Verlust an Autorität

Großreinemachen in Schweden. Horace Engdahl verläßt die Schwedische Akademie. Damit nicht genug, in 2019 werden nun auch mit dem Segen der Nobelstiftung zwei Literaturnobelpreise verliehen: „Die Akademie hat das Vertrauen der Nobelstiftung zurückerobert“, diagnotiziert Aldo Keel in der NZZ. SZ-Redakteur Thomas Steinfeld sieht damit die Krise der Akademie noch nicht ganz beendet – zumindest dem offiziellen Anschein nach. „Aber etliche Vorwürfe sind ungeklärt, angefangen bei der privaten Vorteilsnahme bei der Nutzung von Wohnungen, die der Akademie gehören, über die Bevorzugung von Freunden bei der Vergabe kleinerer Literaturpreise, die von der Akademie vergeben werden, bis hin zu Vergehen gegen das Steuerrecht, die möglich sind, weil die Akademie als aus feudalen Verhältnissen überkommene Institution den Organen eines bürgerlichen Staates nur bedingt Einsicht gewähren muss.“ Auch „der Verlust an Autorität“ sei erheblich.

Arno Schmidt spottete bereits in einer in den 1950er Jahren verfassten Polemik gegen die Ehrung durch den Literaturnobelpreis für Henryk Sienkiewicz („dann hätte man ihn genau so gut Karl May geben können!“), Paul Heyse („Zuckerwasser“) und Winston Churchill („ein ausgesprochener Journalist von Mittelmaß“), denen er bedeutende Schriftsteller gegenüberstellte, die den Preis nicht bekamen: Rainer Maria Rilke, Theodor Däubler, Franz Kafka, Alfred Döblin, Hans Henny Jahnn, August Stramm, Georg Trakl, James Joyce und Ezra Pound. Kriterium für die Preisvergabe sei nicht die sprachlich herausragende Leistung des Geehrten, sondern eher literarische Schlichtheit: „Was sich gut übersetzen läßt, kriegt’n Preis!“ Daher bedeute der Preis für seine Träger ein „Stigma der Mittelmäßigkeit“.

Zuletzt driftete die Begründung für den Preis immer immer häufiger in diffuse Mehrdeutigkeit. Bereits als der Nobelpreis für Bob Dylan verkündet wurde, teilten sich die Geister in Enthusiasten und Enttäuschte: ein gefundenes Fressen für alle diejenigen, die online ihre literarischen Meinungen kundtun, verteidigen und weiterentwickeln. Der Ruf des Nobelpreises, heißt es in der Pressemittelung, habe durch die „Publizität“ der jüngsten Vorgänge großen Schaden genommen: Die Namen künftiger Nobelpreisträger waren vorab verraten worden, es hatte Fälle von privater Vorteilsnahme gegeben, und es war im Umkreis der Akademie in erheblichem Maß zu sexuellen Übergriffen gekommen. Den Skandal um die Schwedische Akademie nahm Roman Bucheli in der NZZ zum Anlass, sich Peter Handkes Forderung anzuschließen: Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen.

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Irgendwann „isch over“, daher wird am 6. September 2019 letztmalig im Regierungsbezirk Arnsberg das Hungertuch verliehen.