25 Jahre Herr Nipp auf KUNO

Vor einem viertel Jahrhundert stellte Haimo Hieronymus einen Typ vor, die seither auf KUNO ein Eigenleben entwickelt hat. Bereit die erste Geschichte von Herrn Nipp zeigt eine melancholischen, zum Selbstmitleid neigenden Kauz. In den folgenden Jahren meldete sich der Sauerländer ein bis zweimal monatlich etwas neurotisch, aber höchst empfindsam zu Wort, und agiert als biederer Alltags-Protagonist durch schluffige short – manchmal auch very short – stories. Die Realität funktioniert im Sauerland als Eldorado der Fiktionen, das ursprüngliche Sprachverständnis schwankt zwischen Neheim und Hüsten zwischen Leichtgläubigkeit und Argwohn. Die argwöhnische Haltung von Herrn Nipp belegt, daß Misstrauen und Spottlust ein Zeichen von solider Gesundheit sind. Als Westfale kommt Herr Nipp gern von Hölzchen aufs Stöckchen und glosiert mitunter entlarvend unsere zivilisatorischen Erungenschaften.

Erzählen ist etwas anderes als Information.

Alexander Kluge

Herr Nipp geht offenen Auges durch die Welt. Sein Sehen, Besehen und Beobachten ist der Ausgangs- und Angelpunkt. Haimo Hieronymus ist ein Poet, wenn er Holzschnitte erstellt, und ein realistischer Träumer, wenn er in Kooperation mit Herrn Nipp kurze Texte verfaßt. Wie ein Dichter schreibt er nicht, dazu ist er zu nüchtern und zu lapidar; die Fiktion ist nicht seine Sache, es entstehen auch keine imaginären Welten. Die Wirklichkeit und die Erinnerung sind ihm rätselhaft genug. Herr Nipp betreibt das einfache, das wahre Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion und nähert sich einer Topografie der Melancholie. Und dies auch im Buchformat. Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich unterdessen die Vorzugsausgabe von Die Angst perfekter Schwiegersöhne (2011) entwickelt. Hieronymus hat das Cover einer limitierten Auflage mit einem Holzschnitt versehen.

Wir haben die Kunst, damit wir an der Wahrheit nicht zugrunde gehen.

Friedrich Nietzsche

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts muß man keinen Falken mehr verzehren, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novellette in Unerhörte Möglichkeiten (2012) zu Twitteratur ein. Alle Forderungen der Literaturwissenschaft werden in wenigen Wörtern eingehalten: Zentraler Konflikt, Leitmotiv oder Dingsymbol, straffe und vorwiegend einlinige Handlungsführung, das pointierte Hervortreten eines Höhe- und Wendepunktes, stark raffender Handlungsbericht, besondere Vorausdeutungs – oder Integrationstechniken, Zurücktreten ausführlicher Schilderungen äußerer Umstände oder psychischer Zustände, hohes Maß an Objektivität, doch trotzdem subjektive Erzählhaltung usw. (siehe Metzler Literatur Lexikon, 1984. Seite 308ff).

Bücher sind eine ´Ware`, die kein Mindesthaltbarkeitsdatum tragen.

Haimo Hieronymus präsentierte 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp. Wir finden in diesem Buch sprachliche Floskeln, die noch nicht etabliert sind, unverzeihliche Versprecher und Ausrutscher, die zu sprachlichen Kollateralschäden führen. Der Gang durch diese Notizen und zurück zu frühe Spracherfahrungen ist ein Abenteuer im Online-Archiv von KUNO. Es geht ihm um eine Natürlichkeit des Blicks, die sich nicht einer Grammatik unterzuordnen hat. Der Leser folgt den Bedeutungen der Wörter und reimt sich daraus eine Geschichte zusammen. Herr Nipp wäre fast in einer Vielzahl von intertextuellen Verweisungsbezügen verschwunden, dem „Verschwinden des Autors“ sieht sein Co-Autor jedoch gelassen entgegen. Neben dieser Twitteratur finden sich in schlüssiger Abfolge einige Zeichnungen und Aquarelle abgebildet.

Herr Nipp de-real-isiert das Faktische und real-isiert das Fiktionale.

Nach allen Beobachtungen, die er seit 25 Jahren gemacht hat, sieht er, daß immer wieder die gleichen Prinzipien funktionieren. Zwischen Dichtung und Wahrheit und zwischen zwischen Fakt und Fiktion treffen wir bei Herrn Nipp auf die Fiktionalität der scheinbar nichtfiktionalen Texte. Der Sauerländer macht sich in seinem Notizbuch tiefschürfende Gedanken und schreibt auf, was sich als geballte Informationen herausstellen sollte. Seine short – manchmal auch very short – stories geben nicht das Sichtbare wieder, sie machen sichtbar und zeigen die Oxymora seines Schreibens: Ein Aperçu erhält Rahmen und Inhalt durch das, was in seiner Twitteratur vergessen gemacht wird, und so weiter und so fort…

 

Weiterführend → 

Porträt Herr Nipp, Holzschnitt von Haimo Hieronymus

Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421 – Bestellungen über: edition-das-labor@web.de