Fick dich ins Knie, Melancholie

Ein Abend mit Gisbert zu Knyphausen und Band

Man geht hin mit den schlimmsten Befürchtungen und sie werden noch übertroffen. Man erwartet eigentlich zu viel und wird doch nicht enttäuscht. Im Gegenteil.

Ein kalter Abend in Hamburg Ende Januar. Man hatte sich schon gefreut, noch einmal davongekommen zu sein, aber dann war er doch plötzlich da, der Wintereinbruch. Man hastet in den ausverkauften Club, weiß ist der Atem vor dem Gesicht, trostlos leer die sonntägliche Stadt. Die passende Stimmung für ein Konzert des wohl größten und doch unprätentiösesten Melancholikers im deutschen Sprachraum. Ein blonder Anfangdreißiger, der Lieder singt über gescheiterte Beziehungen oder solche, die es noch werden, darüber, wie kompliziert das alles so sein kann und der damit einer ganzen zögernden und hadernden Generation, die sich in Liebschaften verliert, nach Sicherheit sehnt und doch nie binden möchte, die alles immer irgendwie schwierig findet, weil sie es sich schwer macht, aus dem Herzen spricht.

Gisbert, wie den Freiherrn seine Fans liebevoll nennen, ist ein zurückhaltender junger Mann mit Gitarre und einer noch zurückhaltenderen Band. Nach ein paar Liedern der wirklich guten Vorgruppe (daantje & the golden handwerk), stilistisch artverwandt, kommt er auf die Bühne, wuschelt sich immer mal wieder verlegen durch die Haare, verliert nicht viele Worte, wanzt sich nicht ans Publikum ran, wendet sich ernsthaft seiner Gitarre und der Musik zu. Und man merkt: In der Einfachheit liegt die Schönheit. Es braucht nicht mehr als einen Menschen, eine Gitarre, eine Stimme und ein paar ehrliche Worte. Und genau die sind Gisberts Stärke: Seine Texte zeugen von einer solchen Offenheit und Unmittelbarkeit, dass sie sofort ans Herz und an die Nieren gehen. Selten hat man jemanden gesehen, der jedes Wort, jede Zeile, jeden Akkord so aufrichtig meint und ernst nimmt. Ernst, aber beileibe nicht humor- oder ironiefrei. Pathos ist erlaubt, auf Klischees steht er sogar nach eigener Textaussage, der Freiherr, zumindest weiß er mit ihnen zu flirten. Zielsicher und schlafwandlerisch umschifft er jede Seichtigkeit und Untiefe, fürchtet sich auch nicht, die große Geste lakonisch neben das kleine Detail zu stellen und bleibt bei all dem, klug, hintergründig und doch nicht verkopft, fern von jeder neudeutschen Betroffenheitspopsehnsuchtsdudelei.

All dies vorgetragen mit einer Stimme, drängend und eigen, doch klar und schön und einsam, oft durch den Raum hallend wie durch eine Kathedrale, sodass einem beim Zuhören manchmal der Atem wegbleibt. Ein Lob an dieser Stelle nicht nur für das großartige Live-Können der Band, sondern auch für die sehr gute Soundtechnik. Um nichts fallen die Liveversionen der bekannten und geliebten Lieder gegenüber den perfekt eingespielten Albumperlen ab.

Man wusste, worauf man sich einlässt. Als empfindsame Seele hatte man sich mehrfach Gedanken gemacht, ob man das denn unbeschadet überstehen würde, so einen ganzen Abend mit Gisbert. Wenn er einen schon auf Platte oder in YouTube-Videos zu Tränen rührt, wenn die Lieder so schön sind, dass sie schmerzen und eigentlich nicht so oft gehört werden dürfen, weil sie allzu nahe gehen (das Damien-Rice-Phänomen), ist es dann nicht fahrlässig, das arme Herz solchermaßen den Angriffen der Melancholie auszuliefern? Man befürchtete das Schlimmste. Und es wurde bestätigt. Tränen strömten, Kehlen schnürten sich zu, Knie wurden weich und all das, was sonst noch so zur Pathologie der Betroffenheit dazugehört.

Und doch: Man verzweifelt nicht. Mit Gisbert umarmt man die Melancholie, lässt sich tief hineinfallen und weiß trotzdem jederzeit, dass es irgendwie schon werden wird. Auch er schüttelt sich am Ende und schickt sie zum Teufel. Nicht nur Versöhnlichkeit bleibt, sondern auch gute Laune: Gisbert kann nämlich witzig und er kann auch rocken. Vor allem die Vorpremiere eines neuen Stücks, das bald auf einer gemeinsam mit Nils Koppruch aufgenommenen CD erscheinen wird, hat es dem Publikum angetan. Man rieb sich die Augen und wähnte für einen Moment ein paar deutsche Strokes vor sich zu haben. Weiter so und der Freiherr macht auch Kettcar und Olli Schulz ihre Fans endgültig abspenstig.

Am Ende entlässt dich der nette Mensch mit der Gitarre, der leicht scheue Junge mit Wuschelhaaren, schiefem Grinsen und gebeugtem Rücken, in die kalte Nacht Hamburgs. Und es ist eigentlich alles gar nicht so schlimm.

 

 

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Weiterführend → Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.