Leises Leuchten I

Zu sechst hatten sie den Abend im Hof verbracht, einige Leckereien auf dem mickrig klapprigen 5 Euro-Grill zubereitet. Nicht nur Fleisch, denn einer von ihnen hatte sich seit geraumer Zeit dem rein vegetarischen Leben zugewandt. Man muss es ja nicht übertreiben, denn Milchprodukte und Eier finden durchaus noch immer den Weg in seinen Verdauungstrakt. Aber auch die reichlichen Gemüsespieße konnten durchaus das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Einige bunte Salate und vor allem die selbst gemachten Brote erfreuten die gierig esslüsternen Augen und ließen die Geschmacksknospen eruptiv erschütternd seufzen. Schon so gesehen konnte also von einem durchaus frugal gelungenen Mahl gesprochen werden. Auch die kredenzten Weine, zunächst ein kühler Chardonnay mit einem Schuss Hollunderblütensirup als anreizender Gaumenschmeichler, danach für die Nichtalkoholtrinker Fassbrause, für sie anderen einen schweren spanischen Rioja, Reserva, aus dem Jahre 2009, der durchaus zu überzeugen wusste. Geatmet und kredenzt in einer Karaffe, welche Herr Nipp von einem seiner besten Freunde vor Jahresfrist beschenkt bekommen hatte. Die Teller wurden einige Mal gefüllt, die Gläser auch. Immer wieder neue Kombinationen zeigten durchaus Farbenspiele. Pesto mit Walnüssen, nicht zu verachten, Frischkäse mit diversen Kräutern aus dem eigenen Garten; Knoblauchgrün, Petersilie, Thymian, wilde Rauke, Schnittlauch, auch einige Löwenzahnblätter hatten den Weg in den weißgrünen Aufstrich gefunden. Die Brote entweder als weiße Weizenbrötchen oder gefüllt mit getrockneten Tomaten oder aber und das war einer der großen Hits in dieser Runde zu einem großen Anteil aus diversen Nüssen bestehend. Dazu natürlich auch Oliven, Käse und einige Spalten einer sehr süßen Wassermelone. Natürlich weiß jeder, dass die Züchter Zuckerwasser hinein gespritzt haben, aber das ist in solchen Situationen völlig egal.

Herr Nipp musste im Blick zurück immer wieder an diese Köstlichkeiten denken. Zusammengetragen von den Freunden.

Alle Spezialitäten wurden perfekt gegrillt, Spieße und mit kleinen Schweinereien gefüllte Täschchen, Schnitzel und Koteletts. Angeblich hatten auch die Pilze eine perfekte Konsistenz bekommen. Gewürzt mit Fleur de Sel konnten sie auch wohl munden.

Die Grillfackeln im zweiten Durchgang sollten allerdings, wegen kurzzeitiger Unaufmerksamkeit des Chefgrillers, tatsächlich Feuer fangen. Leise leuchteten sie lichterloh. Fett schwimmt nicht nur, es kann auch lustig brennen. “Jetzt weiß ich auch, warum sie Fackeln heißen,” meinte einer der Anwesenden.

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend →

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

Gerade erschienen: Fatale Wirkungen, von Herrn Nipp. Mit Fotos von Stephanie Neuhaus. Edition Das Labor 2019