Wir sind Nobodaddy’s Kinder

Lassen Se man: ich eigne mich schlecht als literarisches Mannequin.

Arno Schmidt, 1953 auf Martin Walsers Einladung zur Gruppe 47

Kühe in Halbtrauer. Radierung von Jens Rusch zu Arno Schmidts Erzählung Kühe in Halbtrauer

Manchmal atmen Literaturkritik und Literaturwissenschaft auf, wenn ein Autor nach seinem Tod nach und nach in Vergessenheit gerät. Etwas komplizierter verhält sich der Fall bei Arno Schmidt. Er wuchs in Hamburg und Lauban auf. Seit 1938 lebte er in Greiffenberg. Von 1946 an lebte er als freier Schriftsteller zunächst in Cordingen, dann in Gau-Bickelheim, Kastel an der Saar und später in Darmstadt. Aufgrund dieser Umzüge kann man Arno Schmidt als Heimatvertriebenen bezeichnen, der eine neue Bleibe suchte und diese schließlich im kleinen Heidedorf Bargfeld fand. In der erschütternden Normalität Niedersachsens muß  Schmidt wie ein Fremdkörper gewirkt haben.

Bin ich ein deutscher Schriftsteller vom zweiten Range (worin keine übermäßige Bescheidenheit liegen soll : wir haben keinen Mann ersten Ranges zur Zeit ! ; besser zu werden, haben mich ungünstige Umstände verhindert; man vergesse nie, daß mein erstes Buch erschien, als ich 35 Jahre alt war – also um 15 Jahre zu spät.).

Sein erster Band mit Erzählungen, Leviathan oder Die beste der Welten, erschien 1949. Schmidt beschreibt darin das Schicksal von Flüchtlingen, die im Februar 1945 bei bitterer Kälte einen stillgelegten Zug wieder in Betrieb nehmen und sich auf den Weg nach Westen machen. Eindringlich wird die Orientierungslosigkeit der durch den Krieg Entwurzelten geschildert, die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens angesichts des Kriegswahnsinns, der Verlust der Selbstgewißheit angesichts einer in Trümmer gehenden Welt. Einige der Flüchtlinge suchen ihren Trost im Glauben, während der Ich-Erzähler sich fatalistisch dem von ihm als „Weltmonster“ wahrgenommenen Universum ergibt. Schilderungen von Kälte, Hunger, Elend und Tod wechseln sich ab mit Gesprächen der Reisenden über das Wesen der Welt und die Existenz Gottes. Zwischen allem der Krieg, ideologisch verblendete Hitlerjungen und eine chancenlose Romanze. Die im „Leviathan“ eingeführte Gliederung der Handlung in unverbundene, bruchstückhafte Einzelszenen bewirkt zusammen mit Schmidts unverwechselbarer Sprache eine enorme erzählerische Dichte. Ein fulminater Einstieg in ein Schriftstellerleben.

Der Künstler hat nur die Wahl, ob er als Mensch existieren will oder als Werk. Im zweiten Fall besieht man sich den Rest besser nicht.

Arno Schmidts frühe Erzählungen entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck von Nazismus und Weltkrieg. Virtuos verwebt Arno Schmidt Reisebeschreibung, Motive aus Märchen und Mythologie mit der Innenansicht eines Verzweifelnden. Und immer wieder lässt der Ich-Erzähler die Grenzen zwischen Figur und Autor verschwimmen. Aber sind diese Texte eine Geschichte über Weltflucht oder nicht vielmehr eine Hommage an Literatur und menschliche Phantasie? Wer spricht hier eigentlich? Die tagebuchartige Struktur seiner Erzählungen scheint wie geschaffen für einen facettenreichen Monolog. Hier wird akribisch berichtet, philosophisch spekuliert, wütend argumentiert, trunken rezitiert, bildreich fabuliert – um schließlich im Weiten zu entschwinden. Auch die Seelandschaft mit Pocahontassetzte sich mit den Erlebnissen des Krieges und der Nachkriegsgesellschaft auseinander, und das in einer Sprache und Radikalität, die für diese unerhört waren. Dieses Buch brachte dem Atheisten eine Anklage wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften ein, der er sich mit Hilfe seiner Bewunderer entziehen konnte. Der Rowohlt Verlag, der seine Werke bislang herausgebracht hatte, lehnte eine Veröffentlichung nach negativen Voten seiner Lektoren ab − Wolfgang Weyrauch hatte sich über die inhaltliche „Apologie der Spiesserei“ und die „radikale Onanie“ von Schmidts Sprache aufgeregt.Auch die Frankfurter Verlagsanstalt lehnte den Text ab, wie Eugen Kogon an Schmidt schrieb, hauptsächlich wegen seines „sexuellen Aggregatzustands“. Die Erzählung erschien daher zuerst 1955 im Band 1 der von Alfred Andersch herausgegebenen Zeitschrift Texte und Zeichen des Luchterhand-Verlags.

