verteilt.

 

 

 

:

 

Das ist ein GuerillaGeranke. Mach Platz. Die

 

Silikone füllen diese Stadt nicht mehr aus. Sie

 

 

simulieren ein Schnurren. Wir aber wissen:

 

die Momente lassen sich nicht

 

 

fest zurren. Was hilft dagegen: Dich mit

 

Nägeln eincremen, mit Scherben besteckt

 

 

sein, Halb Fischotter, Little Atlantica. Als

 

Hybrid Turtle Neckhast Du Andromedar Höcker

 

 

am Rücken. Es wird Cyberkrieg auf einen

 

Gefängnisplaneten gesät. Alle Achtung:

 

 

Die Revolution des Regens. Lach mal

 

mit mir.

 

 

 

:

 

Im Monat der Seidenraupe

 

hole ich aus den Hirnen der

 

skalpierten Porzellanpuppen:

 

Skelettautos,

 

Schneckenhausaugen,

 

Lufblasenleitern.

 

 

Die Flügel sind letztes Jahr

 

von den Bäumen gefallen. Liegen als

 

Laub und Drachen in einer Landschaft

 

herum. Ein Flüchtlings Kind

 

bastelt ein Tier aus Zangen, Knöpfen,

 

die Papierreste der Bücher als

 

 

Köpfe. Ein Traum rennt

 

auf Nägeln, die Stecknadel

 

Menschen erschrecken

 

das Kind jetzt nicht

 

mehr. Die Maschinen

 

Gewehre, sie werden zu

 

 

Unter Wasser Blasen um

 

gebaut. Das Kind ist dann

 

Astronaut. Ist Spinne im Weltall des

 

Teichs hinterm Haus. Ist manchmal im

 

Kabelwald daheim. Sammelt

 

die Pusteblumen ein, schließt sie

 

 

in Glaskästen. Kann heimlich das Wachsen

 

aufessen. Im Monat der Seidenraupen

 

sag ich dem Kind, es gibt keine

 

Kriege. Die Liebe zieht Kriechspuren.

 

Nachts blühn die Watte Blumen. Das ist

 

 

kein Computerspiel, ehrlich. Drum

 

Geh in die Drahtwälder, geh auf

 

Avatarhänden, sammel sie

 

ein.

 

 

 

:

 

Jemand hat den Menschen Zirkel an die

 

Füße geschraubt. Sie rotieren in

 

Kreisen. Klammern die Orte ein:

 

Meiner, seiner, deiner.

 

 

Sie ziehen Fäden. Sie weben ein

 

Netz. Fremde Auge blicken aus einem

 

Rahmen. Die Menschen wollen

 

das Schauen nicht sehn. Sie sagen:

 

Meiner, meiner, deiner.

 

 

Wehe, du bewohnst einen Geigenkasten.

 

Wehe, du bastelst dir Flügel aus Kirschbaumblättern.

 

Wehe, du erhängst dich am Morgenstern.

 

 

Meiner, meiner.

 

 

:

 

Einmal da

 

hörte ich ihn:

 

 

ins Offene

 

steigen.

 

 

Stecknadel Größen

 

des Moments. Die

 

 

Zeit Schale brach

 

auf wir spielten nicht

 

mehr Schachbrett mit

 

unseren Sehnsüchten wie

 

 

Gänsehäute lief sie ganz

 

leicht an uns vorüber ehe

 

die Armbeuge sie schlafen

 

legen könnte in ihrer

 

Mulde: amputierte, atmende

 

 

Dunkelheit.

***

 

Further reading →

Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier.

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