Chillen

Er hatte gefragt, welche Hobbys sie denn haben. Zunächst Schulterzucken. Einer meint irgendwann „Chillen“, früher hätte man gesagt abhängen oder herumlungern, andere würden dieses Wort sicherlich mit entspannen oder gar Meditation übersetzen. Warum aber dieses neue Lebensgefühl des Chillens? Herr Nipp konnte es sich nicht genau erklären. Wie konnte man das Chillen als liebste Tätigkeit, ja, als Lebenssinn beschreiben. Wie konnte es sein, dass nicht die vielen spannenden Dinge des Lebens, Sport, Lesen, Computerspielen als Hobbys bezeichnet wurden. Hier ließen sich offen sichtlich junge Leute hängen, ließen die Zeit einfach so verstreichen und hörten vielleicht nette Musik dabei.

Es scheint schon paradox zu sein, wenn Menschen in einer Welt der unentwegten Angebote sich eben diesen entziehen. Sie möchten ihre eigene Ecke zum Abschalten, Rückzug von der Welt.

Dann über kam es ihn wie eine Welle: Durch die neuen schulischen Anforderungen, die verkürzte Schulzeit, die verkürzte Kindheit, mit Nachmittagsunterricht, mit Samstagsklausuren, mit Zentralabitur und trotzdem folgendem Lernen, war ihnen der Sinn auf weitere Anspannung abhandengekommen. Sie müssen abschalten, müssen ihren Ruhepunkt finden. Sie haben ihren Weg gefunden. Sie chillen sich durch die Jugend und finden hierin Kraft. Demnächst sind sie an der Macht und werden sich fürchterlich rächen: Dann werden die Anderen, die Alten zum Chillen gezwungen und sei es mit chemischer Keule.

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.