Wenn ich nicht schon von Geburt Atheist wäre, würde mich der Anblick Adenauer-Deutschlands dazu machen.

Schmidt galt ob seiner Menschenscheu, seiner mürrischen Zurückgezogenheit und seiner pedantischen Arbeitsweise als Sonderling mit sehr spezieller Aura. Bewusstseinsprozesse der Gegenwart sieht Schmidt anders verlaufen. Sie bilden keinen Erlebnisstrom. „Die Ereignisse unseres Lebens springen vielmehr. Auf dem Bindfaden der Bedeutungslosigkeit, der allgegenwärtigen langen Weile ist die Perlenkette kleiner Erlebniseinheiten, innerer und äußerer, aufgereiht. Von Mitternacht zu Mitternacht ist gar nicht ‚1 Tag‘ sondern ‚1440 Minuten‘ (und von diesen sind wiederum höchstens 50 belangvoll!). Aus dieser porösen Struktur auch unserer Gegenwartsempfindung ergibt sich ein löcheriges Dasein … Der Sinn dieser ‚zweiten‘ Form ist also, an die Stelle der früher beliebten Fiktion der ‚fortlaufenden Handlung‘ ein der menschlichen Erlebnisweise gerechter werdendes, zwar magereres, aber trainierteres Prosagefüge zu setzen“.

Dieser Herr Arno Schmidt ist eine Potenz, keine ganz angenehme, aber entschieden originell u. kühn.
Gottfried Benn

So solitär er in der deutschen Prosa der 1950-ger Jahre erschien, er gehörte er zu einer Tradition, die bis zu Rabelais, Sterne, Diderot und im Deutschen zu Fischart und vor allem Jean Paul zurückreichte und deren aktuelle Parallelaktionen bei Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, José Lezema Lima oder Carlo Emilio Gadda, Giorgio Manganelli, Italo Calvino oder dem frühen Luigi Malerba zu finden waren. Schmidts Werk angefüllt mit zahllosen ungekennzeichneten Fremdzitaten. Sie als Zitate zu erkennen, ihre Quellen ausfindig zu machen und ihren tieferen Sinn an eben dieser oder jener Stelle zu ergründen ist eine spannende Detektivarbeit, die die literarische Bildung des Lesers herausfordert und oft genug überfordert. Hinzu kommen rätselhafte Bemerkungen und Einwürfe, die – obgleich beiläufig in den Text eingestreut und scheinbar unwichtig – dechiffriert werden wollen. Insgesamt macht Schmidts Werk den Eindruck einer gewaltigen Ansammlung von Selbst- und Fremdzitaten, literarischen Anspielungen, anzüglichen Allegorien, sprachlichen Spielereien und ganz allgemein von zu entschlüsselnden Geheimnissen. In Die Umsiedler beschäftigt er sich mit dem damaligen Tabuthema von Flucht und Vertreibung und schildert, wie wenig willkommen er, der mit seiner Frau aus Schlesien fliehen musste, sich in der Bundesrepublik fühlte.

