Pokaltrainer

An diesem sonnigen Samstagmorgen hatte er lange geschlafen, war erst gegen acht, halb neun vielleicht aufgewacht. Bei gutem Gewissen noch einige Seiten eines in sicherem Stil verfassten Buches gelesen. Chorleiter baut einen neuen Chor auf und scheitert schließlich an seinen eigenen Ansprüchen, an seiner fehlenden Fähigkeit mitzufühlen. Der Roman zog ihn manchmal schon herunter, meistens konnte sich Herr Nipp allerdings an der angenehmen Sprache erfreuen. Eine Passage hatte es ihm dabei besonders angetan, in welcher der Leiter allein im Proberaum steht, fast fassungslos. Feinsinnig meint er den Chor zu hören, wo doch alles still sein muss. Gegenüber im Haus probt der dann aber tatsächlich. Herr Nipp konnte sich bildhaft die Szene vorstellen, hatte er doch Ähnliches selber schon erlebt. In seiner sehr frühen Jugend hatte er als Messdiener auch in einer Messdienerfußballmannschaft mitgespielt. Jeder seiner Freunde fühlte sich berufen, den von einem Jugendvikar gestifteten Wanderpokal zu gewinnen. Keiner von ihnen hatte jedoch in irgendeiner Weise Ahnung von Spielstrategie. Leider konnte dies nur der Ungeliebte. Meist tauchte er auf und alle von ihnen verschwanden schleunigst unter fadenscheinigen Gründen. Nun aber sollten sie sich seinen Weisungen fügen. Ordentlich erschienen sie auch zu den ersten Terminen und fügten sich den durchaus cleveren Ideen und Taktiken. Pokal war Pokal. Quälend waren lediglich seine endlosen Ansprachen und langen Teambesprechungen. Restlos fertig machte auch sein unerträglicher Mundgeruch. Sie verlegten den Termin irgendwann einfach heimlich auf einen anderen Nachmittag und konnten endlich wieder spielen. Tatsächlich funktionierten seine Spielzüge auch recht gut. Und jede Mannschaft, gegen die gespielt wurde, konnte geprügelt vom Platz ziehen. Von wegen nur Messdiener, die können doch nichts. Weder die städtischen Kicker der was auch immer Jugend, noch die zusammengewürfelten Straßenmannschaften der Umgebung hatten einen Hauch von Chance. X-beinig ungeschickt aber, als der Ungeliebte beim anstehenden Turnier sich in Gegenwart der anwesenden Geistlichkeit als Trainer aufzuspielen begann, die ersten zwei Spiele hatte man haushoch gewonnen, setzte man das nächte ganz bewusst in den Sand. Yvonne wurde kurzerhand zur Trainerin erklärt, überrascht und enttäuscht ging er vom Platz und ward nicht mehr gesehen. Zum Schluss wurde das Turnier natürlich sicher gewonnen, der Pokal nach Hause gebracht.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.