Wir haben alles mit Schmerzen versehen: das Licht ‚verbrennt‘; der Schall ‚erstirbt‘; der Mond ‚geht unter‘; der Wind ‚heult‘; der Blitz ‚zuckt‘; der Bach ‚windet sich‘ ebenso wie die Straße. / Mein Herz pumpte die Nacht aus: Blödsinnige Einrichtung, daß da ständig sonne lackrote Schmiere in uns rum feistet ! N steinernes müßte man haben, wie beim Hauff.

In Das steinere Herz wettert er gegen die Scheinheiligkeit und die allgemeinen Restaurationstendenzen der Adenauer-Jahre. Schmidt will mit diesem Roman die Wirklichkeit aufzeigen und mit seinen stilistischen Mitteln eine Analogie zu dieser Wirklichkeit herstellen. Wieso beschäftigt sich die Hauptfigur Eggers mit Staatshandbüchern? Was gewinnt er aus diesem Tun? Eggers selbst, nachdem er bei seinen Forschungen auf einen ihm bisher unbekannten Namen gestoßen ist, erläutert, es handele sich bei ihm um ein Unvermögen, davon ablassen zu können, „schicksalhaften Verflechtungen gemäß Satz vom Grunde, Paragraph so und so, die Stelle wo es steht“ nachzugehen. Er nennt eine „wahnsinnige Lust an Exaktem : Daten, Flächeninhalte, Einwohnerzahlen“. Eggers bezeichnet sich selbst als „präziser Abergläubiger“. Arno Schmidt verleiht diesem Eggers eine ganz besondere Fähigkeit, die Dinge in seiner Umgebung wahrzunehmen. Er beschreibt deren Oberflächen, indem er versucht, so viel wie möglich von ihrer tradierten Bedeutung und Funktion zu vernachlässigen, zu übersehen. Damit lässt er sie neu mit einem eigenen Anspruch auf Wirklichkeit erscheinen. Aus jedem ungewohnten Bild spricht der Versuch, einen neuen Blickwinkel einzunehmen, die Dinge aus sich heraus auf den Betrachter wirken zu lassen. Dabei verlieren sie manchesmal ihre gewohnten Bezeichnungen und müssen sich neue Namen und Umschreibungen gefallen lassen. Besonders der Mond und Körperteile sind hiervon betroffen. Beispiele: In erster Linie sind es Eggers Augen und Ohren, die ihm und uns die Welt mitteilen. Was immer Eggers Augen sehen, es liegt außerhalb des gewohnten Zusammenhanges der Welt. Den Dingen der Natur, eigenen und fremden Körperteilen werden Absichten und Zwecke unterstellt, es werden ihnen Tätigkeiten zugewiesen, die sie als willentlich Handelnde zeigen. So flattert die Wäsche nicht einfach auf der Leine. Sie turnt. Ein Stern erscheint nicht deshalb blinkend am Nachthimmel, weil sich zwischen ihm und Eggers eine Atmosphäre befindet. Er scheint vielmehr eine Botschaft morsen zu wollen: „kurzkurz : lang : kurz / Lang : kurzkurz ! ( Also < F > und < D >, wenn ich nicht  alles vergessen habe ? …“

Ehe Du für dein Vaterland sterben willst, sieh dir s erst mal genauer an!

Von Begin an hatte das Feuilleton nicht nur mit der radikalen politischen Position des Autors Schwierigkeiten, es kapitulierte mehr noch vor seiner radikalen ästhetischen Position. Schmidt galt als hermetisch, und irgendwann war man froh, sich nicht mehr mit ihm auseinandersetzen zu müssen. Seine Werke der 1950er Jahre sind sprachlich von einer ungewöhnlichen, sich oft am Expressionismus orientierenden Wortwahl geprägt. Er nannte seine Erzählweise ‚musivisch‘. Sein Vorgehen ist die Zerlegung der Geschichte in kleine und kleinste Teile. Jeder Abschnitt steht für eine momenthaft fixierte Einzelsituation im Tagesablauf des Erzählers. Eindrücke, Gedankenblitze, Assoziationen, Einfälle des Ich-Erzählers bilden die stenogrammartige Struktur. Die dargestellte Situation zeigt dem Leser ein unvollständiges, unrundes Bild. Es gibt keine Überleitungen. Es liegt keine fortlaufend erzählte Geschichte vor mit verbindenden, aufbauenden Elementen, vielmehr ein Text, der sich aus einer Abfolge von Einzelsituationen zusammensetzt.

Mein Leben ? ! : ist kein Kontinuum! (nicht bloß Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen ! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt; Tausendsdenker; auseinanderfallender Fächer; der rennt; raucht; kotet; radiohört; ‚Herr Landrat‘ sagt: that’s me!) ein Tablett voll glitzender snapshots.

Formal kennzeichnet seine frühe Prosa das Bemühen um neue Formen, inhaltlich sind sie von einer kulturpessimistischen Weltsicht und einer angriffslustigen Gegnerschaft gegen das Westdeutschland der Adenauer-Ära geprägt. Besonders zeichnen sich seine Texte durch ihren ausgeprägten Humor aus, der sämtliche Register zwischen Ironie und Sarkasmus zieht und gerade in der Rückschau als jemand der so gar nicht in die Trümmerliteratur einzuordnen war. Als Pionier der Sprache, widerborstig, rebellisch und konsequent bis zur Besessenheit ordnete er sämtliche Lebensbereiche seinem Schaffen unter. Schmidt blieb aber auch zeitlebens auf Distanz zum literarischen Betrieb. Seit 1958 im Heidedorf Bargfeld bei Celle ansässig, entwickelte Schmidt seine theoretischen Überlegungen zu Prosa und Sprache in den 1960er Jahren in Auseinandersetzung vor allem mit James Joyce und Sigmund Freud weiter und suchte seine Ergebnisse in den in dieser Zeit entstandenen Werken (Ländliche Erzählungen des Bands Kühe in Halbtrauer, KAFF auch Mare Crisium) umzusetzen. Es ist eine hochartifizielle – und dabei auch hochmusikalische – Sprache, ein Amalgam aus Argot, Dokumentarischem und klassischem Erzählstil, wobei vor allem auf den Giganten der deutschen Sprache zu verweisen ist.

Sei es noch so unzeitgemäß und unpopulär; aber ich weiß, als einzige Panacee, gegen Alles, immer nur ‚Die Arbeit‘ zu nennen; und was speziell das anbelangt, ist unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend, mit nichten überarbeitet, vielmehr typisch unterarbeitet: ich kann das Geschwafel von der ’40-Stunden-Woche‘ einfach nicht mehr hören: meine Woche hat immer 100 Stunden gehabt.

Als Summe dieser Entwicklung erschien 1970 das monumentale Hauptwerk Zettel’s Traum. Dieses Überbuch schildert die Geschehnisse eines einzigen Sommertags in einem Heidedorf.  Der Ich-Erzähler Daniel Pagenstecher hat das Übersetzer-Ehepaar Paul und Wilma Jakobi mit deren Tochter Franziska zu Besuch. Breiten Raum nehmen die Gespräche der Erwachsenen über den amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe ein, dessen Leben und Werk Pagenstecher mittels der von ihm entwickelten Etym-Theorie deutet. Mit dieser Fortentwicklung der Freudschen Psychoanalyse stellt er Poe als impotenten, koprophilen Voyeur mit Neigung zu Kindfrauen dar. Es ist ein dreispaltiges, in seiner Komplexität kaum zu erfassendes Werk, das seinem Verfasser Kultstatus, aber auch den Ruf des Sonderlings und Einzelgängers einbrachte. Ein Buch für das der Autor den Nobelpreis verdient hätte, er ging stattdessen an den Katholiken aus der Domstadt. Schmidts Spätwerk (Die Schule der Atheisten, Abend mit Goldrand und das Fragment gebliebene Werk Julia, oder die Gemälde) erschien wie Zettel’s Traum in großformatigen Typoskriptbänden.

 

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2010 erschien Zettel’s Traum · Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV/1. Standardausgabe als gesetztes Buch im Suhrkamp Verlag – der Titel erstmals in der Schreibweise des Autors.

Weiterführend →

Theo Breuer blickt für KUNO auf das Überbuch von Arno Schmidt zurück.